sehr viele geschlechtliche Geschichten mit , ohne daß sich die Andächtigen bewußt werden , daß sie in ihrem andächtigen Getue hauptsächlich wieder vom Geschlechtstriebe bewegt werden , dessen unerbittliches protzenhaftes Sichbreitmachen sie grade vernichten wollen . Aber - so unklar die Empfindungen der Andächtigen auch sein mögen - die Empfindungen sind doch sehr stark . Ja - ich muß sogar zugeben , daß alle klar zu zergliedernden Stimmungen nie eine so große Kraft besitzen - fast gar keine Kraft dagegen besitzen . Die kräftig auf uns einwirkenden , die überwältigenden Empfindungen sind niemals klar zu durchschauen . Die Verdammung des Unklaren schließt auch eine Verdammung der großen , mächtigen Stimmungen in sich - - - Und das geht denn doch nicht - - - Das Große darf man nicht verdammen . Ob das Große durch Mitwirkung geschlechtlicher oder halbkranker Geschichten entsteht - - oder nur durch große , edel genannte Geschichten entsteht - das ist ja ganz gleich . « » Was ist gleich ? « fragt nun gereizt die Tarub , die nur Safurs letzte fünf Worte vernommen , da der Dichter das übrige nicht laut ausgesprochen hatte . Und ihre Frage bringt ihn aus dem Text . Zum dritten Mal wirkt die Tarub unangenehm auf ihn - an einem Abend dreimal unangenehm - das ist unerhört . Und er schaut sein Weib an - nicht freundlich , aber doch forschend - aufmerksam . So gern möcht er wissen , was ihm eigentlich an seiner Köchin so unangenehm ist , wieder ne unklare Sache ! Doch bald nickt er mit dem Kopfe . Er weiß . Ihr fehlt die geistige Regsamkeit , die Fähigkeit , etwas Geistiges , Gedankliches zu verstehen - ihr fehlt , was nach seiner Meinung allen Weibern fehlt . Der Geist fehlt seiner Tarub - darum ist sie ihm unangenehm . Darum kann er sie nicht lieben , wie er sie lieben möchte . Er empfindet plötzlich ganz klar , daß er ein Weib überhaupt nicht lieben könnte . Die Weiber reizen ihn nur zum Lachen oder zur Wollust - zur Liebe nie . Das ist grade keine sehr erquickende Erkenntnis . Er denkt wieder an die Dschinne , die ihm an jenem Morgen über der Morgensonne erschien . Und er sehnt sich nach Liebe . Und nun wird die Tarub noch wieder zärtlich . Manche Augenblicke der Lust sind doch sehr merkwürdig - sehr merkwürdig . Safur kommt sich später noch unklarer vor - muß erst weinen über sich und dann wieder lachen . Die Tarub merkt von seinen Gemütsbewegungen nichts - glaubt , ihm sei nicht wohl . Er aber - er - der große Dichter - ihm fällt plötzlich ein , daß er ja noch in Tarubs Küche weilt , in der dunkelrote Rosen duften und acht Öllämpchen brennen . Und in der Küche gibts ja noch so viel zu essen . Und drum will er wieder essen - Drob freut sich Bagdads berühmte Köchin - sie gibt ihm eine große Aalpastete und Wein aus Bassora . Er ißt und trinkt . Er zerschneidet die Pastete mit dem Dolch , steckt die Dolchspitze immer in ein kleines Stück und führts so zierlich zum Munde . Die Tarub sieht ihm freundlich zu . Er denkt an die großen unklaren Stimmungen , die so eng verbunden sind mit Leid und Liebe - mit allen möglichen ewigen Qualen - mit den Qualen der Empfindlichkeit . Aber die Empfindlichkeit kommt vom vielen Empfindenwollen . Safur denkt an alles dieses - und kaut . Und beim Kauen werden ihm seine Gedanken verworren . Er will schließlich seine Gedanken los sein . Er trinkt und kaut - kaut Aalpastete - kaut - kaut . Vierzehntes Kapitel Die Sterne verblassen . Es wird Morgen . Die lauteren Brüder schlafen und träumen . Aber sie sind nicht zu Hause oder - wo sie sonst des Nachts zu sein