und wollte sie hinaustragen . Sie wehrte sich wie von Sinnen , die Damen eilten jammernd herbei , Salomon Hecht suchte aus dem Kaminfeuer erst mit entblößtem Arm , dann mit der Schaufel die Kostbarkeiten herauszuholen , viele wandten sich feig und finster nach der Tür , der Diener sah mit eigentümlichem Lächeln in den von schwüler Luft erfüllten Raum , und auf einmal blieben alle regungslos stehen . Der jetzt hereintrat , ohne daß der Türsteher versucht hätte , ihn abzuhalten , war ein Greis von mehr als neunzig Jahren . Er hatte etwas wie eine seltsame Ruine ; etwas gleichsam Unvergängliches war in seinem Gesicht , ein Schimmer von wandelloser Milde und Güte . An Gliedern riesenhaft , in den Augen jenes Funkeln , das man zuweilen bei alten Männern sieht , die die Jugend müde hinwanken sehen und selber niemals müde zu werden scheinen , so kam er herein und Agathon lächelte wie ein Kind , das an den Wendepunkt eines Märchens gelangt ist , wo die wohlbekannte gute Fee kommt , um die Verwicklung zu lösen . Jedermann auf den Dörfern kannte den Gedalja Löwengard aus Roth . Der Alte ging ohne weiteres auf seinen Sohn zu , stutzte aber , als er dessen Gesicht sah , ließ die halbausgestreckte Hand wieder sinken , nahm ruhig Platz und schaute grüblerisch lächelnd vor sich hin . Der Baron , der sich der armseligen Erscheinung seines Vaters schämte , trat mit verlegener Miene zu seinen Gästen , die sich wie eine Phalanx vor ihm aufgepflanzt hatten . Jeanette ließ sich vor dem Greis auf die Knie nieder , streichelte seine Hände und fragte : » Großvater , was ist geschehen ? Warum kommst du so spät noch zu uns ? « Mit einer scheuen und entsetzten Geste wandte sie sich nun zu den andern und sagte : » Er weint . « Der alte Gedalja packte schnell ihre Hand und lispelte ihr zu : » Sag ' s ihnen nicht . Sie wollen nicht sein gestört . Mein Sohn hat vergessen , daß ich nicht habe zu kaufen einen Frack . Hat vergessen , daß ich bin arm . Heut abend ist abgebrannt ganz Roth . Der Herr hat mich wollen gedenken lassen , daß es mir gegangen is zu gut im Leben . Mei Haus , mei Hof , mei bisla Vieh , alles is hin . « Die Gesellschaft schickte sich zum Aufbruch an . Baron Löwengard verfluchte sich und seine Tochter und vermochte kaum einen oberflächlichen Anteil an dem Unglück seines Vaters zu nehmen , dem er ein Zimmer zum Schlafen anweisen ließ . Dann forderte er Jeanette auf , ihm zu folgen . Agathon hörte ihn mit heiserer Stimme schreien ... Der Diener suchte ein vertrauliches Gespräch mit Agathon anzuknüpfen ; seine Worte klangen widerlich zurück von den Wänden des verödeten Saales . Agathon schlich beschämt in seine Kammer , warf sich angekleidet aufs Lager und fiel sofort in schweren Schlaf . Am Morgen hörte er vom Hausgesinde , daß Jeanette verschwunden sei . Er fühlte sich darüber glücklich , ohne zu wissen warum . Die Luft war kühl und gleichsam gereinigt , als er zur Schule ging . Die Welt schien neu . Am Morgen hat alles nur ein Auge nach dem Licht hin ; alles hat Zweck , Bedeutung , Form und Rundung , alles ist mit Frieden gesättigt , die Dächer glänzen , die Sonne taucht langsam auf mit kupferigem Glanz , der Rauch erhebt sich kerzengerade , jeder Schornstein ist ein Bild des Emporstrebens . Die Mägde haben weiße Schürzen , die Bäckerbuben pfeifen , über die große