erinnerst Dich , daß mir der Graf Topf rätselhaft war . Ich glaube jetzt etwas mehr auf dem Reinen mit ihm zu sein . Vor einiger Zeit kam ein Graf Fips hier an , ein Ohrfeigengesicht , offenbar um des Grafen Tochter Alberta zu freien . Ich schrieb nach der Stadt einem jungen Manne aus den sogenannten vornehmen Ständen , der sich immer sehr freundschaftlich gegen mich bewiesen hatte , und bat um Auskunft über diesen Herrn Fips , und was man von unserem Grafen sage . Der junge Adelige schrieb sehr unbefangen und wie es schien , sehr genau unterrichtet . Fips suche eine reiche Frau ; außer diesem Wünschen sei nichts an ihm : das war leicht glaublich . Das Urteil über den Grafen klingt bizarr , ist aber so mit richtigen Details unterstützt , und paßt im höheren Stile wirklich zu dieser originellen Figur . » Graf Topf « - sagt der Briefsteller , - » ist von Jugend auf ein Mann der Mode gewesen , aber immer der neuesten , so daß er seinen Umgebungen immer voraus war , und darum stets wunderlich erschien . Als die Mode aufkam , nach Italien zu reisen , ging er auf mehrere Jahre hin und errichtete in Florenz ein glänzendes Haus für alle Künstler , die bei ihm wohnten und lebten ; er war bald eine Behörde der dortigen Kunst . - Als die Franzosen vertrieben waren , und alles gegen sie schimpfte , war er der erste Napoleonspoet , und verteidigte ihn gegen alle Welt . Zur Zeit der europäischen Kongresse begann die Aristokratie ein neues übermütiges Leben , ihr Muster war Graf Topf , der schon ein halbes Jahr vorher in der Residenz den Grandseigneur spielte , von dem man damals glaubte , er ruiniere sich aus eitel Hochmut . Damals lebten ab und zu in seinem Hause die bedeutendsten Schriftsteller der Reaktion . Herr von Haller war viel willkommen , Kotzebue sehr wohl aufgenommen , Herr von Stourdza hatte sein Absteigequartier beim Grafen Topf , und Frau von Krüdener trank alle Tage Tee bei ihm und segnete die Teegesellschaft . Nur die Turnzeit , das altdeutsch gebundene Gesangbuch der Reaktion , hat er beinahe verpaßt . Das allzu Demokratische daran mochte ihn eine Zeitlang abgehalten haben , sich damit einzulassen , und wahrscheinlich hoffte er , die Richtung werde bald vorübergehen . Dennoch erinnern sich noch sehr viele lebhaft , daß er einer durchziehenden Turnerbande ein großes altdeutsches Mahl gerüstet , und weil er nicht schnell genug einen deutschen Rock bei der Hand gehabt , mit bloßem Halse und halb entblößter Brust dem alten Jahn gegenüber im Schlafrock präsidiert habe . Man erinnert sich noch eines lebhaften Streites , den er mit jenem geführt , ob Kastanien eine echte deutsche Frucht seien . Jahn verneinte es zürnend , und warf eine große hölzerne Schüssel , - denn Topf tat nichts halb , und alles Geschirr war antik - voll Kastanien an die Erde , obwohl seine Turner sich ein wenig opponierten , weil ihnen die schmackhaften Maronen behagten . Eicheln , Topf , wuchsen im Teutoburger Walde , Eicheln , nicht aber diese welschen überalpigen Gewächse , mit denen wahrscheinlich Hannibal seine Truppen zu Capua verweichelte . Tu mir nicht ein Gleiches mit meinen jungen Söhnen Teuts , Topf , ich beschwöre Dich bei Hertas weißen Rossen . Der Graf argumentierte eine Zeitlang mit dem Nibelungenliede , dann gab er gerührt nach , und umarmte Jahn mit den Worten : So retten wir Deutschland vor ausländischem Tand . - Jahn , keine Kastanien ! Als der spanische Corteskrieg ausbrach , hatte er sich wahrscheinlich mit dem englischen Unterhause in