. » Ja , hier im Duar der Dschamikun ! « » Der Aemir-i-Sillan ? « rief der Ustad . » Er selbst ? « stimmte der Pedehr ein . » Er selbst ! « bestätigte ich . » Er kommt mit seinem Henker . « » Der ist doch hier ! Den haben wir ja schon ! « warf der Ustad ein . » Hast du vergessen , daß der Multasim der Henker ist ? Unser Gefangener , oder vielmehr dein Gefangener , dem du es wohl verleiden wirst , jemals wieder hierher zu kommen ! « » Verleiden ? Das würde der größte Fehler sein , den ich als euer Freund begehen könnte ! Wenn ich mich heut oder morgen an ihm vergreifen wollte , so käme vielleicht schon übermorgen ein ganzes Heer von Schatten über euch , die ich mit dieser meiner That geschaffen hätte ! Wir wollen Feinde vernichten , aber keine neuen hervorrufen ! « » Willst du ihn etwa laufen lassen ? « fragte der Pedehr . » Ja , « gestand ich ein . » Unmöglich ! « » Doch ! « » Den Henker freigeben , welcher Dschafar Mirza ermorden soll ! Bedenke , Effendi ! « rief er warnend aus . » Ich habe es bedacht ! « Da sagte der Ustad in beruhigendem Tone zum Pedehr : » Du vergissest eins : Der Multasim hat den Brief ja nicht erhalten . Er weiß also gar nicht , was der Aemir-i-Sillan von ihm verlangt , und kann es folglich auch nicht thun . « » Du irrst ! « warf ich ein . » Er wird den Brief bekommen . « » Von wem ? « » Von uns . Wenn auch nicht direkt . « Da waren sie beide still . Darum hob ich freundlich mahnend den Finger und sagte : » Pedehr , Pedehr ! Noch soeben hast du dich verständig meiner angenommen , und jetzt schaust du mich an , als ob du ganz und gar vergessen hättest , daß ich wohl meine Gründe haben werde ! Ihr seid mit mir fast durch den ganzen Brief gegangen und habt die Augen immer noch nicht offen . Ich sah euch bei dem Gedanken , daß der Aemir-i-Sillan hierherkommen könne , förmlich erschrecken . Warum doch nur ? Er ist ja schon hier gewesen ! « » Wann ? « fragte der Ustad im Tone des Unglaubens . » Vielleicht schon oft , nämlich heimlich . Ganz offen aber heut . « » Heut - - ? Wann ? Wo ? Wie ? « » Mit den Persern . Er ist ja Perser ! « » Effendi , ich weiß nicht , was ich sagen soll ! « » Sage nichts , sondern suche ! « » Wo ? « » Hier in diesem Briefe , und in den Reden , welche uns gehalten worden sind . Man soll nicht nur körperlich , sondern auch geistig sehen und hören lernen ! « » Ich sehe nichts , und ich höre nichts ! « » Und doch meine ich grad den Ton , in welchem dieser Brief verfaßt und jene Rede gehalten worden ist . Du sollst ihn jetzt noch einmal hören . Ich bin überzeugt , daß du mir dann sofort den Namen des Aemir-i-Sillan sagen wirst . « Ich nahm das Schreiben mit der linken Hand hoch , las es in der beabsichtigten Weise vor und ahmte mit der Rechten die heut beobachteten , unendlich selbstbewußten Gesten nach . Kaum war das letzte Wort von meinen Lippen , so rief der Pedehr : » Der Mirza , der Mirza , wie er leibt und wie er lebt ! « Der Ustad aber holte tief Atem . Seine Augen schienen größer zu werden . Sie schauten durch die offene Thür in die Nacht hinaus , genau mit jenem Blicke , den er in die unsichtbare Ferne gerichtet hatte , als er heut vor der Dschemma unter dem Baume stand . » Ah - - ri - - man - - - - - - Mir - - za - - ! « seufzte er dann . » Wer ist von uns beiden der Hellsehende , Effendi ? Als ich heut vor euch stand und diese Stimme hörte , deren Nachahmung dir jetzt so täuschend gelungen ist , da stiegen alte , ferne , ferne Bilder in mir auf . Es ging ein Schatten von mir aus , weit über diese meine geliebten Berge hinüber . Im Westen angekommen , richtete er sich auf , um Gestalt , um Farbe und um Leben anzunehmen . Ich erkannte diese Gestalt und dieses Gesicht : ich war es selbst ; es war das meine ! Da aber begann es , sich zu verwandeln . Es nahm andere Konturen und andere Züge an , und als sich das vollzogen hatte , als wer stand ich dann da ? Als Ahriman , als Ahriman Mirza , der jetzt , in diesem Augenblick , zu meiner Dschemma sprach . Hatte dieser aus meiner Vergangenheit auftauchende Schatten hier in der Gegenwart menschliches Wesen angenommen , damit mir endlich , endlich die Erleuchtung komme , wem ich den raschen Absturz meines Lebensweges zu verdanken habe ? Wer warf mich damals nieder ? Wer gab mir den Gedanken ein , zu fliehen ? Du sagtest , Effendi , daß es nicht das Leben , sondern mein eigener Schatten gewesen sei . Ich hatte ihn so oft , so oft gesehen , doch aber nie erkannt . Heut zeigte er mir endlich sein Gesicht . Heut war er Ahriman , der geistige Weltzerstörer , der mit dem niedern Sinn der blinden Masse kost , um alles ihm Verhaßte zu vernichten . « » Wohl dir , « sagte ich . » Du hast den Richtigen gesehen ! « » Meinst du es auch ? Den Mirza mit dem falschen Prunkgeschmeide ? Den Geist der nachgemachten Edelsteine , mit deren Flimmern er der Menge imponiert ? Den wohlgesinnten Schmeicheldemokraten , in Wahrheit aber grasser Demagog ? Den treuen Förderer des öffentlichen Wohles , der aber nur sein eigenes erstrebt ? Den immer hilfsbereiten Volkserbarmer , der aber dieses seines Volkes Seele mit egoistischer Berechnung niedertritt ? Den anerkannten Feind und Richter jeder Lüge , der aber doch , sobald sie ihm nur paßt , grad vorzugsweise sie in seinem Stalle züchtet ? Ich hätte ihn schon längst erkennen sollen , und bitte dich , Effendi , merk ihn dir ! « Ich machte , ohne zu antworten , ganz unwillkürlich eine Handbewegung , welche ihn zu der Frage veranlaßte : » Wie meinst du das ? Was wolltest du mit dieser Geste sagen ? Ich glaubte zwar , du habest ihn bei mir zum erstenmal gesehen , doch da du schon so oft im Morgenlande warst , so ist es möglich , daß du ihm auch früher schon begegnet bist . « » Im Morgenlande ? « lachte ich . » Nein , nein ! Doch kenne ich ihn auch ; mehr habe ich nicht zu sagen . Du hast ihn gut gezeichnet . Wenn man dich sprechen hört , kann man sich gar nicht irren . Nun aber muß ich dich nach einem fragen : Du hast ihm heut verziehen . Aus welchem Grunde wohl ? « » Verziehen ? Ich ? Wieso ? « » Du gabst ihm jenes Märchen aus Tausend und ein Tag , in welchem selbst der Teufel selig wird . Woher nahmst du die Dichtung , daß die Hölle schon vor der Menschheit auf zum Himmel steige ? « » Verzeihung ist edler als Rache . Weißt du das nicht , Effendi ? « » Ich weiß es . Aber der Verzeihung muß die Reue vorangehen . Das ist Gottes Ordnung ! Auch ich habe gefehlt , viel gefehlt . Als ich das erkannte , habe ich bereut und habe gebüßt . Ich war nur ein Mensch , also zu entschuldigen . Ich verzeihe gern , unendlich gern , weil auch mir verziehen wurde . Aber ich bin nicht Gott , der seine Ordnung ändern kann . Soll ich allein bereuen , mein Schatten aber nicht ? Ich sage dir , ich hätte ihm ein ganz anderes Märchen erzählt , nicht aus Tausend und einer Nacht und nicht aus Tausend und einem Tag , sondern jenen wunderbaren Schluß aus Tausend und ein Narr , in welchem der Sultan sie alle zu den heulenden und tanzenden Derwischen sperren läßt ! « Da sah er vor sich nieder , sinnend , längere Zeit . Dann sagte er , wie um sich zu entschuldigen : » Und die