. Die beiden andern begrüßten ihn erfreut und äußerten einige Überraschung . Leo setzte sich zu ihnen : » Ich habe ja gehört « , sagte er , » wie Sie gestern Abend Ihre Partie verabredet haben , und als wir heute schon um neun aus der Kaserne entlassen wurden , dacht ich mir gleich , es wäre doch hübsch mit zwei klugen , sympathischen Menschen eine Stunde im Freien zu verplauschen . So bin ich nach Haus , hab mich in Zivil geworfen und auf den Weg gemacht . « Er sagte das in seinem gewöhnlichen , liebenswürdigen , fast naiv klingenden Ton , der Georg immer wieder gefangen nahm , aber in der Erinnerung für ihn einen Beiklang von Ironie , ja von Falschheit zu bekommen pflegte . Doch schien dieser gleichsam schillernde Klang Leos Worten nur in gleichgültiger Unterhaltung eigen ; ernste Gespräche wußte er mit einer Bestimmtheit zu führen , die Georg geradezu imponierte . In der letzten Zeit hatte er einigemale Gelegenheit gehabt , im Kaffeehaus Diskussionen zwischen Leo und Heinrich über kunsttheoretische Fragen , insbesondere über die Beziehungen zwischen den Gesetzen der Musik und der Mathematik anzuhören . Leo glaubte der Ursache auf der Spur zu sein , aus der Dur- und Molltonarten die menschliche Seele in so verschiedener Weise berührten . Gerne folgte Georg seinen klaren und scharfsinnigen Auseinandersetzungen , wenn sich auch etwas in ihm gegen den verwegenen Versuch wehrte , allen Zauber und alles Geheimnis der Klänge aus dem Walten von Gesetzen gedeutet zu hören , die , ebenso unerbittlich wie diejenigen , nach denen sich Erde und Sterne drehten , mit jenen ewigen aus gleicher Wurzel stammen sollten . Nur wenn Heinrich die Theorien Leos weiterzuführen und gelegentlich auf Schöpfungen der Wortkunst anzuwenden suchte , wurde Georg ungeduldig und fühlte sich sofort als stillen Verbündeten Leos , der zu Heinrichs phantastischen und wirren Ausführungen mild zu lächeln pflegte . Das Essen wurde aufgetragen , und die jungen Leute ließen sichs schmecken ; Heinrich nicht weniger als die andern , trotzdem er sich über die Minderwertigkeit der Küche höchst mißbilligend äußerte und das Vorgehen des Wirts nicht nur als Ausdruck persönlich niedriger Gesinnung , sondern als charakteristisch für den Niedergang Österreichs auf vielen andern Gebieten aufzufassen geneigt war . Das Gespräch kam auf die militärischen Zustände des Landes , und Leo gab Schilderungen von Kameraden und Vorgesetzten zum besten , über die die beiden andern sich sehr amüsierten . Insbesondere ein Oberleutnant gab zur Heiterkeit Anlaß , der sich der Freiwilligenabteilung mit den gefahrverkündenden Worten vorgestellt hatte : » Mit mir wern S ' nix zu lachen haben , ich bin eine Bestie in Menschengestalt . « Während sie noch aßen , trat ein Herr an den Tisch , schlug die Hacken aneinander , legte die Hand salutierend an die Radfahrkappe , grüßte mit einem scherzhaften » all Heil « , fügte für Leo noch ein kameradschaftliches » servus « hinzu und stellte sich Heinrich vor : » Josef Rosner ist mein Name « . Hierauf begann er jovial die Unterhaltung mit den Worten : » Die Herren machen auch eine Radpartie ... « Da man nicht widersprach , fuhr er fort : » Die letzten schönen Tage muß man benützen , lange wird ja die Herrlichkeit nicht mehr dauern . « » Wollen Sie nicht Platz nehmen , Herr Rosner ? « fragte Georg höflich . » Küß die Hand , aber ... « , er wies auf seine Gesellschaft ... » wir sind soeben im Aufbruch begriffen , haben noch viel vor , fahren bis Tulln hinunter und dann über Stockerau