Bewegung wieder . Und da sehe ich , wie der Gedanke , daß das Gewaltsystem dem Rechtssystem weichen müsse , wächst und wächst und in immer höhere Kreise dringt . » Die Wogen müssen so hoch gehen , « sagte neulich Björnstjerne Björnson in einer Versammlung im Freien , vor einer Zuhörerschaft von zehntausend Menschen , » die Wogen des Friedensgedankens müssen so hoch gehen , daß sie bis in die ersten Stockwerke spritzen . « Ob sie bis zu einem Thronsaal dringen ? Die Leute behaupten , das sei unmöglich , denn die Throne ruhen auf der bewaffneten Macht . Aber was » behaupten die Leute « nicht alles ? Zu den neuesten Eintragungen meines Protokolls gehören die Versammlungen in Rom : die interparlamentarische Konferenz ( mit bewundernswerter Energie vorbereitet vom Kammermitglied B. Pandolfi ) und der dritte Weltfriedenskongreß . Offizieller Empfang auf dem Kapitol . Die beiden Körperschaften haben beschlossen , je ein Zentralbureau in Bern zu errichten . Der Gedanke nimmt immer mehr Gestalt an ; seine Vertreter organisieren sich . Das Umherflatternde ballt sich zusammen und verdichtet sich . So entstehen Planeten und ebenso - Institutionen . Kolnos , dem ich neulich mein Protokoll zeigte , sagte : » Sie tragen da zusammen , meine liebe optimistische Freundin , alles was in der Welt zu gunsten Ihrer Lieblingsidee geschieht , und lassen unverzeichnet , was zu deren Nachteil vorgeht . Ihre Sammlung umfaßt ein Zehntausendstel dessen , was tatsächlich gedacht , gesprochen und getan wird . Die übrigen 999 Tausendstel , von denen sagt Ihr Protokoll nichts - und die geben den Ausschlag . « » Ja , heute - aber später ? - Millionen Schneeflocken begraben das erste Veilchen im März ... wer gibt den Ausschlag ? Fragen Sie den Lenz : - das Veilchen . « » Optimistin ! « » Mit diesem Namen beleidigen Sie mich nicht . « » Das war auch nicht meine Absicht . « » Sie treffen mich aber auch nicht . Das Wort will sagen , daß man nur das Gute sieht und für alles bestehende Böse blind ist . Ich sehe beides - Ormuzd und Ahriman . Der Kampf der beiden dauert ja fort . In diesem Büchelchen sind aber nur die Ormuzd-Siege notiert - und da nur auf einem Felde ... er siegt ja noch auf so vielen anderen . Zum Beispiel hat er die Höhlenmenschen abgeschafft und an deren Stelle Kolnosse gesetzt . « » Ein magerer Gewinn , « gab mein Freund zur scherzenden Antwort . Seit jeher haben Bücher in meinem Leben die Rolle von Ereignissen gespielt . Wie haben in meiner Jugend Darwin und Buckle auf mich gewirkt , und vor kurzem noch Tolstoi mit seinem » Das Reich Gottes ist in Euch . « Weil ja solche Bücher mir als etwas noch ganz anderes sich offenbaren , denn als wissenschaftliche und literarische Erscheinungen : Fackeln sind sie mir , ganze , dunkle Gebiete plötzlich erhellende Fackeln . Und die sie schwingen : ganze Menschen , mit ganz lichterfüllten Seelen ... Vor einiger Zeit fiel mir eine Schrift in die Hand , die mir Ereignis - ein frohes Ereignis ward . Nicht so sehr , was der Verfasser darin schrieb , hat mich erschüttert , als daß er es schrieb ; daß einer den edlen Mut hatte - möge es ihm auch seine Stellung kosten - das hinauszurufen , was seinen nach Wahrheit dürstenden Geist erfüllt . Nur ein dünnes Heftchen : » Ernste Gedanken « von Moritz von Egidy . Das Aufsehen war groß . Egidy , Oberstleutnant bei den Husaren im preußischen Dienst , hat seinen Abschied erhalten . Und nun - wird er die Kraft