brauche ich dir wohl nicht erst lange zu erklären ! Es will doch jeder vernünftige Mensch im faktischen Besitze seiner rechtmäßigen Seele sein , ohne ihr gestatten zu müssen , mit freundlichem Lächeln wie die Frauen und Töchter des Abendlandes auf den Eisenbahnen herumzufahren . Beliebt es dir , von dieser vorsichtigen Behandlung der Bewohnerin deines Körpers eine Ausnahme zu machen , so habe ich , wie bereits gesagt , nichts dagegen einzuwenden , zumal du uns mitgeteilt hast , daß sie bisher stets schon nach kurzer Zeit und pünktlich wieder zurückgekehrt ist , obwohl für eine leichtsinnige Seele auch das schon vollständig genügt , verschiedene Allotria und sonstige Dinge zu treiben , die ihr eigentlich verboten sind . Aber bedenklich , höchst bedenklich wird die Sache , wenn sie auf einmal anfängt , gleich zwei volle Tage wegzubleiben ! Das ist doch unbedingt gegen den inzwischen leblosen Körper eine Rücksichtslosigkeit , die er sich unmöglich gefallen lassen kann , zumal es ihm in seiner Pflichttreue und Ordnungsliebe niemals eingefallen ist , auch einmal ohne sie spazieren zu gehen und sie einsam und ohne Subsistenzmittel zu Hause sitzen zu lassen ! Daß du dir auch das gefallen lassen willst , nun , ich kann es ja nicht ändern , sondern nur sagen , daß ich an deiner Stelle sehr energische Maßregeln ergreifen und ihr den Standpunkt so klar machen würde , wie es einer solchen , gern aufsichtslos herumstreifenden Seele gegenüber nur immer möglich ist . Das Schlimmste aber , ja das Allerschlimmste , was dabei zum Vorschein kommt , ist die Täuschung , in welcher du dich in Beziehung auf deinen von ihr so leichtfertig verlassenen Leib befindest ! Du scheinst nämlich zu glauben , daß ihm diese ihre Flatterhaftigkeit nichts schaden könne ; ja , du stellst sogar die Behauptung auf , daß du gar nicht scheintot gewesen seiest . O , Münedschi , auf deine Seele ist selbst dann kein Verlaß , wenn sie sich daheim in deinem Körper befindet , denn sonst würdest du ganz gewiß anders sprechen ! Ich sehe ein , daß ich dir zu Hilfe kommen muß , indem ich dir der Wahrheit nach berichte , wann , wo und wie wir dich gefunden und dann ausgegraben haben . Höre mich also an ! « Es folgte nun ein sehr lebendiger und stellenweise sehr drastischer Bericht über die Begebenheit , von dem Augenblicke , an welchem wir die Geier bemerkt hatten , bis zum gegenwärtigen . Nun erst erfuhr der Blinde in ausführlicher Weise , daß und warum seine Gefährten ihn wirklich verlassen hatten ; er sah ein , daß er wirklich begraben gewesen war , und nun stellte sich die Angst nachträglich bei ihm ein . Er holte den bis jetzt versäumten Ausdruck des Dankes in einer Weise nach , welche selbst den in dieser Beziehung sehr anspruchsvollen Halef befriedigte . Zu der Angst und dem Gefühle der Dankespflicht gesellte sich dann die schwere Sorge wegen seiner Hilflosigkeit . Was sollte nun aus ihm werden ? Seine Bekannten hatten ihn begraben , und er befand sich blind und ohne alle Mittel zum Weiterkommen unter fremden Leuten ! Da verstand es sich dann ganz von selbst , daß wir ihn unsers gern verliehenen Beistandes versicherten . Wir wollten ja auch nach Mekka , hatten also gleichen Weg mit ihm und brachten gar kein Opfer , wenn wir eines unserer Kamele für ihn bestimmten . Er war , als er dieses hörte , natürlich hoch erfreut und erklärte sich für kräftig genug , gleich mit uns aufzubrechen . Ich glaubte , Grund zu haben , dieser seiner vermeintlichen Kraft kein allzu großes Vertrauen schenken zu