natürlich , daß dieses Schreckliche einmal kommen mußte . Hatte sie es nicht erwartet ? Wenn er die Wahrheit weiß , so kann er nicht hier bleiben , das hält ein Kind nicht aus , fühlte sie , und ihr Atem stockte vor Angst . » Ich werd ' s wohl besser wissen als deine Kameraden , « machte sie , » hör nur auf mich . « » Schwör , Mamme ! « flüsterte der Bub mit verstecktem Kopfe . » Ja , ja , ich schwör ' s ! « Hermannli fuhr in die Höhe , sein Gesicht veränderte sich . » Mamme , Mamme , jetzt hast du geschworen ! « rief er in sonderbarem Ton , anklagend , drohend , zweifelnd . Josefine versuchte zu lachen . » Warum nit gar schwören ! Eure Rede sei ja ja , nein nein , weißt es nit ? hast ' s ja gelernt ! « » Nein , nein , nein , Mamme ! « schrie leidenschaftlich der Junge , » es hilft dir nit , du hast geschworen ! « Er begann hin- und herzuspringen wie besessen , plötzlich rannte er aus der Tür . » Ich sag ' s dem Ebstein ! dem Ebstein ! « In Hut und Cape blieb Josefine sitzen , stumpf und ratlos . Ein Netz um sie , über ihrem Kopf , um ihre Glieder ... Kein Schritt frei ... Die Zukunft schwarz ... Und die Kinder ? Da erscholl Röslis Vogelstimmchen vor der Tür : » Mamme , Mamme ! « Und nun war das Vögelchen drinnen , hüpfte um die traurige Mutter hin und her und sah nichts von ihrer Trauer . » Mamme ! Mamme ! ich sage dir öppis ! Ich sage dir ein schönes Geheimnis ! Meine süße Mamme , es ist so schön ! es ist im Keller ! du mußt in den Keller mit abi ! Es ist zwischen den Kartoffeln und Kohlen ! O ! ich habe es entdeckt , aber es ist ein Geheimnis ! du darfst es keinem Menschen auf der ganzen Welt sagen , auf der ganzen Welt , Mamme ! « » Ich bin müde , « sagte Josefine und lehnte sich in den Stuhl zurück . » Ich bin weit gegangen und müde , mein Rösli , ein andermal ! « Das ungestüme Kind kletterte auf der Mutter Schoß und nahm ihr den Hut ab . Es schmiegte sich an ihre Backen . » O nein , Mamme , gleich , gleich : das Geheimnis ist so schön ! du mußt es sehen ! Du mußt aber schwören , daß du es keinem Menschen sagst ! Schwör ! nun ? schwör ! So ! man nimmt zwei Finger , sagt Laure Anaise ! « Röslis wilde , braune Locken tanzten . Sie hatte ihr Schürzchen von einer Schulter herabgerissen und schlug heftig und nervös mit dem freien Zipfel um sich , während sie sich auf der Fußspitze drehte . » So machen wir ' s in der Turnstunde , Mamme ! gleich komm ! gleich komm ! ich turne immer mit den schwersten Hanteln ! Ich kann sie so hoch aufheben ! « Während Josefine aufstand , sprang die Kleine auf einen Stuhl und reckte die Ärmchen gerade gegen die Decke , dann sprang sie der Mutter jauchzend auf den Nacken . » Das Geheimnis ! das Geheimnis ! ist - weiß ! ist - schön ! ist - weiß ! ist - weiß ! « sang sie über die Treppenstufen und schüttelte ihr Haar . Dann kehrte sie um und holte ein Schächtelchen Streichhölzer . » Das Geheimnis ist im Dunkeln , Mamme ; darum ist es gerade ein Geheimnis , « flüsterte sie mit großen Augen . » Dir allein , Mamme ! dir allein . « Mit ihren eigensinnigen kleinen Händen drehte sie den Schlüssel im Vorhängeschloß und zündete die Hölzchen an , glücklich , die Mutter einmal zu haben , ganz nah , ganz fest , und ihr etwas zu zeigen , etwas Merkwürdiges , etwas ... » Hier ! hier ist es ! hier ! « Triumphierend leuchtete sie mit dem blauen Flämmchen in eine Ecke hinein , zwischen die Kartoffeln , die lange , weiße Keime getrieben hatten , mit denen sie nach Licht und Erde zu tasten schienen . » Eine Blume ! ein schönes Geheimnis ! sieh ! « Die Mutter hielt ihr Mädchen an der Hand ; ihr ernstes Gesicht hatte die ängstliche