dazu haben ? - will er sich ganz der Aufgabe widmen , das auszubauen - in sich selber und für die Mitwelt , was er als Heilslehre in die Worte zusammenfaßt : » Religion nicht mehr neben dem Leben - unser Leben selbst Religion . « In rascher Folge kam nun eine Schrift nach der andern . Er zieht immer mehr die Konsequenzen seiner ersten Ideen ; der Horizont der Gedanken weitet sich , das » Ernste Wollen « ward immer inbrünstiger . Es ist eine Lust , daß solche Menschen leben . Jubeln wollte ich , daß - - Lust , Jubel ? habe ich , die Beraubte , diese Worte niedergeschrieben ? Gibt es denn noch für mich die Möglichkeit , zu frohlocken ? Drängt sich nicht gleich zu jeder freudigen Regung der trübe , dämpfende Gedanke : Er ist nicht mehr da , die Freude zu teilen ... Möge die Welt auch noch so herrlich sich gestalten , mögen Schätze und Wonnen , wie aus Füllhörnern , über sie sich ergießen : die schwarze Leere , in die mein Liebstes versunken , für mich bleibt sie leer und schwarz ... ein Abgrund ohne Boden . Wie man einen Stein in die Tiefe wirft , um zu lauschen , wann er auf den Boden fällt , so lasse ich manchmal meine Empfindungen - Kummer und Freude - in jenen Grabesabgrund fallen und horche hin ... » Friedrich - was sagst Du zu diesem Egidy ? « - Nichts . Stumm - auf ewig . » Liebe Martha , « sagte mir neulich eine alte Cousine , » ich begreife Dich nicht ... immer finde ich Dich in Zeitschriften und Bücher vertieft und alles Neue , was in der Welt auftaucht : Dichtungen , Erfindungen , Bewegungen - das greifst Du auf und erwärmst Dich dafür , auch wenn es noch so illusorisch ist . - Dabei behauptest Du doch , Du hättest mit dem Leben abgeschlossen . Woher dieser Widerspruch ? In unserem Alter hat man ja auch mit dem Leben abgeschlossen , selbst wenn man keinen solchen Trauerfall erlebt hat wie Du . Da hat man doch nur mehr ein Interesse : das Schicksal seiner Kinder und Enkel . « Meine gute Cousine ist siebzig Jahre alt und ich höre es gar nicht gern , wenn sie mir , der um ungefähr zwanzig Jahre jüngeren , sagt : » in unserem Alter « . Zudem kümmert sie sich - nebst ihren Kindern und Enkeln - noch gar lebhaft um gar mancherlei Dinge , als da sind : Bekehrung kleiner Neger und Chinesen ; die Wunder von Lourdes ; die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes und dergleichen mehr . Darauf wies ich in meiner Entgegnung hin . » Ja , « sagte sie , » die Relichion ( unsere besonders Frommen sprechen das Wort so aus ) , das ist etwas anderes . « » Meinst Du ? Ich meine , es ist dasselbe ... es ist nämlich der Drang , für etwas Größeres , Höheres zu fühlen und zu wirken als für die nächstliegenden eigenen , oder der eigenen Kinder Interessen . « » Aber , liebes Kind ( à la bonne heure , das höre ich lieber als in unserem Alter , wie kannst Du nur vergleichen - der eitle , irdische Tand und die ewige Seligkeit ? ! « Ich sprach von etwas anderem . Gerade so , wie ich es in meiner Jugend mit Tante Marie zu tun pflegte , wenn sie das Thema » Bestimmung « zu variieren begann . Die Cousine hätte mich doch nicht verstanden , wenn ich ihr hätte auseinander setzen wollen , daß es das gleiche Streben nach Seligkeit , nach Erlösung , nach dem » Heil « ist , was diejenigen erfüllt , die für Ideen , Erfindungen , Bewegungen sich erwärmen , von denen sie das Paradies schon diesseits erhoffen , oder doch wenigstens die Überwindung des Jammers , der - auch schon