Überwindung und hatte in keinem Zustand ein gutes Gewissen . So erzählte Stanislaus seiner Schwester . Es war dunkler geworden , die Wirtin , ein alleinstehendes , altes Fräulein , hatte die Lampe auf den Tisch gestellt , und die » Schwester « verstohlen von der Seite betrachtet . Hätte sie ihren Mieter nicht als den solidesten möblierten Herrn gekannt , der jemals ihre gute Stube bewohnt hatte , - sie wäre mißtrauisch geworden . Olga hatte der Schilderung ihres Bruders mit großen Augen gehorcht . » Und sein Beruf ? « » Seine Stelle als Lektor gibt ihm wenig Befriedigung . « » Warum bleibt er dann dort ? « » Er war dem Verhungern nahe , als er endlich diese Stelle bekam . « » Und was ist er - eigentlich ? « » Er unterbrach sein Studium der Philosophie , als sein Vater starb und ihn arm zurückließ ; er begann dann zu schreiben ; aber trotzdem er sogar Beachtung fand , - als einer , der das Wort eng und tief faßte , - fristete er sich damit nur eine Zeitlang ; eines Tages konnte er nicht weiter , - erschöpft , mit überhetztem Gehirn , brach er zusammen . « Erregt ging Stanislaus in der Stube auf und ab . » Wer hilft einem verhungerten Schriftsteller ? Der Lohnarbeiter ist organisiert , hat Kranken- und Streikkassen , klebt Marken für Alter und Invalidität ; aber unsereins kann an Hungertyphus zugrunde gehn , wenn der Betrieb mal stockt . « » Ich möchte ihn kennen lernen « , sagte Olga . » Er geht jetzt nur selten unter neue Menschen . Wie er sagt , fühlt er sich momentan zu geschwächt , um sich an andern zu behaupten . « » Und er schreibt nicht mehr ? « » Soviel ich weiß , - kann er es nicht mehr . « » Kann er es nicht , da er es früher konnte ? « Sie sah den Bruder fragend an . - » Wie ist das zu verstehen ? Hat er keine Ideen , keine Stoffe mehr ? « » Im Gegenteil « ... Stanislaus schwieg , als suche er für das , was er berichten wollte , die eindringlichste Erklärung . Nachdenklich fuhr er dann fort : » Im Gegenteil ; eigentlich ist Hoffmann zum Schriftsteller berufen ; fast täglich kommt er mit neuen Plänen , und zahllose Stoffe drängen sich im Vorbezirk seiner Phantasie . « » Aber ? « » Aber - da ist irgendwo ein Hindernis . Denn diesem Gedränge steht - wie soll ich sagen - eine Art von unnachgiebiger Hemmung gegenüber , ein unbesiegliches Unvermögen , sich dem Stoff auch nur zu nähern . Er müßte , wenn er seiner Tintenscheu überhaupt Herr würde , unbedingt immer beginnen : Zögernd ergreife ich die Feder . « » Und was geschieht mit diesen zurückgedrängten Ideen ? Verpufft das alles in nichts ? « » Nicht ganz . Manchmal kommt es unter der Einwirkung von starkem Kaffee , Nikotin , Menschen- und Zigarrendampf und einer auf die Nerven tastenden Geselligkeit zur Entladung . Im Caféhaus turnen dann die Energien , und dem Expansionsdrang des geistigen Gewebes wird da genügt . - - Ein solcher Exzeß , vereinzelt , wäre noch nicht schlimm ; geschieht das aber regelmäßig , so treten bald alle Merkmale einer schlecht funktionierenden Phantasie auf , - die entweder leer ist , oder so überfüllt , daß sich ihr Inhalt verknäuelt . « » Du sagtest da vorhin etwas von Tintenscheu , - wie meinst du das ? « » Nun , zuzeiten laufen die Gedanken , - wenn man es unternimmt , sie bis zur Spitze der Feder zu treiben , - auseinander , wie eine Schar Gänse , in die ein Hund hineinspringt ... der Tintentegel wirkt dann so unheimlich , wie ein Instrument der