Spannung verloren . » Ja , Rösli , ja , mein Liebling . « Eine merkwürdige Ergriffenheit überkam Josefine vor dieser Blume in dem schwarzen , schmutzigen Keller , vor dieser zarten Hyazinthe , deren vergessene , weggeworfene Zwiebel hier in der häßlichen Dunkelheit einen Schoß getrieben , einen Blütenschaft getrieben hatte . Bei dem unsicheren , immer schnell verlöschenden Streichholzlicht beugte sich Josefine mit ihrem Kinde an der Hand über das duftende Wunder des Lebens . » Weiß , Mama , ganz weiß ! « flüsterte die Kleine feierlich . » Siehst du es jetzt ? ist es nicht ein schönes Geheimnis ? « So schön , so einfach , so selbstverständlich erhob sich aus dem dunklen Eck die weiße Pflanze . Ganz fest und aufrecht stand sie auf den vielen nackten , weißen Wurzeln wie auf ihren eigenen Füßen . Weiß die Wurzeln , weiß die Zwiebel ; die Blätte nicht grün , die Glocken nicht rot oder blau , alles wächsern bleich und doch nicht krank oder verkümmert . Reizend gebogene Blätter mit feinen , wasserklaren Längsadern , weiße durchscheinende Glocken , so zart , so klar , daß der weiße Klöppel durch die Wandung schien . Ein Märchengebilde , keine Wirklichkeit , ein Idealbild ihrer selbst , eine Blume des Traumes , eine Hyazinthe der Phantasie ... Mutter und Kind hielten sich fest umschlungen . In Josefine klang eine neue unfaßbar schöne Melodie . Der Fremde und die Blume und das Kind ? waren sie sich nicht in irgend einer Art verwandt ? war da nicht eine seltsame , verwirrende , entzückende Ähnlichkeit ? Ist die arme Erde so reich ? Woher kommt dies neue beseligende Licht ? Wunder über Wunder ! » Mein Kind ! « hauchte sie , » meine süße Überraschung , meine neue Blume ! Was entfaltet sich vor mir ? War ich blind ? « Und das Kind fühlte die Zärtlichkeit der Mutter wie warme Wellen über sich rinnen , und es bebte und schauerte vor Glück ... » Was werden die Schmetterlinge zu ihr sagen , wenn sie sie sehen , Mama ? « Josefine seufzte , plötzlich erschreckend . » Kein Schmetterling wird sie besuchen , mein Kind . « » Aber die Bienen ? was werden die Bienen sagen ? « » Es ist Winter , mein Rösli , die Bienen schlafen ja alle . « » Aber die Sonne , Mama ? « » Die Sonne , mein Kind ? Nein , die Sonne darf diese Blume nicht sehen . « » O - wie schade ! Mama , wie schade ! Warum darf die Blume die Sonne nicht sehen ? « » Wenn die Sonne sie trifft , dann wird die Blume sterben und verdorren . « Rösli hielt eilig die Händchen über die Blume . » Sterben und verdorren ? Nein ! Ich will ein Häuschen machen mit den Händen . Sie soll nicht sterben ! nicht sterben ! « Schon zitterte Trauer in des Kindes Stimme . » Mama ? « Die Mutter - aber sie war sehr jung in diesem Augenblick - streichelte des Kindes Haar . » Der Mond wird sie bescheinen , und sie wird leuchten , schöner als alle Blumen , « sagte sie träumend . » Leuchten in überirdischer Schönheit , und ihresgleichen wird nicht sein unter den Blumen des Waldes , des Gartens und der Wiese ! « Entzückt küßte die Kleine ihrer Mutter Kleid . » Ja ! ja ! ja ! « flüsterte sie wie berauscht . » Mehr , Mama ! mehr , mehr ! « » In Dunkel und Vergessenheit , im schmutzigen , traurigen , lichtlosen Loche ist sie aufgeblüht , « träumte die Frau dem horchenden Kinde ins Ohr , » und ihre Schönheit ist nicht die Schönheit dieser Welt ; sie ist zarter , feiner , ätherischer als die Blume der Sonne , und fleckenlos steht sie inmitten des Schmutzes und strahlt nur umso heller und duftet nur um so berauschender ... « Die Kleine hob die Arme empor . » Ist das Märchen aus ? Du weißt so schöne Märchen , Mamme ! Aber - ist es nicht