hienieden - eine Hölle schafft . Das ist doch nicht minder » Relichion « . Ach , daß ein und dasselbe Wort oft so verschiedene Dinge bedeutet ! Das macht die Verständigung so schwer ; das ist daran schuld , daß einer dem anderen so oft unrecht tut . Religion heißt auch das : inbrünstig die Verpflichtung fühlen , für das Gute , das Rechtschaffene , das Heilige einzustehen . Sich mit der Seele anklammern an alles , was von ewiger Schönheit , von lichter Klarheit , von ehrfurchtgebietender Größe erfüllt ist . Und das Gegenteil von alledem , das Häßliche , Finstere , Niedrige - vor allem das Grausame - bekämpfen , wo nur immer möglich . Wenn man noch dazu durch Wort und Eid gebunden ist ( habe ich nicht geschworen , Friedrichs Aufgabe zu übernehmen ? ) , da hat man doppelt religiös zu sein , gerade so , wie ein vom Klostergelübde gebundener Gläubiger doppelt fromm sein muß . Und so verfolge ich alle Phasen der Friedensbewegung und bleibe - mit Rudolf und durch Rudolf mit allen Bekämpfern des Krieges in steter Berührung : das ist meine Betschwesterschaft . Die Post brachte mir heute diesen Brief : » Berlin , 12. 1. 92. Ihr Name wird unter den Vertretern einer Bewegung genannt , die die Menschheit nach oben , das Christentum seiner Erfüllung entgegenführen soll . Ich halte es für meine Pflicht , mich Ihnen respektvoll zu nahen und Sie zu bitten , mich als einen derer anzusehen , die mit ganzer Kraft für die höchsten Bestrebungen eintreten . Jede Faser meines Daseins gehört dem Aufbau eines Reiches Gottes auf Erden , gehört dem Werden des Christentums . Es begreift dies alle Bestrebungen guter Menschen . Ich bin durchglüht von Idealismus , bin aber kein Phantast - Sie haben es mit einem Menschen zu tun . Unerschrocken , aber auch unbeirrt werde ich die Wege weitergehen , die mir vorgezeichnet sind . Je umfassender unser Vorgehen ist , desto wirksamer ; je entschlossener , desto heilbringender ; je gleichzeitiger auf der ganzen Linie , desto durchgreifender der Erfolg . Jetzt also muß etwas werden . Ich lebe der festen Überzeugung ( das Wort Glaube wäre mir nicht genug hierfür ) , daß wir vor dem Tore stehen , das uns ebensowohl davon trennt , wie uns einführt in das Zeitalter der Vervollkommnung . Die Klinke mit kraftvoller Hand zu ergreifen , scheint mir die Berufung aller derer , denen Gott die Fähigkeit dazu gab . M. v. Egidy , Oberstleutnant a. D. « Diese unerwartete Botschaft erschütterte mich freudig . Ja , es will und es wird etwas werden . Nur kräftig an jener Klinke gerüttelt und das Tor geht auf . XIV Zwei Tage nach dem kleinen Diner traf Sylvia wieder mit Hugo Bresser zusammen . Diesmal in Marthas kleinem Empfangssalon . Als sie eintrat , in der Absicht , wie sie es oft tat , ein Vormittagsstündchen mit ihrer Mutter zu verplaudern , fand sie diese in Gesellschaft Rudolfs und Hugos . Letzterer sprang auf , um sich vor der Eingetretenen zu verneigen . Es lag Verwirrung in seiner allzu raschen Gebärde , in seinem blaß und rot werdenden Gesicht . Oder schien es Sylvia nur so - und vielleicht nur darum , weil sie selber etwas wie Verwirrung empfand ? Keine unangenehme - im Gegenteil ... Sie umarmte ihre Mutter , schüttelte den beiden jungen Männern die Hand und setzte sich . Bresser wollte sich nun empfehlen . » Nein , nein , warum nicht gar , mein Lieber , « widersetzte sich Baronin Tilling , » bleiben Sie doch ! Wir drei sind oft genug miteinander allein - und