Liebe , Effendi , deine christliche Liebe ? ! « » Sei still , Ustad ! Wende dich nicht an die meinige ; du meinst ja doch die deinige ! Die wahre christliche Liebe weiß nichts von Charakterlosigkeit und zweckloser Gefühlsduselei ! Sie wirft sich nicht wie ein feiles Weib jedem unwürdigen Leichtsinn in die Arme . Sie lacht und lächelt nicht den ganzen Tag . Sie ist ein ernstes Himmelskind . Sie hat den Ratschluß Gottes auszuführen . Sie weiß gar wohl das , was sie soll und will . Sie trägt das Buch der Gnade in der einen , das Buch der Strafe in der andern Hand . Nun hat der Mensch zu wählen . Die Reue jubelt ; die Teufel zittern . Für Narren aber hat sie weder Lohn noch Strafe . Sie läßt sie ohne jede Antwort schwatzen und giebt dem Sultan recht , der sie ermächtigte , in ihren Tausend und ein Märchen vor aller Welt zu heulen und zu tanzen ! « » So , so sieht deine Liebe aus ? « fragte er . » Ich denke , Gott läßt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte ! « » Die Sonne da oben , den Himmelskörper , ja . Er giebt sogar dem Ungerechten alles , was er zum irdischen Leben braucht . Aber wenn er das in seiner Güte thut , so hütet er sich in seiner Gerechtigkeit , dies auch auf das andere Leben anzuwenden . Er weiß , daß dann alle Ungerechten den Himmel füllen würden , um die Gerechten nicht hereinzulassen ! Nach dieser deiner Liebestheorie würde der Himmel schnell zur Hölle werden , nicht aber die Hölle zum Himmel . Ihre letzte logische Folge ist , daß alles Gute verschwinden und Gott zum Teufel werden müßte . Unsere Bibel spricht nicht ohne Grund von dem Wurme , der nie stirbt , von dem Feuer , welches nie verlischt , und von dem Orte , an welchem Heulen und Zähneklappern ist . Indem du in deinem Märchen die Hölle selig werden ließest , hast du alle diese Qualen für die armen Geschöpfe aufgehoben , die von ihr verführt worden sind . - - - War das etwa der Inhalt deiner Bücher , die du schriebst ? Hast du jene angebliche Gottes- oder Christusliebe gelehrt , welche jedem Schuldigen die Strafe erläßt , nur damit Gott seinen Himmel nicht leer stehen zu lassen brauche ? Bist du ein Verkünder jener unüberlegten Barmherzigkeit gewesen , welche die Bösen schont , damit sie gegen die Guten um so unbarmherziger verfahren können ? Hast du jene pseudogöttliche Langmut gepredigt , welche das Unkraut ungehindert emporschießen läßt , bis der Weizen erstickt worden ist ? Wenn du mir diese Fragen mit ja beantworten mußt , so hast du die Sünde und das Laster , die Selbstgerechtigkeit und die Heuchelei großgezogen und darfst dich nicht darüber wundern , daß diese deine Schatten schließlich dich auch selbst noch überwältigt haben ! Du bist für die christliche Schwäche eingetreten , aber nicht für die christliche Liebe ! Du hast diese Schwäche durch dein eigenes Leben in das Praktische übertragen und bist durch sie zum Rohre geworden , welches brechen mußte , als es sich nicht mehr tiefer beugen konnte ! Du glaubtest , berufen zu sein , dich - « » Halt ein , Effendi , halt ein ! « rief er aus , indem er die Hände abwehrend gegen mich bewegte . » Du hast recht , recht , o wie so recht ! Du hast vorhin von Liebesduselei gesprochen . Es war richtig ! Ich dusele noch , jetzt noch , heute noch ! Als du den Multasim vorhin laufen lassen wolltest , wohl um dann später seinen ganzen Anhang in die Hände zu bekommen , war ich dagegen . Ich wollte seine sofortige Bestrafung , aber mild , schonend . Ich gab ihn scheinbar ganz in deine Hände , aber wenn es deine Absicht gewesen wäre , ihn vollständig