der Onkel ist eigentlich , ohne es selbst zu wissen , einer von den ganz schrecklich Modernen ! « Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zärtlichkeit gesagt , die immer durch seine Stimme klingt , wenn er vom Onkel spricht . Es ist , als solle man nicht wissen , wie lieb er ihn hat . Es war spät geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf den Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstür . Eine schmale Treppe führt von da noch hinauf zum Boden , und von hoch oben fiel ein goldener Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel , der die Hand auf das Geländer gestützt hatte , die durchsichtige , feine Hand , die emsig die Feder geführt hat ein Lebenlang . Ich hatte mich schon verabschiedet , aber tausend feinste Erinnerungsfäden zogen mich zu ihm hin und ich kehrte noch einmal zurück und beugte mich über die lieben Greisenhände . Eine Träne fiel auf sie - - der Onkel ist einer der allerletzten aus meiner Kinderzeit . » Mein gutes Kind , « sagte der Onkel , und in seiner Stimme lag das ganze Mitleid derer , die schon über dem Leben stehen , für diejenigen , die sich noch mitten drin befinden . Vielleicht ahnte der Onkel , wie unsäglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam , denn es klang auch wie eine Ermahnung in den Worten , ruhig zu sein , alles Exzessive zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann , es doch still im Innern zu verbergen . Wie eine klassische Gestalt von olympischer Ruhe erschien mir der Onkel , wie ein alter Maharattah-Häuptling , der mir einst in Indien seinen golddurchwirkten Shawl zeigte und mir sagte : » Der schützt vor Sonne und Kälte , vor Wind und Staub , und sein führnehmster Dienst wird einstmals sein , mich im Sterben zu umhüllen , und so meine letzte Todesnot zu verbergen . « Der Onkel besitzt sicher solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl . Man sieht von ihm nur , was man sehen soll - und das ist alles harmonisch verklärt , » lichte Höh « , wie Hanz-Buckau sagt . Und ich bezwang die Tränen , die mir schon brennend in den Augen standen , deutete auf die Treppe , die die drei Stockwerke hinab in zunehmende Dunkelheit führte und sagte : » Leb wohl , Onkel , jetzt steig ich wie Rautendelein hinunter in den finsteren Schicksalsbrunnen . « Hanz-Buckau antwortete : » Ja , in den müssen wir schliesslich alle mal hinab , und das Leben ist ein beständiges Abschiednehmen . « Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter . Noch einmal schaute ich hinauf . Nebeneinander standen die Beiden oben , von der Sonne beschienen - der weisshaarige Mann , der in der Einsamkeit des Alters milde lächelte , und der arme Verwachsene , dem äusserliches Gebrechen , Entsagung heischend , Schicksal geworden ist . Sie beugten sich über das Geländer und winkten mir nach . 31 Berlin , Mai 1900 . Lieber Freund ! Im Bädeker von Italien und der Schweiz gibt es Hotelnamen , neben denen in Klammern steht » wird viel von Deutschen besucht . « Der erfahrene Reisende vermeidet solche Hotels . Von dem Buckingham , in dem wir hier wohnen , könnte man sagen , » wird von Diplomaten , Fürstlichkeiten und Amerikanern besucht . « Das Hotel ist hier le dernier cri des Eleganten und gleichzeitig Bequemen ; nur ein paar kleine deutsche Unbequemlichkeiten sind bei der Einrichtung noch mit untergelaufen ; es fehlt an grossen Kleiderschränken , dafür hat man in den Wohnzimmern wacklige Louis XVI. Etageren , auf denen zerbrechliche Nippes stehen . Das soll wahrscheinlich gemütlich aussehen . Aber im