« » Rosa , spricht nicht aus Ihnen Eifersucht ? « sagte er gereizt . Rosa zuckte zusammen und schwieg eine Minute lang , dann aber sagte sie voll Würde : » Wäre das so , dann hätten Sie ein Recht , mich zu verachten ; aber weil dem nicht so ist , darf ich sagen , was ich jetzt bekennen werde . Ja , vom ersten Augenblick an , wo ich Sie sah , hat Ihnen mein Herz einen heiligen Kultus gewidmet ; ich sah mein Ideal in Ihnen verkörpert , und erst als der Schmerz der Entsagung mir mit der Erkenntnis der Wirklichkeit klar wurde , verstand ich , daß das , was mein Herz fühlte , die Liebe sei . « » Rosa , « rief der Prinz erschüttert und wollte sie umfassen . Sie wehrte ihm sanft und fuhr fort : » Nein , nicht so ! Wir sehen uns heute zum letztenmal . Nach dem , was ich gesagt habe , darf ich Sie nicht wieder sehen . Aber um so mehr darf ich als Schutzgeist Sie umschweben , darf ich in Ihrem Leben sein , was Sie himmelan führt und vor den » Erinnyen « bewahrt . Lassen Sie mir das Glück , lassen Sie mich glauben , daß , wenn einst tausende segnend zu Ihnen als dem Vorbild aller Tugenden aufsehen , ein Teil dieses Segens auch im stillen auf mein Haupt zurückfällt . « Sie schwieg , von innerer Bewegung überwältigt . Waldemar aber rief : » Ach , Rosa , Sie zerreißen mir das Herz ! Ich fühle es , ich weiß es : Sie haben recht : ich hätte widerstehen , hätte dem Zauber , der meine Sinne gefangennahm , Einhalt tun müssen , ich war es meinen Idealen , ich war es den tausenden schuldig , die dereinst von mir ein Beispiel fordern , aber - jetzt bin ich den Erinnyen verfallen , ich kann nicht mehr zurück - in einer Stunde muß ich fort mit ihr , die mir alles opfert - sie jetzt verlassen , hieße auch einen Treubruch begehen , hieße ein Herz brechen , das sich mir ergeben , es zurückstoßen in entwürdigende Verhältnisse , es vielleicht einer grausamen Rache preisgeben - hieße mein Wort brechen . Meine Ehre fordert , daß ich es halte ... « » Nein , nein , das ist ein falscher Begriff , « fiel ihm Rosa ins Wort ; » ich bin jung und kenne die Welt noch wenig , aber mein Herz sagt es mir : es ist ein Wahn , die größere Schuld auf sich nehmen , um eine kleinere von sich abzuwenden . O , lassen Sie mich in diesem letzten heiligen Augenblick die eitle Konvenienz der Welt von mir werfen : Waldemar ... hören Sie das Wort eines Wesens , das der Schmerz zur Seherin gemacht hat , der plötzlich alles klar ist : Nein , Sie retten auch jene Frau , wenn Sie ihr entsagen . Sie ist eine Verlorene in der Welt , der sie angehört , wenn sie mit Ihnen flieht und vielleicht wird dann die Rache eines beleidigten Gatten sie ereilen . Kann sie um Ihretwillen , um Sie Ihrer hohen Bestimmung zu erhalten , ihrer egoistischen Liebe nicht entsagen , dann ist sie Ihrer nicht wert und Sie dürfen sie ohne Vorwurf verlassen . Ist sie aber ein echtes , großes Frauenherz , so wird sie auch in der letzten Stunde umkehren , sobald sie einsieht , um was es sich handelt , und Sie freigeben . Sie behält die Achtung der Welt , die Achtung ihres Gatten und vor allem die Achtung vor sich selbst . Ist das nichts ? Es ist viel . « » Für ein Herz , das glühend liebt ? « sagte Waldemar zweifelnd . » Ein Herz , das so liebt , ist zu egoistisch , um zu verbluten , « sagte Rosa schmerzlich . » Jetzt gehen Sie , noch ist es Zeit , noch können Sie alles wenden . Wollen Sie es , Waldemar ? « setzte sie mit tiefer Innigkeit hinzu . » Wählen Sie , o wählen Sie und - bleiben Sie Sieger . « » Rosa , wenn es noch möglich wäre - Sie sprechen wie mein besseres Selbst , - wie mein Schutzgeist . Teure , liebe Rosa , wäre ich nur Ihnen allein hier begegnet . « » Die Zeit drängt , « fiel sie ihm ins Wort . » Waldemar , es