Rapport gesetzt , kurz mehrere Tage vorher , eh ' Canning zu St. Stephan sich erhob und seinen liberalen Donner über Europa schleuderte , hielt der Graf Topf bei einem Gastmahl eine ähnliche Rede , und ward so lange für verrückt gehalten , bis die Zeitungen aus England ankamen . Lang vor der Schlacht bei Navarin war er der renommierteste Philhellene im ganzen Lande und teilte oft englische Griechenlieder mit , welche ihm sein Spezialissimus Lord Byron geschickt haben sollte . Noch ehe der Kaiser Nikolaus daran dachte , den Verdienstadel gegen den Erbadel zu erheben , verteidigte er mit steigender Beredsamkeit diese Idee und focht gegen die Türken und gegen den Halbmond , eh ' die russischen Truppen dazu kommandiert wurden . Seine unverkennbare Absicht ist immer dahin gegangen , den weitsehenden Politiker , den Mann der modernsten Bildung zu spielen ; man weiß nicht , ob er je ein wichtiges Staatsamt gesucht , oder nur den Titel eines Gonfaloniere der Zeit erstrebt ; aber trotz seiner extremen Handelsweise , die ihn oft vorübergehend lächerlich gemacht hat , steht er in dem Rufe großer Klugheit , und alle Welt ist der Meinung , daß er sich jetzt mit jungen Geistern Ihrer Art umgibt , damit er der Zeit vorausgehoben werde . Nach dem , was jetzt in Frankreich vorgefallen , scheint es ihm wirklich wieder gelungen zu sein , denn ich kenne ja Ihre liberale Richtung , die wahrscheinlich auch Ihre Freunde teilen . Man spricht neben der Julirevolution nur vom Grafen Topf und seinem historischen Treffer , und Sie werden wahrscheinlich bald mehrere der hiesigen Notabilitäten auf Grünschloß sehen , welche das Terrain rekognoszieren wollen . Das wird des Grafen größte Freude sein . Sein Vermögen ist zwar durch seine kühne Art zu leben ein wenig erschüttert , aber noch keineswegs zerrüttet , und er wird bei der Vermählung seiner Tochter keiner andern Rücksicht folgen , als sie dem historisch modernsten Manne zu geben . Stand , Vermögen wird gar nicht in Betracht kommen , schon weil es jetzt Mode wird , die sogenannten geistigen Vorzüge im Gegensatz zu den herkömmlichen allein zu beachten . Von dieser Seite also , werter Freund , steht Ihnen gar nichts im Wege , wenn Sie Absichten auf die schöne Alberta haben - davon ist man jetzt nach den Julitagen allgemein überzeugt , daß Graf Fips nicht reüssiert . « - Soviel aus jenem Briefe . Denke Dir nun den Grafen als einen Fünfziger , als einen Mann von den feinsten Sitten , dem gebildetsten , artigsten Betragen , der in allen Dingen Kenntnisse , und für alles große Empfänglichkeit besitzt . Es ist wahr , sein Wissen ist meist oberflächlich ; er hat die Klassiker gelesen , aber nicht empfunden , er kokettiert mit den Griechen und ein abgeschmackter hohler Römer läuft ihm hie und da dazwischen ; er hat Geschichte studiert , weil er sie aber oft an so verschiedenen Fäden aufgereiht hat , so sind seine Ansichten verworren geworden . Er hat von allen Religionsphilosophemen genippt , ist abwechselnd Atheist , Deist , Protestant . Quäker und Pantheist gewesen und wie alle extremen Geister , die in der eigenen Positivität keinen Haltpunkt finden , am Ende romanischer Katholik geworden , der aber noch immer mit Aufmerksamkeit Religionsgespräche anhört . Sein Äußeres ist imponierend . Von hohem starkem Wuchse hat sein Gang jene adelige Gemessenheit und Sicherheit , die wir noch in unserer frühen Jugend so oft an den damaligen Grafen und Baronen gesehen . Die Gebärden , Gestikulationen , Bewegungen sind weit , breit , aber sicher gerundet . Du siehst , wieviel auf den ersten Tanzmeister ankommt , denn ich bin überzeugt , daß sich der Graf viel Mühe gegeben hat , die modernen , kürzeren Bewegungen zu erlernen . Natürlich geht er ganz modisch gekleidet . Sein lockiges Haar ist noch voll und dicht wie das eines Jünglings , aber schneeweiß . Das gibt dem ganzen Gesichte , welches sich ebenfalls durch einen sehr weißen Teint auszeichnet , etwas Geisterartiges , und die unsteten schwarzen Augen irren wie heimatlos umher . Der Schnitt des Gesichts ist edel ; eine Römernase erhöht diesen Eindruck . Nur der etwas breite eingekniffene Mund und der untere Teil des Kopfes deutet darauf hin , daß der Mann schon viel gelebt hat . Die Faltenlinien von den Nasenflügeln aus drängen die untere Wange tief hinab nach dem Kinn . Dieser untere Kopf hängt nur , und hat die Spannkraft verloren ; er ist das Bild seiner Charakterlosigkeit ; Er redet fast alle Sprachen und dem Anschein nach alle gut , wenigstens versichert es Hippolyt vom Spanischen , William vom Englischen , Leopold vom Italienischen , und ich höre es am Französischen , das er keineswegs so altmodisch wie die meisten unserer Aristokraten redet , die wie der junge Anacharsis plappern . Eines ist überaus liebenswürdig an ihm : sein Sinn für jede Art von Poesie . Der Mann verdaut mehr Verse in einem Niedersitzen , als ich einen ganzen Monat lang imstande bin zu verbrauchen , und hört Räsonnements über Poeterei an , bis der Räsoneur heiser ist . Ich glaube , er hat viel geliebt ; er kostet das kleinste Lied durch und durch und hat wirklich ein so ausgebildetes Gefühl dafür , daß ihm nicht die kleinste Andeutung oder Beziehung entgeht . Dies ist denn auch das schöne Band , welches ihm seine Tochter fest am Herzen erhält . Ich glaube wirklich nicht , daß er ihrer Neigung nur im entferntesten in den Weg treten würde , sie müßte denn auf einen ganz veralteten jungen Mann fallen . Aber ich habe nichts als Besorgnis mit der schönen Alberta . Seit einiger Zeit neigte sie sich offenbar mit großer Vorliebe zum altertümlichen William , diesem altenglischen Stockjobber , wie Ihr ihn zu nennen beliebt . Ich glaube , sein gläubiges Christentum fesselte die weiche furchtsame Seele . Da kam Hippolyt , das reizende böse Geschick der Weiber , und nun ist die Verwirrung vollständig . Es ist eine sehr schlimme Sache mit Hippolyt . Wie oft hab ' ich es ihm vorgestellt , daß es gar kein Rechtsverhältnis sei , in das er sich Frauenzimmern gegenüber begebe . Er geht jede Verbindung ein , ohne von seiner Seite auch nur irgend etwas anderes zu gewähren , als daß er genießt , solange es seine Laune so will . Auf meinen ernsten Tadel und meine ebenso ernste Versicherung , daß ich ihn einsperren lassen würde , hätte ich Gewalt über ihn , erwiderte er lachend , daß er nie von einem Frauenzimmer Liebe verlangt , noch irgendeiner mehr als augenblickliche Neigung versprochen habe . Es sei ein rechtliches Kontraktsverhältnis ; daß man von der anderen Seite oft mehr präsumiere , wäre nicht seine Schuld . Was soll ich mit ihm anfangen ? Soll ich ihn der Polizei anzeigen ? Die betrachtet bloß die moralisch Buckligen , Lahmen usw. ; sie ist nur für äußere Übel da , die jeder andere Mensch auch sieht ; soll ich ihm unaufhörlich Steckbriefe schreiben und seine Umgebungen vor ihm warnen , wie ein Gendarm mit blanker Klinge neben ihm herreiten ? Wenn ich ihn nur überzeugen könnte , daß er unter unseren bürgerlichen Konstellationen unrecht