. Für sie , die keine rechte Beschäftigung hatte , waren solche Tage voll Verzweiflung . Sie schrieb verwirrtes Zeug , zerriß es wieder , rannte hundertmal ans Fenster , irrte planlos durch die Straßen und rief ihn endlich . Und wenn er dann kam und sie auf den Wegen draußen mit seinen wilden , glühenden Küssen überfiel und Dinge von ihr forderte , die ihr das Rot in die Wangen trieben und sie empört auffuhr , begann er zornig , höhnisch , bitter zu werden und blieb wieder weg . Einmal schickte sie ihm einen Pack Manuskripte . » Lauter dummes Zeug , mein Kind « sagte er , als er sie nach einer Szene wiedersah . » Laß das Schreiben für jetzt . Du bringst nichts zustande , du bist zu unruhig « . » O Gott « sagte sie traurig , » aber es ist ja gar nicht wahr ! warum sollte ich unruhig sein ? « » Weil das Blut in deinen Adern nach Erfüllung schreit ; stell dich doch nicht gar so dumm . Man sieht es dir ja im Gesicht an « . Er redete ihr so lang von dem Aufruhr in ihr vor , bis sie schließlich daran zu glauben begann . Sie weinte über sich selbst . Aber sie widerstand . Zu Hause saß sie am Fenster gekauert und wußte nicht , sollte sie beten oder verzweifeln . Wenn sie noch einen Menschen besessen hätte , dem sie sich anvertrauen konnte . Aber sie besaß niemand . Frau Wewerka mit ihrem stillen , vielsagenden Lächeln war ihr unausstehlich . Alice würde sie ausgelacht haben . Sie hörte fast ihr : thue doch , was dich freut , Närrchen . Lohringer war sogar der Meinung , der Mensch müsse Erfahrungen machen , um » sich selbst « zu finden . Also alle und alles drängte sie zu dem Einen . Sie weinte fortwährend , nahm kaum Nahrung zu sich und fühlte sich todunglücklich . Währenddessen begann Tages Geduld zu erlahmen . So lange Zeit , so viele hundert Wege , Bitten , Szenen hatte ihn kein Weib gekostet . Freilich , sie alle , die er besessen hatte , waren nicht mehr rein gewesen . Aber trotzdem . Er verwünschte diese dumme , spröde Mädchenhaftigkeit , die sich sträubte und von einem Tag auf den andern um Aufschub bettelte . Er sah schon , hier konnte keine Beredsamkeit , keine Schmeichelei wirken , hier mußte er zu einer brutalen That seine Zuflucht nehmen . - Sein Begehren nach ihr war durch die halben Vertraulichkeiten , die sie von seiner wilden Art bedrängt ihm gewährte , aufs Aeußerste entfacht . Einmal nur diese spröde Teufelinne ganz in den Armen halten , dann mochte sie seinetwegen laufen , wohin sie wollte . Ich kann morgen erst gegen Abend kommen , schrieb er ihr eines Tages , erwarte mich nicht vor der Dämmerstunde . - Er kam um die angegebene Zeit etwas erhitzt . » Ich hatte sehr viel Laufereien heute « . » Dann magst du wohl jetzt nicht mehr ausgehen « meinte sie . » Natürlich , natürlich mag ich ausgehen « sagte er nervös . » Komm nur ; es ist sehr schön draußen . Wir können uns ja auch einen Wagen nehmen . Auf die Felder zu gehen ist heute zu spät « setzte er hinzu , als sie ihren gewohnten Weg einschlagen wollte , » gehen wir ein wenig in die Stadt « . Sie gingen Arm in Arm eine Weile . Plötzlich schlug er sich vor die Stirne . » Herrgott , daß ich das vergessen konnte . Ein wichtiger Brief , der heute noch abgehen muß . Nichtwahr , du erlaubst doch , daß ich einen Augenblick in meine Wohnung hinaufspringe , ihn zu holen . Er liegt auf dem Schreibtisch . Wir sind ja grade hier an meiner Straße « . » Ich habe noch nie dein Haus gesehen « sagte sie harmlos , » wohnst du hübsch ? « » Ha , eine Idee , Schatz . Willst du mit hinaufkommen ? Es sieht dich niemand . Ja , willst du ? « Sie zögerte und blickte ihn ungewiß an . » Na , wie du willst . