Als ganz alte Frau einmal , alt wie unsere Mutter . Nur ganz und gar nicht geschäftig , wie die , die sich gar nicht Ruhe gönnt . « » Und das zu Geschäftige ist auch nicht immer das einzige , « fügte er sorglich hinzu , als er wieder nur zugesehen , wie Ella sich mit dem Rücken in den gehäuften Schober warf , bis er ihr selbst die Gurte über die Schultern legte , und sie den Packen zusammenriß . » Ja - so wird es gut sein , « sagte er dann nur und griff die überhängenden Büschel Heu heraus und warf sie auf die Wiese zurück . Ella war so verloren in ihre Tätigkeit , während ihr das Bunttüchel um Kinn und Nacken flatterte , daß sie gar nicht weiter fragte , noch sonst sprach . Der Vater konnte erzählen oder innehalten , gleichviel . » Also die heilige Jungfrau wars heute wieder , « sagte er jetzt mehr für sich . » Aber ganz jung diesmal . Und viel Kinder waren um sie . Man hätte denken mögen , daß es unsere Schulkinder waren , weil sie geradezu Lärm machten . « » Was mich ordentlich ärgerte , « fügte er lässig hinzu . Als Ella mit der Heulast längst fern den Hang hinab sich mühte , mußte der Alte aus irgendeinem Grunde über sich oder über das Bild innen lachen . Und er lachte dann noch ein paarmal so einsam in die lose Sommerluft , als er die Wiese höher hinauf die breiten Schwaden , die jetzt gegen den Abend getrocknet waren , zusammenwarf . Er murmelte und murrte , nahm die Mütze ab und sah vor sich hin . Oben vom Walde her kam Einhart . Er sah dürftig aus wie immer , braungebrannt und dunklen , losen Blickes . Das kurze Jackett abgeschabt . Er wohnte jetzt in den Bergen . Nach der Mutter Tode hatte er nicht lange daheim ausgehalten . Und in die Stadt zurück war Einhart plötzlich ein Ekel gekommen . Der Kummer » Tod « stand in diesen ganzen Zeiten heimlich vor seinem Auge , wie eine schwarze Rätselwolke . Wer Einhart jetzt sah , und es war schon ein Winter vergangen , den Frau Selle unter Schnee gebettet gelegen , der sah eine seltsame Verwandlung . Aus ihrem Grabe waren längst neue Blumen aufgesprossen , und der Junimond hatte seine hellste Sternenweise licht und weich über ihr Grab geleuchtet . Wer Einhart jetzt sah , mußte an dem Dunkelstrahl seiner Augen erkennen , daß er die Welt neu und neu inniger ansah , saugender , verzehrender , so wie die Mutter einst . Sein Blick hätte noch traurig gelten können , wenn nicht der Schein Güte darumgeschwebt , wie kindliches , lächelndes Staunen jetzt in diese Heumahd und zu dem alten Grauschädel hinüber . Der alte Sender kannte Einhart gut . Einhart hatte im Giebel des Senderschen Hauses sein Bett und seine wenigen Malgeräte und sonstigen Bedürftigkeiten . Allerlei Skizzen waren lose an die getünchten Brettwände angezweckt . Beim Lichtspan in der dämpfigen , großen Wohnstube des Häuslers unten hatten sie beieinander gesessen , der alte Bauer ewig mit der Pfeife im Munde und Einhart nicht weniger wie er , in die Dämpfe des Kartoffeltopfes vom Herde her , den die alte , krumme Mutter geschäftig versah , seinen Tabaksqualm hinzublasend . Nun ließ sich der alte Sender auch nicht ein Jota stören . Nicht ein Mal sah er hinüber aus seiner Hantierung . Bis Einhart zwischen den Schwaden schreitend und die Büschel Heu Fuß um Fuß vor sich werfend , heran war . Aber auch , wie Einhart jetzt schon am