schwarzen Magie ; ... ein Zustand , den jeder Schriftsteller kennt ; - nur darf er , wie gesagt , nicht chronisch werden , und der Bann dieser Magie muß sich rechtzeitig sprengen lassen . « Olga dachte , daß sie diese Angst vor der Tinte - was sie selbst betraf - recht gut begreifen könnte ; hatte sie doch immer ein Widerstreben dagegen , auch nur die Hauptgedanken eines Vortrags aufs Papier zu bringen . Ihr Mittel war das gesprochene Wort ; aber bei einem , der schreiben wollte und sollte , mußte das doch anders sein . » Vielleicht fehlt es deinem Freund vorübergehend an Stimmung « , meinte sie . Stanislaus lächelte . » Um sich selbst ganz zu besitzen , - also zur produktiven Arbeit , - braucht man nicht so sehr eine besondere , positive Stimmung . « » Was sonst ? « » Ein gewisses Maß von Freiheit ; und dies fehlt ihm . « » Du meinst Freiheit von - Bedrängnissen ? Seelischen , moralischen und vielleicht auch ökonomischen Bedrängnissen ? « Zögern sagte er : » Ja , - ein gewisses Maß von innerer Freiheit braucht man . « Und leise , dumpf , fügte er hinzu : » Vielleicht auch von sinnlichen Bedrängnissen . « Er schwieg , blickte nieder , und die Hand schob unruhig den Teelöffel am Tischtuch hin und her , daß er leise gegen die Tasse klirrte . Es läutete . Draußen wurde die Korridortür geöffnet , und gleich darauf klopfte es an die Tür von Stanislaus Zimmer . Einen breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirn gedrückt , in eine Lodenpelerine gehüllt , so trat der , von dem die Rede gewesen , ein . Er war nur wenig über Mittelgröße und von gedrungenem Wuchs ; das Gesicht war bleich , länglich , bartlos , und große , dunkle , beinah kindliche Augen blickten sanft und traurig unter dem weißen Bogen der Stirn . Die Mundwinkel hingen ein wenig müde herunter , und die breite Unterlippe schien beim Sprechen manchmal zu zittern . Stanislaus hatte ihm von der Anwesenheit seiner Schwester in Berlin erzählt ; aber Hoffmann hatte das , nach Art stark mit sich selbst beschäftigter Menschen , überhört . Nun begrüßte er sie unfrei und schien von ihrer Anwesenheit beengt . Stanislaus lenkte das Gespräch sogleich auf ein Gebiet , das einen Plan betraf , den er für Hoffmann ausgedacht hatte . Da dieser als Lektor eines großen Verlages Gelegenheit hatte , eine Menge literarischer Arbeiten von Interesse und Wert , die aber für die nach festen Plänen begrenzten Ziele des Verlages nicht geeignet waren , kennen zu lernen , so hatte ihm Stanislaus geraten , aus diesem Material , das ihm da von selbst zufloß , solche Arbeiten auszuwählen , die sich unter einem besonderen Gesichtspunkt als einheitliche Serie sammeln ließen , und diese Sammlung systematisch zu ergänzen . Er dachte an eine Ausgabe verschiedener Kulturdokumente , die für das Wesen der Epoche bezeichnend waren . Diese Serie sollte etwa unter dem Titel » Stimmen der Zeit « fortlaufend erscheinen , und der Herausgeber würde so Gelegenheit zu einheitlicher redaktioneller Tätigkeit finden und auch seine Einnahmen wesentlich vermehren . Hoffmann hatte im Caféhaus mit Interesse den Plan aufgenommen und darüber nachzudenken versprochen . Mit einer müden Handbewegung lehnte er nun ab . » Wozu noch eine Brockensammlung mehr « , meinte er . » Den Snobismus zu mehren , wird gerade genug getan . Warum auch da mitmachen ? « - - - » Solche Brocken , wie Sie es nennen , sind nicht immer das Schlimmste . Sie