endgiltig in einer letzten Cénaclesitzung zu befinden sei , die man im Freien , draußen an den Ufern der Mulde , abhalten wollte . Im Übrigen waren alle Vier vollkommen betrunken , als dieser Beschluß gefaßt wurde , Stilpe aber immerhin noch mehr als die anderen . Er wollte durchaus ein Corps » Bertha « gründen und rief beharrlich mit lallender Stimme : Bertha seis Panier ! Der Abiturientenball war vorüber , der Abiturientenkommers war vorüber . Nun kam am letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Gymnasialstadt die Schlußsitzung des Cénacles . Bedeckt mit großen schwarzen weichen Filzhüten ( aber Stilpes Hut war der breiteste ) wanderten sie zu einem an der Mulde gelegenen Dorfe . Jeder trug einen dicken Spazierstock , jeder trug ein rotes Klemmerband . Jeder lächelte souverän , wenn Bürgerin und Bürgersmann mauloffen stehen blieb . Aber Stilpe lächelte am souveränsten , denn er trug in der linken Hand die Schildkröte . Als sie dem Polizisten begegneten , der sie einmal abends beinahe arretiert hätte , lüftete Stilpe mit großem Schwunge seinen Hut und fragte ihn : - Sagen Sie , Bürger Nationalgardist , ist das der Weg ins Bois de Boulogne ? - Quatsch ! antwortete der Polizeidiener , worauf Stilpe den Kopf schüttelte und bemerkte : - Dieser Funktionär spricht ein ungewöhnliches Französisch . Er scheint das hiesige Gymnasium frequentiert zu haben . - Der Frühling scheint mir noch nicht ganz fertig zu sein , sagte Stöffel , als sie außerhalb der Stadt waren . - Es ist der richtige Mulus-Frühling , erwiderte Wippert . - Der Religionslehrer an der höheren Bildungsanstalt dieser Stadt würde sagen : Mit ein wenig mehr Eifer hätte der Schüler sein Ziel vollkommener erreichen können ! fügte Wippert hinzu . Stilpe aber sang , indem er Fechthiebe phantastischer Natur in die Luft schlug : Der Frühling ist ein Mädchen , Das Bertha Linke heißt , Oh weh , daß aus dem Städtchen Schaunard , der Knabe , reist , Ein Knabe sonder Makel , Der Knabe Schaunard , Der treu dem Cénacle Und Fräulein Bertha war . Oheh ! Oheh ! Das Leben ist ein Kuhschwof , Und Scheiden thut nicht weh . Sofort schwangen die Drei gleichfalls ihre Stöcke und sangen mit Überzeugung : Oheh ! Oheh ! Das Leben ist ein Kuhschwof , Und Scheiden thut nicht weh . Stilpe aber sang weiter ( es hatte den Anschein einer sorgsamen Vorbereitung ) : Der Tacitus Ist kein Genuß , Wenn man ihn präparieren muß , Dagegen lieb ich sehr Den Vater Homer , Denn ich lese , denn ich lese , Denn ich les ihn nimmermehr ! Stürmischer Kehrgesang der drei , sechsmal wiederholt . Und wieder Stilpe : Und die Mathematik Hatt ich lange schon dick , Fast wärs ihr gelungen , und sie brach mirs Genick . Da sangen die Drei nicht mit , denn in diesem Punkte fühlten sie sich Stilpen überlegen . Aber das hielt ihn keineswegs ab , weiter zu singen : Wer weiß mir zu raten , Wo finde ich , wo , In Schobern und Schwaden Das trockenste Stroh ? Liebwerte Kameraden , Ach , sagt es mir : Wo ? Als wenn er auf Antwort wartete , schwieg er einen Augenblick , dann gellte er in höchster Fistel : Im Ci-cero ! Und alle Kehlen stimmten krähend bei : Im Ci-cero ! Im Ci-cero ! Stilpe aber , in der Melodie des Postillons von Lonjumeau : Hoho ! Hoho ! Das steifste Stroh Verzapft Herr Konsul Cicero ! Unter diesen und ähnlichen anmutigen Gesängen erreichten sie das Dorf an der Mulde , das das Cénacle für würdig gefunden hatte , zum Schauplatz seiner letzten Sitzung zu ernennen . Nun , es ging hoch her , und vorzüglich in Versen . Eigentlich