Lachlust - ihr zukünftiger Brotherr hatte sie am Bahnhof abgeholt . » Wo wünschen Sie abzusteigen ? « Das wußte sie nicht , da sie hier ganz unbekannt war . » Dann haben Sie wohl nichts dagegen , mit in mein Hotel zu gehen ? « » O nein , gewiß nicht . « Als sie im Wagen saßen , fragte er rasch : » Es ist Ihnen doch nicht unangenehm , wenn ich Sie als meine Frau einschreibe - nur um alles Auffallende zu vermeiden . « Es kam ihr etwas seltsam vor , aber sie fand es ganz lustig und dachte , es sei am besten zu tun , als ob alles ganz selbstverständlich wäre . Dann hatte er ein Zimmer mit Salon genommen und ließ das Abendessen heraufbringen , und jetzt saß sie mit dem wildfremden Mann , der etwas gebrochen deutsch sprach , beim Souper . Er war groß und brünett , sehr elegant und sehr aufmerksam . Als was mochte er sie wohl engagieren wollen ? - Er fragte nach allem , was sie gelesen hätte , wofür sie sich interessierte , sprach über Kunst und Bücher . Als der Kellner wieder hereinkam , duzte er sie - sie galt ja für seine Frau - und darüber fiel Ellen plötzlich aus ihrer Würde und fing an zu lachen . » Gott sei Dank « , sagte er , als sie wieder allein waren , » Sie können also doch lachen . Mir war schon angst , daß Sie immer so ein feierliches Gesicht machten . « Darauf ließ er Sekt und Zigaretten bringen , sie unterhielten sich immer lebhafter , und es wurde ziemlich spät . Ellen saß in einem bequemen Liegestuhl und fühlte sich sehr wohl . Dann fiel ihr wieder ein , weshalb sie hier war , und sie entschloß sich jetzt endlich nach ihrer künftigen Stellung zu fragen . » Ach , davon können wir morgen noch sprechen . « Louis Michel ging im Zimmer herum und dann ans Fenster . » Kommen Sie einmal her . « Da lag der Rhein im Mondlicht , die alten Häuser am Ufer im tiefblauen Schatten , aus dem viele einzelne Lichter funkelten . Es war Festtag - drunten in der Straße zogen Trupps von lärmenden Menschen vorbei . Ellen setzte sich auf die Fensterbank , er stand vor ihr und sah sie an . » Wollen Sie mit mir auf Reisen gehen ? « fragte er plötzlich . » Bitte , lassen Sie mich ruhig ausreden . - Ich habe Ihnen erzählt , was für ein Leben ich führe , heute in Paris , morgen in Monte Carlo , und dann spiele ich wie toll , das ist meine einzige Leidenschaft , und weil ich nicht weiß , was ich anfangen soll . Irgendeinen Reiz muß das Leben haben . Dann hab ich einmal gedacht , wenn ich einen Menschen mit mir hätte , eine Frau , die alles mit mir teilt , nicht verheiratet , nur als guter Kamerad - und sah zufällig Ihre Annonce . Warum können Sie nicht ebensogut mit mir reisen , wie mit einer unangenehmen alten Dame ? - Ihr Bild gefiel mir - dann hab ' ich mit Ihnen selbst gesprochen - - « In Ellen wogte und wirbelte es - reisen , wohin man will - was konnte sich da alles vor ihr auftun ! Aber mit diesem Menschen - irgend etwas in ihr widersprach gegen ihn . Dann dachte sie an Allersen . » Ich bin an jemand gebunden « , sagte sie . » So machen Sie sich los - oder wollen Sie etwa heiraten ? « » Das weiß ich noch nicht - vor allem will ich malen , sowie ich die Mittel dazu habe . Das bindet mich auch . « » Aber ich gehe mit Ihnen , wohin Sie wünschen - lasse Sie ausbilden . « Ellen war so verwirrt von all den Gedanken , die auf sie einstürmten , daß sie schwieg . Als er sie dann anrühren wollte , wehrte sie sich . » Nein , nein , haben Sie nur keine Angst . Ich gehe fort , wenn Sie es verlangen . Aber Sie sind - - sagen Sie mir , warum Sie nicht mit mir kommen wollen ? « Sie waren währenddem wieder an den Tisch gekommen , er lehnte sich in seinem Sessel zurück . » Sehen Sie , ich wollte ganz ruhig mit Ihnen reden , aber das kann ich jetzt nicht mehr . - Zuerst war es natürlich nur ein Experiment , daß ich an Sie schrieb , Sie kommen ließ . Als wir hier beisammen saßen , habe ich mich immer mehr in Sie verliebt - und jetzt will ich , daß Sie mit mir gehen . Sie müssen . « » Und wenn ich aber nicht will ? « » Warum wollen Sie denn nicht ? Ist es denn ein so unmöglicher Gedanke , mit mir zu leben ? « » Ich könnte nur mit einem Mann leben , wenn ich ihn liebe oder wenigstens in ihn verliebt bin . « » Lieben Sie denn den andern ? « » Das nicht , aber ich bin doch manchmal verliebt in ihn , und vor allem hängt er so an mir , daß ich ihm sein Leben ganz zerstören würde . « » Gott , das ist alles so pathetisch , so echt deutsch . Treue bis in den Tod . « Im Grunde fand Ellen das auch und schämte sich etwas - wie ein Schuljunge , der mit seiner Unschuld geneckt wird . » Wenn ich mich doch etwas in diesen Mann verlieben könnte « , dachte sie . Im Gespräch war er nicht unsympathisch , aber sowie er eine Annäherung versuchte , stieß er sie wieder ab . Und dann wurde er so geschmacklos , fing an zu schauspielern , warf sich vor ihr nieder und sprach davon , wie unglücklich er wäre , sie sollte Mitleid haben . Und Ellen mußte dabei immer auf seine roten Pantoffeln sehen - vorhin nach Tisch hatte er sie um Erlaubnis gebeten , die Schuhe zu wechseln . Die Pantoffeln zerstörten alle Illusion und reizten sie zum Lachen . Dann standen sie wieder am Fenster , er zog mit einemmal einen Revolver heraus und setzte ihn an die Stirn : » Ich erschieße mich hier vor Ihren Augen , wenn Sie nicht wollen . Nein , zuerst Sie und dann mich . « » Schießen Sie nur . « Ihr wurde doch kalt , einen Augenblick - dann dachte sie an Laurenz , fuhr mit der Hand in die Tasche und umklammerte die kleine Waffe , die sie bei sich trug ; - wenn er eine Bewegung machte , würde sie ihm zuvorkommen . » Gott , Sie haben Mut « , sagte er , » aber Mitleid haben Sie nicht . Sie sind das kälteste Weib , dem ich jemals begegnet bin . « Damit steckte er den Revolver wieder zu sich . » Nein , hier nicht - leben Sie wohl , ich gehe jetzt , und Sie sollen mich nie wiedersehen . « Er nahm den Mantel vom Sofa , den Hut und ging hinaus . Ellen blieb einen Augenblick mitten im Zimmer stehen , er tat ihr plötzlich so leid . So lief sie ihm nach , er war schon unten an der Treppe . » Nein , das will ich nicht , kommen Sie zurück . « Er folgte ihr hinauf , dann schleuderte er Hut und Mantel in eine Ecke und stürzte auf sie zu . » Dann hast du mich doch ein wenig lieb ! Haben Sie keine Angst , ich will nichts , was Sie mir nicht freiwillig geben . « Wieder warf er sich vor ihr am Sofa nieder und legte den Kopf auf ihre Knie . - Bei all seinen Theaterphrasen war auch wieder etwas Kindliches darin , das sie rührte , wie er so vor ihr lag und bat , daß sie ihn nur auf die Stirn küssen sollte . Warum sollte sie das nicht tun ? - Dabei sah sie wie hypnotisiert auf seine roten Schuhe . Er wollte sie mit Gewalt an sich reißen , und sie rangen miteinander . » Ich schreie um Hilfe , wenn Sie mich nicht loslassen . « » Das hilft Ihnen gar nichts . Sie gelten hier für meine Frau , - aber ich habe Ihnen mein Wort gegeben , daß ich nichts erzwingen will . « Ellen antwortete nicht , und er zog immer andre Saiten auf . » Mein Gott , so gehören Sie mir wenigstens für diese eine Nacht - ein paar kurze Stunden - es soll Sie nicht reuen . « Und er nahm eine Brieftasche heraus , legte einen Schein nach dem andern auf den Tisch . » Glauben Sie , daß ich mich verkaufe ? « Es stieg heiß und kalt in ihr auf , erst der Zorn und dann die Versuchung , Ja zu sagen . Aber die Versuchung verflog , sobald sie ihn nur ansah . » Wie Sie wollen - mein Gott , Sie sind ja so kalt , daß man selber zu Eis wird . - Gehen Sie nur schlafen , ich bleibe hier . Sie brauchen sich nicht einmal einzuschließen . « Wieder tat er ihr leid , sie brachte ihm noch ein Kopfkissen aus dem Nebenzimmer , dann legte sie sich aufs Bett und hörte auf jede Bewegung - wie er sich hinlegte , herumwarf , wieder aufstand . Schließlich klopfte er an . » Erschrecken Sie nicht , ich kann auf dem Sofa nicht schlafen . Wenn Sie mir erlauben , mich auf das andre Bett zu legen , verspreche ich Ihnen - « Ellen lag fast die ganze Nacht durch wach - die Gedanken kamen und gingen , während der fremde Mensch da neben ihr lag und schlief . War sie es wirklich selbst , die dieses sonderbare Abenteuer erlebte ? - Sollte sie es Allersen erzählen - alles , - daß sie ihn geküßt hatte , Bett an Bett mit ihm schlief und zuließ , daß er seinen Arm um sie legte ? - Hätten das andre an ihrer Stelle getan ? Im Halbdunkel sah sie durch die offne Tür ins andre Zimmer - der Eiskübel stand auf dem Tisch und daneben lagen noch die Scheine . Noch war es nicht zu spät - und dann konnte sie nach München gehen . Nein , die Treue war es nicht , die sie hielt - der Versucher von damals fiel ihr wieder ein . - Hätte ich da wohl so lange widerstanden ? - Dieser Mann hier hatte keinen Reiz für sie , das war die Wahrheit , ihre Sinne sagten nicht ja - sonst wäre sie mit ihm gegangen . Und dies physische Sträuben , das sie gegen ihn empfand , war ihre Treue und ihre Kraft , - der Instinkt , der redete oder schwieg , wie es ihm gerade einfiel - weiter nichts . Sie sah ihn an , wie er dalag und schlief . - Was war er eigentlich für ein Mensch ? - Wie weit mochte doch vielleicht etwas Echtes an ihm sein , oder war alles nur Komödie ? Brutal war er nicht gewesen , hatte sein Wort gehalten , denn was hätte es ihr geholfen , wenn sie Lärm schlug . Es wurde Morgen , ringsum von allen Kirchen läuteten die Glocken , Ellen ging ins andre Zimmer hinüber , bis er kam . Jetzt war er unliebenswürdig und verstimmt , sah übernächtigt aus - die Unordnung rings umher - alles stieß sie ab . Und draußen der frische helle Sommermorgen . Sie wollte gleich zu Allersen fahren , ihn wiedersehen , zur Besinnung kommen aus all dem wüsten Durcheinander , das ihr im Kopf wogte . Da standen sie am Bahnhof : » Leben Sie wohl , ich wünsche Ihnen viel Vergnügen für Ihr späteres Leben « - damit war er verschwunden . Ellen hatte nicht darauf gerechnet , wieder zurückzukommen , und ihr Geld reichte nur gerade noch so weit , daß sie an Allersen telegraphieren konnte , und für ein Billett vierter Klasse nach dem Ort , wo er sie treffen sollte . Und Ernst Allersen war etwas verwundert , als Ellen ausgehungert und zerschlagen ankam , aber in ausgelassenster Stimmung , und ihm nach und nach ihr ganzes Erlebnis erzählte . Er war unzufrieden , machte ihr alle die Vorwürfe , die sie schon kannte , und Ellen hörte ungeduldig zu , ohne viel zu antworten . Mit jedem Tage fühlte sie mehr , daß sie dies nicht weiter ertragen könne , und fand doch nicht den Mut , ein Ende zu machen . Und jetzt wußte sie auch , daß sie in seinen Armen nie etwas von den geträumten Seligkeiten finden würde , - die Zeit war vorbei . Sollte sie immer wieder all die verlockenden Möglichkeiten an sich vorübergehen sehen , um jedesmal dieselbe Ernüchterung zu fühlen ? Es begann sie zu reuen , daß sie den andern hatte gehen lassen mit allem , was er ihr bot . Als sie dann zu ihrer Freundin Lisa zurückkam , hatte die inzwischen etwas für sie gefunden , bei Bekannten , die für den Sommer eine Gesellschafterin suchten . Ellen sagte ja , aber in der ersten einsamen Stunde setzte sie sich hin und schrieb an Louis Michel , sie sei jetzt bereit zu kommen , er möchte ihr nur eine neue Zusammenkunft vorschlagen . Aber es kam nie eine Antwort . Während der kurzen Zeit , die sie noch bei Lisa blieb , kam Doktor Laurenz fast jeden Abend und holte Ellen zum Spaziergang ab . Sie sprach jetzt offen mit ihm über Allersen , und wie sie es nur von Tag zu Tag hinausschob , das letzte Wort zu sagen . Er konnte das alles so gut verstehen , auch ihr Zögern , etwas so Jahrelanges abzubrechen , das doch eine Art fester Punkt war , während alles andre hin und herschwankte . Eines Abends trafen sie sich vor seinem Büro , und da es regnete , gingen sie in ein nahes Weinrestaurant . » Mein Gott , Ellen , warum strahlen Sie denn heute so ? « fragte er , als sie am Tisch saßen . » Ja , es geschehen wirklich noch Wunder - denken Sie nur , ein Freund von Detlev will mir bis zum Herbst eine Summe verschaffen , mit der ich nach München gehen und anfangen kann zu malen . Ich kann mich noch kaum besinnen , so unerwartet ist das gekommen . « Er hob das Glas und sie stießen an . » Glück auf , Ellen « , sagte Laurenz und sah sie froh an . » Wenn Sie wüßten , wie mich das freut . Es kränkt mich schon so , daß ich selbst nicht in der Lage bin , Ihnen zu helfen . « Ellen war zerstreut , sie konnte heute abend nichts andres denken , als daß ihr brennendster Wunsch in Erfüllung gehen sollte . » Ich fand es auch zu schrecklich , daß Sie in Stellung gehen wollten . « » Ja , vorläufig muß ich das wohl noch « , sagte Ellen , » aber nur für die paar Monate , bis ich das Geld bekomme . Es ist so viel , daß ich ungefähr ein halbes Jahr davon leben kann ; und um das Weitere ist mir nicht bange . Wenn ich nur erst in München bin . Ob Sie sich denken können , Reinhard , was für mich davon abhängt ? Ich könnte alles einschlagen und niedertreten , wenn ich nur malen darf . « » Ich glaube , dazu neigen Sie überhaupt , wenn sich Ihnen etwas entgegenstellt . « » Ja , sehen Sie , es ist eine ganz dumme Redensart : man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand . Ich schwöre darauf , daß man doch durchkann , und wenn ich wüßte , hinter der Wand ist das , was ich haben will , würde ich immer dagegen rennen . Entweder komme ich durch , oder mein Kopf geht kaputt . Darauf kommt es nicht an . « Reinhard Laurenz lachte , aber im Grunde kam es ihm ernst vor . In Ellen sah er immer noch ein halbes Kind , von dem man nicht weiß , wie es sich entwickeln wird , und manchmal wachte in ihm der Wunsch auf , ihr Leben in die Hand zu nehmen und es ihr zu gestalten . Spät abends brachte er sie nach Hause und sie küßten sich zum Abschied vor der Tür . » Vergiß nicht , daß ich dein Freund bin « , sagte er leise ; » und wenn - . Ich möchte jetzt nicht noch mehr Verwirrung in Ihr Leben bringen , Ellen , aber wir wollen uns wiedersehen . « » Papa liegt im Sterben - Detlev . « Ellen war kaum acht Tage in ihrer neuen Stellung und lag frühmorgens noch im Bett , als man ihr das Telegramm brachte . - Alle andern Gedanken loschen aus wie von einem dumpfen , schweren Schlag , sie starrte nur auf das Papier hin , und erst als jemand an die Tür klopfte , begriff sie : ihr Vater lag im Sterben , und sie war weit fort . Gegen Mittag saß sie in der Bahn , um heimzufahren . Alles , was zwischen ihr und den Jahren lag , schien ihr wie weggewischt und vergessen , und das Heimweh hämmerte in ihr wie schmerzende Herzschläge . Es wurde Nachmittag , dann sank die Julisonne langsam nieder , und der Abend kam , die Nacht . Ellen lehnte die Stirn gegen die kühlen Fensterscheiben : ob er noch leben würde , wenn sie kam ? Nun war es zehn Uhr , noch eine halbe Stunde , sie kannte jede kleine Station , ihr war , als ob ein innerer Krampf sich löste und die Wirklichkeit wieder zurückkam in langsamen Wellen . Der Zug fuhr in die Halle - er war fast leer , nur wenige Menschen stiegen aus . Ellen sah ihren jüngsten Bruder auf dem Perron stehen neben Annita Allersen - die beiden wußten , daß sie kam . Dann kam jemand auf sie zu , ein breitschulteriger Mann mit dunklem Bart. Es war ein Freund ihrer Eltern - Pastor Bern - den sie früher immer den Hauskaplan genannt hatten . Er vertrat Detlev den Weg mit einer abwehrenden Handbewegung : » Hier habe ich das erste Wort zu reden , lassen Sie mich mit Ihrer Schwester allein . « Ellen war ganz verwirrt . » Wie geht es Papa ? « fragte sie rasch . » Ihr Vater lebt noch , aber es ist keine Hoffnung mehr - und ich bin hier , um Sie zu fragen , weshalb Sie gekommen sind ? « » Weil ich meinen Vater noch einmal sehen will . « » Ich komme im Auftrag Ihrer Familie , die Ihnen sagen läßt , daß Sie hier nichts mehr zu suchen haben . « Ellen faßte sich mühsam : » Dann will ich zu meiner Mutter gehen und mit ihr sprechen . « » Das werden Sie nicht tun - Ihre Mutter will Sie nicht sehen . Sie haben genug Schmerz und Schande über Ihre Eltern gebracht , treiben Sie es nicht noch weiter . Oder wollen Sie auch noch das Totenbett Ihres Vaters und den Schmerz der andern entweihen ? « » Weiß er , daß ich hier bin ? « » Nein , und er wird es auch nicht erfahren . Man ist ängstlich bemüht , ihm jede Aufregung fern zu halten , und verlangt deshalb von Ihnen , daß Sie gleich wieder abreisen . Es geht heute noch ein Nachtzug nach Hamburg . « » Nein , ich bleibe hier , solange mein Vater noch lebt , und wenn er mich rufen läßt - « » Ich wiederhole Ihnen , Sie dürfen das Haus Ihrer Mutter nicht betreten . « Der Geistliche erhob mahnend die Hand . » Und ich will Ihnen nur noch das eine sagen : Sie werden Ihren Vater nicht mehr sehen - und wenn ich mich selbst vor die Tür stellen müßte . « Ellen wandte ihm den Rücken und ging auf die beiden zu , die langsam auf und ab wanderten ; dann nahm Annita Allersen sie mit in ihr Haus . Die ersten Tage kam Detlev und brachte ihr Nachricht ; der Vater lag im Krankenhaus , und sie waren alle von Morgen bis Abend dort . Dann blieb er aus . Als er bis Nachmittag nicht gekommen war , suchte Ellen den Arzt auf , der ihren Vater behandelte und den sie von früher her kannte . » Sie sollten doch mit Ihrer Mutter sprechen « , sagte dieser . » Es ist wohl kaum zu hoffen , daß er den Abend überlebt . « Ellen ging durch die ganze Stadt und weit hinaus bis in den Wald , da lag sie eine Stunde nach der andern im Gras . - Nun würde er sterben und sie ihn nie wiedersehen , und was mochte er gelitten haben um sie ! Ihr ganzes Zuhauseleben zog wieder an ihr vorüber - was war es anderes gewesen , als Feindseligkeit und Erbitterung . Man war hart verfahren mit ihrer Jugend , die nach Freude und Sonne verlangte . Aber sie wußte doch auch , daß ihr Vater viel Liebe und Weichheit in sich trug , bei aller Schroffheit gegen das , was er nicht anerkennen und nicht dulden wollte . Eine namenlose Sehnsucht erwachte in ihr nach all der Liebe , die sie einander nie gegeben hatten . Hätte sie ihm das nur einmal noch sagen dürfen , aber er wußte nicht , daß sie hier war . Und sie dachte an ihre Mutter - war sie jemals eine Mutter gewesen , diese kalte , fremde Frau , die ihr sagen ließ : geh , woher du gekommen bist ? Als Ellen gegen Abend wieder zurückkam , wartete ihr älterer Bruder auf sie : der Vater war gestorben , und nun durfte sie kommen , um ihn noch einmal zu sehen . Wortlos gingen sie nebeneinander her bis zu dem großen , fahlgelben Gebäude und die stille Treppe hinauf . Erik ließ sie allein im Zimmer - da drüben auf dem weißen Bett lag er kalt und starr - eingefallen und verändert - . Das war nicht mehr ihr Vater , es war etwas Furchtbares , Unheimliches , das ihr einen eisigen Schauer nach dem andern durch die Seele trieb . Sie kniete vor ihm nieder , versuchte ihn anzusehen , etwas von ihm wiederzufinden - immer wieder stieg das eine Bild vor ihr auf , wie sie ihm zum letztenmal gegenübergestanden hatte im Kampf um ihre Jugend und ihre Freiheit . Jetzt hatte sie gesiegt , und er lag tot . - Allmählich kam ein hilfloser Schmerz über sie , sie legte den Kopf auf sein Bett und weinte . Dann stand der Bruder plötzlich hinter ihr , und der Geistliche war auch wieder da und redete mit schriller Stimme von Vergebung und von dem Herzen , das da ausgeschlagen hatte . Erik zog sie aus dem Zimmer hinaus und begleitete sie durch die stillen dunklen Straßen zurück . Am nächsten Abend stand Ellen zu später Stunde vor dem Gartengitter ihres Elternhauses , es hatte sie hergetrieben , ob sie wollte oder nicht , noch einmal Abschied zu nehmen von den letzten Heimatgedanken . Durch die offenen Fenster , vor denen leichte , weiße Vorhänge hin und her wehten , sah sie alle bei der Lampe sitzen und hörte die Stimmen . » Wenn Sie umkehren in aufrichtiger Reue , sich willig in alles ergeben , was zu Ihrem Heil beschlossen wird - dann , aber nur dann wird Ihre Mutter Sie wieder als ihr Kind aufnehmen « , so hatte der Hauskaplan heute noch einmal zu ihr gesprochen . - Wie schneidender Hohn kam es ihr vor , daß diese Mutter jetzt da drinnen unter ihren Kindern saß , mit ihrer gewohnten Stimme sprach - hier und da klang ein Wort zu ihr herüber . Und sie stand hier draußen und konnte nicht umkehren . - Aber die ganze Welt schien ihr so weit und leer und tot - wo gehörte sie denn hin , wohin würde sie treiben ? Jetzt standen sie da drinnen auf , Stühle wurden gerückt , die Stimmen gingen durcheinander , dann wurde es dunkel , die Fenster verloschen . Ellen stand immer noch unbeweglich und sah starr darauf hin . Nun ging ein Lichtschein durch die oberen Zimmer und allmählich erlosch auch der . Im Hof schlug der Hund an , als ein paar Menschen vorüberkamen - ihr alter Nero . Langsam zog sie die Hände vom Gitter zurück , sie waren wie angefroren an dem feuchten , kalten Eisen , und schauerte zusammen in der Nachtkühle und der leeren Straßeneinsamkeit . - Tags darauf kam Ellen unerwartet und unangemeldet bei ihrer Freundin Lisa an , und die erschrak beinahe über ihre völlige Teilnahmlosigkeit . Ellen lag tagelang oben in ihrem Zimmer und schlief , sie dachte nicht mehr daran , in ihre Stellung zurückzukehren , oder was sonst geschehen sollte . Wenn Briefe kamen , ließ sie dieselben ungelesen liegen , ihr war , als ob alles in das Grab ihres Vaters und ihrer Heimat versunken wäre . Als Reinhard Laurenz dann hörte , daß sie wieder da war , kam er gleich . Fast mit Gewalt zog er sie mit hinaus in die Sommersonne , auf weite Spaziergänge und brachte sie allmählich wieder zum Erwachen . Immer wieder sprach er ihr von der Zukunft , die so licht und froh für sie werden sollte , daß alle dunklen Schatten weichen mußten . Sie sollte sich wieder auf ihre Jugend und ihre Ziele besinnen , sich auflehnen gegen den Schmerz , ihn abschütteln und nur an den neuen Morgen denken , der vor ihr lag . Und er ließ nicht nach , bis sie wieder froh wurde . Von sich selbst sprach er nicht , aber Ellen wußte seine Liebe wohl , es war nur noch ein leises Zögern in ihr und etwas wie Angst vor jeder innerlichen Erschütterung . An einem Sonntagnachmittag waren sie beide mit Lisa hinausgefahren , um die Rennen anzusehen . Das Menschengewühl unter der brennenden Sonne , der Wein und das aufregende Spiel da drunten auf der weiten Sandfläche , wo die dunklen , schimmernden Tiere dahinrasten , brachte sie in seltsame Stimmung - in eine Art von stürmischer Erwartung , als ob jeden Augenblick etwas hereinbrechen , über alles hinfegen könnte . Auf dem Programmzettel fanden sie heraus , daß eins von den Rennpferden Ellen hieß . Darüber lachten sie mit Lisa und wetteten untereinander ; aber als die Freundin wieder ganz im Zuschauen versunken war und sich weit vorbog , um besser zu folgen , gingen ernste Blicke zwischen den beiden andern hin und her . Reinhard stand hinter Ellens Platz , sie sprachen leise zueinander , fast nur indem sie die Lippen bewegten , und mit den Augen . Er fühlte all das Schwanken in ihr , seit langem schon : » Zu mir kommen , Ellen , zu mir , - wir gehören zusammen . « Dann mußten sie wieder laut sprechen - nun kam das Pferd , das Ellens Namen trug , ins Rennen - und Lisa drehte sich um : » Was flüstert ihr denn ? « » Wir machten eine Privatwette ab , ob Ellen siegen wird . « Lisa versank wieder in aufmerksames Zuschauen , und über die beiden kam plötzlich ein gewitterschwüler Übermut . » Es soll gelten « , sagte Ellen leise . » Sie wissen doch , daß ich abergläubisch bin , wenn Ellen siegt - - « » Dann geben Sie mir die Hand , und wir wollen sehen , was unser Schicksal für Sprünge macht . « » Wer soll Sprünge machen ? « fragte Lisa zerstreut , die zufällig das Wort aufgefangen hatte und etwas in Angst vor Ellens plötzlichen Extravaganzen lebte . Aber dann merkte sie es nicht einmal , daß keine Antwort kam - denn eben war eins von den Pferden in die Knie gestürzt . Die andern lachten und sahen sich verwirrt an , darunter zitterte schwerer Ernst . Ellen hatte ihre Hand auf die Banklehne gelegt und Reinhard behielt sie fest in seiner , während sie jetzt wie gebannt das Rennen verfolgten und das Schicksalspferd ein Hindernis nach dem andern nahm , einen Augenblick zurückblieb , sich bäumte , zauderte und dann wieder allen vorankam . Dann zitterten sie beide , als die » Ellen « Siegerin blieb , eine Welle von murmelnder Aufregung durch die Zuschauer lief und Lisa sich atemlos zurücklehnte . - Und nun folgte eine Zeit , wo sie nur von ihrer Liebe und von hellem Sommerjubel wußten , nur daran dachten , daß das Leben ihnen jetzt zusammen gehören sollte wie eine endlose Reihe von schimmernden Morgen ohne dumpfe Mittagsstunden und wehmütiges Abenddämmern . Ellen konnte es manchmal kaum begreifen , daß sie so rasch alles Schwere , was hinter ihr lag , überwinden konnte , aber es schien ihr , als wäre jahrelanges Vergessen dazwischen . Auf Reinhards Wunsch sollte sie jetzt noch eine Zeitlang an die See gehen , damit sie in seiner Nähe bliebe . » Ich kann dich doch nicht hergeben « , sagte er . » Nachher in München verschlingt dich die Arbeit , und wir sehen uns lange nicht wieder . So kannst du dich auch noch einmal ganz ausruhen . « Sie lagen zusammen im Wald , die Sonne flimmerte durch