könne er in schlechte Hände kommen und zu Leuten , die nicht verstünden , wie kostbar er ist . Er war aber aus grüner Seide gehäkelt und waren Rosen , Vergißmeinnicht und Veilchen aus Perlen darauf , und in der Mitte war ein Wort » Souvenir « , das war auch aus Perlen , aber aus goldenen ; gefüttert war er mit guter Schweinsblase . Dorrel sagte , wenn Hans erst Pastor sei , dann werde er sich das Rauchen aus einer langen Pfeife angewöhnen , und natürlich hätte er dann seinen Tabak in einem Kasten , aber wenn er einmal auf Besuch gehe , dann müsse er einen Tabaksbeutel haben , da solle er dann diesen nehmen ; denn für einen Pastor schicke sich wohl so ein teures Stück , aber nicht für einen Tagelöhner , und eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer Mutter , ein solches Geschenk zu machen . Dann zeigte sie ihm einen geschnitzten Stockknopf aus Knochen . Der stammte desgleichen von ihrer Mutter her , welche als Mädchen in einem großen Hause gedient . Der Knopf hatte auf einem Rohr gesessen , das der Herr zu tragen pflegte , und wie das Rohr einmal zerbrochen war , wurde der Knopf mit fortgeworfen , Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten , abgeschraubt und sorgfältig aufgehoben . Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen , wenn er erst eine Pfarre hatte , und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit ordentlicher Zwinge beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen lassen ; denn der Knopf war zwar altmodisch , aber von guter Arbeit , und weil die Mode sich immer ändert , so kommt es gewiß auch einmal wieder auf , daß die Männer von Ansehen solche Art Stöcke tragen . Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gußeisen , der für einen Briefbeschwerer dienen sollte , und hatte noch eine ganz andre Geschichte . Auch Dorrel war einmal ein hübsches junges Ding gewesen mit prallen Backen und lustigen Augen , aber brav und ordentlich war sie auch schon , wie sie erst ihre achtzehn Jahre hatte . Da war da ein junger Knecht bei der gräflichen Herrschaft auf dem Hofe , der verliebte sich in sie und sie in ihn , und wie Kirmes war , tanzten sie viel zusammen , und er bezahlte für sie Himbeerwasser , und weil sie sich so recht glücklich fühlten , wollten sie sich etwas schenken , was sie später einmal brauchen konnten in der Wirtschaft . So kaufte Dorrel ihrem Schatz eine Samtweste , die mit bunten Blumen bestickt war , und er kaufte ihr den eisernen Hund , denn er sagte , wenn sie sich später erst etwas gespart hätten , so müßten sie sich einen Glasschrank kaufen , und in dem würde sich der eiserne Hund gar prächtig machen . Wie sie aber nach Hause ging , hatte sie schon Angst vor ihrer Frau , denn sie war damals schon bei Hansens Großmutter von der mütterlichen Seite , was die zu ihrer Liebschaft sagen würde ; und in Wahrheit bekam sie auch starke Schelte , und die Frau hielt ihr vor , daß sie selbst nichts habe , und er habe zehn Geschwister , und wenn sie heirateten , so komme Hunger und Kummer zusammen , vornehmlich , wo sie sich so läppisch zeigten und sich so einfältige Geschenke aufschwatzen ließen von den Krämern , denn wenn die Dummen zu Markte gehen , so lösen die Krämer Geld . Darum solle sie ihr nicht wieder kommen mit einer Liebschaft , ehe sie nicht fünfundzwanzig Jahre alt wäre . Da seufzte und weinte Dorrel die Nacht durch , aber bedachte sich doch , daß die Frau recht hatte , und daß ihr Liebster erst noch zu den Soldaten mußte . Deshalb sagte sie zu ihm , was die Frau zu ihr gesprochen , und versprach , daß sie auf ihn warten wolle , und sie müßten ihre Zeit ausharren und sich erst anschaffen und sparen . Da schimpfte der Mann wohl recht auf ihre Frau und sagte , die solle ihm nur einmal in den Weg kommen , der wolle er schon die Wahrheit sagen , aber am Ende mußte er sich geben , sah auch wohl ein , daß Dorrel recht hatte . Weil er indessen wohl ein guter Kerl war , aber einen leichten Sinn hatte , ließ er sich mit einer andern ein ; als er in der Stadt bei den Soldaten stand , heiratete die auch , zog fort und kam nachher in großes Elend . Dorrel aber brauchte lange , bis sie die Gedanken an ihn verwand ; und wie sie wieder so weit war , daß sie dachte , sie möchte wohl heiraten , da schien ihr keiner recht , denn sie war inzwischen etwas altjüngferlich geworden , hatte große Besorgnis , daß dieser liederlich werden möchte und jener krank und der dritte faul ; später hätte sie wohl auch einen Witmann bekommen können , aber da bedachte sie , daß sie es doch zu lange gut gewohnt war bei ihrer Herrschaft und fürchtete sich vor den Sorgen und der Not ; und so geschah es , daß sie ledig blieb , und die Liebesgeschichte mit dem Knechtlein , wo sie den eisernen Hund geschenkt kriegte , war ihre einzige . Diesen Hund nahm sie nun hervor , wickelte ihn sorgfältig aus dem Papier und reichte ihn dem Hans , indem sie sagte , weil er jetzt als Student so viel schreiben müsse , so solle er den Briefbeschwerer gleich haben , denn sie schreibe ja doch nicht , weil sie niemand habe in der Welt . Die Geschichte erzählte sie ihm zwar nicht , wie sie zu dem Hund gekommen , aber wie sie an die alte Zeit dachte , da kamen ihr die Tränen in die verrunzelten Augen ; sie war aber auch gerührt , weil sie sich recht lebhaft vorstellte , wie es erst wäre , wenn Hans nicht mehr am Sonnabend nach Hause käme , da streichelte sie ihm mit ihrer rauhen Hand seine Backe , und die Hand zitterte ; dem Hans aber stieg das Wasser auch in die Augen , wiewohl er sich schämte und unwillig war ; und so brummte er etwas , schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die Treppe hinunter . Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der Eisenbahn ab , indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fuß machen wollte ; so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel , und der Vater warf die Büchse über die Schulter und sagte , er wolle ihn eine Strecke begleiten . So gingen die beiden . Sie sprachen über die neue Art von Tannen , die der Graf hatte kommen lassen , welche ein sehr schnelles Wachstum haben sollten , und der Förster zweifelte , ob das Holz so wertvoll sein werde , wie die gegenwärtigen Arten , das zu Fußbodendielen zersägt wurde , weil es besonders fest war durch das langsame Wachsen der Bäume auf dem felsigen Boden . Hans wunderte sich , daß sein Vater so mit ihm sprach . An einem Seitenwege machte der Vater Halt , weil er zu seinen Arbeitern mußte , gab dem Jungen die Hand und sagte : » Sei fleißig und schreibe bald . Wenn dein Geld nicht reicht , so mußt du schreiben . « Dann wendete er sich zur Seite , und Hans ging weiter . Aber der Hund , den der Förster an der Leine führte , hatte aus allen früheren Anstalten gemerkt , daß etwas Besonderes geschehe und Hans auf länger fortging wie sonst ; so legte er sich auf den Boden , stemmte sich mit aller Kraft fest und begann zu winseln . Der Förster zog ihm das Ende der Leine über , aber der Hund winselte nur mehr und ließ sich nicht von der Stelle ziehen . Da wendete sich der Vater zurück und rief hinter Hans her : » Der Hund will Abschied nehmen . « Da tanzte der Hund bellend und winselnd auf den Hinterbeinen , und wie Hans zurückkam , leckte er dem ungestüm die Hände , heulte und bellte . Hans liebkoste ihm den Kopf und mußte sich zusammennehmen , daß er nicht weinte . Am Ende sprach der Vater : » Nun gehe , du versäumst den Zug « , und da wendete sich Hans und ging ; der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle , bis Hans durch eine Biegung des Weges unsichtbar wurde , dann beschnupperte er noch einmal seine Fußspur , und dann erst folgte er seinem Herrn auf den Nebenweg und war traurig und niedergeschlagen . So schritt nun Hans seine Straße fürbaß . Das