diese Nachricht nicht sonderlich beunruhigt zu sein . Entweder sie war wie gewöhnlich mit ihren Gedanken wieder weit ab , oder sie glaubte , dass Lena bei Strehsens essen würde , wie dies schon öfter vorgekommen war . Ohne von der Arbeit aufzublicken , sagte sie gleichmütig nichts als : » Bist Du zum Abend zurück ? « Und als Lena jetzt selbst etwas von Strehsens murmelte und meinte , es könne Mitternacht werden und sie möge nur ja nicht auf sie warten , schwieg Lotte ganz . Sie würde auch geschwiegen haben , wenn sie die Wahrheit gekannt hätte . Ihr eigenes Gewissen war so schwer belastet , dass sie sich innerlich gar nicht berechtigt fühlte , Lena Vorhaltungen zu machen . Lena , der man im Grunde keinen besonderen Hang zur Pünktlichkeit nachrühmen konnte , war heute auf die Minute zur Stelle . Gleich nach ihr kam Bornstein , ein paar prachtvolle Maréchal-Niel-Rosen in der Hand . Das war eine Wiedersehensfreude ! Selbst Lena , die nicht das geringste Talent für Zärtlichkeiten hatte , wurde ganz warm . Wenn sie sich nicht gerade mitten im Getümmel der Friedrichstrasse begegnet wären , hätte Bornstein heut aus Lenas übermütiger Freude heraus vielleicht seinen ersten Kuss bekommen . Sie bestiegen ein schon halb besetztes Coupé zweiter Klasse und fuhren nach kurzer Debatte bis nach Potsdam hinaus . Lena war anfangs mehr für Wannsee gewesen , das ihre Kolleginnen ihr stets in den blühendsten Farben geschildert hatten , aber Bornsteins feierliche Versicherung , dass man um diese Jahreszeit in Potsdam jedenfalls besser essen und trinken würde , hatte schliesslich den Ausschlag gegeben . Es war ein völlig sommerwarmer Tag , dieser erste März . Ein reiner wolkenloser Himmel blaute über den kahlen Feldern , den Kiefernwaldungen und langgestreckten Ortschaften , durch die sie dahin fuhren . Lena war in den fünf Monaten , in denen sie in Berlin war , noch nicht über Charlottenburg hinausgekommen , und auch das hatte sie nur von der Berliner Seite aus besucht . So machte ihr schon die Eisenbahnfahrt einen Riesenspass . Die Sport-Etablissements auf dem Kurfürstendamm , Charlottenburg von einer Seite , von der sie es noch gar nicht kannte , das auf dem Amt so viel besprochene Halensee , der Grunewald mit seinen prächtigen Seen , die heut im Sonnenschein , umstanden von ihrem immergrünen Kiefernkranz , einen fast hochsommerlichen Eindruck machten , alles entzückte sie . Grosse Pläne schmiedete sie während der Fahrt für den Sommer . Jede Woche mindestens einen Ausflug in den Grunewald und die Potsdamer Gegend , und Sonntags ! Ach , Sonntags erst ! Sonntags würde sie dann frei sein , ganz frei , vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht . Bornstein hatte seine streitbare Miene aufgesetzt . Mit dem Grunewald solle sie ihn nur gefälligst in Ruhe lassen . Das sei alles nichts gegen Dahlow . Sie würde ja sehen , wenn sie sich endlich entschlösse . Lena sah ihren Begleiter einen Augenblick lang halb nachdenklich , halb schelmisch von der Seite an . Dann sagte sie zögernder als es sonst ihre sicher zugreifende Art war : » Ueber Dahlow möchte ich bei Tisch was mit Ihnen bereden , Herr Bornstein - « Bornstein zwinkerte vergnügt zu ihr hinüber , und sagte nichts weiter , als » hm , hm « . Bei sich dachte er : » Na , hoffentlich wird die kleine Krabbe endlich ' mal Vernunft annehmen ! « Auf dem Bahnhof in Potsdam liessen sie sich einen kleinen Imbiss geben , dann wurden in einem Fiaker die Stadt und die königlichen Gärten , so weit sie für Fuhrwerk zugänglich waren , durchfahren . Sanssouci , auf das Lena sehr gespannt war , wollte Bornstein ihr absolut nicht zeigen , damit wollten sie warten , bis es wirklich Frühjahr war und der Flieder blühte . Lena verzog den Mund , aber sie fügte sich . Bornstein war ein zu liebenswürdiger Kavalier und meinte es zu gut mit ihr , als dass sie einer solchen Kleinigkeit wegen hätte ihren Kopf aufsetzen sollen . Bei ihrer Vorliebe für grosse Wasserflächen , die ihr auch den Wunsch , Wannsee aufzusuchen , so besonders rege gemacht hatte , wurde sie bei dem Ausblick , der sich ihr auf der Glienicker Brücke bot , für das versagte Sanssouci vollauf entschädigt . Nein , wie das schön war ! Und wie viel man von diesem herrlichen Punkt aus übersah ! Da lag ja auch Babelsberg , wo der alte Kaiser Wilhelm gewohnt hatte . Tief grün leuchtete die breite Rasenfläche bis zur Schlossrampe hinauf . Lena erinnerte sich des alten Kaisers noch ganz gut von einem Kaisermanöver in der Nähe von Gross-Klockow her . Der Vater hatte sie und Lotte auf einem alten Jagdwagen des Barons mit in das Manövergelände genommen , und ein glücklicher Zufall hatte sie ganz nahe zu der Stelle gebracht , wo der alte Kaiser mit seinem Stabe hielt . Sie erzählte Bornstein die kleine Episode ; dabei gingen ihre strahlenden Augen lebhaft über das schöne Landschaftsbild hin und her , das von der Sonne goldhell beschienen vor ihnen lag . Bornstein musste ihr alles erklären . Schloss Glienicke - Babelsberg gegenüber - das früher Prinz Karl , der Bruder des Kaisers , bewohnt hatte . In schräger Richtung davon , auf dem anderen Havelufer , Sakrow . Vor ihnen , wenn sie den Weg am Ufer links hinunter verfolgten , die kaiserliche Matrosenstation ; drüben , wiederum weiter nach links , von der Havel aus landeinwärts , die Türme des Pfingstberges . Lena hätte am liebsten all diese Punkte noch heute besucht , aber Bornstein trieb zu Tisch . Als er sie daran erinnerte , dass es Essenszeit sei , verspürte auch sie starken Appetit . So schlenderten sie Arm in Arm zu dem offenen Wagen zurück , der diesseits der Glienicker Brücke nächst der Haltestelle der Pferdebahn auf sie wartete . Sie beschlossen , irgendwo im Freien zu speisen und lobten diesen Märztag , der ihnen mit seinem Sonnenschein die Stunden zu echten Festtagsstunden machte . Der Kutscher fuhr sie zu einem Restaurant , in dem man , wie er versicherte , sehr fein , und auch im Freien speisen könne . Er würde so noblen Herrschaften doch ganz gewiss nur das Beste empfehlen . Im Freien sassen sie zwar , aber das Diner war nicht das , was Max Bornstein für Lena gewünscht hätte . Ihre heitere Laune liessen die beiden sich aber dadurch nicht stören . Es wäre auch schwer gewesen , heute in Lenas Gesellschaft nicht heiter zu sein . Allerliebst sah sie aus in ihrer weissen Wollblouse und dem kurzen schwarzen Rock , dem kecken schwarzweissen Hütchen und den chiken Stiefeletten . Dabei hatte sie eine Art zu plaudern und zu lachen , die Bornstein vollends den Kopf verdrehte . Das war so die Freundin , wie er sie sich immer gewünscht , aber trotz seines tollen Lebens noch niemals gefunden hatte , halb Dame , halb Grisette . Donnerwetter , mit der würde er es sein ganzes Leben lang aushalten , Was besseres wünschte er sich gar nicht . Fast niemals launisch und immer fidel , mehr pikant als schön , nie langweilig , und gesund vom Scheitel bis zur Sohle , gesund auch in ihren schlechten Eigenschaften , in ihrem Egoismus und ihrem Eigensinn . Wahrhaftig , Bornstein hätte in dieser Stunde nicht übel Lust gehabt , Lena um ihre Hand zu bitten . Es ging niemand Andern etwas an , wen er heiratete , und für seine Lebensanschauung wäre sie die beste Frau der Welt gewesen . Auf Bildung pfiff er . Er wusste am besten , dass es mit seiner eigenen auch nicht weit her war . Und um ihn direkt zu blamieren , dazu war der kleine Racker viel zu klug . Na aber , es brauchte ja nicht gleich heute zu sein . Ein bischen überlegen konnte man ja die Sache noch . So ganz ohne Bedenken war sie am Ende doch nicht . Dabei fiel ihm ein , dass Lena über Dahlow hatte mit ihm sprechen wollen . Donnerwetter , das hätte er beinahe vergessen ! Noch besser , eine Konjunktur zu verschlafen , auf die man so lange gewartet hatte ! - Indem er sein Sektglas gegen sie aufhob , sagte er schmeichelnd : » Na , Kätzchen , Du wolltest mich doch bei Tisch was fragen , Dahlow betreffend . Hast Du Dir das schon wieder anders überlegt ? « Lena schüttelte lebhaft mit dem Kopf . Dann sagte sie unvermittelt : » Kommt Ihr Gärtner manchmal nach Berlin , Herr Bornstein ? « » Willst Du wieder Blumen haben , Mieze ? Dann komm nur und hol ' sie Dir selbst . « » Darum handelt es sich nicht - « und Lena steckte , wie Bornstein es nannte , ihre Geschäftsmiene auf . » Es handelt sich um etwas sehr Ernstes . Ich habe nämlich einen grossen Plan vor , Herr Bornstein - « » Um Himmelswillen , Lena , Du willst Dich doch nicht schon wieder in eine Stellung begeben ? Ich danke Gott , dass Du endlich frei bist ! « » In eine Stellung nicht , - aber arbeiten muss ich doch , wovon soll ich denn leben ? « Er wollte ihr sagen , dass sie nur den Mund aufzuthun brauche , um nie wieder im Leben eine Hand zu rühren , aber weiss der Himmel , wie es kam , er hatte nicht recht den Mut dazu . Dieses kleine Frauenzimmer hielt ihn noch immer in Schach . Aergerlich über sich selbst , sagte er gereizt : » Na also , was ist es denn ? « » Etwas , wozu ich Ihren Rat und Ihre Hilfe gebrauche , Herr Bornstein ! « » Wenn Du was von mir willst , könntest Du doch wenigstens Max und Du zu mir sagen « , stiess er brummend heraus . » Ich mag das nicht . Es hat auch gar keinen Sinn . Wir sind doch bis jetzt auch so ganz gut fertig geworden . « » Na also « , brummte er zum zweiten Mal . » Ich möchte gern ein Blumengeschäft etablieren , Herr Bornstein , aber ich habe nichts dazu als kolossale Lust - « » Hm , ein bischen wenig . « Obgleich ihm diese Idee gar nicht übel passte , - er hatte längst daran gedacht , ihr ein nettes kleines Geschäft zu kaufen - wollte er sie doch ein bischen zappeln lassen . Vielleicht konnte dieser Plan ihr zur Falle werden , in der sie sich endlich verfing . Lena war einigermassen erstaunt , Bornstein so wenig entgegenkommend zu finden . Er las ihr doch sonst jeden Wunsch von den Augen ab , und gar auf einen ausgesprochenen einzugehen , hatte er noch niemals auch nur einen Augenblick gezögert . » Da möchte ich mir vor allen Dingen Rat bei Ihrem Gärtner holen . « Er hatte es auf der Zunge , ihr zum so und sovielten Male zu sagen : » Fahr doch nach Dahlow , wenn Du was willst . « Aber er bezwang sich und gab das Versprechen , ihr den Gärtner hereinzuschicken . Sie war ganz glücklich bei dem Gedanken . Unwillkürlich musste er über sie lachen . Frauen bleiben doch stets kurzsichtige Kindsköpfe , selbst die gescheitesten . » Nun , und was ist mit dem Rat meines Gärtners gross erreicht ? Sei doch nicht so dumm , Mieze , und thue Deinen Mund auf . Du weisst ja , ich geb ' Dir das Geld gern , wenn Du Dich durchaus etablieren willst . Blumen sind noch längst nicht das schlechteste . « Und nun fing er auf einmal an , selbst für den Plan Feuer zu fangen , immer mit dem Hintergedanken freilich , dass Lena von Dahlow würde ihre Ware beziehen müssen , und dass es sich dann von selbst ergeben würde , dass sie öfter hinauskam . Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und fing an , mit seinem kostbar getriebenen silbernen Stift Zahlen zu notieren . Dann hielt er ihr einen langen Vortrag , wie alles gemacht werden müsse . Gleich in den nächsten Tagen wollten sie einen netten Laden in der Potsdamer Gegend mieten . Schon zum ersten April natürlich . Auch Mehlmann , sein Obergärtner , sollte allerbaldigst hereinkommen , um Rat zu geben , was sie für Personal brauchen würde und so weiter . Sie selbst würde während dieser vier Wochen wohl oder übel in ein grosses Blumengeschäft hineingucken müssen , um doch wenigstens etwas von der Branche zu verstehen . Lena war überglücklich und mit Bornsteins sämtlichen Vorschlägen dankbarlichst einverstanden . Nur über die Vorstreckung und Verzinsung des Kapitals konnten sie nicht einig werden . Was Bornstein ihr da vorrechnete , sah trotz ihrer mangelnden Erfahrung beinahe wie ein Geschenk aus . Und das wollte Lena nicht . Um keinen Preis . Ein solches Abhängigkeitsverhältnis widerstrebte ihrer Erziehung und ihren Anschauungen , vor alledem aber auch ihrem ungestümen Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung . Sie wollte in dieser Sache ihr eigener Herr sein , sich unter keiner Bedingung Bornstein gegenüber zu etwas verpflichten . Instinktiv scheute sie den ersten Schritt . Er sollte keine anderen Rechte über sie gewinnen , als die eines freien , heiteren Verkehrs . Was darüber ging , das war vom Uebel . So viel hatte ihr kluger Kopf in den wenigen Monaten in Berlin schon gelernt . So beschäftigt waren die beiden mit ihren Plänen , dass sie stundenlang in dem Restaurant sitzen blieben . Nach Tisch waren sie in ein behagliches Zimmer übergesiedelt , in dem sie ihren Kaffee tranken . Bornstein liess sich Absynth dazu geben . Dann zeichneten und rechneten sie weiter an ihren Wohnungs- und Ladenplänen , engagierten Personal und arrangierten Schaufenster , bis es für das Theater viel zu spät geworden war . Lena war nicht sonderlich betrübt darüber . Sie ging schon ganz in ihren neuen Ideen auf . Zwischen acht und neun kamen sie in Berlin an . Sie bummelten noch ein bischen Unter den Linden herum und blieben wohl über eine halbe Stunde an dem Blumenfenster von Schmidt stehen . Plötzlich kam Bornstein ein guter Gedanke . » Weisst Du was , Mieze ? Ich melde Dich gleich morgen hier als Volontärin an . Der Chef kennt mich und verdient genug an mir , um mir diesen kleinen Gefallen thun zu können . « Lena war natürlich vollkommen einverstanden . Dann gingen sie in einen der modernen Bierpaläste in der Friedrichstrasse . In den Weinstuben , die sie im Grunde vorzogen , pflegte Bornstein mehr Bekannte zu finden als ihm bequem war . Beim Abendbrot bat Lena , falls er morgen nach der Zimmerstrasse hinauf kommen sollte , Lotte noch nichts von all ' diesen neuen Plänen zu erzählen . Die Arme sei so nervös und überarbeitet , dass sie in allem Neuen nur ein neues Schrecknis , einen neuen , drohenden Schicksalsschlag sähe . Jedenfalls müsse sie ihr erst beibringen , dass sie ihre Stellung als Telephonistin endgültig aufgegeben habe . Bornstein fand das sehr rücksichtsvoll von Lena gedacht , ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit . Er sprach es auch aus und freute sich , als sie ihm die Antwort gab : » Wenn man selbst glücklich ist , möchte man andern doch wenigstens ihre schwierige Lage einigermassen leicht machen . « Er streichelte statt jeder Erwiderung die neben der seinen auf dem Tisch liegende Hand Lenas mit zärtlichem Respekt . Dann sagte er ihr , dass er morgen überhaupt nicht nach der Zimmerstrasse kommen würde . Er wolle bei Schmidt sein Heil versuchen und dann nach Dahlow hinausfahren , um alles Notwendige mit Mehlmann zu besprechen . » Uebermorgen kann er dann hereinkommen und uns einen passenden Laden draussen im Westen suchen helfen . « - Der nächstfolgende Tag liess sich noch wärmer an als der vorhergegangene . Gegen Mittag wurde es förmlich schwül , und Lena , die von einem kurzen Gang von ihrer Schneiderin nach Hause kam , meinte lachend , dass heut sicherlich noch ein Wunder geschehen und ein Gewitter aufziehen würde . Falb habe jedenfalls wieder einen kritischen Tag prophezeit . Lotte arbeitete an neuen Schulhüten für die drei Mädchen der Lehrerfrau . Sie war so ziemlich die einzige Kundin , die ihr von Frau Wohlgebrechts Empfehlungen übrig geblieben war . Da ihr aber Lena gestern ihre Tagegelder vom Februar mit einem ganz geringen Abzug eingehändigt hatte , sah Lotte die Dinge ausnahmsweise nicht ganz so schwarz wie gewöhnlich an . Heut Abend würde sie mit Gerhart zusammenkommen . Dann wollte sie sich noch einmal mit ihm besprechen , ob man die Dinge bis zum Sommer so weiter laufen lassen könne , oder ob sie versuchen solle , den Wirt zu bitten , sie aus dem Kontrakt zu entlassen . Trug Lena ferner so regelmässig wie im Februar zum Hausstande bei , so würde es , angesichts einer auch nur kleinen Kundschaft für Frühjahrs- und Sommerhüte , bei der grössten Sparsamkeit wohl angehen , die Wirtschaft noch ein Weilchen aufrecht zu erhalten . Als Lena heut so bald von ihrem kurzen Gang zurückkam , war Lotte sehr erfreut . Die grosse Einsamkeit lastete jetzt doppelt schwer auf ihr . Einigermassen staunte sie freilich , als sie hörte , dass Lena wiederum den ganzen Tag über frei sei , ebenso wie gestern . Das würde doch nichts Uebles zu bedeuten haben ? Lena redete der Schwester einstweilen alle Bedenken aus . Sie wollte erst kurz vor dem Schlafengehen beichten . Lotte den ganzen Tag über mit einem vorwurfsvollen , verweinten Gesicht umhergehen zu sehen , das konnte sie nicht ertragen . Eigentlich wunderte sie sich selbst darüber , dass Lotte noch nicht hinter die Wahrheit gekommen war . Es war nur dadurch erklärlich , dass Lena die Schwester nur unvollständig in das Dienstreglement eingeweiht hatte , und Lotte seit Weihnachten so verträumt war , dass sie Lenas Kommen und Gehen kaum mehr beobachtet hatte . Sie speisten schlecht und recht , aber ganz heiter bei offenen Fenstern , und da das von Lena angekündigte Frühlingsgewitter noch keine Anstalten machte heraufzukommen , machten sie nachmittags einen Spaziergang miteinander . Abends setzte Lotte das Abendbrot um eine Stunde früher als sonst auf , zum grossen Unbehagen Lenas , denn nun musste sie endlich sprechen , besonders da Lotte , wie sie ihr sagte , gleich nach dem Abendessen noch einen Gang vorhatte . - Heut , wo die Schwestern so vertraut mit einander waren , wie seit lange nicht , würde