Brücke rollt der Schnellzug , aus dem rätselhafte , übernächtige Gesichter in die überschwemmte Ebene schauen ; die Schranke am Dambacher Weg ist geschlossen , ganze Reihen von Ochsen stehen da und warten gutmütig . Und zwischen den Häusern verschwindet der Zug , rasselnd , polternd , pustend , und Agathon hört , wie er mit schrillem Pfiff am Bahnhof hält , und seine Sehnsucht eilt hin und steigt ein , um in ihr geheimnisvolles Vaterland zu fahren . Er geht gerade am Haus des Abraham Porkes vorbei , der Millionen besitzt und als edler Menschenfreund bekannt ist ; über eine halbe Million hat er für das Waisenhaus vermacht . Es gibt viele Dinge , die Agathon bewundert , und er liebt die Menschen . Die Wandlung , die er seit kurzem durchgemacht , kommt ihm merkwürdig vor . Er weiß , daß es neu ist , was er fühlt , aber er will sich nicht durchforschen . Es ist , als ob man in seinem Herzen etwas baue , und er will warten bis es fertig ist . Er denkt an jenes Bild der Stationen , wo der nackte Jüngling mit einer Zange dem Heiland die Dornen von der Dornenkrone nimmt . Und während er daran denkt , erschrickt er , bleibt stehen und lauscht . Aber es pfeifen nur die Bäckerjungen in ihrem monotonen Diskant . In der Schule hörte er nichts von dem , was gelehrt wurde , hatte nicht memoriert , eine wichtige Lektion nicht geschrieben und kam in den Strafbogen . Er begriff nicht , warum er all das Tote in sich aufnehmen solle , da es doch auf jedem Schritt des Lebens genug gab . Er begriff die Verachtung , in der die meisten Lehrer bei den Schülern stehen ; sie galt nicht der Person , sondern dem Amt . Es galt der Handwerkerart , die feierlichen Dinge der Geschichte mit dem Gedächtnis feilschend herabzuwürdigen , erlauchte Namen so zu nennen , als ob es gälte , ein Adreßbuch durchzulesen . Alt diesem Morgen begann Agathon zu sehen , wie wenn ein Brett von den Augen seiner Seele genommen wäre und dies erregte ihn so , daß seine Wangen ab und zu erbleichten . Nur ein Lehrer war es , an dem er mit abgöttischer Verehrung hing , an den er mit keinem Hauch von Kritik zu rühren wagte . Dieser Lehrer , Erich Bojesen , hatte sich von Anfang an durch die Art empfohlen , wie er die Wissenschaft der Chemie vor den Schülern zerlegte , so daß auch der Blöde und der Boshafte aufmerksam wurden . Er griff gleichsam mit lebendiger Hand in die Nacht der Natur oder in die Feuer der Natur und holte ihre Rätsel hervor , die er trotz aller Erläuterungen Rätsel und Wunder bleiben ließ . Er tat nicht wichtig mit der Wissenschaft und spielte nie mit ihr , machte auch nichts » Interessantes « daraus , sondern er stand hinter seinen Retorten und Röhren wie einer , der im Tempel steht und im Begriff ist , einen Gott zu predigen , dessen ganze Schönheit und Größe nur er selbst kennt . Er glich einem jungen Priester , der die gedruckten Gebetbücher verachtet und sein eigenes Gebet haben will und hat . Fünftes Kapitel Als Stefan Gudstikker mit dem kleinen Knaben das Innere des hallenden Gebäudes betreten hatte , hörte das Schreien wieder auf . Dennoch beschloß er , der Sache auf den Grund zu gehen . Er stieg die Treppe hinan , wurde nachdenklich gestimmt durch die düstere Stille des Hauses , schüttelte den Kopf über die mangelhafte Beleuchtung und betrachtete ein bemaltes Glasfenster , das den