wie in jedem orientalischen Hafen , einen unbeschreiblichen Lärm , doch vollzieht sich hier die Ausschiffung in langen , bequemen Böten und einer anderorts sehr wünschenswerten Bedachtsamkeit . Mit Paß- und Zollformalitäten hatte ich nichts zu tun . Unter dem Regendach der Landestelle sitzen Geldwechsler , bei denen man alle möglichen Münzen des Ostens haben kann . Ich verweilte mich bei einem von ihnen , um mich mit landläufigem Silber zu versehen , und schlenderte dann dem Hotel zu . Es ist , beiläufig gesagt , das teuerste , welches ich im Orient gefunden habe . Dennoch ging ich , ohne ein anderes zu wählen , jetzt wieder hin , weil ich gern wieder in demselben Zimmer wohnen wollte wie früher . Ich bin in dieser Beziehung ein sonderbarer Kauz . Erinnerungen sind und bleiben mir stets heilig . Noch ehe ich die zur Tür führenden Stufen betrat , hörte ich die zankende Stimme meines vorangeeilten Sejjid Omar , welche aus dem rechts im Flur liegenden Bureau ertönte . Er sprach sein eigenmächtiges Englisch und war , wie es schien , in Wut . Als er mich kommen sah , klagte er mir seine Not arabisch : » Denke dir , Sihdi , man will dir kein großes , schönes , sauberes , fein möbliertes , billiges Zimmer geben , eine Treppe hoch und mit der Aussicht in das Freie ! Man sagt , es sei Alles besetzt . Wie kann Alles besetzt sein , wenn mein Sihdi kommt ! Und wenn Einer drin ist , oder wenn Zehn drin sind oder Fünfzig oder Hundert , so müssen sie alle raus , alle , alle ! Sodann soll ich deinen Namen sagen ! Habe ich etwa diesen Portier schon nach dem seinigen gefragt ? Was tut der Name ? Der Glaubensirrtum steckt nicht in dem Körper und mein Sihdi nicht in seinem Namen ! Ich habe einfach gesagt , daß du keinen brauchst und also auch keinen hast . Ist das nicht deutlich genug ? Willst du einen haben , so kannst du jeden nehmen , den es gibt ; du bist der Mann dazu ! Und endlich mir , mir will man nicht einmal eine Wohnung geben , weil ich ein Araber bin ; denke dir , dieser Portier , dem Allah nicht einmal einen Bart hat wachsen lassen , hat mir gesagt , daß nur eingeborene und andere Dienerschaft hier wohnen dürfe , arabische aber nicht , weil man da wegen Schmutz und Ungeziefer schlechte Erfahrungen gemacht habe . Ich , Sejjid Omar und Schmutz ! Ich , Sejjid Omar und Ungeziefer ! Dieser Portier spricht auch arabisch , aber so , wie es hier gesprochen wird . Das ist doch keine Sprache ! Und dieser Mann , der nicht einmal reden kann , wie man mit Sejjid Omar reden muß , sagt , daß hier überhaupt kein Moslem wohnen dürfe ! Er meint , wir machten mit unsern Glaubensgebräuchen nur Störung und seien keine reinlichen Menschen ; die Singhalesen aber , diese Götzendiener , seien gerad so sauber wie die Christen ! Ist das nicht unerhört ? Wenn ein echter und wahrer Bekenner des Propheten hier wegen Ungeziefer nicht wohnen darf , so frage ich diesen Portier , warum dann er keins hat ! Doch nur , weil er nichts zum Beißen hat und so unappetitlich ist , daß alles , was zu den Debaib17 gehört , bei seinem Anblicke hier zur Tür hinaus und auf die Straße springt ! Komm , Sihdi ; wir danken für ein solches Hotel und suchen uns ein anderes ! « Er wollte fort . Ich gebot ihm mit einer Handbewegung , zu bleiben , und wendete mich an den Portier . Dieser war ein ganz höflicher Mann . Ein Zimmer , wie Omar verlangt hatte , war nicht frei ; aber ich wollte auch kein solches , sondern