Raine stand , ganz nahe , lachte Vater Sender nur zu ihm hin , und Einhart ließ sich ins Gras nieder und sah lange stumm zu . Einhart hatte weder Stock noch Malkasten . Ein kleines Bibelbuch hatte er aus der Tasche gezogen , das er ins Gras warf , streckte sich auf den Rücken und hielt das goldne Büchel gen Himmel dann . Es war wundersam , daß Einhart jetzt immer die Bibel las . Das war seit Frau Selles Tod gekommen . » Ich muß es ergründen , « sprach es damals plötzlich in ihm . So hatte er seither tatsächlich eine wahre Lust und Neugier gewonnen . » Und Weisheit viele , « sagte er immer , » und nicht Ruhe . « Jetzt gingen tausend Bilder der fernen Frühzeit des Hebräervolkes in der Wüste mit ihm . Und die großen Gewaltmenschen auch , die Propheten , die zu dem sicher verderbenden Jahvevolke die Sprache von Vulkanen und Feuerherzen redeten , es zu mahnen . Er hatte eine ganze Ruhmeshalle solcher unerschrockener Menschenmahner in sich aufgerichtet . Es schauerte ihn , wenn er ihre Worte hörte . Und er hörte sie mit dem leibhaftigen Stimmton , den nicht Bücher , den nur Menschen selber haben . Das war schon den Winter über gewesen , daß er die Propheten las und las . Jetzt wandelte er die Friedenswege vom sanften , bleichen Jesusmanne und seinen gütigen Wundern , und war nur herangekommen , weil ihm die inneren Gesichte nicht oben bei den Waldwipfeln Ruhe gelassen . Weil ihn das Rauschen erregt . Weil er in dem Frieden am freien Sonnenhange nun besser den blauen , heiligen See vor sich sehen und den in seinen weißen Mantel gehüllten Heiland , von Kindern umringt , erkennen konnte . Er begriff und umfaßte mit Inbrunst , was da stand in ewigen Zeichen : » Selig sind , die geistig arm sind . « Er las auf dem Rücken liegend neu und neu diese lachenden Seligpreisungen . Der alte Bauer ragte neben ihm ins Licht . Sein Schatten lag lang über die Wiese , von Einhart ungesehen . » Na , schön guten Abend , Herr Selle ! « sagte endlich der Bauer , als er einmal ruhte . » Gott ! Guten Abend , Vater Sender ! « ermannte sich Einhart . » Man muß Sie preisen , « sagte der Alte , mit dem Rechen Heu herzustreichend und hielt dann wieder inne . » Sie raffen Weisheit zusammen , immer und immer , und ich Heu . Aber Menschen und Tiere müssen leben . « » Wißt Ihr , Vater Sender , was ich eben gelesen ? « sagte Einhart lächelnd . » Woher nur das wissen ? Nicht einmal gesehen hab ' ich , ob die Wolken gingen und Krähen flogen . Wo soll ich her wissen , was Sie in Ihren Gedanken hatten ? « Da wollte ihm Einhart das Goldbüchel hinhalten . Aber Vater Sender konnte ohne Brille nicht lesen . » Nein nein , ich werde es Euch lesen , « sagte Einhart gleich und las laut , daß die lauen Abendhuschen Heubüschel und Worte gleichzeitig den Hang hinabtrieben , eindringlich die Seligpreisungen . Vater Sender sann lange vor sich hin , wiederholte die Worte und begriff sie kaum : » Selig sind , die geistig arm sind , denn sie werden das Himmelreich gewinnen . « Danach war es lange still zwischen ihnen , daß Einhart neu weiterlas , und der Bauer wieder geschäftig fortrechte und zusammentrug . Dann kam Ella . Sie war ein blondes , großes Mädchen , lange Dunkelwimpern im hellen Gesicht . Sie hatte den Traum des alten Sender nicht loswerden können , daß ihm neu die heilige Jungfrau