habe , daß man dem Verbande einer Gesellschaft vielerlei , so auch dieses zum Opfer bringen müßte . Solange das Verhältnis zwischen Mann und Weih noch nicht anders geordnet ist als wie jetzt in das traurige Einmaleins der Ehe , solange erfordert die Verpflichtung gegen die neben mir Stehenden meine Aufmerksamkeit , Schonung , Vorsicht , ja Entsagung ; Hippolyt kennt aber nur Verpflichtungen gegen sich , darum ist er eigentlich für keinen zivilisierten Staat zu brauchen . Die persönliche Freiheit ist bei meiner Theorie durchaus nicht gefährdet , aber die Freiheit sieht , nur die Schrankenlosigkeit ist blind . Das Weib , das gleich mir die Ehe nur für eine Krücke der tausend Schwachen , nur für ein leider noch immer notwendiges Hilfsmittel der Gesellschaft ansieht , das Weib , das sich stark genug fühlt , die äußeren Nachteile der Gesellschaft zu ertragen , sobald diese den Betrug gegen sich entdeckt - dies Weib ergibt sich mir mit Freiheit , und sie freut sich oder leidet wie ein selbständig freies Wesen , je nachdem unsere Verbindung Freud oder Leid bringt ; dies Weib such ' ich zu gewinnen , sobald sie mein Interesse für sich erregt . Aber den Galeerensklaven von Freiheit und Genuß zu reden , ist grausam ; ein Weib , das in den gewöhnlichen Banden der Gesellschaft Notwendigkeit sieht , Befriedigung , Genüge findet , in Opposition gegen sie also zugrunde gehen müßte , ein solches Weib an sich reißen und doch ihre Ansichten vom bürgerlichen Leben nicht annehmen wollen - das ist Laster . Und in solchem Falle ist Hippolyt . Die Welt um ihn lebt im rechtlichen Friedenszustande , er aber zieht umher wie ein außerrechtlich erobernder Krieger , das ist eine unverschämte Bevorzugung des Individuums gleich dem Absolutismus , die ich verabscheue , und doch kann ich mich nicht zu dem philisterhaften Handwerk entschließen , Alberta , seine sichere Beute , vor dem Unglück , das ihrer harrt , zu warnen . Weiß ich denn auch , ob das Mädchen nicht glücklich ist , wenn sie nur eine heiße Stunde unter den Strahlen ihrer Liebessonne ruht ? Wie ist sie glücklich , wenn sie ihn nur sieht , träumerisch geht sie mit uns umher , lächelt schmerzlich , spricht wenig und ist innig , weich wie ein Blumenblatt . Mit allen Waffengattungen ist die Liebe in ihr sanftes Herz gezogen und hat alles zum Kriegsstande ausgerüstet ; wenn der Feind der Liebeshindernisse in unseren Gesprächen zum Vorschein kommt , da hebt sie das schöne Köpfchen plötzlich mutig , und ihr Türkenbund , den sie um den Kopf trägt , wirft sich in den Nacken , und sie fordert kühn alle Welt heraus . Alle Scheu ist von ihr gewichen in solchen Momenten . In einem ähnlichen Gespräche redete ich ihr in diesen Tagen - wir promenierten in einem entfernten Teile des Gartens - aus vollem Herzen und mit inniger Überzeugung von der Freiheit jeder Art. Sie horchte mir mit gesenktem Haupte zu , plötzlich blieb sie stehen , sah mich mit den rührenden Blicken eines Engels , dem das Gefühl die Brust sprengen will , lange und innig an , faßte auf einmal mein Gesicht in ihre beiden Hände , legte das Köpfchen auf meine Brust und sprach : » Sie sind ein guter Mann « - dann flog sie schüchtern wie ein Reh von dannen . Wenn Hippolyt mit ihr sprach , so schauerte sie in Liebeslust ; ich hab ' immer gefürchtet , sie werde ihm einmal öffentlich um den Hals fallen . Graf Fips läßt immer neue Krawatten und Fracks aus der Stadt kommen , ich glaube aber , er fängt allmählich an zu verzweifeln , wenigstens spricht er