da Hierangl it g ' logen hat . « » Warum soll der Hierangl lügen ? « » I behaupt ' s net . Aba , weil ma halt nia was anders g ' hört hat , als daß der Schuller mit sein Vater guat g ' haust hat . « » Dieser Mann hat eine eiserne Stirne . Ich habe ihm selbst lange geglaubt . Da ist es kein Wunder , daß sich auch andere täuschen lassen . « » Ma hat nia was g ' hört ... « » Es ist doch so ! Aber jetzt gehen Sie ; ich will allein sein . « Baustätter griff nach dem Gebetbuche , welches er auf seinen Schreibtisch gelegt hatte , und der Paulimann zog leise die Türe hinter sich zu . Der Schuller ging heim . Das drückende Gefühl hatte er los ; er kannte jetzt den Hinterhalt , aus dem der vergiftete Pfeil geflogen war . Konnte er ihn treffen ? Wußte nicht jeder im Dorfe , daß er zu allen Zeiten ehrbar gegen seinen Vater gehandelt hatte ? Auch in schlimmen Zeiten . Der alte Vöst hatte es nebenher mit dem Güterhandel probiert und viel Geld verloren . Damals lebte noch der ältere Bruder vom Schuller . Der war auf der leichten Seite und ließ alle fünf gerad ' sein . Das schöne Sach ' kam herunter , und er konnte nichts dawider tun . Weil er es aber nicht länger mit ansehen wollte , ging er selbigesmal nach Rettenbach und nahm Dienst beim Schloßbauern . Da wurde der Johann krank und starb weg über Nacht . Und der Schuller kam wieder heim und richtete das Anwesen zusammen , daß alle Leute ihn loben mußten . Wie viel Arbeit traf ihn damals als blutjungen Menschen ! Wie viele Sorgen gingen ihn an ! Er schwieg dazu , wenn der Vater die sauer verdienten Groschen in die Handelschaft steckte , und mühte sich ab . Dann ging es endlich besser . Die Mutter brachte den Alten dazu , daß er das Herumfahren mit den Schmusern aufgab und daheim mithalf . Es kamen gute Jahre . Zu derselbigen Zeit konnte sich einer noch herausreißen , denn Korn und Weizen hatten schöne Preise . Und wie alles wieder in Ordnung war , da durfte er , der Andreas Vöst , mit Stolz sagen , daß er das beste dazu getan hatte . Etliche Jahre später übernahm er das Anwesen und heiratete . Von der ersten Stunde an gab er dem Vater , was ausgemacht war , und zog ihm keinen Pfennig ab bis zu dem Tag , an dem sich der Alte zum Sterben hinlegte . Die Nachbarn wußten es , und jedermann im Dorfe wußte es . Nein , die Verleumdung traf ihn nicht . Auf den Pfarrer Held wollte es der Mensch hinüberschieben ! Weil er wußte , daß dem sein Wort überall gegolten hatte . Dreißig Jahre war er Pfarrer von Erlbach gewesen ; ein gutherziger Mann , überall dabei mit Rat und Tat . Wer Sorgen hatte , ging zu ihm und fand allezeit ein heiteres Wort und gute Aufmunterung . Der Schuller hatte es selbst erfahren . Und jetzt sollte er glauben , daß der Mann ihn hinterrücks verleumdet hatte . Es war eine dumme Lüge . Zehntes Kapitel Der Buchdrucker Schüchel fühlte sich in den Mittelpunkt der Ereignisse gestellt , seitdem er sein » Nußbacher Wochenblatt « als Organ des bayerischen Bauernbundes bezeichnete . Sein Beitritt zu dieser Partei war nicht ein durchaus freiwilliger . Vor nunmehr zwanzig Jahren hatte der evangelische Schriftsetzer Adolf Schüchel die verwitwete Besitzerin der einzigen Nußbacher Zeitung geehelicht und sich in den Schoß der katholischen Kirche geflüchtet . Und von diesem Tage an war es ihm gut ergangen . Die Geistlichkeit schätzte den Eifer des Neubekehrten , und ihr Wohlgefallen äußerte sich nicht nur in Worten . Schüchel fand tatkräftige Unterstützung und Hilfe . Man empfahl seine Zeitung und sorgte für ihre Verbreitung ; junge Heißsporne