erschienen . Sie begann jetzt davon Einhart in heiterem , unheiligen Tone zu erzählen . So ging der Gottessohn und die junge Gottesmutter mit über die Heuwiese . Aus dem kleinen goldenen Buche war der Gottessohn herausgekommen , und aus dem Blute des Alten die holdselige Maria . Daß dann , als der alte Sender mit dem Rechen über der Schulter und Ella noch mit einer vollen Hocke Heu auf dem Rücken , trotzdem hoch aufgerichtet , und Einhart , den Hut in der Hand , ein Zigeuner , so dunkel und so schmächtig noch immer , mit dem fetten Haarsträhn über der Stirn und den langen , dürren Fingern , die das Bibelbuch umspannten , als alle die drei heimschritten im Abendglast und umflogen von Fliegen und Mücken , ein jeder mit schönen Geistern ferner Zeiten in seiner Seele , aus seinen Augen ein Lachen hatte . 2 Man kann nicht denken , wie Einhart seit der Mutter Tode wieder versunken und achtlos leben konnte . Nichts draußen , als nur die Dinge , die über seiner inneren Augen Helle gingen und sein eigenes Licht gewannen , sah er jetzt . Nichts konnte ihn kümmern , weder Nacht noch Sonne . Nichts konnte ihm klingen , als was er selber aus der Ferne hervorgerufen im eignen Ersehnen oder Hinausträumen . Er aß wie ein Derwisch das Brot , das man ihm reichte , und trank wie ein dunkler Landstreicher die klare Quelle , die irgendwo am Wege rann . Das Einzige , was Einhart aus den Bergen mit fortnahm , war ein richtiger Tatmut aus neuer Ahnung und ein kleines , sonderliches Buch voll an sich geringer , aber bezeichnender Notizen . Das Büchel Gleich im Eingang , vor anderthalb Jahren geschrieben , stand : » Berge und Sonne ! Daß so etwas ragt und so etwas leuchtet ! - - - und daß meine Mutter zu kaltem Marmor wurde , zu Erde ! ? ? « Dann stand : » Die Stille hier unter der Linde , wo die Knospen jetzt golden gesprungen , und die Schattennetze im Grase tändeln , ist unerhört . « Wer begreift , daß es andere Würden gibt , als diese ferne , einsame Seligkeit , » man selber zu sein , ganz nur man selber zu sein ! « Dann : » Johanna ist eine Dame mit schwarzem Ausschnitt und feinen Spitzen am vollen Halse und einem Seidenhut mit großer , schwarzer Feder . Als ich neben ihr ging , fielen meine kurzen Hosen zu sehr auf , und ich däuchte mir überhaupt wie von wo anders her . Katharina ist eine Dame mit einem nicht geringeren Hutumfange . Ich werde kaum noch solcher Damen Wege kreuzen . Rosa ist wie eine Lilie sanft . Voll Schwermut in ihrem sammetnen Dunkel . Sie merkt noch , daß etwas verloren ist . Sie denkt viel an Mutter und weint . Ich kann über Tote nicht weinen . Ich gehe jetzt mit den Jüngern Jesu . Aber ernst wie sie nicht ! ausgelassen ! ausgelassen ! Das ist auch lange her , daß sie über Steine wandelten und an Steinen sich stießen . Und ein richtiger Fehler dieser Begleiter des Liebe strahlenden Menschenfreundes war es , daß sie nie lachten . Das machte , daß Christus sich nie recht erholen konnte von seiner Herkulesmission . « Dann : » Hatte Jesus nie Augenblicke , wo er lachte ! Wie wäre es anders möglich bei einem Menschen von so viel Schau und Wärme . Wenn er sonst nicht lachte , dann heimlich . Jede Würde wird lächerlich , über die nicht der Gewürdigte lachen kann . Nun gar ein Prophet ! Oh ! Ich müßte mich heimlich halb tot lachen , weil ich doch die Menschen kenne und den ganzen , ewigen Höllenbreugel von Neid und Dünkel und tausend Süchten . « Dann : » Wie Christus sich entschloß , auf den Markt in die Großstadt zu ziehen , mußte er sicherlich noch einmal tüchtig lachen erst . Er wußte sehr genau , daß jetzt das Theater begann . Wie er sich Palmen wedeln ließ , wie er großartig unter Jauchzen und Geschrei des Volkes auf einer Eselin in Jerusalems Tore einritt , da war das Theater fertig . Noch heute reiten die Kunstreiter auf Pferden mit ihren großen Trommeln auf die Straßen und Märkte und locken das Volk zusammen . Da mußte dieser ganz Innerliche , der sein Herz vom Himmelreich der Güte und Menschenliebe übervoll auf den Markt unter den Pöbel trug , heimlich blutig lachen . « Dann : Sommer . Heumahd . » Heute kommt Ella und blickt mich lange an , unten hinter dem Heuschober in der Sonne , umarmt mich , und wirft mich in die weichen Schwaden . Ein kräftiges , schlankes , schmiegsames Ding . Ich habe mit Entzücken ihre weichen Brüste gefühlt und habe sie auch geküßt , weil sie nicht locker ließ . Eigentlich sind ihre Augen wie lustige Blumen , so blau , und so nichts , wie Spaß und Leichtsinn . Sie wird nun denken , das müßte immer so gehen , wenn niemand uns sieht . Eigentlich ist sie doch nur ein dummes , einfältiges Ding ! « Dann : » Die Bäuerin fragte ich einmal , wie sie sich Christus denke ? « » Christus - ach mein Gott ! ein Gottessohn , ich hab wohl Zeit , mir zu denken , wie er war ? « » Wie er ausgesehen hat , « meinte ich ? » Ja , wie er ausgesehen hat ? « sagte die Bäuerin . » Wie ein Gottessohn aussieht ! « Und sie wies mich auf das Bild hin , das an der Wand hing . » Man hat nicht viel Zeit , über so was zu sinnen . So wird er wohl ausgesehen haben , « sagte sie noch einmal , unterdes ich mir das Bild ansah . » Es ist ein Holzschnitt : Christus in Gethsemane von Dürer . Man kann da nur sehen , daß er ein Volksmann und in einer Verzweiflung ist . Nebenhin gab die Bäuerin einen Wink , daß man zum Essen riefe , hatte Christus vergessen und sprach mit Ella über das Schweinefutter . « Dann : » Der Bauer träumt allerlei fromme Dinge , aber nur die Jungfrau Maria ist seine Göttin . Von Gotte weiß er den Namen , und von Christus die Geschichte von der Hochzeit zu Kana . Da liebt er nämlich sehr zu denken , daß man das viele Wasser , das immerwährend von den Bergen her in seinen Trog perlt und plaudert , einmal könnte in Wein verwandeln . Wenn er so neben dem Steintrog steht und dies Wunder erwägt , möchte er wohl gern , daß einmal zu diesem Zwecke Christus auf seiner Schwelle erschiene . Aber von der Jungfrau träumt er leibhaftig vielerlei klare Bilder und erzählt davon selig versunken . « Dann : » Wenn man nicht die Pharisäer immer in kalter Spannung und gehobener Würde fühlte , wäre es nicht ein solches wahres Vergnügen , die Menschlichkeit im natürlichen Leben Christi zu fühlen . Besser noch , als nur immer seine unerschöpfliche Mildigkeit , der Schalksnarr und Verächter wäre einmal aus ihm herausgesprungen , all das Würdengesindel mit der Narrenpritsche auf die Köpfe zu schlagen . « » Wird es Christus je gelingen , das Menschenvolk in wahre Menschlichkeit hinein zu treiben ? « Dann : » Ella ist ein tolles Ding . Ich könnte sie malen , wenn sie nur