nach Wien . Die Herren erlauben ... « er nahm ein Zündhölzchen vom Tisch und brannte seine Zigarette vornehm an . » Bei was für einem Klub bist du denn eigentlich ? « fragte Leo , und Georg wunderte sich über das » du « , bis ihm einfiel , daß die beiden Jugendbekannte waren . » Das ist der Sechshauser Radfahrklub « , erwiderte Josef . Obzwar kein Staunen geäußert wurde , setzte er hinzu : » Die Herren werden sich wundern , daß ich als Margaretner Kind diesem vorortlichen Klub angehöre , aber es ist auch nur , weil ein guter Freund von mir dort Obmann ist . Sehen Sie dieser Dicke dort , der jetzt gerade in den Rock hineinschlieft . Es ist nämlich der junge Jalaudek , der Sohn von dem Stadtrat und Abgeordneten . « » Jalaudek ... « , wiederholte Heinrich mit deutlichem Ekel in der Stimme und sagte nichts weiter . » Ah « , meinte Leo , » das ist ja der , der neulich in einer Debatte über den Volksbildungsverein diese prachtvolle Definition von Wissenschaft gegeben hat . Haben Sie nicht gelesen ? « wandte er sich zu den andern . Diese erinnerten sich nicht . » Wissenschaft « , zitierte Leo , » Wissenschaft ist das , was ein Jud vom andern abschreibt . « Alle lachten . Auch Josef , der aber sofort erläuterte : » Eigentlich ist er gar nicht so , ich kenn ihn ja . Nur im politischen Leben ist er so grob ... weil also nämlich da die Gegensätze aufeinanderplatzen in unserm lieben Österreich . Aber für gewöhnlich ist er ein sehr umgänglicher Herr . Da ist der Junge viel radikaler . « » Ist euer Klub christlich-sozial oder deutsch-national ? « fragte Leo verbindlich . » O , da wird bei uns kein Unterschied gemacht , nur natürlich , wie das schon so ist ... « , er unterbrach sich plötzlich verlegen . » Nun ja « , ermutigte ihn Leo , » daß euer Klub judenrein ist , das ist doch selbstverständlich . Man merkt ' s auch schon von weitem . « Josef hielt es für das richtigste zu lachen . Dann sagte er : » O bitte sehr , auf den Bergen schweigt die Politik ; überhaupt die Herren machen sich da falsche Begriffe , wenn wir schon über dieses Thema reden . Wir haben zum Beispiel einen im Klub , der ist mit einer Israelitin verlobt . Aber sie winken mir schon . Habe die Ehre , meine Herrschaften , servus Leo , all Heil . « Er salutierte wieder und entfernte sich wiegenden Schrittes . Die andern , unwillkürlich lächelnd , blickten ihm nach . Dann fragte Leo plötzlich zu Georg gewandt : » Wie geht ' s denn eigentlich seiner Schwester mit dem Singen ? « » Wie ? « sagte Georg aufgeschreckt und leicht errötend . » Therese erzählt mir « , fuhr Leo ruhig fort , » daß Sie zuweilen mit Anna musizieren . Ist denn die Stimme jetzt in Ordnung ? « » Ja « , entgegnete Georg zögernd , » ich glaube schon , jedenfalls finde ich sie sehr angenehm , sehr wohllautend , besonders in der tiefern Lage . Schade , daß sie eben nicht ausreicht , für größere Räume , mein ich . « » Nicht ausreicht « , wiederholte Leo nachdenklich , » das ist auch so ein Wort . « » Wie würden Sie es denn bezeichnen ? « Leo zuckte die Achseln und blickte Georg ruhig an . » Sehen Sie « , sagte er , » ich habe die Stimme auch immer sehr sympathisch gefunden , aber selbst zur Zeit , als Anna die Idee hatte zur Bühne zu gehen ... ehrlich gestanden , ich habe nie geglaubt , daß aus der Sache was wird . « » Sie haben eben wahrscheinlich gewußt « , entgegnete Georg absichtlich leicht , » daß Fräulein Anna an dieser eigentümlichen Schwäche der Stimmbänder leidet . « » Ja freilich wußt ich das ; aber wäre sie zu einer künstlerischen