gern mein früheres , und dieses war noch unbesetzt . Der Sejjid konnte allerdings keinen Raum zum Schlafen bekommen , doch durfte er sich am Tage zu meiner Bedienung beliebig im Hause aufhalten . Die Verwaltung hatte infolge der erwähnten Erfahrung ganz berechtigter Weise verboten , arabische Diener für die Nacht zu behalten , und meinem islamstolzen Omar konnte es nach seinem verächtlichen Urteile über die » Götzenanbeter « gar nichts schaden , wenn er hier die Beobachtung machte , daß diese Buddhisten erfahrungsgemäß den Muhammedanern vorzuziehen seien . Ich erklärte also , daß ich hier bleiben und das Zimmer nehmen werde . Omar konnte in dem » Pettah « genannten Eingeborenenviertel wohnen , wo ein mir bekannter Deutscher ein Hotel niedrigeren Ranges besaß . Dort gab es für ihn übrigens auch mehr Gelegenheit zu den ihm so am Herzen liegenden Sprachstudien als hier im Grand Oriental-Hotel . Der Portier erhielt für das , was er von des Sejjid Strafpredigt verstanden hatte , als Entschädigung ein Trinkgeld , welches er mit einer Miene zu sich steckte , die mir deutlich sagte , daß er mich von diesem Augenblicke an trotz des arabischen Dieners für einen » Gentleman « halte . Mein Raum lag auch hier zwei Treppen hoch , nicht nach der See oder nach der Straße , sondern nach dem Hofe zu , bei dessen Anblick mich das Gefühl überkam , daß ich nach langer Zeit nun wieder einmal zu Hause sei . In diesem Hofe kannte ich jeden , auch den kleinsten und verborgensten Winkel , obgleich ich ihn nie betreten hatte . Er war der Bereich der interessantesten ethnographischen Studien gewesen , welche ich von meinem hochgelegenen Söller aus hatte machen können , denn er wurde teils vom Hotel , teils von Geschäftshäusern eingeschlossen und stand mittelst breiter Durchgänge mit den Straßen in Verbindung . Es gab ein immerwährendes Kommen von Gestalten aller Farben und aller Sorten . Am interessantesten war mir ein Tamile gewesen , dessen linkes Bein im Beginne der Elephantiasis gestanden hatte und - - - siehe da , kaum war ich jetzt in das Zimmer getreten und warf nach so langer Zeit den ersten Blick hinab in den Hof , da kam dieser Tamile aus dem hinteren Winkel herbeigehumpelt , älter als damals , doch ganz dasselbe verdrossene Gesicht und ganz derselbe trockene Husten , den er früher schon hatte . Aber die Geschwulst hatte jetzt das ganze Bein bis herauf an den Leib ergriffen und war so stark geworden , daß man sich keiner Uebertreibung schuldig machte , wenn man sagte , daß dieser arme Teufel ein Menschen- und ein Elefantenbein besitze . Im Zimmer stand derselbe hohe Tisch und dasselbe Bett mit Messinggestell und Fliegennetz , daneben die zwei niedrigen Serviertische , an denen man den Kaffee oder Tee einnimmt . Draußen auf dem Söller gab es noch denselben langen , bequemen , indischen Ausstreckestuhl , welcher vorn zwei verschiebbare Leisten hat , auf denen die Füße hochgehalten werden . Ueber den Söller selbst muß ich aus triftigen Gründen noch eine Bemerkung machen . Er war aus durchbrochenem Holz gebaut und reichte über die ganze hintere Seite des Gebäudes . Dieses enthielt in jedem Stockwerke eine lange Flucht von Zimmern , von denen aus man auf den Söller treten konnte . Um nun zu vermeiden , daß ein Gast den anderen störe , war der Söller teils durch dünne Holzwände , teils auch durch grobe Stoffvorhänge in so viele Teile geschieden , wie Zimmer vorhanden