ich für ein Bild etwas Geld bekomme , kaufe ich sie und trage sie nach Hause . Ich stelle sie auf meinen Tisch . Der Tisch hat eine scheußlich gelbe Decke mit blauen Blumen . Nein das geht nicht . Ich stelle sie auf den Kasten , einen plumpgebeizten gelben Kasten . Aber das geht noch weniger . Ich stelle sie auf den Waschtisch , auf das Fenster - na , was soll ich dir sagen , wo diese Schale auch steht , überall gibt es einen falschen Ton , quält mich wie Zahnweh . Ich bin glücklich , als das Ding wieder beim Kunsthändler ist . Siehst du , so . « » Bin ich diese Schale ? « fragte Doralice . - » Nicht du , dein Kleid , dein Kleid . « Hans stand vor Doralice und wartete gespannt , was sie sagen würde . Sie jedoch sagte nichts , erhob sich und ging in ihr Schlafzimmer hinüber , um sich umzukleiden . Er aber begann wieder im Zimmer auf- und abzurennen , er war wütend . Also er hatte sie wieder einmal gekränkt , aber das schien jetzt nicht anders sein zu können . Sah es nicht aus , als sei die Liebe eine Einrichtung , die zwei Menschen aneinander bindet , damit sie einander quälen ? Wahrhaftig , so sah es aus . Aber es sollte anders werden und als Doralice in ihrem dunkeln Kleide zurückkehrte , um sich wieder still in ihren Sessel zu setzen , brach er los : » Du bist gekränkt , ich weiß , ich weiß . Aber du wirst sehen , ich werde dir einen Rahmen schaffen , in dem du dich anziehen kannst wie eine Königin . « » Ah , das kleine Häuschen « , warf Doralice hin . » Nun , etwas viel Schöneres « , fuhr Hans ungeduldig fort . » In München läßt sich jetzt viel machen . Ich werde eine Malschule gründen und dann werde ich arbeiten , ich bin voller Ideen , ich habe ja so viel in mir aufgespeichert , ich bin geladen wie eine Bombe , und wenn ich da einschlage in diese Welt abgelebter Großstadtleute , die werden Augen machen . Ich freue mich schon drauf . Wir wollen die Lampe anstecken und gleich zusammen einige Briefe nach München schreiben . « Er rieb sich die Hände und lachte , er war ganz Eifer , ganz Tatendurst . Aber Doralice sagte müde : » Ach nein , nur nicht die Lampe . « Hans stand einen Augenblick da und sann , dann setzte er sich langsam auf einen Stuhl , zündete sich eine Zigarette an und rauchte . Beide schwiegen , es dunkelte immer mehr , die Dämmerung schien mit dem Regen auf das Land niederzufließen , der Wind verfing sich irgendwo im Hause und es gab einen Ton wie ein trauriges Lachen . Doralice fühlte wohl , daß Hans dort neben ihr in der Dämmerung mit sich kämpfte , das Bewußtsein dieser Erregung , die Erwartung , daß es vielleicht einen leidenschaftlichen Auftritt geben würde , tröstete sie in der Melancholie dieser Stunde . Da begann Hans wieder ruhig , freundlich : » Sieh , das kommt daher . « » Was denn ? « fragte Doralice . - » Daß wir hier so zusammensitzen und nicht zueinander sprechen , als seien wir verfeindet . Wir sind nicht miteinander verfeindet und wir haben uns sehr viel zu sagen , aber das kommt daher , daß etwas in unserer Liebe zu Ende ist und etwas Neues anfangen muß . Jetzt haben sich die feinsten , empfindlichsten Teile unserer Seelen auseinanderzusetzen , jetzt fängt die ganz komplizierte Rechnung an , so eine Art Ausziehen von Kubikwurzeln , das ist immer so , das muß so sein . Ich kann nicht immer wie damals ein Ereignis sein . « » Ich habe gar nicht verlangt von dir , immer ein Ereignis zu sein « , meinte Doralice . - » Ich weiß , ich weiß , und ich weiß auch , was wir zu tun haben , um jetzt dieser jämmerlichen Stunde ein Ende zu machen . Wir müssen hinausgehen ans Meer . Es ist dunkel und es regnet , das macht nichts , das Meer wird uns kurieren , das Meer kann immer ein Ereignis sein und da wollen wir uns anschließen