unschädlich zu machen , ihn zu vernichten , so hätte ich mich dagegen gewehrt mit allen Mitteln , die mir zur Verfügung stehen ! « » Wirklich ? Das ahnte ich freilich nicht ! « » Es ist so , ganz gewiß ! Du siehst , daß ich ehrlich bekenne . Du hast mich in diesen letzten fünf Minuten kuriert . Gefühlsduselei ! Wie wahr , wie wahr , wie wahr ! In dieser Duselei habe ich mir mein eigenes Mark aus Leib und Geist gesogen . Nun aber soll es anders , anders , anders werden ! Ich bin zwar alt , sehr alt aber noch habe ich Knochen , und noch habe ich Muskeln , nicht nur am Körper , sondern auch am Geiste . Erlaube mir , daß ich mich an dir stähle ! Ich richte mich auf . Jawohl ! Ich weiß , daß ich es werde ! An dir will ich mich heben . Sei du die Hand , an der ich Kraft erlange ! Sei du es jetzt , von dieser Stunde an ! Ich gehe morgen fort , für eine ganze Woche . Ich bitte dich , an meine Statt zu treten ! Du sollst der Herr im hohen Hause sein . In deiner Hand weiß ich mein kleines Reich am besten aufgehoben . Hier mein Pedehr hört , was ich dir jetzt sage . Er wird , was du befiehlst , so auszuführen wissen , als ob ich selbst es ihm befohlen hätte . « » Du willst verreisen ? « fragte ich erstaunt . » Ja , « antwortete er . » Darf ich wissen , wohin ? « » Natürlich ! Du bist ja nun der Herr , von dieser Stunde an ! Ich gehe nach Isphahan , zum Schah-in-Schah . Infolge dessen , was ich heut von meinen Feinden hörte . « » Vortrefflicher Gedanke ! « stimmte ich ihm bei . » Es freut mich sehr , daß du derselben Ansicht bist . Ich hab es ihnen ehrlich mitgeteilt , daß ich mir an der rechten Stelle Hilfe suchen werde . Sie höhnten wohl darüber . Wer sich allein auf seinen Schah verläßt und dieses ohne Furcht und offen sagt , den wird man zwar verspotten und zum Gelächter machen ; doch wenn die Zeit des Schah gekommen ist , dann regt die Schar der Amdschaspands13 die Schwingen , und Geist um Geist fährt mit dem Schwert darein , dem Kindesglauben Himmelssieg zu bringen ! « Er hatte meine Hand ergriffen und schaute mit einem Blicke aufwärts , in welchem allerdings ein Vertrauen glänzte , dem keines Spötters Wort je imponieren konnte . » Du willst den Herrscher selbst sprechen ? « fragte ich . » Nur ihn ! Zwischen ihm und mir giebt es keine Mittelsperson . Ich sage ihm alles , alles , so wie ein Kind zu seinem Vater spricht . Es ist wie ein Gebet , bei dem ein Dritter doch nur stören würde . « » Um was willst du ihn bitten ? « » Um nichts . Ich sage ihm , was ich zu sagen habe . Dann thut er selbst , was er für richtig hält . Ich stehe vor ihm aufrecht , wie vor Gott . Ich meide jene kriecherische Weise , die auf gebeugten Knieen sich bis zum Throne schiebt , um dort den eignen Vorteil zu erschleichen und dann , wenn sie den Schah verlassen hat , die um ihr Recht Gebrachten zu verachten . Es ist mir also völlig unbekannt , was er für mich und uns bestimmen wird . Doch bin ich überzeugt , daß es weit über alle Wünsche geht , die du für mich im Herzen tragen könntest . « » Aber der weite Weg ! Fürchtest du ihn nicht ? « » Fürchten ? Den Weg zu meinem Schah ? Wie weit ist doch der Himmel von der Erde ! Und täglich steig ich auf , um mit Chodeh zu sprechen ! Dem Glauben , dem Vertrauen ist nie ein Weg zu weit und nie ein Herrscher fern ! Auch mache ich diese Reise nicht allein . Ich habe Dschamikun an meiner Seite , die mich begleiten werden . Auch geht der Kaufmann mit , der heute bei uns schläft . « » Agha Sibil ? « » Ja . « » Sibil heißt Schnurrbart . Ist dieses Wort sein richtiger Name , oder nennt man ihn vielleicht nur seines Bartes wegen so ? « » Wahrscheinlich ist dies letztere der Fall , denn einen Bart , wie er ihn trägt , hab ich noch nie gesehen . Ich halte mich von Kaufgeschäften fern . Ich lasse das gern dem Pedehr hier über . Er kann dir Auskunft geben , wenn du willst . « Es verstand sich ganz von selbst , daß mir erwünscht war , wo möglich Bestimmtes über den Handelsmann zu erfahren ; darum fragte ich den Scheik : » Kennst du die Verhältnisse dieses Agha Sibil ? « » Ich pflege nicht mit Leuten Geschäfte zu machen , die ich nicht kenne . Er ist reich , sehr reich aber ehrlich und bescheiden . « » Hat er Kinder ? « » Eine Tochter und zwei Enkel . « » Sind die Enkel die Kinder dieser Tochter ? « » Sie sind es . « » Wenn du die Namen wüßtest ! « » Ich kenne sie , denn wenn ich nach Isphahan komme , pflege ich sein Gast zu sein . Die Tochter heißt Aelmas . Ihr Mann war ein türkischer Offizier , der in Damaskus erschossen worden ist . Ihr Sohn , welcher heut mit seinem Großvater hier bei uns ist , heißt Ikbal , ihre Tochter Sefa . « » Ist die Tochter verheiratet ? « » Nein . Sie will im Hause Agha Sibils bleiben . « » Wie kommt es , daß die Tochter eines persischen Kaufmannes in Isphahan die Frau eines türkischen Offiziers in Damaskus geworden ist . Dieser letztere ist doch wahrscheinlich Sunnit gewesen , während sie Schiitin war ! « » Ich glaube , im Kreise der Familie sogar gehört zu haben , daß er vordem Christ gewesen ist . Wenn ich mich nicht irre , stammte er aus dem Lande , welches man Lehistan14 nennt . Er lernte den Kaufmann in Palästina kennen , wo dieser damals wohnte . Als die Tochter desselben seine Frau geworden war , kam er nach Damaskus . Agha Sibil zog mit . Bei der großen Christenverfolgung dort ereignete sich das schwere Unglück , welches die Familie traf . Der Offizier wurde wegen Ungehorsam erschossen . Agha Sibil wurde vollständig ausgeplündert und mußte als Schiit fliehen . Es gelang ihm , mit der Tochter und deren Kindern nach Persien zu entkommen , wo er ein neues Geschäft begann und es durch Fleiß und Ehrlichkeit zu seinem jetzigen Vermögen brachte . Deine Augen leuchten , Effendi . Warum ? War dir von dem , was ich erzähle , vielleicht schon etwas bekannt ? « » Ja , « antwortete ich , indem ich vor freudiger Erregung im Zimmer hin und her zu gehen begann . » Was ? Oder wer ? « » Wer ? Der Offizier . « » Kanntest du ihn , ehe er erschossen worden ist ? « » Nein , sondern als er erschossen worden war . « » So hast du seine Leiche gesehen . « » Leiche ? Hm ! Ja ! Denn er war eigentlich eine Leiche . Aber ich habe mit dem Erschossenen gesprochen . « » Maschallah ! Tote reden doch nicht mehr ! « » Zuweilen doch ! Besonders Erschossene , welche keine Kugel bekommen haben ! « » Keine - - Kugel - ? Effendi , du scherzest wohl ! « » Ich spreche im größten Ernste . Ich habe mit dem Toten gesprochen , und ihr beide kennt ihn auch . « » Wir - - - ? Daß ich nicht wüßte ! « » Ich habe euch doch von jenem alten Bimbaschi in Bagdad erzählt , welcher dann Mir Alai geworden ist ! « » Allerdings . Bei dem du wohntest , und der von dem Säfir gefangen genommen wurde ? « » Derselbe ! Er ist nun ein doppelter Bekannter von euch , denn ihr kennt ihn erstens durch mich und zweitens durch den Kaufmann Agha Sibil . Ich bin sogar nun überzeugt , daß ihr ihn auch noch persönlich kennen lernen werdet . Er ist nämlich der Offizier , welcher damals in Damaskus erschossen wurde . « Da fuhr der Pedehr von seinem Sitze auf , als ob er von einer gewaltigen , unsichtbaren Spannfeder emporgeschnellt worden sei . » Der Christ , um den so viel geweint worden ist ? « rief er aus . » Der Sunnit , dem die Schiiten treu geblieben sind , obgleich er starb ? Der Mann , der von seinem Weibe angebetet wurde ? Der Vater , den seine Kinder heut noch lieben , obwohl sie sich seiner Person nicht erinnern können ? Der ist nicht tot ? Der lebt noch ? Der ist ihnen allen , allen auch ehrlich treu geblieben , trotzdem er in ein anderes Land gegangen war ? Effendi , ist das wohl zu glauben ! Ich weiß , daß du nicht lügst , doch bitte ich , erzähle uns , wie das gekommen ist ! « » Ja . Ich will und muß es euch erzählen . Ich will euch nicht warten lassen , bis er selbst erscheint , um euch zu beweisen , daß , wenn Gott will , der Tod nur eine leere Sage ist . Setzt euch hier vor mir nieder , und hört , was ich berichte ! « Da sie über den alten Zoll-Bimbaschi schon alles Uebrige von mir erfahren hatten , so brauchte ich jetzt nur über das zu sprechen , was mir von ihm über seine Familienverhältnisse mitgeteilt worden war . Ich schilderte hierauf seine Trauer über die scheinbar Verlorenen und erwähnte schließlich meine Bemühung , die Hoffnung in ihm zu erwecken , daß sie doch vielleicht noch leben könnten . Da stand der Ustad von seinem Sitze auf , legte die Hände langsam ineinander und sagte , indem ein tiefer Atemzug seine Brust schwellte : » Du hast zu diesem deinem Freunde von einer Auferstehung der Totgesagten gesprochen , und wir sind berufen , diese Auferstehung in das Werk zu setzen . Auch ich kenne einen Totgesagten . Er wird von Vielen , Vielen für tot gehalten . Sie glauben jetzt , daß er in ein anderes Land gegangen sei . Wie denkst du über ihn , Effendi ? Du weißt ja , wen ich meine ! « Da fühlte ich , daß ein ganz seltenes Licht in meine Augen kam . Es wallte mir heiß vom Herzen nach dem Kopfe . Ich ging zu ihm hin , schlang meinen Arm um seine Schulter , legte meine Wange an die seine und fragte ihn : » Wünschest du , daß er von diesem aufgezwungenen Tode auferstehe ? « Er nickte nur , sagte aber nichts . Doch legte er seine Hand an meinen Kopf , um ihn fest an den seinigen zu drücken . » Wohlan ! « fuhr ich fort . » Da wir einmal im Begriffe stehen , die Auferweckung der Totgesagten in das Werk zu setzen , so wollen wir bei dieser Gelegenheit auch ihn mit auferstehen lassen ! Ist dir das recht ? « Seine mir jetzt so nahen Augen schauten mit unendlicher Liebe in die meinen . » Kannst du es ? Willst du es ? « fragte er . » Für dich so gern ! « antwortete ich . » Denkst du , daß es geschehen kann ? « » Da wir uns lieben , ist es leicht , so leicht ! « » Wie aber wird es wohl zu machen sein ? « » Ich bitte dich , das mir zu überlassen ! Leg deine Hand getrost hier in die meine ! Und nun höre , was ich sage : Fühlst du den Mut , den Heldenmut in dir , mir deine Seele , deinen Geist zu schenken , so feiern wir die Auferstehung hier , indem wir ineinander uns versenken ! « Da schlug er beide Arme um mich , zog mich so fest , so fest an sich , als ob unsere Körper nur einen einzigen Leib zu bilden hätten , und antwortete : » Ich habe den Mut ; ich bin dein ; nimm mich hin ! « Da verlöschte plötzlich das Licht . Es war vollständig herabgebrannt gewesen . Der Pedehr ging fort , dem abzuhelfen . Als er wiederkam , standen wir mit einander draußen auf dem Söller . Der Ustad hatte soeben mit der Hand auf die vor uns liegende , vom Himmel bestrahlte , kleine Welt gedeutet und gesagt : » Es ist , als hätte ich das alles für dich vorbereitet , damit den