, aber nicht für heitere Zusammenkünfte . « » Ein Wort von eigenartiger Bedeutung , darin ich Ihren Herrn Bruder durchaus wiedererkenne . « » Gewiß , Herr von Rex . Und ich bin mir bewußt , daß uns der Name gerade dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt . Aber wenn Sie sich vergegenwärtigen wollen , daß wir in einem Stift , einem Kloster sind ... und so meine ich denn , der Ort , an dem wir leben , gibt uns doch auch ein Recht und eine Weihe . « » Kein Zweifel . Und ich muß nachträglich die Bedenken Ihres Herrn Bruders als irrtümlich anerkennen . Aber wenn ich mich so ausdrücken darf , ein kleidsamer Irrtum ... Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders ! « Damit schloß das etwas diffizile Zwiegespräch , dem alle mit einiger Verlegenheit gefolgt waren . Nur nicht die Schmargendorf . » Ach « , sagte diese , während sie sich halb in den Vorhängen versteckte , » wenn wir von dem Wein trinken , dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte . Die Domina muß sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert haben . Und doch hat er eigentlich recht ; schon der bloße Name stimmt ernst und feierlich , und es liegt was drin , das einem Christenmenschen denn doch zu denken gibt . Und gerade wenn man so recht vergnügt ist . « » Darauf wollen wir anstoßen « , sagte Czako , völlig im dunkeln lassend , ob er mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Vergnügtsein meinte . » Und überhaupt « , fuhr die Schmargendorf fort , » die Weine müßten eigentlich alle anders heißen oder wenigstens sehr , sehr viele . « » Ganz meine Meinung , meine Gnädigste « , sagte Czako . » Da sind wirklich so manche ... Man darf aber andrerseits das Zartgefühl nicht überspannen . Will man das , so bringen wir uns einfach um die reichsten Quellen wahrer Poesie . Da haben wir beispielsweise , so ganz allgemein und bloß als Gattungsbegriff , die Milch der Greise - zunächst ein durchaus unbeanstandenswertes Wort . Aber alsbald ( denn unsre Sprache liebt solche Spiele ) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen , selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran , und ehe wir ' s uns versehen , hat sich die Milch der Greise in eine Liebfrauenmilch verwandelt . « » Hihi ... Ja , Liebfrauenmilch , die trinken wir auch . Aber nur selten . Und es ist auch nicht der Name , woran ich eigentlich dachte . « » Sicherlich nicht , meine Gnädigste . Denn wir haben eben noch andre , dezidiertere , denen gegenüber uns dann nur noch das Refugium der französischen Aussprache bleibt . « » Hihi ... Ja , französisch , da geht es . Aber doch auch nicht immer , und jedesmal , wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die Flasche hin und her dreht ( und ich habe gesehen , daß sie sie dreimal herumdrehte ) , dann lacht Fix ... Übrigens sieht es so aus , als ob die Domina noch was auf dem Herzen hätte ; sie macht ein so feierliches Gesicht . Oder vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben . « Und wirklich , es war so , wie die Schmargendorf vermutete . » Meine Herren « , sagte die Domina , » da Sie zu meinem Leidwesen so früh fortwollen ( wir haben nur noch wenig über eine Viertelstunde ) , so geb ich anheim , ob wir den Kaffee lieber in meinem Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem Holunderbaum . « Eine Gesamtantwort wurde nicht laut , aber während man sich unmittelbar danach erhob , küßte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit einem gewissen Empressement : » Unter dem Holunderbaum also . « Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten , auf was es sich bezog . Aber das war Czako gleich . Ihm lag lediglich daran , sich ganz privatim , ganz für sich selbst , die Schmargendorf auf einen kurzen , aber großen Augenblick als » Käthchen « vorstellen zu können . Im übrigen zeigte sich ' s , daß nicht bloß Czako , sondern auch Rex und Woldemar für den Holunderbaum waren , und so näherte man sich denn diesem . Es war derselbe Baum , den die Herren schon beim Einreiten in den Klosterhof gesehen , aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten . Jetzt erst bemerkten sie , was es mit ihm auf sich habe . Der Baum , der uralt sein mochte , stand außerhalb des Gehöftes , war aber , ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten , mit seinem Gezweig über das zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen . Er war an und für sich schon eine Pracht . Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh , das war , daß sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden Ebereschenbäumen wie durchwachsen war , so daß man überall neben den schwarzen Fruchtdolden des Holunders die leuchtenden roten Ebereschenbüschel sah . Auch das verschiedene Laub schattierte sich . Rex und Czako waren aufrichtig entzückt , beinahe mehr als zulässig . Denn so reizend die Laube selbst war , so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete Hofbild . Aber pittoresk blieb es doch . Zusammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase , dazwischen Karren und Düngerwagen , Enten- und Hühnerkörbe , während ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die Laube herankam , sei ' s aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu messen . Als sechs Uhr heran war , erschien Fritz und führte die Pferde vor . Czako wies darauf hin . Bevor er aber noch an die Domina herantreten und ihr einige Dankesworte sagen konnte , kam die Schmargendorf , die kurz vorher ihren Platz verlassen , mit dem großen Kohlblatt zurück , auf dem die beiden zusammengewachsenen Pflaumen lagen . » Sie wollten mir entgehen , Herr von Czako . Das hilft Ihnen aber nichts . Ich will mein Vielliebchen gewinnen . Und Sie sollen sehen , ich siege . « » Sie siegen immer , meine Gnädigste . « Neuntes Kapitel Rex und Czako ritten ab ; Fritz führte Woldemars Pferd am Zügel . Aber weder die Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich , als die beiden Herren fort und die drei Damen samt Woldemar in die Wohnräume zurückgekehrt waren , irgendwie beflissen , das Feld zu räumen , was die Domina , die wegen zu verhandelnder diffiziler Dinge mit ihrem Neffen allein sein wollte , stark verstimmte . Sie zeigte das auch , war steif und schweigsam und belebte sich erst wieder , als die Schmargendorf mit einem Male glückstrahlend versicherte : jetzt wisse sie ' s ; sie habe noch eine Photographie , die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken , und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin einträfe , dann werd er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des Bildes ein » Guten Morgen , Vielliebchen « . Die Domina fand alles so lächerlich und unpassend wie nur möglich , weil ihr aber daran lag , die Schmargendorf loszuwerden , so hielt sie mit ihrer wahren Meinung zurück und sagte : » Ja , liebe Schmargendorf , wenn Sie so was vorhaben , dann ist es allerdings die höchste Zeit . Der Postbote kann gleich kommen . « Und wirklich , die Schmargendorf ging , nur die Triglaff zurücklassend , deren Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinüber und dann wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte . Sie war bei dem allem ganz unbefangen . Ein Verlangen , etwas zu belauschen oder von ungefähr in Familienangelegenheiten eingeweiht zu werden , lag ihr völlig fern , und alles , was sie trotzdem zum Ausharren bestimmte , war lediglich der Wunsch , solchem historischen Beisammensein eine durch ihre Triglaffgegenwart gesteigerte Weihe zu geben . Indessen , schließlich ging auch sie . Man hatte sich wenig um sie gekümmert , und Tante und Neffe ließen sich , als sie jetzt allein waren , in zwei braune Plüschfauteuils ( Erbstücke noch vom Schloß Stechlin her ) nieder , Woldemar allerdings mit äußerster Vorsicht , weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad erreicht hatten , wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben , sondern auch zu stechen anfangen . Die Tante bemerkte nichts davon , war vielmehr froh , ihren Neffen endlich allein zu haben , und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen : » Ich hätte dir schon bei Tische gern was Beßres an die Seite gegeben ; aber wir haben hier , wie du weißt , nur unsre vier Konventualinnen , und von diesen vieren sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch die besten . Unsre gute Schimonski , die morgen einundachtzig wird , ist eigentlich ein Schatz , aber leider stocktaub , und die Teschendorf , die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den Fürsten Schwarzenberg , dessen Frau in Paris verbrannte , gekannt hat , ja , die hätt ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne vorgesetzt , aber es ist ein Unglück , die arme