waren . Es konnte also Jedermann auf seinem Balkon oder Söllerteile sitzen , ohne eigentlich von den Nachbarn gesehen zu werden ; aber die Vorhänge hatten mit der Zeit Löcher bekommen und die Zwischenwände waren so schadhaft geworden , daß man oft weit mehr zu sehen bekam , als man eigentlich sehen wollte und auch sehen durfte . Man brauchte sich auch gar nicht anzustrengen , um die trennende Wand so zu beseitigen , daß eine persönliche Ueberraschung des Nachbars möglich war . Auf alle Fälle aber hatte man die Trennung nur für das Auge , nicht aber für das Gehör berechnet , denn da bei der dortigen Hitze es keinem Menschen einfiel , seine Söllertür zu schließen , so konnte man fast jedes Wort verstehen , welches in den beiden Zimmern rechts und links nebenan gesprochen wurde . Dergleichen Situationen sind im Oriente leider allzu häufig . Oft sind nicht nur die Zimmer , sondern auch die Schränke , Kommoden u.s.w. halb öffentlich eingerichtet , weil entweder gar keine Schlüssel oder nur solche von ganz derselben Nummer vorhanden sind , so daß Jedermann mit seinem Schlüssel die Möbel aller Gastzimmer öffnen kann . Um summarisch zu verfahren , will ich hier gleich Einiges über Colombo im allgemeinen erwähnen . Ich beabsichtige dabei nicht etwa eine Beschreibung der Stadt , sondern es soll nur gesagt werden , was zum Verständnisse des später Folgenden notwendig ist . Ihren Namen hat die Stadt von dem hier in die See mündenden Kalani-Ganga erhalten ; sie wurde Kalanbua genannt ; die Portugiesen haben Colombo daraus gemacht . Ihre Lage ist eine durchaus ebene , und so brauchte in den von den Europäern bewohnten Teilen kein Areal gespart zu werden . Die Bungalows18 der Weißen sind von herrlichen Gärten und Parks umgeben , in denen die indische Vegetation zur vollsten , herrlichsten Geltung kommt . Die Dattelpalme kennt man hier nicht ; sie will Sand und Wüstennähe haben . An ihre Stelle ist die Kokospalme getreten , welche ein kräftigeres , saftigeres Grün als die erstere zeigt und den Eindruck eines wohlgenährteren , besser situierten Pflanzenwesens macht . Die von den Eingeborenen bewohnten Stadtteile haben schmale Straßen ; die Häuser und Häuschen stehen eng beisammen . Man sieht Laden an Laden , und wer sich vor gewissen Gerüchen scheut , der tut wohl , sich in eine der stets und überall vorhandenen Rickschahs zu setzen und dahin zu fahren , wo es nicht mehr riecht . Der Name dieser aus Japan eingeführten Fahrzeuge lautet eigentlich Jinrickschah , doch pflegt Jedermann kurz nur Rickschah zu sagen . Man denke sich eine sehr leicht und für die Zugkraft nicht eines Pferdes , sondern eines Menschen gebaute , zweiräderige Kalesche mit vorzuschlagendem Regendach und einer Doppeldeichsel , so weiß man ungefähr , wie eine Rickschah aussieht . Der Singhalese , welcher sie zieht , trägt die leichteste Kleidung , die auf der Straße erlaubt ist , oft nur eine Hose , welche vom Gürtel bis zur Hälfte der Oberschenkel reicht . Aber sein langes , seidenweiches Haar ist wohlfrisiert , zurückgekämmt und hinten in einen Knoten geschlungen , der von einem Kamme zusammengehalten wird . Das gibt dem Manne ein weiches , weibliches Aussehen . Dieser Kamm ist aber ein Zeichen der Männlichkeit ; Frauen tragen ihn nicht , und Knaben erst dann , wenn bei ihnen der Bart zu wachsen beginnt . Also außer mit diesem Kamme und der bescheidenen Hose ist der Rickschahmann vollständig