nicht vor den anderen wiedersahen . Es war durchaus nichts vereinbart zwischen uns , aber da der Wagen einbog in den Park , konnte ich es nicht lassen , auszusteigen , vielleicht nur , weil ich nicht anfahren wollte , wie irgendein Fremder . Es war schon voller Sommer . Ich lief in einen der Wege hinein und auf einen Goldregen zu . Und da war Abelone . Schöne , schöne Abelone . Ich wills nie vergessen , wie das war , wenn du mich anschautest . Wie du dein Schauen trugst , gleichsam wie etwas nicht Befestigtes es aufhaltend auf zurückgeneigtem Gesicht . Ach , ob das Klima sich gar nicht verändert hat ? Ob es nicht milder geworden ist um Ulsgaard herum von all unserer Wärme ? Ob einzelne Rosen nicht länger blühen jetzt im Park , bis in den Dezember hinein ? Ich will nichts erzählen von dir , Abelone . Nicht deshalb , weil wir einander täuschten : weil du Einen liebtest , auch damals , den du nie vergessen hast , Liebende , und ich : alle Frauen ; sondern weil mit dem Sagen nur unrecht geschieht . Es giebt Teppiche hier , Abelone , Wandteppiche . Ich bilde mir ein , du bist da , sechs Teppiche sinds , komm , laß uns langsam vorübergehen . Aber erst tritt zurück und sieh alle zugleich . Wie ruhig sie sind , nicht ? Es ist wenig Abwechslung darin . Da ist immer diese ovale blaue Insel , schwebend im zurückhaltend roten Grund , der blumig ist und von kleinen , mit sich beschäftigten Tieren bewohnt . Nur dort , im letzten Teppich , steigt die Insel ein wenig auf , als ob sie leichter geworden sei . Sie trägt immer eine Gestalt , eine Frau in verschiedener Tracht , aber immer dieselbe . Zuweilen ist eine kleinere Figur neben ihr , eine Dienerin , und immer sind die wappentragenden Tiere da , groß , mit auf der Insel , mit in der Handlung . Links ein Löwe , und rechts , hell , das Einhorn ; sie halten die gleichen Banner , die hoch über ihnen zeigen : drei silberne Monde , steigend , in blauer Binde auf rotem Feld . - Hast du gesehen , willst du beim ersten beginnen ? Sie füttert den Falken . Wie herrlich ihr Anzug ist . Der Vogel ist auf der gekleideten Hand und rührt sich . Sie sieht ihm zu und langt dabei in die Schale , die ihr die Dienerin bringt , um ihm etwas zu reichen . Rechts unten auf der Schleppe hält sich ein kleiner , seidenhaariger Hund , der aufsieht und hofft , man werde sich seiner erinnern . Und , hast du bemerkt , ein niederes Rosengitter schließt hinten die Insel ab . Die Wappentiere steigen heraldisch hochmütig . Das Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgegeben . Eine schöne Agraffe hält es zusammen . Es weht . Geht man nicht unwillkürlich leiser zu dem nächsten Teppich hin , sobald man gewahrt , wie versunken sie ist : sie bindet einen Kranz , eine kleine , runde Krone aus Blumen . Nachdenklich wählt sie die Farbe der nächsten Nelke in dem flachen Becken , das ihr die Dienerin hält , während sie die vorige anreiht . Hinten auf einer Bank steht unbenutzt ein Korb voller Rosen , den ein Affe entdeckt hat . Diesmal sollten es Nelken sein . Der Löwe nimmt nicht mehr teil ; aber rechts das Einhorn begreift . Mußte nicht Musik kommen in diese Stille , war sie nicht schon verhalten da ? Schwer und still geschmückt , ist sie ( wie langsam , nicht ? ) an die tragbare Orgel getreten und spielt , stehend , durch das Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin , die jenseits die Bälge bewegt . So schön war sie noch nie . Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten nach vorn genommen und über dem Kopfputz oben zusammengefaßt , so daß es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch . Verstimmt erträgt der Löwe die Töne , ungern , Geheul verbeißend . Das Einhorn aber ist schön , wie in Wellen bewegt . Die Insel wird breit . Ein Zelt ist errichtet . Aus blauem Damast und goldgeflammt . Die Tiere raffen es auf , und schlicht beinah in ihrem fürstlichen Kleid tritt sie vor . Denn was sind ihre Perlen gegen sie selbst . Die Dienerin hat eine kleine Truhe geöffnet , und sie hebt nun eine Kette heraus , ein schweres , herrliches Kleinod , das immer verschlossen war . Der kleine Hund sitzt bei ihr , erhöht , auf bereitetem Platz und sieht es an . Und hast du den Spruch entdeckt auf dem Zeltrand oben ? da steht : » A mon seul désir . « Was ist geschehen , warum springt das kleine Kaninchen da unten , warum sieht man gleich , daß es springt ? Alles ist so befangen . Den Löwe hat nichts zu tun . Sie selbst hält das Banner . Oder hält sie sich dran ? Sie hat mit der anderen Hand nach dem Horn des Einhorns gefaßt . Ist das Trauer , kann Trauer so aufrecht sein , und ein Trauerkleid so verschwiegen wie dieser grünschwarze Samt mit den welken Stellen ? Aber es kommt noch ein Fest , niemand ist geladen dazu . Erwartung spielt dabei keine Rolle . Es ist alles da . Alles für immer . Der Löwe sieht sich fast drohend um : es darf niemand kommen . Wir haben sie noch nie müde gesehen ; ist sie müde ? oder hat sie sich nur niedergelassen , weil sie etwas Schweres hält ? Man könnte meinen , eine Monstranz . Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn hin , und das Tier bäumt sich geschmeichelt auf und steigt und stützt sich auf ihren Schooß . Es ist ein Spiegel , was sie hält . Siehst du : sie zeigt dem Einhorn sein Bild - . Abelone , ich bilde mir ein , du bist da . Begreifst du , Abelone ? Ich denke , du mußt begreifen . Nun sind auch die Teppiche der Dame à la Licorne nicht mehr in dem alten Schloß von Boussac . Die Zeit ist da , wo alles aus den Häusern fortkommt , sie können nichts mehr behalten . Die Gefahr ist sicherer geworden als die Sicherheit . Niemand aus dem Geschlecht der Delle Viste geht neben einem her und hat das im Blut . Sie sind alle vorbei . Niemand spricht deinen Namen aus , Pierre d ' Aubusson , großer Großmeister aus uraltem Hause , auf dessen Willen hin vielleicht diese Bilder gewebt wurden , die alles preisen und nichts preisgeben . ( Ach , daß die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben , wörtlicher , wie sie meinten . Es ist sicher , wir durften nichts wissen als das . ) Nun kommt man zufällig davor unter Zufälligen und erschrickt fast , nicht geladen zu sein . Aber da sind andere und gehen vorüber , wenn es auch nie viele sind . Die jungen Leute halten sich kaum auf , es sei denn , daß das irgendwie in ihr Fach gehört , diese Dinge einmal gesehen zu haben , auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin . Junge Mädchen allerdings findet man zuweilen davor . Denn es giebt eine Menge junger Mädchen in den Museen , die fortgegangen sind irgendwo aus den Häusern , die nichts mehr behalten . Sie finden sich vor diesen Teppichen und vergessen sich ein wenig . Sie haben immer gefühlt , daß es dies gegeben hat , solch ein leises Leben langsamer , nie ganz aufgeklärter Gebärden , und sie erinnern sich dunkel , daß sie sogar eine Zeitlang meinten , es würde ihr Leben sein . Aber dann ziehen sie rasch ein Heft hervor und beginnen zu zeichnen , gleichviel was , eine von den Blumen oder ein kleines , vergnügtes Tier . Darauf käme es nicht an , hat man ihnen vorgesagt , was es gerade wäre . Und darauf kommt es wirklich nicht an . Nur daß gezeichnet wird , das ist die Hauptsache ; denn dazu sind sie fortgegangen eines Tages , ziemlich gewaltsam . Sie sind aus guter Familie . Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben , so ergiebt sich , daß ihr Kleid hinten nicht zugeknöpft ist oder doch nicht ganz . Es sind da ein paar Knöpfe , die man nicht erreichen kann . Denn als dieses Kleid gemacht wurde , war noch nicht davon die Rede gewesen , daß sie plötzlich allein weggehen würden . In der Familie ist immer jemand für solche Knöpfe . Aber hier , lieber Gott , wer sollte sich damit abgeben in einer so großen Stadt . Man müßte schon eine Freundin haben ; Freundinnen sind aber in derselben Lage , und da kommt es doch darauf hinaus , daß man sich gegenseitig die Kleider schließt . Das ist lächerlich und erinnert an die Familie , an die man nicht erinnert sein will . Es läßt sich ja nicht vermeiden , daß man während des Zeichnens zuweilen überlegt , ob es nicht doch möglich gewesen wäre zu bleiben . Wenn man hätte fromm sein können , herzhaft fromm im gleichen Tempo mit den andern . Aber das nahm sich so unsinnig aus , das gemeinsam zu versuchen . Der Weg ist irgendwie enger geworden : Familien können nicht mehr zu Gott . Es blieben also nur verschiedene andere Dinge , die man zur Not teilen konnte . Da kam dann aber , wenn man ehrlich teilte , so wenig auf den einzelnen , daß es eine Schande war . Und betrog man beim Teilen , so entstanden Auseinandersetzungen . Nein , es ist wirklich besser zu zeichnen , gleichviel was . Mit der Zeit stellt sich die Ähnlichkeit schon ein . Und die Kunst , wenn man sie so allmählich hat , ist doch etwas recht Beneidenswertes . Und über der angestrengten Beschäftigung mit dem , was sie sich vorgenommen haben , diese jungen Mädchen , kommen sie nicht mehr dazu , aufzusehen . Sie merken nicht , wie sie bei allem Zeichnen doch nichts tun , als das unabänderliche Leben in sich unterdrücken , das in diesen gewebten Bildern strahlend vor ihnen aufgeschlagen ist in seiner unendlichen Unsäglichkeit . Sie wollen es nicht glauben . Jetzt , da so vieles anders wird , wollen sie sich verändern . Sie sind ganz nahe daran , sich aufzugeben und so von sich zu denken , wie Männer etwa von ihnen reden könnten , wenn sie nicht da sind . Das scheint ihnen ihr Fortschritt . Sie sind fast schon überzeugt , daß man einen Genuß sucht und wieder einen und einen noch stärkeren Genuß : daß darin das Leben besteht , wenn man es nicht auf eine albere Art verlieren will . Sie haben schon angefangen , sich umzusehen , zu suchen ; sie , deren Stärke immer darin bestanden hat , gefunden zu werden . Das kommt , glaube ich , weil sie müde sind . Sie haben Jahrhunderte lang die ganze Liebe geleistet , sie haben immer den vollen Dialog gespielt , beide Teile . Denn der Mann hat nur nachgesprochen und schlecht . Und hat ihnen das Erlernen schwer gemacht mit seiner Zerstreutheit , mit seiner Nachlässigkeit , mit seiner Eifersucht , die auch eine Art Nachlässigkeit war . Und sie haben trotzdem ausgeharrt Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend . Und aus ihnen sind , unter dem Druck endloser Nöte , die gewaltigen Liebenden hervorgegangen , die , während sie ihn riefen , den Mann überstanden ; die über ihn hinauswuchsen , wenn er nicht wiederkam , wie Gaspara Stampa oder wie die Portugiesin , die nicht abließen , bis ihre Qual umschlug in eine herbe , eisige Herrlichkeit , die nicht mehr zu halten war . Wir wissen von der und der , weil Briefe da sind , die wie durch ein Wunder sich erhielten , oder Bücher mit anklagenden oder klagenden Gedichten , oder Bilder , die uns anschauen in einer Galerie durch ein Weinen durch , das dem Maler gelang , weil er nicht wußte , was es war . Aber es sind ihrer zahllos mehr gewesen ; solche , die ihre Briefe verbrannt haben , und andere , die keine Kraft mehr hatten , sie zu schreiben . Greisinnen , die verhärtet waren , mit einem Kern von Köstlichkeit in sich , den sie verbargen . Formlose , stark gewordene Frauen , die , stark geworden aus Erschöpfung , sich ihren Männern ähnlich werden ließen und die doch innen ganz anders waren , dort , wo ihre Liebe gearbeitet hatte , im Dunkel . Gebärende , die nie gebären wollten , und wenn sie endlich starben an der achten Geburt , so hatten sie die Gesten und das Leichte von Mädchen , die sich auf die Liebe freuen . Und die , die blieben neben Tobenden und Trinkern , weil sie das Mittel gefunden hatten , in sich so weit von ihnen zu sein wie nirgend sonst ; und kamen sie unter die Leute , so konnten sie nicht verhalten und schimmerten , als gingen sie immer mit Seligen um . Wer kann sagen , wie viele es waren und welche . Es ist , als hätten sie im voraus die Worte vernichtet , mit denen man sie fassen könnte . Aber nun , da so vieles anders wird , ist es nicht an uns , uns zu verändern ? Könnten wir nicht versuchen , uns ein wenig zu entwickeln , und unseren Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und nach ? Man hat uns alle ihre Mühsal erspart , und so ist sie uns unter die Zerstreuungen geglitten , wie in eines Kindes Spiellade manchmal ein Stück echter Spitze fällt und freut und nicht mehr freut und endlich daliegt unter Zerbrochenem und Auseinandergenommenem , schlechter als alles . Wir sind verdorben vom leichten Genuß wie alle Dilettanten und stehen im Geruch der Meisterschaft . Wie aber , wenn wir unsere Erfolge verachteten , wie , wenn wir ganz von vorne begännen die Arbeit der Liebe zu lernen , die immer für uns getan worden ist ? Wie , wenn wir hingingen und Anfänger würden , nun , da sich vieles verändert . Nun weiß ich auch , wie es war , wenn Maman die kleinen Spitzenstücke aufrollte . Sie hatte nämlich ein einziges von den Schubfächern in Ingeborgs Sekretär für sich in Gebrauch genommen . » Wollen wir sie sehen , Malte « , sagte sie und freute sich , als sollte sie eben alles geschenkt bekommen , was in der kleinen gelblackierten Lade war . Und dann konnte sie vor lauter Erwartung das Seidenpapier gar nicht auseinanderschlagen . Ich mußte es tun jedesmal . Aber ich wurde auch ganz aufgeregt , wenn die Spitzen zum Vorschein kamen . Sie waren aufgewunden um eine Holzwelle , die gar nicht zu sehen war vor lauter Spitzen . Und nun wickelten wir sie langsam ab und sahen den Mustern zu , wie sie sich abspielten , und erschraken jedesmal ein wenig , wenn eines zu Ende war . Sie hörten so plötzlich auf . Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit , zähe Stücke mit ausgezogenen Fäden , in denen sich alles immerzu wiederholte , deutlich wie in einem Bauerngarten . Dann war auf einmal eine ganze Reihe unserer Blicke vergittert mit venezianischer Nadelspitze , als ob wir Klöster wären oder Gefängnisse . Aber es wurde wieder frei , und man sah weit in Gärten hinein , die immer künstlicher wurden , bis es dicht und lau an den Augen war wie in einem Treibhaus : prunkvolle Pflanzen , die wir nicht kannten , schlugen riesige Blätter auf , Ranken griffen nacheinander , als ob ihnen schwindelte , und die großen offenen Blüten der Points d ' Alençon trübten alles mit ihren Pollen . Plötzlich , ganz müde und wirr , trat man hinaus in die lange Bahn der Valenciennes , und es war Winter und früh am Tag und Reif . Und man drängte sich durch das verschneite Gebüsch der Binche und kam an Plätze , wo noch keiner gegangen war ; die Zweige hingen so merkwürdig abwärts , es konnte wohl ein Grab darunter sein , aber das verbargen wir voreinander . Die Kälte drang immer dichter an uns heran , und schließlich sagte Maman , wenn die kleinen , ganz feinen Klöppelspitzen kamen : » Oh , jetzt bekommen wir Eisblumen an den Augen « , und so war es auch , denn es war innen sehr warm in uns . Über dem Wiederaufrollen seufzten wir beide , das war eine lange Arbeit , aber wir mochten es niemandem überlassen . » Denk nun erst , wenn wir sie machen müßten « , sagte Maman und sah förmlich erschrocken aus . Das konnte ich mir gar nicht vorstellen . Ich ertappte mich darauf , daß ich an kleine Tiere gedacht hatte , die das immerzu spinnen und die man dafür in Ruhe läßt . Nein , es waren ja natürlich Frauen . » Die sind gewiß in den Himmel gekommen , die das gemacht haben « , meinte ich bewundernd . Ich erinnere , es fiel mir auf , daß ich lange nicht nach dem Himmel gefragt hatte . Maman atmete auf , die Spitzen waren wieder beisammen . Nach einer Weile , als ich es schon wieder vergessen hatte , sagte sie ganz langsam : » In den Himmel ? Ich glaube , sie sind ganz und gar da drin . Wenn man das so sieht : das kann gut eine ewige Seligkeit sein . Man weiß ja so wenig darüber . « Oft , wenn Besuch da war , hieß es , daß Schulins sich einschränkten . Das große , alte Schloß war abgebrannt vor ein paar Jahren , und nun wohnten sie in den beide engen Seitenflügeln und schränkten sich ein . Aber das Gästehaben lag ihnen nun einmal im Blut . Das konnten sie nicht aufgeben . Kam jemand unerwartet zu uns , so kam er wahrscheinlich von Schulins ; und sah jemand plötzlich nach der Uhr und mußte ganz erschrocken fort , so wurde er sicher auf Lystager erwartet . Maman ging eigentlich schon nirgends mehr hin , aber so etwas konnten Schulins nicht begreifen ; es blieb nichts übrig , man mußte einmal hinüberfahren . Es war im Dezember nach ein paar frühen Schneefällen ; der Schlitten war auf drei Uhr befohlen , ich sollte mit . Man fuhr indessen nie pünktlich bei uns . Maman , die es nicht liebte , daß der Wagen gemeldet wurde , kam meistens viel zu früh herunter , und wenn sie niemanden fand , so fiel ihr immer etwas ein , was schon längst hätte getan sein sollen , und sie begann irgendwo oben zu suchen oder zu ordnen , so daß sie kaum wieder zu erreichen war . Schließlich standen alle und warteten . Und saß sie endlich und war eingepackt , so zeigte es sich , daß etwas vergessen sei , und Sieversen mußte geholt werden ; denn nur Sieversen wußte , wo es war . Aber dann fuhr man plötzlich los , eh Sieversen wiederkam . An diesem Tag war es überhaupt nicht recht hell geworden . Die Bäume standen da , als wüßten sie nicht weiter im Nebel , und es hatte etwas Rechthaberisches , dahinein zu fahren . Zwischendurch fing es an , still weiterzuschneien , und nun wars , als würde auch noch das Letzte ausradiert und als führe man in ein weißes Blatt . Es gab nichts als das Geläut , und man konnte nicht sagen , wo es eigentlich war . Es kam ein Moment , da es einhielt , als wäre nun die letzte Schelle ausgegeben ; aber dann sammelte es sich wieder und war beisammen und streute sich wieder aus dem Vollen aus . Den Kirchturm links konnte man sich eingebildet haben . Aber der Parkkontur war plötzlich da , hoch , beinahe über einem , und man befand sich in der langen Allee . Das Geläut fiel nicht mehr ganz ab ; es war , als hängte es sich in Trauben rechts und links an die Bäume . Dann schwenkte man und fuhr rund um etwas herum und rechts an etwas vorbei und hielt in der Mitte . Georg hatte ganz vergessen , daß das Haus nicht da war , und für uns alle war es in diesem Augenblick da . Wir stiegen die Freitreppe hinauf , die auf die alte Terrasse führte , und wunderten uns nur , daß es ganz dunkel sei . Auf einmal ging eine Tür , links unten hinter uns , und jemand rief : » Hierher ! « und hob und schwenkte ein dunstiges Licht . Mein Vater lachte : » Wir steigen hier herum wie die Gespenster « , und er half uns wieder die Stufen zurück . » Aber es war doch eben ein Haus da « , sagte Maman und konnte sich gar nicht so rasch an Wjera Schulin gewöhnen , die