pflegen . In Saids Garten liegen die lauteren Brüder . Da schlafen sie - da träumen sie . Denn Said will ein Morgenfest geben . Und ein Morgenfest beginnt in Bagdad immer mit Schlaf und Traum . Die Gäste kommen nachts in das Haus des Gastgebers , legen sich schweigend auf breite Sänften , schlafen da schnell ein - und werden dann behutsam in den Garten hinausgetragen - wo sie bis zum Aufgang der Sonne weiterschlafen . Nachts werden sehr viel Umstände gemacht . Die Sklaven schleichen mit kleinen Lämpchen im Garten herum und passen auf , daß die Schläfer nicht - von Schlangen , Fröschen , Kröten , Regenwürmern und andrem menschenfeindlichem Gewürm belästigt werden . Selbstverständlich wird in solcher Nacht auch sehr viel Räucherwerk verbrannt . Der Araber hat eine sehr fein gebildete Nase - Und wenn schlafende Araber was Feines riechen , kriegen sie feine Träume . Battany mit seinen sieben Freunden , Said selbst und der junge , als Trunken - und Witzbold berühmt gewordene Geograph Hamadany - das sind die lauteren Brüder , die nun in Saids Garten träumen - man will die glückliche Rückkunft derer , die den Mondtempel zu Hauran besuchten , feiern . Kodama und Osman haben deshalb ein halbes Schock berüchtigter Sängerinnen mitgebracht - natürlich , ohne dem geizigen Said was davon zu sagen . Die Sonne geht wieder überm Tigris auf - sehr dunkelrot - mit vielen dunkelroten Wolken ... Sie ist aber kaum mit dem vierten Teil ihrer Scheibe sichtbar geworden , so erhebt sich in Saids Garten ein ohrzerreißender Gesang - die Sängerinnen tun ihre Schuldigkeit . Ein keusches Lied singen sie freilich nicht - was sie singen , wird für gewöhnlich nur in den schmutzigsten Gassen von Alt-Bagdad gesungen - in jenen Gassen , in denen man mehr seine Börse als sein Herz in Acht nehmen muß - - - Doch Osman und Kodama lachen aus vollem Halse - als sie das - Lied hören . Nicht so lustig wie die Dicken erwachen die Andern . Namentlich Said - der weiß vor Schreck nicht , was er sagen soll . Die Andern wissen zuerst nicht , wo sie sind - sie schaun sich ängstlich um . Wie sie ganz wach sind , verstehen sie bald ihre Lage . Battany findet zuerst die Sprache wieder - er verwünscht das Geheul der Weiber - in den kräftigsten Ausdrücken . Die Dicken lachen aber . Safur hat Magenschmerzen und ist daher auch sehr ärgerlich - außerdem ist er noch müde . Die Andern haben eigentlich auch noch nicht ordentlich ausgeschlafen . Das Morgenfest fängt schön an . Auch in Bagdad ist es nicht allemal ein Vergnügen , ein üppiges Fest mitzumachen . Dem Said bereitet der Gesang das allergrößte Mißbehagen - er weiß : die dreißig Sängerinnen werden ihn mehrere Weinschläuche kosten - - - und er hoffte diesmal grade so recht billig wegzukommen . Said verzweifelt . Er weiß sich nicht zu helfen . Es mag kommen , wies will - er muß immer mehr zahlen , als er wollte . Die Unverschämtheit der beiden Dicken grenzt in seinen Augen ans Grenzenlose . Said beneidet seine Gäste , die alles umsonst haben , während er für das kleinste Vergnügen immer gleich ein Vermögen opfern muß . Saids Gäste waschen sich mit Saids kostbarsten Seifen und salben Haupt und Brust mit Saids kostbarsten Ölen . Und dann werden die Weinbecher bis zum Rande mit Wein gefüllt - und jeder Gast gießt seinen ganzen vollen Becher in den Garten - begrüßt dabei die Sonne und spricht ein paar persische Worte , die er selber nicht versteht ... Das ist das Sonnenopfer ! Den Said wurmt das - aber es ist nun mal Sitte - und Sitte bleibt Sitte . Die Perser haben in Bagdad noch immer sehr