Sylvia wird gewiß auch gern in unser Gespräch eingreifen , gerade da , wo wir es unterbrochen haben . « » So ? Wovon spracht Ihr denn ? « Hugo , indem er sich auf seinen früheren Platz wieder niederließ , antwortete : » Wir sprachen vom Dichterhandwerk . Die Herrschaften - - wie das so üblich , wenn z.B. der Kaiser auf dem Industriellenball Cercle hält - haben leutselig die Unterhaltung auf mein Fach hinübergelenkt . « » Das ist eine falsche Darstellung , Bresser ! « rief Martha . » Rudolf sprach ein Langes und Breites über die Weltlage , über den Drang , den er empfindet , da handelnd einzugreifen und Sie waren es , der dagegen die Behauptung aufstellte , daß man die Welt nicht umformen könne , bis sie nicht umgedichtet sei , und damit war das Gespräch bei der Dichtkunst angelangt . « » Das ist ja im Grunde dasselbe Thema , « bemerkte Sylvia , » das von denselben Streitern an jenem Gewittertage - « Sie stockte errötend . Hätte sie von dem Tag reden sollen und zeigen , daß sie sich so genau erinnerte an alles , was damals getan und gesagt worden ? Hätte sie sich dem Dankesblicke aussetzen sollen , der sie jetzt aus Hugos Augen traf ? Sie zog ihre Hand aus dem Muff und atmete an dem halbwelken Veilchensträußchen , das darin verborgen gewesen . Jetzt nahm Rudolf das Wort : » Ich erwiderte , daß die Kunst keine Kultur-Umwälzungen hervorbringen kann . Eine Gegend wird verwandelt durch vulkanische Erschütterungen , durch hereinbrechende Fluten - aber nicht durch Blumenzucht . « » Blumenzucht ! « rief Bresser . » Als ob die Kunst ein so harmlos-heiteres Spiel wäre - als ob nicht auch sie mitunter so glühend wie Lava aus den Tiefen der Menschenseele strömte ... « Lachend fiel Baronin Tilling ein : » Sie sind doch nicht exaltiert ... Wenn ich denke , was für ein natürlicher , nüchterner , beinahe trockener Mann mein alter Freund , Ihr Vater , ist ! « - Absichtlich goß sie diesen kleinen Wasserstrahl auf Hugos feurige Art. Sie hatte beobachtet , wie bewegt ihre Tochter ihn angeblickt und erinnerte sich der Mitteilung , die ihr Rudolf an Sylvias Hochzeitstag gemacht : Hugo sei abgereist , weil er Sylvia liebte . » Sie finden mich überspannt , gnädigste Baronin ? Darf man denn bei meinem Berufe ganz nüchtern sein ? Mein Vater ist Arzt und ich bin - - daß es doch für unseren Kunstzweig keinen bescheidenern Namen gibt ! Es kann einer ohne Anmaßung von sich sagen : ich bin Bildhauer , bin Musiker ... aber ich bin Dichter , klingt so eingebildet - denn das Wort bedeutet nicht allein die Ausübung , es drückt schon die sieghafte Bewältigung dieser Kunstgattung aus ... und weil ich davon so weit , ach so weit bin , darf ich mich wohl nicht Dichter nennen - sagen wir : Wortziselierer , Traumbändiger - - « » Bändiger ist auch ein siegreicher Begriff , « sagte Sylvia . » So nehme ich auch diese Bezeichnung zurück . Es ist ja richtig : die Träume unterwerfen eher mich als ich sie ... Bilder , Gestalten drängen sich mir auf ... sie rufen nach Ausdruck - sie lassen mich nicht , ehe ich sie aufs Papier gebannt ... « » Und so sind Sie denn daran , die Welt umzudichten ? « » Absichtlich ? Planmäßig ? Nein . Der Genius der Kultur baut die Welt von selber um - er zwingt nur die Künstler , ein paar Bausteine zuzutragen , ohne daß sie es wissen . « » Von selber geschieht gar nichts , « warf Rudolf ein . » Als ich noch Publizist war und plante , eine große Zeitung zu redigieren , da hatte ich