warm und lachend herausgelaufen war . Nun mußte man natürlich schnell hinein , und an das Haus war nicht mehr zu denken . In einem engen Vorzimmer wurde man ausgezogen , und dann war man gleich mitten drin unter den Lampen und der Wärme gegenüber . Diese Schulins waren ein mächtiges Geschlecht selbständiger Frauen . Ich weiß nicht , ob es Söhne gab . Ich erinnere mich nur dreier Schwestern ; der ältesten , die an einen Marchese in Neapel verheiratet gewesen war , von dem sie sich nun langsam unter vielen Prozessen schied . Dann kam Zoë , von der es hieß , daß es nichts gab , was sie nicht wußte . Und vor allem war Wjera da , diese warme Wjera ; Gott weiß , was aus ihr geworden ist . Die Gräfin , eine Narischkin , war eigentlich die vierte Schwester und in gewisser Beziehung die jüngste . Sie wußte von nichts und mußte in einem fort von ihren Kindern unterrichtet werden . Und der gute Graf Schulin fühlte sich , als ob er mit allen diesen Frauen verheiratet sei , und ging herum und küßte sie , wie es eben kam . Vor der Hand lachte er laut und begrüßte uns eingehend . Ich wurde unter den Frauen weitergegeben und befühlt und befragt . Aber ich hatte mir fest vorgenommen , wenn das vorüber sei , irgendwie hinauszugleiten und mich nach dem Haus umzusehen . Ich war überzeugt , daß es heute da sei . Das Hinauskommen war nicht so schwierig ; zwischen allen den Kleidern kam man unten durch wie ein Hund , und die Tür nach dem Vorraum zu war noch angelehnt . Aber draußen die äußere wollte nicht nachgeben . Da waren mehrere Vorrichtungen , Ketten und Riegel , die ich nicht richtig behandelte in der Eile . Plötzlich ging sie doch auf , aber mit lautem Geräusch , und eh ich draußen war , wurde ich festgehalten und zurückgezogen . » Halt , hier wird nicht ausgekniffen « , sagte Wjera Schulin belustigt . Sie beugte sich zu mir , und ich war entschlossen , dieser warmen Person nichts zu verraten . Sie aber , als ich nichts sagte , nahm ohne weiters an , eine Nötigung meiner Natur hätte mich an die Tür getrieben ; sie ergriff meine Hand und fing schon an zu gehen und wollte mich , halb vertraulich , halb hochmütig , irgendwohin mitziehen . Dieses intime Mißverständnis kränkte mich über die Maßen . Ich riß mich los und sah sie böse an . » Das Haus will ich sehen « , sagte ich stolz . Sie begriff nicht . » Das große Haus draußen an der Treppe . « » Schaf « , machte sie und haschte nach mir , » da ist doch gar kein Haus mehr . « Ich bestand darauf . » Wir gehen einmal bei Tage hin « , schlug sie einlenkend vor , » jetzt kann man da nicht herumkriechen . Es sind Löcher da , und gleich dahinter sind Papas Fischteiche , die nicht zufrieren dürfen . Da fällst du hinein und wirst ein Fisch . « Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben . Da saßen sie alle und sprachen , und ich sah sie mir der Reihe nach an : die gehen natürlich nur hin , wenn es nicht da ist , dachte ich verächtlich ; wenn Maman und ich hier wohnten , so wäre es immer da . Maman sah zerstreut aus , während alle zugleich redeten . Sie dachte gewiß an das Haus . Zoë setzte sich zu mir und stellte mir Fragen . Sie hatte ein gutgeordnetes Gesicht , in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit erneute , als sähe sie beständig etwas ein . Mein Vater saß etwas nach rechts geneigt und hörte der Marchesin zu , die lachte . Graf Schulin stand zwischen Maman und seiner Frau und erzählte etwas . Aber die Gräfin unterbrach ihn , sah ich , mitten im Satze . » Nein , Kind , das bildest du dir ein « , sagte der Graf gutmütig , aber er hatte auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht , das er vorstreckte über den beiden Damen . Die Gräfin war von ihrer sogenannten Einbildung nicht abzubringen . Sie