hatte man vorgehabt , hier , mit freier Benutzung des Hambacher Festes als Vorbild , sämtliche Schulbücher zu verbrennen , aber Stilpe hatte sich rechtzeitig des Deklamators in Leipzig erinnert , wo man diese nichtswürdigen Schwarten gewinnbringender anlegen könnte , und so unterblieb dieser Teil des ursprünglichen Programmes . Dafür wurde die Schildkröte des Cénacles , » in ihrer Eigenschaft als Symbol einer in Unfreiheit befangenen Vereinigung und um ihrer nachgerade störend wirkenden Ähnlichkeit mit jenem pp. Pädagogen willen « , in die Mulde geworfen , wozu man sang : Lebewohl ! Lebewohl , Niederträchtiges Symbol ! Schwimm vorbei ! Schwimm vorbei , Schauderhaftes Conterfei ! Dann aber hub Stilpe seine große Schlußrede an , die mit den beifallumtosten Worten endete : Le cénacle est mort ! Vive le cénacle ! Und man schwur sich , in Leipzig » keinesfalls den atavistischen Farbenblödsinn jener kläglichen Jünglinge mitzumachen , die einer bunten Mütze bedürfen , um sich als Studenten und freie Bürger einer Universität zu fühlen , sondern sofort ein neues , das eigentliche Cénacle zu gründen als die erste künstlerische Studentenverbindung mit neuen Bräuchen und neuen Zielen ! « Eine unendliche Debatte knüpfte sich an diesen Schwur . Stilpe entwickelte das größte Programm : 1 ) Jeder muß ein Mädchen haben ( aber richtig haben , nicht etwa blos in dieser knabenhaft blümeranten Manier ! ) . 2 ) Jede Ähnlichkeit mit bestehenden Verbindungen muß vermieden werden . Keine Mützen ! Sondern graue Cylinderhüte ! 3 ) Man geht nur auf Säbel los ! Die Schläger sind pur enfantillage . ( Das Wort war ihm aus der Vorrede zur deutschen Übersetzung der Vie de Bohème geläufig . ) 4 ) Man muß eine Zeitschrift gründen . 5 ) Man muß sich einen Barbemuche zu verschaffen suchen , d.h. einen ehrgeizigen Esel , der für » bessere Bowlen « sorgt . Dieses Programm wurde im Allgemeinen angenommen , eine sehr genaue Beratung und Ausarbeitung jedoch vorbehalten . Als man sich dann zum Heimgehen anschicken mußte , weil das Dorf eine » geradezu mittelalterliche « Polizeistunde hatte , war Stilpe so betrunken , daß die Drei ihn schleppen mußten . Unaufhörlich stellte er den Antrag , für Cénacle künftig Berthacle zu sagen und ihn zum Geheimrat Ammer zu bringen , wo er sich durchaus vorstellen müsse . Die Anderen aber sangen unablässig , fast pausenlos : Auf in den Kampf Tore-e-e-ero ! Drittes Buch VIR IVVENIS DOMINVS STILPE In Gottes Apotheke gährt Ein Stoff , der ist mir herzlich wert , Ihm hab ich mich ergeben . Wär er nicht da , die Welt wär hohl ; Oh Du viel lieber Alkohol , Von dir lernt ich das Schweben . Jawohl ! Jawohl ! Das Schweben zwischen den Polen , Das lehrte mich der Alkohol ; Will mir einmal der Teufel wohl , Soll er mich alkoholen . Aus Stilpes zerstreuten Versen . Erstes Kapitel Wenn ein neues Semester begonnen hat , pflegen die farbentragenden Studentenkorporationen in Leipzig mit besonderem Eifer das zu kultivieren , was sie den Grimmschen Bummel nennen . Es ist das eine Art stolz geschrittenen Corsos auf der Grimmaischen Straße , wobei sich die zu einem größeren Gesammtverbande gehörigen Verbindungen sehr feierlich nach der gerade im Schwange befindlichen Mode begrüßen . Denn die Art , die Mütze abzunehmen , ist unter Couleurstudenten gewissen cyklischen Schwankungen unterworfen . Auch hier ist das Walten harmonischer Gesetze erkennbar . Alte Semester haben darüber kulturhistorisch bedeutsame Aufzeichnungen gemacht , aber das Verdienst , das Gesetz des