können solchen , die von manchem Strom , der durch die Gegenwart drängt , erfahren möchten , - ohne Zeit , oder Kraft , oder Schulung genug zu haben , zu allen Quellen selbst herabzutauchen , - helfen , ihr Wissen in Parenthese zu ergänzen oder anzuregen , und das ist schließlich kein Übel . « » Eine Wirkung auf das Volk , die allein eine solche auszugartige Bearbeitung des Materials rechtfertigen würde , ist durch diese Publikationen nicht gegeben , weil sie nur die Sprache der Informierten sprechen . « Überrascht blickte Stanislaus über den Tisch in das bleiche , nervöse Gesicht . Seit wann wollte Hoffmann etwas für das Volk ? » Ich staune über ihre Verkennung der Wege der Wirkung « , sagte er dann . » Wieso ? « » Nun , es gibt doch offenbar zwei solche Wege : den direkten , kürzeren , jäheren ; und den andern , - dessen Linien sich sozusagen serpentinenartig nach unten verbreitern und der vielleicht die echtere Destillation verspricht . Sie können direkt zum Volk sprechen , in seiner Sprache , - können es mit Resultaten überfallen , ihm ausgefüllte Werttabellen in die Hände stecken ; oder aber - der andere Weg , der serpentinenartige : jeder » Informierte « spricht zu der ihm nächsten Schicht , und sobald der Stoff nur die gehörige Beweglichkeit hat , - dringt er weiter , tiefer , und nähert sich allmählich der tiefsten und breitesten Schicht des Volksbewußtseins ; und das , was auf diesem Wege endlich da hinunter gelangt , - ist wohl eine Art Auslese in bezug auf Stoßkraft und Beweglichkeit ; was nicht so weit kam , blieb wohl oben - auf den Kehren - liegen . « Mit Hoffmann horchte auch Olga , und in diesem Augenblick wurde ihr klar , daß auch das , was sie vielleicht zu sagen haben würde , diesen weiteren , mühsameren und gefährlicheren Weg passieren mußte . Hoffmann blickte ernst , und seine dunklen , tiefen Augen leuchteten in ihrem sanften Glanz . » Und doch geht auf dem andern , dem jäheren , direkteren Wege - nicht nur der derbere Tritt « , sagte er . » Sondern ? « » Sondern auch die Liebe . Die ganz einfache , ganz direkte Liebe zu den Massenhaften - zu denen , die da sind , - wie immer sie da sind . « » Und Sie , - seit wann wissen Sie von dieser Liebe ? « fragte Stanislaus . » Ich weiß von ihr , wie von einer unbegreiflichen Erscheinung . Kein größeres Wunder weiß ich , als daß es solche Liebe gibt . « Olga beugte sich vor : » Warum , - warum ist Ihnen Menschenliebe so unbegreiflich , so wunderbar ? « » Das ist sie « , entgegnete er und blickte die Fragende voll an . » So sehr ich begreife , daß man die Idee liebt , die Idee vom schönen und vollkommenen Menschen , - so rätselhaft erscheint es mir , daß es Herzen gibt , die warm und hingebend schlagen für das , was da ist , wirklich da ist , unschön und mangelhaft da ist , - für all das Unzulängliche und Elende . Und es gibt solche Herzen , - Christus war - er ist kein Märchen . « Er schwieg , und seine Augen verschleierten sich tief . Dann fuhr er fort : » Auch das Unzulängliche lieben , - nicht nur sich seiner erbarmen , - nein es lieben , - ohne Blindheit - in heller Erkenntnis - - das - das ist das Mysterium . « » Und wie läßt es sich , Ihrer Meinung nach , deuten « , fragte Olga gespannt . Hoffmann dachte nach und sagte dann : » Christus - oder unsere Vorstellung von ihm - war vollkommen an Leib und Seele . Wäre ich wie er , - ich liebte die Elenden auch . Aber da ich