ist die Stunde am Ölberg , die für jeden kommt ; entscheiden Sie . « » Sie siegen , Rosa - ich will ' s versuchen , ob ich - sie bewegen kann , zu entsagen - sie wird mich der Schwäche zeihen - mich verachten . « » Besser das , als wenn Sie sich selbst verachten müßten , « erwiderte Rosa ; » und ist sie edel , so wird sie sich selbst besiegen und es verstehen . Aber Heil Ihnen , Prinz , daß Sie so entschieden ; nun darf ich mein Ideal in Ihnen lieben für ewig , und nun - leben Sie wohl ! .... « setzte sie mit brechender Stimme hinzu . » Rosa , teures Wesen , ich sehe Sie wieder , « rief Waldemar und ergriff ihre Hand . » Nein , nein , « hauchte sie kaum hörbar und entzog ihm sanft die Hand ; » morgen bin ich fern von hier , eilen Sie . « Waldemar wollte schmerzergriffen noch einmal sich ihr nähern ; sie wehrte ihm mit der Hand , ohne reden zu können , und er verließ sie und den Palast , ohne von jemandem bemerkt zu werden . Als sie allein war , sank Rosa nieder auf die Bank und griff mit der Hand nach dem Herzen , das in heftigen Zuckungen schmerzvoll erbebte . Wie groß die Anstrengung gewesen war , ihre Kraft zusammenzuhalten während der vorhergehenden Augenblicke , jetzt war diese zu Ende . Ein vernichtender Schmerz überflutete ihre Seele , denn so hoch es sie beglückte , daß er den Willen hatte , das Verhängnis abzuwenden , so beschlich sie doch der grausame Zweifel , ob er die Kraft haben würde , zu widerstehen , wenn die Herzogin , wie sie vermutete , nicht ablassen würde von ihrem Sinn . Sie achtete der feuchten Nachtluft nicht , die durch die leichte Kleidung erkältend auf sie eindrang , sie hatte den Ort vergessen , wo sie sich befand , und die Zeit , die verstrich ; die Dunkelheit und die Einsamkeit , die sie umfingen , waren ihr willkommen ; in ihrem Leben war es auch dunkel geworden und eine ewige Nacht schien sich über die Welt gebreitet zu haben . Plötzlich fuhr sie empor , denn es schlugen Stimmen an ihr Ohr und dicht vor ihr , nur durch das Lorbeergebüsch getrennt , hielten zwei Personen , wie sie nach den Stimmen vermuten mußte , still . Sie vernahm Waldemars Namen und das machte sie aufhorchen , und bald war der Inhalt des Gespräches , das zwar halblaut geführt wurde , ihr aber ganz vernehmlich war , derart , daß sie den Atem anhielt und keine Bewegung machte , um ihre Gegenwart nicht zu verraten . » Ist ' s möglich , so weit war es gekommen , sie wollte mit ihm fliehen ? « sagte die eine Stimme , in der Rosa die des Kardinals erkannte ; » aber sind Sie auch recht berichtet , Herzog ? Und wie erfuhren Sie es ? « » Ich hatte längst die wachsende Leidenschaft Giulias für den jungen Prinzen bemerkt , die ja auch Ihnen , Eminentissimo , nicht ganz entgangen war , wie Sie mir mitteilten , « versetzte der Herzog ; » natürlich beobachtete ich in der Stille , führte sie nach Perugia , weil ich dachte , die Entfernung werde helfen ; aber sie verließ Perugia vor mir , wohl in der Hoffnung , hier mit dem Prinzen allein zu sein . Ich folgte ihr auf dem Fuß und fand abends bei meiner Ankunft , daß der junge Mann bei ihr war und lange blieb . Nachher ging ich zu ihr und an ihrer Aufregung , der Entrüstung , mit der sie mich behandelte und mich verließ , sah ich , daß ich zu energischen Mitteln greifen müsse , um das Äußerste zu verhüten . Ich wußte , daß sie völliges Vertrauen in ihr Kammermädchen setzte , daß diese aber ein leichtfertiges Kind sei und bestechlich , auch daß sie einen Liebhaber habe und gern heiraten möchte . Nun , die gewann ich , obwohl sie erst nichts davon wissen wollte , ihrer Herrin untreu zu werden . Als ich ihr aber eine reichliche Aussteuer und ihrem Geliebten eine gute Anstellung auf meinen Gütern verhieß , ging sie zu mir über und berichtete mir treulich , was vorging . So erfuhr ich , daß Briefe gewechselt wurden , und endlich , daß eine Zusammenkunft stattfand am frühen Morgen in einer einsamen Kirche , wo die Möglichkeit einer gemeinsamen Flucht verabredet wurde ; jetzt durfte ich nicht länger zögern ; ich bereitete alles zur Reise nach Sizilien vor und ging , ihr dies in schonender Weise , ihre Gesundheit als Vorwand nehmend , anzukündigen . Sie protestierte anfangs , schien aber dann einzuwilligen . Doch erhielt ich Nachricht durch die Zofe , daß ein Brief eilig an den Prinzen abgeschickt sei und daß der Fluchtplan diese Nacht zur Ausführung kommen solle . Natürlich habe ich rasch meine Maßregeln getroffen . Wenn die Herzogin zur bestimmten Stunde den Palast verlassen will , hoffend , dies unbemerkt durch eine Hintertür aus ihren Gemächern und eine Seitentreppe , die in die enge Gasse neben dem Palast führt , tun zu können , so findet sie jeden Ausgang verschlossen und zwar so , daß keine Möglichkeit ist , zu öffnen . Hilfe herbeizurufen , wird sie kaum wagen , da dies die Sache öffentlich machen würde ; doch sollte sie es versuchen , so ist auch dafür gesorgt . Morgen in der Früh komme ich , sie in den Wagen zu führen , der uns fortbringt nach Neapel und von da geht ' s aufs Schiff . Ich weiß , welche Ausbrüche der Leidenschaft , ja des Hasses mich erwarten ; ich muß das über mich ergehen lassen ; aber ich kenne Giulia ; sie ist eine heftige , leidenschaftliche , aber auch eine stolze Natur und wenn sie erst unter dem Einfluß der Schwester und der Freunde eine Zeitlang lebt , wird sie es mir danken , ihren Ruf vor der Welt gewahrt zu haben , und daß sie als Herzogin von Santomara wieder ein erster Stern der Gesellschaft sein kann , anstatt als Mätresse eines jungen Prinzen , bald von diesem verlassen und von der Welt ausgestoßen zu sein . « » Schön , schön , « sagte der Kardinal , » das ist schon alles gut eingerichtet , aber was machen Sie mit dem Prinzen ? « » Nun , eine kleine Lektion kann dem jungen Herrn nichts schaden , « erwiderte der Herzog mit einem kurzen , spöttischen Auflachen ; » wenn er mit dem Wagen kommt , wie ihm befohlen ist , so findet er niemanden und kann eine kleine Nachtwache im Wagen halten ; sollte er aber irgendeinen gewaltsamen Versuch machen , so sind ein paar handfeste Leute in der Nähe , die , ohne zu wissen , wer er ist , ihm ein kleines Gedenkzeichen geben werden , natürlich leicht heilbar , so daß das Muttersöhnchen in Frieden zu seinem deutschen Hof zurückkehren kann , mit dem Vorsatz , künftig unsere schönen Frauen in Ruhe zu lassen . « » Hm ! Das Ganze kann dann als ein nächtliches Straßenabenteuer angesehen werden , für das niemand verantwortlich ist , « sagte der Kardinal . » Natürlich , und die deutschen Herren werden die ersten sein , die sich bemühen werden , nichts davon verlauten zu lassen . Aber ich habe Eminenz jetzt schon zu lange hier draußen aufgehalten ; ich suchte nur den einsamen Ort , um unbelauscht sprechen zu können . Ich eile jetzt nach Hause , alles zu überwachen und bitte nur , daß Sie , als mein altbewährter Freund , in der Gesellschaft die Notwendigkeit unserer plötzlichen Reise um Giulias Gesundheit willen vertreten , damit keine andere Vermutung aufkommen könne . « Als die beiden sich entfernt hatten , sprang Rosa auf . Eine tödliche Angst vor der ihm drohenden Gefahr verdrängte jeden Gedanken an sich selbst und sie fühlte nur eines : sie mußte hin , ihn warnen , retten oder sein Schicksal teilen . Sie achtete des Schauders nicht , der ihren zarten Körper durchrieselte und eilte geflügelten Schrittes durch den Garten in den Palast zurück . Auf der Brücke , die in diesen