auch so etwas im Sinne , wie Sie , Graf Dotzky : auf die Welt reformierend einzuwirken . Das ist mir , seit ich mich der Dichtkunst , der lyrisch und dramatisch schaffenden , hingegeben habe , ganz verloren gegangen . Vielleicht auch deshalb , weil ich das leidige Zeitungslesen aufgegeben habe , mich um die Tagesereignisse gar nicht kümmere und mich in die Dichterwerke der alten und neuen Zeit vertiefte . Da hat sich eine ganze Phantasiewelt um mich aufgebaut , bevölkert von tausend Gestalten : Götter , Helden , Könige , Feen , Heilige . - Gestalten , die den Köpfen von Homer , Dante , Shakespeare , Corneille , Goethe entstiegen sind . Von den neueren und neuesten gar nicht zu reden - und ich habe alle Modernen gelesen , auch die Russen und Skandinaven . Und da sind es nicht allein die erdichteten Geschöpfe , die mich gefangen nehmen - da ist es auch die technische Seite der Dichtung - der Stil , die Musik der Sprache , das Virtuosentum auf dem Instrument des Worts ... das ist ' s , was mich entzückt und was mir anzueignen mich als leidenschaftlicher Kunstehrgeiz erfüllt . Schönheit , Schönheit : die erscheint mir als die höchste Offenbarung unseres Genius ... und was man der Schönheit abzuringen vermag , das bereichert , das veredelt uns selber und unser ganzes Geschlecht ... Auf diese Art kann auch der einzelne Künstler , wenn er nur seine liebende Kraft anstrengt , wirklich den Schatz der Kultur vermehren , wirklich das eigene Gehirn und die Gehirne der Mitwelt feiner modeln und so an dem Entwicklungswerk des Menschengeistes helfend mitschaffen - besser als durch alle politischen und ökonomischen und sozialen Spekulationen und Maßregeln . Es ist nicht zu sagen , welche Gleichgültigkeit , um nicht zu sagen Verachtung , mich über all das kleinliche Getriebe erfaßt hat ... man sehe doch - in dem sogenannten öffentlichen Leben - die Enge der Interessen , die Flachheit ihrer Vertretung , die Häßlichkeit und Gemeinheit der Kampfweise . Ästhetisch - in der Politik - wirken höchstens die Gewaltmenschen , daher der Kultus für einen Napoleon oder einen Bismarck - - « Rudolf schlug sich auf die Stirn : » Sie haben mir da einen neuen Horizont eröffnet , Bresser ... Politiker und Künstler geringschätzen sich gegenseitig . Sie verstehen einander nicht . Ihre Gebiete sind zu getrennt . Ich sehe aber , daß sie sich verschmelzen sollten : als oberstes Prinzip hat - nicht nur in den Künsten - hat auch in der Lebenskunst , in der Regierungskunst die Schönheit erkannt zu werden . Und was die Lenker der Völkergeschicke leiten sollte , das müßte auch Begeisterung - nicht Berechnung sein . « Martha warf ihrem Sohn einen dankbaren Blick zu . Jetzt wurde neuer Besuch gemeldet . Es war Graf Kolnos . Nachdem er alle begrüßt und sich gesetzt : » Ich bin gekommen , um - nein , noch nicht , um Abschied zu nehmen , aber um mein baldiges Verschwinden anzukündigen . Mich packt wieder einmal meine Reisewut . « » O weh , « rief Martha , » da bleiben Sie uns wieder auf ein , zwei Jahre verschollen - Sie sind ein so unmäßiger Reisender - und ich entbehre Sie schwer so lange ... Wohin diesmal ? « » Diesmal nach Indien - dort war ich noch nicht . Vielleicht auch einen Abstecher nach Japan . « Sylvia lachte . » Abstecher ist gut . « » Willst Du mitkommen ? « wandte er sich an Rudolf . Dieser schüttelte den Kopf . » Doch warum frage ich ? Wenn man Weib und Kind hat und Mutter und Schwester , so hat