Propheten Jephta mit seiner Tochter zeigte . Er öffnete eine Türe , wobei sich das Bürschchen ungeduldig zwischen seine Beine drängte , und hatte einen weißgetünchten , fast finsteren Saal vor sich , in welchem Bett an Bett stand , dreißig oder vierzig wie in einer Kaserne , und über jedem der weißen Tücher schaute ein kaum weniger weißes Knabengesicht hervor , mit geschlossenen Augen , geschlossenen Lippen , angestrengten Lippen , die sich zu bemühen schienen , Seufzer zurückzuhalten . Eine dumpfe Luft schlug heraus und Gudstikker schloß schnell wieder zu , stand ratlos da und sah die Augen des zerlumpten Knaben verehrungsvoll und flehend auf sich ruhen . Da ertönte wieder das Schreien : lauter und eindringlicher . Der Kleine rang stumm die Hände und das Verzweifelte in der Gebärde trieb Gudstikker mehr an als Worte . In einem schmalen Raum saß der Schuldiener mit einer blauen Brille , riesenhaften Filzschuhen und einer Art Kaftan und nickte schläfrig ; wenn ihn sein Gegenüber , der Vorsteher , anredete , fuhr er auf , machte ein devotes Gesicht und schlug mit einem spanischen Rohr klatschend auf den Rücken eines etwa dreizehnjährigen Knaben , der mit Riemen auf ein Brett festgeschnallt war . Der Knabe öffnete dann den Mund zu einem Schrei , der lang hinhallte und langsam erstarb , worauf er in eine schmerzliche Starrheit verfiel . Dies alles hatte etwas Gespensterhaftes und Stefan Gudstikker hätte lachen müssen , wenn er nicht das Gesicht des Knaben gesehen hätte , ein altjunges Gesicht mit der Erfahrenheit früher Schmerzen und bohrend-unruhigen Augen , Knabenaugen , die manchem Mann zu denken geben konnten . Kaum sah der Bursche an Stefans Seite das Unglück seines Freundes , als er auf ihn zustürzte und bitterlich zu weinen anfing . » Ruhig ! was ist hier los ? « rief der Vorsteher erstaunt . » Was ist hier los ? « wiederholte getreulich der mit den Filzschuhen und zeigte einen wahren Schwertfischzahn , der wie eine Schaufel aus der Unterlippe hervorragte . » Wo kommt ihr her ? « fragte der Vorsteher und schaute seine dicken Finger an , als wären sie durch die Erscheinung der Fremden beschmutzt . » Wo kommt ihr her ? « fragte auch der Blaubebrillte und versteckte seinen Zahn , so gut es ging . Stefan Gudstikker erwiderte nichts , nahm sein Messer , durchschnitt die Riemen und hob den Knaben herab . » Was soll das bedeuten ? Was erlauben Sie sich , junger Mann ? « donnerte der Vorsteher und suchte die Angst seines schlechten Gewissens vergeblich zu bemänteln . » Was berechtigt Sie zu einer so grausamen Folter ? « fragte Gudstikker finster . » Er huldigt der Unzucht , verstehen Sie , und das muß bestraft werden . Da alle andern Mittel vergebens sind , muß er bestraft werden . Seine Mutter selbst hat ihn hergebracht , mir allein steht es zu , über seine Bestrafung zu entscheiden . Was haben Sie hier zu suchen und dieser nichtsnutzige Bengel , wessen erfrecht er sich ? « » Wollen Sie mir den Knaben für einige Tage überlassen ? « fragte Gudstikker nach einigem Nachdenken . » Ich werde ihn heilen . Ich habe mich wissenschaftlich mit solchen Dingen beschäftigt . « » Sind Sie Jude ? « » Nein . « » Dann bedaure ich . Bedaure lebhaft . « » Aber Herr Direktor , « erwiderte Gudstikker sanft . » Bei Ihrer Vernunft und Bildung müssen Sie doch einsehen , daß hier die Frage der Konfession von geringer Wichtigkeit ist . Ich bin wohlbekannt in der Stadt . Ich bringe den Knaben zu meiner Mutter , Frau Elise Gudstikker , und sobald Sie ihn zurückverlangen , können Sie ihn haben . « » Ja , wenn Sie glauben , « meinte der Vorsteher unentschieden . » Gut « , sagte er dann , » auf acht Tage ; vorausgesetzt , daß nichts geschieht , was die Religion beleidigt . Du kannst mit diesem braven Mann gehen , Sema Hellmut . Marsch ! Troll dich ' , Ungeratener . « Gudstikker ging mit den zwei Knaben . Er lachte in sich hinein . Er wußte , daß der Vorsteher froh war , den Knaben los zu sein . Zu Hause fand er die Mutter unpäßlich . Sie lag auf dem Sofa , sah etwas bekümmert aus , forderte ihn aber gar nicht auf , zu erklären , wie er zu den Kindern komme . Sie kannte sein jäh und abenteuerlich handelndes Wesen gut genug . Sie kannte auch seine redselige und mitteilsüchtige Natur zu sehr , um sich neugierig zu zeigen . Sie hatte eine eigentümliche Strenge im Gesicht , einen Blick , von dem man glaubte , daß er den Körper wie Glas durchdringe . Den jüdischen Knaben sah sie an , lachte leise und hart , betrachtete seine langen , dünnen Finger , das abgesetzte Handgelenk , nickte Stefan zu , legte sich ruhig wieder hin und sah mit spöttischem Lächeln in die Lampe . » Können sie hier schlafen , Mutter ? « fragte Gudstikker . Der Judenknabe schien alles tief in sich aufzunehmen , was er sah und hörte , dem Spiel seiner Augen nach zu schließen . Die einfache und gemütliche Stube mit dem weißen Kachelofen , der leise in sich hineinbrummte , die Nacht draußen mit dem einförmigen Flußgerausche , die stille Lampe , die alten Bilder an den Wänden , er besah es mit scheinbar verächtlicher Gelassenheit , doch mit einer gewissen inneren Unruhe . Er schien wenig empfänglich für die unaufhörlichen Liebkosungen seines Freundes , doch tauchte bisweilen sein Blick angstvoll in den des kleinen Zerlumpten . » Nun , das ist doch jüdische Degeneration , wie sie im Buch steht , « sagte Gudstikker zu seiner Mutter . » Ich weiß nicht , was im Buch steht , « entgegnete sie lakonisch . » Eigentlich sind die Juden viel bessere Menschen als wir , edlere Menschen . Sie trinken nicht , sie betrinken sich nicht , sie stehen besser da in der Welt als wir . Wenn bei uns nicht alles aus dem Leim geht , haben wirs den Juden zu danken . « » Im Gegenteil . Sie sind ein Geschlecht von Zerstörern . Ich bin der Ansicht , daß unsere ganze Kulturkrankheit Judentum heißt . « » Wer weiß , vielleicht heißt sie auch anders « , entgegnete Frau Gudstikker mit feinem Lächeln . » Das sind so Worte , mein Lieber . Ich bin zu dumm dazu ! « Gudstikker schwieg und verfolgte ein wunderliches Schauspiel zu seinen Füßen . Der große Bernhardinerhund erhob sich aus der Ofenecke , tappte zu den zwei Knaben , beschnüffelte den kleinen Zerlumpten , brummte , ( er war kein Freund der Kinder ) , beschnüffelte Sema , und statt wieder zu brummen , leckte er die Hand des Knaben , ließ sich neben ihm nieder und blickte gespannt in dessen Gesicht , als ob er einen Befehl erwarte . Am andern Tag gegen Mittag , kurz nachdem er aufgestanden war , bat Gudstikker seine Mutter um Geld . Sie erwiderte , daß sie schwer etwas entbehren könne , er möge einstweilen seine Uhr versetzen . » Mutter , « erwiderte