, ein starkes Gedränge gegeben , durch welches die zu Fuß Erschienenen nicht leicht zu den auf der anderen Seite der Straße haltenden Droschken kommen konnten ; indessen war alles ohne Unfall abgegangen und auch das Sorbitzsche Ehepaar rechtzeitig zu seinem Mietwagen gelangt . In dessen Ecke gedrückt sie nun den langen Weg zu ihrer Wohnung machten , ohne daß ein Wort zwischen ihnen gewechselt wäre . Sie hatten mit den eignen Gedanken genug zu thun . Die Viktors waren schwarz wie die Novembernacht . Welch ein Dummkopf war er gewesen , als er - nach der Aufführung - dem Menschen in dem Gedränge begegnend , ihm ein lobendes Wort gegönnt hatte ! So völlig gegen seine Überzeugung ! Diese kläglichen Farcen ! Die reinen Schülerarbeiten ! Und sein Bedauern ausgesprochen hatte , ihn neulich bei seinem Besuche verfehlt zu haben ! Er sollte sich nur wieder sehen lassen ! Fernau hatte ganz recht : die Reitpeitsche für den Gecken , den aufgeblasenen Narren ! Aber Fernau mochte auch der Teufel holen ! Wenn er es schon neulich bei Tisch bemerkt haben wollte , um es bei jeder der Proben abermals und in verstärktem Maße bestätigt zu finden - weshalb da vierzehn Tage warten , bis man zu einem Freund kommt und sagt : Hör ' mal ! so und so ! Erst heute abend mit der Sprache herausrücken , und auch nur , nachdem man ihn zur Rede gestellt , ihm das Messer an die Kehle gesetzt hat ! Aber der Sache sollte bald ein Ende gemacht werden ! Klotilde würde sich wundern ! In Klotildens Seele klang die Melodie von dem Walzer , nach dessen Takt sie in seinen Armen , an seiner Brust durch den Saal geflogen war . Des geliebten Mannes , der so gut walzen wie Komödienstücke schreiben konnte ! Und dessen schönes Haupt sie an dem Künstlertisch mit dem Lorbeerkranz hatte schmücken dürfen , den Stephanie bereit gehalten ! Die liebe Stephanie , die an Luckows Seite so glücklich gewesen war , wie sie an der ihres Albrechts ! Ein gräßlicher Name ! Er sagt , sie nennen ihn in der Schule Siegfried ! Der eitle Mensch ! Der herzige Narr ! Die prächtigen Augen ! Wie sie leuchteten , als er seine kleine Dankrede hielt - mit halber Stimme , damit sie es an den andern Tischen nicht hörten - vive la joie ! vive l ' amour ! - lalala - lalala -la - la - la ! Und wieder summte durch ihren Kopf die Melodie des Straußschen Walzers . Da hielt der Wagen ! Schade ! Es hatte sich so nett in der Ecke geträumt . Nun war noch das obligate Nach-Gesellschaftsgespräch durchzustehen mit den interessanten stereotypen , liebevollen Glossen über die gräßliche Toilette von der , der unglaublichen Frisur von der . Sie würde es heute kurz machen . Es scheint , Du willst noch länger aufbleiben , sagte sie , als man oben angekommen war und das Mädchen auf dem Flur ihr Kapuze und Mantel abgenommen hatte . Ich werde zu Bett gehen . Ich bin schrecklich müde . Wie nach Deiner Gesprächigkeit im Wagen zu vermuten stand . Ich wüßte nicht , daß Du mitteilsamer gewesen wärest . Vielleicht nicht , daß Du mitteilsamer gewesen wärest . Vielleicht wünschte ich für die Mitteilungen , die ich Dir zu machen habe , eine geeignetere Zeit . Dann ist diese gewiß die ungeeignetste . Also , gute Nacht ! Sie hatte aus dem Salon , in den sie eingetreten waren , die Wendung nach der Thür gemacht , durch die man in das Speisezimmer und weiter zu ihrem Schlafgemach gelangte . Er war ihr in den Weg getreten . Dennoch muß ich