war die alte Straße , die er so manchen Sonnabend heimwärts gegangen war frohen Mutes und in Trauer stadtwärts Montags früh , wenn die Vögel ihr Morgenlied sangen . Eine gute , feste Chaussee war es ; zu den Seiten standen Ahornbäume , deren Laub färbte sich schon herbstlich , und Quitschen mit roten Beeren ; im Winter fressen die Drosseln diese Beeren und bekommen davon ein angenehm schmeckendes Fleisch . Und auf der Chaussee fuhren Holzwagen ; an einem sehr großen Stamm kam Hans vorbei , den zogen zwei schwere Pferde mit Mühe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum ; der sollte auch in die weite Welt hinaus . Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und blauem Kittel grüßte . Nicht weit von der Straße war die Elsgrube , Hans bog ab und ging dahin . Die kleinen , schiefgeschnittenen Äcker waren abgemäht , und die Stoppeln sollten noch umgepflügt werden ; der Kartoffelacker war umgewühlt , und in der Mitte war ein runder Aschenfleck , wo das Kartoffelfeuer gebrannt hatte . Merkwürdig trostlos sah das alles aus . Das stille , kreisrunde Wasser glänzte grün inmitten des kahlen Wesens ; einige geknickte Binsen hielten sich am Rande . Hans dachte , wie gern er als Kind nahe gegangen wäre an das Wasser , um vielleicht in der Tiefe den Turm der versunkenen Burg zu sehen ; jetzt hätte ihm niemand verboten , so nahe an den Rand zu treten , wie er wollte , aber er hatte keine Sehnsucht mehr nach dem Turm in der Tiefe . In kindischem Tiefsinn dachte er : » ja , das ist ein Symbol unsres Strebens « ; und er meinte , das sei wahrhaftig seine Ansicht . Aber seine wirklichen Gedanken waren ganz anders . Die waren wie die Tannen , die sich den steilen Bergabhang in die Höhe strecken gleich einem Heer , das eine feindliche Befestigung stürmt ; mannhaft stehen sie in Reih und Glied , klammern sich mit ihren Wurzeln über Felsen und Steine . Nach oben streben sie , nach Sonne , Freiheit und Licht ; ihre unteren Zweige lassen sie trocken werden , denn sie mögen nichts mehr zu tun haben mit dem Dunkel , wo Ameisen geschäftig laufen . Eilfertig plätschert ein kleines Wässerlein den Berg hinab , aufblitzend in einem verlorenen Sonnenstrahl ; das muß ihre Wurzeln tränken . Aber tiefer dringen ihre Wurzeln , sind nicht zufrieden mit des muntern Bächleins klarem Wasser ; sie gehen bis zu der Tiefe , von wo die Bergquelle in die Höhe steigt . Die schaut aus der Erde zwischen Moos und Tannennadeln , wie ein dunkles Auge , und kleine Sandkörnchen tanzen in dem quellenden , kristallklaren Dunkel . Rührend ist es , wie diese Sandkörnchen da tanzen , unermüdet . Wenn man ruhig harrt und hört das leise Rauschen und Plätschern , so spürt man , wie der Wald wächst , im Herzen spürt man es , und man weiß , daß man zusammengehört mit dem Wald und aus einem herauswächst mit ihm , und alles ist eins und gehört zu einem , die leise wankenden Tannenwipfel und das dunkle Auge des Bergquelles , der moosbewachsene Felsblock und das spritzende Wässerlein und das heimliche Wesen der Wälder mit seiner starken , gesunden Luft . Eine Minute nur währt solche Verzückung ; aber für den inneren Menschen bedeutet die Zeit ja nichts , denn Jahre können träge vorübergehen , ohne daß sie uns einen Eindruck machen , aber der Eindruck jener Minute ist immer noch in unsrer Seele . Die Straße ging in Windungen bergab bis zum Städtchen , wo die Bahnstation war ; da wartete der Zug , der bestand aus zwei Personenwagen und vielen Wagen mit Brettern , Wellen , Stempeln und Balken , denn Holz war die Hauptware , die von hier verschickt wurde . Ein häßlicher Kohlengeruch lag über dem Bahnhofe und stumpfe und schmutzige Farbe , aber für einen Augenblick drang der Duft des frischgeschnittenen Holzes durch , daß Hansen ein heftiges Heimweh ergriff . Da fuhr der Zug ; und er fuhr erst durch Täler , auf deren Grund Wiesen waren , die in der Mitte , wo