er ernst , » du weißt , daß das gegen meine Natur geht . Willst du aushelfen oder willst du nicht ? « Sie gab , was sie konnte . » Wie lange wird es noch dauern , bis deine großen Ideen verwirklicht sind , « sagte sie sarkastisch seufzend . » Dein Wahn ist nicht billig . « Gudstikker lachte verächtlich und ging . Nach dem Essen begab er sich ins Cafehaus , vergrub sich in Zeitungen , saugte alle belletristischen , politischen und vermischten Neuigkeiten in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser , zahlte erst als es dämmerte , dann ging er zu einem Trödler , versetzte sein Uhr und machte sich auf den Weg nach Zirndorf , um die Nacht in der Ziegelei zu verbringen . Die Flut war nun so weit zurückgetreten , daß die gewöhnlichen Wege gangbar waren . Bei Dambach war ein Notsteg errichtet und schwankte hin und her wie eine Schaukel . Abenddunst huschte schattenhaft über das Wasser , das rauschend dahinschoß . Dann trat der Mond heraus , kalt , klar , eine halbe Scheibe . Aus der öden Ebene wurde ein Nebelreich , die ferne Stadt schien eine alte Festung , aus Rauch und Staub erbaut , der Wald schien zu hüpfen , oder sich zu verschieben wie eine Kulisse . Der Mond war tausendmal in tausend Wellen zu sehen , auch in dem ruhigen breiten Wasser , womit die Wiesen überschwemmt waren . Lichter schauten aus einem Weiler , flimmerlos , matte Punkte wie Leuchtkäfer ; ein Bauer schrie , ein Hund bellte , dann fingen plötzlich die Glocken von der Stadt herüberzuläuten , eine unendliche Melodie , die langsam strömte wie dunkler Wein aus grünem Glas . Gudstikker sah eine Gestalt vor sich . Sie wanderte müßig dahin , griff nach Stauden am Weg , nach Halmen , warf Steine ins Wasser . Es war Agathon . Gudstikker griff aus und wünschte guten Abend . Agathon erschrak . » Was denken Sie so den langen Weg ins Dorf ? « fragte Gudstikker . » An vieles . Oder an nichts . « » Mir scheint , mir scheint , Sie sind ein Träumer , ein heimtückischer Träumer , ein versteckt kochendes Wasser . Niemand ahnt , daß es kocht , auf einmal fliegt der Deckel herunter - ! « Agathon lächelte überlegen . » Warum glauben Sie das ? « fragte er sanft . » Sie kennen mich doch kaum . Sie wollen mir nur imponieren . « Gudstikker schüttelte melancholisch den Kopf . Dann schnupperte er die Luft durch die Nase und rief : » Was für ein Abend ! Zum Sterben schön . Aber dafür haben Sie ja keinen Sinn . Juden haben keinen Natursinn . Übrigens muß ich Ihnen etwas erzählen . Ich hatte gestern ein merkwürdiges Abenteuer . Als ich am jüdischen Waisenhaus vorbeiging , hörte ich furchtbares Schreien . Die Straße menschenleer , ein kleiner Junge stürzt auf mich zu , nennt mich Herr Jesus , zerrt mich die Stiege hinauf , durch drei , vier Schlafsäle , durch ein ödes Schulzimmer , durch eine Art Betsal und ich höre wieder schreien . « » Im Haus ? « » Im Haus . Ich öffne eine Tür , zwei große Kerle , in schwarzem Talar stehen da , der eine betet und der andre schlägt mit einer Hundspeitsche auf den Knaben los . Ich , wie toll , schlage den einen zu Boden , drücke den anderen an die Wand , nehme den Knaben ab und gehe mit ihm fort . Die beiden Zuchtmeister mir nach , auf der Gasse entsteht ein Auflauf und schließlich hab ' ich noch Mühe , die Elenden vor der Wut des Volkes zu retten . « Gudstikker ward