nicht immer nachts käme . Sie kommt im Hemde auf den Boden geschlichen , und ist schlank wie ein Blumenstengel , wenn sie ihre letzten Hüllen im Mondlicht abwirft . Unsagbar , so ein Licht auf dem frischen Fleisch , und die Silhouette in scharfen Schatten auf der Diele . Sie erwürgt mich halb im Spiel ihrer nackten Glieder . Da ist sie nicht einfältig und auch gar nicht jung , dünkt mich . Da ist sie wie ein heißer Dämon , hart fordernd , ohne ein Wort . Das ist Leib und Leben , die es machen . Ihre Augen blitzen , und ihre Augen schwärmen , und ihre Rufe sind wie Vogelrufe oder wie Raubtierrufe . Man begreift ein Unbegreifliches , was uns alle narrt dann und zusammen zwingt . Ich mußte sie schließlich hinaustreiben . Sonst vergißt sie Bauer und Bäuerin , und daß der alte Bauer sie mit der Peitsche schlüge , wenn er es wüßte . « Dann : » Nun merken die Alten , daß ich kein Geld mehr bekomme . « Sie schimpfen heimlich . » Und Du bist nur ein Müßiggänger , « schreibt mein Vater . Dann : » Ella findet immer noch den Weg zu mir , auch wenn der Alte hinterdrein ist . Ein paar Skizzen hab ich von ihr doch gemalt . Aber ich hab sie wieder zerrissen . « Dann : » Die Alten reden kein Wort weiter , und Ella hastet und wirft Kessel und Wanne , und zankt ewig mit der Mutter . Es ist nicht gut sein mehr . Zumal wirklich nicht Geld kommt . Auch das verfängt nicht , wenn ich versuche , von der Bibel zu reden . Geld müßte ich bringen . Wo soll ich es aber hernehmen ? « Dann : » Meine Skizzen von Christus am See Genezareth , da lachen die Bauern . Sie sehen gar nicht , daß da See , Menschen und Kinder gemalt sein sollen . Außerdem sind es wirklich nur Versuche . Der Lehrer am Orte sieht mich auch nur verlegen an , wenn er von meinen Leinwanden wegsieht . Und mir ist das nun eine Malerei ! Wie kommt es , daß ich mir das einbilde , wenn die andern es nicht sehen ? « Dann : » Übrigens ist es wild und lustig , wie Ella nie Ruhe läßt und immer die Nächte in den dünnen Hüllen kommt , sobald die Alten schlafen . Derb und toll wie ein Wirbel ! Jetzt erscheint sie mir auch am Tage ganz anders , nun ich sehe , daß die Arbeitshast nur einen Vulkan Sinnenlust verbirgt . Es blühen keine Blumen unter ihren Füßen . Es ist alles hart . Am Tage lacht sie jetzt viel , und wirft mir Blicke , daß ich mich bis zur Nacht trösten soll . Ist das nicht ein tolles Spiel ? « Dann : » Ab nach Constanza ! es muß ein ander Leben gelebt sein ! Nicht zum Vergangenen und nicht zu dem stracken Mädchen ! Zu mir zurück ! Außerdem muß ich Vater zeigen , daß ich kein Müßiggänger bin ! Außerdem reiße ich aus . Der Bauer mag sich an Vater wenden , wegen der geringen Schulden um die Notdurft . Also : nun , meine traumlose Schöne , ist das Spiel am Ende ! Nun können deine Träume beginnen nach mir ! Da kannst du auch einmal eine Träne weinen . Da werden deine Begierden Augen und Ohren gewinnen und ausblicken und aushorchen lernen - : einmal in die ferne Welt . Adieu ! « 3 An einem breiten , dämmernden Hause unten dicht an der Landstraße blinkte ein großer Steintrog voll klaren Wassers , und der Strahl , der unaufhörlich hineingurgelte , glänzte silbern . Es war eine Mondnacht . Einhart war auf seiner Wanderung hier angekommen . Denn Einhart war den ganzen Tag schon auf Wanderschaft . Er war