Lotte , wenn Lena danach gefragt hätte , ihr sicherlich die beabsichtigte Zusammenkunft mit Gerhart Schmittlein nicht verheimlicht haben . Aber Lena fragte nicht , sondern druckste , während sie widerwillig an ihrem Wurstbrot herumkaute , daran herum , wie sie Lotte die peinliche Angelegenheit am schnellsten beibringen könne . Lotte gab endlich ganz arglos selbst die Handhabe dazu , indem sie sagte : » Wann hast Du morgen Dienst , Lena ? Doch wahrscheinlich sehr früh nach diesen zwei freien Tagen ? « Jetzt oder nie , dachte Lena und platzte mit einem : » Gar nicht - ich bin entlassen « heraus . Lotte starrte sie erst mit grossen Augen , die vor zorniger Erregung ganz dunkel waren , an . Dann brach sie wie gefällt zusammen , und laut schluchzend fiel sie mit dem Kopf vornüber auf den Tisch . Lena sprang hinzu , aber Lotte wehrte sie heftig ab . » Lass , lass , nun ist alles aus - das ist das Letzte « , wimmerte sie . Und einen solchen Zorn hatte das sanfte , zärtliche Geschöpf in diesem Augenblick auf die Schwester , die ihr so kaltblütig den Verlust der letzten wirtschaftlichen Grundlage ankündigte , dass sie so , wie sie da war , aus dem Zimmer hinaus und über den Hof ins Freie lief , um sich zu dem einzigen Halt , den sie nun noch besass , zu Gerhart Schmittlein zu flüchten . Als sie auf die Strasse kam , fielen die ersten Regentropfen auf ihr wirres Haar . Ein schwüler , schwerer Wind schlug ihr in das heisse Gesicht , und von fern her grollte der erste Donner . Lotte lief mehr , als sie ging an den wenigen Häusern vorüber bis zur der kleinen Leihbibliothek . Dichter fiel der Regen , und die leichte weisse Hausblouse , die sie trug , war schon fast völlig durchnässt , als sie die niedere Ladenthür aufstiess , dass die Glocke laut und schrill anschlug . In demselben Augenblick zuckte der erste fahlblaue Blitz durch das offene Fenster . Gerhart war allein im Laden , als Lotte so plötzlich eintrat . Die Hand über die Augen gelegt , hatte er in Gedanken verloren dagesessen . Jetzt sprang er auf und streckte ihr die Hände über den Ladentisch entgegen . Auf den ersten Blick sah er , dass irgend etwas Besonderes mit ihr vorgegangen sein müsse . » Geh hinein Lotte , die Lampe brennt schon . Ich lasse den Laden sofort schliessen . Minna mag das besorgen . « In wenigen Minuten war er bei ihr . Sie sass zusammengekauert in dem hochbeinigen Lehnstuhl der Tante und hielt das Gesicht in den Händen vergraben . Er kniete neben ihr nieder wie das letzte Mal , als sie am Tage der Abreise von Frau Wohlgebrecht bei ihm gewesen war , und ihre Hände küssend , die ihr eiskalt im Schoss lagen , bat er zärtlich : » Lotte , liebes Kleines , was ist denn geschehen ? « Stockend und schluchzend erzählte sie ihm alles . Sie hatte kein Geheimnis mehr vor ihm . Dass Lena ihre Stellung verloren , dass sie nun nicht wüsste , wovon sie leben sollten , und zuletzt leise , sich über ihn beugend , flüsterte sie ihm ins Ohr , was sie sich bisher selbst nicht eingestanden , die dunkle Angst um Lena und Bornstein . Er tröstete sie so gut er konnte . Er strich ihr das feuchte wirre Haar aus der Stirn und küsste sie , sich übermächtig beherrschend , sanft auf den Mund . » Lass nur , mein Kleines , ich arbeite schon für Dich mit - wenn Du nur manchmal bei mir bist . « » Und Lena ? « » Lass doch Lena , die ist aus anderem Holz geschnitzt , die wird schon durchs Leben kommen . Die klammert sich an ihr Recht auf Glück . Glaube mir , die ist nicht so