bitten , daß Du mir noch einige Minuten schenkst . Damit ich mich hier auf den Tod erkälte ? Ich werde Dich nicht lange in Anspruch nehmen . Ich wollte Dir nur sagen , daß ich Dein Benehmen heute abend - besonders bei Tisch - ich habe Dich von meinem Platze aus sehr gut beobachten können - unter der Kritik finde . Dann würde ich es an Deiner Stelle nicht kritisieren . Und ich den Herrn Professor , hätte er die Frechheit , sich hier wieder sehen zu lassen - Wenn er meinen Geschmack teilt , wird er sich hüten . - die Treppe hinunterwerfen werde . Du bist ganz sicher , daß Du heute abend nicht zu viel getrunken hast ? Ich verbitte mir eine so anzügliche Bemerkung . Ich wüßte nicht , daß sie für einen Mann anzüglicher wäre , als die Du eben Deiner Frau zu machen beliebt hast . Wenn ich sie allein gemacht hätte ! Freilich ! Herr von Fernau ! Und andre . Die Du die Güte haben wirst , mir zu nennen . Da müßte ich die halbe Gesellschaft herzählen . Ich habe keine Lust , zu warten , bis die andre Hälfte auch kommt . Also , worauf sollen alle diese Liebenswürdigkeiten hinaus ? Ich habe es Dir bereits gesagt : darauf , daß ich eine Änderung , eine totale Änderung Deines Benehmens in der Gesellschaft wünsche . Auch Deinem Herrn Minister gegenüber ? Ich weiß nicht , was das hier zu thun hat . So will ich es Dir sagen : mein Benehmen in der Gesellschaft gefällt Dir ausnehmend , wenn es Dir für Deine Absichten förderlich scheint . Die einflußreichen Leute - und Du findest sie bekanntlich mit absoluter Sicherheit heraus - dürfen mir den Kopf machen , Deinetwegen bis zur Unverschämtheit . Dazu die guten Freunde , gegen die man ein für allemal blind ist . Wagt ein andrer , mich nicht zu übersehen , spielt man sich als Othello auf . Ich dächte , ich hätte Dir jede Freiheit gelassen . Ich danke für diese Sorte Freiheit , die weiter nichts ist als Sklavenarbeit im Dienst des klugen Herrn , der recht gut weiß , was in unsrer Gesellschaft eine junge Frau gilt , welche die Leute schön finden , und deren alter Adel für seinen von gestern so treffliches Relief abgiebt . Von gestern ? Nun denn : von vor acht Jahren , als Dein Vater die Division bekam . Es hat nicht gehindert , daß er heute a.D. ist . Alte Generäle , besonders , wenn sie nicht reich sind , pflegen wenig Einfluß mehr zu haben . Ich wüßte nicht , was ich Deiner Familie zu verdanken hätte . Es müßte denn sein , daß Du in ihr auf einem Fuß zu leben gelernt hast , der unsere Mittel weit übersteigt . Ich bin Dir ja nie gut genug angezogen . Glaubst Du , daß Gerson mir meine Toiletten um meiner schönen Augen willen liefert ? Jedenfalls werde ich mir erlauben , auf seine Rechnungen und die Deiner andern Lieferanten ein schärferes Auge zu haben als bisher . Das kann dann ja allerliebst werden . Ich möchte Dir einen andern Vorschlag machen . Wir haben jetzt über vier Jahre Zeit gehabt , einzusehen , daß wir schlechterdings nicht zu einander passen . Ich dächte , Du ließest mich meiner Wege gehen und versuchtest es mit einer , die für Deine Liebenswürdigkeiten empfänglicher ist . Die entsprechende Wahl Deinerseits hättest Du wohl bald getroffen . Da würde ja meine Sache sein . Auf deutsch : Du wünschst eine Scheidung ? Ich glaube , mich deutlich genug ausgedrückt zu haben . Und das ist kein schlechter Scherz ? Ich hielte ihn dann mindestens für einen sehr guten . Schlecht , oder gut - ich würde