und du wirst sehen , dort werden wir uns wieder einander befreundet fühlen und dann wirst du auch wieder die Lampe ertragen können . « Er holte Doralicens Mantel , hüllte sie fest ein , nahm sie und zog sie mit sich hinaus . Draußen mußten sie gegen einen starken Wind ankämpfen , das Meer rauschte sehr laut , ein Durcheinander großer Stimmen , die sich überschrien und einander ins Wort fielen . Und in der Dämmerung hoben sich die Wellen wie große weiße Gestalten , die sich aufrecken , sich neigen , niederfallen . Zuweilen standen Hans und Doralice plötzlich wie auf einem weißen kalten Tuche , das war dann eine brandende Welle , die bis zu ihnen heraufgelaufen war . Beide lachten , drückten sich fest aneinander und Hans fragte laut in das Rauschen hinein : » Fühlst du es , fühlst du es schon , wie wir einander wieder befreundeter werden ? « » Ja , ja « , erwiderte Doralice atemlos von all der mächtig bewegten Luft , die sie atmen mußte . - - - Im Bullenkrug drückte der Regennachmittag auch auf die Stimmung . Es lag ohnehin eine Spannung in der Luft , welche die Menschen mit einer gereizten und freudlosen Unruhe in den engen Räumen herumtrieb . » Meine Schar « , sagte die Generalin zu Fräulein Bork , » geht hier heute umher wie die Eisbären im Käfig . Lassen Sie alle Lampen anstecken , nur keine Dämmerung , die ist gefährlich . Und dann viel und gutes Essen . So kommen wir am leichtesten über die Schwierigkeiten hinweg . « Das Haus wurde sehr hell , die Generalin setzte sich mit Fräulein Bork auf das Sofa und legte Patience . Sie sprach mit ihrer lauten , beruhigenden Stimme , lachte über ihre Patience . Das Brautpaar zwang sie , miteinander Pikett zu spielen . » Nichts Besseres für nervöse Liebe « , meinte sie , » als Karten . « Wedig und Nini spielten Dame und stritten sich , und Herr von Buttlär ging mit kleinen nervösen Schritten im Zimmer auf und ab und sah immer wieder nach dem Barometer . Da erschien seine Frau in der Eßzimmertür und sagte : » Bitte , Buttlär , auf ein Wort . « » Gewiß , meine Liebe « , erwiderte er und richtete sich mit einem Ruck strammer auf , » was gibt es denn ? « Er folgte seiner Frau ins Eßzimmer und die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß . Die Generalin schüttelte unzufrieden den Kopf und bemerkte : » Bella überschätzt von jeher die Wirkung von Auseinandersetzungen . « Das Gespräch des Ehepaares dauerte ziemlich lange . Man hörte die Stimme des Barons , die pathetisch wurde , und Wedig flüsterte Nini zu : » Hör ' , eben hat der Papa gesagt : poetisches Bedürfnis . « Hilmar und Lolo wurden sehr zerstreut bei ihrem Spiel . Endlich ging die Eßzimmertür wieder auf , Frau von Buttlär kam in das Wohnzimmer , setzte sich schweigend an den Tisch und nahm ihre Häkelarbeit auf . Sie war blaß , man sah es ihr an , daß sie geweint hatte . Der Baron aber war in der Tür stehen geblieben und sagte feierlich : » Hilmar , bitte auf ein Wort . « » Zu Befehl « , erwiderte Hilmar und sprang auf . Er zog dabei die Augenbrauen zusammen und sein Gesicht nahm einen Augenblick einen so zornigen Ausdruck an , daß Lolo ihn erschrocken anschaute . Dann verschwanden die beiden Herren hinter der Eßzimmertür . Die Generalin zog die Augenbrauen hinauf und sagte : » Wozu diese Konferenzen gut sind , weiß ich nicht , zur Gemütlichkeit tragen sie nicht bei . « - » Nein , liebe Mutter « , erwiderte die Baronin , indem sie eifrig forthäkelte , » ich bin ungemütlich und prosaisch , das habe ich eben gehört . Andere können gemütlich und poetisch sein , ich nicht . Ich bin wie der Gendarm , den jeder braucht und den keiner mag . « » Aber Bella « , wandte die Generalin ein . Fräulein Bork jedoch fand das schön . Sie fand das schön , die Mutterliebe als die Polizei für das Glück der anderen . » Sie haben gut reden , liebe Bork « , meinte die Baronin und die Generalin wurde ärgerlich : » Ich sage nicht , daß einmal tüchtig dreinfahren nicht ganz nützlich sein kann , aber immer besser kurz und scharf , als lang und sauer . « » Wer ist denn sauer ? « fragte die Baronin , worauf die Generalin nichts erwiderte . Lolo ging währenddessen im Zimmer unruhig auf und ab , blieb an der Glastür stehen und schaute in die Dunkelheit hinein , dann öffnete sie die Tür und trat auf die Veranda hinaus . Der Wind , als hätte er auf sie gewartet , fiel sie sofort an , zerrte an ihrem Kleide , wühlte in ihrem Haar . Lautes Tönen flog durch die Finsternis wie Sausen großer , hastiger Flügel , ein hastiges , ausgelassenes Leben trieb hier in der Nacht sein Wesen und Lolo stand da und atmete tief und angestrengt . Sie litt , aber da drinnen im Schein der Lampe war ihr Schmerz eine unerträglich nagende Qual gewesen , hier draußen konnte sie ihn als groß , fast als schön empfinden . Als sie dann hörte , daß die Eßzimmertür ging und die beiden Herren wieder in das Wohnzimmer gekommen waren , öffnete sie ein wenig die Glastür und rief Hilmar . Hilmar trat zu ihr auf die Veranda hinaus . Sie standen einen Augenblick im Dunkeln still beieinander , Lolo hatte Hilmars Arm genommen und lehnte sich fest an ihn . Endlich sagte sie leise : » Hat er dir meinetwegen Vorwürfe gemacht ? « » Ach , er hat ja recht « , erwiderte Hilmar und seine Stimme klang gepreßt und mutlos . » Alle haben sie recht , wenn du um meinetwillen leidest , dann bin ich ein gemeiner Hund . Ich durfte nicht zu dir kommen , du mußt sicher und glücklich sein . « Lolo begann jetzt wieder zu sprechen ganz sanft und tröstend : » Nein , du kannst nichts dafür , wir können beide nichts dafür . Es gibt manches in der Welt , das stärker ist als wir beide . Ich habe das jetzt verstanden . Oh , ich habe jetzt sehr viel verstanden . Früher glaubte ich , sich lieben ist Hand in Hand sitzen und sich lange Briefe schreiben . Aber jetzt weiß ich , sich lieben ist eine furchtbar große Sache und da muß man auch die ganz großen Dinge tun können und - warum soll ich nicht auch leiden ? Du leidest auch und so viele , viele leiden . Nein , mein armer Hilmar , wenn ich auch keinen schicksalsvollen Mund habe , mit dem blauen Sonntagskittel ist es doch nichts . Aber sei ruhig , wir werden schon den richtigen Weg finden . « Und sie strich sanft mit der Hand über seinen Ärmel hin . » Lolo ! Lolo ! « rief die Baronin und der Baron klopfte an die Fensterscheiben . » Sie rufen , wir müssen hinein « , sagte Lolo . » Da hinein kann ich jetzt nicht « , stöhnte Hilmar , » aber du , du mußt sicher und glücklich sein und ich - ich bin ein gemeiner Hund . « Dann beugte er sich über sie und drückte seine heißen , trockenen Lippen fest auf ihre Augen , schob sie dann von sich und lief in die Dunkelheit hinaus . Lolo stand noch einen Augenblick da , sie legte beide Hände auf ihre Brust und schaute mit heißen , fanatischen Augen in die Nacht hinein und berauschte sich an ihrem großen Schmerz . Aus der Küchentür an der Schmalseite des Hauses schlichen drei in Mäntel gehüllte Gestalten dem Strande zu . Es waren Nini und Wedig , die sich aus dem Wohnzimmer fortgestohlen hatten und nun unter Ernestinens Führung ihrem Lieblingsabenteuer nachgingen , die Gräfin sehen . Dazu mußten sie die Düne hinaufsteigen , um auf der Rückseite des Wardeinschen Anwesens an das rechte Fenster zu gelangen . Es war ein Genuß , aus der dumpfen Luft der Wohnstube herauszukommen , die heute ohnehin schwer von Mißstimmung und Langeweile war , und sich mit dem Winde herumzuschlagen , die steilen