denn aus mit mir ? « » Am liebsten in die ander Welt ! « fuhr es mir heraus , und ich ergriff ihre beiden Händ ; » weißt , so weit fort , daß dich keiner mehr finden kunnt , und daß d ' grad noch mir allein ghörn tätst ! « Darauf sie mir , hellauf lachend , eine Hand entzog , mir einen Schlag ins Gesicht gab und ausrief : » Schau , schau ! Wie sich das Baunzerl krautrig macht ! - Büble , Büble ! Sei froh , daß d ' noch so ein armseligs Gafferl bist , sunst kunnt di leicht heut noch einer erwischen und a bißl abrankeln , fürcht ich ! « Wähnte also immer noch , daß ich ein harmloses Bürschlein wär , und versah sichs nicht , als ich sie plötzlich um den Hals faßte und an mich drückte . Da machte sie sich unwirsch los und greinte : » Tolpatsch , narreter ! Dank Gott , wenn ich dir nit ein etlichs paar Dachteln wisch für dein anhabischs Treiben ! - Gell , jetz wär ich wieder gut für dich ! Daß d ' mich darnach wieder schlecht machen kunntst ! « Dann ging sie rasch gegen das Haus und ließ mich stehen . Ich aber war wie betäubt und sah ihr nach , wie sie im Nebel verschwand . In diesem Augenblick huschte eine lange Gestalt an mir vorüber , ohne auf mich zu achten ; mir aber fuhrs wie der Blitz durch den Sinn : Das ist der Ambros gewesen ! Lief also eilends hinein und wollt dem Weidhofer Botschaft geben ; doch war er nicht zu sehen , und auch die Meßmerin schien nicht im Saal zu sein . Indem ich noch also suchend herumging , fragte mich der Vetter vom Lackenschuster , der Simmer , ob ich nicht bald Gelegenheit fänd , das Bräutl auszuführen ; der Weidhofer wär mit der Nandl und dem Fritz schon eine gute Zeit dahin . War mir aber alle Lust dazu vergangen , und ich bat ihn , dies für mich zu besorgen ; er sei schon älter und kunnt besser umspringen mit den Weiberleuten denn ich ; doch war mein Bitten umsonst , er wollte nicht . Mußt ich also gehen und die Braut , die an der Kucheltür stand und mit der Wirtin schwatzte , beim Ärmel zupfen und fragen , ob sie nicht auf ein Wort herhören möcht . Worauf sie mich hochmütig mit den Blicken maß und ohne eine Silbe mit mir ging . Ich führte sie hinaus vors Haus und sagte : » Der Weidhofer ist mit der Nandl schon fort ; ich denk , sie sitzen in der Post drüben . « » Nein , « erwiderte sie voller Kält ; » die sind noch da . Bleiben auch da . Sitzen grad in der Wirtsstuben drin . « Damit wandte sie sich um und ging hinein ; und indes ich ihr folgte wie ein geprügelter Hund , öffnete sie die Tür der Gaststube , sah nach mir zurück und sagte : » Da sitzen s ' . « Worauf ich mit ihr hineinging und ein lustigs Gesicht machte , obgleich ich viel lieber meinen Kopf hätt an die Wänd rennen mögen vor Ärger und Reu über meine Dummheit und unsinnige Raserei . Doch das Kathreinl tat auch munter und lachte und schwatzte , also daß bald eine laute Fröhlichkeit am Tisch herrschte . Ich hatte ihr einen Krug süßen Weins hinstellen lassen , und sie tat jedem vergnüglich Bescheid ; der Weidhofer brachte einen Schwank um den andern vor , die Nandl wußte allerhand lustige Almgeschichten , der Fritz saß mit gläsernen Augen dabei und stieß alle Augenblick ein schallendes Gelächter aus ; kurzum , wie die Ding gerad lagen , vergaß ich am End auf meine klägliche Niederlag bei der Jungfer Braut und auch auf die Erscheinung des Ambros . Meine Kostmutter , die Weidhoferin , saß derweilen an einem Tisch hinter dem Ofen und unterhielt sich mit dem Grasberger , einem steinalten Bauern , der dem seligen Weidhofer , dem Bichlervater , schon manche Kuh abgekauft und manchen Jahrmarktrausch angehängt hatte zu einer Zeit , da der Klinglwirt noch gar nicht in die Welt gesetzt und der jetzige Weidhofer noch ein Büabl gewesen war , das seiner Mutter die Schüsseln zerschlug und den Stubenboden näßte . Mocht wohl schon bald seine hundert Jahr alt sein , der Grasberger ; war auch von allen seinen Kameraden und vom ganzen Grasberghof der einzige , der noch auf dieser Erden wandelte , und hatte schon seinem Eheweib , sieben Kindern und leichtlich zwanzig Enkeln in die Gruben schauen und die ewige Ruh wünschen müssen . War aber immer noch wohl beim Zeug und trank sein Häflein Bier oder Most in gutem Gsund . Mittlerweil hatten sie droben im Hochzeitssaal unser Verschwinden bemerkt und machten sich nun alle samt den Musikanten auf , uns zu suchen , und fanden uns am End in lauter Lustbarkeit . Da spielten die Manner fröhlich auf ; die Hochzeiter nahmen ihre Bräut bei der Hand und juchzten und tanzten dazu ; der Wirt aber mußt reichlich Wein auftragen und feine Sträublein , Klauben- oder Früchtenbrot und Honigzelten . Gings also an ein Fressen und Saufen , Stampfen und Schreien , bis die Wirtin in die Gaststube trat und meldete , daß die Abendtafel gericht ' sei ; darauf alles seinen Krug oder Glas leerte und hinaufeilte , als hätt keiner seit drei Tagen einen Bissen mehr im Leib gehabt . Nun war es lustig anzuschauen , wie einer nach dem andern sein rots oder blaus Binkeltuch aus dem Sack zog , einen Brocken Kälbernes , ein Trumm Schweinernes , eine Hennenbrust oder sonst ein Schmankerl nebst etlichen Schmalznudeln , Bavesen und einem Stück Klaubenbrot dareinband und den also gefüllten Binkel an den hagelbuchernen Stecken knüpfte . Nach diesem Mahl wurden noch allerhand Tänz aufgeführt , zwiefache und abdrahte , Hirtentänz und der Polsterltanz , welch letzterer mich sehr ergötzte ; denn da mußten alle Paar einen Kreis bilden , indes ein Weibsleut mit einem Polster oder Kißlein in der Mitten drin stand . Jetzt begannen die Spielleut in einem schnellen Drehertakt aufzumachen , und das Maidlein tanzte dreimal innerhalb des Kreises wirbelnd herum , warf plötzlich einem Burschen oder Jungherrn den Polster zu Füßen , indes dann die Musik eine andere Weis brachte . Also mußt sich der Bursch vor dem Maidel auf die Knie niederlassen , bis sie ihn wieder aufhob und küßte , dazu dann abermals anders gespielt wurde . Darauf mußte es der Jungherr ebenso machen wie die Jungfrau , und kamen alle dran bis auf eine alte Dirn vom Lackenschuster , die zum End mir überblieb , was mir viel Gespött eintrug . Unterdessen wurde es Zeit , die Hochzeit zu beschließen , und mein Kostvater , der Meßmer , gab der Wirtin ein geheims Zeichen . Da erhob sich in der Kuchel ein wildes Geschrei und Geschirrklappern ; die Wirtin kam laut jammernd in den Saal gelaufen und schrie gar jämmerlich : » Aus ist ' s und gfehlt ist ' s , Leutln ! Alles ist dahin ! Unser alte Gluckhenn ist mitsamt ihre vierazwanzg jungen Heah ' ln zum Kuchelfenster dahereingflogn und hat alles Gschirr und alle Haferln derschlagn ! « Ein großes Gelächter und spaßhaftes Entsetzen