das Unzulängliche , als mein eignes Erbe , schleppe , « - seine Lippen bebten , - » wie kann ich es lieben ? Beschäftigt , beladen bin ich mit mir , « fuhr er fort , wie gequält , als müsse er sich rechtfertigen , » und dem Grauen der Unendlichkeit steht für mich nur eins gegenüber - dieses : Ich bin . Für mich zumindest - bin ich . « Stanislaus warf ein : » Der alte , egozentrische Aberglaube ; richtiger wäre es , wenn Sie weiter gingen und sagen würden : ich - oder die Gattung . « » Oho ! « » Jawohl , ich schmälere mich durch jede Abgabe an sie , - habe nichts zu geben , « - seine Stimme sank herab , - » bin ein armer Teufel . « » Solch armer Teufel gibt es freilich genug , « erwiderte Hoffmann , - » und doch ist Ihr Axiom falsch ; paßt nur für das dürftig Geborene ... « » Das ist durchaus nicht so sicher « , wandte Stanislaus ein und blickte bedächtig über den schwarzumränderten Zwicker hinüber ; » Hirn und Keimplasma bauen sich bekanntlich aus denselben Stoffen auf . Ein Mehr auf der einen Seite bedingt darum nicht selten ein Manko auf der andern ; und so wären es nicht nur die Dürftigsten , die in diesem Sinn wenig Tribut zu zollen haben . « Olga glaubte etwas Entscheidendes sagen zu müssen ; aber kaum wollte sie es aussprechen , so verschloß ihr ein scheues Zögern den Mund ; und so sagte sie nur : » Zumindest für die Frau liegt die Frage so , - daß auch die , die nicht überreichlich - Tribut zollen will , - doch zur Erfüllung ihres weiblichen Dienstes gelangen muß ; denn dieser Dienst ist Notwendigkeit , - und nicht nur für die Gattung , - auch für sie selbst . « Hoffmann hob seinen Blick zu Olga und ließ ihn ohne Scheu auf ihr ruhen . Seine anfängliche Beengtheit schien verschwunden . - Statt einer Antwort sagte er : » Wie alt sind Sie , Fräulein Diamant ? « So unvermittelt kam die Frage , daß sie in ihr Blut stürzte , es aufjagte und es hoch in ihr Antlitz trieb . » Sechsundzwanzig « ; der Ton wurde , ohne daß sie es wollte und wußte , - bang . Hoffmann sagte , wie zu sich selbst : » So , so ; ein Mädchen von Sechsundzwanzig ; ich dachte mir solch ein Mädchen anders . « Olga raffte sich zusammen . Trotzig fragte sie : » Und wie dachten Sie sich solch ein altes Mädchen ? « Ernsthaft schüttelte Hoffmann den Kopf . » Nicht alt , o nein , das ist eine falsche Überlieferung ; aber fertig , - im guten oder im schlimmen Sinn . Aber Sie - Sie wollen ja erst beginnen ? « Sie warf den Kopf , mit den schweren , roten Haarmassen , tief atmend zurück und fühlte plötzlich eine Welle über sich hinfluten , die einen Augenblick alles Schwere von ihrer Seele nahm . » So ist es , « flüsterte sie , » beginnen . « Stanislaus kam von zuhause . Es war gegen Abend , und die Gaslaternen wurden eben angezündet . Langsam ging er , im abendlichen Zwielicht , die Kantstraße hinauf , diese breite und lange Zeile , die geradewegs aus dem menschendichten , wegeverknüpfenden Berlin hinauszurennen schien , in die weite Mark . Er ging etwas vornüber gebeugt , in schlechter Haltung - und mit schlecher , sorgenvoller Miene . Er hatte noch keine neue Arbeit begonnen und ging viel spazieren . Und seit einer Reihe von Abenden immer nach demselben Ziel . - Vor einer eleganten Papierhandlung , - nicht mehr weit von der Einmündung der Straße an jenem Punkt des Westens , der » Am Zoo « heißt , - stand er still . Jeden Abend stand er lange vor diesem von gelbem Bremerlicht