lieferten ihm streitbare Leitartikel , und zuweilen ergriff eine wichtige Persönlichkeit das Wort im Nußbacher Wochenblatte . Auch im nichtpolitischen Teile kamen häufig Beiträge aus geistlichen Federn . Dekan Metz schilderte hier seine Reise zum heiligen Hause von Loreto , Benefiziat Scheible seine Pilgerfahrt nach Jerusalem , und was des Spannenden mehr war . Nebenher verdiente Schüchel durch den Verlag von Gebetbüchern und Erbauungsschriften ein schönes Stück Geld , bekam Heiligenbilder , Sterbeandenken und Kirchenzettel zu drucken und wurde im Laufe von fünfzehn Jahren ein wohlhabender Mann . Er fand großen Gefallen an dem behäbigen Leben der Altbayern , welches sich so angenehm von den Gepflogenheiten seiner mittelfränkischen Heimat unterschied . Er setzte allmählich Fett an und war wie alle Nußbacher Bürger . Wenigstens äußerlich ; denn daß er sie geistig überragte , blieb ihm stets eine tröstliche Überzeugung . Nun wäre alles recht und schön gewesen , wenn nicht eines Tages Frau Johanna Schüchel plötzlich verstorben wäre . Dieses Ereignis zog andere nach sich , welche in ihrem Verlaufe der katholischen Kirche einen eifrigen Anhänger entfremdeten und das Nußbacher Wochenblatt zu einem Organ des Bauernbundes machten . Adolf Schüchel wurde zu frühe Witwer . Er war nicht alt genug , um allen Freuden des christlichen Ehestandes zu entsagen und Versuchungen zu widerstehen , welche an wohlhabende Männer herantreten . Nach dem Tode seiner Frau wandte er sich an seine Verwandten in Ansbach , ob sie nicht eine geeignete Person wüßten , welche ihm den Haushalt führen könnte . Diese fanden ein passendes Mädchen , und kurze Zeit darauf zog Sophie Schnell in das Schüchelsche Haus . Sie war jung , hübsch und hatte die rundlichen Formen , welche Witwern gefährlich sind . Ein halbes Jahr später wurde sie die Gattin des Buchdruckereibesitzers . Das klingt einfach und ist menschlich . Aber es war ein Umstand dabei , der die Sache verwickelt machte . Sophie Schnell , jetzige Schüchel , war Protestantin und verstand sich nicht dazu , ihren Glauben zu wechseln . So gab es eine Mischehe . Und die Greuel derselben wurden vermehrt , als ein Kind zur Welt kam , welches nach dem unbeugsamen Entschlusse der Mutter der evangelischen Kirche zufiel . Damit waren alle Beziehungen Schüchels , seines Verlages und seiner Zeitung zu der katholischen Geistlichkeit gelöst . Die Zeiten waren vorüber , in denen man Beschreibungen frommer Wallfahrten im Nußbacher Wochenblatte lesen konnte ; Heiligenbilder und Sterbeandenken kamen nicht mehr in die Akzidenzmaschine , und die Kirchenzettel blieben aus . Schüchel war nicht gleichgültig gegen diese Unfälle ; wenn es nur auf ihn angekommen wäre , hätte er sich gewiß gebeugt vor einer Gewalt , die geben und nehmen kann . Aber an dem Willen seiner Frau scheiterte jeder Versuch , den er zum Einlenken machte . So blieb ihm vorerst nur der Trost , daß die Nußbacher Leserwelt auf seine Zeitung angewiesen war . Bald wurde er aus seiner Sicherheit aufgeschreckt . Ein unternehmender Schwabe , Simon Hefele aus Ravensburg , gründete eine neue Zeitung , den » Nußbacher Anzeiger « . » Auf daß die katholische Bevölkerung des Distriktes eine Presse besitze , welche ihrer wahren Meinung Ausdruck verleiht , und nicht länger die im katholischen Gewande einherschleichende Irrlehre ihre giftigen Dünste verbreiten lasse , « hieß es im Begrüßungsartikel , welcher vermutlich nicht von dem ehemaligen Bäckergehilfen Hefele , sondern von dem Verfasser der Wallfahrt nach Loreto