traurig ? « Das Stimmchen hallte wie ein Schluchzen aus . » Vielleicht auch traurig , « sagte Josefine vor sich hin . » Und bleibt hier ganz allein ? « » Wir kommen alle Tage . « » Arme Blume ! gelt , Mama ? « » Arme Blume . « » Ganz allein , Mama ! « » Ganz allein - « Josefine hatte immer wesentlich in Männergesellschaft gelebt . Schicksal oder eigene Neigung oder beides abwechselnd hatte sie mehr den Frauen entfernt , den Männern genähert . Früh verlor sie die Mutter , früh wendeten sich die Schwestern von ihr ab . Ein kluger , guter Vater , der sich treu bemühte , ihre Gaben zu entwickeln , ein strebsamer Bruder , der mit ihr lernte , gaben ihr Ersatz für die Verlorenen . Als der Bruder in jungen Jahren auf Java verunglückte , wohin eine Studienreise ihn geführt , schloß sie sich mit schwesterlicher Neigung an einen Freund des Verstorbenen , dachte , fühlte mit ihm . Der Freund war es , durch den sie Georges Geyer kennen lernte , den einzigen Mann , der sie weder durch seine Gespräche noch durch seinen Interessenkreis angezogen hatte , sondern den sie mit elementarer Leidenschaft liebgewonnen , ohne sich je über ihre Liebe Rechenschaft geben zu können . Zwei gleich heftige Temperamente waren von einer Flamme entzündet worden . Die Flamme erlosch bald bei dem Manne , um eine unselige , verdeckte , glimmernde Gier zu hinterlassen , die sein Leben verdarb und das seiner Frau und Kinder . Die Liebe der Gattin nährte sich von Erinnerung und Hoffnung und von einem zornigen , eifernden Mitleid für den Ausgestoßenen . In allem Elend fühlte sie sich ihm gegenüber als die Starke , die Stützende , die Schützende . Längst hatte sie aufgehört , für sich von ihm das Geringste zu fordern , ja nur zu erwarten . Von ihm oder von irgend einem anderen Manne , außer von dem Vater . Geben ! geben ! nur immer geben ! Meine Arbeit , meine Gedanken , meine Seele , mein Blut ! Es ist gut , daß ich etwas zu geben habe . Es tut wohl , dem Sturm die Brust zu bieten . Und lächelnd gedachte sie ihrer Kindheit und der Begeisterung , mit der sie einmal als kleines Mädchen einen schweren Pack für ihren Vater getragen . Es waren Bücher , und der Vater war auf der Versuchsstation , draußen vor der Stadt , hatte aber längst diese Bücher erwartet . Der Sturm blies sie vom Wege ab , als sie , ihr Bündel fest an die Brust gedrückt , die steile , frischbeschotterte Straße hinaufkletterte . Der Sturm entriß ihr den Hut und entführte ihn weit über die Matten , und sie mußte ihm mit dem schweren Pack nachspringen , und das Herz klopfte ihr vor Entzücken , daß der Pack so schwer und daß die Straße so steil war . Mit der Brust gegen die Winde , das hatte schon das kleine Mädchen gefühlt . Und als sie endlich beim Vater angekommen , da hatte er sie ausgelacht und gesagt : » Wohl ! wohl ! trag sie nur heim . Hier zwischen den Samenbeeten ist ' s nichts mit dem Lesen . « Und munter hatte sie wieder aufgepackt und war mit ihrer Last bergab gesprungen . Damals war der Vater für sie der erste aller Menschen gewesen . Später waren es die großen Dichter und Künstler , die sie mit Anbetung verehrte , lauter Tote oder Niegesehene . Dann , eine Weile , war es Georges ... Und dann , nach zwei , drei Jahren ihrer Ehe , gab es für sie nichts Verehrungswürdiges mehr , weder bei Männern noch bei Frauen , gab es für sie keinen Menschenglauben , keine Hoffnung auf die Zukunft mehr . Nichts war ihr geblieben als der alte instinktive Drang , sich zu betätigen , etwas zu sein , etwas zu geben . Und von diesem Drange hatte sie gelebt bis zu jenem Tage , da eine Hand aus dem Nebel , eine warme , starke Hand