führt , stieß sie auf Raden . » Ah , gut , daß ich Sie finde , Signorina ! « rief Raden . » Wissen Sie , wo der Prinz ist ? Ich sah Sie vorhin mit ihm in den Garten gehen ; nun such ich ihn und kann ihn nicht finden ! « » Fort ist er ! Eilen Sie nach Haus ; wenn er noch dort ist , lassen Sie ihn nicht weg oder bleiben Sie bei ihm , ihm droht Gefahr , « flüsterte Rosa und wollte vorübereilen . » Um Gottes willen , was sagen Sie ? Was ist geschehen ? « fragte Raden erschreckt und ergriff ihre Hand , sie aufzuhalten . » Wo ist er hin ? Wo eilen Sie hin ? « » Ach , rasch , rasch , auch ich eile ihm nach , ihn zu warnen « , und lief fort . » Was bedeutet das ? « sagte Raden zu sich selbst und sah ihr einen Augenblick betroffen nach . » Hat die Liebe diesem Kind den Kopf verdreht oder droht wirklich dem Prinzen ein Unheil ? Aber wie ? Woher ? Wie weiß sie es ? Jedenfalls will ich ihr folgen und nach Hause eilen . Der Professor ist schon zurück , um zu sehen , ob Nachrichten aus der Heimat da sind . Das wollt ' ich Waldemar gerade sagen . « Rosa eilte indes raschen Schrittes durch die Säle dem Ausgang zu , ohne nur an ihre Begleiterin zu denken , die sich am Büfett bei Süßigkeiten und Gefrorenem gütlich tat . Mehrere der jungen Kavaliere , die Rosa immer huldigend umschwärmten , wollten sich ihr nahen , ihr Erfrischungen anzubieten oder Schmeicheleien zu sagen ; sie flog aber an ihnen vorüber , ohne auf sie zu achten und verschwand im Vorzimmer . Mit spöttischem Lächeln sagte einer von ihnen , als mehrere ihre Verwunderung über dies Benehmen äußerten : » Nun , die kleine Diva wird wohl eine aufregende Szene mit ihrem Anbeter , dem deutschen Prinzen , gehabt haben ; ich sah sie vorhin an seinem Arm in den Zaubergärten der Armida draußen verschwinden . Wer weiß , was sich da begeben hat ? « Die Bemerkung erregte allgemeine Heiterkeit ; und froh , eine Bresche in der keuschen Zurückhaltung der jungen Dichterin zu ahnen , verlor sich die Gruppe der jungen Kavaliere wieder unter der übrigen Gesellschaft . Rosa indessen ergriff aufs Geratewohl einen dunklen Mantel aus den im Vorsaal befindlichen Kleidungsstücken der Gäste , warf ihn um und eilte hinaus in die Nacht durch die schlecht erleuchteten Straßen , ohne zu bedenken , was für Widerwärtigkeiten ihr begegnen könnten , ohne der feuchten Kälte zu achten , die ihren Körper bereits ergriffen hatte . Nur ein Gedanke beherrschte sie : den Prinzen zu finden , ihm zu sagen , wie sein Vorhaben scheitern müsse an den Veranstaltungen des Herzogs und ihn zu retten vor einem Angriff , der leicht gefährlich werden konnte , selbst wenn dies nicht die Absicht des Herzogs war . Sie schritt , so rasch sie konnte , dem Palast des letzteren zu , denn dort mußte sie den Prinzen jedenfalls finden , da es ganz nahe an Mitternacht war und er vorher einen Versuch hatte machen wollen , die Herzogin zu sprechen , um sie zu bewegen , vom äußersten Schritt zurückzutreten . Atemlos und mit heftig pochendem Herzen nach dem raschen Lauf kam sie bei dem Palast an , der anscheinend in tiefer Stille und nächtlicher Ruhe dalag . Kein menschliches Wesen war bei diesem zu sehen . Rosa betrat die enge Nebengasse , in der absolute Finsternis herrschte . Auch hier war alles tiefe Stille , aber dessenungeachtet und trotz der Finsternis , die sie umgab , war es Rosa , als spüre sie die Nähe eines menschlichen Wesens und es überkam sie ein schauderndes Gefühl der Furcht . Fast wäre sie zurückgeeilt , um dem unheimlichen Ort zu entfliehen , aber der Gedanke an Waldemar ließ sie beharren . Sie machte noch einige Schritte vorwärts und plötzlich stieß sie an etwas , das an der Mauer des Palastes lehnte und offenbar eine menschliche Gestalt war . Es entfuhr ihr ein kleiner Ruf des Schreckens und in diesem Augenblick fragte eine gedämpfte Stimme : » Wer ist da ? « Trotz der verstellten Stimme durchzuckte es Rosa freudig und sie sagte ganz leise : » Waldemar ? « » Giulia - du bist es ? « flüsterte der Prinz . » Ich suchte zu dir zu gelangen , ich mußte dich sprechen - wollte dir noch einmal alles vorstellen , was du wagst , was du aufs Spiel setzest - noch wäre es Zeit gewesen - noch könntest du ruhig bleiben , ohne daß jemand deinen Vorsatz geahnt hätte ... « Rosas Herz stürmte von überfließender Wonne , dies zu hören ; denn es zeigte ihr , daß er seinem Worte hatte treu bleiben wollen und sie hielt an sich , ohne ihn zu unterbrechen . Er fuhr fort : » Die Diener wiesen mich ab mit der Weisung , du habest dich bereits niedergelegt und streng befohlen , niemanden vorzulassen . Ich forschte nach Marietta unter dem Vorwand , nach deinem Befinden fragen zu wollen ; man sagte mir , sie sei in deinem Zimmer und man dürfe sie nicht rufen , um dich nicht zu stören . Ich konnte nicht mehr fordern , um keinen Verdacht zu erwecken ; was blieb mir übrig , als hier zu warten , denn die Stunde ist da , wo mein Diener kommen und mir das Zeichen geben muß , daß der Wagen in der nächsten Straße uns erwartet . Aber noch ist es Zeit , o Giulia , einem geträumten überschwenglichen Glück zu entsagen um der kalten , aber der höheren Pflicht willen . Du bleibst die anbetungswürdigste der Frauen , der höchsten Ehren wert ; ich frevle nicht an meiner Bestimmung ; uns bleibt für alle Zeit die Erinnerung an ein seliges , zu kurzes , aber vorwurfsloses Leben und darin der Lohn für das bittere Entsagen . Sprich , Giulia - entscheide - was in diesem Augenblick in mir vorgeht , du kannst es nicht ahnen - in deinen Händen ruht mein Geschick . « Alles dies war in Hast , flüsternd hervorgestoßen , mit einer Stimme , an deren Beben man die namenlose Erregung des Redenden erriet und hatte nur wenige Sekunden gedauert . Nun mußte auch Rosa ihr Schweigen eilig brechen , denn die Zeit drängte und ihre Angst erwachte mit doppelter Gewalt . Sie unterbrach ihn und flüsterte ebenfalls : » Nicht Giulia , Rosa ist es , die hier steht , die in diesem Augenblick im höchsten Leid das höchste Glück genießt , denn Sie wollen siegen . Doch jetzt schleunigst fort ; ich eilte her , um Sie zu retten . Ihrem edlen Willen kommt alles zu Hilfe . « Und nun erzählte sie mit fliegendem Atem , was sie gehört , wie die Herzogin verhindert wurde , zu kommen , wie ihm Enttäuschung in vergeblichem Warten , Gefahr bei irgendeinem kühnen Versuch drohe ; sie beschwor ihn , schleunigst zurückzukehren , damit kein Beauftragter des Herzogs ihn hier finde . Waldemar war außer sich , sein Stolz empörte sich dagegen , Giulia hilflos zu lassen und so von dem Herzog überlistet zu sein und doch sah er ein , daß alles , was er wagen könne , die Sache nur öffentlich machen und die Herzogin bloßstellen würde . Der Gedanke , wie sie ihn beurteilen und daß sie ihn für treulos und verachtungswert halten würde , wenn sie glauben müßte , er habe ihr aus Feigheit nicht Wort gehalten , blitzte ebenfalls durch seinen Sinn . Aber kam nicht wirklich das Schicksal hier mit der rechten Entscheidung ihm zu Hilfe und würde nicht selbst ein so bitteres Verkennen dem Stolz der Herzogin helfen , die gekränkte Leidenschaft zu überwinden ? Denn was er immer instinktiv gefühlt hatte , jetzt wurde es ihm klar : Giulia liebte ihn mit der rasch auflodernden sinnlichen Glut des Südens und solche Glut kann erlöschen vor dem Stolz , vor dem beleidigten Selbstgefühl ; aber die wahre , die selbstlose , die reine Liebe , sie stand jetzt neben ihm in Gestalt des jungen Mädchens , das in