geschrieben war . Der Krieg war erklärt , und die Aussichten waren für Schüchel nicht günstig . Hinter ihm standen keine Truppen , und er selbst durfte nicht mit offenem Visiere kämpfen . Er mußte die Geistlichkeit schonen und seine Schläge so zielen , daß sie den wahren Feind nicht trafen . Das nahm ihm die halbe Kraft . Wie anders Simon Hefele . Der ließ sein Panier lustig im Winde flattern , und mit ihm stritt der Herr mit seinen Scharen . Drei Jahre dauerte der ungleiche Kampf , einer gegen viele . Schüchel wollte fast verzagen . Er konnte sich der Hiebe kaum noch erwehren , die auf ihn niederprasselten . Die ungeheuerliche Grobheit des Bäckergehilfen vereinigte sich mit der kunstfertigen Spitzfindigkeit geistlicher Hintermänner , um ihn zu verderben . Da kam der Bauernbund und mit ihm die Rettung . Jetzt hatte Schüchel ein Programm , eine Partei und Mitarbeiter . Unter den Bürgern , welche sich sogleich der neuen Bewegung anschlossen , war mancher , der etwas zu sagen hatte , und der sich freute , wenn er unerkannt Feuerbrände umherschleudern durfte . Artikel erschienen jetzt im Wochenblatte , Artikel von so ungehobelter Derbheit , daß die Betroffenen am Zeitgeiste verzweifelten . Ja , daß der schwäbische Bäckergehilfe nach furchtbaren Gegenanstrengungen erklären mußte , es verbiete ihm der Anstand , im gleichen Tone zu erwidern . Es half jedoch dem Nußbacher Anzeiger nichts , daß er seine Spalten jetzt nur solchen Darstellungen einräumen wollte , welche vornehme Gesinnung atmeten . Seine klobigen Feinde zwangen ihn zum wenigsten jede Woche einmal , mit einem zornigen Aufschrei ihnen auf das Gebiet politischer Gemeinheit zu folgen . Der Stadtprediger Roth wandte historische Kenntnisse und alle Künste scharfer Dialektik auf , um die Gegner zu erdrücken . Er versicherte von einem zum anderen Male , daß ihm die krampfhaften Anstrengungen derselben unendlich viel Vergnügen bereiteten , und daß er ein herzliches Lachen nicht unterdrücken könne , ob des unbeholfenen Stiles , in welchen die verworrenen Gedanken eingekleidet seien . Aber wenn Hefele auch noch so oft hinzufügte , daß sich der bewußte Artikelschreiber im Wochenblatte von dem vernichtenden Schlage kaum mehr erholen dürfte , so war er trotzdem bald darauf gezwungen , angesichts neuer Gemeinheiten zu fragen , ob katholische Hausvorstände es mit ihrem Gewissen vereinigen könnten , das Nußbacher Wochenblatt zu halten . Und im weiteren Verlaufe trat gegen den gelehrten Alban Roth ein Mann auf , dem er nicht gewachsen war ; der bürgerliche Schuhmachermeister Jakob Prantl . Ursprünglich für den geistlichen Beruf bestimmt , studierte er sechs Jahre lang am humanistischen Gymnasium zu Freising . Er kam nicht über die vierte Lateinklasse hinaus und zeigte keinerlei Neigung für gelehrte Dinge . Erst später entwickelte sich sein Geist , als er zum ehrsamen Handwerk überging und wie sein Vater die Stiefel der Nußbacher Menschheit schäftete , sohlte und englisierte . Wenn er so auf seinem Schemel saß und mit dem Pechdraht Oberleder und Rahmen zusammennähte , oder die Sohle mit Hammerschlägen rundete , schweiften seine Gedanken zurück in die Zeit , da er noch lateinische Sätze bildete und die seltsamen Schriftzeichen der griechischen Sprache lernte . Jetzt erwachte in ihm die Liebe zur Wissenchaft , und er bewahrte sorgsam die kümmerlichen Reste , welche ihm geblieben waren . In dem Notizbuche , worin er die Maße der Fußlängen und Risthöhen seiner Kunden schrieb , stand auf der ersten Seite sein Name mit griechischen Buchstaben : Iakobos Prantl , sxoyster . Allmählich verwischte sich in seinem Gedächtnisse die Erinnerung daran , daß er selbst die Fortsetzung seiner Studien aufgegeben hatte , und er bestärkte sich immer mehr in dem Glauben , daß harte Schicksale oder feindliche Einflüsse seiner Laufbahn hinderlich geworden waren . Er zerfiel mit der Menschheit , deren Füße er bekleidete , und wurde ein strenger Richter über Welt und Dinge . Seine Gehilfen und Lehrlinge bekamen manches bedeutende Wort zu hören über Staat und Kirche und jegliche Obrigkeit . Eine tiefe Verachtung der anerkannten Autorität sprach aus ihm , wenn er nahe und ferne Ereignisse in den Kreis seiner Betrachtungen zog , und er war mit Bitterkeit erfüllt . Seine Gedanken wurden ätzender , weil er sie meist für sich behalten mußte . Darum ging er mit lebhafter Freude , mit Hingabe seiner ganzen Persönlichkeit an die Arbeit , als sich endlich Gelegenheit für ihn bot , im Nußbacher Wochenblatte seine Meinung zu sagen . Er schrieb einen seltsamen Stil . Als er in die Schule ging , hielt man noch etwas auf die Kunst , eine Periode in die Länge zu ziehen ; man stützte sie mit Relativsätzen , wenn sie umsinken wollte , und flößte der Ermatteten durch Bindewörter neuen Mut ein . Jakobos Prantl bemächtigte sich dieser Form . Sie entsprach seiner Gewohnheit , tiefen Sinn zu verstecken und wiederum mit leichten Andeutungen zu entblößen . Und sie entsprach auch der Fülle seines Wissens , die sich in der geraden Linie nicht entwickeln konnte , sondern ihre Äste nach allen Seiten hin ausbreitete . Und so entstanden also jene merkwürdigen Aufsätze über das verderbliche Zusammenwirken von Staat und Kirche , welche dem Stadtprediger Alban Roth schlaflose Nächte bereiteten . Er fand hier in krausem Durcheinander alle Behauptungen , welche von katholischen Schriftstellern in bändereichen Werken widerlegt worden waren . Sie tauchten im Nußbacher Wochenblatte so frisch und munter auf , als hätten sie eben das Licht der Welt erblickt und wären nicht schon vor Jahrzehnten begraben worden . Eine qualvolle Arbeit begann für Herrn Roth ; auf die ersten Irrtümer wies er mit spöttischem Mitleide hin , die nächsten übergoß er mit der Lauge des Hohnes , aber bald wuchs ihm die Aufgabe über den Kopf . Wie Pilze schossen die Lügen , Verdrehungen , Entstellungen und Irrlehren aus dem Boden . Er wußte nicht mehr , wo anfangen und wo enden . Links , rechts , vor ihm , hinter ihm erhoben sich die unverwüstlichen Giftschwämme . Sein Kampf war machtlos gegen einen Feind , der die erschlagenen Truppen hinter der Front wieder aufstellte und sie lächelnd von neuem ins Treffen führte . Und diese unerschütterliche Ruhe ! Diese Unempfindlichkeit des geheimnisvollen Artikelschreibers , welcher in der neuen Nummer immer da anhob , wo er in der letzten geendet hatte . Was hätte Alban Roth darum gegeben , wenn er nie jene Aufsätze beantwortet hätte , in welche ohne Zusammenhang und Sinn seltsame griechische Worte eingestreut waren , und die stets mit dem Satze begannen : » Wie schon der große Römer sagt . « Das » Wochenblatt « zog Vorteil aus diesem Kampfe der Geister . Es zählte jetzt mehr Abnehmer als in seiner ersten Glanzzeit . Auch draußen in den Gemeinden fanden sich Anhänger und Mitarbeiter . Der Lehrer von Hilgertshofen brachte Stimmungsbilder aus dem Glonntale ; er unterschrieb sich als » ein stiller und kühler Beobachter « ; der » alte Bajuvare « , welcher mit Hilfe der historischen Wissenschaft den unseligen Anschluß an Norddeutschland für alle Schäden