die ihre streifte und ein heller , heißer Sonnenguß die Finsternis verschlang . Oft und oft war es Josefine peinlich und beschämend zum Bewußtsein gekommen , daß sie unter Frauen und Mädchen wie verirrt , mißverstanden und bespöttelt oder gefürchtet dasaß , während sie im Verkehr mit Männern frei und zwanglos sprechen konnte und offenes Entgegenkommen und selbstlose Förderung fand . Sie schämte sich , daß sie den Frauen nichts zu sagen wußte , und daß die Frauen sie nicht liebten , während die Männer sie suchten . Sie schämte sich , daß Männerverkehr ihr unentbehrlich war , und daß ihr die häuslichen Angelegenheiten , die kleinen intimen Interessen für ihre Toilette und die ihres Hauses nicht wichtig und anziehend erschienen . » Was für ein Mädchen sie ist ! « hatten die Kameradinnen gespottet , als sie noch zur Schule ging . » Was für eine Frau sie ist ! « hatten die Schwestern und die Bekanntinnen geklagt . » Es ist wohl recht , wenn eine Frau Verstand hat , aber das Gemüt ist die Hauptsache , « eiferten die anderen Frauen . Und als sich Josefine verheiratet , hatten sie ihren Mann bedauert wie einen , der auf den Kuhhandel gegangen und betrogen worden ist . Sie steckten die Köpfe zusammen : » Der arme Mann ! ob der auch emal Spießli8 kriegt oder Salwinli9 oder so öppis Urchigs ? « 10 Und als über die Familie das Unglück hereingebrochen , als der Unselige ins Zuchthaus abgeführt war , da rechthaberten sie : » No g ' seaht mer ' s emal wieder , wohin dös führt , wenn d ' Frau nüd ischt ! Hat der arme Mann auch jemal bei seiner Frau Spießli kriegt oder Salwinli oder so öppis Urchigs ? Ja , ja , wo d ' Frau nüd ischt , no kommt ' s Unglück g ' schwind an enen Mann . ' s ischt nur zum Beduere . « Nein , mit diesen Frauen gab es kaum ein Verständnis , und Josefine zog sich zornig und verächtlich von ihnen zurück . Ihr tiefes inneres Feuer , ihre Selbständigkeit war den Männern etwas Verwandtes , den Frauen etwas Beängstigendes . Immer breiter ward die Kluft , die Josefine von ihren Geschlechtsgenossinnen schied . Immer böswilliger steckten sie die Köpfe zusammen . » Sie laßt sich net emal scheiden ? Jo , warum net ? Do schteckt öppis Verdeckt ' s ! Sie schtudiert als Frau mit drei Kindern ? No ischt sie nüd wert ! so öppis tut nümme guet ! Den Mann hat sie bereits ruiniert , es nimmt uns nur auch wunder , was das emal für Kinder gibt ? « Und dann erzählten sie sich wieder und wieder , was Josefine als junges Mädchen über die » Kinderfrage « gesagt . » Sich grämen , weil man keine Kinder hat ! Wie sonderbar ! Kann ich mich grämen um etwas , das ich nicht kenne ? Bin ich selbst denn nicht auch ein Kind ? Und sollte ich an die ganze Welt , die da vor mir ist , so groß und wundervoll , nicht denken , sondern an mein zukünftiges Kind ? Und das Kind dann , wenn es ein Mädchen wäre , wieder an die ganze Welt nicht denken ? Und so weiter und so weiter ? in alle Ewigkeit ? Das ist doch dumm ! « » Dumm , hat sie g ' sait , präzis dumm ! ' s ischt öppis Gefährlichs in dem Maitli g ' si von Anfang . Sie hat so Meinunge g ' habt ! Ja , für was braucht so e jungs Maitli Meinunge zu habe ? I bin so alt worde , aber nie , meiner Lebtag , hätt i mir so was traut . « Und wie die Josy so gar nicht hatte nachfühlen können , daß ein Mädchen sich aus Sehnsucht nach Kindern mit irgend einem Mann , gleichviel mit welchem , verheiratete ! Nicht einmal glauben konnte sie ' s. Wie sie gelacht hatte ! » Ein Mann ? aber das ist doch kein - wie sagt man ? doch kein Werkzeug - kein Mittel nur ? das ist doch scheußlich , so zu heiraten ! Da bliebe ich doch ledig und machte