sah ganz angestrengt aus , wie jemand , der nicht gestört sein will . Sie machte kleine , abwinkende Bewegungen mit ihren weichen Ringhänden , jemand sagte » sst « , und es wurde plötzlich ganz still . Hinter den Menschen drängten sich die großen Gegenstände aus dem alten Hause , viel zu nah . Das schwere Familiensilber glänzte und wölbte sich , als sähe man es durch Vergrößerungsgläser . Mein Vater sah sich befremdet um . » Mama riecht « , sagte Wjera Schulin hinter ihm , » da müssen wir immer alle still sein , sie riecht mit den Ohren « , dabei aber stand sie selbst mit hochgezogenen Augenbrauen da , aufmerksam und ganz Nase . Die Schulins waren in dieser Beziehung ein bißchen eigen seit dem Brande . In den engen , überheizten Stuben kam jeden Augenblick ein Geruch auf , und dann untersuchte man ihn , und jeder gab seine Meinung ab . Zoë machte sich am Ofen zu tun , sachlich und gewissenhaft , der Graf ging umher und stand ein wenig in jeder Ecke und wartete ; » hier ist es nicht « , sagte er dann . Die Gräfin war aufgestanden und wußte nicht , wo sie suchen sollte . Mein Vater drehte sich langsam um sich selbst , als hätte er den Geruch hinter sich . Die Marchesin , die sofort angenommen hatte , daß es ein garstiger Geruch sei , hielt ihr Taschentuch vor und sah von einem zum andern , ob es vorüber wäre . » Hier , hier « , rief Wjera von Zeit zu Zeit , als hätte sie ihn . Und um jedes Wort herum war es merkwürdig still . Was mich angeht , so hatte ich fleißig mitgerochen . Aber auf einmal ( war es die Hitze in den Zimmern oder das viele nahe Licht ) überfiel mich zum erstenmal in meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht . Es wurde mir klar , daß alle die deutlichen großen Menschen , die eben noch gesprochen und gelacht hatten , gebückt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem beschäftigten ; daß sie zugaben , daß da etwas war , was sie nicht sahen . Und es war schrecklich , daß es stärker war als sie alle . Meine Angst steigerte sich . Mir war , als könnte das , was sie suchten , plötzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag ; und dann würden sie es sehen und nach mir zeigen . Ganz verzweifelt sah ich nach Maman hinüber . Sie saß eigentümlich gerade da , mir kam vor , daß sie auf mich wartete . Kaum war ich bei ihr und fühlte , daß sie innen zitterte , so wußte ich , daß das Haus jetzt erst wieder verging . » Malte , Feigling « , lachte es irgendwo . Es war Wjeras Stimme . Aber wir ließen einander nicht los und ertrugen es zusammen ; und wir blieben so , Maman und ich , bis das Haus wieder ganz vergangen war . Am reichsten an beinah unfaßbaren Erfahrungen waren aber doch die Geburtstage . Man wußte ja schon , daß das Leben sich darin gefiel , keine Unterschiede zu machen ; aber zu diesem Tage stand man mit einem Recht auf Freude auf , an dem nicht zu zweifeln war . Wahrscheinlich war das Gefühl dieses Rechts ganz früh in einem ausgebildet worden , zu der Zeit , da man nach allem greift und rein alles bekommt und da man die Dinge , die man gerade festhält , mit unbeirrbarer Einbildungskraft zu der grundfarbigen Intensität des gerade herrschenden Verlangens steigert . Dann aber kommen auf einmal jene merkwürdigen Geburtstage , da man , im Bewußtsein dieses Rechtes völlig befestigt , die anderen unsicher werden sieht . Man möchte wohl noch wie früher angekleidet werden und dann alles Weitere entgegennehmen . Aber kaum ist man wach , so ruft jemand draußen , die Torte sei noch nicht da ; oder man hört , daß etwas zerbricht , während nebenan der Geschenktisch geordnet wird ; oder es kommt jemand herein und läßt die Türe offen , und man sieht alles , ehe man es hätte sehen dürfen . Das ist der Augenblick , wo etwas