zaghaft wie Du . « Lotte war aufgesprungen und ans Fenster getreten . Erst ein plötzlicher greller Blitzstrahl und gleich darauf ein heftiger Donnerschlag scheuchten sie zu Gerhart zurück . Er stand mitten im Zimmer und sah mit einem ihr rätselhaften Ausdruck zu ihr hin . O , mein Gott , wenn sie ihn doch nur ganz verstanden hätte ! Wenn sie ihm hätte ganz vertrauen können , ihm , dem einzigen , der sie wirklich lieb hatte auf der Welt , das letzte Herz , das sie besass ! Warum hatte sie niemand , der ihr sagte , was Recht und Unrecht war in dieser Wirrnis ahnungsschwerer Gedanken und Gefühle ? Wenn die Mutter gelebt hätte , dass sie sie hätte fragen können : » Darf ich ihn lieben , wie er geliebt sein will , darf ich ihm vertrauen ? « Aber die Mutter gab keine Antwort mehr auf ihre verzweifelten Fragen , sie war verstummt auf ewig . Niemand konnte ihr raten als ihr eigenes Herz , und das schlug ihm in brennender Zärtlichkeit entgegen . Er sah es ihr an , was in ihr vorging , aber er rührte sich nicht . Mit heissen , hungrigen Augen folgte er jeder ihrer Bewegungen . Erst als sie nun einen Schritt auf ihn zu machte , öffnete er weit und sehnsüchtig die Arme . Kampfesmüde stürzte sie an seine Brust , und während er sie heiss und immer heisser umschlang und ihr Hals und Antlitz mit glühenden Küssen bedeckte , stammelte sie halb besinnungslos : » Ich liebe Dich , ich liebe Dich - thu ' mit mir , was Du willst . « Mit geschlossenen Augen lag sie in seinen Armen . Und die Wellen seiner lang zurückgedrängten Leidenschaft brachen über ihr zusammen , und in dem lodernden Wonnebrand , den er geträumt hatte , hielt er die Geliebte umschlungen zu überseligem Rausch . Draussen aber tobte der Sturm , prasselte der Regen gegen die niederen Fenster , krachte der Donner , und die grellblauen Blitze des Frühlingsgewitters erhellten die Liebesnacht der endlich Ueberwundenen . - - - - - - - - - - - - - - Draussen in der Natur hatte sich ein jäher Umschlag vollzogen . Auf die warmen Vorfrühlingstage war wieder Winterkälte gefolgt , und in dem Blumengeschäft von Schmidt , in dem Lena seit ein paar Tagen als Volontärin arbeitete , mussten alle die Vorsichtsmassregeln zur Erhaltung und Verpackung kostbarer Pflanzen wieder angewendet werden , die sonst nur der Höhepunkt des Winters vorzuschreiben pflegt . Der Einblick , der ihr in das Geschäft gewährt wurde , machte Lena grosse Freude . Zuversichtlich war sie davon überzeugt , dass sie es in dieser Branche zu etwas bringen würde . Selbständig zu sein , frei disponieren zu dürfen , ihrer Vorliebe für alles Schöne , Dekorative die Zügel schiessen lassen zu können , dünkte ihr sichere Gewähr für Erfolg . Bei den kleinen Diensten , die man von ihr verlangte , zeigte sie in der That eine bedeutende Geschicklichkeit , ja mehr als das , ein ausgesprochenes Talent . Die schwere Kunst des Bindens ging ihr bald so geläufig von der Hand , als ob sie sie ihr Lebenlang geübt habe , und in geschmackvollen Zusammenstellungen von Blumenarrangements übertraf sie bald die meisten der seit Jahren angestellten jungen Damen . Dem Chef des Berliner Hauses Schmidt war es sehr angenehm , seinem langjährigen Kunden schon nach vierzehn Tagen eine ungewöhnlich befriedigende Auskunft über seinen Schützling geben zu können . » Fräulein Weiss ist förmlich prädestiniert für unsere Kunst « , versicherte er zu wiederholten Malen und fügte hinzu , dass er glücklich sein würde , wenn er eine solche Kraft für sich