verantwortlich machte , war der Gutspächter Wanninger von Arnbach . Und in seiner Nähe führte der Posthalter und Landrat Scheiblhuber in Grubhof eine scharfe Feder gegen die Volksverräter des Zentrums . Andere folgten . Was sie schrieben , zeugte nicht immer von großer Einsicht . Es waren unbeholfene Anfänge , die öffentliche Meinung gegen die eingesessenen Machthaber zu erregen . Aber es waren doch Anfänge , die man schon deshalb nicht unterschätzen durfte , weil sie die Bauern zum Lesen brachten . Das war vordem eine Seltenheit . Mit Lesen und Schreiben gaben sich die meisten nach der Feiertagsschule nicht mehr ab ; sie hatten keine Zeit dafür . Und wer ein übriges tun wollte , nahm den Monika-oder Regensburger Marienkalender vom Nagel herunter , wenn es im Winter einen langen Feiertag gab . Hier und dort war wohl ein angesehener Mann im Dorfe , dem der Postbote eine Zeitung ins Haus brachte . Das wußten dann alle in der Gegend und sahen es für ein Besonderes an . Jetzt aber kümmerten sich viele um die Geschehnisse in der Welt , und wer das Geld sparen mußte , setzte sich im Wirtshaus näher an das Licht und las dreimal die Woche , wie Jakobos Prantl unsäuberlich mit der Kirche fuhr und der alte » Bajuvare « dem preußischen Fuchs in den Pelz griff . Der erste Vorteil , den eine Partei durch die Presse erlangen kann , war gegeben . Die Gleichgesinnten konnten sich verständigen und zusammenschließen . Der Kreis erweiterte sich . Wenn die Giebinger lasen , daß sie in Hilgertshofen die nämliche Meinung hatten über die Verderbnis im Bauernstand , dann faßten sie Vertrauen zueinander . Und in allen rührte sich die Hoffnung , es müsse wohl besser werden , wenn sie zusammenstünden . Dazu erfuhr man genau , wie im Niederbayerischen und im Oberland die Bauernsache vorwärts ging . Einer sagte es dem anderen nach , daß es an der Zeit sei , auch in Nußbach eine Versammlung abzuhalten und dem Bunde beizutreten . In Schachach gingen sie mit gutem Beispiel voran und gründeten eine Markgenossenschaft . In Zillhofen machten sie es nach , aber was halfen die einzelnen Versuche ? Es mußte sich aufweisen , ob der Boden überall umgeackert war , daß eine richtige Saat aufgehen konnte . Und da stand es im Wochenblatt : » Aufruf ! Liebe Standesgenossen , Bauern und Bürger ! Der Tag ist gekommen , daß sich die Mitglieder des Nährstandes um eine gemeinsame Fahne scharen müssen und nicht länger zusehen , wie gewisse Elemente das Volk unterdrücken , welche von der Arbeit Erträgnis des Land- und Gewerbsmannes indirekt mitleben . Daß Bauern und Gewerbe auf das regste zusammengehören , wird gewiß einer mit Menschenverstand nicht leugnen wollen , da doch die Bauern in Nußbachs Umgebung die Haupteinnahmequelle der Geschäftsleute bilden und durch die Verbesserung der landwirtschaftlichen Verhältnise auch ihren Anteil haben . Darum , liebe Standesgenossen , stellen wir uns zusammen und forschen nach des Übels Quelle ! Aber wie ist dies anders möglich , als durch die Abhaltung einer Versammlung , welche jedem Gelegenheit gibt , seine Gesinnung zu erproben , und durch zahlreichen Besuch dem Gegner Achtung einflößt ? Kommt alle zur Vorbesprechung , welche im Saale des Sternbräu stattfinden soll , am Sonntag , den 16. Dezember , Nachmittag zwei Uhr , und woselbst das Notwendige verabredet wird . Kommet alle , die ihr Zeit habt und ein Herz für unsern Stand und unser Bayerland ! Einigkeit macht stark , wie schon der große Römer sagt ! « Der Aufruf fand Beifall an vielen Orten ; der Stein war ins Rollen gebracht . » Da haben wir es « , sagte der Bezirksamtmann , und warf die Zeitung wütend auf den Tisch . » Jetzt kann die Hetzerei in meinem Bezirk losgehen . Aber es soll mir nur einer kommen von den Siebengescheiten , die das ganze Land in der Tasche haben , und nicht einmal die paar Bauern in ihren Gemeinden zur Vernunft bringen können ! Es soll mir nur einer Vorwürfe machen ! « Er zog heftig an der Glocke . » Mayerhofer ! « Der Amtsdiener trat ein . » Sagen Sie dem Herrn Offizianten , er soll zu mir kommen . « » Jawohl , Herr Bezirksamtmann ! « Otteneder legte die Hände auf den Rücken und ging auf und ab . Der Offiziant Schillinger blieb an der Türe stehen . » Herr Bezirksamtmann wünschen ? « » Haben Sie den Aufruf im Wochenblatt gelesen ? « » Ja . « » Ist der von unserm braven Schüchel geschrieben ? « » Wenn Herr Bezirksamtmann erlauben , vom Schüchel ist er nicht . « » Von wem sonst ? « » Ich weiß es auch nicht bestimmt ; es ist nur eine Vermutung . Aber ich habe den Schuhmacher Prantl in Verdacht . « » So , von dem ? Allerdings , von einem Schuster hat der Stil was . « » Der Prantl ist bekannt als Bauernbündler , wenn Herr Bezirksamtmann erlauben . Und die Leitartikel , mit den griechischen und lateinischen Wörtern , sollen auch von ihm sein . « » Der Kerl steckt bis über die Ohren in Schulden ? « » Er steht nicht gut , was man hört . Einmal ist er schon ausgepfändet worden . « » Der hat ' s notwendig ! Schreibt , daß gewisse Elemente vom Handwerker leben . Damit meint er natürlich die Beamten ? « » Jawohl , Herr Bezirksamtmann . Er schimpft überhaupt in allen Wirtshäusern herum . Das hat er schon immer getan , so lang ' ich ihn kenne . « » Das werde ich mir merken . Sagen Sie , Herr Offiziant , der Sternbräu , gibt denn der seinen Saal her zu der Versammlung ? « » Gern auch noch , Herr Bezirksamtmann . « » Was will denn der Mensch ? Er ist doch sehr vermögend . Wie gibt sich der mit solchen Geschichten ab ? « » Wenn mir Herr Bezirksamtmann die Bemerkung erlauben , das ist jetzt überhaupt so . Wo man hinkommt , nichts wie Räsonnieren und Politisieren . Man kann keine Halbe Bier mehr mit Ruh ' trinken ; der Melber Wimmer , der Kaufmann Kolb , da ist einer gescheiter wie der andere . Und der Schüchel geht herum , als wenn er ein Weltblatt herausgeben tät ' . « » Ich kenne meine Nußbacher . Nichts arbeiten , den ganzen Tag in den Wirtshäusern hocken und dumm reden . « » Bei den Bauern merkt man ' s auch schon , Herr Bezirksamtmann . « » Wieso ? « » Es ist nicht mehr wie früher . Wenn man sonst einem was g ' sagt hat , war ' s recht und fertig . Jetzt wird gleich gedroht mit der Zeitung , und so weiter . « » Das ginge mir noch ab ! Wenn einer so was sagt , führen Sie ihn nur herauf zu mir ! Das wollen wir sehen ! « » Gestern erst der Pointner von Zillhofen . Wegen seinem neuen Stallgebäude . Die Pläne sind noch beim Herrn Distriktstechniker , und ich habe ihm das gesagt . Fangt er gleich das Schimpfen an . Wie lang ' er noch warten müsse ? Im Mai hätt ' er eingegeben . Ob das eine Manier sei ? Im Winter könne kein Mensch bauen . Er wolle uns schon ein Feuer anzünden , wenn es noch länger dauern tät ' . « » So , so ? « » Es wird immer schwieriger , Herr Bezirksamtmann . « » Na , dafür bin ich noch da . So weit sind wir noch nicht , daß wir uns einschüchtern lassen . « » Herr Bezirksamtmann haben gestern gesagt , ich soll den Akt vorlegen , betreff Bürgermeisterwahl in Erlbach . « » Richtig , ja . Haben Sie ihn ? « » Ich habe ihn Herrn Bezirksamtmann auf den Tisch gelegt . « » Gut . Übrigens , kennen Sie den ... den ... wie heißt er doch gleich ? « » Den Schuller von Erlbach . « » Ja , Schuller oder so ähnlich , den neuen Bürgermeister ? « » Das ist doch der nämliche , der uns so viel Arbeit gemacht hat wegen der Flurbereinigung , Herr Bezirksamtmann . « » Auch so ein Siebengescheiter ? « » Im Wochenblatt hat es damals bei den Wahlen geheißen , daß er Bauernbündler ist . « » Hm . Also , es ist recht , Schillinger . Guten Morgen . « Otteneder stellte sich an das Fenster und sah auf den Marktplatz hinunter . Es war Schrannentag . Vor dem Rathause standen in langen Reihen die gefüllten Getreidesäcke . Die Käufer gingen von einem zum andern , schöpften mit den Händen Körner heraus , rochen daran und prüften sie sorgfältig . Dann redeten sie mit den Bauern , zuckten die Achseln und gingen weiter . Hier und da gab einer den Handschlag , und man sah , daß der Kauf abgeschlossen war . Der Melber Wimmer war am eifrigsten . Er traf überall gute Bekannte unter den Bauern . Man sah es an der Art , wie er bald hier , bald dort vertraulich grüßte und im Fortgehen sich lachend umwandte . Den Platz weiter hinauf standen viele Wagen , hoch bepackt mit Krautköpfen . Hier waren die Nußbacher Hausfrauen und feilschten und kauften . Der Winter stand vor der Türe ; es war Zeit , das Krautfaß im Keller zu füllen . Und da war auch Gelegenheit , die rechte Zutat zu holen , Kartoffeln , die auf den Fuhrwerken daneben lagen . Es war ein dichtes Gedränge auf dem Markte . Das Summen vieler Stimmen drang herauf ; zwischenhinein lautes Quieken und Schreien , wenn ein Bauer von seinen Spanferkeln eines herausholte und lieblos am Ringelschwanze in die Höhe hielt . » Na also , « dachte Otteneder , » das Geschäft geht ja ! Trotz des Gejammers und der ewigen Unzufriedenheit . « Er sah zum Sternbräu hinüber . Da standen so ein paar Schreihälse . Der Schuster Prantl natürlich , und der geweste defensor ecclesiae , der Buchdrucker Adolf Schüchel . Was sie zu tuscheln hatten mit den Bauern ? Das steckte die Köpfe zusammen ! Das war ein Eifer , ein Reden , ein Gebärdenspiel ! Und eigentlich war es frech , wie diese Schwarmgeister ihr Unwesen trieben . Auf freiem Marktplatze ; unter den Augen der Behörde . Der Bezirksamtmann setzte sich an den Schreibtisch . Er griff nach dem Aktenhefte , welches vor ihm lag . In schöner Rundschrift stand auf dem blauen Deckel : » Betreff Gemeindewahlen in Erlbach . « Otteneder öffnete ihn . Dann zündete er eine Zigarre an und blies den Rauch in die Luft . Und nun war er bereit . Also erstens das Wahlprotokoll . Als beauftragter Kommissär anwesend der königliche Bezirksamtsassessor Max Hartwig . Ergebnis der Wahlen : Bürgermeister Andreas Vöst , Beigeordneter Kloiber , und so weiter . Folium zwei . Gesuch des Pfarrers Baustätter , es wolle der Wahl des Bürgermeisters die Bestätigung versagt werden . Otteneder zog stärker an seiner Zigarre und las einige Sätze vor sich hin . » An der Spitze einer katholischen Gemeinde ... unmöglich ein solcher Mann stehen . ... schweigend zu dulden , nicht vereinbar mit den Pflichten des Seelsorgers . « Er sah nach dem Datum . Erlbach , den 19. November . » Die Wahl war am 18. Teufel , das hat pressiert ! « Folium drei . Wiederholte dringende Vorstellung des Pfarrers Baustätter gegen die Bestätigung des Andreas Vöst . Datum vom 21. November . » Ich muß ganz ergebenst eine äußerst wichtige Mitteilung machen , daß nämlich in den Unterlassenen Papieren meines verstorbenen Amstsvorgängers sich eine dringende Warnung