Laufbahn bestimmt gewesen , innerlich bestimmt meine ich , so hätte sie diese Schwäche eben überwunden . « » Sie glauben ? « » Ja , das glaub ich , das glaub ich ganz entschieden . Darum find ich , daß solche Worte wie eigentümliche Schwäche , oder die Stimme reicht nicht aus gewissermaßen Umschreibungen für etwas Tieferes , Seelisches bedeuten . Es liegt offenbar nicht in der Linie ihres Schicksals , eine Künstlerin zu werden , das ist es . Sie war sozusagen von Anbeginn dazu bestimmt , im Bürgerlichen zu enden . « Heinrich war mit der Theorie von der Schicksalslinie höchst einverstanden und führte den Gedanken in seiner krausen Art weiter und immer weiter , vom Geistreichen übers Verdrehte ins Unsinnige . Dann machte er den Vorschlag , man sollte sich für eine halbe Stunde auf die Wiese hin in die Sonne legen , die in diesem Jahr wohl nicht mehr oft so warm herunterscheinen werde . Die andern stimmten zu . Hundert Schritt weit vom Wirtshaus streckten sich Georg und Leo auf ihre Mäntel aus . Heinrich setzte sich ins Gras , verschränkte die Arme über den Knien und sah vor sich hin . Zu seinen Füßen senkte sich die Wiese zum Walde hinab . Tiefer unten , in lockeres Laub vergraben , ruhten die Landhäuser von Neuwaldegg . Aus bläulich-grauen Nebeln hervor schimmerten die Turmkreuze und sonngeblendeten Fenster der Stadt , und ganz fern , als trüge bewegter Dunst sie empor , schwebte und verdämmerte die Ebene . Spaziergänger schritten über die Wiese dem Wirtshaus zu . Einige grüßten im Vorübergehen und einer , ein noch junger Mann , der ein Kind an der Hand führte , bemerkte zu Heinrich : » Das ist aber einmal ein schöner Tag , grad als wie im Mai . « Heinrich fühlte anfangs gegen seinen Willen , wie manchmal solch wohlfeiler , aber unvermuteter Freundlichkeit gegenüber , gleichsam sein Herz aufgehen . Sofort aber besann er sich , denn er wußte ja , auch dieser junge Mann war nur von der Milde des Tags , dem Frieden der Landschaft wie berauscht ; in der Tiefe der Seele war auch der ihm feindselig gesinnt , gleich all den andern , die so harmlos an ihm vorbeispazierten . Und er verstand es wieder einmal selbst nicht recht , warum der Anblick dieser sanft-bewegten Hügel , dieser verdämmernden Stadt ihn so schmerzlich süß ergriff , da ihm doch die Menschen , die hier zu Hause waren , so wenig und selten etwas Gutes bedeuteten . Der Radfahrklub sauste über die nahe Straße , die umgehängten Röcke wehten , die Embleme leuchteten , und ein rohes Lachen schallte über die Wiese . » Gräßliches Volk « , meinte Leo beiläufig , ohne den Platz zu verändern . Heinrich wies mit einer unbestimmten Kopfbewegung nach unten . » Und solche Kerle « , sagte er mit zugepreßten Zähnen , » bilden sich dann noch ein , daß sie da eher zu Hause sind als unsereiner . « » Nun ja « , entgegnete Leo ruhig , » da werden sie wohl nicht so unrecht haben , diese Kerle . « Heinrich wandte sich höhnisch zu ihm : » Verzeihen Sie , Leo , ich vergaß einen Augenblick , daß Sie selbst den Wunsch hegen , nur als geduldet zu gelten . « » Das wünsche ich keineswegs « , erwiderte Leo lächelnd , » und Sie brauchen mich nicht gleich so boshaft mißzuverstehen . Aber daß diese Leute sich als die Einheimischen ansehen und Sie und mich als die Fremden , das kann man ihnen doch nicht übel nehmen . Das ist doch schließlich nur der Ausdruck ihres gesunden Instinktes für eine anthropologisch und geschichtlich feststehende Tatsache . Dagegen und daher auch gegen alles , was daraus folgt , ist weder mit jüdischen