andres Mittel eingefallen sei , um die lästigen Störungen abzuwenden . Inständig flehte er uns an , Ihnen nichts von seinem Fehltritt zu erzählen , er wolle es nie wieder tun . Ich hab mirs aber überlegt und bin zu dem Schluß gelangt , daß es besser ist , wenn Sie alles wissen . Es ist vielleicht noch Zeit , um das böse Laster mit Erfolg zu bekämpfen . Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen , doch ich glaube noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemüts , wenngleich ich überzeugt bin , daß uns nur die äußerste Wachsamkeit und unerbittliche Maßnahmen vor gröberen Enttäuschungen bewahren können . « Daumer sah vollkommen vernichtet aus . » Und das von einem Menschen , auf dessen heiliges Wahrheitsgefühl ich Eide geschworen hätte « , murmelte er . » Wenn Sie es nicht wären , der mir das erzählt , ich würde lachen . Noch vor einer Stunde hätte ich jeden für einen Schurken erachtet , der mir gesagt hätte , Caspar sei einer Lüge fähig . « » Auch mir ist es nah gegangen « , versetzte Herr von Tucher . » Aber wir müssen Geduld haben . Sehen Sie zu , halten Sie die Augen offen , warten Sie auf den nächsten gegründeten Anlaß , dann greifen Sie ein , und zwar mit wuchtiger Hand . « Eine Lüge ; nein , zwei Lügen auf einmal ! Der arme Daumer er wußte sich keinen Rat . Er ging hin und überlegte . Herr von Tucher nimmt den ganzen Vorgang zu schwer , sagte er sich ; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte Natur , aber ohne Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen , die ihn dazu verführen , eine Lüge mit allen verfemenden Zeichen der Übeltat auszustatten ; Herr von Tucher kennt das tägliche Leben nicht , das unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem , was schlecht ist und was der Andrang gebieterischer Umstände auch dem Redlichsten entpreßt . Aber was geht mich Herr von Tucher an , hier handelt es sich um Caspar . Ich glaubte einst , von ihm fordern zu dürfen , was keiner sonst von keinem fordern darf . War es eine Verblendung , eine Anmaßung von mir ? Wir wollen sehen ; ich muß jetzt herausbekommen , ob er schon zu den Gewöhnlichen gehört oder ob sein Wille noch einer unhörbar rufenden Stimme zu gehorchen fähig ist . Hat sich sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall schon verschlossen , dann ist seine Lüge eine Lüge wie jede andre , kann ich aber noch übersinnliche Kräfte des Verstehens in ihm wecken , dann will ich die Philister verachten , die immer gleich mit dem Bakel erscheinen . Es bedurfte einer schlaflosen Nacht , um dem sonderbaren Plan Daumers , der eine Art Gottesurteil in sich schließen sollte , auf die Beine zu helfen . Die Weigerung Caspars , sein Tagebuch zu zeigen , gab den Anstoß . Ich will ihn bewegen , mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen , kalkulierte Daumer ich will etwas wie eine metaphysische Kommunikation zwischen mir und ihm herstellen ; ich werde ihn , ohne ein Wort zu sprechen , mit meinem geistigen Verlangen zu erfüllen trachten und werde eine Stunde festsetzen , innerhalb deren das nur Gewünschte zu geschehen hat . Kann er folgen , so ist alles gut ; wenn nicht , dann ade , Wunderglaube , dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt , mir die Seele wegzudisputieren . Am Morgen , so gegen neun Uhr , kam Anna zu ihrem Bruder und sagte , Caspar gefalle ihr heute ganz und gar nicht ; er sei schon um fünf aufgestanden und es sei eine Unruhe in ihm , die sie noch nie wahrgenommen ; beim Frühstück habe er fortwährend ängstlich um sich herumgeschaut und keinen Bissen gegessen . Daumer lächelte . Sollte er jetzt schon spüren , was ich mit ihm vorhabe ? dachte er , und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich . Ein schicklicher Vorwand , die Frauen aus dem Haus zu schaffen , fand sich ungezwungen ; Frau Daumer mußte ohnehin auf den Markt , Anna wurde überredet , einige Besuche zu machen . Um elf Uhr machte sich Caspar an seine Schularbeiten , Daumer ging ins Nebenzimmer , ließ aber die Tür offen . Er setzte sich , das Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet , ein wenig hinter der Schwelle auf ein Stühlchen , und es gelang ihm alsbald , mit erstaunlicher Energie all seine Gedanken auf das eine Ziel zu richten , auf dem einen Punkt zu sammeln . Im Haus war es sehr still , kein Laut störte das wunderliche Beginnen . Bleich und gespannt saß er also und beobachtete , daß Caspar häufig aufstand und zum Fenster trat . Einmal öffnete er das Fenster , das andre Mal schloß er es wieder . Dann begab er sich zur Tür und schien zu überlegen , ob er hinausgehen solle . Sein Auge war ohne Stetigkeit und sein Mund eigentümlich gramvoll verzogen . Aha , es rumort in ihm , frohlockte Daumer , und immer , wenn Caspar sich dem Schränkchen näherte , in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag , bekam der unglückliche Magier vor Erwartung Herzklopfen . Wie weit war Caspar davon entfernt , auch nur zu ahnen , was in Daumer vorging ! zu ahnen , daß in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein Tribunal gestellt wurde ! Es war ihm ungeheuer bang heute . Es war ihm so bang , daß er ein paarmal die ganz bestimmte Vorstellung hatte , es würde ihm etwas Schlimmes zustoßen . Ja , er hatte das unabweisbare Gefühl , daß einer unterwegs sei , der ihm etwas zuleide tun werde . Erstickend lag die Luft im Raum , die Wolken am Himmel blieben lauernd stehen ; wenn durch die Baumkronen vor dem Fenster eine Schwalbe strich , sah es aus , als ob eine schwarze Hand pfeilschnell auf und nieder tauche ; das Deckengebälk bog sich niedriger , hinter dem Getäfel der Wand knackte es unheimlich . Caspar ertrug es nicht mehr . Sein Blick stach , eine kühlschaurige Angst floß ihm durch die Haare , die Brust wurde eng , es trieb ihn hinaus , hinaus ... Plötzlich verließ er mit fliehenden Gebärden das Zimmer . Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer , der aus dem Rausch erwacht . Vorüber , die Frist war verstrichen . Er schämte sich sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens , denn er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug , um die spielerische Willkür dessen , was er gewollt , ernüchtert zu empfinden . Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgültigkeit . Der Hoffnungen zu gedenken , die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknüpft , verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge . Er faßte den unerschütterlichen Vorsatz , sein Leben wie ehedem dem Beruf , der Einsamkeit und den Studien zu widmen und die Kräfte des Geistes nur dort zu opfern , wo im Frieden der Erkenntnis und des Forschens jede Gabe sichtbar bezahlt wird . Eine vermummte Person tritt auf Caspar war in den Garten gegangen . Er lief über den feuchten Boden bis zum Zaun und schaute gegen den Fluß hinüber . Ein bleifarbener Dunst umkleidete die Türmchen und ineinandergeschobenen Dächer der Stadt , nur das bunte Dach der Lorenzerkirche glänzte hell , doch glich alles zusammen mehr einem Spiegelbild im Wasser als einer greifbaren Wirklichkeit . Caspar fröstelte , und es war doch warm . Er wandte sich wieder gegen das Haus . Als er das Pförtchen geöffnet hatte , machte ihn der leer daliegende Flur betroffen . Ein breiter Streifen Sonne , der über die Steinfliesen kam und zitternd die weißen Stufen der Wendeltreppe hinauflief , verstärkte den Eindruck der Verlassenheit . Hinter einer Tür des Flurs , aus der Wohnung des Kandidaten Regulein , tönten Geigenklänge ; der Kandidat übte . Den einen Fuß schon auf der Treppe , blieb Caspar stehen und lauschte . Da ! Da war es ! Da kam er ! Ein Schatten erst , dann eine Gestalt , dann eine Stimme . Was sagte die Stimme , die tiefe Stimme ? Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte : » Caspar , du mußt sterben . « Sterben ? dachte Caspar erstaunt , und seine Arme wurden steif wie Hölzer . Er sah einen Mann vor sich stehen , der ein seidig-schwarzes , langhängendes , vom Zugwind ein wenig geblähtes Tuch vor dem Gesicht hatte . Er hatte braune Schuhe , braune Strümpfe und einen braunen Anzug . Über seinen Händen trug er Handschuhe , und in seiner Rechten funkelte etwas Metallenes , funkelte schnell und erlosch . Er schlug Caspar damit . Während Caspar den gelähmten Blick nach oben zwang , spürte er einen donnernden Schmerz im Hirn , Auf einmal hörte der Kandidat Regulein auf , die Geige zu spielen . Es erschallten Schritte , die wieder verklangen , doch mochte der Vermummte stutzig geworden sein und die Furcht ihn verhindern , zum zweitenmal auszuholen . Als Caspar die Augen auftat , über die von der Mitte der Stirn herunter eine brennende Nässe floß , war der Mann verschwunden . Ei , hätte er nur nicht Handschuhe gehabt , unter tausend Händen wollte ich seine Hand erkennen , dachte Caspar , indem er zur Seite torkelte . An der Schmalseite , des Flurs fand er keinen Halt ; er probierte die Stiege hinaufzuklimmen , aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder Strom Feuers . Er glitt nieder , umklammerte die Steinsäule und blieb eine halbe Minute lautlos sitzen , bis ihn die Angst packte , der Vermummte könne wieder zurückkommen . Mit aller Kraft hielt er das fliehende Bewußtsein noch fest , richtete sich auf , taumelte vorwärts und tastete sich an der Wand entlang , als suche er ein Loch , um sich zu verkriechen . Als er bei der Kellertreppe war , gab die nur angelehnte Tür dem Druck seiner Hand nach , so daß er fast hinuntergestürzt wäre . Kaum sehend und ohne zu überlegen tappte er so schnell wie möglich die finsteren Stufen hinunter , denn schon glaubte er den Vermummten hinter sich . Als er im Keller war , spritzte Wasser von seinen Schritten auf ; es war Regenwasser , das bei schlechtem Wetter hier unten Pfützen bildete . Endlich fand er einen trockenen Winkel ; während er sich niederließ und sich , voller Furcht und . Grauen , förmlich zusammenrollte , hörte er noch von den Turmuhren zwölf schlagen , danach sah und fühlte er nichts mehr . Um Viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurück . Anna , die im Flur voranging , gewahrte die große Blutlache vor der Stiege und schrie auf . Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte : » Na , was ist denn das für eine Bescherung ! « Die alte Frau , die an nichts Schlimmes dachte , äußerte sich , wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten gehabt . Anna jedoch , mehr und mehr voll Ahnung , wies auf die blutigen Fingerabdrücke hin , die an der Mauer bis zur Kellertür sichtbar waren . Sie sprang hinauf , ihr erster Gedanke war Caspar , sie suchte ihn in allen Zimmern und sagte zum Bruder : » Du , da unten ist alles voll Blut . « Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf vom Schreibtisch und eilte hinaus . Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt . Mit heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fügte gellend hinzu : » Da unten ist er , da liegt der Hauser ! Hilfe , Hilfe , schnell ! « Alle drei Daumers stürzten in den Keller , Anna kam keuchend wieder zurück , um die Kerze zu holen , die andern versuchten , den verkauerten Körper Caspars aufzurichten , und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf . » Zum Arzt , zum Arzt ! « kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden Anna zu , die das Licht ausblies , zu Boden warf und davonsprang . Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag , wuschen sie das gestockte Blut von seinem Gesicht , und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten der Stirn zum Vorschein . Daumer lief mit gerungenen Händen im Zimmer auf und ab und stöhnte fortwährend : » Das muß mir passieren ! Das muß in meinem Haus passieren ! Ich habs ja gleich gesagt , ich habs immer gewußt ! « Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen , als Anna mit dem Arzt zurückkam . Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute . Ein wenig später erschien auch der Gerichtsarzt ; beide Doktoren versicherten , daß die Wunde ungefährlich sei , ob aber das Gemüt des Jünglings nicht eine bedenkliche Erschütterung erlitten habe , ließen sie dahingestellt . Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden , Caspar war immer nur kurze Zeit bei Besinnung ; er stammelte dann ein paar Worte , die allerdings das , was mit ihm geschehen war , wie unter Blitzesleuchten erkennbar machten , sprach von dem Vermummten , von seinen glänzenden Stiefeln und gelben Handschuhen , fiel aber danach in heftige Wahn- und Fieberdelirien . Bei der Besichtigung der Lokalität wurde der Weg entdeckt , auf dem der Unbekannte ins Haus gedrungen war : unter der Stiege befand sich nämlich gegen den Baumannschen Garten ein kleines Türchen , dessen Vorlegeschloß zersprengt war . Die Vernehmung Daumers war fruchtlos , er stand kaum Rede . Gegen Abend kam Herr von Tucher und teilte mit , daß man einen Eilboten an den Präsidenten Feuerbach abgefertigt habe . Das Bürgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen veranstaltet . An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache zu erhöhter Aufmerksamkeit verpflichtet ; die Wirtshäuser und Herbergen , wo Leute gemeinen Schlags sich aufzuhalten pflegten , wurden sorgfältig durchsucht , auch wurden die Gendarmerie und die benachbarten Landgemeinden zu tätiger Vigilanz aufgefordert . An die Amtstafel des Rathauses wurde eine öffentliche Bekanntmachung angeschlagen , und zwei Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der Verfolgung des Frevlers betraut . Die Untat geschah an einem Montag ; eine zu leitende Gerichtsverhandlung hinderte unglücklicherweise den Präsidenten , sofort nach Nürnberg zu kommen , erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und begab sich unverzüglich aufs Rathaus . Er ließ sich vom Magistratsvorstand über die polizeilichen Maßregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten , zeigte sich aber mit allem so unzufrieden und geriet über eine Reihe von Mißgriffen in solchen Zorn , daß die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor . Über die vom Aktuar ihm vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte er sarkastische Bemerkungen ; da war eine Hallwächtersfrau , welche am Schießgraben beim Hauptspital einen wohlgekleideten Herrn gesehen hatte , der sich in einer Feuerkufe die Hände wusch ; da war ein Öbstnerweib , die in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war , welcher sich bei ihr erkundigt hatte , wer am Tiergärtner-Tor Examinator sei und ob man , ohne angehalten zu werden , in die Stadt gelangen könne ; da waren verdächtige Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden ; da hatte man zwei Kerle beobachtet , den einen im hellen Schalk , den andern im dunkeln Frack , die auf der Fleischbrücke zusammengekommen waren und einander Zeichen gegeben hatten . » Zu spät , zu spät « , knirschte der Präsident . » Warum hat man nicht die Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gasthöfen kontrolliert ? « fuhr er den zitternden Aktuar an . » Die Spuren laufen nach vielen Richtungen « , bemerkte schüchtern der Unglückliche . » Gewiß , die Unfähigkeit hat viele Wege « , antwortete der Präsident beißend , und mit Bedeutung fügte er hinzu : » Hören Sie , Mann Gottes ! Der Übeltäter , auf den wir da fahnden , wäscht seine Hände nicht auf offener Straße , er läßt sich mit keinem Öbstnerweib in Gespräche ein und braucht keinen Examinator zu fürchten . Zu niedrig habt ihr gegriffen , viel zu niedrig . « Er nahm einen Schreiber mit , um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus nochmals selbst vorzunehmen . Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und ward ihm durch mannigfaches Reden lästig ; unter anderm äußerte Behold , er habe gehört , Professor Daumer wolle Caspar nicht länger behalten , und machte sich erbötig , dem Jüngling in seinem Haus Obdach zu gewähren . Feuerbach hielt dies für leeres Geschwätz und entledigte sich des Mannes , indem er ihn mit einem Auftrag zu Herrn von Tucher schickte . Aber als er dann mit Daumer sprach , erregte dessen Zerfahrenheit sein Befremden . Um ihn nicht noch mehr zu verwirren , legte Feuerbach das Verhör mit ihm so an , daß es mehr einer freundschaftlichen Unterhaltung glich . Daumer erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung , die Caspar vor der Egydienkirche gehabt