aus mir selbst etwas ! Bin ich nicht selbst etwas ? Irgend eine Blüte ? irgend eine grüne Spitze ? Bin ich für mein Leben nichts und nur etwas für die Zukunft ? Ihr müßt wohl schrecklich klug sein , daß ihr so weit hinausdenkt . Ich stolpere auf Schritt und Tritt , ich bin nämlich sehr dumm noch ! Klein und kindisch und möchte mich selbst entwickeln . Wenn ich selbst noch nichts bin , wozu hat die Welt Kopien von mir nötig ? « Sie hatte gesagt : » Kopien von mir « , aber jeder fühlte , daß es hieß : » Und Kopien von dir und von dir und von euch allen ! « Unangenehme Augen hatte sie gehabt , fragend und offenherzig und ernsthaft und unbequem ; keine hatte sich in ihrer Gegenwart so recht ausklatschen können , alle hatten sich bald abgewendet und geseufzt : » Ach , was für ein Mädchen ! was für ein Mädchen ! « Seit Josefine studierte , sah sie kaum jemals mehr eine der früheren Bekanntinnen . Um Sommerfliegen zu vertreiben , ist nur ein kleiner Wind nötig , und über das Geyersche Haus war ein Vernichtungssturm ergangen . Aber auch mit den Schwestern und Schwägern war jeder Verkehr abgebrochen . Da geschah es , daß Josefine mit Bernstein und Zwicky aus dem Kolleg ging , und daß ihnen eine schlanke Dame in elegantem pelzbesetztem Kostüm begegnete . Sie hielt eine Lorgnette mit langem Stiel vor die Augen . Als sie in die Nähe der drei Studenten kam , stutzte sie , errötete und ging quer über die Straße nach dem jenseitigen Trottoir . Josefine senkte den Kopf und erhob ihn dann plötzlich mit einer ihr eigentümlichen , energischen Bewegung . » Kommen Sie , Zwicky , « sagte sie laut , » wir versperren den Weg . « » War das nicht - ? « begann der Student , mit verstörtem Gesicht der Dame nachblickend , die in entgegengesetzter Richtung drüben weiterging . » Wohl ... ich habe sie gesehen . « » Grüßt nit emal ? « » Ich bin ' s ja gewohnt . Wir haben sie , scheint ' s erschreckt . « » Verfluchte Sauerei ! « platzte der junge Mann los , ganz rot und beleidigt , mit Falten auf der Stirn . Bernstein , der etwas voraufgegangen war , blickte sich schlau lächelnd um . » Ech , Ihre Schwester , glaub ich ? « » Grüßt nit emal ! « wiederholte der Junge empört . Bernstein schob den runden Hut noch mehr in den Nacken , er zuckte die Achseln . » Wozu brauchen Sie sie ? Was brauchen Sie von ihr ? Denken Sie , daß sie versteht gar nicht ! Daß Ihre Schwester ist eine Hausfrau - « - « » Verfluchte Sauerei ! « schrie Zwicky . » Eine Kaufmannsfrau ! was versteht eine Kaufmannsfrau , « fuhr Bernstein gemächlich fort . » War es sehr unangenhm für Ihre Schwester ! Man muß nicht böse sein , nur ein bißchen verstehen ! Sehr unangenehm für Ihre Schwester ! « » Für mich auch ! « knurrte der Schweizer . Bernstein stieß mit dem Fuß eine Orangenschale vom Trottoir . » Nein . Es ist sehr interessant ! Sind Sie beleidigt ? Ech , was kümmert Sie ! Eine gewöhnliche Dame ! nicht intelligent , ganz anderer Kreis , ganz andere Anschauung . Wozu haben Sie diese Dame nötig ? « Zwei Tage darauf erschienen Adele und Marie im Haus » Zum grauen Ackerstein . « Wieder war es Abend . Aber die Wohnung war nicht leer und traurig wie bei ihrem letzten gemeinsamen Besuch . Alle Fenster schimmerten hell , und auf dem schmalen Korridor hörte man die Stimmen lebhaft sprechender Menschen . Josefine kam heraus , angeregt , den Kopf hoch , die Augen glänzend . Neugierig blickten die Schwestern in die halboffene Tür hinter ihr , drei oder vier Herren in eifriger Unterhaltung waren zu erkennen . » Ach , du hast wohl Besuch ? « sagte Adele in förmlichem Ton , » wir entziehen dich deinen Gästen . « » Kommt