man nicht diese exotischen Gelüste , nicht die Fernensehnsucht , die mich Einsamen alle paar Jahre packt , sogar noch jetzt in meinen alten Tagen . Wenn ich so recht müde geworden bin von dem hiesigen Einerlei , von dem Tritsch-Tratsch der Gesellschaft und dem Quitsch-Quatsch der Politik , da muß ich mich erfrischen in ganz fremder Landschaft , unter Menschen , die nichts von uns wissen , wie ich nichts von ihnen weiß . Da lese ich keine europäische Zeitung , da gebe ich niemand meine Adresse , damit man mir von zu Hause ja nicht schreiben könne , was es Neues gibt . « Kolnos blieb nur kurz . Er versprach , am selben Abend zu Martha in Tete-a-tete speisen zu kommen . » Ich muß Sie vor Ihrer Europaflucht noch tüchtig genießen , « hatte sie ihm gesagt . » Sie gehören zu den wenigen Menschen , deren Existenz mir eine Wohltat ist - Ihnen kann ich immer alles sagen , was ich auf der Seele habe . « Kaum war Kolnos gegangen , als wieder neuer Besuch eintrat - ein Besuch , der gleich fünf Mann hoch war : Exzellenz Gräfin Ranegg mit vier Töchtern . Diese Gelegenheit benützte Bresser , um sich neuerdings zu empfehlen , und Martha hielt ihn nicht mehr zurück Raneggs gehörten zu den nächsten Gutsnachvaren von Brunnhof und die Familien verkehrten sehr lebhaft miteinander . Zur Zeit , als Sylvia ihre Hochzeit feierte , war Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern auf einer Italienreise begriffen gewesen , sonst hätten die vier schönen Schwestern sicherlich als Brautjungfern fungiert . Diese Mädchen nebeneinander zu sehen , war wirklich ein ästhetischer Genuß . Alle vier von hohem , schlankem Wuchs , von vornehmer und dabei natürlichster Anmut im ganzen Wesen . Die älteste , Cajetane , dreiundzwanzigjährig , hatte feingeschnittene regelmäßige Züge , dunkles Haar und schwarze Augen ; die zweite , Christine , um drei Jahre jünger , war kastanienbraun mit lebhaft-schalkhafter Kaprizenphysiognomie , und die beiden jüngsten , die achtzehnjährigen Zwillinge Ella und Bella , einander zum Verwechseln ähnlich - waren hellblond mit sanften Blauaugen und Madonnengesichtchen . Die Zwillinge waren immer gleich gekleidet , die zwei älteren verschiedenartig , alle vier mit höchster Einfachheit . Das in hohem gesellschaftlichem Ansehen stehende Paar Ranegg - er bekleidete eine der ersten Hofchargen , sie war eine geborene Fürstin - besaß außer diesen reizenden Töchtern noch zwei wohlgeratene Söhne , beide im Militärdienst . Der ältere , noch nicht ganz dreißig und schon Ulanenrittmeister , der andere , im vergangenen Sommer ausgemustert , Leutnant bei den Dragonern . In Wien sahen sich die beiden Frauen - Martha und Gräfin Ranegg - eigentlich nur selten , denn während die erste sehr zurückgezogen lebte , machte die andere ihren Töchtern zuliebe alle Unterhaltungen der großen Welt mit : Hof- und Kammerbälle , adelige Picknicks , erzherzogliche und aristokratische » on dansera « , Amateurtheater und Wohltätigkeitsbazare ... desto öfter sah man sich auf dem Lande . Für Martha war es immer eine Herzensfreude , mit dieser Familie zusammenzukommen , besonders in deren eignem Heim . Das Leben dort bot nach jeder Richtung das Muster glücklichen und harmonischen Menschenloses . Genügender Reichtum , glänzende soziale Stellung , gegenseitige Anhänglichkeit , ein heiteres Dahinfließen der Tage in regelmäßigen Beschäftigungen : musizieren , lesen , sticken , malen , reiten , gemeinsame