schon sehr lange von der Abreise . Er ist in einer sehr üblen Stellung , und ich bewundere aufrichtig die Schafsgeduld dieses Menschen , dies Treiben mehrere Wochen mit anzusehen . Uns bürgerliches Pack verachtet er natürlich im Grunde seines Herzens , und in Verzweiflung richtet er hie und da das Gespräch an den legitimen William , das ist der einzige Knopf seines Rocks , auf den er sich verlassen kann . Der Graf sucht das Gespräch immer allgemein zu machen , und das liebt Graf Fips nicht ; die Unterhaltungen , welche er mit den Damen anknüpft , schnappen auch stets in großer Geschwindigkeit ab ; bei Hippolyt muß er befürchten , gar keine Antwort zu bekommen . Leopold , den er manchmal gern zum besten haben möchte , verwickelt ihn in poetische Gespräche , aus denen er keinen Ausweg findet ; mich hat er nie recht leiden mögen , nach einem neulichen Gespräch über Adel , seine Manieren usw. , was ich Dir später mitteilen werde , hat er über mich unzweifelhaft entschieden ; er läuft wie ein verlorener Gedanke aus vergangener Zeit unter lauter fremden Büchern herum , rückt seine Brille , zupft den braunen Frack in die Taille , ist ein Lasse - das sind seine Vergnügen . Seit wir ein demokratisches Treiben bei Tisch vorgeschlagen haben , ist er ganz sprachlos . Man aß früher an langer Tafel , und in den Sitzen herrschte eine Art Rangordnung . Wir stellten dem Grafen vor , daß alles Schöne und Große rund sei , alle Ecken würden heutigentages abgeschliffen - den Tag darauf speisten wir an einem runden Tische und setzten uns , wie ' s eben kommt . Der Graf hat sich nur ausbedungen , daß ich immer neben ihm sitze , und da wir immer zusammen schwatzen , so sitzt Kamilla fast immer zu meiner andern Seite , sie müßte denn böse auf mich sein . Sie ist ein sehr liebenswürdiges Wesen , hat viel Verstand , faßt sehr schnell und ist munter über und über . Du weißt , wie ich das liebe . Sie stellt sich zwar , als schnelle sie die Gefühle mit dem Finger fort , ich glaube aber aus einzelnen Gewitterschlägen ihres Wesens schließen zu können , daß sie der tiefsten Leidenschaft fähig ist , da sie zu den verschlossenen Gemütern gehört - verstehe mich recht : zu denen , welche alle Türen des Wesens offen halten , die innerste Herzenstür aber nur allein unter Tränen der schönsten Freude oder des tiefsten Leides öffnen , sonst aber so verstellen , daß man gar keine Tür ahnen , und alles an ihnen zu wissen glauben möchte . Da sie ein solch verstocktes Gemüt ist , so wird sie einst unendlich reicher als tausend andere beglücken können , aber auch unendlich glücklicher oder unglücklicher sein . Alle innersten Herzenskräfte harren nämlich noch ungeschwächt ihrer Befreiung . Sie ist hoch und sehr schön gewachsen und hat ein äußerst liebreiches Gesicht , lächelnde schalkhafte Augen , eine zierliche Stumpfnase , einen kleinen üppigen Mund , der viel schwatzt und lacht und blendend weiße Zähne zeigt . Ihr volles lichtbraunes Haar flattert in zurückgestrichenen Locken in einen vollen , feisten , schneeweißen Nacken , der wie zum Köpfen gemacht ist . Ich nenne sie darum oft Ludwigs Frau , und erkläre ihren öfteren Eigensinn und ihre Hartnäckigkeit daher . Das tu ich oft , weil sie mich dabei immer auf den Mund schlägt . Wie ein bunter Vogel geht sie gekleidet ; ich habe sie mehrmals darüber verhöhnt und bin deshalb von ihr ausgelacht worden , weil ich so wenig Farbenschönheit und Farbenverhältnisse begriffe . Und sie hat den Sieg davongetragen , hat sich mehrmals