grell beleuchteten Schaufenster , in dem alle Utensilien seines Handwerks zwischen Luxusdingen , in prunkvoller Anordnung , ausgestellt waren ; hier waren hochaufgeschichtete Briefkartons , glänzende , kristallene Tintenfässer , lederne Schreibmappen mit blanken oder matten Metallbeschlägen , kunstvoll arrangiert . Auch heute stand er vor diesem Schaufenster , warf aber , so oft er konnte , einen Blick durch die hohe Spiegelscheibe der Ladentür , ins Innere des Geschäftes . Er sah die große , überschlanke , blonde Verkäuferin , im schwarzen , knappen Kleid , mit weißen Manschetten an den Händen , hinter dem Ladentisch stehen , sah , wie sie lächelnd einem Herrn ein Päckchen reichte , das Geld entgegennahm , auf die Taste der automatischen Kontrollkasse drückte , und dem Käufer den kleinen Karton der Quittung übergab . - Mit Augen , die ihm brannten , sah er , über den Kneifer hinweg , auf dieses Ladenfräulein , mit den flüchtigen Zügen in dem zu kleinen Gesicht , dem nur die weit gebauschte Haarfrisur normalen Umfang gab . Der Käufer trat aus der Tür , der Laden war von Kunden leer . Stanislaus trat ein . Fräulein Miezes Gesicht verzog sich , und sie erwiderte unfreundlich seinen ergebenen Gruß . Stanislaus lehnte ihr gegenüber am Ladentisch . » Darf ich Sie heute abend erwarten ? « » Mutter hat jesacht , das Spazierenjehn auf der Döberitzer Heerstraße muß ' n Ende haben . « » Ich habe Sie ja oft gebeten , mir die Ehre zu schenken und mit mir in ein Restaurant zu kommen . « Fräulein Mieze lachte höhnisch . » Das wäre noch schöner . Ein armes Mädel hat nischt wie sein ' Ruf , - und der wird nich besser vons Restaurangjehn . « Er blickte sie wehmütig an . » Warum sind Sie so scharf , Fräulein Mieze ? Sie wissen doch , daß ich nichts will , was Ihnen schaden könnte , ... wir wollten uns doch ein wenig kennen lernen , - nicht ? « » Ich will Ihnen mal was sajen , Herr Doktoor . « » Nur Diamant « , warf er ein . » Wie Sie mir damals die scheenen Rosen schickten und dann selber ankamen und mich dann abends zum Spazierenjehn holten , - da dacht ich mir auch nischt Böses . Ich dachte mir , - der Mann hat ernste Absichten . « - - - - - - Sie sah ihn herausfordernd an , und als er schwieg und sie nur traurig anblickte , rötete , sich ihr kleines , gelbliches Gesicht , und die hellen Äuglein blitzten zornig . » So ' n Rumziehn habe ich nicht nötig , verstehn Se ! « » Warum , Fräulein Mieze , « er suchte schwer nach Worten , - » wollen Sie etwas - das erst langsam , - nach und nach - werden kann - - übereilen ? « » So ! Nu wird ' s Tach ! ! Hat der Mensch Tööne ? ! Übereilen ! « Sie ahmte seine Aussprache nach . - » Daß Sie ' s nur wissen , - mein Bräutjam is zurückjekommen . « » Ihr Bräutigam ? Meinen Sie den jungen Mann aus dem Milchgeschäft , von dem Sie mir erzählten ? « » Jawoll , - der bei Bolle war . Er is vom Militär zurück und macht sich selbständig ; er hat jeerbt . « Stanislaus streckte ihr , mit freundlichem Lächeln , die Hand hin . » Dann meinen herzlichsten Glückwunsch , Fräulein Mieze ! Aber ist das ein Grund , böse zu sein ? « Sie nahm seine Hand und hielt sie fest . » Ich will Ihnen was sajen : ich hätte Sie - lieber jenommen wie den Aujust . « Fragend sah sie ihn an . Er machte sacht seine Hand los . » Ich kann Ihnen das , was Sie wünschen - nicht versprechen . « » Adschö , Adschö , Herr Doktoor ! « kam es zornig vom Ladentisch . » Adieu , Fräulein Mieze . « Er ging , gesenkten Kopfes , hinaus ... Auch dieser » blonde Traum « , wie er sein kleines Erlebnis vor sich selbst genannt hatte , war nun auf grobe Art beendet . - - - Seine Wünsche , das wußte er , fingen an , dunkle Wege zu gehn . Die geheime Enthaltsamkeit , in der er lebte , - derer er sich wie einer Schwäche schämte , die er nur einem Bruder anvertraut haben würde , wenn er einen besessen hätte , - fing an , ihn als etwas Unerträgliches zu bedrücken , - lockte ihn zu verwegenen Freibeutereien , die seiner Art nicht entsprachen . In diesem Mann , der sich bis heute des Weibes enthalten hatte , weil ihn der Unzucht gegenüber unüberwindliche Hemmungen schreckten , - mangelnde Triebkraft nannte er es bitter vor sich selbst , - glühte die Sehnsucht nach der letzten Erfüllung . Abends nahm er sein Tagebuch vor . Er führte dieses Heft auf unregelmäßige Art , schrieb niemals Tatsachen ein , sondern , zeitweilig , die letzten Gefühle und Bekenntnisse , die ihm die Tatsachen vermittelten . An diesem Abend schrieb er : » .. Mein Schmerz gilt nur unmittelbar der Verfehlung meines eignen Lebens ; in Wahrheit ist es der Schmerz des aus der Reihe Geworfenen . Und so suche ich das stärkste Willenserlebnis , - das mich über mich , als Einzelheit , beruhigen , mich von mir selbst , als isolierte Form , erlösen und mich , mit meiner Person , in Reih und Glied stellen würde ... « Er warf die Feder fort , verwühlte die Hand in die überfallenden , langen Haarsträhnen und starrte lange , grübelnd , vor sich hin . Viertes Kapitel Menschen » Trahit sua quemque voluptas . « Virgil . Olga ging durch die Straßen des neuen Westens dem Tiergarten zu und wollte von da zur Stadt . Sie ging zu einer öffentlichen Versammlung eines » Bundes « , dem sie sich angeschlossen hatte . Diesem Bunde , der auf eine Veränderung der moralischen Wertungen des Sexuallebens hinarbeitete , gehörten Männer und Frauen in fast gleicher Zahl als Mitglieder und Gäste an , - intellektuelle Streiter , die die Frage , für deren voraussetzungslose Neudurchforschung sie sich verbündet hatten , als die verhängnisvollste für die Gesellschaft betrachteten . Die Gesetze der geschlechtlichen Sitten , aus deren Übung das menschliche Leben sich erneut , unter zwei Hauptgesichtspunkten zu revidieren , - das war die Aufgabe , die sich diese Vereinigung gestellt hatte . Diese führenden Gesichtspunkte galten dem Wohl der Generation , der Rasse im weiteren , - den natürlichen Antrieben des Individuums im engeren Sinne . Und die Fragen , die es zu erwägen galt , untersuchten die Bedingungen , die der Betätigung des Trieblebens des normalen Menschen in den Hochjahren seiner Zeugungskraft , innerhalb der gegebenen Ordnung geboten waren , - die Schäden und Leiden die sich aus der Mißachtung und Verformung dieser natürlichen Antriebe der normalen Geschlechtsnatur ergaben , - so wie die Ziele , denen zuzustreben war , um dem einzelnen ein normales Schicksal zu verbürgen und um der Gesellschaft die Erzeugung eines hochwertigen Nachwuchses zu sichern . Alles öffentliche Durchsprechen sozialer Probleme hatte Olga bisher meist unbefriedigt gelassen ; sie hatte die letzte , rückhaltlose Ehrlichkeit , die dem Menschen zeigt , was er wahrhaft ist , will und braucht bislang in allen » Vereinen « vermißt . Hier , zum erstenmal , war sie in einen Kreis getreten , der sich , wie es ihr