ganzen will es alles möglichst amerikanisch sein . » Sie spielen hier ja Waldorf-Astoria , « sagte ich zum Direktor Specht , als wir ankamen . Der fasste das als höchstes Kompliment auf , murmelte etwas von » Pionier der Kultur in Berlin « und ist seitdem voll herablassender Aufmerksamkeiten gegen mich , beinah als wäre ich ein Botschafter . Denn nichts auf der Welt geht Herrn Direktor Specht über einen Botschafter : aber auch für Diplomaten weniger erhabenen Ranges ist in seinem Herzen ein warmes Plätzchen ; sie erscheinen ihm als Träger vieler Möglichkeiten , mit denen man sich rechtzeitig gut stellen muss . Im ersten Speisesaal , dem der Privilegierten , sind mehrere Tische reserviert , an denen immer Diplomaten sitzen . Wenn Herr Direktor Specht diese Herren an ihre Plätze geleitet , hat er etwas so Feierliches und so einen Frieden auf Erden-Ausdruck , als vollzöge er eine heilige Handlung . Neulich stürzte er einem unserer zukunftsreichsten jungen Diplomaten schmunzelnd und händereibend in der Halle entgegen . » Herr Graf , ich gratuliere zu der Ernennung nach X. « » Was , lieber Specht , « antwortet der andere und klopft ihn auf die Schulter , » das wissen Sie schon ? ist ja eben erst raus . « Und Specht verschämt und wonneglänzend : » Herr Graf werden verstehen - habe doch auch so meine Attachen - man gehört allmählich ja selbst so ' n bisschen zur Diplomatie . « Aber auch sonst weiss Specht die schicklichen Rücksichten zu nehmen . So hat er neulich , wegen einer kurzen Hoftrauer , die übliche Tafelmusik acht Tage lang ausfallen lassen . Eine reisende Millionärin aus Denver , Mrs. Bluffer , gab während dieser Zeit ein Diner im Buckingham . Ich hörte die Dame den feierlich aussehenden Oberkellner erregt fragen , als schmälere man ihr ein mit guten Dollars erworbenes Recht : » Kellner , warum spielt die Bande nicht ? « » Es ist wegen der Hoftrauer , Madame . In diesem Hotel wohnen so viel Prinzen und hohe Herrschaften , dass wir natürlich deren Gefühle schonen müssen . « Diese Antwort machte auf Miss Bluffer einen tiefen Eindruck und sie sprach zur Mutter : » Oh , mamma darling , ist das nicht herrlich ? es ist doch fast ganz so als ob wir bei Hofe wären ! « Mein Bruder ist gestern von seiner Reise aus der Kohlen- und Eisengegend zurückgekehrt . Als wir abends zusammen zum Essen in das Restaurant heruntergingen , sahen wir , dass es auffallend voll war . » Was ist denn los ? « fragte mein Bruder , und Specht antwortete : » Das sind all die letzten diplomatischen Revirements , die jetzt bei mir durchkommen . Die Herrschaften werden übrigens einen Bekannten finden ; Mr. Stone Stonehead aus Peking ist da , hat die Rückreise durch Sibirien gemacht , geht jetzt nach Rio - fürchte - schlechtes Avancement . « Und Specht zuckte die Achseln über die wechselnden Chancen , die es auf der grossen diplomatischen Wippe gibt . Und richtig , da sass er , der grosse Stone Stonehead ; selbstzufrieden und pomphaft wie immer , gar nicht , als habe er Strapazen durchgemacht , im Gegenteil , eine lebende Reklame für die transsibirische Bahn , so wohlgenährt und dick . Er sass zwischen einem Mediatisierten und einem eben ernannten Botschafter , muss also , wie ich ihn kenne , glücklich gewesen sein . Mir fiel ein , wie ich ihn zuletzt gesehen habe . Im Seebad in Pei-ta-ho . Er trug dort beim Baden ein weites rosarotes Flanellkostüm : das blähte sich im Wasser auf , so dass er darin wie eine rosige Riesenqualle aussah . Eine Familie mit mehreren schlanken Töchterchen pflegte stets zur gleichen