mich unter keinen Umständen auf ihn einlassen . Ich habe keine Lust , meinen Namen , wenn er auch nicht so alt ist , wie der Deine , durch die Gerichte gezerrt zu sehen und mich zum Gespräche der Stadt zu machen . Es könnte Dir in der Carriere schaden ? Deine Schnödeleien lassen mich völlig unberührt . Ich weiß , was ich mir schuldig bin . Und nebenbei unsern Kindern , an die Du gar nicht zu denken scheinst . » Nebenbei « ist ausgezeichnet . Ich denke nebenbei , daß Kinder von Eltern , die ehrlich und mutig genug waren , sich zu trennen , als gegenseitige Abneigung ihnen ein anständiges Zusammenleben unmöglich gemacht hatte , besser daran sind , als von solchen , die sich nicht schämen , die miserable Lüge fortzusetzen . Wenn ich ein Mann wäre , ich brächte es nicht fertig , eine Frau zurückzuhalten , die ihm so deutlich gesagt hat , daß sie von ihm befreit sein will . Als ob die Frauen immer wüßten , was sie in ihrer Heftigkeit so herausreden ! Ich bin durchaus nicht heftig , im Gegenteil vollkommen kühl . Ich habe es sogar empfindlich kalt und muß dringend bitten , dieser lieblichen Unterredung ein Ende zu machen . Du wirst morgen ganz anders denken und reden . Das werden wir ja sehen . Sie war von dem kleinen Sofa , auf welchem sie gesessen hatte , aufgestanden und , die lange Schleppe ihres Kleides zusammenraffend , mit ein paar großen Schritten bereits an der Thür , die nach dem Flur führte . Wo willst Du hin ? rief er . Sie wandte ihm ihr Gesicht zu . Es war bleich bis in die Lippen , mit dunklen Rändern unter den starren , hohnvoll blickenden Augen . Du glaubst doch nicht , daß dieser Streit dasselbe erbärmliche Ende nehmen soll , wie schon so mancher ? Sie war zur Thür hinaus . Er hörte ihren Schritt über den Flur nach dem kleinen Zimmer neben der Flurthür , in welchem sie ihre häufigen Logierbesuche unterzubringen pflegten und das immer zum Empfang der Gäste bereit stand . Sollte er ihr nachrennen ? sie mit Gewalt zurückhalten ? Aber sie würde vor keiner schlimmsten Scene zurückschrecken ; und es war auch schon zu spät : da ging die Thür und der Schlüssel wurde umgedreht . Er begann im Salon auf und ab zu schreiten , in seiner ratlosen Wut sich an den Möbeln vergreifend . So weit hatte es nicht kommen sollen ; keinen Augenblick hatte er gedacht , daß es so weit kommen könne . Sich scheiden lassen ! Sie mußte verrückt sein ! Wenn sich alle Leute scheiden lassen wollten , weil sie sich einmal gezankt haben oder sich öfter zanken - und gerade in diesem Augenblick , wo ihm alles darauf ankommen mußte , daß sein Name nicht im Gerede war . Überhaupt , ein solcher Unsinn ! ein solcher haarsträubender Blödsinn ! Fernau hatte recht ; jetzt war es sonnenklar , daß er recht hatte . Wenn es noch Fernau selbst wäre , oder irgend einer von den andern - es ließe sich doch zur Not begreifen . Aber dieser Schulfuchs ! dieser lächerliche Pedant ! Eine so grauenhafte Geschmacksverwirrung ! Es ist ja rein zum Lachen ! Und Viktor lachte laut auf . Es klang ihm selbst häßlich ; er biß die Zähne aufeinander . Gut , Madame , gut ! Man wird Ihnen ein paar Tage Bedenkzeit geben . Wenn Sie sich dann nicht besonnen haben , wird man aus einem andern Tone mit Ihnen sprechen . Mit Ihnen und Ihrem Schulmeister ! Sechzehntes Kapitel Wie er zu Fuß gekommen , hatte Albrecht das festliche Haus verlassen , zusammen mit einigen jüngeren Herren : Referendaren , Assessoren und zwei oder drei Offizieren . Da man sich einmal zusammengefunden , wolle man auch zusammenbleiben . Was solle man mit der angebrochenen Nacht ! Unter den Linden werde schon noch ein Café auf sein . Der Herr Professor müsse mit . Mitgefangen , mitgehangen ! Die geplante Expedition führte Albrecht weit von seiner Wohnung in eine der westlichsten Straßen . Aber sie hatten recht : was solle man mit der angebrochenen Nacht , wenn einem das Herz so voll ist ! Das Café des Linden-Theaters , zu dem man zuerst gelangte , war noch nicht geschlossen , wenn auch , wie man sich überzeugte , als man eingetreten , in dieser späten Stunde nur mäßig besucht . Desto besser ; so konnte man in respektvoller Distanz von dem süßen Pöbel um so behaglicher plaudern . Es ging doch nach einer solchen Strapaze nichts über ein vernünftiges Wort bei einer Tasse Kaffee mit Cognac , oder auch einem Sherry-Cobbler , oder Glühpunsch und einer guten Cigarre ! Ein famoser Abend das ! Ein bißchen sehr eng und das Souper nicht ganz auf der Höhe der Situation , aber , alles in allem , first rate ! Man könne doch in der Wahl seiner Frau nicht vorsichtig genug sein . Beispiel : der Direktor ! Lieber Gott , mit seinen Fähigkeiten - das sei auch nur so , so ! la , la ! aber wenn einer einen Schwiegervater in der haute finance habe , und der mit seinen Millionen so klug zu klimpern wisse , könne man es leicht zum Ministerialdirektor bringen und solche routs geben . Nun schon der zweite in der kaum angefangenen Saison ! Woran es nur eigentlich mit der Verlobung von Fräulein Stephanie und Hauptmann von Luckow hapre ? Alle Welt habe geglaubt , sie werde heute proklamiert werden . An Luckow liegt es gewiß nicht , sagte ein Referendar . Barkis is willing . Einige lachten . Was heißt das ? fragte ein blutjunger Lieutenant . Aber , Leisegang , Sie werden doch den Copperfield gelesen haben ! Habe ich . Nur , wie es scheint , nicht englisch . Liegt ganz aus unsrer Schußlinie . Büffle jetzt furchtbar russisch . Verdammt schwere Sprache . Keine gelehrten Unterhaltungen , Ihr Herren ! rief ein Dritter . Um auf Fräulein Stephanie zurückzukommen : sah heute großartig aus . Die Sorbitz ist ihr doch über . Sie haben nun einmal ein faible für die Sorbitz . Sie etwa nicht ? Wer keins für sie hat , hebe die Hand hoch ! Da kein Widerspruch erfolgt , erkläre ich Frau von Sorbitz für die Krone der Weiber . Und Fernau für den Beneidenswertesten der Sterblichen . Wenigstens giebt er sich die erdenklichste Mühe , es zu werden . Mir scheint , er hat in letzter Zeit merklich an Terrain verloren . Oder das Rennen aufgegeben . Sorbitz versteht in gewissen Dingen keinen Spaß . Versteht er überhaupt welchen ? Ich lasse nichts auf ihn kommen . Weil er Ihr Corpsbruder war ! Allerdings . Und der Stolz des ganzen Corps . Er hat mindestens zwanzig Mensuren gehabt , wobei ich noch zwei auf Pistolen nicht einmal mitrechne . Niemand zweifelt an seiner Bravour . Würde dem Zweifler auch schlecht bekommen . Er hat die Gewohnheit , seinen Gegner mit ein paar Blutigen abzuführen . Was nicht hindert , daß er die Courmacher seiner Frau ein bißchen sehr frei laufen läßt . Que voulez-vous ? Er ist eben ein Mann von Welt . Na ! jeder nach seinem Geschmack . Meiner wäre es nicht . Seien Sie überzeugt , daß Sorbitz verdammt genau weiß , wie weit er gehen kann . Oder sie gehen lassen . Was in