Cyklus erkannt zu haben , gebührt der kleinen Anna , einem Mädchen von sehr ausgedehnten Bekanntschaften in corpsstudentischen Kreisen . Wie die Muse der Geschichte hat sie die Semester an sich vorüber streifen ( ja , streifen ) sehen und dabei dies beobachtet : Als Beginn eines Cyklus ist allemal die primitive Zeit zu betrachten , wo man die Mütze ganz einfach vorn beim Schild ergreift und sie in leichtem Bogen ziemlich senkrecht nach unten schwingt . Dann folgt : Die Periode des rechten Randgriffs , die in zwei Unterabteilungen zerfällt : a ) man ergreift die Mütze am rechten Rande und führt sie mit gebogenem Arm langsam nach vorn , b ) man ergreift sie wie unter a , führt sie aber nicht nach vorn , sondern stößt sie rechtsseitig steif nach oben . Sodann folgt die Periode des hinteren Randgriffs , bei der die Mütze also am hinteren Rande ergriffen wird . Sie hat drei Unterabteilungen : a ) weiter Bogen nach vorn , b ) steifer Stoß nach oben , c ) ganz kurze Lüpfung , wobei das Schild und der vordere Rand fest aufliegen bleiben . Diese Phase , als gewöhnlich letzte des Cyklus , hat etwas marode Decadentes . Zuweilen fügt sich als vierte Periode noch der vordere Randgriff an , der sich als Pendant zu 3c kennzeichnet . Gewöhnlich indessen beginnt der Cyklus nach der kurzen Lüpfung aufs Neue . Natürlich sind in diesem kurzen Abriß alle Nuancen , deren es sehr feine giebt , beiseite gelassen worden . Man befand sich wieder einmal in der Periode 3b , als das weiland Wurzener Cénacle die Leipziger Universität bezog , und es gab keinen Fuchs , der die Mütze so energisch nach oben stieß , wie der stud . phil . et jur . Willibald Stilpe oder , wie er auf der Matrikel feierlich und lateinisch hieß : vir iuvenis dominus Stilpe leissnigensis . Die Mütze , die er in dieser Weise handhabte , sah gelb aus , genauer gesagt : Kanariengelb , und zeigte außerdem einen weißen und einen schwarzen Streifen . Stilpe war , uneingedenk des Schwurs an der Mulde , einer Verbindung beigetreten , einer Verbindung schlechthin , die nicht Corps , nicht Burschenschaft , nicht Landsmannschaft war . Das Kanariengelb war schuld daran . Stilpes koloristischer Blick hatte sofort bemerkt , daß diese Farbe zu seinen glänzend schwarzen Haaren eminent ( das Wort liebte er jetzt ) stehen müsse , und es lag überhaupt etwas Schmetterndes , Verwegenes in ihr , etwas , das zu seiner augenblicklichen Stimmung genau paßte . - Bitte , was kostet diese Handelsstadt ? Nur keine Bange ! Nur den Preis genannt ! Ich zahle ohne Feilschen . Ein Triumphatoren- , ein Sankt Georgsgefühl ! Hinter ihm , ein widerlich geschwollenes Grau , lag der überwundene Drache Gymnasium , vor ihm breiteten tausend junge schöne Mädchen glänzende Teppiche aus , weit ins Land hinein , wo rechts und links die angenehmsten Dinge als rotgoldene Ähren auf gelbgoldenen Halmen schaukelten . Blos mitnehmen ! Blos einscheuern ! Sklaven wimmeln ringsum und schielen aus tiefer Verbeugung nach Seiner Herrlichkeit gelassenen Winken ... Und diese vielen Restaurants ! Und keins verboten ! Kühn darf man mitten in Damenbedienung sitzen und das Taschentuch behaglicher Paschahwünsche werfen . In dieser Stimmung hatte er sich ohne viel Besinnen die kanariengelbe Mütze aufgesetzt . Und nun saß sie fest und sah gut aus . Nachdem er sich für sie einmal entschieden hatte , erbaute er sich aber auch ein System von Gründen dafür , daß er just in eine simple Verbindung , nicht in ein Corps , nicht in eine Burschenschaft , nicht in eine