hatte , und rückte damit heraus . » Und davon erfährt man jetzt erst ? « brauste der Präsident auf . » Und hatte die Sache keine unmittelbaren Folgen ? Haben Sie nachher nichts Verdächtiges beobachtet ? « » Nein « , stotterte Daumer , in Furcht gesetzt durch den stählern durchdringenden Blick des Präsidenten . » Das heißt , eines fällt mir noch ein . ich traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn , der sich mir gegenüber in ganz seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel , wie man es auffassen soll , weiß ich nicht . « » Was war der Mann ? Wie hieß er ? « » Man sagte , es sei ein zugereister Diplomat , des Namens entsinne ich mich nicht . Oder doch , jawohl : Herr von Schlotheim-Lavancourt ; er soll sich aber unter falschem Namen hier aufgehalten haben . « » Wie sah er aus ? « » Dick , groß , ein wenig pockennarbig , ein hoher Fünfziger . « » Schildern Sie mir das Gespräch mit ihm . « Daumer gab , so gut er es vermochte , den Inhalt der Unterredung . Feuerbach versank in langes Nachdenken , dann schrieb er einige Notizen in sein Taschenbuch . » Lassen Sie uns zu Caspar gehen « , sagte er , sich erhebend . Caspars Stirn war noch verbunden ; das Gesicht war beinahe so weiß wie das Tuch ; auch das Lächeln , womit er den Präsidenten empfing , war gleichsam weiß . Er hatte bereits drei oder vier Verhöre überstanden ; schon beim ersten hatte er alles Erzählenswerte erzählt ; das hielt den guten Amtsschimmel nicht ab , immer wieder von neuem anzutraben , man fragte die Kreuz und Quer , um das Opfer auf einem Widerspruch zu erwischen ; mit Widersprüchen kann man arbeiten , wenn einer jedesmal dasselbe sagt , wird die Geschichte aussichtslos . Der Präsident unterließ das Fragen ; er fand einen veränderten Menschen in Caspar ; es war etwas Beklommenes an ihm , sein Blick war weniger frei , nicht mehr so tiefstrahlend und seltsam ahnungslos , näher an die Dinge gekettet . Während die Frauen sich über Caspars Befinden befriedigt äußerten , kam auch der Arzt und bestätigte gern , daß von irgendwelcher Gefahr keine Rede mehr sein könne . In einem Ton , der mehr Befehl als Wunsch enthielt , sagte der Präsident , er hoffe , daß in diesen Tagen fremde Besucher ohne Ausnahme abgewiesen würden . Daumer erwiderte , das verstehe sich von selbst , erst diesen Morgen habe er einem betreßten Lakaien abschlägigen Bescheid geben lassen . » Es war der Diener eines vornehmen Engländers , der im Gasthof zum Adler wohnt , « fügte Frau Daumer hinzu ; » er war übrigens nach einer Stunde noch einmal da , um sich ausführlich zu erkundigen , wie es Caspar ginge . « Es klopfte an die Tür , Herr von Tucher trat ein , begrüßte den Präsidenten und machte nach kurzer Weile eine überraschende Mitteilung : derselbe Engländer , ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord , habe dem Bürgermeister einen Besuch abgestattet und ihm hundert Dukaten überreicht als Belohnung für denjenigen , dem es gelingen würde , den Urheber des an Caspar verübten Überfalls zu entdecken . Ein erstauntes Schweigen entstand , welches der Präsident mit der Frage unterbrach , ob man wisse , weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte . Herr von Tucher verneinte . » Man weiß nur , daß er vorgestern abends angekommen ist , « antwortete er ; » ein Rad seines Wagens soll in der Nähe von Burgfarrnbach gebrochen sein , und er wartet hier , bis der Schaden ausgebessert ist . « Der Präsident zog die Brauen zusammen , Argwohn umdüsterte seinen Blick ; so wird der Jagdhund stutzig , wenn sich abseits von verwirrenden Fährten eine neue Spur zeigt . » Wie nennt sich der Mann ? « fragte er scheinbar gleichgültig . » Der Name ist mir entfallen , « entgegnete Baron Tucher , » doch soll es in der Tat ein hoher Herr sein , Bürgermeister Binder preist seine Leutseligkeit in allen Tönen . « » Hohe Herren gelten schon für leutselig , wenn sie einem auf den Fuß treten und sich nachher freundlich entschuldigen « , ließ sich Anna , die an Caspars Bett saß , naseweis vernehmen . Daumer warf ihr einen strafenden Blick zu , doch der