diesem Falle auf dasselbe hinauskommen dürfte . Haben Sie Monselet : » Les femmes « gelesen ? Nein , warum ? Es ist da eine reizende Geschichte : » Ma femme m ' ennuie « , in welcher der betreffende Unglückliche aus Langeweile auf die verrücktesten Einfälle kommt , zuletzt auf den , einen Hühneraugenoperateur , der ihn in die Zehe geschnitten hat , tot zu schießen . Vor die Assisen gestellt , weiß er kein Wort zu seiner Verteidigung vorzubringen , als : » Ma femme m ' ennuie . « Was soll das hier ? Man kann die Geschichte auch umkehren und » Mon mari m ' ennuie « überschreiben . Wo dann die aus Langeweile begangenen Tollheiten auf die Seite der Frau fallen . Der Sorbitz kann niemand etwas nachsagen . Was ich auch himmelweit entfernt bin , nur habe andeuten zu wollen . Was wollten Sie denn ? Mit meiner Belesenheit Parade machen . Was sonst ! Ich sage noch einmal : kein gelehrtes Gespräch , Ihr Herren ! Es war in der That kein gelehrtes Gespräch , was nun folgte . Man war einmal bei dem Kapitel der Frauen , und zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht muß da unter jungen Leuten ein freies Wort erlaubt sein . Man machte von dieser Freiheit sattsamen Gebrauch . Was den Herren an Reife der Jahre etwa fehlte , schienen sie durch die Vielseitigkeit ihrer Erfahrung mehr als gutgemacht zu haben . Die bedenklichsten Geschichten wurden erzählt ; die ungeheuerlichsten Behauptungen aufgestellt . Wenn man den Herren glaubte , mußte man die Existenz einer ehrbaren Frau für eine Fabel halten . Und doch sind dies Leute , sagte sich Albrecht , denen man Geist und Verstand und Bildung nicht absprechen kann , und die doch auch Mütter und Schwestern haben . Er sagte es sich aber bereits auf dem Heimweg , nachdem er bis drei Uhr ausgehalten und sich dann unter dem Vorwand , daß er morgen zu früher Zeit in seine Schule müsse , verabschiedet . Weshalb er nur mitgetrottet war ? Was ging ihn diese Gesellschaft an ? So wenig , wie er sie . Nicht mit einer Wendung hatte man seine dramatischen Leistungen von heute abend auch nur gestreift ; nicht ein Wort war über Litteratur und Kunst gesprochen worden ! Dagegen mußte er die Zusammenkünfte mit seinen Kollegen , die wahrhaftig keine Lichter waren , Festmahle des Geistes nennen . Und sie ! sie gehörte denn doch auch in diesen Kreis blaublütiger Junker und ihnen ebenbürtiger Weiber . Die hochnasige Verachtung der bürgerlichen Plebs , die Überzeugung von ihrem adligen Gottesgnadentum , die Verranntheit in ihre engherzigen Vorurteile , die Wichtigthuerei mit ihren Kirchturminteressen - es war ja doch die Atmosphäre , in der sie aufgewachsen war ! Und daß man sie völlig zu der Clique rechnete , hatte die Impertinenz bewiesen , mit der man von ihr sprach : » die Sorbitz ! « Himmel und Hölle ! Als es zuerst sein Ohr traf , er glaubte sich verhört zu haben . Und dann wieder und wieder : » die Sorbitz ! « Als ob man von der ersten besten Komödiantin spräche ! Sie waren alle halb betrunken gewesen ! Ich auch . Ich hätte sonst diese Blasphemien nicht so geduldig mit angehört ; hätte diese Burschen - wo bin ich denn eigentlich ? Er stand still . Die Straße , in der er sich befand , kam ihm ganz fremd vor . Dann entzifferte er in dem Flackerlicht einer Laterne an der Ecke mühsam den Namen . Es war nicht so schlimm : nur ein geringfügiger Umweg . Aber seine Uhr hatte auf beinahe vier gewiesen . Wenn Klara doch aufgeblieben wäre ! Er hatte sie so dringend gebeten , diesmal von ihrer Gewohnheit abzuweichen : er sei gewiß , es werde sehr spät werden . Dennoch - Richtig ! Da oben in den Fenstern seines Arbeitszimmers noch Licht ! Und vor der Hausthür eine Droschke ! Jäher Schreck durchrieselte ihn . Wen haben Sie gefahren ? Der Kutscher raffte sich mühsam aus seinem Halbschlaf auf . Weiß nicht . Wird wohl ein Doktor sein . Ich soll warten . Wo haben Sie ihn abgeholt ? Gar nicht . Er hat mich auf der Straße angerufen . Ein Mädchen war bei ihm . Albrecht hatte genug gehört . Sein Rausch war völlig verflogen . Im ganzen Hause war kein Licht , außer bei ihm . Hastig schloß er auf . Ein Glück , daß er jede Stufe seiner drei Treppen so genau kannte : die kleine Lampe , die ihn sonst erwartete , war nicht da , und in dem Hause war es grabfinster . Die Thür zu seinem Flur brauchte er nicht aufzuschließen , sie stand offen und auf dem Tischchen unter dem Spiegel die unten vermißte Lampe . Er warf den zusammengedrückten chapeau claque auf das Tischchen - Paletot und Galoschen auszuziehen ließ er sich keine Zeit - und stürzte in sein Zimmer . An dem Schreibtisch beim Schein der Studierlampe saß einer und schrieb - sein Hausarzt . Der wandte jetzt den Kopf , blickte dann wieder auf das Papier und erhob sich . Guten Abend , oder vielmehr guten Morgen , lieber Professor ! Wir haben hier inzwischen eine böse Zeit gehabt . Glücklicherweise ist es nicht ganz so schlimm , wie Ihre Frau fürchtete . Baby ? Nein , Helenchen . Ihre Frau glaubte : Diphteritis . Ich , offen gestanden , im ersten Moment auch . Aber wir werden wohl mit einer gründlichen Halsentzündung davonkommen . Klara war plötzlich im Zimmer , Albrecht hatte sie nicht eintreten hören . Bist Du endlich da ? - Kann das Mädchen gehen ? Ich habe meine Droschke noch unten ; muß so wie so an der Apotheke vorüber und nehme am besten Auguste , so heißt sie ja wohl ? - gleich mit . Sie soll dann selbstverständlich auf das Rezept warten und die Droschke zur Rückfahrt benutzen . Es liegt mir daran , daß Helenchen die Medizin möglichst schnell bekommt . Aber dann müßten Sie gehen . Das thut nichts ; ist auch nicht so weit . Vorläufig wollen wir noch mal nach der Kleinen sehen . Man ging nach dem Kinderzimmer , in welchem jetzt auch Klara mit Baby schlief . Das Bettchen von Fritz und die Wiege waren entfernt . Es ist in solchen Fällen immer gut , wenn man vorsichtig ist , sagte der Doktor im Flüsterton . Er hatte sich über die kleine Kranke gebeugt und richtete sich nach einer halben Minute wieder auf . So ! Es bleibt also dabei , Frau Professor . Und was ich sagen wollte - Er gab noch einige Verhaltungsmaßregeln und ging dann , während Klara bei dem Kinde blieb , mit Albrecht über den engen Korridor in das Vorderzimmer zurück . Liegt Gefahr vor , Doktor ? Lieber Freund , Gefahr - das ist für uns Ärzte ein weites Wort . Ich meine : müssen wir uns auf das Schlimmste gefaßt machen ? Nach meiner Philosophie sollte man das eigentlich immer . In diesem speciellen Falle brauchen wir nicht ganz so stoisch zu sein . Ist das Mädchen da ? Na , also gute Nacht . Ich komme morgen , oder heute früh , wahrscheinlich schon um neun . Noch eins ! Sie haben eine verständige , tapfere kleine Frau . Bringen Sie mir sie nicht aus dem Text ! - Das war wohl heute ein großer Zauber ? Ich mag nicht daran denken . Ja , das Leben gefällt sich in Kontrasten . Auf Wiedersehen morgen ! Doktor Ribbeck stieg mit dem Mädchen die Treppen hinab ; Albrecht war wieder im Studierzimmer . Er griff sich mit beiden Händen an den brennenden Kopf : O , Gott , Gott , straf ' mich nicht so hart ! Nimm mir meinen Liebling nicht ! Er entledigte sich jetzt der Galoschen ; den Paletot behielt er an . Ihn fröstelte . Wer setzt sich auch im Ballanzuge an das Bettchen seines todkranken Kindes ? und seine Hauskleider befanden sich in dem Zimmer , in welchem jetzt die beiden andern Kinder schliefen . So geräuschlos er konnte , schlich er in das Krankenzimmer zurück . Klara saß an dem Bettchen ; er nahm den Stuhl , auf dem der Doktor vorhin gesessen hatte . Von dem Licht der verhüllten Lampe auf dem Tischchen zwischen den Fenstern kam nur ein schwacher Schein , aber hell genug , daß er sehen konnte , wie die Bäckchen des Kindes brannten . Es warf sich unruhig im Halbschlaf hin und her und murmelte von Zeit zu Zeit abgerissene , unverständliche Worte . Wann hat es angefangen ? fragte er flüsternd . So um halb elf . Ich machte zuerst nichts daraus . Schien auch besser zu werden . Aber um zwei - Das Kind hatte plötzlich laut aufgeschrieen ; Klara legte ihm eine frische Kompresse auf das Köpfchen . Albrecht hatte für einen Moment seine Hand auf eins der winzigen heißen Händchen gelegt . Nun saßen sie sich wieder gegenüber . Klara , nur Ohr und Auge für das Kind , fuhr in ihrem Bericht nicht fort ; er mochte nicht weiter fragen . Um halb elf ! Da mußte es gewesen sein , als sie sich hinter der vorgeschobenen Coulisse küßten ! Um zwei ! da war er , trunken von Liebe und Wein , auf die Straße getreten , um mit den angezechten jungen Gesellen in die Kneipe zu gehen , anstatt nach Hause zu seinem kranken Kinde zu eilen . Mein Gott , er hatte ja nicht gewußt , daß es krank war ; es nicht wissen können , und - das Leben gefällt sich in Kontrasten ! Aber , wenn dieser hier so ein schauerliches Gesicht zeigte , es war doch seine Schuld ! Und hätte er wenigstens seine Schuld ehrlich bereut ; aber , was er als das wahrhaft Gräßliche deutlich empfand , war , daß er es nicht konnte ! Daß die Erinnerung der süßen , sündigen Stunden sich nicht bannen ließ ! Daß er das Bild der schönen verführerischen Frau , die er in seinen Armen gehalten , deren Busen an seiner Brust geklopft , vergleichen mußte mit ihr , die da vor ihm saß , bleichen , unschönen , in der Sorge versteinerten Gesichtes , das schlichte , glanzlose blonde Haar verwirrt um den viereckigen Kopf , in ihrem abgetragenen , schief geknöpften Schlafrock , an den großen Füßen die ausgetretenen Morgenschuhe ! Es half nicht , daß er die Augen schloß : dann sah er sie beide erst recht deutlich nebeneinander ; den schlanken Hals sogar von der andern und die feingerundeten aristokratischen Schultern und den Busen , dessen Schönheit der weite Ausschnitt des Ballkleides mehr als ahnen ließ . Du bist todmüde und hier helfen kannst Du mir doch nicht , sagte Klara . Morgen ist überdies Dein früher Schultag . Laß mich wenigstens Augusten abwarten ! Ich hab ' ihr schon gesagt , daß sie Dir auf Deinem Sofa ein Bett zurecht machen soll , so gut es geht . Das Mädchen kam mit der Medizin , die Klara dem Kinde eingab . Nicht ohne große Mühe : das Kind wollte den Trank nicht nehmen ; Albrecht machte einen ungeschickten Versuch , ihr zu helfen ; Klara wurde ungeduldig . Thu ' mir den Gefallen und geh ' ! Du stehst hier wirklich nur im Wege . Er ging , von ihrem rauhen Wort beleidigt . Es war immer dasselbe ; sie hatte eben keine Formen , keine Spur von Anmut , keine Ahnung davon , daß der Ton die Musik macht . Und so ins Unabsehbare weiter leben müssen , an der Seite einer anmutlosen Frau , mit den ewigen Kindersorgen , Schulsorgen , Nahrungssorgen - dem Raubzeug , das dem Prometheus das Herz ausfrißt , während er verzweifelt an den unzerreißbaren Ketten zerrt ! Und Prometheus ist ein Gott und hat an den goldenen Tischen mit den andern Göttern geschwelgt in Ambrosia und Nektar ! - Er stand am Fenster und starrte hinaus . Über den hohen Dächern der gegenüberliegenden Häuser dämmerte bereits der Morgen herauf . Der Morgen , der nichts besser machen würde - nichts ! Siebzehntes Kapitel In seiner Hoffnung , Klotilde werde an dem nächsten Tage anderen Sinnes sein , sah Viktor sich getäuscht . Auch die folgenden brachten keine Besserung des Verhältnisses . Zwar die Zankscene der Nacht wiederholte sich nicht ; es war auch keine Veranlassung dazu : Klotilde hüllte sich in eisiges Schweigen ; er seinerseits hütete sich , einen Streit von neuem zu beginnen , in welchem er keineswegs sicher war , nicht den Kürzeren zu ziehen . Und doch hätten sie gerade in diesen Tagen , die zufällig keine Gesellschaften brachten , reichlich Zeit zu einer Aussprache gehabt . Dafür wechselten sie bei Tisch ein paar gleichgültige Worte , und auch die nur , solange die Dienstboten ab- und zugingen . Nach Tisch zog sich Klotilde in ihren Salon zurück , den sie für den Abend nicht wieder verließ , um sich , meistens sehr zeitig , in ihr improvisiertes Schlafgemach zu begeben , das sie inzwischen mit den nötigen Toilettengegenständen ausgestattet hatte . Wie Viktor auf seine diskrete Nachfrage erfuhr , war den Dienstboten das neue Regime dahin erklärt worden , das » die gnädige Frau an einem bösen nächtlichen Husten leide und den Herrn um den Schlaf bringe , welchen er , bei besonders schwerer Arbeit , gerade jetzt notwendig brauche . « - So hatte sie doch wenigstens den Leuten gegenüber den Schein zu bewahren gesucht ! Aber welches waren ihre wirklichen Absichten ? Darüber zerbrach sich Viktor den Kopf , und je länger und eifriger er des Rätsels Lösung zu finden suchte , desto dunkler wurde es ihm . Mein Gott , ja ! sie waren von Anfang an recht oft sehr verschiedener Meinung gewesen und hatten daraus nie ein Hehl gemacht . Im übrigen war doch ihre Ehe nicht besser und nicht schlechter , nicht behaglicher oder unbehaglicher als die aller seiner Kollegen und sonstigen näheren Bekannten . Eher noch ein wenig , wenn nicht inniger , so doch einiger hinsichtlich alles dessen , was ihm in seiner Carriere förderlich sein konnte , wo es Klotilde nie an sehr verständigen Ratschlägen und thatkräftiger Unterstützung hatte fehlen lassen . Daß die relative Enge ihrer ökonomischen Verhältnisse sie manchmal ungeduldig machte , ja , lieber Himmel , er hätte auch gern die Ellbogen freier gehabt ! Schließlich hatte sie doch gewußt , daß er kein reicher Mann war , es auch nie werden konnte ; und die Zuschüsse , die sie von seinem Vater erhielten , waren um ein namhaftes reichlicher und liefen vor allem sehr viel regelmäßiger ein , als die ihres Vaters , der die unangenehme Gewohnheit hatte , die Quartalsdaten zu