noch mit christlichen Sentimentalitäten etwas auszurichten . « Und sich zu Georg wendend , fragte er in allzu verbindlichem Ton : » Finden Sie nicht auch ? « Georg errötete , räusperte , kam aber nicht dazu zu erwidern , da Heinrich , auf dessen Stirn zwei tiefe Falten erschienen , sofort erbittert das Wort nahm : » Mein Instinkt ist mir mindestens ebenso maßgebend wie der der Herren Jalaudek junior und senior , und dieser Instinkt sagt mir untrüglich , daß hier , gerade hier meine Heimat ist und nicht in irgend einem Land , das ich nicht kenne , das mir nach den Schilderungen nicht im geringsten zusagt und das mir gewisse Leute jetzt als Vaterland einreden wollen , mit der Begründung , daß meine Urahnen vor einigen tausend Jahren gerade von dort aus in die Welt verstreut worden sind . Wozu noch zu bemerken wäre , daß die Urahnen des Herrn Jalaudek , und selbst die unseres Freundes , des Freiherrn von Wergenthin , gerade so wenig hier zu Hause gewesen sind , als die meinen und die Ihrigen . « » Sie dürfen mir nicht böse sein « , erwiderte Leo , » aber Ihr Blick in diesen Dingen ist doch ein wenig beschränkt . Sie denken immer an sich und an den nebensächlichen Umstand ... pardon für diese Frage nebensächlichen Umstand , daß Sie ein Dichter sind , der zufällig , weil er in einem deutschen Land geboren , in deutscher Sprache und , weil er in Österreich lebt , über österreichische Menschen und Verhältnisse schreibt . Es handelt sich aber in erster Linie gar nicht um Sie und auch nicht um mich , auch nicht um die paar jüdischen Beamten , die nicht avancieren , die paar jüdischen Freiwilligen , die nicht Offiziere werden , die jüdischen Dozenten , die man nicht oder verspätet zu Professoren macht , das sind lauter Unannehmlichkeiten zweiten Ranges sozusagen ; es handelt sich hier um ganz andre Menschen , die Sie nicht genau oder gar nicht kennen , und um Schicksale , über die Sie , ich versichere Sie , lieber Heinrich , über die Sie gewiß , trotz der Verpflichtung , die Sie eigentlich dazu hätten , noch nicht gründlich genug nachgedacht haben . Gewiß nicht ... sonst könnten Sie über all diese Dinge nicht in so oberflächlicher und in so ... egoistischer Weise reden , wie Sie es tun . « Er erzählte dann von seinen Erlebnissen auf dem Basler Zionistenkongreß , an dem er im vorigen Jahre teilgenommen hatte und wo ihm ein tieferer Einblick in das Wesen und den Gemütszustand des jüdischen Volkes gewährt worden wäre als je zuvor . In diese Menschen , die er zum erstenmal in der Nähe gesehen , war die Sehnsucht nach Palästina , das wußte er nun , nicht künstlich hineingetragen ; in ihnen wirkte sie als ein echtes , nie erloschenes und nun mit Notwendigkeit neu aufflammendes Gefühl . Daran konnte keiner zweifeln , der , wie er , den heiligen Zorn in ihren Blicken hatte aufleuchten sehen , als ein Redner erklärte , daß man die Hoffnung auf Palästina vorläufig aufgeben und sich mit Ansiedlungen in Afrika und Argentinien begnügen müsse . Ja , alte Männer , nicht etwa ungebildete , nein , gelehrte , weise Männer hatte er weinen gesehen , weil sie fürchten mußten , daß das Land ihrer Väter , das sie , auch bei Erfüllung der kühnsten zionistischen Pläne , doch keineswegs mehr selbst hätten betreten können , sich vielleicht auch ihren Kindern und Kindeskindern niemals erschließen würde . Verwundert , ja ein wenig ergriffen hatte Georg zugehört . Heinrich aber , der während Leos Erzählung mit kurzen Schritten auf der Wiese hin und hergegangen war , erklärte , daß ihm der