unbekleidet . Warum ? Man steige ein ! Sobald man sitzt und er erfahren hat , wohin man will , beginnt er zu laufen . Die Luft ist schwül ; die Sonne brennt ; er läuft ! Es geht nicht im Schritt , nicht im Trab , nicht im Galopp , sondern er läuft , aber wie ! Es hat den Anschein , als ob er wie ein Torpedobootjäger sechsundzwanzig Knoten in der Stunde machen müsse . Man hat ihn Etwas zu fragen ; er antwortet so kurz wie möglich , und er läuft ! Die nackten Beine werden nicht müde ; die nackte Brust scheint keine Lunge zu bergen ; der Atem geht ruhig und regelmäßig , und doch würde ihn eine Droschke erster Güte nicht einholen , denn - - er läuft ! Da , da - - man schaue hin ! Es beginnt noch Etwas zu laufen ! Nämlich unter dem Zopfe quillt ein kleines , einziges Tröpflein hervor , bleibt , wie verschämt darüber , daß es sich so öffentlich zeigen muß , einige Augenblicke im Schatten des Kammes stehen und bewegt sich dann , erst langsam , hierauf sprungweise und hernach schneller und immer schneller über den Hals und den Rücken herab , bis es unter dem oberen Rande der Hose verschwindet . Ein zweiter Tropfen kommt . Dieselbe anfängliche Verschämtheit , dasselbe Zögern , dann dieselben Sprünge und dasselbe vorläufige Ziel . Ein dritter , fünfter , zehnter , zwanzigster , hundertster Tropfen erscheint . Sie folgen sich schneller und schneller , bis sie ein Bächlein bilden , welches von dem Zopfe nach der Hose strebt . Das Bächlein läuft ununterbrochen , aber - - der Mann läuft auch ! Der Passagier sitzt hinter ihm , sieht beide laufen und weiß nicht , worüber er sich mehr wundern soll , ob über die Ausdauer seines unermüdlichen Zweibeiners oder darüber , daß aus einem Zopfe eine so unerhörte Menge von Wasser laufen kann . Aber auf der rechten Schulter bildet sich auch ein Tropfen , auf der linken ebenso , beide rinnen herab , dem Rückgrate zu , um sich dort mit dem Bache zu vereinigen . Sie bekommen Nachfolger . Es entsteht hüben und drüben ein zweiter und dritter Bach , nach deren Einmündung der mittlere zu einem Flüßchen wird . Bald treten auch an anderen Stellen Wasserperlen hervor , aus denen Bäche werden , an den Oberarmen , der Brust , den Seiten , und alle eilen der Hose zu , welche naß und immer nässer wird , bis sie die allgemeine Ueberschwemmung nicht mehr fassen kann und in Gestalt von zwei Missisippis an den beiden Beinen niederlaufen läßt . So läuft das Wasser endlich am ganzen Körper , und - - der Mann läuft auch ! Der Fahrgast sieht das mit Staunen und wundert sich schließlich darüber , daß er so ruhig sitzen bleibt und nicht von der Rickschah herunterspringt , um - - - auch zu laufen ! Es ist ein wahres Glück , daß man dem Kuli gesagt hat , wohin man fahren will , denn wenn man das vergessen hätte , so würde er laufen , laufen und immer weiter laufen und gewiß nicht eher aufhören , als bis er sich ganz in Wasser aufgelöst hätte und zwischen den Deichselarmen der nun stehen gebliebenen Rickschah nur noch die Hose und der Kamm zu sehen wären . Und wenn das Ziel erreicht ist und er sich mit der freigewordenen Hand über das badende Gesicht streicht , so geht sein Atem so ruhig wie im Augenblicke des Einsteigens ; sein Auge blickt so sanft wie eine dunkelsammetne Pensee ; er fordert nach deutschem Gelde nur eine Mark für die Stunde , und wenn man ihm noch einige Pfennige zu dem geliebten Siribissen extra gibt , so möchte er nun vor lauter Dankbarkeit