Sandwände hinanzuklettern , mitten durch die nassen Wacholderbüsche hindurch und sich vor allem zu fürchten , was ihnen in der Dunkelheit begegnen könnte . Jetzt sahen sie schon das kleine helle Viereck des Fensters , sie brauchten nur noch vorsichtig die Sandlehne herunterzusteigen , um dann leise heranzuschleichen , als Ernestine Alarm zischte . Sofort duckten alle drei hinter einem Wacholderbusche nieder . Dort vor dem kleinen hellen Viereck stand schon einer , eine kleine , schiefe Gestalt und ein langes , regelmäßiges Profil hob sich scharf von den gelbbeleuchteten Fensterscheiben ab . » Exzellenz , « flüsterte Ernestine . Sie wagten sich nicht zu regen . Dieser kleine Mann dort in der Dunkelheit vor dem Fenster stehend erschien ihnen entsetzlich unheimlich . Dann plötzlich war er nicht mehr da , war in die Nacht untergetaucht . Aber die drei Kinder wagten sich noch nicht vor , sondern kauerten still hinter ihrem Wacholderbusch . Und wieder tauchte eine Gestalt aus der Nacht auf und stand vor dem Fenster , eine schmale Gestalt , ein dunkler Kopf , ein feines Profil , das wie ein Schattenriß gegen die helle Scheibe stand . » Hilmar , « erklärte Wedig . Es schien ihnen , daß sie dieses Mal lange warten mußten , bis auch diese Gestalt in der Dunkelheit verschwand . Da erst trauten sie sich aus ihrem Verstecke heraus , an das Fenster heran und sahen Hans Grill am Tische sitzen und einen Brief schreiben , sahen Doralice in ihrem Sessel , den Kopf zurückgelehnt , mit weit offenen Augen verträumt vor sich hinsehend . Als Nini später oben in ihrem Schlafzimmer im Bett Lolo ihre Erlebnisse erzählte , sagte sie : » Weißt du , sie sah aus , als machte es sie furchtbar müde , so schön zu sein . « » Ja , weil es eine furchtbare Verantwortung ist , so schön zu sein « , klang es feierlich und weise aus Lolos Bett zurück . Elftes Kapitel Um Mitternacht war ein Gewitter niedergegangen und ein plötzlicher Sturm hatte sich erhoben , stoßweise sich um sich selber drehend , als käme er von allen Seiten zugleich , so daß die Wellen sich hoch aufreckten und wie betrunken taumelten . Allein es dauerte nicht lange . So plötzlich wie er gekommen war , ließ der Sturm nach , von Westen her kam ein sanftes Wehen , das die Wellen streichelte und beruhigte . Ein wolkenloser Tag brach an , die Sonne schien auf ein prächtig grünes Meer nieder , der Strand war von dem ausgeworfenen Seetang überdeckt wie von schwarzer Seide und die Luft war ganz voll vom scharfen salzigen Dufte des Meeres . Hans und Doralice waren schon zeitig am Vormittage zu ihrem Platz auf der Düne hinaufgezogen . Doralice lag dort auf ihrer Decke im Sande und sah auf das Meer hinaus . Hans malte , und zwar malte er die Großmutter Wardein , die regungslos auf einem Stuhle dasaß , die Hände im Schoß gefaltet . Die harte , runzelige Haut des Gesichtes glänzte in der Sonne , als sei noch eine Spur alter Vergoldung an ihr haften geblieben , und die trüben gelben Augen schauten in die Weite mit einem Blick , der starr auf eine sehr große gleichgültige Ferne hinaussieht . Hans sprach während des Malens über seine Kunst . Seit gestern sprach er viel und eifrig über seine Kunst und ihre praktischen Aussichten : » Es geht famos . Sie sind ein glänzendes Modell , Mutter Wardein . Einleuchtender kann ein Menschenschicksal nicht in Linien aufgehen , als in Ihrem Gesicht . Na ja , natürlich , ein Porträt muß in uns die Vorstellung eines individuellen Lebens hervorbringen . Deshalb muß man auch Menschen malen , die man nicht kennt , sonst will man da zu viel hineinlegen . So zum Beispiel ist es mir deshalb schwer , dich zu malen , weil ich zu gut in dir Bescheid weiß . « » Du weißt in mir Bescheid ? « fragte Doralice . - » Natürlich . « » Da weißt du mehr als ich « , meinte Doralice . Hans legte seinen Pinsel fort und schaute Doralice verwundert an : » Sag ' mal , seit einiger Zeit jetzt hast du zuweilen solche Aussprüche unangenehmer Lebensweisheit wie der Geheimrat . « Doralice seufzte : » Ach ja , angenehm ist es nicht , die Ähnlichkeit mit dem Geheimrat in sich wachsen zu fühlen . « Hans zuckte mit den Achseln und griff nach dem Pinsel . Jetzt schwiegen sie . Doralice spähte aufmerksam zum Strande hinunter , als könnte dort unten etwas sich ereignen , das sie anginge . Karren standen dort unten und kleine struppige Pferde und Fischer , die den Seetang aufluden , um ihn auf ihre Äcker zu führen . Und eine kleine graue Gestalt mit wehendem Kopftuche ging ruhelos am Meere hin und her , zuweilen stehenbleibend , um auf die See hinaus zu schauen . » Unser Steege ist noch nicht zurück ? « fragte Hans . » Ich sehe die Frau dort unten noch immer hin und her laufen . « » Ob der nun auch kommen wird « , antwortete die Alte mit einer Stimme , die tief wie eine Männerstimme klang , » ob er nun mit dem Boot kommen wird oder ob er ohne Boot kommen wird , das kann man nicht wissen . Der Matthies , mein Mann , kam am zweiten Tage dort nicht weit vom Friedhofe ohne Boot heraus . Der Ernst , mein Sohn , kam gar nicht heraus . Na ja , so ist der Steege , wenn keiner fahren will , dann fährt er , dann glaubt er , daß er alle Fische allein haben wird . Häßlich blies es schon , als ich um Mitternacht nachsehen ging . Ich gehe immer um Mitternacht nachsehen , das ist noch von der Zeit , als ich auf Meine wartete . « Die tiefe heisere Stimme sprach ruhig vor sich hin , nicht , als spräche sie für die anderen , sondern als könnte sie einmal in Schwung gebracht nicht sogleich wieder verstummen . Doralice richtete sich ein wenig auf , um die Fischersfrau am Strande besser sehen zu können , die rastlos an dem Saum der brandenden Wellen entlang irrte und wartete , auf das Schreckliche wartete , und was die Mutter Wardein da erzählte , war es nicht auch ein endlos langes Leben , in dem sie immer wieder auf das Schreckliche gewartet hatte ? Doralice zog die Augenbrauen zusammen , sie hätte weinen können , nicht aus Mitleid , sondern weil all dieses Dunkle plötzlich so nah an sie herankam . Der Morgen mit seinem Licht , seinem Duft , seinem Wehen hatte ihr voller Versprechungen geschienen . Das war vielleicht sinnlos , aber es tat wohl . Nun war all das vorüber . Mutlos warf sie sich zurück , sie mochte nicht mehr sehen und hören . Dennoch trieb es sie bald wieder die Augen zu öffnen , um zu sehen , ob die graue Gestalt unten noch da sei . Sie war da . Aber etwas anderes kam noch durch den Sonnenschein , Hilmar , im blauen Flanellanzuge , die rote Krawatte leuchtete von weitem ; er ging schnell mit wippendem Schritt , wiegte sich leicht in den Schultern , und jede Linie in der blauen Gestalt , die sich lustig gegen das grüne Meer abhob , war so voll unternehmenden Leichtsinns , daß Doralice lächeln mußte . Hilmar ging zu den Booten hinab , wo er den jungen Stibbe fand . Er befahl , ihm das Segelboot herzurichten , heute mußte gesegelt werden , solch ein Wetter kommt nicht wieder . Hilmar wollte segeln , aber es war noch ein anderer Wunsch , der heute mit ihm aufgestanden war , einer jener Wünsche , die wie ein Fieber in ihm brannten , er wollte mit Doralice segeln . Ganz gleich , ob das wahrscheinlich , ob das möglich war , er wußte nur das eine , er mußte mit Doralice segeln . So ging er denn geradeswegs die Düne zum Ehepaar Grill hinauf . Er kommt geradesweges zu uns , dachte Doralice , ein toller Junge . Auch Hans sah ihn kommen und das Blut stieg ihm heiß in die Schläfen . Als jedoch