dürfen . Er hatte , seit wir von dem Grabe weggegangen waren und hier auf dem Teppiche saßen , gequalmt wie - um mich eines landläufigen Ausdruckes zu bedienen - wie ein Stadtsoldat und den Tschibuk achtmal ausgeraucht ; ich mußte ihn zu den stärksten Rauchern zählen , die ich kennen gelernt hatte . Wahrscheinlich war sein ganzer Körper vom Gifte des Tabakes durchzogen und sein Magen vollständig verdorben worden . Daher die Behauptung , daß er selbst jetzt , nach so langem Fasten , keinen Hunger habe . Ich erklärte , daß wir den Weiterritt nicht eher antreten würden , als bis er tüchtig gegessen habe , und hielt auch Wort , obwohl es fast des Zwanges bedurfte , die reichliche Portion zu verzehren , welche Hanneh ihm aus unsern Vorratstaschen brachte . Ohne ein Augenarzt zu sein , konnte ich mich der Meinung nicht erwehren , daß auch seine Blindheit in enger Beziehung zu diesem starken Rauchen stehe , und daß ich da recht hatte , bewies mir dann die spätere Zeit . Uebrigens war es mir gar nicht unlieb , diesen Mann hier unterwegs getroffen zu haben . Obgleich blind , kannte er Mekka doch jedenfalls besser als wir und konnte uns also , wenn nicht durch die That , so doch durch seinen Rat wohl nützlich werden . Ferner war er an sich eine interessante Persönlichkeit . Und drittens besaß er für mich den Reiz des Geheimnisvollen . Ich hegte die Vermutung , daß er das nicht sei , als was er gelten wollte , und hatte meine Gründe dazu . Daß er ein Gelehrter , und zwar kein gewöhnlicher , war , hatte er bewiesen . Er kannte sogar die Bibel , ein höchst seltener Fall . Auch in der Theologie der alten Perser war er bewandert ! Das mußte mehr als bloß meine Aufmerksamkeit erregen . Sodann hatte er erzählt , daß er als reicher Mann nach Mekka gekommen sei . Das wollte nicht mit den geringen Einnahmen eines morgenländischen Gelehrten stimmen . Auch seine Ausdrucksweise war mir aufgefallen . Sie war nicht die umschreibende , bilderreiche eines geborenen Orientalen , sondern eher diejenige eines Europäers , der sich allerdings schon seit langer Zeit im Morgenlande befunden hat . Er drückte sich bestimmt und ohne Anwendung von Tropen aus . Auch auf seine Aussprache einiger arabischer Laute war ich aufmerksam geworden . Die beiden Ha , das Ain , den Unterschied zwischen dem Sin und Sad , des Rain , Ren oder Ghen , das erste Kaf , das alles brachte er nicht so heraus , wie ein Eingeborener es bringt . Auch hatte er sich einiger Worte bedient , welche dem Araber zwar auch , aber nicht in dem gebrauchten Zusammenhange geläufig sind . Es ist da wohl kein Wunder , wenn ich sage , daß er mir ein Rätsel war . Wenn ich weitergehen will , so war mir auch sein Verhältnis zu El Ghani unklar geblieben , nicht etwa , weil er so wenig darüber gesagt hatte , denn diese Zurückhaltung war Fremden gegenüber wohl begreiflich ; aber er schien außer der Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten noch etwas für oder gegen diesen Mann zu empfinden , was er sich bemühte , zu verheimlichen . Warum hatte der vornehme Mekkaner den Blinden mit nach Meschhed Ali genommen , dem alten , gebrechlichen Manne also einen so weiten , beschwerlichen Weg zugemutet ? Um sich seiner als Dolmetscher zu bedienen ? Gewiß nicht ! Es giebt in Mekka junge , kräftige Leute mehr als genug , welche des Persischen mächtig sind und unter denen er nur zu wählen brauchte . Hatte er das etwa aus Geiz nicht gethan , weil er einen Dolmetscher hätte bezahlen müssen ? Vielleicht war dies ein Nebengrund , aber