so , wie vorher vor lauter Wasser , auseinanderfließen . Das ist die Rickschah und das ist der Rickschahmann ! Mein Sejjid Omar konnte es nicht gut verwinden , daß ich gegen seinen Vorschlag im Grand Oriental-Hotel blieb . Er kämpfte mit sich , ob er schmollen solle oder nicht ; ich ließ das unbeachtet . Er mußte meine Effekten nach dem Zimmer bringen und ihnen dort die mir gewohnte Ordnung geben . In Indien spart man nicht mit der Dienerschaft . So standen auch an meiner geöffneten Tür zwei Singhalesen , welche mich eigentlich zu bedienen hatten und dem Sejjid helfen wollten . Das paßte ihm aber , zumal in seiner jetzigen Stimmung , nicht . Er faßte sie Beide , den Einen mit der rechten , den Anderen mit der linken Hand , schob sie , ohne ein Wort zu sagen , weit auf den Korridor hinaus und zog dann die Tür hinter sich zu . Hierauf hielt er mir seine Hände hin , sah mich lächelnd an und fragte : » Sihdi , das waren Götzendiener ? Nicht ? « » Du nennst sie so , « antwortete ich . » Und ich habe sie angegriffen ? « » Allerdings . « » Nun sieh , was ich tue ! « Er küßte seine beiden Handflächen und fuhr dann fort : » Das ist ganz dasselbe , als ob ich diese Singhalesen geküßt hätte , so wie du den Knaben küßtest . Ich werde mir weder die Hände noch den Mund waschen , weil ich mich nicht verunreinigt habe , denn alle Menschen sind ja Brüder ! Bist du nun mit mir zufrieden ? Hat die Güte meines Islam jetzt nicht ebenso gesiegt , wie sie siegte , als ich den Amerikaner , welcher mich beleidigt hatte , nach dem Menahouse führte ? « » Nein ! « » Warum ? « fragte er erstaunt . » Weil beide Male etwas Anderes gesiegt hat . « » Was ? « » Das darf ich dir nicht sagen , weil du es mir verboten hast . « » Maschallah ! Ich dir Etwas verboten ? Dir ? Das ist doch mehr , als zehn Unmöglichkeiten sind ! « » Du hast mir die Bedingung gestellt , nie von meinem Christentum zu sprechen . « » Was hat das mit meinem Sieg zu tun ? « » Nicht dein Islam hat gesiegt , sondern mein Christentum . « Er sah mich so verwundert an , daß ich erklärend fortfuhr : » Wer hat damals und auch heute zu dir gesagt , daß du zwar Sejjid Omar seist , aber kein guter Mensch ? Wer hat dich im Menahouse aufgefordert , den Amerikaner zu holen ? Und wer hat dir heute durch einen Kindeskuß gezeigt , wie die Güte zu handeln hat , von welcher du soeben sprachst ? « Er senkte die Augen und ließ auch die Arme sinken , bei ihm das sichere Zeichen , daß er sich in Verlegenheit befand . Aber er wurde für diesen Augenblick der Antwort enthoben . Man brachte mir das Fremdenbuch , in welches ich mich einzuschreiben hatte . Ich überflog die Namen der vor mir gekommenen und noch nicht ausgestrichenen Fremden . Es waren mehrere Deutsche und Oesterreicher dabei . Von einem Schiffsarzte wußte ich , daß er mich kannte , und da ich mich an Niemand binden lassen und also gar nicht genannt sein wollte , so schrieb ich meinen Vornamen als Familiennamen ein und sagte dem Sejjid , als wir wieder allein waren , wie er mich hier , falls er gefragt werde , zu nennen habe . » Und weißt du aber auch , Sihdi , wie du mich zu nennen hast ? « sagte er kleinlaut . » Nun , wie ? « » Omar el Gahil19 . Ich sehe ein , was du gewiß schon längst bemerkt hast , nämlich , daß ich so dumm gewesen bin , deine Liebe für meine Güte und dein Christentum für meinen Islam zu halten . Willst du mir eine Bitte erfüllen ? « » Wenn ich kann , ja , gern . « » Sprich immerhin vom Christentum mit mir , und erlaube mir , auch von ihm sprechen zu dürfen , wenn ich dich nach ihm zu fragen habe ! Ich war in der letzten Zeit gar nicht zufrieden mit mir , daß ich damals im Kontinetalhotel diese Bedingung gestellt habe . Es raubt den Schlaf , wenn man gern Etwas wissen will und doch nicht davon sprechen darf . « » Gut ; wir wollen diese Bedingung also fallen lassen . Jetzt werden wir zwei Rickschahs nehmen und nach dem Gasthause fahren , wo du wohnen sollst . « Da hob er die gesenkten Augen wieder empor und ließ ein frohes Lächeln sehen . Er fühlte , daß ich ihn nur deshalb nicht zu Fuße gehen ließ und sogar selbst mit fuhr , um ihm zu zeigen , daß ich nun wieder mit ihm zufrieden sei . Er ahnte gar nicht , daß er nur noch mit einem Fuße in der Moschee , mit dem andern aber schon auf dem Wege zur Kirche stand . Als wir dann hinunter kamen und der Türsteher fragte , ob er nach Wagen oder Rickschah rufen solle , antwortete Omar in zwar höchst fraglichem Englisch , aber mit der ganzen , niederschmetternden Hoheit , die ihm möglich war : » Wir brauchen nur zu winken . Von Euch übervorteilen lassen wir uns nicht ! « Er vermutete ganz richtig , daß jeder von den Hotelbediensteten besorgte Wagen höher zu bezahlen sei als einer , den man sich selbst besorgt . Ich hatte für dieses Mal gegen seine Eigenmächtigkeit nichts einzuwenden . Er hob zwei Finger in die Höhe , worauf zwei Rickschahmänner herbeigeeilt kamen . Ich stieg ein ; er wartete , bis ich saß ; dann nahm er auf der zweiten Platz , und zwar in einer Haltung und mit einer Miene , als ob er soeben das Grand Oriental-Hotel gekauft , bar bezahlt und an den ersten besten Bettler sofort wieder verschenkt habe . Wir fuhren nach dem Pettah , die Straße , welche nach der Markthalle führt . Sie ist erst breit und licht , wird aber später eng . Kurz vor Mittag ist dieses sogenannte » schwarze Stadtviertel « sehr belebt . Es gab Stellen , wo man sich drängte ; trotzdem fiel es unsern Rickschahleuten nicht ein , ihre Schnelligkeit zu mindern . Sie haben ein bewundernswertes Geschick , sich überall glücklich durchzuwinden . Aber als wir einen kleinen buddhistischen Pilgerzug erreichten , fielen sie in langsamen Schritt , um nicht zu stören , weil sie die Heiligkeit der Religion achteten , obgleich sie nicht Buddhisten , sondern Christen waren . Diese Pilger kehrten vom indischen Festlande zurück , wo sie die altehrwürdigen Tempel von Thana , Garapori , Pandsch-Pandu und Adschanta besucht hatten , um Gott in ihrer Weise zu verehren , und zogen nun nach ihrem heimischen Tempel , weil sie es für eine Pflicht hielten , dem , an den sie glaubten , für seinen Schutz während dieser Reise zu danken . Sie taten das in der stillsten , unaufdringlichsten Weise . Ruhige bescheidene Menschen , die nicht das geringste Aufsehen mit ihrer Frömmigkeit erregen wollten ! Als sie uns hinter sich bemerkten , wichen sie unaufgefordert nach der Straßenseite hinüber , um uns bereitwillig Platz zu machen . Also wurden wir an ihnen vorübergefahren , wobei ich nach meiner Gewohnheit freundlich grüßte . Ihre sauberen , teils sogar aus Seide gefertigten Anzüge bewiesen , daß sie keineswegs zur sogenannten » Hefe des Volkes « gehörten . Von einem Europäer gegrüßt zu werden , schien für sie beinahe ein Wunder zu sein . Sie staunten über diese ihnen so ungewohnte Höflichkeit und erwiderten