Zeit wie er zu baden , und die schmächtigen , geschmeidigen Misschen , in schwarzen Badekostümen , umschwammen und umspielten ihn . Wie eine Schar Kaulquäbblein sich drängt , wenn man ihnen ein grosses Stück rosa Fleisch zuwirft . Aber keine von ihnen hat den dicken Stone Stonehead erwischt . Nachdem der Mediatisierte und der Botschafter gegangen waren , setzte er sich , gönnerhaft wie immer , zu uns . Er erzählte von seiner Reise und erwähnte auch , dass er an einem Orte , dessen Name schrecklich weit fort und unbekannt klang , Leute getroffen habe , die von noch viel weiter weg kamen , und Sie dort irgendwo gesehen hatten - in solch einer Gegend , von der Geographen so tun , als kennten sie sie , über die sie allerhand Behauptungen aufzustellen lieben , da , für gewöhnlich , niemand da ist , der widersprechen könnte . Solch ein paar dürftige Worte Nachricht : Jemand hat jemand getroffen , der Sie gesehen hat - und davon muss man nun wieder lange zehren ! - Wie die Ritterfrauen in den Burgen , denen ein vorüberziehender Sänger viele Monate alte Kunde von den fernen Kreuzfahrern brachte ! Natürlich fragten wir Stone Stonehead , was er von den beunruhigenden Nachrichten hielte , die Hofer aus China gebracht , und die in den letzten Tagen mehrmals in Zeitungen aufgetaucht sind . Er antwortete , die Missionare seien verwöhnt durch allzu viel Schutz , wollten sich wichtig machen und den Diplomaten ins Handwerk pfuschen . » Ich glaube Missionaren nie , « sagte er , » ausser wenn sie die Bibel vorlesen . Die übrigen Nachrichten sind sicher von den Russen lanziert , die lauern nur auf einen Vorwand , die Mandschurei zu kapern - bin nicht umsonst jetzt gerade dort überall herumgereist . - Aufregung ? Aufstände ? - ist ja alles künstlich gemacht - hoffe nur , man behält bei uns den Kopf kühl und lässt sich nicht in ein Abenteuer hineindrängen . « Hoffentlich hat der grosse Stone Stonehead recht ? Ich wünsche es ja so sehr . Hier denkt niemand an Gefahr . 32 Cherbourg , Mai 1900 . An Bord des » Kaiser Wilhelm der Grosse « Dies Briefchen ist der letzte Gruss , den ich von Europa aus an Sie richten kann , denn in wenigen Minuten fahren wir von hier weiter , hinaus auf den Atlantischen Ozean . Dies sind die letzten Zeilen , die den alten Weg durch Europa und das Rote Meer , über Colombo und Singapore zu Ihnen einschlagen werden . Dies kleine Blatt wird durch Länder und Meere reisen , die ich alle kenne , und ich wünschte , es könnte Meeresbläue und Palmenrauschen und einen Hauch von allem Schönen , das ich je in der weiten Welt gesehen , zu Ihnen bringen und Ihnen ganz leise sagen , dass ich es bin , die Ihnen das alles sendet . Mein nächster Brief wird in New York auf die Post gegeben werden ; und über Kanada , den Stillen Ozean und Japan wird er zu Ihnen reisen - von Osten , von Westen , von allen Seiten , die Erde umschliessend , ziehen die Gedanken zu Ihnen , lieber Freund ! 33 An Bord des » Kaiser Wilhelm der Grosse . « Mai 1900 . Nun sind wir schon weit draussen auf dem Atlantischen Ozean . Während der ersten Stunden , so lang wir uns dem Lande noch nahe befanden , war die See etwas bewegt , aber je weiter wir fahren , desto stiller wird sie . Ganz glatt liegt sie jetzt vor uns - eine blassblaue Fläche - gerade in ihrer Ruhe so unendlich erscheinend und - so fremd . Denn wir Menschen führen seit Generationen ein so unnatürlich hastendes Leben , dass uns Unrast und Bewegung stets natürlich und begreiflich scheinen - die absolute Stille aber beängstigt uns - wir verstehen sie nicht