einfarbig gekleidet , und ich habe zugestehen müssen , daß es nicht zu ihrem bunten Wesen passe . Noch an jenem Abende , wo Alberta so erregt war , daß sie mich fast mit ihrem Geliebten verwechselte , fand sie sich mit Hippolyt zurecht . Ich sah zufällig der Szene zu , es war wirklich ein artiges Bild . Neben dem großen Saale , wo wir oft sind , ist nur durch eine Glastür getrennt und mehrere Stufen tiefer das Gewächshaus , wo ein Teil der Orangerie steht , der nicht Raum genug vor dem Schlosse haben oder vielleicht die deutsche Luft gar nicht vertragen mag . Ich suchte Kamilla , die sich nirgends sehen ließ - der Saal war leer ; ich gehe bis an die Glastür und sehe in der Tiefe der südlichen Bäume Alberta sinnend und träumend die Hände in den Schoß gelegt unter einem Feigenbaume sitzen . Sie sah wie Preziosa aus , die mit gebrochenem Herzen nachsinnt , ob ihr wohl Alonso aus Madrid nachfolgen werde . Da öffnet sich die Tür an der anderen Seite der Orangerie und einen Fandango singend kommt Hippolyt herangestürmt . Wie im Traum springt das Mädchen auf und hebt die Arme . - Hippolyt , den nichts überrascht , faßt ihre Hände , sie sinkt ihm an die Brust und umschlingt ihn ; er hebt mit beiden Händen ihren Kopf in die Höhe und küßt sie . Die fremden Bäume und ich hinter der Glastür , wir sahen still zu ; mal es aus das Bild . Später . Der Graf holte mich gestern vom Schreiben zum Spazierengehen ab . Ich bin sehr verdrießlich , Freund , über all die Dinge , die sich hier zusammenfädeln ; es ist lächerlich , daß ich sie Dir erzähle , der Du auf dem Markte der Welt Dich herumbewegst . Aber ich denke , dieser Mikrokosmos soll Dich doch unterhalten , ich fürchte , er wird nur zu bald sehr interessant . Der Graf war so unsicher , er fühlte so hin und her nach diesem und jenem an mir und Hippolyt , daß ich nicht weiß , wie ich Dir ' s beschreiben soll . Mir ward ganz heiß dabei , - es wurde alles so heiratlich , so bürgerlich ernsthaft , daß mir bald kein Zweifel blieb , der Graf wolle unserem Weibertreiben ans Leben gehen . Ich konnte nicht klar heraustreten mit meinen Antworten , weil er es mit seinen Fragen nicht tat und ich solchergestalt leicht eine Betise begehen konnte ; indes ließ ich ihn doch nicht undeutlich merken , wie diese ganze Wendung der Fahrt nicht in meinen Kram passe , mir sogar sehr unangenehm sei . Die Welt ist doch wahrhaftig eine so große Heiratskanzlei , daß man nur in ein Haus treten darf , worin ein weibliches Wesen wohnt , um beim Herausgehen Heiratsfragezeichen auf dem Rücken zu haben . Wird nicht alle Geselligkeit dadurch zugrunde gerichtet ! Sieh unser Schloß an , wie ist alles durch diese verzweifelte Einzäunung zerrissen , zerteilt ! Graf Fips reist schon seit vierzehn Tagen ab und ärgert sich alle Tage dreimal , daß er noch da ist , und beschließt zehnmal , morgen werde er reisen und immer nur einmal , daß er noch einen Tag warten wolle . Wenn die Sonne aufgeht , da ist die Erde unschuldig und der unglückliche Liebhaber hofft das Beste - dieser Fips ist ein Maulaffe , aber er fühlt seinen traurigen Schmerz , einen Korb am Frackschoß zu tragen , so gut wie einer . Was ihm an Gefühl zur Empfängnis dieses Schmerzes fehlt , das ersetzt die Eitelkeit ; ich glaube , er wartet bloß , weil er sich fürchtet , leer in der Stadt anzukommen . Leopolds leichter Sinn ist sogar gebrochen , er hinkt wie ein lahmes Füllen hinaus ins Feld ; man ist ihm zu ernsthaft geworden , sein Scherz erschrickt vor den verkauften oder