Person , die Teschendorf , ist so zittrig und kann den Löffel nicht recht mehr halten . Da hab ich denn doch lieber die Triglaff genommen ; sie ist sehr dumm , aber doch wenigstens manierlich , soviel muß man ihr lassen . Und die Schmargendorf ... « Woldemar lachte . » Ja , du lachst , Woldemar , und ich will dir auch nicht bestreiten , daß man über die gute Seele lachen kann . Aber sie hat doch auch was Gehaltvolles in ihrer Natur , was sich erst neulich wieder in einem intimen Gespräch mit unserm Fix zeigte , der trotz aller Bekenntnisstrenge ( die selbst Koseleger ihm zugesteht ) an unserm letzten Whistabend Äußerungen tat , die wir alle tief bedauern mußten , wir , die wir die Whistpartie machten , nun schon ganz gewiß , aber auch die gute , taube Schimonski , der wir , weil sie uns so aufgeregt sah , alles auf einen Zettel schreiben mußten . « » Und was war es denn ? « » Ach , es handelte sich um das , was uns allen , wie du dir denken kannst , jetzt das Teuerste bedeutet , um den Wortlaut . Und denke dir , unser Fix war dagegen . Er mußte wohl denselben Tag was gelesen haben , was ihn abtrünnig gemacht hatte . Personen wie Fix sind sehr bestimmbar . Und kurz und gut , er sagte : das mit dem Wortlaut , das ginge nicht länger mehr , die Werte wären jetzt anders , und weil die Werte nicht mehr dieselben wären , müßten auch die Worte sich danach richten und müßten gemodelt werden . Er sagte gemodelt . Aber was er am meisten immer wieder betonte , das waren die Werte und die Notwendigkeit der Umwertung . « » Und was sagte die Schmargendorf dazu ? « » Du hast ganz recht , mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu bringen . Nun , die war außer sich und hat die darauffolgende Nacht nicht schlafen können . Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf , und da sah sie , so wenigstens hat sie ' s mir und dem Superintendenten versichert , einen Engel , der mit seinem Flammenfinger immer auf ein Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe Stelle . « » Welche Stelle ? « » Ja , darüber war ein Streit ; die Schmargendorf hatte sie genau gelesen und wollte sie hersagen . Aber sie sagte sie falsch , weil sie sonntags in der Kirche nie recht aufpaßt . Und wir sagten ihr das auch . Und denke dir , sie widersprach nicht und blieb überhaupt ganz ruhig dabei . Ja , sagte sie , sie wisse recht gut , daß sie die Stelle falsch hergesagt hätte , sie habe nie was richtig hersagen können ; aber das wisse sie ganz genau , die Stelle mit dem Flammenfinger , das sei der » Wortlaut « gewesen . « » Und das hast du wirklich alles geglaubt , liebe Tante ? Diese gute Schmargendorf ! Ich will ihr ja gerne folgen ; aber was ihren Traum angeht , da kann ich beim besten Willen nicht mit . Es wird ihr ein Amtmann erschienen sein oder ein Pastor . Dreißig Jahre früher wär es ein Student gewesen . « » Ach , Woldemar , sprich doch nicht so . Das ist ja die neue Façon , in der die Berliner sprechen , und in dem Punkt ist einer wie der andre . Dein Freund Czako spricht auch so . Du mokierst dich jetzt über die gute Schmargendorf , und dein Freund , der Hauptmann , soviel hab ich ganz deutlich gesehen , tat es auch und hat sie bei Tische geuzt . « » Geuzt ? « » Du wunderst dich über das Wort , und ich wundre mich selber darüber . Aber daran ist auch unser guter Fix schuld . Der ist alle Monat mal nach Berlin rüber , und wenn er dann wiederkommt , dann bringt er so was mit , und wiewohl ich ' s unpassend finde , nehm ich ' s doch an und die Schmargendorf auch . Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute Schimonski auch nicht , wegen der Taubheit . Ja , Woldemar , ich sage geuzt , und dein Freund Czako hätt es lieber unterlassen sollen . Aber das muß wahr sein , er ist amüsant , wenn auch ein bißchen auf der Wippe . Siehst du ihn oft ? « » Nein , liebe Tante . Nicht oft . Bedenke die weiten Entfernungen . Von unsrer Kaserne bis zu seiner , oder auch umgekehrt , das ist eine kleine Reise . Dazu kommt noch , daß wir vor unserm Hallischen Tor eigentlich gar nichts haben , bloß die Kirchhöfe , das Tempelhofer Feld und das Rotherstift . « » Aber ihr habt doch die Pferdebahn , wenn ihr irgendwohin wollt . Beinah muß ich sagen leider . Denn es gibt mir immer einen Stich , wenn ich mal in Berlin bin , so die Offiziere zu sehen , wie sie da hinten stehen und Platz machen , wenn eine