Wasser floß , noch Grün zeigten , sonst aber schon grau und braun schienen , und auf den Höhen standen Wälder , aber nur noch vereinzelte Tannen , denn nun begann der Buchenbestand ; und schon waren die Blätter farbig , und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot aus dem stumpferen Braun . Bald aber wurde das Tal breiter und die Hügel flacher , die Wälder verschwanden , und es zogen sich Stoppelfelder in die Höhe , und ab und zu winkte ein Dörfchen mit einem Kirchturm . Dann tat sich die Ebene auf , die ganz weit war und durch die Trübe des Himmels begrenzt wurde . Hier war die Station , wo Hans den Zug verlassen mußte ; die Wagen mit den Brettern und Stämmen blieben zurück , das letzte von der Heimat ; und nun wurde alles anders und wurde fremd , denn selbst die Wagenabteile waren größer wie die früheren , und es schien , als wenn in den andern noch etwas heimische Luft und Helligkeit gewesen sei ; dazu sprachen die Leute eine andere Sprache , redeten über andere Dinge , und ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr vertrauter Art. Dahin raste der Zug . Die Telegraphendrähte an der Seite flogen auf und ab , die Stangen blitzten vorüber , und lange , schmale Felder tanzten , wie wenn sie sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten , der in Hansens Wagen lag . An großen Rübenbreiten kamen sie vorbei , wo eine Herde Polenmädchen mit nackten roten Beinen mitten in der Nässe stand und Rüben herausholte , und Wagen mit breiten Rädern wurden beladen , schwere Pferde zogen mit Anstrengung durch den nassen Acker , und der Wagen hinterließ eine tiefe Spur . Nun kamen wieder ganz andere Menschen in den Wagen , Leute , die sich breit machten und über Hansen wegsprachen und unhöflich drängten . Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus , dachte bei sich , er hätte doch lieber mögen zu Hause bleiben , im Wald , und mit der Flinte auf dem Rücken gehen , und alle Manschen kannte er da und alle Wege , und in der Fremde war ihm das Herz schwer und wußte auch nicht , was eigentlich die Universität war , und was er tun sollte , wenn er nun auf dem Bahnhof stand in Berlin . Immer weiter eilte der Zug und fuhr über Sandboden , wo häufige Kiefernwälder kamen , die schienen Hans natürlich zu sein ; dann kamen wieder Äcker und große flache Seen , daß es war wie eine Überschwemmung ; solche Art von Wasser kannte er nicht , das war so glatt und flach . Bald senkte sich auch die Dunkelheit ; ein Reisender zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der Luft , das war Berlin . Das war Berlin , was unter dieser Dunstwolke lag . Wie er das sah , war ihm das Heimweh plötzlich vergangen . Nun hielt der Zug , die Türen der Abteile wurden hastig geöffnet , und alle Manschen liefen schnell und hastig , eilten , drängten und stießen sich , und Hansen überholten sie alle , daß er als letzter eine ungeheuer breite Treppe hinunterschritt , die von einem Stein war , der Hansen Granit schien , und waren die sehr breiten Stufen immer aus einem Stück geschlagen , was sehr teuer gewesen sein mußte . An Hans vorbei eilten andre in die Höhe , hinter ihm kam ein neuer Menschenstrom herab , und unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von eilfertigen Menschen . Diese Vorhalle war außerordentlich hoch , aber eine häßliche Luft war da , und schien alles schmutzig , so daß Hansen ein plötzlicher Ekel ankam , denn ihm war , als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig . So stand er am Ende draußen auf dem Platz , und vor ihm war Berliner Leben . Einen Rock trug er , den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten hatte , denn er war ihm vorn zu eng ; auch sahen seine langen und knochigen Hände weit aus den Ärmeln , und sein Hut war von ganz alter Mode , denn er hatte ihn sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause gekauft , und Kragen und