vorfindet , ... « et cetera . Folium vier . Protokoll des königlichen Bezirksamtes Nußbach , den 24. November . Erscheint der Pfarrer Jakob Baustätter und gibt an , was folgt . Meine Pflicht als Seelsorger ... und so weiter . Übergibt gleichzeitig eine Urkunde , Niederschrift des verstorbenen Pfarrers Maurus Held , und bittet um Rückgabe . Folium fünf . Abschrift der von usw. Baustätter übergebenen Urkunde . Das Original auf Wunsch zurückgegeben . » Erlbach , am 16. Juni 1889 . Heute war zum zweiten Male der Austragsbauer Johann Vöst bei mir und klagte bitterlich über die Mißhandlungen , welche er von seinem Sohne erdulden mußte . Er zeigte mir die abschreckenden Spuren derselben . « Otteneder las diese Beschuldigung mit Aufmerksamkeit und schüttelte den Kopf . » Klingt eigentlich sonderbar , « sagte er . » Warum schreibt der Mann das auf ? Wenn es die Leute wußten , war es überflüssig . Wußte es niemand , dann konnte der Pfarrer nur zufrieden sein , daß die Sache wenigstens kein Ärgernis erregte . « Folium sechs . Ergebene Mitteilung des Pfarrers Jakob Baustätter , daß sich in der Gemeinde ernsthafte Stimmen gegen die Wahl erheben . De dato 28. November . Folium sieben . Dringende Beschwerden , nachträglich erhoben von Erlbacher Gemeindebürgern gegen die Person des Andreas Vöst . » Ein hohes Bezirksamt möge die Wahl ungültig erklären , indem die Betreffenden keine Kenntnis hatten , daß etwas vorliegt . Die gehorsamst Unterfertigten sind im christkatholischen Glauben erzogen und sehen mit Furcht und Schrecken , daß ein öffentlicher Feind der Kirche an der Spitze steht . « - » Hm ! Der Satz kommt aus dem Pfarrhof . « - » Die Unterfertigten bitten dringend , daß nicht Streit und Haß in die Gemeinde kommt , indem bereits der Andreas Vöst die gläubigen Christen am Halse würgt und bedroht und es jedenfalls noch viel ärger wird . « Folgen die Unterschriften : Sebastian Stollreiter , Hieranglbauer . Jakob Ertl . Lorenz Deindl . Kaspar Umbricht , Heißbauer . Martin Salvermoser . Georg Fent . Johann Geitner . Lorenz Amesreiter . » Acht Leute . Das muß dem Herrn Baustätter Arbeit gekostet haben ! « Noch etwas ? Bescheinigung des Beigeordneten Kloiber . In der Angelegenheit usw. Sühneversuch abgehalten . Im Verlauf desselben geriet der Bürgermeister Vöst so in Wut , daß er den Hieranglbauern Sebastian Stollreiter angriff und mißhandelte . » Hm ! Endlich etwas Positives ! Wenn die Sache so weit gediehen ist , daß es zu Tätlichkeiten kommt ! « Otteneder trat wieder ans Fenster . Da unten stand noch immer der Schuhmacher Prantl ; er hielt die geballte Faust an die Stirne . Offenbar wollte er recht überzeugend wirken . Und der Bezirksamtmann sagte vor sich hin : » Es schadet nicht , wenn die Leute den Zügel spüren . Ich werde die Bestätigung versagen . « Elftes Kapitel Sylvester Mang war ein stiller und bescheidener Mensch . Er fügte sich in den Willen derer , welche ein Recht auf seinen Gehorsam hatten , und dachte nicht viel über seine eigenen Wünsche nach . Er hatte sich nicht gefragt , ob ihm der geistliche Beruf zusage . Er wußte es nicht anders , als daß er Theologie studieren müsse . So war es bestimmt von Anfang an ; von der Stunde an , in welcher die alte Veronika Mang ihrem Schwager , dem reichen Spanninger von Pasenbach , in die Hand versprach , es solle der kleine Sylvester auf das geistliche Fach studieren und dereinst die Messe lesen zu Ehren Gottes . Sylvester erinnerte sich oft an jenen Tag . Wie die Mutter so stolz war und geschwind aus der Stube lief , daß sie es gleich