schien , um die Erörterung auch dieser innerlichsten Willensantriebe des Menschen und der Gesellschaft nicht herumdrückte . Ärzte , Soziologen , Gelehrte , Schriftsteller und Dichter , Vertreterinnen der Frauenbewegung und Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften , Künstler und Laien , - sie alle waren im » Bunde « vertreten . Die Fragen der Ehe , der Prostitution , des unfreiwilligen Zölibats , der Lage des Kindes , besonders des unehelichen Kindes , des Schutzes der Mutterschaft , für den der Bund vor allem eintrat , und der ihm die große Bedingung einer planmäßigen Züchtung vollwertiger Lebensmassen bedeutete , - das waren die Fragen , die hier besprochen wurden , die von hier aus weiter drangen , bis sie sich zu sachlich begrenzten Forderungen verdichteten , zu denen Stellung zu nehmen , auch die Behörden sich immer öfter genötigt sahen . Unablässig hatten sich die Vorstellungsreihen , die für Olga die Frauenbewegung mit der allgemeinen Entwicklung verbanden , - gerade zu diesem Problem gedrängt , auch ihr war es als der Mittelpunkt jeder sozialen Reform erschienen . Denn hier handelte es sich um das Werden des Menschen , des Trägers der Weltkultur , von dessen Beschaffenheit alles andere abhing . Die Geschlechtssitten der Gesellschaft ließen ihn entstehen , darum , so war es ihr immer erschienen , hing es gerade von diesen Sitten ab , wie die Welt selbst wurde . Als sie von diesem Bunde hörte , hatte sie eine große Freude erfüllt . Hier also war eine Gemeinschaft , innerhalb welcher sie aussprechen durfte , was anderwärts befremdend und anstößig gewirkt hatte , hier wurden diese großen Fragen , als solche anerkannt , freimütig erörtert und zu festen Zusammenhängen verknüpft . Von Zielfreude erfüllt , war sie durch die Straßen des neuen Westens gegangen , vorbei an den Fassaden modernster Mietspaläste , die mit ihrem gedämpften Luxus , ihrem wohlabgetönten Putz den Straßen dieses Viertels stilvolle Einheit gaben . Um in den Frieden des Tiergartens einzutreten , mußte sie durch das dichteste Verkehrsgewühl , am Bahnhof » Zoo « vorbei , wo sich oben , auf dem hochgelegenen Bahnsteig , Fernzüge mit den Vorortzügen treffen , während unten , auf dem Niveau der Straße , zahllose elektrische Linien sich kreuzen , Automobile mit sausenden Stößen ihr Benzin in Kraft verwandeln , die Berliner Droschken in ihrem unbeirrbar gemächlichen Hottetrott auf ihre Art mit ihnen konkurrieren und die Passanten sich auf Straßenübergängen und Bürgersteigen drängen . Die weiten Prachtstraßen , die den Berliner » Westen « mit Charlottenburg und Wilmersdorf verbinden , gehen strahlenförmig von hier ab . Drüben aber , auf der anderen Seite , wo die Gärten den Verkehr in ruhigere Wege leiten , glüht , mit farbigen , eingelegten Kuppeln , bauchigen Türmchen , bizarren Schnörkeln , Pagoden , fratzenhaften Emblemen und unperspektivischen , ägyptischen Fresken , - ein Stück Morgenland , in den Gebäuden des Zoologischen Gartens . Über diesem bunt aufeinander getürmten Gemisch steigt , schmal und hochgestreckt , fast kahl gegen die orientalische Fülle , der romanische Turm der Gedächtniskirche auf ; und das goldene Kreuz , an seiner Spitze , flammte im Schein einer kupferroten Wolke , die auf dem schiefergrauen Himmel erglüht war . Die herbstliche Abendsonne warf ihre Lichter auf die große , ebene Fläche aufgeworfener Erde , die , mit Sand vermengt , ganz