Schlips paßten nicht zueinander und verschoben sich beständig , und seine Füße waren in großen , plumpen Stiefeln , und die Hose hatte ausgeweitete Knie . In der einen Hand trug er einen baumwollenen Regenschirm , in der andern eine gestickte Tasche , auf der stand : » Glückliche Reise « ; sein Großvater hatte sie gekauft , wie er als junger Mensch zum ersten Male von zu Hause weg mußte . So beschaffen waren Hans Werthers Kleider , wie er zum ersten Male auf dem Berliner Pflaster stand . Dazu war seine Gestalt unglaublich mager , lang und knochig , und aus seinem hageren Gesicht , das mit langen , blonden Stoppeln dicht besetzt war , starrten ratlos zwei hellblaue Augen . Im Bergwald war Hans eine schöne und jugendlich männliche Erscheinung ; aber hier , auf der Königgrätzer Straße , sah er recht komisch aus . Eine ganz auffallend gekleidete junge Dame ging dicht an ihm vorüber , blickte ihm verwundert ins Gesicht und lachte ihn aus . Er sah hinter ihr her und wunderte sich , daß eine solche Dame so unpassend sein konnte , denn sie trug einen Hut mit so großen Federn , wie Hans noch nie gesehen , schwang einen nadeldünnen Schirm in der Hand und trällerte vor sich hin . Dem Hans wurde schwach im Herzen , und seine Sehnsucht nach der Heimat war mit einem Male wieder ganz heftig , daß sie ihm weh tat , denn er fühlte sich gänzlich verlassen von diesen eiligen Menschen , die nur alle gerade vor sich hinsahen . Da aber gedachte er , daß er ja keine unrechten Dinge vorhatte , und fiel ihm der Gesangbuchvers ein , den er oft mitgesungen in der kleinen Dorfkirche , vor deren Fenstern die Linden standen : » Befiehl du deine Wege Und was dein Herze kränkt , Der allertreusten Pflege Des , der den Himmel lenkt . Der Wolken , Luft und Winden Bestimmte Ziel und Bahn , Der wird auch Wege finden , Da dein Fuß gehen kann . « Eine wunderbare Tröstung und Zuversicht überkam ihn , so daß er rüstig ausschritt durch das Treiben und Ziehen der Menschen hindurch , denn es schreckte ihn nicht mehr die Leere ihrer Gesichter , und daß sie gestorbene Seelen hatten , welches ihm bewußt geworden war , ohne daß er Klarheit über dieses Wissen hatte . Zweites Buch Die erste Zeit in Berlin war für Hansen recht traurig , denn sie brachte ihm große Enttäuschungen , weil er gemeint , auf der Universität müsse ganz Besonderes und Herrliches sein , und unter der Wissenschaft dachte er sich etwas Befreiendes und Beglückendes , das ihm in unklarer Weise als das höchste aller irdischen Hoheit vorschwebte ; er konnte noch nicht wissen , daß dieses Besondere und Herrliche nicht ein greifbar Vorhandenes ist , sondern vielleicht nur eine Gemütsverfassung sein kann , die einige begabte Menschen mit der Zeit durch ihre Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen erhalten . Und nun fand er ein großes und graues Gebäude , das nach Staub aussah , dann eine Diele , in der sehr viele Studenten standen und gingen , die gar nicht der Vorstellung glichen , die er sich von Studenten gemacht , sondern eher wie recht unelegante Kaufmannskommis schienen und fast alle außerordentlich spießbürgerliche Gesichter hatten ; und endlich war da ein niedriger Kollegsaal mit vielen Bänken , mit einem muffigen Geruch . Der Professor trat ein und wurde mit Trampeln begrüßt , und war ein ganz kleiner Mann in einem dicken Pelz und mit einem recht abgenutzten Zylinder ; wie er diese Stücke an den Kleiderhaken hängte , machte er eine komische Hüpfbewegung , und dann trat er auf den Katheder , nickte mit dem Kopf und entfaltete ein uraltes , gebräuntes Heft , aus dem er mit monotoner Stimme außerordentlich lange Perioden vorlas , indessen sein schwarzer Rock speckig glänzte . Die Studenten schrieben mit heftigem Eifer nach , ohne daß einer den Kopf hob , und nachdem Hans zuerst immer gedacht hatte , es müsse noch etwas kommen , schrieb er am Ende auch nach ; weil er aber