jetzt noch gerade so wach , wie ihn seine Notlage gestern Nacht auf einmal gemacht hatte . Er hatte auch diesen ganzen Wandertag nicht Träume noch Visionen . Weder mit den Propheten , noch mit Jesus und seinen Wundertaten waren ihm Augen und Seele voll gewesen , nur mit dem staubigen , steinigen Wege , mit den glühendroten Ebereschtrauben manchmal gegen den hellen Himmel , und mit zurück springen in Gedanken zu allerlei Fragen und Zweifeln und Ermessen . Es war Einhart durchaus nicht leicht angekommen , als es Mittag gewesen , der Weg müde gemacht , und die Sonne reichlich brannte , in das Haus eines Dorfarztes am Wege einzubiegen , und ein Stück Brot für seinen Hunger einfach zu erbetteln . Man hatte nur einen Spalt geöffnet , als man gesehen , daß ein Vagabond davorstand , und hatte ihm dann eine harte Semmel und ein Stück alten Käse herausgereicht . Einhart hatte vor der Glastür gestanden , den Hut in der Hand , sich selber so recht zum Gelächter . Der Name des Arztes glänzte im Leben unverwischlich in goldnen Lettern auf weißer Tafel vor Einharts Augen , wie er ihn dort abwartend und heimlich gefaßt , Schimpfworte zu hören , lange hatte anstarren müssen . Es verbanden sich noch spät mit diesem Namen sonderliche Frohgefühle von einem im Staube ziellos hinstreichenden Landfahrer , der abgehetzt und zernagt , wie Einhart jetzt war , innen und außen , plötzlich eine darreichende Menschenhand sich hatte zu seiner Stillung ausrecken sehen . Ein rechter Unwürdiger am hellen Tage vor sich selber war jetzt Einhart , und ein recht Bedürftiger . Der junge Arzt , auf den Einhart stieß , als er das Haus wieder verlassen wollte und noch auf den Treppenstufen stand , hatte ihn zuerst nur streng angeredet , daß ihm Einhart gleich ganz menschlich erklärte , welche Bewandtnis es um sein Vagantentum hätte . » Ein junger Kunstmaler bin ich , der sich verträumt und nicht ans Leben gedacht . Ich muß infolgedessen einmal wie Bettelleute vorwärts finden , wenn nicht durchs Leben , so doch bis zur nächsten Großstadt , « hatte Einhart lustig verlegen gesagt . Denn das stand Einhart vor Augen , zur Stadt und zur Arbeit zurück . Da hatte ihm der junge Arzt Zehrung gegeben und ihn auch mit Abnehmen des Hutes freundlich verabschiedet . Einhart gingen jetzt tausend Lebensgefühle um . Er verleugnete nie seine Art , Drangsal zu empfinden mit der Neugier und mit dem Behagen des Suchenden . Wie es Höllenfahrten gibt und selige Leiden der Gesteinigten . Auch eine wahre , hastige Besinnung auf sein Leben war lebendig , ihn in einen tätigen Zustand endlich zurückzutreiben . So stand Einhart jetzt im Mondenschein am Wassertroge der Dorfschenke , sah die perlenden Silbertropfen und bedachte sich lange , nachdem er sich an dem hellen Glanzstrahle satt getrunken . Die großen Fenster warfen warmen Schein auf die Dorfstraße . Es war lautes Leben drinnen . Einige Blicke streiften Einhart , als er den Hut in der Hand mit dem Stabe zusammen , ganz und gar nicht scheu eintrat . Man hielt gerade eine Sitzung . In der Ecke des Zimmers um einen langen , kahlen Tisch saß ein Kreis würdiger Bauersleute mit dem Ortsgeistlichen zusammen , einem kleinen , kahlköpfigen Herrn , der soeben die Gemeindearmenpflege umständlich besprach . » Armut , meine Herren , « sagte er gerade , als