folgte dieser Red . Der Hochzeitlader aber stand auf , klopfte mit seinem Stab auf den Boden und rief : » Dös is a trauriger Bericht , den wo mir da kriagn ! Hochzatleut , jetz hoaßts Barmherzigkeit übn und n ' Beutl ziagn ! Und der Wirtin gent gschwindse ein etlichs paar Kreuzer verehrn , Daß zu der nachstinga Hochzat wieder aufkocht kann wer ' n ! I gib als erschta an nagelneun Hosenknopf her ; Wer nach mir kimmt , zahlt ' n Gulden und gibt ' n Hochzeiter d ' Ehr ! « Also mußt ein jeder seinen ledernen Zugbeutel auftun und einen Gulden für sich und seine Jungfrau oder Ehefrau als Haferlgeld erlegen und darnach den Brautleuten die Hand geben und seine Danksagung machen , dabei auch an mich die Reihe kam und mein Kostvater mir erst mußt einen Gulden vorgeben , denn ich selber nichts mehr hatte . Nach diesem hielt der Hochzeitlader den Abdank und sagte : » Also meine lieben Leut , Jetz sag i enk halt Dank Vom Tisch auf d ' Bank , Von der Bank bis auf d ' Schinderbruck , Aufs neu Jahr in der Fastnacht Kriagts enka Geld wieder zruck ! « Alsdann begann er nach altem Brauch und Herkommen auf alle Hochzeitsgäste lustige Reime zu machen , ihre Schwachheiten aufzudecken und besonders die Verliebten und die Brautleut herunterzumachen , dabei keines aufmucken durft oder sich getroffen fühlen , vielmehr lachen mußte und dem Bandelnarren darnach Bescheid tun mit dem letzten Trunk . Da gings denn erst über den Pauli und die Nandl : » Wann s Kind amal schreit Und s Muas kocht am Herd , Hat s Hausen im ledinga Stand Nimmer viel Wert ! « Darnach kam er über das ander Paar : » Der Anderl und sei Kathrein , Die schaugn sie liabli in d ' Augn ; I wett , in dreiviertel Jahrn Hängan d ' Windeln am Zaun ! « Trafs auch bei der Stallmagd vom Weidhof nicht schlecht , dann sie sich mit dem Staudenwebersepp abgegeben hatte . » A Stallmensch und a Bauernbua Gengan der Stauden zua , Gengan ins greane Gras ; Wern scho wissen , zwegn was ! « Da wurde es manchem anders , und er hätt gern ungesehen verschwinden mögen , eh ihn der Bandelnarr erschaut hatte und nun durchlaufen ließ ; doch an der Tür standen die Musikanten und spielten nach jedem Gsätzlein einen kurzen Landler . » Ei « , dachte ich , » er wird ja nicht gar viel wissen von dir « , und saß keck auf meinen Hosen und trank hitzig dahin . Da hatte er mich aber schon im Maul : » Der Weidhofer Hias is a Woaslbua , Is krumpat und gstumpfat und bucklat dazua ; Aber anhabisch dengerst und broglat mitn Mäu , Und beim Ausrichtn und Schiachredn is er aa glei dabei ! « Ha ! Da schluckte einer und druckte und rutschte auf seinem Sitzleder hin und her , als hätten ihn die Ameisen besaicht ! Da goß einer seinen Wein hinunter , als hätt er einen Brand zu löschen da drinnen ! Aber es half nichts , daß ich soff und überlaut lachte ; die andern hatten mich schon , und die Hochzeiterin an meiner Seite sah verächtlich auf mich nieder und rückte von mir weg , indem sie ihr Kleid zusammenraffte , daß ja kein Fädchen meinen Körper streifte ! Mittlerweil hatte der Bandelnarr lang etliche andere durchgehechelt , und die Abdankung nahm gemach ihr End . Nach solchem ward also noch der Ehrentanz gehalten . Den muß die Braut mit dem Hochzeitslader allein aufführen , und es darf niemand außer ihnen den Tanzplatz betreten . So machten denn die Spielleut auf ; der Bandelnarr faßte die zwei Hochzeiterinnen bei den Händen und hielt den Ehrenreihen , bis plötzlich erst die eine und gleich drauf die ander Braut zu hinken anfing und keine mehr vom Fleck kam . Zugleich begannen die Musikanten gänzlich falsch und gar quieksend zu spielen , bis der Hochzeitlader schrie : » He , Jungherrn ! Schaugts amal , Was daß dös is , I moan alleweil und i schätz , Es is a Natternbiß ! « Worauf der Fritz und ich eilends hinzuliefen , die Schuh der Bräute untersuchten und einen Gulden darin fanden . Zeigten ihn also überall herum und warfen ihn darnach den Musikleuten in ihre Baßgeige , dazu der Hochzeitlader ein ganz glückseligs Gesicht machte und ausrief : » Himmlischer Vater ! Is dös a Glück ! A so a Jungherr hat do an guatn Blick ! A Nagl hat aus ' n Schuach außagschaut , Den hat halt der Schuasterlenz net grecht einighaut ! « Nach diesem faßte er die beiden Hochzeiterinnen wieder und wollte mit ihnen weitertanzen . Doch in diesem Augenblick hörte man von der Gassen herauf einen wüsten Lärm , und der Wirt lief , weiß wie die Wand , herein und schrie : » Manna ! Leut ! Brenna tuats ! « Ein wildes Schreien der Weiber , dumpfes Murmeln der Männer - , die Lust hatte ein End , und alles rannte hinab und dahin , um zu schauen , wo es sei . Blutrot war der Himmel ; - einer schrie : » Die Kirch ! « - da erscholl es ringsum : » Die Kirch brennt , - die Kirch ! « In diesem Augenblick stürmte meine Ziehmutter , die Meßmerin , hinter uns drein , rannte gegen die Feuerstatt zu und - o mein Gott - und reckt plötzlich beide Arm gen Himmel und schreit gellend auf : » Jesus ! Der Weidhof ! « - Und fällt wie ein Baum zur Erden . Und da wir sie aufheben wollen , sehen wir , daß es zu End ist : Sie ist tot . Etliche Frauen nehmen sie auf und tragen sie vom Wege ab , die andern stürmen dahin , den Schrei : Der Weidhof ! weitergebend und den Mannen zur Brandstatt folgend . Mir aber liegts wie Blei auf der Brust ; denn ich wußte es : Das war kein anderer denn der Ambros . Mein Ziehvater und der Lackenschuster waren die vordersten , die in den brennenden Hof eindrangen . Der Pauli und etliche andere folgten ; doch mußt ein jeder eilends wieder umkehren - es brannte überall : unten , oben , im Stall und in der Scheune , in der Stube und in den Kammern . Da schlug der Meßmer mit furchtbarer Kraft die Stalltür ein , das Vieh zu retten . Drei - vier - sechs - zehn Kühe sprangen geängstigt ins Freie ; - Rösser folgten - Hühner flogen schreiend heraus - etliche Ochsen schoben sich brüllend durch den Qualm und Rauch - wie gelähmt standen die Menschen dabei , ohne einen Finger zu rühren . Endlich faßte einer oder der andere ein Tier bei der Kette und zog es weg vom Feuer ; - ein Kommando erscholl , und man besann sich , daß man ja löschen sollt . Aber da tat es einen entsetzlichen Krach , die Feuergarben lohten wild gen Himmel , und ein einziger Schrei ging durch die Menge : » Der Meßmer ! « Das Dach überm Heuboden war eingestürzt und mit ihm die Stalldecke . » Hilf Himmel ! « schrie ich ; » er kann ja nimmer heraus ! « Bebend sprang ich hinzu , der Hausl folgte mir ; - wir drangen in den rauchenden , prasselnden Trümmerhaufen und suchten und schrien nach dem Meßmer . Ach Gott ! Es war leider ein nutzloses Hin und Her , ein vergeblichs Rufen und Schreien ! Nichts mehr zu sehen als Feuer , nichts mehr zu greifen als Glut und Trümmer ! Hätt uns bald auch noch verderbt ; denn da wir weiter eindringen wollten , stürzte abermalen ein Flez Weißdecke herab , brennendes Heu und Stroh kam fuderweis nach - und wir mußten in großem Schreck zurückweichen . Wohl begannen nun die Manner den Eimer zu schwingen , die Weiber geweihte Teller und Kräuterbuschen in die Flammen zu werfen und die Brunst im Namen des dreieinigen Gottes zu beschwören - doch wilder und höher schlug die Lohe , bis endlich der stolze Weidhof in ein kleins Häuflein Schutt und Glut , Asche und Kohle zusammenfiel und meinen herzguten Ziehvater in sich begrub . Alle Herrlichkeit des Menschen ist wie Staub In einem Augenblick Kommt gählings aus ein Schrick , Der eim die Seel gar tief durchdringet . Die Zächer übers Gsicht abgehn , Das Herz wöllt eim schier stille stehn , Kein Glächter eim nit mehr gelinget . Wann ich schon auch daheimt Das Elend hab beweint , Muß annoch in meim Leid verbleiben . Wer wollt doch alls genugsam sagen ! Die Not kunnt zur Genüg mit Klagen Mein Feder nit beschreiben ! Ach , wohl dem Mann , der ein harts Herz hat , daß ihn nicht betrübt ein solches Leid und Unglück ! Denn da der frühe Tag mit grauem Nebel anbrach , hatt ich nicht Vater noch Mutter mehr , nicht Heimat noch Liegerstatt . Saß stumpfsinnig und frierend mit meinem Ziehbruder , dem Fritz , auf den Stufen vor der Gottsackertür , und wir hielten uns bei den Händen und hatten kein Wort mehr und keine Zähre . Drüben stieg ein feiner , bläulicher Rauch aus den Trümmern auf ; drei rußige , geborstene Mauern ragten aus dem Schutthaufen , und daneben standen die verkohlten Stümpf der beiden mächtigen Birnbäume , die der alte Bichlervater , Gott hab ihn selig , bei seiner Hochzeit gepflanzt hatte . Leut kamen und gingen , beschauten und bejammerten das Unglück ; und die Knecht und Mägd , die Kostbuben und Freund des Weidhofs standen herum und stierten trübselig ins Leere . Der Pfarrer war schon in der Nacht zum Brandplatz gekommen , hatte mit lauter Stimme allen die Generalabsolution erteilt und für meine lieben toten Zieheltern auf den Knien das De profundis gebetet . Hatte auch Befehl gegeben , daß man die Kirch gut in Acht nahm und die Funken , so auf ihr Dach flogen , sogleich verlöschte , und , nachdem die Brunst vorüber , meine Kostmutter in den Pfarrhof tragen und dorten aufbahren lassen . Nun es ganz hell wurd , kamen auch die jungen Ehleut wieder auf den Platz . Waren halt doch heimgegangen in der Nacht , da sie sahen , daß nichts mehr zu retten war . Hatten ja ohnedies keine glückhafte Brautnacht mehr gehabt und gewißlich auch keine Freud an dem Narrenzeug , das ihnen am Hochzeitstag von den Freunden in der Schlafkammer aufgericht worden war nach altem Brauch und Herkommen . Indes hatte man begonnen , meines Ziehvaters Leichnam zu suchen und aus den Trümmern zu schaffen . Wurd also viel Wasser auf die heißen , dampfenden Überrest gegossen und darnach mit vieler Müh das Mauerwerk beiseit gehoben , bis man endlich auf den steinernen Futterbarren stieß . Immer mehr Leut hatten sich währenddessen zusammengefunden ; immer lauter und lärmender ging es zu . Jeder Stein , der gehoben wurde , jeder Spatenstich wurd beredet und durch die Reihen fortberichtet . Da scholl es zu