langsam mit der Feder war , so kam er bald zurück und konnte nicht mehr folgen , und so saß er zuletzt recht ratlos und unglücklich da . Wie die Glocke zum Schlagen aushob , ließ der Professor plötzlich seine Stimme zu einem Murmeln sinken , hörte mit dem Ende des Satzes auf , klappte das gebräunte Heft zusammen , hüpfte nach seinem Pelz und Hut und ging hinaus . Die Studenten aber schnappten ihre Tintenfässer zu , steckten die Hefte in die Mappen und gingen gleichfalls . Das war die erste Vorlesung , und die weiteren hatten einen ähnlichen Charakter . So wurde Hans niedergeschlagen und bekümmert , denn wie er nun mit seinen Heften unterm Arm zum Essen ging und sich bedachte , was er gelernt habe in diesen Stunden , da fand er gar nichts in seinem Gedächtnis , außer die Vorstellung von einem ungeheuren und wüsten Raum , in den er hineingestoßen war , damit er weitergehen solle , und sah weder Weg noch Wegweiser . Gleich hinter der Universität , am Kastanienwäldchen , war damals ein Speisehaus , wo ein sehr großer Teil der Studenten aß . Hans folgte der Menge und kam in kleine Stuben , wo an Tischen dichtgedrängt die jungen Leute saßen und eilig ihre Speisen verzehrten , indessen Kellner in jägergrünen Joppen mit Hirschknöpfen geschwind mit Schüsseln und Tellern herumliefen und der Strom der eintretenden Gäste dem Strom der herauskommenden begegnete . Wie Hans einen Platz gefunden an einem Tisch , dessen übrige Stühle besetzt waren , und die fleckige Speisekarte genommen , kam hastig ein Kellner im Vorbeilaufen heran und fragte , so daß Hans erschreckt aufs Geratewohl bestellte , denn er war schon durch die Eile und Menschenmenge geängstigt . Dann aß er und trank mit der Schnelligkeit , die er bei den andern sah , denn hinter dem einen Tischgenossen wartete bereits einer auf dessen Platz ; und wie er fertig war , kam der Kellner wieder , zählte zusammen , und Hans bezahlte , und weil ihm gesagt war , daß man in Berlin den Kellnern Trinkgeld geben mußte , so legte er ihm fünf Pfennige in die Hand mit einem höflichen und verlegenen Murmeln , denn er scheute sich und fürchtete , der Kellner würde beleidigt sein . Wie alles abgemacht war , hatte er ein leichtes Herz und ging durch die gedrängten Zimmer zurück aus dem Hause . Da fühlte er sich recht einsam und verlassen ; denn einige gelbe Blätter hingen an den Kastanienbäumen , Sperlinge zankten sich auf der Straße , ein grauer Dunst war in der Luft , und häßliche Farbentöne hatte alles , schmutzige und stumpfe ; nichts Leuchtendes war da , welches das Herz leicht macht . Er wunderte sich , daß das Studentenleben so aussah ; ganz anders hatte er es sich vorgestellt . Seine Stube war ein langer und schmaler Raum , der eine Form hatte wie ein Handtuch ; oben am Fenster stand der Schreibtisch mit einem Stuhl davor , dann kam ein Sofa mit einem Sofatisch , dann das Bett , endlich der Waschtisch ; und bildeten diese Möbel eine Reihe , so daß man sich an ihnen allen vorbeidrücken mußte , wenn man zum Schreibtisch gehen wollte . Auf dem Waschtisch hatte er seine neue Spiritusmaschine aufzustellen gedacht ; denn das hatte er sich so schön ausgemalt , wie er sich den Kaffee nachmittags selber kochen werde , und dabei wollte er dann fleißig studieren ; aber die Wirtin sagte , das könne sie nicht erlauben , weil es ihre guten Möbel ruinieren werde , und er solle den Kaffee bei ihr in der Küche bereiten . So ging er jetzt mit der Kaffeemaschine , der Mühle und dem andern Gerät in der Wirtin Küche , und hatten die Leute nur die beiden Räume , also die vermietete Stube und die Küche , in der sie kochten , wohnten und schliefen , nämlich eine sehr dicke und schmutzige Frau , ein finsterer Mann , über den die Frau meistens schimpfte , eine Tochter von achtzehn und einen Sohn von zwölf Jahren . Hans fand die Frau allein vor , die ihm seine Sachen abnahm und sagte , sie wolle