Landsmannschaft eingetreten war : Das Corps : Rückständige Institution aus unfreien Zeiten , daher Fuchsensklaverei , Burschentyrannis , starrer Formelnkram ; die Burschenschaft : Entweder rückständige Romantik , Tugendbund und Keuschheit bis zum Ehebette oder Form ohne Inhalt ; die Landsmannschaft : Traditionslose Neugründung , bemäntelt mit einem alten Namen , ohne Wurzeln im Alten , ohne Greifranken ins Neue : Zwitter . Die bloße Verbindung dagegen , nun ja : Das war eben eine Sache für sich , etwas mehr Improvisiertes , das daher auch nicht so umklammerte und absorbierte . Zweifellos bot sich hier auch die leichtere Möglichkeit , eine beeinflussende Stellung zu erhalten . Und das ist doch wohl das Wichtigste ! So verteidigte sich Stilpe vor sich selber . Erst hinterher kam ihm der Gedanke : Aber warum denn überhaupt eine farbige Mütze ? Das war ja doch wohl eigentlich eine Kinderei , - wie ? Ein Atavismus ? Ein testimonium paupertatis animi ? Hatte er nicht das Wort geschliffen : Ein freier Kopf braucht keine bunte Mütze ? Gewiß , gewiß ! Aber : Si duo faciunt idem , non est idem ! ( Seitdem er nicht mehr Latein treiben mußte , zitierte er viel Lateinisches . ) Für jene anderen ist die Mütze eine gewisse Notwendigkeit und ein Ziel ; für ihn aber nichts als ein in souveräner Laune frei gewähltes Mittel . Mittel , - wozu ? Erstens zur Erzielung gewisser landsknechthafter Empfindungen ! Denn es steckt Historie in dieser Institution des wehrhaften deutschen Rauf- und Sauf-Studenten und ein rechter Kerl zeigt seine Rasse ; und zweitens zur Kenntnis eben dieses Milieus für seine zukünftige künstlerische Verwertung , denn : Wie sollte er einmal den deutschen Studenten darstellen , wenn er nicht auch diese Spezies studiert hatte ? So rechtfertigte er , der nicht gerne etwas bereute , aber noch weniger gerne etwas unterließ , was ihm lustig dünkte , vor sich selber den improvisierten Schritt , und er legte sich damit auch gleich die Sätze zurecht , mit denen er den Cénacliers entgegentreten wollte , wenn sie ihm mit den Einwendungen kommen würden , die ja eigentlich aus der Rüstkammer seines Intellekts stammten . Er hatte sogar vor , sie für seine Verbindung zu keilen . Indeß : Er kam zu spät . Eines Tages , als er mit seiner Mütze und seinen Verbindungsbrüdern leuchtend den Grimmschen Bummel absolvierte , gewahrte er , obwohl er regelrecht und stolz geradeaus ging und scheinbar kein Auge für andre Couleuren hatte , unter den fünf Mitgliedern eines rotmützigen Corps - Stössel . Es gab ihm einen Ruck , und schon wollte die Hand zum hinteren Rande der gelben Mütze zucken , da kam ihm noch rechtzeitig die Kluft zum Bewußtsein , die zwischen diesem schmetternden Gelb und jenem trüben Rot lag . Und er lächelte nur ein wenig und dachte bei sich : - Schau , schau , - Corpsier ! Dieser Knabe Marcel war immer ein bischen eitel . Nun , mögen sie ihn bisaken , die Herren C.B.C.B. Übrigens sah er schon verbisakt aus . Natürlich wird er mich verachten ... Wie ? Er ? Mich ? Er möge sichs gefälligst unterstehen ! Dieses Knickebein ! Sah er nicht aus wie ein frisiertes Meerschweinchen ? Welch ein üppiger Knabe ! Im Grunde war es ihm höchst ärgerlich , daß Stössel Corpsstudent geworden war , und er bemerkte plötzlich , daß seine Verbindungsbrüder an äußerer Eleganz einiges zu wünschen übrig ließen . Er nahm sich vor , da Wandel zu schaffen . Kaum , daß er seinen Ärger ein bischen verwunden hatte , sah er Barmann als hellrotmützigen Burschenschafter vorüberziehen . Diesmal