selbst gewinnen könnte . » Ein wahrer Segen , dass die junge Dame sich draussen im Westen etablieren will . Die Konkurrenz würde uns sonst bange machen können . « Bornstein klopfte dem verbindlichen Herrn mit protegierender Geste auf die Schulter . Er nahm die Bewunderung auf , wie sie gemeint war , als ein liebenswürdiges Kompliment , aber er konnte es seiner Eitelkeit nicht versagen zu erwidern , dass das Haus Weiss jedem Wettbewerb mit dem Hause Schmidt aus alter Freundschaft aus dem Wege gehen werde . Gleich in den ersten Tagen des März war in dor Potsdamerstrasse zwischen Kurfürsten- und Bülowstrasse , unter Mehlmanns Oberaufsicht ein hübscher Laden mit einem sehr geräumigen Schaufenster und einer behaglichen kleinen Wohnung gemietet worden . Mehlmann engagierte auch das notwendige Personal und hatte sich anheischig gemacht , am ersten April morgens ein fix und fertig ausgestattetes Geschäftslokal zu übergeben . In dem Schaufenster sollten nur Dahlower Produkte prangen . Bornstein und Lena gaben ihre Zustimmung . Die Massregeln des Alten mussten respektiert werden , wenn man ' s nicht mit ihm verderben wollte , und Lena war viel zu klug , um nicht zu wissen , wie nötig sie Mehlmanns Gefälligkeiten noch haben würde . Darum schluckte sie auch den Wunsch herunter , die Blumenarrangements für das Schaufenster selbst zu machen . Um sich aber als zukünftige Prinzipalin nicht ganz hintenan setzen zu lassen , mahnte sie den Alten nachdrücklich bei der bitteren Kälte , die noch immer herrschte , recht vorsichtig bei dem Transport zu sein . Sie war stolz , bei dieser Gelegenheit ihre , bei Schmidt jüngst erlernte Weisheit an den Mann bringen zu können . Der Alte murmelte etwas von langem Winter , der ihr bei ihrer Unerfahrenheit teuer zu stehen kommen werde , versprach aber im übrigen alles bestens zu besorgen . - In Frau Wohlgebrechts kleinem Stübchen neben der Leihbibliothek war von den hartnäckigen Winterlaunen , die so manchem zu schaffen machten , nicht viel zu spüren . Der ganze Raum schien wie von Sonnenschein und Rosen durchstrahlt und durchduftet zu sein . Auf dem schwarzen Rosshaarsofa sass Gerhart und schrieb mit heissen Wangen und flammenden Augen ein Frühlingsdrama , das er schon lange knospend in der Brust getragen , und das nur Lottes Küsse bedurft hatte , um zur Blüte aufzuspringen . Seine ganze Zukunft , so schien es ihm , hing an diesem Stück . Dieser eine Wurf sollte ihn unter die Ersten reihen , und dazu war Lottes Liebe , ihre völlige Hingabe ihm nötig gewesen . So wie er sie jetzt besass , war sie ihm Weib , Modell und Muse zugleich . Er bedurfte ihrer steten Nähe , um schaffen zu können . Sobald ihm ein Gedanke , eine Form versagte , riss er sie an sich und berauschte sich an seinen eignen heissen Liebkosungen aufs neue für sein Werk . Lotte hatte sich anfangs geweigert , den ganzen Tag über bei Gerhart zu sein . Nachdem er ihr aber mit Bitten und Flehen und tausend Liebesbeweisen klar gemacht hatte , dass er nur dann etwas zu leisten im Stande sei , wenn sie an seiner Seite bliebe , seiner Sehnsucht jeden Augenblick erreichbar , nachdem er ihr versichert , dass jedes andere Mädchen , nachdem es sich dem Geliebten in freier Liebe hingegeben , noch zu ganz anderem sich verstehen , ganz zu ihm halten , unter einem Dach mit ihm leben würde , hatte sie endlich nachgegeben . Und sie kam und blieb über alles gern . Lena , die ganz in einem neuen Leben aufging , war ihr fremd und fremder geworden , und