uns herüber : » Ach Gott ! der Weidhofer ! Und so zugrund gricht ! « Ein Jammern und Klagen ging durch die Menge , und auch wir standen auf und seufzten und konnten uns vor Leid kaum fassen . Etliche brachten eine Leiter - ein Tuch ; man legte den verbrannten und verstümmelten Leichnam darauf und gedacht , ihn nach dem Kirchhof zu tragen . Da kam ein Hauf von Kindern die Gasse dahergestürmt , laut rufend und schreiend : » Sie haben ihn ! - Man bringt ihn ! - Den Ambros haben s ' ! « Ja , sie brachten ihn . Inmitten zweier Schürgen oder Landjäger kam er daher , schlotternd und wankend , von den Kindern mit Steinen beworfen , von den Männern und Weibern verwunschen und verflucht . Vor der Brandstatt hielten sie an ; der Tote ward vor den Schelmen hingetragen , und der wurde gefragt im Namen Gottes und im Angesicht des Toten und der Feuerstatt : ob er sich schuldig bekennen wollt ! Und er stand da mit grauem Gesicht und verhetztem Blick , konnte kaum das Wort aus dem Maul bringen vor Zähnklappern und sagte dennoch : » Nein , nein ! « Da brach ich mir einen Weg durch die Menge ; stand bebend vor ihn hin und schrie : » Beim dreieinigen Herrgott , er hat ' s tan ! - Ich hab ihn sehen davonschleichen ! - Hund ! Du hast ' s tan ! « Ich konnt nimmer . Es wurde mir todübel und ich mußt mich einhalten . Doch schreckenvoll war die Wirkung meiner Worte : der Teufel - kaum daß er mich ersehen und meine Red vernommen , begann er gottslästerlich auf mich zu fluchen , gestand unter wildem Rasen die Tat und schäumte vor Wut , daß er mich immer noch lebend sah . In diesem Augenblick aber stürzten sich die Bauern auf ihn ; - vergebens wollten ihm die Schürgen Deckung geben , - sie wurden gleich mir aus dem Knäuel gerissen und der Schelm darnach grausam ums Leben gebracht durch Steinwürfe , Faustschläge und Messerstiche . Sein Heulen hallte grausig durch das Dorf , und sein Blut floß wohl aus hundert Wunden , bis er endlich tot hinfiel . Hatten ihm also Gerechtigkeit widerfahren lassen ; ich aber kann mein Lebenlang nimmer froh werden , daß ich solches mit meiner Red verschuldet , obgleich man mich im Ort derhalben groß belobt hatte . Da nun die Bauern den Meßmer aufgebahrt , den Frevel genug beschaut und auch gesühnt hatten mit harter Feme , gingen sie wieder heim und die Weiber und Kinder mit ihnen . Die Schürgen aber nahmen den Leichnam des Gerichteten und trugen ihn auf den Schindanger , wo sie ihn verscharrten . Mein Ziehbruder , der Fritz , und ich begaben uns darnach zur jungen Häuslerin , der Nandl , und fanden dort auch die andern Kostbuben des Weidhofs ; denn es wußt keiner , was er nun sollt anfangen oder ausrichten . Die älteren , der Hausl und der Hans , hatten zu ihrem guten Glück noch etliche Gulden Zehrgeld und gaben der Nandl willig davon , daß sie ihnen ein Essends gab und ein Lager ; wir beide aber waren ohne jeden Kreuzer und mußten zuschauen , was nun würd mit uns . Da war es denn gar traurig , daß die junge Hausfrau , ehedem meine seelensgute Schwaigerin , mit uns gar leidig tat und sagte , daß sie nicht kunnt jeden Bettelbuben herfüttern ; wer was wollt , müss ' allenthalben zahlen . Also daß wir uns wieder davonmachten und zu fremden Bauern gingen , da wir dann um Gottswillen etliche Tag bleiben konnten , bis unsere liebsten Zieheltern zur Erden gegraben