Präsident brach in eine schmetternde Lache aus , die auf alle ansteckend wirkte ; noch minutenlang kicherte er vor sich hin und zwinkerte vergnügt mit den Augen . Bloß Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil , sein Blick war nachdenklich ins Freie gerichtet , er wünschte jenen Mann zu sehen , der aus weiter Ferne kam und soviel Geld hergab , damit der gefunden werde , der ihn geschlagen . Aus weiter Ferne ! Das war es ; nur aus weiter Ferne konnte kommen , wonach Caspar Verlangen trug , vom Meere her , von unbekannten Ländern her . Auch der Präsident kam aus der Ferne , aber doch nicht von so weit , daß seine Stirn gefärbt war von fremdem Schein , daß ein süßer Wind an seinen Kleidern hing oder daß seine Augen wie die Sterne waren , ohne Vorwurf , ohne das ewige Fragen . Der aus der Ferne kam , im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen , der brauchte nicht zu fragen , er wußte alles von selbst , die andern aber , alle die Nahen , die immer da waren , immer hereingingen und immer wieder fort , sie sahen niemals aus , als ob sie von schäumenden Rossen gestiegen wären , ihr Atem war dumpf wie Kellerluft , ihre Hand müde wie keines Reiters Hand ; ihr Antlitz war vermummt , nicht schwarz vermummt wie das Gesicht dessen , der ihn geschlagen und der ihm so nah gewesen wie keiner sonst , sondern undeutlich vermummt ; darum redeten sie mit unreiner Stimme und in verstellten Tönen , und darum war es auch , daß Caspar sich jetzt verstellen mußte und nicht mehr imstande war , ihnen fest ins Auge zu sehen und alles zu sagen , was er hätte sagen können . Er fand es heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden , besonders wenn sie darauf warteten , daß er reden solle ; ja , er liebte es , ein wenig traurig zu sein , viele Träume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben zu bringen , daß sie ihm doch nicht nahkommen könnten . Daumer war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und zu bedrückt von der bevorstehenden Ausführung eines unabänderlichen Entschlusses , um darauf zu achten , ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise entgegenkomme wie sonst . Erst Herr von Tucher war es , der auf gewisse Sonderbarkeiten in Caspars Betragen hinwies , und er ließ auch gegen den Präsidenten einige Andeutungen darüber fallen , als sie zusammen aus dem Daumerschen Haus gingen . Der Präsident zuckte die Achseln und schwieg . Er bat den Baron , ihn nach dem Gasthof zum Adler zu begleiten ; dort erkundigten sie sich , ob der englische Herr zu Hause sei , erfuhren jedoch , daß Seine Herrlichkeit Lord Stanhope , so drückte sich der Kellner aus , vor einer knappen Stunde abgereist war . Der Präsident war unangenehm überrascht und fragte , ob man wisse , welche Richtung der Wagen genommen habe ; das wisse man nicht genau , ward geantwortet , doch da er das Jakobstor passiert , sei zu vermuten , daß er die Richtung nach Süden , etwa nach München eingeschlagen habe . » Zu spät , überall zu spät « , murmelte der Präsident . » Ich hätte gern gewußt « , wandte er sich an Herrn von Tucher , » was Seine Herrlichkeit bewogen hat , soviel Dukaten aufs Rathaus zu tragen . « Das Gesicht Feuerbachs war dermaßen zerarbeitet von Gedanken und Sorgen , von der Anstrengung einer beständigen Wachsamkeit wie von der Glut eines zehrenden Temperaments , daß es dem eines Kranken oder eines Besessenen glich . Und so war es seit Monaten . Die ihm unterstellten Beamten fürchteten seine Gegenwart ; die geringste Pflichtverletzung , ja , der geringste Widerspruch brachte ihn zur Raserei , und waren die Ausbrüche seines Zornes schonvon jeher furchtbar gewesen , so zitterten sie jetzt um so mehr davor , als der unbedeutendste Anlaß einen solchen Sturm heraufbeschwören konnte . Dann gellte seine Stimme durch die Hallen und Korridore des Appellgerichts , die Bauern auf dem Markt unten blieben stehen und sagten bedauernd : » Die Exzellenz hat das Grimmen « , und vom Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann saß alles blaß und artig auf den Stühlen . Vielleicht hätten