völligster Entsagung um seinetwillen alles wagte . Und wie sich diese Gedanken in ihm jagten , rief er mit überquellendem Gefühl : » Rosa , Rosa , mein teurer Schutzgeist , muß ich dir wieder folgen ? « Und mit Ungestüm umschlang er sie und drückte sie an sein Herz . Sie ließ es diesmal geschehen und einen Augenblick ruhten seine Lippen fest auf den ihrigen in einem langen , innigen Kuß ; jetzt durfte sie diese letzte heilige Wonne von ihm , dem Sieger , empfangen als ein Pfand für die Ewigkeit , die in dem Augenblick wie eine Lichtvision durch ihre Seele leuchtete . Da erscholl ein kurzer Pfiff und Waldemar fuhr empor . » Das ist mein Diener , « sagte er , » der mit dem Wagen da ist ; komm , teure Rosa , ich kann dich hier nicht allein lassen , ich will dich geleiten ; Gott sei mit der armen Giulia ! « Aber eilige Schritte nahten sich und Rosa flüsterte : » Nein , ich geh allein , nicht unter Menschen ... « » Friedrich , bist du es ? « fragte Waldemar leise . » Der Wagen ist bereit , Hoheit , « sagte der Diener ; » aber ich glaube , daß der Herr Baron gleich hier sein wird . Die Herren sind in größter Aufregung ; der Herr Professor hat den für ihn zurückgelassenen Brief bereits gefunden und ich hörte den Herrn Baron sagen : ich eile zu dem Palast Santomara ; hoffentlich ist es noch Zeit ; der Prinz muß es wissen , daß der Brief da ist , der ihn auf der Stelle zurückruft an das Sterbebett der Mutter ... « » O Gott , das auch noch ! « rief Waldemar schmerzvoll . » Ja , Rosa , doppelt und dreifach bist du mein Schutzgeist , daß du mich zurückhieltest , sonst hätte ich jetzt auch meine Sohnespflicht versäumt . « In dem Augenblick ertönten Schritte und Stimmen von der Seite der Straße her , wo der Wagen wartete . » Das sind die Herren ! « sagte der Diener . » Leb wohl , Rosa , leb wohl ! Du wirst von mir hören ; ich eile zu den Gefährten , damit hier im Palast nichts gehört werde . Glück und Segen über dich ! « Mit diesen Worten eilte der Prinz seinen Begleitern entgegen und der Diener folgte , indem er zu sich selbst sagte : » Er fängt gut an , mein junger Herr ! Mit der einen wollte er fliehen , mit der anderen steht er hier in dunkler Nacht zusammen ! Na , da hat der Herr Professor auch vergeb ' ne Müh ' gehabt ! ' s ist ja auch dummes Zeug ! Warum sollte sich so ein Jüngster nicht vergnügen ? Er hat ja Geld genug dazu ! « Rosa hörte die Tritte und Stimmen sich entfernen und darauf das Rollen eines Wagens und dann war wieder die tiefe Stille in der Finsternis wie vorher . Zu Tode erschöpft , wollte nun auch sie gehen und ihre Wohnung zu gewinnen suchen . Sie machte einige Schritte vorwärts , da fühlte sie sich plötzlich von einer starken Hand ergriffen und eine rauhe Stimme sagte : » Aha , da ist auch eine von der Bande , die im Dunkeln schleicht ! Da , nimm das zum Andenken und versuchs nicht wieder , hier Böses auszuführen . « In dem Augenblick drang eine kalte , schneidige Spitze in ihren Arm ; ein furchtbarer Schmerz durchzuckte sie ; mit einem kurzen Aufschrei sank sie zu Boden und die Sinne entschwanden ihr . Der Morgen graute noch kaum , ein fahles Dämmerlicht verbreitete sich in den Straßen Roms , aber in den engen Gassen war es noch ganz finster . Da kam der junge Beppo , der Bruder Vittorias , als das erste lebende Wesen des Weges und umschlich den Palast . Die Marietta hatte ihm gesagt , sie würde in der ersten Morgenfrühe mit ihrer Gebieterin und dem Herzog Rom für einige Wochen verlassen und er solle noch bei nächtlicher Weile herbeikommen , damit sie unbemerkt herausspringen und Abschied von ihm nehmen könne . Er betrat die dunkle Seitengasse , denn da war die Tür , an der Marietta zu erscheinen pflegte , um ihm am Fuße der