Spaziergänge und Spiele . Die Mädchen , so jung sie waren , zogen dieses Landleben dem Wiener Aufenthalt vor . Das Mitmachen der Wintervergnügungen war für die Schwestern Ranegg mehr die Erfüllung einer Standespflicht , als wirkliches Vergnügen . Im Mai , wenn die weltliche Nachsaison ihre höchsten Wogen schlug , waren sie schon immer voll Ungeduld , Wien zu verlassen , um in ihr geliebtes Raneggsburg zurückzukehren , das sie im Schmuck des Flieders und der blühenden Kastanien besonders anzog . Und wenn es Winter wurde , schoben sie die Übersiedlung nach Wien so weit als möglich hinaus . Sie liebten es , auf dem zugefrorenen Schloßteich Eis zu laufen und die langen Abende um den Familientisch zu verplaudern , jede mit einer Handarbeit beschäftigt . Vor Weihnachten wollten sie um keinen Preis fort , das Fest mußte in Raneggsburg gefeiert werden , mit dem großen Christbaum im Billardsaal , mit Bescherung für die Dorfkinder und Beschenkung aller Dorfarmen mit selbstgestrickten warmen Unterkleidern und Tüchern . Martha unterhielt sich sehr gern mit Gräfin Ranegg , deren Altersgenossin sie war . Zwar hatten sich die beiden in ihrer Jugend nur sehr flüchtig , beinahe gar nicht gekannt - erst durch die Nachbarschaft zwischen Brunnhof und Raneggsburg waren sie einander seit einigen Jahren so nahe gekommen - , dennoch sprachen sie mit Vorliebe von alten Zeiten miteinander , von den Begebnissen , Sitten und Anschauungen , die in der Welt herrschten , als sie jung waren . Gräfin Ranegg war in ihren Gesinnungen viel konservativer als Martha , wenn gleich sie viel liberaler dachte , als die Mehrzahl ihrer beiderseitigen Standesgenossinnen . Auf halbem Wege kamen sie sich entgegen ; die etwas kühnen Ideen Marthas berührten die andere sympathisch , und das völlige Gleichgewicht des gediegenen , toleranten , vornehmen Wesens der Gräfin Ranegg übte trotz der Grundverschiedenheit der Ansichten auf Martha einen eigenen Reiz ; es lag etwas so Beruhigendes und Harmonisches darin , - wie in allem , was aus einem Gusse und dabei aus edlem Stoffe ist . Mit aufrichtiger Freude ging Martha der Eintretenden entgegen : » Ah , sieht man Euch endlich wieder , ihr mondänen Geschöpfe ! « Die vier Mädchen küßten Martha die Hand . » Ja , mondaines sind wir , « seufzte Gräfin Ranegg , » gestern Ball bei Pallavicini , heute bei Erzherzog Ludwig Viktor , morgen im Ministerium des Äußern ... Es ist eine wahre corvée . « » Nun , nun , es macht Euch doch Vergnügen , « sagte Martha , » das heißt den Kindern ... das Los der Mütter ist auf Bällen freilich kein beneidenswertes . « Die Mädchen waren mit Sylvia und Rudolf in eine andere Ecke des Zimmers gegangen , wo sie sich laut und eifrig unterhielten , sodaß die beiden älteren Damen miteinander sprechen konnten , ohne von den anderen gehört zu werden . » Ich kann Dich versichern , « sagte Gräfin Ranegg , » nicht nur für Mütter , auch für die Töchter ist jetzt in unserer Welt nicht viel Vergnügen zu finden ... « » Ja , « bestätigte Martha , » das habe ich an Sylvia auch erfahren ... die moderne junge Herrenwelt ist gar so , ich weiß nicht wie ich sagen soll ... « » Sag ' ihr eigenes Lieblingswort : fad . Erinnerst Du Dich zu unserer Zeit , welch ein Unterschied - wie wurde da den jungen Mädchen der Hof gemacht , was doch - seien wir aufrichtig , was doch die Würze der weltlichen Vergnügungen ist . Geflirtet muß werden oder , wie man früher sagte , Passionen