bleich bei dem Bericht ; es war , als sähe er alles mit doppelter Deutlichkeit vor sich . Agathon sah seinen Begleiter mit leisem Mißtrauen von der Seite an . » Weshalb hatten sie ihn denn so gegezüchtigt ? « fragte er . Gudstikker sagte etwas , wobei Agathon die Hände zusammenschlug . » Ja , es ist eine schmutzige Welt , in der wir leben , « seufzte der andere . » Wir waten durch den Kot , in dem sich die Sterne spiegeln . Wir sind zu gebildet , um noch brauchbare Menschen zu sein . Wir wissen zu viel , wir schnüffeln zu viel in uns selber herum . Die Psychologie hat lauter Hamlets aus uns gemacht . Sürich Sperling , der war kein Hamlet , der war ein Fortinbras . « » Warum reden Sie immer wieder von Sürich Sperling ! « sagte Agathon gequält . Gudstikker blieb stehen , heftete seine Blicke durchdringend auf den Gefährten und seine Augen sahen groß und feurig aus im Licht des Mondes . Sie waren auf dem Hügelkamm angelangt . Die Waldnacht starrte sie an , in der Tiefe schimmerten die Lichter von Zirndorf . Agathon lehnte sich an einen Baumstamm ; sein Gesicht hatte einen visionären Ausdruck . » Ich sehe ihn , « sagte er . Gudstikker wich scheu zurück . » Hören Sie , « fuhr Agathon fort , » mir ist , als könnte ich auch die Zukunft sehen . Einer hat mich so weit hinaufgehoben , daß ich sie sehen kann : Sürich Sperling . Nicht weil er gelebt hat , sondern weil er tot ist . Aber fragen Sie nicht . « Sie gingen weiter . Gudstikker kaute an einer erloschenen Zigarette . Über den Mond zogen flaumige Wolken , ohne daß sie seinen Glanz zu mindern vermochten . » Was ist eigentlich Ihr Beruf ? « fragte Agathon . Gudstikker errötete . » Ich schreibe , « sagte er , bemüht , sich selbst zu verspotten . » Ich mache in Kunst . Vielleicht wird man bald von mir hören . « » Aber nicht lange , « fügte Agathon versunken hinzu . » Sie haben bloß Funken , keine Flamme . « Er brach erschrocken ab , als er bemerkte , wie Gudstikkers Gesicht sich verzerrte . An der Ziegelei trennten sie sich . Agathon ging heim . Es war Vorabendfeier des Laubhüttenfestes . Zum erstenmal hatte Elkan Geyer keine Hütte gebaut . Doch fromme Liebe übergoldete die Ärmlichkeit . Aus nichtigen Dingen war unter den Händen Frau Jettes Poesie entstanden ; Äpfel , Nüsse , Trauben lagerten auf blendend weißen Decken , Dielen und Fenster waren gescheuert , eine kupferne Ampel brannte über dem Tisch . Enoch Pohl starrte im Sofawinkel . Der fremde Gast war wieder da und las Gebete . Elkan Geyers Gesicht war wie durchpflügt von Unglück . So ging er seit dem Mord herum , keine Silbe war aus ihm herauszubringen . Die verschuldete Summe hatte er im letzten Augenblick noch aufgetrieben und dem Bruder des Toten eingehändigt . Frau Jette siechte hin . Es war oft , als ringe sie mit einer unsichtbaren Macht und sei nicht stark genug , die Arme frei zu bekommen . Daher leuchtete es bisweilen dämonisch auf in ihren Augen , wie von der Gewißheit der Niederlage erfüllt und doch voll trotziger Widerstandslust . Die Sorge um die Kinder beschäftigte sie am meisten , und sie glaubte Ruhe zu haben , wenn nur Elkan endlich die streitige Vorbeterstelle erhielte . Um neun Uhr wurden die Kleinen ins Bett geschickt . Alles war still . Der Gast las die Zeitung für das Judentum und sah plötzlich empor . » Es steht schlimm mit Jisroel , « sagte er . » Habt ihr gelesen von Rußland ? Is der Jüd ein Verbrecher , daß er sich soll steinigen lassen von die Gojim ? Es wird ein böses End nehmen , ein End mit Schrecken . « Sie sprachen dann vom Brand in Roth und vom Bankrott einiger Nürnberger Bankfirmen . Frau Jette sagte , daß Isidor Rosenau entschlossen sei , sein Geld beim Baron Löwengard zu erheben . Das sei lächerlich , warf Enoch hin ; Löwengard sei sicher wie Rothschild . Der Gast hörte es nicht ; er redete sich in eine flammende Hitze gegen die Christen und wurde schließlich phantastisch in seinen Anklagen . Er ist um ein paar Jahrhunderte verspätet , dachte Agathon . Er kannte viele solcher Juden ; das Gebet ging ihnen über alles , über Gott selbst und wer nicht betete , war der Feind , der Christ ; etwas Unreines , Übelriechendes lag über diesen Eiferern wie über abgestandener Speise . » Ja , « sagte Elkan Geyer müde , » das ist ja ganz recht , aber schließlich sind wir doch nur Geduldete . Wir speisen an einer fremden Tafel und bei einem fremden Volk . Was können wir fordern ? Nichts . Erobert haben wir ja genug , die einen viel , die andern wenig . « » Und wenn der Messias kommt , wird alles unser sein , « murmelte der Gast und drückte die Augen zusammen . Elkan bog den Kopf leicht vor und seine beiden Mundwinkel zuckten . Darin lag schmerzlicher Zweifel . Agathon liebte in diesem Augenblick den Vater sehr . Bald sagte er gute Nacht . Ihm war wunderlich zu Mut . Er hatte ein Gefühl von Macht und Freiheit ; ihm war , als könne er die bunten Verwicklungen des Lebens lösen , wenn er nur die Hand erhob . Er wollte noch nicht schlafen , darum ging er in den Hof und schlürfte die Nacht in sich ein , die so still war , spätsommerlich lau , trotzdem der Oktober schon weit vorgerückt war . Der zerbrochene Zaun , der verwilderte Gemüsegarten , in der Ferne die Felder , die niederen Häuser , alles zitterte in der sanften Bronzierung des sinkenden Mondes . Er hörte etwas murmeln , ging ohne Furcht den Lauten nach , öffnete das Scheunentor und wurde bleich vor Bestürzung , als er auf einem Strohlager den alten Gedalja gewahrte , der in einen Kerzenstumpf blickte und Agathon eifrig zu sich herwinkte , als er ihn gewahrte . » Psch ! nix reden ! « rief er mit unterdrückter Stimme . » Mausstill sein , sonst schneid ' ich d ' r ab die Ohren . Setz ' dich her zu mir , und ich will d ' r sagen was Guts für dein Leben . Hör zu , Jung . Ob de bist reich , ob de bist arm , ' s is ganz egal ; ob de bist gottesfürchtig , ob de bist nit gottesfürchtig , ' s is aach egal . Müßt ich sonst sitzen auf Stroh in der Scheune wie Hiob , und unterm Gras wie Nebukodnezor ? Ich will dir geben en guten Rat un sollst ' n nit vergessen in deinem Leben . Sag ' niemals , un wenn de wirst siebzig Jahr , sag ' niemals , daß de hast einen Menschen , wozu de haben kannst Vertrauen . Gott im Himmel , bin ich geworden neunzig Jahr , un meine Kinder schämen sich meiner . Hab ' ich gehabt e Gut , e Haus un e Viech un e Frau , un es Unglück is gekommen un hat aufgesperrt seinen Rachen , daß ich jetzt sein muß heimlich in der Scheune meines Vetters , bis er wird sein willig , mir zu geben e Kammer für die Nacht . Glauben is kaaner mehr in der Welt , ich spürs am eignen Fleisch , Gott hat die Zeit verloren , sie is ihm gefallen