meinen Gruß dann aber mit um so größerer Herzlichkeit und Freude . Wir näherten uns einer Straßenkreuzung . Von jenseits kamen uns Rickschahs , Zebuwagen und dichtgedrängte Fußgänger entgegen ; von links und rechts her flutete ein ähnlicher Verkehr , und hinter uns hörten wir plötzlich galoppierenden Hufschlag und ängstlich schreiende Menschenstimmen . Ich sah mich um . Es kam eine Schar Europäer geritten , Gentlemen , und auch einige Ladies dabei , mit wehenden Schleiern an den Tropenhelmen und Hüten . Sie ritten trotz des Gewühles beinahe Karriere , und zwar straßenbreit . Ich kannte die Art dieser von der Zivilisation bevorzugten Kaukasier , die sich um nichts Anderes als um sich selbst , am allerwenigsten aber um die gesunden Glieder tief unter ihnen stehender Völkerschaften kümmern . Da war weiter nichts zu tun , als sich zu salvieren . Wehe Dem , dem es nicht gelang , sich rechtzeitig seitwärts zu retten ! Ich ließ schnell halten , stieg ab und sprang nach dem nächsten Hause , um mich an die Mauer desselben zu drücken . Der Sejjid folgte meinem Beispiele . Die beiden Rickschahmänner aber duckten sich hinter ihre Fahrzeuge nieder . Es war die höchste Zeit gewesen , denn die Gentlemen und Ladies hatten den Pilgerzug erreicht , jagten ihn vor sich her und ritten lachend zu Boden , was nicht entfliehen konnte . In demselben Augenblicke bog eine Rickschah um die Ecke , auf uns zu , in unverminderter Schnelligkeit . Der Passagier schien Eile zu haben , und der vorgespannte Mann , ein Tamile , hatte von der Seitengasse aus die Reiter und Reiterinnen nicht sehen können . Er prallte mit ihnen zusammen und wurde niedergerissen und schwer verletzt ; seine Rickschah stürzte um und brach ein Rad ; die Herrschaften aber setzten ihren Weg unter lautem Gelächter fort . Der Passagier war unter das Fahrzeug geraten , arbeitete sich aber sehr schnell hervor und sah sich um . Ueberall an die Häuser gedrängte Menschen ! Zwischen ihnen auf der Straße eine Menge gequetschter , getretener und beschädigter Personen , die sich unter Schmerzen wieder aufzurichten versuchten . Aber sonderbar ! Man war so still dabei ! Ich hörte keine einzige räsonierende Stimme ! War das Ehrerbietung oder Vorsicht ? Achtung oder Verachtung ? Gleichgültigkeit gegen Schmerzen oder zum Schweigen gezwungene Verbitterung ? Ich war mit Omar zu unsern Rickschahs zurückgekehrt . Der Passagier erkannte mich an der Kleidung als einen Europäer , kam zu mir herüber und sagte in englischer Sprache : » Das ist eine geradezu unverzeihliche Rücksichtslosigkeit , die ich unbedingt bestrafen lassen werde ! Ich muß diesen Menschen nach , um wenigstens einige von ihren Namen zu erfahren , weil die Anzeige sonst nutzlos sein würde . Wem gehören diese beiden Rickschahs ? « » Mir und meinem Diener , « antwortete ich . » Wollen Sie mir die Ihres Dieners abtreten ? Es ist keine andere in der Nähe . « » Gern . « » Komm nachher ins Hotel « befahl er dem Tamilen . » Du mußt entschädigt werden . « Er bestieg Omars Rickschah und eilte den Uebeltätern nach . Den Eindruck , den er auf mich gemacht hatte , war der eines sehr energischen Herrn . Er trug einen , nun allerdings beschmutzten , Anzug vom feinsten , weißen , indischen Stoffe . Fast ebenso weiß war auch der Vollbart , welcher sein Gesicht umrahmte . Die Züge dieses Gesichtes hatten nichts , was auf seine Nationalität schließen ließ . Daß er einen nicht billigen