Einhart eingetreten , » ist meist verdorbenes Blut . Armut ist meist Sünde der Väter bis ins vierte oder zehnte oder bis ins tausendste Glied . Man muß die Armut nicht pflegen . Man muß sie bekämpfen , wie einen Feind . Es gibt solche , die nur immer mitleidig sind . Das ist eitel Schwäche . Das fördert nur das Übel , dem wir steuern sollen . Überlassen Sie ein jeder der Zentralstelle - usw. « Aller Augen hatten auf den Geistlichen gesehen . Aber sie richteten sich auch schon heimlich dann und wann auf Einhart . Denn Einharts Dunkelblicke begannen sich jetzt zu füllen mit seiner Art Hoffart . Daß er , wie er in der andern Ecke der weiten Gaststube unter der Hängelampe Platz genommen , die nebenbei fragenden Blicke der Großbauern und des Pastors streng erwiderte . Der Wirt kam gleich zu Einhart heran , ein Gewaltmensch , der eine Posaune des jüngsten Gerichtes hätte laut blasen können . Der Wirt sah Einhart jetzt ziemlich umständlich und unerschrocken an . Auch er hatte Zweifel an Einhart . Dürftig und zerfetzt wie Einhart jetzt aussah , und dunkel und gelbgebrannt wie immer . Aber wie der Wirt Einhart genauer in die Augen gesehen und seinen sanften Tonfall gehört , bediente er ihn doch in allen Ehren . Und die Sitzung ging eine lange Weile ruhig weiter . Einhart achtete nicht groß weder auf Wort noch Widerwort . Er war sehr hungrig . Als er Brot und Wurst und Bier vor sich hatte , begann er eifrig zu schmecken und zu kauen und mußte nur in Summa ein einziges Mal noch plötzlich hinauslachen über den Berg Hochmut gegen das Tal Armut so ins Gesamt . Aber wie Einhart sich dann gestärkt fühlte , kam ihm auch gleich eine leise Tollheit an , sich noch vollends als Schalk zu stellen . Die Gemeindekirchensitzung war zu Ende . Der Geistliche hatte sie in aller Form geschlossen erklärt . Da saß Einhart noch immer , sah in sein Glas , überlegte und begann dann wie ein Einfältiger zu lächeln . » Ich werde Ihnen ein Rätsel aufgeben , meine Herren , « rief er über den Tisch , mit einer gewandten Geste der Hand , recht wie ein Zauberkünstler . » Erlauben Sie es , ehrwürdiger Herr Geistlicher ? « Einhart war so unerfahren , daß er tatsächlich nicht die gewöhnlichen Titulaturen wußte . Aber man kann sagen , daß Bauern und Pastor sich durch die Anrede ohne alles Herkommen besonders betroffen fühlten . Es brachte unter alle ein richtiges Verwundern , weil Einhart jetzt auch die Bauern Ackerer nannte mit sonderlicher Absicht . Aller Blicke in der Gaststube betrachteten Einhart gespannt , als er an den Würdentisch näher herantrat . » Es ist ein Ringelreigen und kommt nie zu Ende , « sagte Einhart bedächtig . » Ihr wollt Euch einen Spaß machen mit uns . Rätselraten ist nicht jedermanns Sache , « sagte der Geistliche sehr ablehnend . Aber die Bauern lachten sich an . Ein jeder wäre gern der Kluge gewesen . Einer versuchte auch . » Na ! Das wär ' doch ! « sagte er , ein junger Bauer mit vollen , roten Lippen und einem unbekümmerten Lachen um die blauen Augen sehr nachdenklich . » Ich errate manchmal was . « Aber weil alle andern schwiegen , tat auch er nur , wie wenn er es aus seines Nachbars Augen lesen könnte , und sah dann unverrichteter Sache auf Einhart . » Aber meine Herren Ackerer , « rief Einhart recht mit Aufwand , » ob wir arm oder reich sind , ein