aus der Hand , nebbich . Du hörst se schreien von Juden un Christen , aber was se meinen is das Geld un was se nicht meinen , is die Frommheit . Was is Gott ? Is das Gott , wenn ich mach e Kreuz , wenn ich bet in der Thora ? Is das Papier Gott ? Is das Holz Gott ? Is Gott der Himmel , is Gott der Mond ? Nix is Gott ; Gott is meine Gutwilligkeit un mein Armsein . Ich bin Gott , du bist Gott , e Gespenst is Gott , e Stück Armut und Elend . « Er hatte die Hände erhoben und seine Augen standen voll Tränen . Zerrissen mit sich und der Welt lag er da . Agathon war versteinert . Dann begann der Alte wieder , leiser und ruhiger : » Jetzt gehste wieder hin , wo de bist hergekommen , legst dich schlafen un bist still . Du bist e gescheiter Mensch un wirst schweigen . Ich muß sein allein . Ich kann nit sehn vor mir e menschliches Gesicht . « Agathon wandte sich , verschloß die Tür , ging ins Haus , in sein Zimmer , kleidete sich aus , - alles wie bewußtlos . Dann legte er sich ins Bett und dachte nach , weit über Mitternacht hinaus . Sechstes Kapitel Er stand auf , spürte die Nacht um sich her mit den Fingern , kleidete sich an , ging hinab , und obwohl er sich nicht bemühte , leise zu gehen , schwebte er nur so hin über die Treppe und den Flur . Aus der Straße war es zauberhaft still : Häuser , Gärten , Brunnen gefroren in Ruhe . Er schlich um das Sebalderwirtshaus herum , erkletterte das Weinlaubgerüst , stand oben vor einem vergitterten Fenster , preßte sich mit seltsamer Geschicklichkeit durch und hüpfte durch die geöffneten Fenster in Sürich Sperlings Schlafgemach . Es war vollkommen finster , doch sah er jeden Gegenstand , auch den verstecktesten , mit brennender Deutlichkeit . Sürich Sperling lag nicht im Bett , sondern saß auf einem Stuhl , starrte in den leeren Ofen und sagte : » Mich friert . « - » Soll ich einschüren ? « fragte Agathon sanft . Er kniete hin und heizte . Das Material , das er dazu gebrauchte , fühlte sich an wie Wolle , und schließlich wurde es naß und er sah , daß er mit Blut geheizt hatte . Dann öffnete sich die Tür und von den flackernden Flammen beleuchtet , kam Stefan Gudstikker herein . Er führte an einer Leine zwei Hunde , zwei Katzen und zwei weiße Mäuse , die alle gehorsam hinter ihm herschritten . Er ging auf Agathon zu und reichte ihm einen Brief , über den Agathon in große Bestürzung geriet und dann sah er plötzlich seine Mutter , die mit rollenden Augen etwas Unverständliches sagte . Jetzt stand Sürich Sperling auf und sagte : » Es lebe das Kapital . Es lebe die Schnaps- und Fuselbrennerei . Es lebe die Bürgerschaft , die überm Pulverfaß schnarcht . Es lebe die Revolution . Ich bin Robespierre . Ich bin der ewige Jude . Es lebe der Tod . « Plötzlich wurde es hell im Zimmer , Agathon wußte nicht , ob durch die Flammen im Ofen oder durch ein Feuer von draußen . Da begann das Kruzifix an der Wand lebendig zu werden , Agathon sah ein Männergesicht von erhabener Schönheit und kniete nieder . Doch als er wieder emporblickte , sah er statt dessen eine nackte Frau . Es war Jeanette . Sein Herz klopfte zum Zerspringen . Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn fort , durch das leere Dorf , durch die Stadt , durch Wiesen und Wälder und Felder , dann kam eine öde Strecke , dann eine Brücke , die über einen grauenhaften