verschenkten Augen , die keinen Blick für ihn haben . Für ihn ist mir zwar am wenigsten bange ; er ist wie der Flußreiher in der Fabel , er nascht am Besten herum , bis ihn der Liebeshunger drängt , mit einem Gründling vorlieb zu nehmen . Ich höre , er hat sich beim Pastor und Förster bekannt gemacht , und er tändelt wahrscheinlich bereits von der Waldmaid zum Gotteslämmchen . Aber William ist mir ein Greuel , seine eigene philisterhafte Absonderungswut rächt sich fürchterlich an ihm ; weil er alles , die ganze reiche schöne Welt zu zwei und zwei abschachteln möchte wie in eine traurige dumpfe Arche Noäh , so ist er nun selbst ein verlassenes , trostloses Wesen . Seit sich Alberta so entschieden mit allen Kräften zu Hippolyt wendete , ist dieser William ein wahrer Cromwell , der alles malträtieren möchte . Er ist ingrimmig , grob , ungezogen , ja boshaft wie ein verwöhnter Knabe . Er ärgert alle . Das ist nun jene christliche Liebe , welche der Mann auf der Lippe trug . Weil er keine Freiheit kannte im Glauben und Gefühl , so weiß er nun auch keine zu gestatten . Er ist auch in der Eifersucht Fanatiker und Schwärmer ; er ist sehr unangenehm . Es ist kein Schmerz in ihm , sondern Grimm . Ich selbst bin aus meiner Ruhe aufgestört , weil ich die fröhliche Kamilla täglich mit verweinten Augen sehe , weil ich kein heiteres Wort mehr von ihren Lippen höre , weil mich das gute Mädchen innig dauert und ich durchaus nicht weiß , was ihr fehlt . Sollte das unglückliche Mädchen etwa auch den Mörder Hippolyt lieben ? ! Nun sieh , was sind das für Dinge , was ist das für unnütze Verwirrnis , die das Leben unklar , unerquicklich macht . Ach , ich bin ärgerlich ! Als gäb ' es auf der Welt keine andern Beziehungen mehr als zwischen Mann und Weib ! Ich bin der traurigen Kamilla selbst so gut geworden , daß ich in mir selbst Verwirrung fürchte . Und nun führt das Geschick die Gräfin Julia hieher , und das Haus wird ein Tollhaus . Ich will die Sache erst noch etwas reifen lassen , eh ' ich Dir breiter davon spreche . Wir geben uns alle mögliche Mühe , wichtige , spannende , ja verletzende Gespräche über allgemeine Gegenstände aufs Tapet zu bringen , sobald wir bei Tisch oder beim Tee alle versammelt sind , damit die große Spannung und Zerrissenheit der Gesellschaft zugedeckt werde . Höre eines derselben . » Der Adel , « nahm Hippolyt das Wort , » hatte eine in der ganzen Konstruktion der Gesellschaft begründete Stellung , er war ein integrierender , lebendiger Teil des Staatslebens , mit einem Worte , er war Leben , als es nur Herren und Sklaven gab . Die herrschende Klasse , die aus den Anführern oder den Kriegern oder den Eroberern bestand - denn nur das Schwert war das Kriterium - wurde der Adel ; er gestattete einem , Fürst zu sein , und hielte ihn nur so weit in Zaum , daß er seiner Teilnahme am Herrenrechte nicht zu nahe trete . Allmählich machten sich aber die Sklaven durch ihre heranwachsende Masse , durch Erfindungen , durch Gelehrsamkeit geltend , das Schwert reichte nicht mehr ganz aus ; da sprach der Adel die Vergangenheit um Hilfe an , er erfand die Stammbäume , die Ahnen ; an die Stelle des Schwertrechts trat das historische . Der Vorzug des größeren Besitzes machte es ihm noch lange Zeit möglich , eine höhere Klasse zu repräsentieren . Der spekulative Geist des Bürgers riß nach und nach einen großen Teil dieses Besitzes an sich , die Gelehrsamkeit wurde immer flüssiger , man fing an , die Bestandteile der Gesellschaft zu prüfen , der Adel