Seelen meiner Dschamikun nun auch der rechte Geist gegeben werde , jener Geist der liebenden Unerbittlichkeit , der mir die Augen öffnete und uns in diesem Schattenland so nötig ist ! Du hast mich heut verdoppelt , und dadurch auch die Hoffnung auf den Erfolg . Zwei Ustawat15 , und doch ein einziger nur ! Stelle zwei Kerzen nebeneinander . Geben sie zwei Scheine ? Nein . Es ist nun Doppelkerzenlicht ! « Da trat der Pedehr an die Thür und forderte uns auf : » Ihr könnt wieder hereinkommen . Es ist nun heller als vorher . « Wir folgten diesen Worten . Er zeigte nach dem Tische . Da standen jetzt zwei Kerzen statt der einen . Sonderbar ! Der Ustad lächelte . » Siehst du ? « scherzte er mir zu . » Seien wir Autoren oder nur Autor , wir liefern die Gedanken , und er als praktischer Pedehr der Dschamikun ist schnell bereit , sie in Gestalt zu fassen . So soll es immer sein . Dann wird es im Duar bald ein bewegtes , frohes Leben geben ! « Er liebte es , in Bildern zu sprechen . Wer ihn verstehen wollte , hatte nachzudenken . So auch hier . Wen oder was meinte er mit den Dschamikun , denen sein ganzes Herz gehörte ? Wo lag oder liegt wohl der Duar , über den die Glocken des Gebetes für jeden Wunsch erklangen ? In Persien ? Ich will es nicht verraten . Die Folge wird es zeigen ! Wir waren mit unserer Besprechung noch nicht fertig , und doch mahnte der Scheik : » Es ist jetzt wohl schon Mitternacht . Willst du nicht vor der Reise schlafen , Ustad ? Und der Effendi steht noch im Genesen . Durchwachte Nächte sind ihm untersagt . « Da antwortete der erstere : » Ich habe weder Zeit noch Lust zum Ruhen . Was in mir lebt , kennt keine Mitternacht . « Und ich fügte hinzu : » Mein Körper ist gewöhnt , dem Willen zu gehorchen . Ich fühle jetzt noch keine Müdigkeit . Die Seele hat die Macht , ihm , dem Geschwächten , ihre Kraft zu leihen . Ich halte aus , bis wir zu Ende sind . « Da griff der Ustad nach meiner Hand , fühlte den Puls und sagte verwundert : » Wie ruhig und kräftig ! Genau so , wie der meine ! Jawohl , ich glaube , daß wir weitersprechen können . Wo waren wir stehen geblieben ? Doch wohl bei Ahriman . Der wieder erstandene Offizier brachte uns auf ihn . Willst du hier fortfahren , Effendi ? « » Ja , « antwortete ich . » Ich werde dem alten Mir Alai einen Brief nach Bagdad schreiben . Er bekommt ihn durch einige Dschamikun , welche zu ihm reiten , um ihn mit samt seinem dicken Kepek zu holen . Er hat schon vor dem Tag des Wettrennens einzutreffen . Du erlaubst seinem Schwiegervater , an diesem Tage sein Verkaufszelt hier aufzuschlagen . Ich spreche mit ihm , noch ehe du mit ihm abreisest . Er wird seine Tochter und deren Kinder mitbringen . Das giebt ein Wiedersehen , auf welches ich mich unendlich freue . Ist dir diese Anordnung recht ? « » Was du bestimmst , das ist mir immer recht ! Soll Agha Sibil am Tage des Wettrennens überrascht werden , oder willst du ihm schon jetzt alles sagen ? « » Schon jetzt , alles ! Es ist Grausamkeit , einem Menschen eine Freude vorzuenthalten , die man ihm sofort bereiten kann . Und so große seelische Erregungen , wie man hier zu erwarten hat , sollen möglichst vorbereitet sein . « » Ich gebe dir recht . Ist das erledigt ? « » Ja . Nehmen wir also nun Ahriman Mirza wieder vor ! Ich habe zu versuchen , den Beweis zu führen , daß er der Aemir-y-Sillan ist . « » Den hast du schon geführt . Wenigstens für mich ist es so gut wie bewiesen . « » Wodurch ? « » Durch den Ton , in welchem du uns seinen Brief vorlasest . Dieser Ton ist nur der seine . So spricht