Zionismus als die schlimmste Heimsuchung erschiene , die jemals über die Juden hereingebrochen war , und gerade Leos Worte hätten ihn davon tiefer überzeugt , als irgend eine Überlegung oder Erfahrung zuvor . Nationalgefühl und Religion , das waren seit jeher Worte , die in ihrer leichtfertigen , ja tückischen Vieldeutigkeit ihn erbitterten . Vaterland ... das war ja überhaupt eine Fiktion , ein Begriff der Politik , schwebend , veränderlich , nicht zu fassen . Etwas Reales bedeutete nur die Heimat , nicht das Vaterland ... und so war Heimatsgefühl auch Heimatsrecht . Und was die Religionen anbelangte , so ließ er sich christliche und jüdische Legenden so gut gefallen , als hellenische und indische ; aber jede war ihm gleich unerträglich und widerlich , wenn sie ihm ihre Dogmen aufzudrängen suchte . Und zusammengehörig fühlte er sich mit niemandem , nein mit niemandem auf der Welt . Mit den weinenden Juden in Basel gerade so wenig , als mit den grölenden Alldeutschen im österreichischen Parlament ; mit jüdischen Wucherern so wenig , als mit hochadeligen Raubrittern ; mit einem zionistischen Branntweinschänker so wenig , als mit einem christlich-sozialen Greisler . Und am wenigsten würde ihn je das Bewußtsein gemeinsam erlittener Verfolgung , gemeinsam lastenden Hasses mit Menschen verbinden , denen er sich innerlich fern fühle . Als moralisches Prinzip und als Wohlfahrtsaktion wollte er den Zionismus gelten lassen , wenn er sich aufrichtig so zu erkennen gäbe ; die Idee einer Errichtung des Judenstaates auf religiöser und nationaler Grundlage erscheine ihm wie eine unsinnige Auflehnung gegen den Geist aller geschichtlichen Entwicklung . » Und in der Tiefe Ihrer Seele « , rief er aus , vor Leo stehen bleibend , » glauben auch Sie nicht daran , daß dieses Ziel je zu erreichen sein wird , ja wünschen es nicht einmal , wenn Sie sich auch auf dem Wege hin aus dem oder jenem Grunde behagen . Was ist Ihnen Ihr Heimatland Palästina ? Ein geographischer Begriff . Was bedeutet Ihnen der Glaube Ihrer Väter ? Eine Sammlung von Gebräuchen , die Sie längst nicht mehr halten und von denen Ihnen die meisten gerade so lächerlich und abgeschmackt vorkommen , als mir . « Sie redeten noch lang , bald heftig und beinahe feindselig , dann wieder ruhig und in dem ehrlichen Bestreben einander zu überzeugen ; fanden sich manchmal wie erstaunt in einer gleichen Ansicht , um einander im nächsten Augenblick in einem neuen Widerspruch zu verlieren . Georg , auf seinen Mantel gestreckt , hörte ihnen zu . Bald neigte sein Sinn sich Leo zu , in dessen Worten ihm ein glühendes Mitleid für seine unglücklichen Stammesgenossen zu beben schien , und der sich stolz von Menschen abkehrte , die ihn als ihresgleichen nicht wollten gelten lassen . Bald wieder war er innerlich Heinrich näher , der sich zornig von einem Beginnen abwandte , das , phantastisch und kurzsichtig zugleich , die Angehörigen einer Rasse , deren Beste überall in der Kultur ihres Wohnlandes aufgegangen waren , oder mindestens an ihr mitarbeiteten , von allen Enden der Welt versammeln und in eine gemeinsame Fremde senden wollte , nach der sie kein Heimweh rief . Und eine Ahnung stieg in Georg auf , wie schwer gerade diesen Besten , von denen Heinrich sprach , denen , in deren Seelen sich die Zukunft der Menschheit vorbereitete , eine Entscheidung fallen mußte ; wie gerade ihnen , hin und hergeworfen zwischen der Scheu , zudringlich zu erscheinen und der Erbitterung über die Zumutung , einer frechen Überzahl weichen zu sollen , zwischen dem eingeborenen Bewußtsein , daheim zu sein , wo sie lebten und wirkten , und der Empörung , sich eben da verfolgt und beschimpft zu sehen ; wie gerade ihnen zwischen Trotz und Ermattung das Gefühl ihres Daseins , ihres Wertes und ihrer Rechte sich verwirren mußte . Zum erstenmal begann ihm die Bezeichnung Jude , die er selbst so oft leichtfertig , spöttisch und verächtlich im Mund geführt hatte , in einer ganz neuen gleichsam düstern Beleuchtung aufzugehen . Eine Ahnung von dieses Volkes geheimnisvollem Los dämmerte in ihm auf , das sich irgendwie in jedem aussprach , der ihm entsprossen war ; nicht minder in jenen , die diesem Ursprung zu entfliehen trachteten wie einer Schmach , einem Leid oder einem Märchen , das sie nichts kümmerte , als in jenen , die mit Hartnäckigkeit auf ihn zurückwiesen , wie auf ein Schicksal , eine Ehre oder eine Tatsache der Geschichte , die unverrückbar feststand . Und als er sich in den Anblick der beiden Sprechenden verlor und ihre Gestalten betrachtete , die sich mit scharf gezogenen , heftig bewegten Linien von dem rötlich-violetten Himmel abzeichneten , fiel es ihm nicht zum ersten Male auf , daß Heinrich , der darauf bestand , hier daheim zu sein , in Figur und Geste einem fanatischen , jüdischen Prediger glich , während Leo , der mit seinem Volk nach Palästina ziehen wollte , in Gesichtsschnitt und Haltung ihn an die Bildsäule eines griechischen Jünglings erinnerte , die er einmal im Vatikan oder im Museum von Neapel gesehen hatte . Und wieder einmal , während sein Auge Leos lebhaften und edeln Bewegungen mit Vergnügen folgte , begriff er sehr wohl , daß Anna für den Bruder ihrer Freundin vor Jahren , in jenem Sommer am See , eine schwärmerische Neigung empfunden hatte . Immer noch standen Heinrich und Leo einander auf der Wiese gegenüber , und ins Unentwirrbare verlor sich ihr Gespräch . Die Sätze stürmten ineinander hinein , verkrampfen sich ineinander , schossen aneinander vorbei , gingen ins Leere ; und in irgend einem Augenblick merkte Georg , daß er nur mehr den Klang der Reden hörte , ohne ihrem Inhalt folgen zu können . Ein kühler Wind kam von der Ebene her , und Georg erhob sich leicht erschauernd vom Rasen . Die andern , die seine Anwesenheit beinahe vergessen hatten , waren dadurch zur Gegenwart zurückgerufen , und man beschloß aufzubrechen . Noch leuchtete der volle Tag über der Landschaft , aber die Sonne ruhte dunkelrot und matt über einer länglich gestreckten Abendwolke . Während er seinen Mantel aufs Rad schnallte , sagte Heinrich : » Nach solchen Gesprächen bleibt mir immer eine Unbefriedigung , die sich geradezu bis zu einem wehen Gefühl in der Magengegend steigert . Ja wirklich . Sie führen so gar nirgends hin . Und was bedeuten überhaupt politische Ansichten bei Menschen , denen die Politik nicht zugleich Beruf oder Geschäft ist ? Nehmen sie den geringsten Einfluß auf die Lebensführung , auf die Gestaltung des Daseins ? Sowohl Sie , Leo , als ich , wir beide werden nie etwas anderes tun , nie etwas anderes tun können , als eben das leisten , was uns innerhalb unseres Wesens und unserer Fähigkeiten zu leisten gegeben ist . Sie werden in Ihrem Leben nicht nach Palästina auswandern , selbst wenn der Judenstaat gegründet und Ihnen sofort eine Ministerpräsidenten- oder wenigstens Hofpianistenstelle angetragen würde . « » O das können Sie nicht wissen « , unterbrach ihn Leo . » Ich weiß es ganz bestimmt « , sagte Heinrich . » Dafür gesteh ich Ihnen ja auch zu , daß ich mich trotz meiner