viel zu sagen . Ja - die reichen Leute - die verstehens - sich zu ärgern - die armen Hunde ärgern sich nicht halb soviel wie die reichen - Gastgeber . Doch die Sonne ! - bei Allah ! - die ist so herrlich - so göttlich - so groß - daß der Ärger der lauteren Brüder bald verdunstet wie der Nebel auf den Blumen und auf den Blättern der Bäume , auf den Rasen und auf dem bunten Fliesengetäfel der Fußwege ... Wie die Mädchen verstummen , wird in goldenen Gefäßen seltenes kostbares Zuckergebäck herumgereicht . Und darauf gibts Fleisch in würfelförmig geschnittenen Stücken - teils gebraten - teils gekocht - Hammel , Rind und Hühner ... aber viele viele Pfunde . Man ißt mit dem Dolch . Und man trinkt dazu den Wein in großen Zügen - ein Morgenfest soll immer in großen Zügen gefeiert werden . Aber - die Stimmung läßt sich denn doch nicht zwingen . Wohl verdunstete der Ärger der Meisten , doch die gute Laune kam darum noch nicht auf . Die Sonne der Heiterkeit wollte nicht aufgehen - wollte nicht . Das hatte so seine Gründe . Da war zuerst das schiefe Gesicht der beiden Reichen - des Battany und des Said ibn Selm - deren Gesicht wirkte ansteckend . Als reiche Leute dachten Beide wie alle reichen Leute - die da meinen , sie müßten überall genießen und schwelgen , weil sie doch was » besitzen « - - - als wenn der Besitz ein unbeschränktes » Recht « auf den Genuß gäbe ... Fühlten sich die Beiden als Gastgeber - und als solche fühlten sie sich eigentlich stets - so glaubten sie , sie müßten noch viel mehr genießen können - viel mehr als ihre Gäste - die waren doch nur ihretwegen da . Die guten reichen Leute taten so , als müßte ihre Gutmütigkeit ihre Genußfähigkeit erhöhen - was doch reiner Unsinn ist , da bekanntlich nur große Bildung genußfähig macht . So - oder so ähnlich dachte Safur , als er grade mit den beiden reichen Leuten vernünftig reden wollte . Am Reden ward er leider durch seine Magenschmerzen verhindert - er hatte doch in der Nacht allzu viel Aalpastete gegessen . Das Fastenfest mochte auch Schuld an den Magenschmerzen haben . Ja - das Fastenfest ! Jakuby konnte sich über den Muiullempel zu Hauran garnicht beruhigen - er erzählte den beiden Dicken von den Priestern und den Götzen so viel , daß bald Alle dem alten Geographen zuhörten - auch die dreißig Sängerinnen und Saids drei Köchinnen - der junge Hamadany ebenfalls , da er noch nüchtern war . Jakuby schilderte besonders eingehend die Selbstgeißelung einiger Jünglinge , die sich mit schweren Ketten den Rücken zerschlugen und sich mit Steinmessern gräßlich verwundeten und so fürchterlich schrieen und sich die fürchterlichsten Brandwunden beibrachten . Der eine Jüngling hielt sich , als er auf einem Fuße stand , die brennende Fackel unter der Sohle des andern Fußes ... Die dreiunddreißig Frauen kreischten bei diesen Erzählungen so entsetzlich , daß mans geradezu als Erholung empfand , wie sie wieder ein paar abgedroschene Lieder sangen . Osman und Kodama freuten sich auch jetzt wieder - sie waren in so gereizter Stimmung , daß ihnen der Ärger der Andern das einzige Vergnügen zu bereiten schien . Ganz Bagdad schien sich in gereizter Stimmung zu befinden . Es lag so was vom wilden Tier in der Luft - so was Grausames . In den acht Wochen , in denen Battany mit Safur , Suleiman , Abu Hischam , Abu Maschar und Jakuby nach Hauran reiste - hoch zu Kamel mit seinen Mongolen und seinen Schwarzen - in diesen acht Wochen hatte sich manches Unangenehme in Bagdad begeben . In der Chalifenburg hatte man sich mit dem Bunde der lauteren Brüder in