der Hauptgrund sicher nicht , denn jeder halbwegs gebildete Perser spricht auch arabisch , und so wäre El Ghani in Meschhed Ali mit seinem Arabisch ganz gut ausgekommen . Es lag da jedenfalls etwas vor , was niemand , am allerwenigsten ein Fremder , erfahren sollte ! Am meisten interessierte mich natürlich sein krankhafter Zustand , welchen er mit den Worten bezeichnet hatte : » Mein Körper ist es gewöhnt , von der Seele zeitweilig verlassen zu werden . « Tiefe und längere Ohnmachten kommen bei verschiedenen , auch habituellen , Krankheiten vor . War er epileptisch , hysterisch , gar somnambul , oder was sonst ? Jedenfalls nervenkrank ! Er behauptete , während dieser Ohnmachten in einer andern Welt zu sein und sich dessen ganz genau erinnern zu können . Um meine größte Teilnahme zu gewinnen , hätte er gar nicht mehr zu sagen gebraucht ! Ich bin ein sehr nüchterner Mann und jeder Phantasterei abgeneigt ; ich nehme nur das als wahr und richtig hin , was ich mit kalten Sinnen geprüft und als echt erkannt habe ; aber trotzdem oder vielleicht grad darum » schau ich gern in solche Ecken , wo geheime Sachen stecken « , selbst wenn es geistige Ecken oder Winkel sind , und hinter diesen Ohnmachten des Münedschi war etwas verborgen , was meine Neu- oder vielmehr Wißbegierde reizte . Ich gestehe es aufrichtig . Aus all diesen verschiedenen Gründen war mir das Zusammentreffen mit ihm ganz recht , und wenn ich auch gar nichts anderes zu erwarten gehabt hätte , er war eine Person , mit welcher ich mich unterhalten konnte . Trotz der scheinbaren Ueberzeugung , mit welcher er von den Lehren und Satzungen des Islam gesprochen hatte , glaubte ich bemerkt zu haben , daß der Boden , auf welchem er in Beziehung auf den Glauben stand , unter ihm ins Wanken geraten , vielleicht niemals fest und sicher gewesen war . Mit solchen nach der Wahrheit Strebenden verkehre ich gern , denn wer sein höchstes Glück bei Gott gesucht und auch gefunden hat , der möchte auch gern andere glücklich machen ! Was El Ghani betrifft , welcher uns mit Drohungen verlassen hatte , so dachte ich jetzt mit weniger Sorge an ihn als vorher , falls der Ausdruck Sorge da der richtige gewesen wäre . Es war kein klares , bestimmtes , definierbares Gefühl , welches in mir lag , aber es machte sich doch bemerkbar und wurde auch verstanden , nämlich daß unsere Bekanntschaft mit El Münedschi uns in dieser Beziehung von Nutzen sein werde . Derartige Vorgefühle , und wenn sie sich noch so leise bemerkbar machten , haben mich fast nie getäuscht . Es wurde dem Alten der bequemste Sattel , den wir hatten , mit Decken und weichen Tüchern so vorgerichtet , daß er da behaglich wie in einem Lehnstuhle sitzen konnte . Ehe er aufstieg , bat er uns , ihn an das Grab zu führen ; wenn er es auch nicht sehen könne , so wolle er doch wenigstens mit den Händen einmal nach dem Orte schauen , welcher beinahe sein Grab geworden wäre . Nicht einer von uns , sondern Hanneh nahm ihn bei der Hand , um ihn hinzuleiten , indem sie sagte : » Diese deine jetzige Kijahma ist eine irdische , bei welcher dir deine Augen nicht den Ort der Auferstehung zeigen ; wenn aber einst deine wirkliche , deine himmlische Kijahma kommt , so werden sie geöffnet sein , und du wirst mit ihnen das Land der Herrlichkeit sehen , welches Allah allen denen bereitet hat , die reinen Herzens sind und ihn und seine Menschenkinder lieben . Allah jekuhn ma ' ak - Gott sei mit dir ! « - - - Zweites Kapitel El kanz el A ' da Unser heutiger Ritt hatte den Bir Hilu75 zum Ziele , welcher nicht auf dem nordsüdlichen Karawanenwege , sondern weit seitwärts von demselben liegt . Daß er auch von El Ghani genannt worden und ihm also bekannt war , lieferte mir den Beweis , daß dieser Mekkaner sich nicht immer nur in der Stadt des Propheten aufgehalten , sondern auch die Wüste ziemlich genau kennen gelernt haben mußte . Die Wüste ! Ich habe sie und ihre verschiedenen Arten schon so oft beschrieben , daß ich mich nicht wiederholen darf . Ihre Physiographie ist bekannter als die bisher noch kaum gewürdigte Bedeutung , welche sie als Erzieherin des sie betretenden oder ihre Wahat76 bewohnenden Menschen besitzt . Wie die Prairie ein nur ihr eigenartiges Leben und die nur auf ihr möglichen Gestalten entwickelt , so hat auch die Wüste ihre besonderen Pflanzen- , Tier- , Menschen- und überhaupt Lebensformen , welche man in andern Gegenden vergeblich suchen würde . Damit würde Freiligrath , wenn er es mit seinem » Wüstenkönig ist der Löwe « ernst gemeint hätte , allerdings nicht einverstanden sein , denn » der Löwe kommt auch in anderen Gegenden als nur in der Wüste vor « , würde er sagen ; aber ich habe trotzdem recht , denn wenn der Löwe wirklich einmal in der Wüste vorkommt , so ist es doch nur am Rande derselben , und er hat sich verlaufen . Er braucht als Fleischfresser viel Wasser und ist also nichts weniger als ein Wüstentier , wie ja auch die Giraffe , auf welcher er seinen berühmten » Löwenritt « ausführt , es in der Wüste nicht viel länger als einen Tag aushalten würde . Der Mensch hat die Gabe , sich den Naturverhältnissen des von ihm zum Aufenthalte gewählten Landes anzubequemen ; er wird je länger desto mehr ein Sohn desselben , indem er die Eigenart des Bodens annimmt , der seine Wohnung trägt , mag diese nun eine festgegründete oder ambulante sein . So auch der Wüstenbewohner . Ich gestatte mir nämlich dieses eigentlich grundfalsche Wort , weil es sich nun einmal eingebürgert hat . Die Wüste ist ja unbewohnt , und , wenn sie von Karawanenpfaden durchzogen wird , kann doch nur von Wanderern , nicht aber von Bewohnern gesprochen werden . Die Wüste liegt weit und flehend ausgebreitet wie ein endloses Gebet zu Gott um Gnade und Barmherzigkeit . Sie ist ein tief ergreifendes Bild irdischer Armut und Hilflosigkeit . Sonnendurchglüht , kahl und nackt ragen ihre Felsen empor , oft grotesk , phantastisch geformt , oft kühn vereinzelt , oft zu gemeinschaftlichen , wilden Zügen vereint , bald in seltsamen Gliederungen aufgebaut , so daß man zerfallene Städte , verödete Schlösser und Burgen oder prächtige Säulenhallen in der Ferne zu erblicken meint , bald wieder wie von der Faust eines unerbittlichen Schicksales niedergeschmettert , breitgedrückt , zerrissen und zerklüftet , von gähnenden Abgründen durchzogen , in deren Tiefe selbst die Glut der äquatorialen Sonne nicht zu dringen vermag . Gleicht dieses Bild nicht ganz genau der Geschichte dieses scheinbar , aber eben auch nur scheinbar von Gott verlassenen Landes ? Diesen oft gen Himmel ragenden Reliefs folgt das Warr , jene von zerstampften , wild durcheinander geworfenen Felsenmassen bedeckte Wüste , welche das Aussehen hat , als ob der Teufel im Zorne über seine Verstoßung hier eine ganze Welt zerschmettert und dann die Trümmerbrocken umhergewirbelt habe . In allen Größen liegen sie da , diese Steinblöcke , hier nur einer , nur zwei oder drei , dort hoch aufeinander getürmt , als ob der Böse dann » Markenumgang « in seinem Innern gehalten und jede einzelne Sünde , jedes einzelne Laster desselben mit einem aus zermalmten Bergen bestehenden Schandmale bezeichnet habe . Rundum bis an den Horizont , so weit das Auge reicht , sind diese Zeichen zu sehen , und je weiter er sich dehnt , desto größer wird ihre Menge . Zwischen ihnen liegen die Felsenbrocken gesäet wie unzählbare Körner von tausend Höllenfrüchten , die in der Wüstensonne nachreifen und sich schwärzen sollen . Den einsamen Wanderer durchschauert es trotz der glühenden Hitze ; er treibt sein Kamel an , um schnell weiter zu kommen , und ruft : » Allah beschütze und behüte mich ! « Dann kommt die Wüste , in welcher der Sand sich mit dem Warr vermählt . Dort im Westen , Tagereisen weit von hier , liegt die glatte Ebene des Sandes . Der stets vorherrschende Westwind streicht über sie und nimmt die feinsten , leichtesten Körnchen mit , um sie an jedem festeren Punkte , an jeder noch so kleinen Erhöhung abzusetzen . Die Erhöhung wird größer ; sie wächst von Tag zu Tag . Der West baut höher auf , und die mit der Sonne gehenden Nebenwinde helfen ihm . Der von ihm getriebene Sand wird bis zur Spitze gehoben , und was nicht da liegen bleibt , fällt jenseits herab . Das giebt ein leises , süßes , metallisches Klingen und Tönen . » Die Engel flüstern « , sagt der Beduine , wenn er , halb schlafend und halb wachend , es während der Nacht hört . Das ist die Wüste der Sandhügel . Die feinen , klingenden Körner wandern weiter und immer weiter ; sie erreichen das Warr ; sie füllen seine Löcher und Vertiefungen , seine Zwischenräume aus ; sie steigen an seinen Trümmern empor und hüllen sie , die harten , mit weichem Mantel ein , geben seinen scharfen Linien Milderung und verwandeln die rohen Trümmerhaufen nach und nach in sanfte Hügelwellen : Die flüsternden Engel decken das Teufelswerk in liebevoller , nie ruhender Arbeit zu . Und weit , weit draußen endlich dehnt sich die von keiner Erhöhung unterbrochene , ewig gleiche Sahar , die Wüste des toten Sandes . Die Tageshitze liegt in sichtbarer Verdichtung manneshoch auf ihr ; der Himmel zieht sich wie flüssiges Blei darüber hin und scheint sich am Horizonte mit einem Meere von glühendem Erze zu vereinigen ; eine Grenzlinie zwischen beiden giebt es tagelang nicht . Das Auge brennt , der Sehnerv versagt ermüdet seine Thätigkeit , denn der sehnsüchtige Blick findet keinen Punkt , an dem er ruhen könnte . Der Sinn für die Entfernung geht verloren ; man glaubt , inmitten einer halt- und gestaltlosen Ewigkeit zu reiten , und verliert in ihr den eigenen Halt . Die Thatkraft schwindet ; der Wille wird verzehrt ; die Schärfe der Sinne nimmt ab , und an die Stelle fehlender Wahrnehmungen treten Hallucinationen , welche das , was man wünscht , vortäuschen und vorgaukeln . Darum ist diese Wüste das eigentliche Gebiet der Fata morgana , wie sie auch den Hauptbereich der verderblichen Sandstürme bildet , denen schon mancher einzelne Wanderer und manche vollzählige Karawane zum Opfer gefallen ist . Welches Entzücken dann der Anblick einer wirklichen , nicht vorgespiegelten Oase hervorbringt , das zu beschreiben , fehlen die Worte ! Und genau so , wie die Wüste ist , ist auch ihr Bewohner . In seinem Innern wohnt dieselbe Glut , unter welcher die Gebilde seiner Seele zu seltsamen , oft ungeheuerlichen , oft zauberischen , zuweilen auch wohl anmutigen Formen erstarren . Hilflos , hungrig und dürstend wie das steile Warr und der brennende Sand breitet sich sein Leben vom ersten bis zum letzten Tage dem Himmel entgegen , stets der Barmherzigkeit Allahs gewärtig . Daher seine tiefe Religiosität , deren äußerer Eindruck aber an tote , ermüdende Formeln gebunden ist . Die unerbittliche Strenge der Wüste macht ihn äußerlich ernst und innerlich hart ; wie sie grausam ist gegen ihn , so ist auch er rücksichtslos gegen andere , ihm nicht nahestehende Wesen . Genau so unbeugsam , wie ihre Gesetze sind , besteht auch er auf der Unfehlbarkeit seiner Meinungen und auf der Ueberlegenheit seines Willens . Ihre Temperaturunterschiede sprechen sich in seinen Regungen aus ; was ihn am Tage begeisterte , kann er am Abende schon kalt und verächtlich von sich werfen . Das Weib , welches er jetzt glühend liebt , kann er schon nach einigen Stunden durch die gesetzlich giltige Formel » Du bist geschieden « von sich jagen . Liebe , besonders Nächstenliebe , die zweite große Forderung der Christuslehre , kennt er überhaupt nicht , wie ja auch die Wüste nichts weniger als liebreich gegen ihn ist . Wie sie nichts giebt , sondern nur Opfer fordert , so ist auch er nur Egoist und will sogar den Himmel für sich allein haben . Hat sie den ganzen Tag gedürstet , so saugt sie den Tau der Nacht bis auf den letzten Tropfen auf ; in derselben Weise unterwirft auch er sich geduldig allen Entbehrungen , um sich dann dem Genusse ohne Maß und Selbstbeherrschung zu ergeben . Da sein ganzes inneres Leben ein , nur von einigen Brunnen unterbrochenes , Wandern durch die Oede ist , schmückt er sich das Jenseits in den glühendsten Farben als paradiesische Oase aus , wo er ununterbrochen in Freuden schwelgt , von denen ihm das irdische Leben nur zuweilen einen leisen , kurzen Vorgeschmack bietet . Wie seine Leiden und Entbehrungen materielle sind , so sind auch die Ziele seiner Wünsche und Bestrebungen meist materieller Art ; der Wüstensohn hat kein Gemüt ; darum kann er sich weder ein irdisches Glück noch seine einstige Seligkeit rein herzlich denken . Der Boden seiner Seele gleicht der Felsen- , der Trümmer-undd der Tiefsandwüste . Seltsam , verworren , abenteuerlich steigt es , oft mit elementarer Gewalt , von da unten auf ; der heiße Smum77 fegt darüber hin und wirbelt tödliche , wie von höllischem Feuer gefärbte Sandwolken vor sich her . Aber wie die Wüste ist auch diese Seele nicht ohne Tau , und wie sich unter der Wüstendecke genug befruchtendes Wasser befindet , nach welchem man nur zu bohren braucht , um es klar und hell hervorsprudeln zu sehen , so sind auch ihr die geistigen Vorbedingungen der wirtschaftlichen , ethischen und religiösen Gesittung nicht versagt . Wo aber sind die rechten Pioniere , welche den wirklichen , echten , selbstlosen Beruf in sich tragen , nach diesem Wasser zu bohren ? Wer hier durch artesische Brunnen helfen will , der darf dies nicht von der Berechnung abhängig machen , zu welchem Prozentsatze sich das dabei angelegte Kapital verzinsen wird , auch muß er zunächst auf diejenige religiöse Aggressivität verzichten , welche dort den sofortigen , fanatischesten Widerstand hervorrufen und alles verderben , wenigstens das Gelingen auf unabsehbare Zeit hinausschieben würde . Es giebt Kapitalanlagen , welche der Herrgott in sein Buch einträgt , um erst am großen Tage der Abrechnung Soll und Haben zu vergleichen , und derjenige Mann oder dasjenige Volk ist der beste Missionar , welcher den Andersgläubigen mehr durch sein Leben als durch seine Lehren zu überzeugen sucht . Ein Gott wohlgefälliges und den Mitmenschen nützliches Leben ist die einzig richtige Vorbereitung des Bodens zu der Saat , die dann allerdings durch die Predigt in Worten zu geschehen hat . Komm mit mir im Geiste in die Wüste , lieber Leser ! Du hast gelernt , die Bedürfnisse deines Körpers auf das allergeringste Maß herabzumindern . Der Hunger ficht dich nicht mehr an , und auch den Durst hast du bis zum gebotenen Grade zu beherrschen gelernt . Du bist auf Fasten gestellt und wirst nun die Erfahrung machen , daß jetzt die Thätigkeit des Geistes diejenige des Körpers überragt . Das ist der Grund , weshalb selbst bei halb oder gar nicht civilisierten Völkern vor wichtigen Wendepunkten im Leben des Einzelnen oder auch der Gesamtheit ein Fasten vorgeschrieben ist . Sogar der Indianer fastet längere Zeit vor der Ceremonie des Namengebens oder vor der Wahl der Medizin . Es ist , als ob die Seele freier geworden und in ihren Funktionen weniger gehemmt sei als vorher . Deine geistigen Sinne scheinen doppelte Schärfe und deine Gedanken Flügel bekommen zu haben . Du lebst mehr innerlich als äußerlich . Du hast dich an den schaukelnden Gang des Kameles gewöhnt ; er stört dich nicht mehr . Im hohen Sattel des Hedschihn sitzend , achtest du nicht auf die Bewegungen des Tieres , dessen weiche , elastische Schritte nicht bis zu dir heraufwirken . Reitest du durch die Hochfelsenwüste oder durch das Warr , so fühlst du dich als körperliches Individuum so klein , so nichtig , so verlassen in diesem überwältigenden Stein- und Trümmermeere ; reitest du über den glatten Sandozean , so siehst du ihn nicht hinter dir verschwinden , während er sich aber vor dir immer weiter und weiter ausbreitet . Es giebt keinen Anfang und kein Ende , keine Grenze hier , denn der Horizont ist zur Vermählung des Himmels mit der Erde geworden , die zwischen beiden keine Linie mehr kennt . Du weißt nicht , wo das Unten aufhört und das Oben beginnt , und hast das Gefühl , als ob die über dir glühende Sonne die Erde und dich mit ihr immer auf- und auf- und stetig aufwärts ziehe . Und wie du Himmel und Erde nicht mehr zu trennen vermagst , so schaust du zu gleicher Zeit nach außen und nach innen . Die Endlosigkeit vor deinem körperlichen Auge ist gleich der unmeßbaren Weite , welche vor deinem geistigen liegt . Dein Leib wird fortgetragen , ohne daß du es fühlst , und deine Seele fliegt . Dein Leib ? Du hast keinen Leib mehr ; du bist nur Seele , nichts als Seele . Der Leib ist in dieser Grenzenlosigkeit immer leichter und leichter , immer nichtiger und nichtiger geworden , bis er als ein Nichts in der Unendlichkeit dir aus den Gedanken schwand . Aber daß deine Seele besteht , bestehen muß und auch fortbestehen wird , das ist dir zu einer Klarheit geworden , gegen die kein Hauch des Zweifels möglich ist . Du selbst bist ja diese Seele und kannst kein Ende nehmen , wie es hier überhaupt kein Ende giebt ! Der Zweifel kann nur auf der Erde wohnen , und du befindest dich ja nicht mehr auf ihr . Du bist jetzt überirdisch und atmest im seligen Reiche der Zuversicht zu dem , der da ist das ewige Leben und dessen Eigentum du bist . Du fühlst es , und du weißt es , daß es von jetzt an keine Macht mehr giebt , der es gelingen kann , dich in der Ueberzeugung deiner Unsterblichkeit irre zu machen . Da hörst du Worte ; sie klingen wie aus weiter , weiter Ferne zu dir , aber sie rufen dich doch zur Erde zurück . Du bist nicht mehr jenseits , sondern diesseits unserer Grenzen und siehst , daß der Schech el Dschemali78 es ist , der gesprochen hat . Er deutet vorwärts , und indem du diesem Fingerzeige mit dem Auge folgst , bemerkst du eine Karawane , welche weit draußen in der Wüste vorüberzieht . Ihr Führer trennt sich von ihr und der eurige von euch . Beide reiten einander entgegen , um Frage und Antwort auszutauschen , während beide Karawanen ihres Weges weiterziehen . Du staunst über den Anblick dieser fremden Wanderer ; du fragst dich , ob das die Wirklichkeit oder eine Phantasmagorie sei . Die Gestalten sind von zwei horizontalen Linien durchschnitten , zwischen denen sich nichts befindet ; unter ihnen siehst du die langen , weiterschreitenden Beine und die halben Leiber der Kamele , während über ihnen die oberen Leibeshälften mit den Reitern in der Luft zu schweben scheinen ; der eine Teil des Bildes ist senkrecht ; der andere schräg . Die Ursache davon hast du in den von der Erde zurückgeworfenen Sonnenstrahlen zu suchen ; das sagt dir das eigentümliche Zittern der zerschnittenen Gestalten . Wer sind sie ? Wo kommen sie her , wo gehen sie hin ? Der Schech el Dschemali wird es erfahren und euch sagen . Aber wer sie auch sein mögen , sie befinden sich in derselben Wüste und haben ganz dasselbe empfunden und gedacht wie du . Es giebt unter ihnen keinen , der an dem Dasein Gottes und an dem ewigen Leben Zweifel hegt , denn die Seele jedes von ihnen ist da oben gewesen , wo jetzt auch die deine war . Der Tag vergeht , und um die Zeit des Moghreb wird Halt gemacht . Das Lager wird gebildet und dann das Wasser ausgeteilt . Wie erhebend klingt dann der Ruf : » Hai ' alas Salah , hai ' alal Felah ; Allah akbar ; la Ilaha il Allah - - - auf zum Gebete , auf zum Heil ; Gott ist sehr groß ; es giebt keinen Gott außer Gott ! « Nach dem raschen Hereinbruche der Dunkelheit wird noch das Abendgebet gesprochen ; dann hüllt ihr euch in eure Decken ; die Beduinen schlafen ; du aber hast die Augen offen , denn die Sterne Gottes sind aufgegangen , hier in größerer Pracht und Herrlichkeit als anderswo . Sie ziehen mit magischer Gewalt deinen Blick zu sich hinauf und mit ihm deine Seele mit allen ihren Gedanken . Du denkst zunächst des heimatlichen Himmels , der andere Bilder hat als dieser südlichere . Das liebe Vaterhaus mit allen , die in ihm wohnen , kommt dir in den Sinn . Dein Herz eilt hin zu ihnen , denen deine Liebe gehört . Du hältst Heimkehr aus der Wüste , aus der fernen Fremde in die Heimat , die dich geboren hat . Aber der Glanz der Sterne zieht dich wieder her , ohne daß du das Gefühl , daheim zu sein , verlierst . Bist du nicht auch hier daheim , an der Seite des himmlischen Vaters , von welchem Jesaias79 sagt : » Kann denn ein Weib ihres Kindes vergessen , daß sie sich nicht erbarmte des Sohnes ihres Leibes ? Und wenn sie es vergäße , so wollte doch ich dich nicht vergessen ! « So wird dir selbst die Wüste zum Heim , und auch die Sterne grüßen dich nicht fremd . Es ist , als ob sie liebe , verheißungsvolle Worte herniederflimmerten von den Wohnungen im Hause des Vaters , welche Christus uns bereitet hat . Ist es nicht wunderbar , daß diese Sonnen und Welten , millionenmal größer als unsere winzige Erde , dich nicht erschrecken , sondern vielmehr deinen Glauben und dein Vertrauen stärken ? Es drückt dich nicht nieder , daß sie schon Milliarden von Jahren bestanden haben und noch Billionen von Jahren bestehen werden , während dein Leben höchstens siebzig Jahre währt , und wenn es hoch kommt , so sind es achtzig Jahre . Und du thust wohl daran , so zuversichtlich zu sein , denn Christus sagt : » Himmel und Erde werden vergehen , aber meine Worte werden nicht vergehen !