waren mit großem Gepräng und starkem Zulauf . Muß nun leider gedenken einer gar betrüblichen Zeit , da sich das Sprichwort an mir zum Wahrwort machte : Freund in der Not gehn hundert auf ein Lot . Um zwei Gulden Da nun die Toten in Frieden ruhten , auch der Brandplatz gesäubert war , erscholl eines Tags schon früh am Morgen die Glocke des Gemeindeschreibers durch die Gassen , und der Aktenlippel rief in die Häuser : » Heut wird ausgeboten der Grund und Besitz des Weidhofs ! Wer was schuldet , und wer was zu fordern hat , ist hiemit kommandiert , auf die Burgermeisterei zu kommen ! « Eija ! Wie ward da mancher vordem Gerechte zum Spitzbuben ! Hatte keiner was zu zahlen , war keiner was schuldig , da doch mein guter Ziehvater vordem als der best und christlichst Geldgeber und Wohltäter gepriesen ward ! Da standen droben beim Klinglwirt etliche Küh im Stall , die er in der Brandnacht gar barmherzig aufgenommen hatte und gesagt : » Ach , des armen Weidhofers Küh ! « Nun aber der Tag gekommen , da er sie billigerweis hätt herausgeben müssen , waren es bei Ehr und Seligkeit seine eigenen ! Wie wars doch mit der Schwaigerin , der Nandl ! Hatte sie nicht einen ganzen Hausrat aus dem Weidhof im Kuchelwagen fortgefahren als eine Leihgab ? Ei was ! Da stand der Pauli und beschwor , daß alles ein Geschenk der Toten gewesen wär , so wahr Gott lebte ! Ach , da kamen die Knecht und Mägd und hatten ein jedes zu fordern seinen Lohn und noch ein etlichs hundert Gulden aufgehebtes Geld ! Hatten ' s alle angelegt gehabt im Weidhof , da doch keiner hätt mehr zu kriegen gehabt , denn seine zwanzig bis dreißig Gulden Jahrgeld und sein härwenes Hemd dazu ! O , der Schmach und Schand ! Da kam der reiche Lackenschuster und verlangte Buß für die fünfhundert Gulden Heiratsgut seiner Ehefrau , der Kathrein ! Verlangte Buß für die fünfhundert Gulden vom Verkauf des Waldhauses ! Forderte hundert Gulden Buß für das verbrunnene Sach seiner ehelichen Hausfrau ! Ach , indes ich dabeigestanden war , drei Tag vor seiner Heirat , da ihm mein Vater , der Weidhofer , die blanken Gulden auf den Tisch gezählt und alles Glück gewunschen hatte ! Wohl hätt ich können mein Maul auftun und solches offenbaren ; allein , wer wollt denn auf einen Spatzen hören ! Pfeifen ihrer viel von den Dächern und merkt niemand drauf ! Schwieg also still und wartete , bis alle ihre Wünsch und Gerechtsamen dem Aktenlippel in die Feder diktiert ; alsdann trat auch ich vor und bat um meinen Jahrlohn : sieben Gulden und dreißig Kreuzer als Viehbub . Fuhr mich aber der Lippel rauh an und sagte , solch lumpiger paar Gräten wegen kunnt er nicht noch einen neuen Bogen schöns Papier verschmieren ; sollt warten , was überblieb , das könnt ich alsdann unangefochten mein eigen nennen . Also ward alles aufgeschrieben , der Grund und Besitz zerteilt und jedem sein Sach gegeben nach Maß der Forderung . Da erhielt der einen Acker , der ander zwee Wiesen ; der dritt den Hausgrund samt dem Anger und der viert ein Kleefeld . Der Lackenschuster aber nahm das Waldhaus , die Alm und die vier Rösser . Ein jeder bekam sein Sach , weil alles wohl aufgeschrieben war ; da aber die Reih an mich kommen sollt , war nichts mehr , das sie mir hätten geben können , wie denn auch die andern Kostbuben ein jeder nur eine oder zwei Hennen erhielten