vollkommenen Gleichgültigkeit gegen jegliche Religionsform nie und nimmer werde taufen lassen , selbst wenn es möglich wäre was ja heute weniger der Fall ist als je durch solch einen Trug antisemitischer Beschränktheit und Schurkerei für alle Zeit zu entrinnen . « » Hm « , sagte Leo , » aber wenn die Scheiterhaufen wieder angezündet werden ... ? « » Für diesen Fall « , entgegnete Heinrich , » dazu verpflichte ich mich hiermit feierlich , werde ich mich vollkommen nach Ihnen richten . « » O « , wandte Georg ein , » diese Zeiten kommen doch nicht mehr wieder . « Die andern mußten lachen , daß Georg sie durch diese Worte , wie Heinrich bemerkte , im Namen der gesamten Christenheit über ihre Zukunft zu beruhigen so liebenswürdig wäre . Sie hatten indessen die Wiese durchquert . Georg und Heinrich schoben ihre Räder auf dem holprigen Karrenweg vorwärts , Leo ihnen zur Seite , in wehendem Mantel , ging auf dem Rasen hin . Alle schwiegen eine ganze Weile , wie ermüdet . Wo der schlechte Weg in die breite Straße mündete , blieb Leo stehen und sagte : » Hier werden wir uns leider trennen müssen . « Er streckte Georg die Hand entgegen und lächelte . » Sie müssen sich heute nicht übel gelangweilt haben « , sagte er . Georg errötete . » Na hören Sie , Sie halten mich doch für etwas ... « Leo hielt Georgs Hand fest . » Ich halte Sie für einen sehr klugen und auch für einen sehr guten Menschen . Glauben Sie mir das ? « Georg schwieg . » Ich möchte wissen « , fuhr Leo fort , » ob Sie mir das glauben , Georg , es liegt mir daran . « Sein Ton bekam etwas wahrhaft Herzliches . » Ja natürlich glaub ich es Ihnen « , erwiderte Georg , noch immer etwas ungeduldig . » Das freut mich « , sagte Leo , » denn Sie sind mir wirklich sympathisch , Georg . « Er sah ihm tief in die Augen , dann reichte er ihm und Heinrich zum Abschied nochmals die Hand und wandte sich zum Gehen . Georg aber hatte plötzlich die Empfindung , daß dieser junge Mann , der da mit wehendem Mantel , den Kopf leicht gesenkt , in der Mitte der breiten Straße nach abwärts schritt , gar nicht nach einem » zu Hause « wanderte , sondern irgendwohin in eine Fremde , in die man ihm nicht folgen könnte . Diese Empfindung war ihm selbst umso unbegreiflicher , als er mit Leo in der letzten Zeit nicht nur manche Stunde am Kaffeehaustisch im Gespräch verbracht , sondern auch durch Anna über ihn , seine Familie , seine Lebensumstände allerlei Aufklärendes erfahren hatte . Er wußte , daß jener Sommer am See , der nun mit der jugendlichen Schwärmerei Annas sechs Jahre weit zurücklag , für die Familie Golowski den letzten sorgenlosen bedeutet hatte , und daß das Geschäft des Alten im Winter darauf völlig zugrunde gegangen war . Es sollte nun , nach Annas Erzählung , ganz merkwürdig gewesen sein , wie alle Mitglieder der Familie sich so leicht in die geänderten Verhältnisse fügten , als wären sie seit langem auf diesen Umschwung gefaßt gewesen . Aus der behaglichen Wohnung im Rathausviertel übersiedelte man in eine trübselige Gasse in der Nähe des Augartens . Herr Golowski übernahm Vermittlungsgeschäfte aller Art , Frau Golowski verfertigte Handarbeiten zum Verkauf . Therese gab Unterricht in französischer und englischer Sprache und setzte anfangs den Besuch der Schauspielschule fort . Ein junger Violinspieler aus verarmter , russischer Adelsfamilie war es , der ihr Interesse für politische Fragen erweckte . Bald hatte sie der Kunst abgeschworen , für die sie übrigens stets mehr Neigung als Talent gezeigt hatte , und binnen