Madam aufsteigt , manchmal mit ' nem Korb und manchmal auch mit ' ner Spreewaldsamme . Mir immer ein Horreur . « » Ja , die Pferdebahn , liebe Tante , die haben wir freilich , und man kann mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne . Der weite Weg ist es auch eigentlich nicht , wenigstens nicht allein , weshalb ich Czako so selten sehe . Der Hauptgrund ist doch wohl der , er paßt nicht so ganz zu uns und eigentlich auch kaum zu seinem Regiment . Er ist ein guter Kerl , aber ein Äquivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten . Wenn man ihn allein hat , geht es . Aber hat er ein Publikum , dann kribbelt es ihn ordentlich , und je feiner das Publikum ist , desto mehr . Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht . Ich muß sagen , ich hab ihn sehr gern , aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr überlegen . « » Ja , Rex ; natürlich . Das hab ich auch gleich bemerkt , ohne mir weiter Rechenschaft darüber zu gehen . Du wirst es aber wissen , wodurch er ihm überlegen ist . « » Durch vieles . Erstens , wenn man die Familien abwägt . Rex ist mehr als Czako . Und dann ist Rex Kavallerist . « » Aber ich denke , er ist Ministerialassessor . « » Ja , das ist er auch . Aber nebenher , oder vielleicht noch darüber hinaus , ist er Offizier , und sogar in unsrer Dragonerbrigade . « » Das freut mich ; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir . « » Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht . Denn erstens ist er in der Reserve , und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern . « » Macht das ' nen Unterschied ? « » Gott , Tante , wie man ' s nehmen will . Ja und nein . Bei Marsla-Tour haben wir dieselbe Attacke geritten . « » Und doch ... « » Und doch ist da ein gewisses je ne sais quoi . « » Sage nichts Französisches . Das verdrießt mich immer . Manche sagen jetzt auch Englisches , was mir noch weniger gefällt . Aber lassen wir das ; ich finde nur , es wäre doch schrecklich , wenn es so bloß nach der Zahl ginge . Was sollte denn da das Regiment anfangen , bei dem ein Bruder unsrer guten Schmargendorf steht ? Es ist , glaube ich , das hundertfünfundvierzigste . « » Ja , wenn es so hoch kommt , dann vertut es sich wieder . Aber so bei der Garde ... « Die Domina schüttelte den Kopf . » Darin , mein lieber Woldemar , kann ich dir doch kaum folgen . Unser Fix sagt mitunter , ich sei zu exklusiv , aber so exklusiv bin ich doch noch lange nicht . Und solch Verstandesmensch , wie du bist , so ruhig und dabei so abgeklärt , wie manche jetzt sagen , und , Gott verzeih mir die Sünde , auch so liberal , worüber selbst dein Vater klagt . Und nun kommst du mir mit solchem Vorurteil , ja , verzeih mir das Wort , mit solchen Überheblichkeiten . Ich erkenne dich darin gar nicht wieder . Und wenn ich nun das erste Garderegiment nehme , das ist ja doch auch ein erstes . Ist es denn mehr als das zweite ? Man kann ja sagen , soviel will ich zugehen , sie haben die Blechmützen und sehen aus , als ob sie lauter Holländerinnen heiraten wollten ... Was ihnen schon gefallen sollte . « » Den Holländerinnen ? « » Nun , denen auch « , lachte die Tante . » Aber ich meinte jetzt unsre Leute . Mißverstehe mich übrigens nicht . Ich weiß recht gut , was es mit den großen Grenadieren auf sich hat ; aber die andern sind doch ebensogut , und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam . « » Ja , Tante , das ist es ja eben . Daß sie noch immer in Potsdam sind , das macht es . Deshalb ist es nach wie vor die Potsdamer Wachtparade . Und dann das Wort erstes spielt allerdings auch mit . Ein alter Römer , mit dessen Namen ich dich nicht behelligen will , der wollte in seinem Potsdam lieber der Erste als in seinem Berlin der Zweite sein . Wer der Erste ist , nun , der ist eben der Erste , und als die andern aufstanden , da hatte dieser Erste schon seinen Morgenspaziergang gemacht und mitunter was für einen ! Sieh , als das zweite Garderegiment geboren wurde , da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen Siebenjährigen Krieg hinter sich . Es ist damit wie mit dem ältesten Sohn . Der älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter sein als sein Bruder , aber er ist der älteste , das kann ihm keiner nehmen , und das gibt ihm einen gewissen Vorrang , auch wenn er sonst gar keinen Vorzug hat . Alles ist göttliches