hellbraun erschien , und vom Zoologischen Garten aus den Eingang zum Tiergarten bildet . Schon der Weg , der noch an den Toren des Bahnhofs vorbei und eng zwischen Droschkenstandplatz und dem Endgeleise der elektrischen Bahn hindurch führt , ist nicht viel mehr , als ein sandig-erdiger Reitweg . Er weitet sich zu einer Art Riesenmanège unter freiem Himmel , die sich links , tief hinein , unter die Unterführungsbogen der Stadtbahn streckt , rechts eine breite Allee zwischen die Bäume des Tiergartens entsendet . Hier wurde geritten , und die Fußgänger hatten sich , beim Übergang zu der schmalen , dunklen Wasserstraße des Landwehrkanals , zwischen den geschickt gelenkten , gut gepflegten Tieren der Reiter und Reiterinnen durchzuwinden . Diese fröhliche Kavalkaden , die da zwischen den schon entblätternden Bäumen hinsprengten , gefielen Olga . Voll Erquickung ging sie nun am Wasser entlang , vorbei an der brausenden Schleuse , bei der Freiarchenbrücke , am Garten- und Lützowufer herunter . Ihr starkes Naturgefühl antwortete auf die zarten Reize dieser Parklandschaft , und ihre Blicke nahmen alle Bilder mit seltener Eindringlichkeit auf . Sie sah alles : die breiten , langen , meist mit Kohlen beladenen Kähne mit den kleinen Überbauten am Bug , deren winzige , gardinenverhängte Fensterchen verrieten , daß die Schiffer hier ihre Wohnstätte hatten ; die zierlichen Dampfer mit den buntfarbigen Ringen um den rauchenden Schlot , - die einen , zwei und mehr der breiten Kähne durch den Kanal schleppen , bis hinaus auf die Wasser der Spree , deren große Biegung der Kanal verbindet . Sie sah , auf dem Wasser , die buntgezeichneten Enten ihr Spiel treiben , und besonders ein Pärchen fiel ihr auf ; er , herrlich von Gefieder , in Farben strahlend , saß still und vornehm unbeweglich auf einem Fleck ; sie , die Entin , graubraun wie ein Spatz , unterhielt sich dicht vor seinem Schnabel auf besondere Art : immer wieder tauchte sie mit Kopf , Hals und Brust senkrecht ins Wasser und streckte den Rest ihrer Leiblichkeit , das breite Bürzel mit den flossenhaften Pfoten , steil in die Höhe , dem Gatten , der diesem Spiel mit vollendeter Ruhe zusah , dicht unter den Schnabel . So tauchte sie aus und ein , wohl einhundertmal , - das Ende der Prozedur war jedenfalls noch nicht gekommen , als Olga , nachdem sie eine Weile dieser Gymnastik zugesehen , weiter ging . Und sie sah die Bäume an , diese alten , jetzt farbig belaubten , schon entblätternden Eichen , Ulmen , Buchen . Sie stand still vor dem Stamm eines alten Prachtkerls von Baum und sah , zum erstenmal , eine Rinde , die fast vollkommen regelmäßige , zylindrische Einkerbungen zeigte , genau an ; ja sie sah die Böschungen des Ufers , wie sie , niedrig und schräg zurückweichend , bei der Freiarchenbrücke begannen und da noch ganz mit Rasen bewachsen waren , wie sie aber immer höher und steiler wurden , der Rasen immer mehr und mehr zurückwich und die glatte , steinerne Kaimauer darunter sichtbar wurde , bis , von der Korneliusbrücke an , der Kanal nur noch zwischen diesen schwarzen , steinernen Mauern durchfloß , in denen ab und zu ein paar Stufen sichtbar wurden , die von dem immer höher ansteigenden Promenadenweg zum Wasser herunterführten . Und sie bog ab und ging über die Brücke , tiefer hinein in den Tiergarten . Am Neuen See war es , an dessen sich immer wieder biegenden Ufern sie jetzt ging . Sie war