jeder muß mittanzen . Keiner bleibt auf seiner Stelle . Und keiner auch weiß , wohin er in dem Reigen noch hingeraten wird . « Aber Einhart ließ jetzt nicht lange Zeit sich zu besinnen . » Was ist das ? « rief er vergnügt lachend : » wenn ' s oben ist , fällt es , wenn es unten ist , steigt es . « Es war noch immer große Zurückhaltung . Die Bauern begannen gedämpft zu reden , einer zum andern . Es machte ihnen Spaß zu denken , wenn es auch nicht zum Ziele führte . Keiner wagte sich mit einer Meinung hervor . » Ein jedes Ding ist so in der Welt . Und ein jedes Ding sind wir selber . Alles Geheime macht sich offenbar in uns . Nach oben steigen wir , nach unten fallen wir , wie das Wasser und der Stein . Es ist der alte Ringelreigen , von oben nach unten , von unten nach oben , und immer und überall . Es wird es keiner anders erleben , als daß er herumkreist . Ich glaube nicht , daß einmal einer stille steht . « Der Pastor wurde immer ernster und schweigsamer am Tische . Die Bauern auch . Einhart wußte nicht , ob er nicht nur eitel Torheit geredet . Er war lange ganz still . Und er lächelte jetzt in sein Glas hinein , weil er sich auch einstweilen auf nichts weiter besann . » Es steht ein Alter hinter einem Jungen und reißt ihn am Ohre . Und ein Uralter reißt ihn am Herzen . Nur daß man die Hände beider nicht sieht und die Stelle nicht kennt , wo sie angreifen . Was ist das ? « Aber auch das konnte niemand raten . Da sagte Einhart ganz überlegen : » Mein Gott , Euch allen geht es so . Die Not läßt euch säen mit rastlosen Händen , und ihr möchtet doch von Herzen gern das Himmelreich ernten , seit Ewigkeit . Fragt doch den Herrn , der euch zur Sonntagsfeier zuredet , ob euch nicht alle die Not am Ohre reißt und das Gesicht vom Himmelreich abwendet ? « So ging es weiter . Daß die Bauern gemütlich wurden und fragten , wer es wäre ? Auch Einhart dann direkt fragten . Aber Einhart blieb dabei , daß er nur ewig umgeackert hätte wie sie , und daß sein Acker nichts trüge . Die Körner , die er säete , wären von Golde , aber nur im Traume - und gingen vor ihm nur als Nebelschemen auf . Er hätte keine Macht sie zu greifen . Da kam in alle wieder die Stummheit . Alle waren neu ins Nachdenken versunken . Und dann erhoben sich alle endlich , weil der große Seeger Mitternacht schnarrte und schlug . Der Wirt gähnte noch einmal flüchtig , ehe er sich rückte , um die Zeche bezahlt zu nehmen . Nur der Pastor blieb dann doch allein im Hause zurück , als die Bauern auf die nächtige Dorfstraße hinausgetreten . Ihm kam eine heimliche Erregung an . Er wollte mit dem seltsamen Gesellen noch Auge in Auge zusammen sein . Er nahm die Sache sehr ernst . Er dachte an einen richtigen Leugner und Antichrist . » Auch der Satan war ein schwarzer Engel und hat Weisheit genug , uns zu lehren , « dachte er für sich . Einhart konnte in solcher Trübsalslaune , wie er war , wirklich in allen Farben schillern . So kam der Geistliche in die Wirtsstube zurück gerade , als Einhart sich rührte , in das enge Nebengelaß , wo er schlafen sollte , einzutreten . » Wir müssen noch einiges besprechen . Denn Sie scheinen ein sonderbarer Mensch , « sagte der Geistliche ganz freundlich noch , aber voller Würde . » Ach Gott ! Herr Pastor ! « sagte Einhart sanft . » Sonderbar ! nun ja ! wie