herein , wenn ihr wollt ! Es sind Kollegen - « Josefine stand da und blickte von einer der Schwestern auf die andere . Sie wehrten mit übertriebenem Schrecken ab . » Wir ? zu lauter fremden Herren ? Nein , das bringt nicht jede fertig ! « hüstelte Marie und versuchte ihrem weichen Gesicht einen strengen Ausdruck zu geben . » Wir wollten dich allein , Josy . « Josefine wendete sich ins Zimmer zurück . » Fräulein Helene , kann ich meinen Besuch in Ihr Zimmer führen ? Erlauben Sie ? « » Besuch ? Damen ? « scholl eine kräftige Stimme zurück . » Unmöglich ! eine schreckliche Wirtschaft bei mir . Alles voll Flickerei . « » Bernstein , kann ich in Ihr Zimmer ? « » Keineswegs ! keineswegs ! « Ein lautes Gelächter brach los . Zwicky kam zu Josefine hinaus , grüßte die Besucherinnen mit einem kurzen Kopfruck nach seitwärts und sagte , während das Blut ihm in die Stirn stieg : » Bei mir ist ' s leidlich , Frau Josy , die Damen begreifen schon , daß man arbeiten muß . « Und ohne sich weiter zu verabschieden , trat er trotzig den Rückweg ins Wohnzimmer an . » Verzeiht , « sagte Josefine lächelnd , » so ist ' s jetzt bei uns , aber der Zwicky hat immer eine gute Ordnung , hier herein , bitte . « » Wollen wir nicht lieber in dein Schlafzimmer - « Aber Marie fiel ihrer Schwester ins Wort . » Laß nur , Adele , dort ist wohl nicht geheizt , und ich huste immer noch . Wir sind ja auch nur gekommen - « » Hier ist Zwickys Bude , ich bringe sofort Licht , sitzt inzwischen . « Die beiden saßen im Dunkeln . Sie seufzten und beratschlagten . » Adele ! fang du an . « » Du hast herkommen wollen , Marie . Ich sagte und sage noch : vollständig hoffnungslos . « » Hat sie denn nit emal e Bedienung ? Das ist ' ne Wirtschaft . « » Bohême , meine liebe Marie . « » Sie sieht aber sehr gut aus . « » Find ich auch ! Sogar auf der Straße neulich . So jung ! « » In einer Studentenbude uns zu empfangen ! Unglaublich ! « Adele versuchte in der Dämmerung des Zimmers , das eine Glastür hatte , etwas zu erkennen . » Das ist wohl das frühere Wartezimmer . Ein hübscher Bursch , gelt ? « » Wer ? der Zwicky , meinst du ? hübsch wohl , flott , aber er grüßte kaum . « Josefine brachte die Lampe . Marie veränderte ihr Gesicht . Sie blickte sanft und kummervoll . » So sehen wir uns wieder . « » Wie geht ' s euch ? wie lebt ihr ? « Und etwas zurückgelehnt in den Stuhl , die Arme gefaltet , das Kinn gehoben , hörte Josefine den Bericht der Schwestern an . Ihre Augen wanderten an der Decke ; oft bemerkte sie , daß sie ganze Sätze nicht gehört hatte . Dann , gezwungen , mit fremdem , kühlem Lächeln , blickten sich von Zeit zu Zeit die drei fremden Schwestern ins Gesicht . Es ging ihnen wohl , sehr gut , ausgezeichnet , neue Geschäftsverbindungen mit Smyrna . » Denke nur , Josy , ja , Léon ist auch sehr befriedigt zurückgekommen , er ist so geachtet , aber ich habe nun schon ein Vierteljahr diesen nervösen Husten , eigentlich nur ein Kitzeln , ja , eigentlich nur das , aber es macht mich unglücklich , effektiv , und das ganze Haus , das ganze Haus wird dadurch ungemütlich ; denn wenn man nervös ist , kann man sich nicht so beherrschen , und es gibt ja immer etwas mit den Dienstboten - die täglich anspruchsvoller werden - und die Kinder - und dann in der letzten Zeit - « Marie wendete sich hilfesuchend nach Adele um , die schon ein paarmal ungeduldig dazwischenzufahren versucht hatte und nun steif aufstand , um sich auf das kleine Sofa zu setzen . » Entschuldige , Josefine , aber diese harten Stühle - ich möchte nicht korpulent sein , habe die dicken Leute nie beneidet , aber so harte Stühle kann man