dachte er schon nicht mehr ans Grüßen und verfolgte mit innerlichstem Wohlgefühl die Hand des wackeren Colline , die schon an der Mütze saß , und dann freilich schüchtern herabzusinken . Und Stilpe dachte dies : - Was man nicht Alles erlebt ! Dieser Colline , der einen Vortrag im Cénacle hielt über » die Epoche der patriotischen Phrase « , als Fahnenschwinger für Ehre ! Freiheit ! Vaterland ! ... ! Gut ! Gut ! Allerliebst und sehr niedlich ! Die Haare haben sie ihm aber schon nach hinten gekämmt . Und wie er errötötöte ! Jetzt sieht er sich sicher nach mir um . Nein , mein Lamm , ich nicht ! Ich habe schon genug gesehn . Über diesen Fall ärgerte er sich übrigens weniger . Burschenschaft - bah ! Aber gespannt war er nun , » in welcher Couleur der tüchtige Rodolphe eidbrüchig geworden sein möchte « . Er taxierte ihn voll Zorn auf Akademischen Turnverein : Wir recken den Arm , wir strecken das Bein , Wir sind der akademische Turnverein . Aber nein : Wippert war Landsmannschafter geworden und trug eine dunkelblaue Mütze stolz an Stilpes gelber vorüber . - So wären wir denn also glücklich nach allen Windrichtungen auseinandergefahren . Das ist eigentlich eine Direktionslosigkeit . Warum haben es diese Knaben denn nicht für nötig gehalten , mich aufzusuchen , ehe sie so weitgehende Entschlüsse faßten ? Kein Zweifel : Sie wollten sich meinem Einflusse entziehen ! Sie wußten , daß ihr Wille verloren war , sobald sie sich in die Zerreibungszone meiner Beredtsamkeit begaben , und feig flohen sie davon . Crapüle ! Dabei trug dieser Rodolphe eine Art von nasensteifem Selbstbewußtsein zur Schau , die mir nicht gefallen hat . Nun , im Walde pfeifen die Handwerksburschen , wenn ihnen die Hosen schlottern ... Eine erstaunliche Sippschaft . Wie bring ich sie zur Raison ? Es war ihm doch fatal , daß die Drei sich so ohne weiteres von ihm emanzipiert hatten . Hätte er nur nicht selber schon die gelbe Mütze aufgehabt ! Das komplizierte seine Stellung den Abtrünnlingen gegenüber stark . Es war , als wenn er mit vernagelten Kanonen schießen sollte . Aber es dauerte nicht lange , und er hatte seine volle Sicherheit wiedergewonnen . Er schrieb in drei gleichlautenden Stücken folgenden Brief und sandte ihn an die Drei . Landerirette ! Farben sind stärker als Eide , und was die Mulde gehört hat , braucht die Pleiße nicht zu wissen . Sela . Indessen : Soll gelb oder blau oder dunkel- oder hellrot auch stärker sein , als Herz und Intelligenz ? Soll die Pleiße völlig entbehren müssen , was die Mulde füllereich genoß ? Nein ! Unsre Mützen sind gelb , blau , dunkel- oder hellrot , aber ' unsre Herzen schlagen noch im Takte des momischen Alexandriners : O l ' Amour ! ô l ' Amour ! prince de la jeunesse ! Oder ? Schmach dem Fragezeichen ! Wir haben nicht aufgehört , Menschen zu sein , indem wir unsre respektiven Mützen aufsetzen , und so haben wir auch nicht aufgehört , Cénacliers zu sein . Und also darum sage ich euch , ich , der ich Schaunard war , bin und sein werde : Wir müssen die farbigen Schranken und Planken , hinter die wir uns , jeder nach freier Wahl und geistvoller Erwägung , begeben haben , wenigstens aller zwei Wochen einmal mit dem Elan unsrer Cénacleherzen überspringen und einander in die Arme eilen ! Eine Jammerlende , die diesen Sprung nicht wagt , eine Groschenseele , die sich vor dem Comment mehr fürchtet als ehemals vor dem Konrektor , ein Castrat des Herzens , wer nicht wenigstens aller zwei Wochen einmal singen will : Der Freiheit Tabernakel , Ja -nakel ! Der Freude Heiligenschrein Ist einzig das Cénacle Und wird es ewig sein . Landerirette ! Man trifft mich Sonntag Abend in meiner Wohnung die den Kopf dieses Briefes ziert . Schaunard . Zweites Kapitel Stilpe hatte sich nicht getäuscht : Die Gründung des » Geheim-Cénacles « , so sehr sie gegen den Verbindungscomment der Einzelnen war , geschah , und die vier Cénacliers , die sich , wenn sie ihre Mützen aufhatten , nicht einmal grüßen durften , fanden sich zweimal des Monats an Sonntagen zu Vergnügungen zusammen , die jedem viel lieber waren , als die Pflichten ihrer Verbindung . Zwar , keiner gestand das zu , denn jeder bemühte sich aufs höchste , den Anschein zu erwecken , als fühle er sich unter seiner bunten Mütze über die Maaßen wohl . In Wahrheit fühlten sich Alle sehr elend darunter , bis auf Stilpe , der auch in diesem Verhältnisse mit Hingabe aufging . Er war fast nie nüchtern und wurde von seinen Verbindungsbrüdern sehr bald als eine phänomenale Kraft sowohl auf der Kneipe wie auf dem Fechtboden erkannt . Seine Zügellosigkeit , die ihn in einer Korporation von festerem Gefüge unmöglich gemacht hätte , war ihm hier , wo er sehr bald anfing , die Rolle des Überlegenen zu spielen , nur wenig hinderlich . Schon im zweiten Semester hatte er » seine Leute « ungefähr auf seinen Ton gestimmt . Er pflegte zu den Cénacliers zu sagen : Die Bären tanzen schon ganz wacker die schwierigsten Sachen ; nächstens werde ich ihnen das Dichten beibringen . Aber er dachte selber nur wenig ans Dichten . Nur » was er so für die Liebe und das Cénacle brauchte « , sonst : Wie kann ich singen , da ich sausen muß ? Die heikle Muse meidet meinen Kuß , Pfui , sagt sie , pfui , Du stinkst nach Spiritus ! Das war Selbsterkenntnis , aber keineswegs Selbstanklage . Im Gegenteil , er that sich innerlich sehr viel darauf zu gute , daß er » in den Wolken des Alkohols taumelte wie nur ein Erkorener der neun Grundräusche taumeln kann « . Die neun Grundräusche waren 1 ) das braune Bier , 2 ) die blonden Mädchen , 3 ) der rote Wein , 4 ) die braunen Mädchen , 5 ) der weiße Wein , 6 ) die schwarzen Mädchen , 7 ) die Schnäpse jeglicher Observanz , 8 ) die edle Kunst rasender Reime , 9 ) die große Ewigkeit gewaltigen Ruhmes . Er pflegte zu sagen : - Hütet euch vor Dichtern , die nicht saufen ! Sie bedeuten für die Litteratur dasselbe , was die alten Jungfern für die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes bedeuten . Sie sind ein Greuel und eine große Gefahr . Wehe , wenn sie die Welt mit ihrem Laster strohtrockener Verse anstecken . Dann ist das Ende nahe herbeigekommen . Selbst Schiller trank Likör , aber , wenn er nicht trank , schrieb er diese bedenklichen Sachen , an denen heute noch sämmtliche Gymnasiallehrer leiden . Shakespeare dagegen soff wie ein Loch . Wie ? Ihr fragt nach den Belegen ? Ja , wenn ihrs nicht fühlt ! Ich mache mich anheischig , bei jedem seiner Stücke zu sagen , was er damals gerade getrunken hat . Im Hamlet steckt viel Porter . Daher diese etwas schwermütige , aber immerhin sublim betrunkene Grundstimmung . Voll Whisky-Brandy ist Othello , doch mit einem Schuß Sherry . Ale , Ale und abermals Ale ist King Lear . Es ist das hohe Lied des Ales . Immer , wenn ichs gelesen habe , muß ich zum alten Krause gehen , der dieses blondeste aller Biere am besten schänkt . Ein paar Sommersprossen Porter auf diesen weißen Teint gespritzt , und man versteht die Lieder des Narren und weint in großer Seligkeit . Auch Knickebein hat Shakespeare getrunken , und zwar viel . Seine Komödien sind der Beweis dafür . Wie vermählt sich da überall das Ei dem seimigen Liköre ! Und da hat irgend so ein Fünfgroschenphantast behauptet , Andreas Hofer haben den Knickebein erfunden . Wie kümmerlich ! Schon die alten Juden kannten ihn . Das Prinzip der Parallelität der Verse in den Psalmen ist geradezu ein Symbol des Knickebeins ... Die ganze Litteraturgeschichte , wohl gemerkt , so weit es sich um Verse handelt , ist nichts als eine große Tafel der Getränke . Ich werde meine Doktordissertation über dieses Thema schreiben . In diesem Stile sprach er überhaupt oft , und manche seiner Dikta gingen in den Schatz der geflügelten Worte der Studentenkneipen über . Auch war er der fruchtbarste Vermehrer jener ungeschriebenen Litteratur , die sich um die Figur der Wirtin an der Lahn gebildet hat . Er konnte sich stundenlang damit abgeben , aus einer Zote einen Reim oder aus einem Reim eine Zote zu locken . Herauskitzeln nannte er das . Zuweilen , aber keineswegs oft , kam ihm der Gedanke , daß er eigentlich etwas Besseres thun sollte . Dann gruppierte er seine Gedanken um die Worte » schaal und unerquicklich « und bewarf sich » mit den faulen Eiern des moralischen Katzenjammers « . Aber es war auch nur eine Art Stilübung . Einmal empfing er die Cénacliers in solcher Stimmung und hielt zehn Minuten einen Monolog in Jamben an Dieses Lotterfleisch voll Alkohol Und niederträchtiger Verse , die wie Schmeer Von trichinösen Schweinen blau geädert sind Und übel riechen wie die Pestilenz Des ganz bedreckten Rests des Wiedehopfs . Aber als er zu Ende war , ganz aufgeregt und wie es schien direkt vor einem stürzenden Thränenausbruch , so daß niemand im stande war , zu entscheiden , ob hinter diesen burlesken Selbstanklagen nicht doch eine Spur von Ernst steckte , da rief er : Aber das kommt von der Abstinenz ! Seit 75 Minuten habe ich keinen Alkohol gesehen . Auf ! Laßt uns in ein Gebärhaus tröstlicher Gedanken wallen , und wenn es eine Gosenstube wäre . Kennt ihr mein Ritornell ? : Molkige Gose ! Bezeugte nicht Dein Rausch sehr hohen Rang , Nännt ich dich Sauce . Mit einziger Ausnahme des Brechweines gab es kein alkoholisches Getränk , dem sich Stilpe nicht mit Hingabe widmete . Aber die » schweren Sachen « bevorzugte er . Das Leipziger Lagerbier war bald nicht mehr im stande , ihm irgend etwas anzuhaben . Er nannte es » schlechterdings Wasser « und konnte es durchaus nicht begreifen , daß man » es noch immer in Brauereien herstellt ; man sollte doch merken , daß es aus dem Schoße der Erde quillt , denn es ist im eigentlichen Sinne culturlos . « Dagegen zollte er direkt Ehrerbietung der ostpreußischen Bowle , die aus Burgunder , Porterbier , Sekt und Cognac besteht . Dieses Getränk , so sagte er , hat die Kraft und das heilige Rauschen des germanischen Urwaldes . Man fühlt direkt Speere in der Faust , wenn man es trinkt . Seine Hauptgnade aber besteht darin , daß es wunschlos macht . Es ist das Katholikon der Getränke . Auserwählten ist es gegeben , zu sehen , daß diese Bowle eine tiefgoldene Gloriole hat . In dieser Weise charakterisierte er im Kreise des Cénacles » die gesammte Aristokratie der Spirituosen « , und er lehnte es durchaus nicht ab , wenn man ihn den Homer des Alkohols nannte . Aber die Getränke , die er liebte , waren kostspielig , und weder er noch die anderen drei Cénacliers waren auf die Dauer im stande , das Geld dafür aufzubringen . Deshalb beschloß man , einen » Barbemuche zu etablieren « , d.h. nach dem Muster des Mürgerscher Cénacles jemand ausfindig zu machen , der » also geeigenschaftet wäre : Ehrfürchtig vor dem Geiste , Sehnsüchtig zur Kunst , Wohlausgestattet mit Gelde , Ein bischen dumm und dessen dumpf bewußt , Demütigen Herzens und Angenehm lächerlich . « Stilpe war es , der einen solchen Jüngling entdeckte : - Herrn stud . Lehmann aus Liegnitz . Er hatte ihn in » so einem « Hause der Magazingasse aufgelesen . Dort , in einem Salon , war ihm der blasse , etwas angefettete junge Mann durch eine sehr dicke Brieftasche und schwermütiges Betragen aufgefallen . - Sie fühlen sich nicht wohl in dieser Umgebung , hatte Stilpe zu ihm gesagt , als sie sich einander vorgestellt hatten . Ich begreife das . Man geht hierher , um sich nicht wohlzufühlen . Man will sich kasteien . Sie peitschen sich lieber mit blonden Ruten , ich lieber mit braunen . Das ist der ganze Unterschied . Temperamentssache . - Ach ja , es ist schrecklich , antwortete der Philologe Lehmann ; ich verabscheue diese Häuser , aber , sehen Sie , ich finde ja draußen nichts , und dabei bin ich doch so ... so ... so sinnlich . Ach , leider ! - Wie ? Leider ? Sie sagen : Leider ? Sie haben doch leider gesagt ? Hm . Hm . Hm ! - Aber natürlich : Leider ! Es ist doch schrecklich , so direktionslos zu sein ! - Direktionslos nennen Sie das , wenn Alles so deutlich ins Schwarze zielt ? Das nennen Sie di ... , aber Herr Lehmann ! Sie sind beneidenswert um diese gerade Tendenz Ihres Wesens ! Seien Sie fröhlich , Herr Lehmann ! Es fehlt Ihnen blos die rechte Gesellschaft . Sie sind ein Einsiedel-Lehmann , und das ist für solche Naturen eine Gefahr . - Freilich ist es das . Ich fühle es selber . Aber ich schließe mich schwer an . Wissen Sie , die meisten ' Studenten sind so banausisch , so entsetzlich interesselos , und ich möchte doch Jemand haben , der auch noch etwas mehr will , als Doktor werden . Sechs Tage ochsen und einen Tag sumpfen , das mag ich nicht mitmachen ! - Das ehrt Sie , Herr Lehmann ! Sie suchen den Einklang von Lebenskunst und Wissenschaft . Sie wollen Streben und Genuß vereinen . Sie wollen , mit einem Worte , aber verstehen Sie mich recht und nehmen Sie das nicht etwa als einen Witz : Sie wollen ein runder Mensch werden ! - Ich ahne , was Sie meinen , und es ist wahr , das deckt sich wohl mit dem , was ich suche . - Rund sein ist alles , Herr Lehmann ! Wissen Sie , wie diese indischen Götter : Rund um den Leib herum tausend Arme , und immer zwischen zwei Armen eine Göttin . Aber Gott bleiben ! Ein runder Gott bleiben mit tausend Armen und fünfhundert Göttinnen dazwischen ! Oder , weniger exotisch gesprochen : Goethehaft ! Herr Lehmann lächelte höchst bitter : - Sie wollen mich wohl verspotten . Goethe und - ich ! Ich mit meiner klassischen Philologie . Ich studiere nämlich klassische Philologie . Aber Sie müssen da nicht gleich denken , daß ich Gymnasiallehrer werden möchte . Nein , ich möchte mich der akademischen Carrière fürs Griechische widmen . Es ist da noch viel zu holen , sag ich Ihnen ! Mein Fach ist im Niedergange . Es fehlt an Kapazitäten . Ein neues Alexandrinertum ist eingerissen ! - So reißen Sie es um , Herr Lehmann ! Schmeißen Sie die Perrücken zum Tempel hinaus ! Der Moder stinkt ! Hygiene thut not ! Fort mit den Schwartenschwenkern ! Das reine Hellas ziehe ein ! Und was ist der Hellene des Altertums ? Der runde Mensch ! Was ist Hellas ? Die Synthese von Genuß und Erkenntnis ! ... Kürzlich stellte ich für einen kleinen Kreis von Freunden , der