mehr . Unser Riesenschiff gleitet durch die blauen Fluten , aber wir merken seine rasende Geschwindigkeit kaum , denn das Meer scheint in seiner völligen Glätte gar keinen Widerstand zu leisten . Blauer Himmel , blaues Wasser zittern und flimmern ineinander über - es ist , als würden wir für alle Ewigkeit so weiter gleiten , so weiter schweben - ein dunkles Pünktchen in all der Bläue ! Eine seltsame traumhafte Empfindung - als trügen mich regungslos ausgebreitete Schwingen durch die Weite . Und in der grossen blauen Stille gedenk ich einer alten Sage vom Meer . In ganz alten Zeiten , über die es keine Bücher gibt , von denen nur noch die Bewohner entfernter Küsten vom Hörensagen allerhand Geschichten kennen , war das Meer immer so still und blau wie heut , ein glatter Spiegel , drin Sonne , Mond und Sterne sich besahen und schön fanden . Niemand hatte damals je einen Sturm auf der See gesehen , man wusste noch nicht , was das sei . - Auf dem Festland lebten schon damals viele Menschen und je mehr ihrer wurden , desto grösser wurden auch Schmerz , Jammer und Elend aller Art. In ihrem Kampf und Leiden schauten sie oft sehnsuchtsvoll hinaus auf die ewig gleiche stille See . Und endlich wurde ihr Unglück so gross und ihr Wunsch nach Erlösung so heftig , dass sie riefen : » Wir können es nicht länger dulden , wir wollen hinausfahren über das glatte , blaue Meer , dort werden wir wieder froh werden . « Da bauten sie ein grosses Schiff und nannten es » Meeresfreude « . Damit fuhren sie hinaus auf die klare blaue See . Aber die » Meeresfreude « war eine » Erdenleide « . Mit den Menschen waren Schmerz , Jammer , Elend und Unfriede auf das Schiff gestiegen . Es ward davon so schwer , dass sogar das starke Meer es nicht tragen konnte und als es ein Stück weit hinausgefahren war , versank das Schiff , und die blauen Fluten schlossen sich über all dem Erdenleiden . - Aber tief unten auf dem Meeresgrunde begann es nun zu wühlen und die Menschen , die auf dem Festland geblieben , sahen staunend , dass das ewig gleiche Meer sich veränderte . Es ward unruhig , sein tiefes Blau verwandelte sich in trübes Grau , auf nachtschwarzem Abgrund schoss weisser Gischt dahin , es hob sich in riesigen Wellen , die donnernd gegen das Ufer schlugen , es kämpfte , es zürnte , es raste - es war wie die friedlosen Menschen selbst geworden - und sie verstanden es , denn sie erkannten in ihm all ihre eigenen Leidenschaften . Seitdem hat es immer Stürme auf dem Meere gegeben , und immer wieder kämpft das Meer mit all dem fremden Leid auf seinem Grunde , kämpft , um die alte verlorene Ruhe zurückzugewinnen . Aber die kehrt nie wieder . Auch an stillen klaren Tagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus der blauen Tiefe . P.S. New York . Die ganze Überfahrt ist so glatt und still geblieben - wie eine wohltuende Pause im Leben , eine sechs Tage lange Parenthese ! Wie Musik schläferte das Rauschen der langen , trägen Wogen manch alten Schmerz ein . - Musik und weite Reisen sind so recht , was wir arme moderne Menschen brauchen , denn sie beruhigen und lehren vergessen . Während das Schiff unaufhaltsam weiter glitt , hatte ich beständig die Empfindung , dass etwas Furchtbares , das lange Zeiten Gewalt über mich gehabt , nun endlich und für immer hinter mir zurückblieb . - Wie vielen ist diese selbe Reise über den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen vor der Vergangenheit ! Auch ich hatte das Gefühl des Entfliehens und Abschüttelns . - Als ob Schranken und Fesseln gefallen seien , war mir , als ich heute früh erwachte , und da stand sie auch schon auf ihrem Felsen , die riesengrosse Freiheit , die den Belasteten aller Länder mit ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint . Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen für alle aufzustellen - das macht den Amerikanern doch niemand nach ! 34 Tuxedo Park , Mai 1900 . Lieber Freund ! Nachdem wir in New York gelandet waren , erhielten wir von Mr. Bridgewater die freundliche Aufforderung , ihn hier zu besuchen . Ich war noch so müde und abgespannt von allem in Deutschland Erlebten , dass ich dankbar die Einladung annahm , mich etwas auf dem Lande zu erholen . Landleben , wie ich es von früher in der Erinnerung habe , Stille , Einsamkeit norddeutscher Güter , die Meilen weit von einander entfernt liegen , nur durch Landwege verbunden , die während Herbst- und Frühlingstauwetter eher verkehrhemmend als fördernd wirken - so etwas gibt es hier freilich nicht . Tuxedo Park beweist mir mal wieder , dass Amerikaner wohl Sinn für Exklusivität , aber nicht für Alleinsein haben . Sie brauchen Menschen , Bekannte - allerdings nur sorgfältig ausgewählte , solche , die in jeder Hinsicht sozial wünschenswert sind . In diesem Bedürfnis nach Verkehr , dieser Scheu vor Einsamkeit sind sie Kindern ähnlich . In dem Park von Tuxedo stehen auf bewaldeten Hügeln , die sich um einen See ausdehnen , eine Menge hübscher Landhäuser , Schweizerhäuschen mit geschnitzten Holzbalkonen und hohen Giebeln , massive Steinbauten mit breiten , südländischen Veranden , burgartig kleine Kastelle , die altertümlich aussehen möchten . All diese Landsitze sind nahe zusammengedrängt , die einzelnen Gärten gehen ineinander über und bilden alle vereint den einen grossen Park . Ausgezeichnet gehaltene Wege verbinden die einzelnen Besitzungen und werden fleissig benutzt von Fahrenden , Reitern und Spaziergängern , lauter Menschen , die sich einer zum andern begeben , in ihrem charakteristischen Bedürfnis nach möglichst viel » social gatherings « . Die meisten der Häuser sind mit einem Luxus und einem praktischen Komfort eingerichtet , wie er auf dem deutschen Durchschnittslandgut ganz unbekannt ist . Zu jedem dieser Reichtumsheime denken wir Europäer uns unwillkürlich als notwendige Grundlage und Begleitung eine meilenweite Herrschaft hinzu , statt dessen liegen sie aber nur ein paar Minuten von einander entfernt . Unten am See steht das gemeinschaftliche Klubhaus , mit Einrichtungen für alle Arten von Sport , mit grossem Ballsaal und Lesezimmer . Nachmittags trifft sich da die ganze Gesellschaft . Es ist eine Assoziation befreundeter Familien , die hier in den einstmaligen indianischen Jagdgründen eine Kolonie reicher Leute gegründet haben . Während der Wochentage dominiert das weibliche Element an Zahl , wie in den meisten Landaufenthalten in der Umgegend New Yorks ; der Sonnabend-Nachmittagszug bringt dann eine Menge Herren , Villenbesitzer und Gäste , die bis Montag bleiben , um sich von der grossen Anstrengung des Gelderwerbs auszuruhen . Ich weiss nie genau , was der Beruf des einzelnen Amerikaners ist , weiss nur , dass sie alle Geld machen . Sie erscheinen mir wie geheimnisvolle Wesen , die eine Zauberformel kennen , durch die sie aus allen Winkeln Gold herauszuziehen vermögen , wie in Indien die Schlangenbeschwörer aus allen Ecken , wo niemand sie vermutet , Kobras hervorlocken . Den Zauber Amerikas aber bilden die Frauen , die es immer verstehen , ihre eigenen Sorgen beiseite zu setzen und das Liebenswürdigsein als Beruf