müssen entbrennen ... Das hat alles aufgehört . Unsere jungen Männer verlieben sich nicht mehr - wenigstens nicht in unsere Mädchen . « » Nein , in Bühnenprinzessinnen , « schaltete Martha ein . Gräfin Ranegg fuhr fort : » Und zum Tanzen - da muß man die jungen Leute ordentlich zwingen . Dabei sind die meisten , deren man doch habhaft wird , so uninteressant , so langweilig , so gar nicht bei der Sache ... Sie tanzen ein paar Touren , weil es sein muß , oder tanzen auch nicht . Und zu den Soiréen sind sie einfach gar nicht zu haben . Wieviel solche haben wir schon mitgemacht , wo wir fast nur Frauen waren - ein paar alte Diplomaten und Generäle ausgenommen . Auf den Bällen gibt es zwar männliche Jugend , aber die wird hinkommandiert - die Mehrzahl der Tänzer besteht aus den ganz Jungen : Gymnasiasten , Theresianisten . Väter , Mütter , Töchter und Flaumbärte : das ist das Kontingent unserer Ballsäle . Auch junge Frauen sieht man da wenig - die haben ihre Diners und Spielpartien - dort verkehren auch unsere Herren lieber - - « » Vielleicht wird die Sitte des Tanzens ganz aussterben , « sagte Martha . » Es ist schon einmal so - die Welt verändert sich . « » Leider ! « » Ich sage nicht leider . Platz dem Neuen ... Und so langweiligen sich Deine Töchter ? « » Langweilen ? O nein ... hörst Du , wie sie dort mit Deinen Kindern lachen - sie sind , Gott sei Dank , stets so guter Laune . « » Wie geht es Deiner Mutter ? « » Danke - nicht gar gut . Sie spürt ihre fünfundachtzig Jahre ... Wir sind sehr viel bei ihr ... jeden Abend bringt eine oder die andere von den Mädchen bei ihr zu - und oft streiten sie , welche von ihnen den Vorzug haben kann , statt auf den Ball , zur Großmutter zu gehen . Jetzt aber « - Gräfin Ranegg stand auf - » müssen wir wieder fort ... Kinder , kommt ! « » Das war ein kurzer Besuch ! « » Wir haben noch ungefähr siebzehn Visiten zu machen . - Wenn das keine corvée ist ! Nächstens will ich übrigens auf einen ganzen Nachmittag zu Dir kommen - auf einen ordentlichen Plausch . « » Tu ' das ! Wir hätten uns so viel zu erzählen . « Nachdem sich die Tür hinter den Besucherinnen geschlossen hatte : » Diese Familie ist mein Kreuz , « rief Rudolf . » Ein wahrer Jammer ! « » Aber , aber ! « machte Martha vorwurfsvoll , » wie kannst Du so etwas sagen ? Ich kenne keine lieberen achtungswerteren Menschen . « » Das ist ja eben der Jammer ... Soll ich Dir das erklären ? « » Ja , da wäre ich neugierig . « » Nun denn : Ich erinnere mich , einmal dem Gärtner den Befehl erteilt zu haben , einen gewissen Baum umzuschlagen , dessen Stamm hohl war . Beim nächsten Sturm konnte er umfallen und dabei vielleicht Schaden anrichten , also war es besser , ihn gleich zu fallen . Und während ich das Todesurteil sprach , blickte ich in die Krone hinauf und sah da ein Vogelnest , aus dem die Jungen die Hälse streckten und das die Alten umkreisten . Lassen wir ' s , - sagte ich zum Gärtner - vielleicht hält der Baum noch den ganzen Sommer aus . - Verstehst Du , was ich meine ? So stehen wir sogenannten Reformatoren auch vor morschen Gesellschaftsordnungen und meinen , es müßte da die Axt angelegt werden ; in dem Laubwerk aber , das den hohlen Stamm krönt , da haben sich die lieben , glücklichen Vöglein ihre Nester gebaut . Ihre ganze Existenz ist an die Existenz des Baumes gebunden - was liegt ihnen an der innern Fäulnis des Holzes , solange die Blätterfülle ihres Astes grünt