und mit einem grauen Schleier umwundenen Panamahut trug , war noch kein Grund , ihn für einen Amerikaner zu halten . Was nun tun ? Wir waren zwei Personen zu nur einer Rickschah , und es war augenblicklich keine zweite , freie zu sehen . Ich wies Omar an , hier an dieser Stelle zu warten , da ich vorausfahren und ihn dann durch die meinige von dieser Stelle wegholen lassen würde . Dann stieg ich auf . Inzwischen hatten sich die Pilger wieder zusammengefunden . Die Unverletzten nahmen die Verletzten zwischen sich und gingen langsam an mir vorüber . Einer von den Beschädigten schien ein Bein gebrochen zu haben ; er mußte getragen werden . Im Vorbeipassieren rief er mir zu : » Sahib20 , du bist auch ein Christ , wie diese waren ; aber du reitest trotzdem keinen deiner Mitmenschen nieder . Unser Gott ist auch Euer Gott . Er segne dich ! « Als sie vorüber waren , fuhr ich nach dem Gasthofe , dessen Wirt mich zwar wieder erkannte , aber meinen Namen vergessen hatte , was mir nicht unlieb war , weil jetzt nur der Vorname gültig sein sollte . Er hatte Platz mehr als genug und nahm Omar , der sich auch bald einstellte , sehr gern bei sich auf . Da ich heut eine Menge Briefe zu schreiben hatte und darum nicht ausgehen wollte , so gab ich dem Sejjid bis zum Abend frei ; dann sollte er nach dem Hotel kommen und nachfragen , ob es vielleicht Etwas für ihn zu tun gebe . Bis dahin sollte er im Pettah nach alten Münzen und Merkwürdigkeiten , besonders aber nach Büchern suchen und mir dann sagen , wo so Etwas zu sehen und vielleicht zu kaufen sei . Er verstand zwar nichts davon , hatte mir aber schon öfters seine ungemeine Findigkeit für dergleichen Sachen bewiesen . Hierauf kehrte ich nach dem Grand Oriental-Hotel zurück , speiste auf meinem Zimmer und machte mich dann über die angegebene Arbeit her . Dabei ging ich öfters hinaus auf den Söller , um die Raben zu füttern , welche ich von früher her kannte . Sie bevölkerten die Dächer und Bäume in Scharen und waren so zahm , daß sie sogar in das Zimmer kamen . Ihr beliebtester Trick war , die Butter , welche in Ceylon selten ist und aus Europa bezogen wird , so schön sauber vom Brote zu fressen , als habe ein Kind sie abgeleckt . Am Nachmittage ging ein echt ceylonesischer Regen nieder : jetzt blauer , vollständig wolkenloser Himmel ; plötzlich verdüstert er sich , doch ohne daß man massige Wolkenbildungen bemerkt . Das Wasser stürzt förmlich wie ein ausgeschütteter See hernieder . Dann wieder ebenso plötzlich heiterer Himmel . Diese Regenszene spielt sich oft innerhalb einer halben Stunde ab . Als es dunkel wurde , was hier regelmäßig kurz nach sechs Uhr geschieht , kam Omar . Ich ließ ihn einige kleine Einkäufe für mich machen , dann konnte er wieder gehen . Er hatte auch schon die Tür in der Hand , als er wieder umkehrte , indem er sagte : » Bald hätte ich vergessen , Sihdi , dich zu fragen , ob du heut vielleicht ein kleines Buch verloren hast . « » Wo ? « » Da , wo wir standen , als die Soldaten kamen . « » Ich habe kein Buch bei mir gehabt . « » So muß ich es dem Baja21 wiedergeben . « » Welchem Händler ? Du hast es mit ? « » Ja . Als du mit deiner Rickschah allein fortgefahren warst und ich warten mußte , sah ich den Baja aus seinem Laden kommen und ein kleines Buch aufheben , welches im Schmutz der Straße lag , ganz nahe an der Stelle , wo die zerbrochene Rickschah umgestürzt war . Der Händler hatte dich und