sehr gereizter Stimmung beschäftigt . Der Chalif tobte wie ein toller Hund , als er von dem Geheimbunde hörte . Ach - mit dem Chalifen Mutadid wars schon damals nicht ganz richtig , er litt am Verfolgungswahn - in der Nacht erschien ihm immer ein weißgekleideter Geist mit einem langen weißen Bart und einem langen weißen Dolch . Wenn der Geist dem Chalifen erschien - dann konnten sich seine Diener die Hände schütteln - einem von ihnen gings dann an den Kragen . Der Chalif verstand keinen Spaß - er ließ gleich den Henker holen - seinen dicken Henker , der immer stolz in roter Seide durch die Paläste der Chalifenburg wandelte und mit rollenden Augen um sich schaute . Der Chalif sagte in letzter Zeit nicht mehr , warum er Jemanden köpfen ließ . Er ließ nur seine sämtlichen Hofleute zusammentreten , deutete mit dem linken kleinen Finger auf den , dessen Haupt ihm am besten gefiel - und danach konnten die Andern abtreten . Die Henkersknechte banden den Auserwählten mit festen Stricken , drückten ihn auf einem Lederkissen auf die Kniee , der dicke Henker in der roten Seide holte weit mit seinem krummen Säbel aus - und ein blutiger Kopf rollte über den Teppich ... Nach diesem Schauspiel ging der Chalif ganz beruhigt wieder schlafen . Aber diese nächtlichen geheimen Schauspiele , bei denen eigentlich nur der verrückte Chalif unbeteiligter Zuschauer war , wirkten doch auf die Hofbeamten sehr aufregend . Und die Aufregung der Hofleute übertrug sich bald auf die ganze Stadt . Man veranlaßte den Chalifen , alle möglichen neuen Gesetze zu erlassen , um seine Aufmerksamkeit von seiner nächsten Umgebung abzulenken . Es konnte ja wirklich garnicht mehr ein Vergnügen genannt werden , ein Diener am Hofe des allmächtigen Chalifen Mutadid zu sein . Bagdads Chalifenburg war damals die gefährlichste Gegend von ganz Bagdad . Wohl dem , der da nichts zu tun hatte . Diese Zustände in der Chalifenburg und ihr Einfluß auf den Bund der lauteren Brüder bildeten den Mittelpunkt des Gesprächs in Saids Garten . Man trank langsamer . Die Sängerinnen und Köchinnen wurden vernachlässigt und dadurch auch gereizt . Safur , der sonst so vorzüglich zu vergessen versteht , kann heute seine Magenschmerzen nicht vergessen . Said vergißt den Dicken die Sängerinnen nicht , die obendrein noch sehr anmaßlich tun und die ganze Gesellschaft wahrlich nicht für die geistige Krone Bagdads halten . Der junge Hamadany erzählt nun noch von dem schlechten Eindruck , den die lauteren Brüder auf die Tofailys machen . Und das schlägt dem Faß den Boden aus . Abu Hischam kriegt einen Hustenanfall - so laut hat er gleich auf die Tofailys geschimpft . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das ist ein so recht mißglücktes Fest . Stimmung kommt überhaupt nicht mehr auf . Und doch duften die Rosen so wunderbar . Und die Riesenveilchen duften noch mehr . Und der Wein ist so vortrefflich . Das hilft aber alles nichts . Der Chalif wird immer verrückter . Und selbst den Reichsten kann es schlimm ergehen . Mutadids Henker spaßt nicht . Die lauteren Brüder werden betrunken , sie küssen die Sängerinnen und machen dadurch die drei Köchinnen eifersüchtig . Was ist der Schluß ? Die Weiber fangen an , sich zu prügeln . Man kann sie kaum trennen . Die Sklaven müssen die Sängerinnen mit Gewalt zurücktreiben . Die drei Köchinnen sind in größter Gefahr gewesen . Die Sailóndula hat eine breite Kratzwunde über der Stirn . Der Abla hat man das hellblaue Beinkleid ganz mit Wein begossen . Und der Tarub blutet der ganze Kopf . Das ist ein sehr