betreiben ; vielleicht wären sie noch reizender , wenn sie es nicht immer so eilig hätten , als seien sie in Angst , irgend etwas zu versäumen . Hier sind einige sehr nette Frauen , von ansteckender Heiterkeit ; und ich weiss nicht , ob es ihr Einfluss oder der volle warme Frühling macht , aber mir ist manchmal , als erwache ich allmählich aus einem seltsamen narkotischen Zustand . So muss den Murmeltierchen zu Mute sein , wenn sie sich nach dem Winterschlaf dehnen und recken und die kleinen blinzelnden Augen gewahr werden , dass die schöne Welt immer noch da ist . Dann ruft so ein erwachendes Murmeltierchen sicher auch : Guten Morgen , lieber Freund ! 35 Tuxedo Park , Mai 1900 . Das Bridgewatersche Haus hier in Tuxedo gefällt mir beinah noch besser als ihr Stadthaus . Es heimelt mich an mit seiner hessischen Bauart . Steinerner Unterbau bis zur Höhe des ersten Stockes und darüber weisser Bewurf , von dem sich die Balken des Fachwerks in warmen , braunen Holztönen abheben . Dazu weit vorspringende Dächer und Giebel über einigen Zimmern , deren Fenster besonders schöne Blicke auf See und Wälder haben . Alte zopfige Engelchen aus grauem Stein sind an einem Balkon verwendet und man sieht , dass alles , was das Haus schmückt , von dem spanischen , eingelegten Täfelwerk des Speisezimmers bis zum schmiedeeisernen Geländer der Treppe , mit Liebe und Verständnis auf langen Reisen gesammelt worden ist . Der Turm , der einen Vorsprung in dem Haupthof bildet , ist auf einer Seite mit einem Relief geschmückt , das den heiligen Georg , den Drachentöter darstellt . Es stammt aus einem alten bayerischen Bauernhaus . Wenn heute eine Drachensage geschrieben würde , müsste sie ganz anders lauten , als diese alte vom schönen , ritterlichen Georg , der nur die Welt vom bösen Ungeheuer befreien wollte . Heute ziehen viele magere Wichtelmännchen gegen den Drachen aus , der im fernen Cathay seine Heimat hat , aber sie alle wollen nicht etwa den Lindwurm erlegen , sondern durch ihn fett werden . Der moderne heilige Georg legt dem Ungeheuer Ketten an , auf dass es still halte und sich melken lasse . Die Südseite des Turmes sieht noch ein bisschen leer aus , und Mr. Bridgewater will dort eine Uhr anbringen . Er bat mich , ihm etwas zu skizzieren , was dort oben um die Uhr auf die Wand gemalt werden könnte , wie man es gerade in alten bayerischen Häusern so oft sieht . Ich habe nun um die Uhr eine zwölfstrahlige goldene Sonne entworfen . Die Strahlen entsprechen den Stunden , und auf jede der spitzen goldenen Strahlenzacken ist in gotischen Lettern ein Wort gemalt . Sie lauten in der Reihenfolge : I beginnen , II wollen , III lernen , IV gehorchen , V lieben , VI hoffen , VII suchen , VIII leiden , IX warten , X verzeihen , XI entsagen , XII enden . Der vorrückende Zeiger bezeichnet die Stunde mit dem Wort . Viele sind es , über die man schnell hinwegmöchte , um bei andern lange zu verweilen - aber wir müssen alle Stunden nehmen , wie sie sich unerbittlich folgen auf der grossen Lebensuhr , gute und schlimme . Was für Zeichen mögen wohl über Ihren Zukunftsstunden stehen , lieber Freund ? Ich sinne nach und möchte den Schleier so gern etwas lüften können , und dann wieder denk ich , es ist besser , nicht zu fragen und zu forschen und sich nur der gegenwärtigen Frühlingsstunde zu freuen , wie die Mückenschwärme , die über dem See in der Sonne tanzen . Ich wünsche , dass viele , viele und nur schöne Stunden Ihrer harren mögen und diesen Wunsch sollen die wirklichen , warmen , goldigen Sonnenstrahlen mitnehmen und Ihnen bringen , wenn sie heute Abend meinen Blicken entschwinden , um Ihnen zu scheinen , auf der anderen Hälfte unserer schönen Frühlingswelt ! 