Hintertreppe , die zu den Räumen der Dienerschaft führte , ihre kurzen Stelldichein zu geben . Kaum hatte er einige Schritte gemacht , so stieß sein Fuß an etwas auf dem Boden . Er bückte sich , es aufzuheben , fühlte mit Entsetzen , daß es ein menschlicher Körper war und wollte im ersten Augenblick entfliehen , um nicht etwa in eine schlimme Angelegenheit verwickelt zu werden . Aber er warf sich das alsbald als Unrecht vor - denn konnte hier nicht bloß ein Unfall gewesen und noch Hilfe möglich sein ? Oder war es nicht auch Pflicht , ein Verbrechen , wenn ein solches vorlag , aufzudecken ? Er tastete an dem vor ihm liegenden Körper umher und es schien ihm , als seien es Frauenkleider , die er fasse ; er griff nach der Seite des Herzens und fühlte dessen leises Schlagen . Nun besann er sich nicht lange ; mit kräftigen Armen hob er den Körper empor und trug ihn nach vorn , wo inzwischen die Helle soweit vorgerückt war , daß er erkennen konnte , er halte ein Weib in den Armen . Vorsichtig legte er sie hier nieder und bemerkte an dunklen Flecken auf einem weißen Gewand , daß Blut vergossen worden sei . War es nun durch die Bewegung oder durch die frischere Luft in der offenen Straße angeregt : die anscheinend Leblose stieß einen tiefen Seufzer aus und machte eine Bewegung mit der Hand , und jetzt ließ die zunehmende Helle den Burschen auch die Gesichtszüge der vor ihm Liegenden , neben der er niedergekniet war , unterscheiden . » Jesus Maria , irre ich nicht - das ist ja die Signorina meiner Schwester , « sagte er beinahe laut ; » ist ' s möglich ? - Was kann ihr widerfahren sein - wie schrecklich - was wird Vittoria sagen ! - Aber sie lebt noch , es muß rasch Hilfe geschafft werden - unser Haus ist ja nahe - ich trage sie zu der Schwester , die wird Rat schaffen . « Alle diese Gedanken gingen mit Blitzesschnelle durch Beppos Kopf , und sein gutes Herz vergaß des Abschieds von Marietta , um der Hilfsbedürftigen beizustehen . Er hob sie abermals in seinen Armen auf und da er jung und kräftig war , konnte er mit seiner Bürde durch die zum Glück noch völlig menschenleeren Straßen ungestört vorwärts schreiten bis zu dem am äußersten Ende einer der ärmeren Gassen gelegenen Häuschen , in dem er mit der Schwester wohnte . Vittoria war noch im Bett , als der Bruder die Tür ihrer Kammer öffnete , mit seiner Last auf den Armen eintrat und sie beim Namen rief . Vittoria fuhr empor und starrte noch schlaftrunken auf die Erscheinung , die sie sich nicht gleich zu deuten wußte . » Beppo , um aller Heiligen willen , was bringst du da ? « rief sie dann entsetzt , als sie das blutbefleckte Kleid sah . » Schnell , Schwester , steh auf , gib Raum auf deinem Bett für diese Verwundete , deine Signorina , « sagte Beppo . » Meine Signorina ? O heilige Mutter Gottes , ist ' s möglich ? « schrie Vittoria und sprang aus dem Bett , auf das jetzt Beppo seine Bürde legte . » Sie ist ' s , ewige Barmherzigkeit , sie ist ' s ! « rief sie , als sie sich über das Angesicht der vor ihr Liegenden gebeugt hatte . » O , Beppo , was ist geschehen ? Wo hast du sie gefunden ? « » Ach , nachher erzähl ich dir alles ; jetzt schaff nur Hilfe ; sie lebt noch - rasch - rasch , du weißt ja , was man tun muß , « sagte Beppo . » Ja , du hast recht , « rief Vittoria , warf sich schnell ein Tuch um und fing an , Rosas Kleider zu lösen . » Sieh , hier ist eine Wunde am Arm , daher das viele Blut . O welche Missetat - meine holde Signorina ! « rief sie schmerzvoll ; aber entschlossen und verständig , wie sie war , verlor sie keinen Augenblick mit unnützen Klagen . Sie hieß den Bruder in der frühen Stunde alles im kleinen Haushalt bereiten und machte sich daran , die Wunde an Rosas Arm , die