ihm den Kaffee schon bereiten , und obzwar ihm die Leute widerstrebten , ohne daß er freilich den Grund recht wußte , so tat doch diese Freundlichkeit seinem einsamen und bedrückten Gemüt wohl , daß er in dem Augenblick eine Zuneigung zu der dicken Frau faßte und sich nach ihrer Einladung auf den Stuhl setzte , den sie vorher mit der Schürze abgewischt . Die Frau begann gleich zu klagen , daß ihr Mann oft keine Arbeit habe und alles vertrinke , und daß die Ferien über das Zimmer leer stehe , und seien die Studenten meistens unsolide und meinten , die Stube sei ungeniert , aber was wolle sie machen , sie sei eine arme Frau ; und nachdem sie sich die Augen mit der schmutzigen Schürze gewischt , fuhr sie fort , daß ihre Tochter ihr auch Sorge mache , die sei hinter den Herren her , mit der werde es noch einmal ein schlimmes Ende nehmen , aber sie könne es nicht halten . Wie sie noch so im Klagen war , kam die Tochter nach Hause und trug einen neuen Hut und fragte ihre Mutter , wie der ihr stehe ; die schlug die Hände zusammen und jammerte über den Hut , da antwortete das Mädchen , den habe sie geschenkt bekommen von einem Herrn , und was sie treibe , das gehe die Mutter gar nichts an . Darauf zog die Frau Hansen in den beginnenden Streit und fragte ihn , ob wohl eine Tochter so antworten dürfe , das Mädchen ließ ihn aber gar nicht zu Worte kommen , sondern sagte , sie wolle essen , und schalt darüber , daß so weniges im Eßschrank lag . Inzwischen war der Kaffee fertig geworden , daß Hans gehen konnte ; er hörte aber noch eine höhnische Bemerkung der Tochter , die auf ihn zielte , die verstand er zwar nicht , indessen machte sie ihn verlegen , und er wußte nicht recht , wie er sich benehmen solle , wenn er wieder in die Küche gehen mußte ; durch die Tür drangen dann noch Worte der Mutter zu ihm , die eine Zustimmung zu den Reden der Tochter zu enthalten schienen . Da fühlte er sich wieder recht elend und unglücklich , und mit Sehnsucht dachte er an seine Heimat und an den Wald , und selbst sein Dachkämmerchen auf dem Löwenhof war ihm jetzt vertraulich in der Erinnerung , wiewohl er nie ein heimliches Gefühl darin gehabt , sondern es immer nur als bloße Unterkunft betrachtet hatte . Denn alles erschien ihm namenlos scheußlich , weil er sich auch eine Studentenbude immer ganz anders gedacht hatte , nämlich als ein Mansardenstübchen , niedrig und klein , aber von quadratischem Grundriß , mit einem alten ledernen Sofa und einem kleinen eisernen Ofen , in dem ein lustiges Feuer brannte , und mit einem großen Bücherbrett voller Bücher . Nach dem Plane , den er sich von seiner Tagesarbeit gemacht , mußte er nun die gehörten Vorlesungen durcharbeiten . So nahm er das erste Heft vor , das enthielt lauter Literaturangaben über den Gegenstand , und er wußte nicht , was er mit diesen beginnen sollte , dachte , er müsse sie wohl auswendig lernen und schreckte dann zurück vor den vielen fremden Namen , an die sich ihm keine Vorstellung knüpfte ; und bei dem zweiten Heft ging es nicht besser , denn hier hatte der Professor ganz weit hergeholte Dinge als Einleitung behandelt , die mit dem Gegenstand nichts zu tun hatten , und weil Hans nicht genau nachschreiben konnte , sondern hatte Lücken lassen müssen , so wurde er aus dem Ganzen gar nicht klug . Derart stieg seine Betrübnis auf einen solchen Gipfel , daß er gar nichts mehr mit sich anzufangen wußte , und weil er gegen seine Unruhe doch irgend etwas tun wollte , so verließ er seine Stube und ging durch die Straßen . Er wurde bald müde , denn das Gehen auf dem harten Pflaster war ihm ungewohnt , und das Geräusch und die Menge der Manschen strengten ihn an , und wenn er die lange Straße hinuntersah , so erblickte er nur himmelhohe Häuser , Drähte und Steinpflaster , und nirgends ein Fleckchen Erde , wäre es auch nur so groß gewesen wie eine Hand . Nirgends war ein Fleckchen