kurzem stand sie als Rednerin und Agitatorin mitten in der sozialdemokratischen Bewegung . Leo , ohne mit ihren Anschauungen übereinzustimmen , freute sich ihres frischen und verwegenen Wesens . Manchmal besuchte er sogar Versammlungen mit ihr ; da er sich aber nicht gern von großen Worten imponieren ließ , weder von Versprechungen , die niemals einzulösen waren , noch von Drohungen , die ins Leere gingen , so machte es ihm Spaß , ihr meist schon auf dem Heimweg mit unwiderleglicher Schärfe die Widersprüche in ihren und der Parteigenossen Reden nachzuweisen . Insbesondere aber versuchte er ihr immer wieder klar zu machen , daß sie nicht , auf Tage und Wochen oft , ihrer großen Aufgabe so vollkommen vergessen könnte , wenn ihr Mitgefühl mit den Armen und Elenden wirklich ein so tiefes wäre , wie sie sich einbildete . Indes , auch Leos Leben ging nach keinem sichern Ziel . Er hörte Vorlesungen an der Technik , gab Klavierlektionen , plante zuweilen sogar eine Virtuosenlaufbahn und übte dann wochenlang fünf bis sechs Stunden täglich . Aber es war noch immer nicht abzusehen , wofür er sich am Ende entscheiden würde . Da es in seiner Art lag , unbewußt auf Wunder zu warten , die ihm Unbequemlichkeiten ersparen konnten , hatte er sein Freiwilligenjahr so lang verschoben , bis der letzte Termin herangerückt war , und diente darum erst jetzt , in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre . Die Eltern ließen Leo und Therese gewähren , und so viel Meinungsverschiedenheiten , so wenig ernstlichen Streit schien es im Hause Golowski zu geben . Die Mutter saß meistens daheim , nähte , stickte und häkelte , der Vater ging seinen Geschäften immer saumseliger nach und sah lieber im Kaffeehaus den Schachspielern zu , ein Vergnügen , in dem er den Niedergang seines Daseins zu vergessen vermochte . Seinen Kindern gegenüber schien er seit dem Ruin des Geschäftes eine gewisse Befangenheit nicht los zu werden , so daß er beinahe stolz war , wenn Therese ihm gelegentlich einen von ihr verfaßten Artikel zu lesen gab , oder wenn Leo sich herbeiließ , mit ihm am Sonntag Nachmittag eine Partie auf dem geliebten Brett zu spielen . Georg kam es manchmal vor , als stünde seine eigene Sympathie für Leo mit jener längst verflossenen Neigung Annas für ihn in einem tiefern Zusammenhang . Denn nicht zum ersten Male fühlte er sich in ganz sonderbarer Weise zu einem Manne hingezogen , dem früher eine Seele zugeflogen war , die jetzt ihm gehörte . Georg und Heinrich hatten ihre Räder bestiegen und fuhren eine schmale Straße , durch dichten , dunkelnden Wald . Später , da dieser sich wieder zu beiden Seiten zurückschob , hatten sie die sinkende Sonne im Rücken , und die langgestreckten Schatten ihrer eigenen Gestalten auf den Rädern liefen ihnen voraus . Entschiedener senkte sich die Straße und führte bald zwischen niedern Häusern hin , die von rötlichem Laub überhangen waren . Ein uralter Mann saß vor einer Haustür auf einer Bank , zu einem offenen Fenster sah ein bleiches Kind heraus . Sonst war kein menschliches Wesen zu sehen . » Wie ein verzaubertes Dorf « , sagte Georg . Heinrich nickte . Er kannte den Ort . Auch hier war er mit der Geliebten gewesen , an einem wundervollen Sommertag dieses Jahres . Er dachte daran , und brennende Sehnsucht zuckte ihm durchs Herz . Und er erinnerte sich der letzten Stunden , die er in Wien mit ihr gemeinsam verbracht hatte , in seinem kühlen Zimmer , mit den herabgelassenen Jalousien , durch deren Spalten der heiße Augustmorgen geflimmert