36 Tuxedo Park , Mai 1900 . Die hier verlebten Tage , lieber Freund , haben mir so unendlich wohlgetan , dass es mir Vielgewanderten ganz schwer wird , wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen . Ich habe ein unbestimmtes Gefühl , als sei ich in einem stillen Hafen und als warte meiner irgendwo draussen ein stürmisches Meer . Aber das muss ein Rest überangestrengter Nerven sein , die Ermüdung , die von langem Lastentragen zurückbleibt , die Angst vor dem Leben . Eigentlich war mir ja gerade in den letzten Tagen zuweilen so , als hörte ich unzählige kleine Stimmen sagen : » die Welt wird mit jedem neuen Frühling von neuem schön . « Die Schwalben meinten das , und die weissen Lämmerwölkchen am blauen Himmel , die tausend kleinen Insekten und die Millionen Samenstäubchen . Auch der schwarze Kater , der im Hof in der Sonne liegt , schnurrt gegenwartsfroh und zukunftssicher ! Und am weltenzufriedensten scheinen Madame Baltykoff und Anstruther , die auch hier zu Besuch bei Bridgewaters sind . Sie hätten es mir gar nicht zu sagen brauchen , ich sah es ihnen gleich an - Madame Baltykoff hat Amerika gründlich studiert und ist dabei zum Ergebnis gekommen , dass das Beste und Behaltenswerteste , das das Land produziert , dieser eine Amerikaner ist . Sie scheint ruhiger geworden ; vielleicht fehlte ihr , wie so manchem hin und her geworfenen Schiffchen , nur der richtige Ankerplatz , und sie hat den nun gefunden . Anstruther erklärte mir , Madame Baltykoff sei ihm in jeder Beziehung überlegen ( das gehört nun einmal zum Credo jedes netten Amerikaners über alle Frauen , sogar über die eigene ) ; nur in seiner amerikanischen Nationalität besässe er einen grossen Vorteil über sie und den böte er ihr an , mit ihm zu teilen . » Nach all ihren Ansichten , « sagte er , » verdient sie eine freie Amerikanerin zu sein . « Mr. Bridgewater meint , diese Verlobung sei ein Schritt zur Amerikanisierung der Welt auf sozialem Wege und in dieser Amerikanisierung erblickt er ja die Aufgabe des kommenden Jahrhunderts . Das einzig Betrübende in der allgemeinen Freude ist , dass Anstruthers Name aus dem Klub der vierzig amüsantesten Männer gestrichen werden muss . Kein Mitglied darf verheiratet sein . Ist es nicht beschämend , dass man in diesem gegen Frauen doch so galanten Lande zur Überzeugung gekommen ist , dass die Ehe sofort geisteslähmend wirkt ? 37 New York , Mai 1900 . Wir sind aus Tuxedo hierher zurückgekehrt ; und in unseren New Yorker Zimmern , in denen ich alles ganz unverändert vorgefunden , inmitten all der altvertrauten Dinge , die mich nun schon so lang begleiten , habe ich mich gleich wieder völlig eingelebt , als sei ich gar nicht fort gewesen , als hätte ich den letzten Monat nicht erlebt . Wenn ich morgens aufwache , muss ich mich erst besinnen , ob es alles wahr ist : Die plötzliche Reise nach Europa mit allem was ich dort durchgemacht , und dann die eilige Rückkehr hierher . Manchmal scheint es mir wie ein Traum , als wäre ich hier tief eingeschlafen und eben wieder aufgewacht , und als sei alles unverändert , wie es nun schon so manches Jahr gewesen . Aber dann fühl ich mit einem Mal , dass es doch alles anders geworden ; ich schaue mich nach der altgewohnten Hoffnungslosigkeit um und sie ist verschwunden . Ich sehe in all dem nicht recht klar , versuche es auch nicht einmal , sondern lasse mich treiben , gedanken- und