Hilmar vor ihnen stand und grüßte , sagte Hans ruhig und freundlich : » Guten Morgen , Herr Baron , schöner Morgen . « » Guten Morgen « , erwiderte Hilmar , ein wenig atemlos vor Erregung , » die Herrschaften sind schon fleißig . Ah , Mutter Wardein , ja , die würde ich auch malen , wenn ich könnte . Es muß sein , als ob man die Ewigkeit malt . « » Gutes Segelwetter « , bemerkte Hans . - » Glänzend ! « beteuerte Hilmar , » das Meer ist heute wie eine Wiege . Ja , und da wollte ich fragen « , er wandte sich an Doralice , » ob Sie , gnädige Frau , nicht mitfahren wollen ? Für drei ist im Boote Platz und Stibbe und ich sind sichere Segler . « Doralice schaute überrascht zu ihm auf und dann mußte sie über den eigensinnigen , entschlossenen Ausdruck seines Gesichts lächeln . » O , ich « , sagte sie , » ich glaube nicht , daß mein Mann das gestattet . « Hans hatte mit dem Pinsel voll Zinnober einen so kräftigen Hieb gegen das Bild geführt , daß die Wange der Mutter Wardein eine breite rote Schramme erhielt , und es wunderte ihn , als er seine eigene Stimme ruhig und überredend sagen hörte : » Warum nicht ? Heute ist wohl keine Gefahr dabei . Wenn es dir Vergnügen macht , der Baron ist ja ein sichrer Segler . « Es war ein seltsam erstaunter und kalter Blick , mit dem Doralice Hans ansah : » Das ist etwas anderes « , sagte sie , » dann also wollen wir fahren . Kommen Sie , Baron . « Sie erhob sich , nickte Hans kurz zu , dann gingen sie die Dünen hinab . Hans saß noch einige Augenblicke da und kratzte den roten Strich vom Gesicht der Mutter Wardein ab . Plötzlich warf er alles fort , stellte sich auf den Rand der Düne und schaute den beiden nach . Die waren schon bei den Booten , er sah Doralice einsteigen , sah Stibbe und Hilmar das Boot flott machen , nun saßen sie alle drei darin und wunderbar leicht klomm das Fahrzeug die ersten grünen Wellenberge hinauf . Ohne sich um die Mutter Wardein zu kümmern , stürmte Hans die Düne hinab an das Meer , dort begann er auf und ab zu gehen , zuweilen stehenbleibend , dem Segel nachzuschauen , und , wenn er da stand und an seinem Barte zauste , sah er aus wie ein schöner gewalttätiger Bauernbursche . Am liebsten hätte er auf das Meer hinausgebrüllt und ihn fror hier in der heißen Mittagsonne . Für wen spielte er denn diese dumme Komödie des Vertrauens und der großmütigen Gelassenheit ? Vertrauen ? Was wußte er denn von dieser Frau ? Er wußte nur , daß gegen den Gedanken sie zu verlieren sich jeder Tropfen seines Blutes sträubte . Er war ja keine bucklige Exzellenz , um abgeklärt und skeptisch zu sein . Aber das war es , diese Eifersucht schmerzte ihn wie eine Schande , sie demütigte ihn , zerbrach den Stolz und die Selbständigkeit , ohne die er nicht leben zu können meinte . Nein , das mußte anders werden , sonst war es aus mit ihm , sonst war er sein ganzes Leben hindurch nichts weiter mehr , als der Herr , der die Gräfin Köhne entführt hat und sie nun bewacht . » Ich sehe immer noch nichts « , hörte er eine klagende Stimme neben sich . Die Frau des Fischers Steege stand neben ihm und schaute mit müden Augen in das Flimmern des Meeres . Weiter fort aber auf der Düne erschienen Frauengestalten , das weiße Piquékleid der Generalin wehte im Winde , Fräulein Bork war dort und die Baronin Buttlär . Sie hielten sich Operngläser vor die Augen und schauten auf das Meer , dem weißen Segel nach , das lustig in das Mittagglitzern der Sonne hinausglitt . Dort aber bei dem weißen Segel saß Hilmar Doralice gegenüber und schaute sie an . Doralice war ernst , sie hatte die unklare Empfindung , als sei sie von Hans gekränkt worden ; als sei es treulos von ihm , daß er sie so ruhig fahren ließ . Aber Hilmars Gesicht lachte