dann - nicht auf die Dauer - « » Ihr wolltet mir etwas Bestimmtes sagen ? « begann Josefine , während sie sich bemühte , Adele ein kleines abgenutztes Wollkissen hinter den Rücken zu schieben . Eine unangenehme Stille trat ein . Adele streckte ihre rechte Hand aus , die in dem neuen , faltenlosen Handschuh ganz wie von Holz aussah und berührte Josefines Arm . » Es gehen Gerüchte ! « sagte sie feierlich . Die Studentin blickte auf die hölzerne Hand und machte eine Bewegung , um sie abzuschütteln . Sie runzelte die Brauen . » Gerüchte bis nach Basel , « bekräftigte Marie . Und dann nach einer schweren Pause gedankenvoll : » Nein , das geht nicht ! Das geht nicht . « Adele fiel ein . » Josefine - es geht nicht . Du mußt Rücksicht nehmen . Die Tante Ludmilla aus Basel ist hier ! « Die Studentin lachte hell auf , ein lautes , zorniges Lachen wie ein Schrei . » Und der alte Schuhu soll mich schrecken ? Lebt sie immer noch ? « Und erbittert über alles Maß fügte sie hinzu : » Säuft sie noch so viel ? Betet sie noch immer , wenn sie nicht lästert oder flucht ? Uh ! Tante Ludmilla ! « Marie klemmte ihre Hände in einander . » Adele , « lispelte sie , » sag du - « Josefine ergriff Marie am Mantel . » Mia , es ist deine Erbtante , das hatte ich vergessen ! Verzeih - - « ihre Stimme klang schneidend , - » Gott , ich freute mich , als ich euch sah , aber ihr bleibt ewig dieselben ! « Adele erhob sich . » Geh zu deiner Männergesellschaft , die ist interessanter ! « » Ohne Zweifel , Adele ! « rief Josy herb , aber gleich , sich beherrschend , fügte sie hinzu : » Kommt mit hinein ! Seht euch meine Leute an , hört , was wir vorhaben ! Wir bereiten einen Verein vor für Gymnasiasten . Abstinenz . Zwicky ist Präsident - « » Zwicky heißt der hübsche Bursch ? « entfuhr es Adele . Josy blickte sie scharf an , sie verstummte und sah beiseite . » Du bist nun einmal eine Männerfreundin , Josy , « stichelte Marie . Josefine fixierte eine nach der anderen . » Wohl ! das bin ich ! Ihr nicht ? « Adeles Gesicht zuckte , ein unangenehmes Lächeln verzerrte es . » Ich hab ' s ja neulich selbst gesehen . « » Was , Adele ? was ? « » Man trifft dich überhaupt nur mit Männern ! « » Du kompromittierst dich und uns mit ! « winselte Marie . » Wodurch ? « Keine antwortete . Josefine biß die Zähne aufeinander . » Oh ihr ! « machte sie , » ihr ! « Und dann , mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung , bezwang sie sich noch einmal . » Kinder , « sagte sie in überlegenem Ton , » seid nicht so ungemütlich . Ich begegne euch , und ihr grüßt mich nicht . Ihr kommt zu mir und beleidigt mich . Seid ihr nicht zwei wüste Weiber ? « Sie umfaßte rechts und links eine der Schwestern und ließ dann plötzlich los . Sie prallten ein wenig zur Seite und schwankten wie vom Sturm geschüttelte , schlecht bewurzelte Bäume . Dazu schnauften sie vor Empörung durch die Nasen , und endlich begann Marie jämmerlich zu husten - sie wand sich , als müsse sie ersticken . Josefine wollte sie beruhigen , ihr erhitztes Gesicht streicheln , ihr heißen Tee bringen , aber sie tat nichts von alledem . Ihre Arme waren schlaff , ihr Kopf leer und müde , ihre Beine schwer ... Sie ließ Marie husten und stand abgewandt . Da trat Adele ihr ganz nahe . » Wenn ich es nur begriffe , « sagte sie hämisch , mit der Absicht , durch eine quälende Erinnerung zu verletzen , » hast du Ursache , die Männer uns vorzuziehen ? « Josefine wich zurück . » Sie sind besser gegen mich als ihr , « sagte sie mit Nachdruck auf jedem Wort , » sie sind mitleidiger und menschlicher . Sie erzählen mir nicht , was der Abhub auf der Straße