erquickendes Morgenfest ! Die beiden Dicken können lachen . Alle haben sich gründlich geärgert . In den grellsten Mißtönen schließt das Fest . Man geht in der denkbar schlechtesten Stimmung auseinander . Fünfzehntes Kapitel Nach einigen Tagen ist wieder alles anders . Plötzlich ist wieder zu viel Stimmung in der Gesellschaft der lauteren Brüder . Die meisten Brüder wollen Bagdad verlassen - da man sich in der Nähe der Chalifenburg nicht mehr sicher fühlt . Es liegt auf einmal sehr viel Reisefieber in der Luft . Auf dem Karawanenplatz geht es ungemein lebhaft zu . Dort ist jetzt der eigentliche Mittelpunkt von Bagdad . Vor Osmans Bücherbuden , die sich auf der nördlichen Seite des Karawanenplatzes befinden , stehen fast immer Neugierige , die was von den Büchern der lauteren Brüder sehen - und auch kaufen möchten . Osman macht vortreffliche Geschäfte . Kodamas Buch » Über die Kugelgestalt der Erde « wird sehr viel gekauft . Auch Abu Hischams » Zweifler « findet einige Käufer . Jakubys » Buch der Länder « findet viele Leser , wird aber seltener gekauft , das zu umfangreich und demnach zu teuer ist . Die Gebildeten Bagdads - namentlich die Koranstudenten - - sprechen mit großer Hochachtung von dem Bunde der lauteren Brüder , obschon die Tofailys ihr Mögliches tun , dem Bunde zu schaden . Der nichtswürdige AI Rumy hat bereits eine Schmähschrift über die lauteren Brüder geschrieben , in der diesen die ekelhaftesten Geschichten nachgeredet werden . In einzelnen Weinkneipen , in denen die Tofailys das große Wort führen , erregte die Schmähschrift großes Aufsehen . Gerüchte über eine bevorstehende Verfolgung der Brüder trugen aber dazu bei , daß man von dem neuen Gelehrtenbunde mit viel mehr Achtung sprach , als den Tofailys lieb sein konnte , die natürlich nur giftig waren , weil sie nicht an der Spitze des Unternehmens standen . Buchtury hatte daher auch den Versuch gemacht , einen » Bund der treuen Männer « zu gründen . Doch von diesem Bunde hörte nach seiner Gründung kein Mensch wieder was . Osman zeigte ein sehr vergnügtes Gesicht . Alles ging ihm nach Wunsch . Er stand sehr bald an der Spitze des Bundes der lauteren Brüder , und das kam vornehmlich seinem dicken Freunde Kodama zu Gute , der täglich berühmter wurde und eine große Gespreiztheit in seinem Wesen zur Schau trug . Osman wohnte in der Nähe der Chalifenburg in einem alten , sehr gut eingerichteten Hause . An einem sehr heißen Morgen steht der dicke Schreiber zu Hause zwischen Kisten und Kasten , die mit allerhand Arten Papier gefüllt sind und spricht lebhaft mit zwei Chinesen . Die Chinesen in fein mit Blumen gemusterten , braunroten Seidengewändern zeigen dem Schreiber neues chinesisches Papier und erläutern die Vorzüge desselben . Osman ist entzückt , er wird immer erregter und setzt dabei den Chinesen auseinander , wie wichtig für den gesamten Buchhandel die Herstellung eines billigeren Papiers sei - er brauche zu viel Papier ! Man plaudert auch über die Vorzüge und Mängel der » Rollenform « , in der die Bücher herausgegeben werden . Der eine Chinese ist der Meinung , daß man die langen Papierstreifen auch kneifen und in eine » Lattenform « bringen könnte - diese Bücher in » Lattenform « würden sogar handlicher sein . Und dann zeigen die Chinesen dem arabischen Schreiber ein paar bunte Zeichnungen , die sie aus ihrer Heimat mitbrachten - Drachen , Tempel , krause Wolken und viele Krieger mit großen Schwertern und buschigen Augenbrauen . Die beiden chinesischen Kaufleute wirken in ihren ruhigen bedächtigen Bewegungen so angenehm auf den dicken bequemen Osman , daß der die chinesischen Zeichnungen für drei recht schwere Goldstücke ankauft . Außerdem erklärt er den fremden Herren mit den schief geschlitzten Augen , daß er sie gerne öfters sprechen würde , lädt sie ein , erzählt vom Bunde der lauteren Brüder , vom Chalifen und von den » dünneren « Papierarten - von diesen letzteren bestellt er gleich eine ganze große Kiste , denn er weiß , daß die Chinesen , die auf Dschunken nach Bagdad kommen , viel billiger das Papier liefern können als die Perser , die das Papier auf dem Landwege über Indien beziehen . Osman bemerkt garnicht , daß die Chinesen Eile zu haben scheinen , er erzählt ihnen noch so viel von den neuen Lederkapseln , in denen die besten seiner Bücher aufbewahrt werden , zeigt ihnen noch so viele neue Bücher über Sternkunde , über Alaun , Vitriol , Salmiak und andre Stoffe , daß den gelben Herren ganz schwindlig wird . Mit größter Hochachtung vor der Bildung der Araber entfernen sich die beiden Herren mit den schief geschlitzten Augen - höflich sagen sie noch dem überaus liebenswürdigen Schreiber , daß sie beim Chalifen von Peking nie so huldvoll aufgenommen seien wie beim größten Schreiber von Bagdad . Wie die gelben Chinesen weg sind , fängt der dicke Osman an , ganz ernsthaft über die Zukunft des Papiers nachzudenken . Währenddem schreiben im großen Schreibersaale Osmans Schreiber mit verdoppelter Sorgfalt - denn Jakuby , Kodama und Safur sehen ihnen zu . Weit über dreißig Schreiber beschäftigt der dicke Osman . Sie schreiben mit langen feinen Haarpinseln auf vortrefflichem Baumwollpapier . Sie tauchen die Pinsel immer sehr vorsichtig in kleine weiße Kruken , in denen sich dünnflüssige chinesische Tusche befindet . Osmans Bücher sind sämtlich mit köstlicher Sorgfalt geschrieben . Die Buchstaben verbinden sich in geschmackvollster Art - mit feinen Schnörkeln . Die Schreiber sind die reinen Künstler - sie malen mehr , als sie schreiben . Das wissen sie , sie sind drum auch ganz gehörig stolz und sehr sauber gekleidet - fast so sauber wie Osman , der in seinen braunen baumwollenen Beinkleidern und mit seinem braunen baumwollenen Jäckchen und mit seinem weißen Leinenzeuge auf der Brust und auf dem Kopf so fein wirkt wie ein schön geschriebenes Buch ... In Osmans Hause herrscht musterhafte Sauberkeit , auf keinem der vielen Bücher ist ein Stäubchen zu sehen . Und Niemand staunt über diese musterhafte Reinlichkeit so wie Safur - der ist nahe daran , im Reinemachen den Zweck des ganzen Lebens zu sehen . Safurs Stimmung wird bei Osman immer saubrer . Kodama sieht unter seinem gelben Turban aufmerksam einem jüngeren Schreiber auf die Finger . Jakuby hat seinen lila farbigen Turban abgenommen und streichelt seinen glatt rasierten braunen Schädel mit der linken Hand - der Schädel sieht auch riesig sauber aus . Im Schreibersaal ist es sehr ruhig . Lauter gehts im Hofraum zu , der auf allen vier Seiten von verdeckten Wandelgängen eingerahmt wird , die auf der Mauerseite in hohen Spinden unzählig viele Bücherrollen zeigen . Die Spinde sind in verschieden große Fächer geteilt . Nach dem Hofraum zu , dessen Boden ganz mit bunten Fliesen bedeckt ist - in deren Mitte ein kleiner Springbrunnen plätschert - sind die Wandelgänge offen . Ein paar leichte geschnitzte Holzsäulen dienen den Dächern als Stütze . Neben der einen Holzsäule , an ders schattig ist , auf einem Teppich sitzt Abu Hischam und spielt wieder mit seiner armenischen Pelzmütze . Der junge Geograph Hamadany und der junge Geschichtsschreiber Abu Hanifa - Beide mit weißen Turbanen auf dem Kopf - und mit schwarzseidenen Kaftanen bekleidet - sitzen dem Philosophen gegenüber . Der junge Abu Hanifa hat » Die Geschichte des Chalifen Motawakkil « von Baladory , der vor einigen Wochen starb , auf dem Schoße und verbreitet sich eingehend über die Vorzüge des alten Baladory , der als Historiker jedenfalls die erste Stelle in Bagdad einnahm . Aus Abu Hanifas wohlgesetzter Rede geht deutlich hervor , daß er jetzt der erste Historiker Bagdads werden möchte - er will auch über die Chalifen schreiben - aber über alle - und dabei durchblicken lassen , daß eigentlich alle Abbassiden - mit Ausnahme Mamuns - nicht ganz bei Verstande waren , sodaß man sich über den blödsinnigen Mutadid garnicht zu wundern brauche . Die Rede findet bei Abu Hischam sehr viel Anklang , er unterbricht sie mit den derbsten Witzen - der Chalif hätte den Philosophen sofort köpfen lassen , wenn er ihn hätte reden hören . Doch Hamadany setzt dann etwas auseinander , das dem Philosophen mit der Pelzmütze weniger behagt . Hamadany hat ein Buch von Abu Hodail Hallâf auf dem Schoß und beweist dem Abu Hischam , indem er verschiedene Stellen wörtlich vorliest , daß Abu Hodail Hallâf vor fünfzig oder sechzig Jahren bereits alles das geschrieben hat , was Abu Hischam in seinem Buch » Der Zweifler « vor drei oder vier Jahren schrieb . Der Philosoph wird daher sehr wütend . Aber Hamadany ist unerbittlich in seiner Beweisführung . Die Unterhaltung wird natürlich sehr laut geführt . Hamadany läßt es an boshaften Bemerkungen nicht fehlen , weist auch auf den Titel hin , den Abu Hodail Hallâf für seine Arbeit wählte - die nannte nämlich der alte Schriftsteller » Der Zweifel « - die merkwürdige Verwandtschaft mit dem Titel , den Abu Hischam für seine Arbeit wählte , der dieselbe » Der Zweifler « nannte , reizt den jungen Hamadany zu nichtswürdigen Betrachtungen , über die natürlich Abu Hischam fast aus der Haut fahren will . Indeß - gefolgt von Said und Suleiman , betreten nun Abu Maschar und Al Battany den Hof . Der Letztere sagt sehr laut , sodaß Abu Hischam und Hamadany ihr unerquickliches Gespräch gleich abbrechen : » Lieber Abu Maschar ! Du scheinst die Verhältnisse in der Chalifenburg durchaus nicht zu kennen . Wir werden tatsächlich verfolgt und sind nicht unsres Lebens sicher . Du kennst doch meinen Freund , den allmächtigen Ssabier Thabit ibn Quorrah , der in der Chalifenburg mehr zu sagen hat als der Vezier - und weißt Du , was mir Thabit schreibt - da lies ! Er schreibt , er könne uns nicht mehr schützen und bäte uns , in drei Tagen Bagdad zu verlassen und nicht vor Jahresfrist wiederzukommen ! « Abu Maschar liest und schüttelt den Kopf und meint ganz ruhig : » Ein Ort ist genauso sicher wie der andre . Ich bleib hier . Mir wird Niemand was tun . « Battany zuckt die Achseln . Auch Kodama , Jakuby , Safur und Osman sind auf den Hof gekommen . Alle lesen den Brief des allmächtigen Thabit ibn Quorrah . Und Alle kriegen nun das Reisefieber in heftigster Form . Nur Osman will dableiben , er hält sein Leben nicht für gefährdet , da er zu viel einflußreiche Freunde in der Chalifenburg zu haben glaubt . Said und Suleiman wollen auch in Bagdad bleiben - der Erstere , weil er seine Güter nicht im Stich lassen möchte - der Letztere , weil er unter allen Umständen auf Saids Kosten leben möchte . Abu Maschar bleibt natürlich aus reiner Halsstarrigkeit , er sagt : » Ich kann ebenso leicht auf der Reise getötet werden wie in Bagdad . Wir können überall sterben . Dem Tode werden wir doch nicht fortlaufen können . Und einmal müssen wir doch Alle sterben . Die Furcht vor dem Tode ist lächerlich . « » Und Du ebenfalls ! « brüllt ihm Battany zu , der schon gereizt wird , wenn er den Propheten bloß ein Wort sagen hört . Der Prophet schweigt nun . Die Andern aber , die Bagdad verlassen wollen , entwickeln ihre Reisepläne - ihnen kommt der Brief des Thabit ibn Quorrah im Grunde genommen garnicht ungelegen - der Brief ist ihnen eigentlich höchst angenehm . Das Reisefieber liegt ja grade in der Luft - Es ist auch wieder mal eine entsetzliche Seuche im westlichen Stadtviertel , wo die armen Leute wohnen , ausgebrochen ... Battany will nach Indien . Abu Hischam gedenkt , nach Persien zu wandern . Safur sehnt sich plötzlich nach Ägypten . Hamadany wäre gern in Byzanz . Kodama wählt die bequeme Karawanenstraße nach Mekka und beabsichtigt , dort längere Zeit zu bleiben . Jakuby geht nach Nordafrika . Abu Hanifa möchte nach Südarabien . Alle wollen in der Welt vom Bunde der lauteren Brüder erzählen - der Bund soll ein Weltbund werden ! Osman streckt dem Safur und dem Abu Hischam bereitwillig Geld vor . Eine prächtige Zukunft leuchtet vor Aller Augen auf . Safur ist froh , für einige Monate von der Tarub befreit zu sein . Das Reisefieber läßt die lauteren Brüder nicht mehr los . Jetzt gehts in die große Welt - in die große Welt - man weiß sich vor Seligkeit garnicht zu lassen . Sechzehntes Kapitel Die indischen Teppiche sind so weich - der Fuß versinkt darin wie in einer grünen Wiese . Und Al Battanys Fuß versinkt auch in diesen indischen Teppichen . Diese Teppiche ruhen aber in dem Palaste eines indischen Nabobs , der in der Nähe von Benares wohnt . Schon achtmal hat sich der Mond gerundet - und achtmal ward er wieder verdunkelt - seit die lauteren Brüder Bagdad verließen . Die Christen schreiben bereits das Jahr 894 . Die Zeit eilt . Der Astronom Al Battany ist ganz betäubt von den gewaltigen Eindrücken seiner Reise . Ihm ist zu Mut , als hätt er zum ersten Mal das Hochgebirge - oder als hätt er zum ersten Mal das ewige unermeßliche Meer geschaut . Indien ist viel reicher , größer und tiefer - als er je gedacht . Ihn erdrückt fast der Reichtum , der ihn umgibt . Und er fühlt es jetzt erst - wieviel die Araber den Indern verdanken - - - Bagdad wäre ohne Indien nur ein ganz gewöhnliches Wüstendorf . Der Astronom vergißt beinahe vollständig das , was die Araber von den andern , auch höher entwickelten Völkern haben . Indien wird dem Al Battany zum Paradies . Und der Blick des Gelehrten wird immer stolzer - ihm ward so viel Ehre zuteil . Indische Gelehrte und indische Fürsten haben den großen Astronomen mit einer Ehrfurcht begrüßt , als wenn er als Feldherr Alle besiegt hätte - nicht als käme er als einfacher Mann zum heiligen Ganges . Battany wäre noch viel glücklicher gewesen , wenn er das schäumende Wasser seiner Eitelkeit mehr eingedämmt hätte ... Aber - er hatte auch zu viel Triumphe gefeiert . Eine Gesandtschaft aus Peking war sogar gekommen , um Bagdads größten Gelehrten zu begrüßen - vor dem hatte sich ein Dutzend vornehmster Chinesen so schrecklich tief verbeugt . Die Chinesen teilten dem Battany mit , daß bereits der Chalif von Peking vom Bunde der lauteren Brüder gehört habe und daß Er - der Sohn der Sonne - der gelehrten Gesellschaft die herzlichsten Glückwünsche übersende . Und die chinesische Gesandtschaft überreichte dem Araber eine mit Edelsteinen besetzte Kassette , in der sich viele kleine Kunstwerke aus Elfenbein , Ebenholz und Perlmutter befanden . Und