war genötigt zu glänzen , weil sein Kern verdorrt war . Alle höheren Tätigkeiten des Menschen drängten sich allmählich in einen Früchteknoten zusammen , es entstand die Bildung , und sie stürzte den Adel , weil sie das Kriterium des Schwertes und der Ahnen vernichtete . Die Allgemeinheit ward vernünftig , und es wurde ein lächerlicher Begriff , auf eine höhere Stellung in der Gesellschaft Ansprüche zu machen , weil es die Vorfahren getan . « » Aber mein Gott , « begann Graf Fips , » es muß doch ein Unterschied existieren . « Er erhielt lange keine Antwort , weil jeder lachte . Das Gespräch schien abgebrochen , und der kleine Leopold knüpfte es spaßhaft mit einer Antwort für Fips wieder an . » Allerdings , « sagte er , » ein Unterschied zwischen Klugen und Dummen , und der existiert noch . « Der Graf Topf schwieg . William aber erhob seine Stentorstimme und verteidigte das Mittel der Erinnerungen , was Tausende aufreize , besser zu sein , als sie ohne selbiges sein würden . Er sei nicht eben für den Adel , aber wenn man solches Verhöhnen alles Herkommens und historischen Rechtes zugäbe , so bräche das jakobinische Vernunftrecht unheilvoll über alles herein und nichts stünde mehr sicher . Ich erwiderte ihm , daß nichts bestehen solle , was nicht vernünftig sei , daß darüber kein Zweifel mehr obwalte und man nur über die Art und den Weg , alten Schutt wegzuräumen , uneins wäre . Die gemäßigten Reformer wollten kein Privatrecht verletzen , um allgemeines Recht zu erzeugen . Der Adel selbst aber sei nicht einmal ein Privatrecht , sondern nur ein usurpierter Titel einer alten Gewalt , die Gewalt sei aber gestürzt , und ein König ohne Land sei ein Narr , wenn er sich noch König nennen und von Hofzeremonien umräuchern lasse . Der Adel sei für wahnsinnig zu erklären - fuhr Hippolyt fort - wenn er noch in Generalsuniform einhergehen wolle , während er längst mit der großen Menge in Reih ' und Glied marschieren müßte . » Wollen Sie nicht schwach sagen ? « schaltete Graf Topf ein . Du siehst , wie gereizt das Gespräch wurde . Ich versuchte einzulenken , und setzte hinzu : » Es ist aber auf der andern Seite etwas , was der Adel aus seiner Herrscherzeit behalten hat , und was wir ihm immer noch nicht haben gleich tun können , das ist die leichte Art zu leben . Er lebt geflügelter , freier , weil er sich hoch gestellt glaubt , seine Geschäfte sind ihm Nebensache , der Genuß des Lebens aber Hauptsache . Er weiß mehr zu genießen , weil er mehr sucht . Die Mühen der Jahrhunderte , durch welche wir bis hieher gekommen sind , lasten noch lähmend auf unseren Schwingen . Der Adel hat keine Mühen gekannt , darum ist sein Wesen leichter , darum verfällt er nicht in den Irrtum , das Geschäft für den Zweck anzusehen , wie es z.B. unser Kaufmann tut . Der Adel lebt leichter , weil er von Jugend auf sorglos ist . Er kennt unsere Hypochondrie , die Krankheit der Mühe , nicht . Indes , der Sieg ist schon lang erkämpft , und die Not des Kampfes wird bald vergessen sein , dann erwerben wir auch diesen Vorzug , dann wird der Adel nicht nur getadelt , er wird verlacht werden , wie jeder bankerotte Kaufmann , der noch nach Goldstücken rechnet . « » Aber der Menschen Sinn trachtet nach Bevorzugung - « Hub Graf Topf an - » nur das moralische Streben bändigt ihn ; unter den Siegern über die historische Klasse bildet sich wieder eine Aristokratie , die Phasen der Geschichte sind nur ein Wechsel der herrschenden Klassen , aber kein Aufhören derselben ; der neue Feind