willenlos . Aber mir will es scheinen , als atme ich freier , als sähe ich in der Ferne ein Lichtchen schimmern . Seit ganz frühen Jugendtagen ist mir keine so still zufriedene Zeit mehr geworden . Mich dünkt , es liegt ein Zauber auf der Welt , als tönten aus der Ferne tausend silberne Glöckchen . Ach , dass doch nichts diese einzige Wunderstunde trüben möchte ! Darum fleh ich immer wieder und lausche andächtig auf das leise Glockenläuten , das aus des eigenen Herzens Tiefe schüchtern und hoffend emporklingt . Lieber Freund , ich glaub , ich erlebe ein Märchen ! 38 New York , Mai 1900 . Seit ein paar Tagen bringen die Zeitungen beunruhigende Telegramme aus Peking , und es war mir eine Erleichterung gestern zu lesen , dass die Gesandten Wachen requiriert haben und dass diese wohlbehalten in Peking eingetroffen sind , natürlich nach dem üblichen und obligatorischen Palaver des Tsungliyamens , aber ohne dass ein ernsthafter Versuch gemacht worden wäre , die Truppen am Einmarsch zu hindern . Es las sich wie eine genaue Wiederholung dessen , was wir selbst 1898 erlebt haben . Wir sollten gestern aber noch mehr über China hören , als was die Zeitungen bringen . Abends gingen mein Bruder und ich bei Sherry essen . Jetzt , wo die Stadt sich täglich mehr leert , herrscht dort nicht mehr das Gedränge wie im Winter , aber man sieht immer noch genügend glattrasierte , befrackte Herren , eine Gardenia im Knopfloch , und genügend elegante Frauen mit halbhohen Kleidern und riesigen , malerischen Hüten , um glauben zu können , in ein lebig gewordenes Bilderbuch von Gibbons versetzt zu sein . Nachdem wir uns gerade gesetzt hatten , traten mehrere Herren an einen neben uns reservierten Tisch heran , und Sie können sich unser Erstaunen denken , als wir unter ihnen zwei Bekannte entdeckten , und zwar welche Gegensätze : den Rubinminen-Konzessionär Bartolo und jenen gescheiten Journalisten Dr. Silberstein , den Sie mir einmal als einen der wenigen bezeichnet haben , der seinen Aufenthalt in China zu einem ernsten Studium dieses Landes benutzte . Bartolo kam sofort auf uns zu , liess unsere Tische aneinander rücken und erzählte uns strahlend , er käme gerade aus London , wo es ihm gelungen sei , ein Syndikat für die Rubinminen in der Provinz Kwangtung zustande zu bringen . » Man reisst sich um die Aktien , « sagte er , » und unsere grosse Chance ist der Burenkrieg gewesen , denn all die grossen Kapitalisten , denen ihre Goldminenaktien jetzt nichts tragen , haben sich mit Enthusiasmus an unserm Unternehmen beteiligt . « » Ja , glauben die denn , dass die Rubinminen schon sobald einen Ertrag geben werden ? « fragte ich und schämte mich meiner geschäftlichen Naivetät , als Bartolo mir mit überlegenem Lächeln antwortete : » O nein , und darauf kommt es ja auch vorläufig noch nicht an . Wir verdienen ja bisher viel mehr an den Kursschwankungen . Unsere Rubinminen-Aktien sind jetzt das grosse Spekulationspapier ! Noch kein Spatenstich gemacht und schon stehen unsere 1 Pfund-Aktien auf 140 . Grossartig ! « Dann erzählte er weiter : » Besonders auch bei der hohen englischen Aristokratie sind unsere Rubies , wie sie kurzweg genannt werden , sehr beliebt . So schrieb mir kurz vor meiner Abreise die Herzogin von X. : Lieber Bartolo , die Rubies sollen gut sein , sagt man mir ; möchte mich daran beteiligen , bitte um 10 Shares , sende einliegend eine 10 Pfund-Note . Die alte Dame , die jede Quotierung wie ein Makler kennt , tat plötzlich ganz harmlos , als habe sie keine Ahnung , dass nach dem Tageskurs die