als Lohnung und Erb . Nach solcher Teilung ward wieder mit der Glocke geläutet : Gute Leut sollten sich melden , die einen von uns Waislbuben um Gottswillen aufnehmen wollten . Aber da war niemand , der sich erboten hätte , und so sollten wir , altem Herkommen gemäß , am Tag darauf als Gemeindelümmel versteigert werden . In der Gemeindestuben wurde noch ein jeder ausstaffiert mit einem rupfernen Hemd , ein Paar Holzschuhen und einem Tüchlein , darein diese Hab gebunden war . Nach diesem sollten wir uns auf dem Marktplatz einfinden , um öffentlich ausgeboten zu werden . Da waren unser aber bloß noch zwei ; - die andern hatten sich fein bedankt für die Gab und waren darnach eilends aus Sonnenreuth entwichen , darüber bei den Bauern ein großes Gelächter , beim Aktenlippel aber wilder Zorn ausbrach . Wurde also erst der Fritz ausgeboten : » Ein großs , handlichs Bürschl ist zu verdingen um den Jahrlohn von fünf Gulden und einem Hemd ! « Niemand wollte bieten . » Um vier Gulden und ein Hemd ! « schrie der Lippel wieder ; » wer bietet vier Gulden ? « Keiner bot , und dem Fritz liefs blutrot über die Wangen , während ich bei mir dachte : » Lieber Himmel ! Wenn sie schon für den baumlangen Burschen nicht vier Gulden wollen bieten - was wird dann wohl mit mir armseligem Häuflein Elend geschehen ! « Da schrie der Lippel voll Gift und Gall : » Geh , schaamts enk do , Manna ! Habts denn gar koa Erbarmnis mit dem Bürschl ? Mag ' n denn wirkli koana ? « » Zum Hausanzünden ! « sagte da ein alter Bauer , schüttelte abwehrend beide Hände und ging weiter . Der Fritz aber hatte kaum das Wort vernommen , als er auch schon dem Lippel sein Päcklein vor die Füße warf und ohne ein Wort aus dem Kreis ging . Niemand hielt ihn auf , niemand sagte eine Silb des Schimpfs oder Unwillens , und auch der Gemeindeschreiber fand keine Red des Zorns . Mir aber schnürte es den Hals zu , als ich dieses sah und hörte ; wollt auch gern dem andern folgen , wenn mich nur meine Füß hätten tragen mögen . So aber war ich keiner Bewegung mächtig und mußt es also leiden , daß mich der Lippel um das Gebot von drei Gulden und einem rupfernen Hemd ausrief . Alle lachten , und etliche Bauern sagten : » Viel Geld für so ein hoalos Krischperl ! Is ja zu nix z ' brauchen als zum Fressen und Schlafen ! « » Um zwee Gulden fuchzg Kreuzer ! « schrie der Lippel dazwischen . » Is niemand da , der das Büabl nimmt ! - Kann Vieh hüten , s Kindsmensch machen , d ' Floign ertöten ... « Wieder lachte die Menge , während ich meine Seligkeit hätt hingeben mögen um ein Mausloch , mich drein zu verkriechen . Hätt mich willig vom Teufel holen lassen , wenn er mich nur in dem Augenblick hätt wegführen wollen . » Also , Manna , was is ' s ? « fragte der Schreiber noch einmal ; » mag ' n neamd um dös Geld ? « Da trat der Lackenschuster vor : » I nimm ' n auf d ' Alm um zwee Gulden dreißg Kreuzer . Gibst mir ' n um dös , nachher nimm i ' n glei mit . « Da gab mich der Lippel hin , nahm die dreißig Kreuzer als Drangeld in Verwahrung und schlug mit einem hölzernen Hammer auf sein Tischl : » Also nimmt ' n der Lackenschuster , was ihm Gott gsegnen mag ! « Wandte sich darnach an mich und fuhr mich an : » Daß d ' eahm dankbarli bist und koa Schand machst , deinem Bauern ! - Verstanden ! « Worauf mich der Lackenschuster an der Achsel