Geschenk . Warum ist der eine hübsch und der andere häßlich ? Und nun gar erst die Damen . In das eine Fräulein verliebt sich alles , und das andre spielt bloß Mauerblümchen . Es wird jedem seine Stelle gegeben . Und so ist es auch mit unserm Regiment . Wir mögen nicht besser sein als die andern , aber wir sind die ersten , wir haben die Nummer eins . « » Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit , Woldemar Was in unsrer Armee den Ausschlag gibt , ist doch immer die Schneidigkeit . « » Liebe Tante , sprich , wovon du willst , nur nicht davon . Das ist ein Wort für kleine Garnisonen . Wir wissen , was wir zu tun haben . Dienst ist alles , und Schneidigkeit ist bloß Renommisterei . Und das ist das , was bei uns am niedrigsten steht . « » Gut , Woldemar ; was du da zuletzt gesagt hast , das gefällt mir . Und in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater loben . Er hat vieles , was mir nicht zusagt , aber darin ist er doch ein echter Stechlin . Und du bist auch so . Und das hab ich immer gefunden , alle , die so sind , die schießen zuletzt doch den Vogel ab , ganz besonders auch bei den Damen . « Dies » bei den Damen « war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinüberführen zu sollen . Aber ehe die Tante noch eine direkte Frage stellen konnte , wurde der Rentmeister gemeldet , der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam . Die Domina wandte sich denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar und sagte : » Soll ich ihn fortschicken ? « » Es wird kaum gehen , liebe Tante . « » Nun denn . « Und gleich darnach trat Fix ein . Zehntes Kapitel Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten , erst im Tête-à-tête , dann in Gegenwart von Rentmeister Fix , ritten Rex und Czako ( Fritz mit dem Leinpferd folgend ) auf Cremmen zu . Das war noch eine tüchtige Strecke , gute drei Meilen . Aber trotzdem waren beide Reiter übereingekommen , nichts zu übereilen und sich ' s nach Möglichkeit bequem zu machen . » Es ist am Ende gleichgültig , ob wir um acht oder um neun über den Cremmer Damm reiten . Das bißchen Abendrot , das da drüben noch hinter dem Kirchturm steht ... Fritz , wie heißt er ? Welcher Kirchturm ist es ... ? « - » Das ist der Wulkowsche , Herr Hauptmann ! « - » ... Also , das bißchen Abendrot , das da noch hinter dem Wulkowschen steht , wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten . Dunkel wird ' s also doch , und von dem Hohenlohedenkmal , das ich mir übrigens gern einmal näher angesehen hätte ( man muß so was immer auf dem Hinwege mitnehmen ) , kommt uns bei Tageslicht nichts mehr vor die Klinge . Das Denkmal liegt etwas ab vom Wege . « » Schade « , sagte Rex . » Ja , man kann es beinah sagen . Ich für meine Person komme schließlich drüber hin , aber ein Mann wie Sie , Rex , sollte dergleichen mehr wallfahrtartig auffassen . « » Ach Czako , Sie reden wieder tolles Zeug , diesmal mit einem kleinen Abstecher ins Lästerliche . Was soll Wallfahrt hier überhaupt ? Und dann , was haben Sie gegen Wallfahrten ? Und was haben Sie gegen die Hohenlohes ? « » Gott , Rex , wie Sie sich wieder irren . Ich habe nichts gegen die einen , und ich habe nichts gegen die andern . Alles , was ich von Wallfahrten gelesen habe , hat mich immer nur wünschen lassen , mal mit dabeizusein . Und ad vocem der Hohenlohes , so kann ich Ihnen nur sagen , für die hab ich sogar was übrig in meinem Herzen , viel , viel mehr als für unser eigentliches Landesgewächs . Oder , wenn Sie wollen , für unsre Autochthonen . « » Und das meinen Sie ganz ernsthaft ? « » Ganz ernsthaft . Und wir wollen mal fünf Minuten wie vernünftige Leute darüber reden . Wenn ich sage wir , so meine ich natürlich mich . Denn Sie sprechen immer vernünftig . Vielleicht ein bißchen zu sehr . « Rex lächelte . » Nun gut ; ich will ' s Ihnen glauben . « » Also die Hohenlohes « , fuhr Czako fort . » Ja , wie steht es damit ? Wie liegt da die Sache ? Da kommt hier so Anno Domini ein Burggraf ins Land , und das Land will ihn nicht , und er muß sich alles erst erobern , die Städte beinah und die Schlösser gewiß . Und die Herzen natürlich erst recht . Und der Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht helfen . Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf , wenn ' s hoch kommt , ein halbes Dutzend Menschen um sich , schwäbische Leute , die mit ihm in diese Mördergrube hinabsteigen . Denn ein bißchen so was war es . Und geht auch gleich los , und die Quitzows und die , die ' s sein wollen , rufen die Pommern ins Land , und hier auf diesem alten Cremmer Damm stoßen sie zusammen , und die paar , die da fallen , das sind eben die Schwaben , die ' s gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen waren . Allen vorauf aber ein Graf , so ein Herr in mittleren Jahren . Der fiel zuerst und versank in den Sumpf , und da liegt er . Das heißt , sie haben ihn rausgeholt , und nun liegt er in der Klosterkirche . Und dieser eine , der da voran fiel , der hieß Hohenlohe . « » Ja , Czako , das weiß ich ja alles . Das steht ja schon im Brandenburgischen Kinderfreund . Sie denken aber immer , Sie haben so was allein gepachtet . « » Immer vorsichtig , Rex ; im Kinderfreund steht es . Gewiß . Aber was steht nicht alles - von Kinderfreund gar nicht zu reden - in Bibel und Katechismus , und die Leute wissen es doch nicht . Ich zum Beispiel . Und ob es nun drinsteht oder nicht drinsteht , ich sage nur : so hat es angefangen , und so läuft der Hase noch . Oder glauben Sie , daß der alte Fürst , der jetzt dran ist , daß der zu seinem Spezialvergnügen in unser sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist , drin die Bismarckschen Nachfolger , die sich wahrhaftig nicht darnach drängten , ihre Tage vertrauern ? Ein Opfer ist es , nicht mehr und nicht weniger , und ein Opfer bringt auch der alte Fürst , gerade wie der , der damals am Cremmer Damm als erster fiel . Und ich sage Ihnen , Rex , das ist das , was mir imponiert ; immer dasein , wenn Not an Mann ist . Die Kleinen von hier , trotz der Loyalität bis auf die Knochen , die mucken immer bloß auf , aber die wirklich Vornehmen , die gehorchen , nicht einem Machthaber , sondern dem Gefühl ihrer Pflicht . « Rex war einverstanden und wiederholte nur : » Schade , daß wir so spät an dem Denkmal vorbeikommen . « » Ja , schade « , sagte Czako . » Wir müssen es uns aber schenken . Im übrigen , denk ich , lassen wir in dem , was wir uns noch weiter zu sagen haben , die Hohenlohes aus dem Spiel . Andres liegt uns heute näher . Wie hat Ihnen denn eigentlich die Schmargendorf gefallen ? « » Ich werde mich hüten , Czako , Ihnen darauf zu antworten . Außerdem haben Sie sie durch den Garten geführt , nicht ich , und mir war immer , als ob ich Faust und Gretchen sähe . « Czako lachte . » Natürlich schwebt Ihnen das andre Paar vor , und ich bin nicht böse darüber . Die Rolle , die mir dabei zufällt - der mit der Hahnenfeder ist doch am Ende ' ne andre Nummer wie der sentimentale Habe-nun-ach-Mann - , diese Mephistorolle , sag ich , gefällt mir besser , und was die Schmargendorf angeht , so kann ich nur sagen : Von meiner Martha laß ich nicht . « » Czako , Sie münden wieder ins Frivole . « » Gut , gut , Rex , Sie werden unwirsch , und Sie sollen recht haben . Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes . Aber über die Domina ließe sich vielleicht sprechen , und sind wir erst bei der Tante , so sind wir auch bald bei dem Neffen . Ich fürchte , unser Freund Woldemar befindet sich in diesem Augenblick in einer scharfen Zwickmühle . Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag ( er hat mir selber Andeutungen darüber gemacht ) mit Heiratsplänen in den Ohren , mutmaßlich weil ihr die Vorstellung einer stechlinlosen Welt einfach ein Schrecknis ist . Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben immer eine merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie . Freilich auch andre , die klüger sein sollten . Unsre Leute gefallen sich nun mal in der Idee , sie hingen mit dem Fortbestande der göttlichen Weltordnung aufs engste zusammen . In Wahrheit liegt es so , daß wir sämtlich abkommen können . Ohne die Czakos geht es nun schon gewiß , wofür sozusagen historisch-symbolisch der Beweis erbracht ist . « » Und die Rex ? « » Vor diesem Namen mach ich halt . « » Wer ' s Ihnen glaubt . Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos , und bleiben wir bei den Stechlins , will sagen bei unserm Freunde Woldemar . Die Tante will ihn verheiraten , darin haben Sie recht . « » Und ich habe wohl auch recht , wenn ich das eine heikle Lage nenne . Denn ich glaube , daß er sich seine Freiheit wahren will und mit Bewußtsein auf den Célibataire lossteuert . « » Ein Glauben , in