sie williger dies Joch getragen , wenn sie gewußt hätten , welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward , wie sehr er , besiegt durch sein eignes Wüten , Scham und Reue litt , so daß er bisweilen , wie um durch irgendeine Handlung sich loszukaufen , dem erstbesten Bettler auf der Gasse eine Silbermünze hinwarf . Sie ahnten freilich nicht , daß die trüben Nebel dieser Laune ein bewegtes Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und daß hier ein Genius am Werk war , um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein Wunderwerk der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hölle von Verworfenheit und Missetat zu durchdringen . Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen , aus den dunkeln Fäden , die das Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden , ein Gewebe zu knüpfen , auf welchem jählings wie in Brandlettern flammte , was durch die Fügung der Umstände und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt war . Voll Schrecken stand er vor seiner Schöpfung , denn der Boden seiner Existenz wankte unter ihm . Es gab für ihn keinen Zweifel mehr . Aber durfte er es wagen , mit der fürchterlichen Wahrheit auf den Plan zu treten und die Rücksicht hintanzusetzen , die ihm durch sein Amt und das Vertrauen seines Königs auferlegt war ? Schien es nicht besser , das Geschäft des Spions in Heimlichkeit weiter zu betreiben , um den ränkevollen Gewalten , tückisch wie sie selbst , erst bei gelegener Stunde in den Rücken zu fallen ? Es war nichts zu gewinnen , nicht einmal Dank , aber alles war zu verlieren . O Qual , dachte er oft in schlaflosen Nächten , sonderbare Qual , dem rechtlosen Treiben als bestellter Wächter und mit untätiger Hand zusehen zu müssen , groß und kleine Sünde am ungenügenden Gesetz zu messen , die Feder auf den Buchstaben zu spießen , indes das Leben seine Bahn läuft und Form auf Form gebiert , zerstört , niemals Herr der Taten zu sein , immer Spürhund der Täter und nie zu wissen , was zu verhüten sei , was zu befördern ! Er wäre nicht der gewesen , der er war , wenn er nicht einen Weg zwischen Öffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden hätte , der seiner Selbstachtung Genüge tat . Er richtete ein ausführliches Memorial an den König , worin er mit bedächtiger Gliederung aller Merkmale den Fall darlegte , frei und kühn vom Anfang bis zum Ende ; ein Hammerschlag jeder Satz . Das Schriftstück begann mit der Auseinandersetzung , daß Caspar Hauser kein uneheliches , sondern ein eheliches Kind sein müsse . Wäre er ein uneheliches Kind , hieß es , so wären leichtere , weniger grausame und weniger gefährliche Mittel angewendet worden , um seine Abstammung zu verheimlichen , als die ungeheure Tat der viele Jahre lang fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung . Je vornehmer eines der Eltern war , desto müheloser konnte das Kind entfernt werden , und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verräterischen Anstalten hätten Leute geringen Standes und geringen Vermögens gehabt ; das Brot und Wasser , welches Caspar im Verborgenen verzehren mußte , hätte man ihm auch vor aller Welt reichen dürfen . Denkt man sich Caspar als uneheliches Kind hoher oder niedriger , reicher oder armer Eltern , in keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck . Und wer übernimmt grundlos die Last eines so schweren Verbrechens , zumal wenn er dabei die angstvolle Plage hat , es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und wieder verüben zu müssen ? Aus alledem geht hervor , so fuhr der unerbittliche Ankläger fort , daß sehr mächtige und sehr reiche Personen an dem Verbrechen beteiligt sind , welche über gemeine Hindernisse unschwer hinwegschreiten , welche durch Furcht , außerordentliche Vorteile und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen , Zungen fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund legen können . Ließe es sich sonst erklären , daß die Aussetzung Caspars in einer Stadt wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden konnte ; daß durch alle seit