ein so glückliches , so ausgelassenes Lachen , das Lachen eines Knaben , der der Schule entlaufen ist , um sich einen unerlaubten Feiertag zu machen , so daß sie mitlachen mußte und plötzlich auch die ausgelassene Ferienlustigkeit in sich aufsteigen fühlte . Und der junge Stibbe , der an der andern Seite des Bootes saß , um das Segel zu bedienen , verzog auch sein braunes mit weißblondem Flaum bedecktes Gesicht zu einem breiten Lachen . » Sehen Sie « , sagte Hilmar , » wenn Sie nicht gefahren wären , wenn Sie nicht hier säßen , ich weiß nicht , was ich getan hätte . Aber ich wußte , es muß geschehen . « » Gut , gut , ich sitze ja hier « , antwortete Doralice , » aber sprechen Sie jetzt nicht solche - - solche heiße Sachen . « » O nein ! Gewiß nicht « , rief Hilmar begeistert , » es ist auch gar nicht nötig , es ist gar nichts mehr zu sagen . Sie sitzen da , Worte können da nicht mehr heran . Gespräche haben überhaupt für mich in letzter Zeit etwas Fatales . Miteinander sprechen , das kann jeder , miteinander sein , das ist die Kunst . Also , wenn Sie vielleicht müde sind , hier ist eine Decke , hier ist ein Polster , Sie können ein wenig schlafen . Es würde doch die unterhaltendste Stunde meines Lebens sein . Sie wollen nicht ? Nun , legen Sie sich dieses Polster in den Rücken und dieses hier unter die Füße , so - nun wäre nichts mehr zu bemerken , außer vielleicht , daß Sie noch ein wenig zufriedener aussehen könnten . Haben Sie bemerkt , wenn ein Kind etwas ganz Süßes ißt , dann wird es ernst und die Augen werden groß und füllen sich etwas mit Tränen . So sollten Sie aussehen . « » Ach , « meinte Doralice ungeduldig , » wollen Sie mir auch sagen , wie ich bin ? « » Nein , nein « , versicherte Hilmar , » ich meine nur , in Ihren Augen ist noch ein ganz klein wenig von dem Blick von gestern abend zurückgeblieben . « » Was ist das für ein Blick ? « fragte Doralice . - » Nun , als Sie gestern abend bei der Lampe auf Ihrem Sessel saßen und vor sich hinsahen « , erklärte Hilmar . » Ja , ich habe durch Ihr Fenster zu Ihnen hineingeschaut ; ich tue das immer , natürlich , was soll ich anderes tun ? Sie finden das unerhört . Es ist vielleicht unerhört , aber ich würde noch viel unerhörtere Dinge tun . Sind Sie böse ? « » Ach ja « , sagte Doralice langsam und träge , » gewiß bin ich böse , aber später , nicht jetzt . « - » Gut , später « , schloß Hilmar die Unterhaltung . » Rauchen wir eine Zigarette . « Die Sonne schien heiß auf das Meer nieder , ihr gelber Glanz floß wie Öl an den Wellen herab , Möwen flogen ganz niedrig und langsam über das Wasser und wie leichtes Flügelschlagen klang das Segel in dem schwächer werdenden Winde . Als die Fahrt zu Ende war , als Doralice und Hilmar am Strande niedergeschlagen einander gegenüberstanden , reichte Doralice Hilmar die Hand und sagte : » Danke . « Hilmar zog die Augenbrauen zusammen . » Das Land « , versetzte er grimmig , » das Land ist eine Gemeinheit . « Dann trennten sie sich . Doralice ging lässig und zögernd nach Hause . Der Gedanke an das Mittagessen , an den Dampf der großen Kartoffeln , an Agnes ' strengen , wachsamen Blick und etwas anderes noch kam unerwartet , um sie zu quälen , ein Gefühl des Mitleids für Hans . Sie war die ganze Zeit über so weit fort von ihm gewesen , mit keinem Gedanken war sie zu ihm zurückgekehrt . Nun , wenn sie ihn jetzt zu Hause traurig oder böse oder unangenehm finden würde , so wollte sie liebenswürdig sein und diese gute Regung tat ihr wohl . Zwölftes Kapitel Hans saß am gedeckten Mittagstisch und las . Als Doralice eintrat , schaute er auf und sagte mit seiner gewöhnlichen ruhigen Stimme : » Nun , hast du dich gut unterhalten ? « - » Ja , sehr gut ! « erwiderte sie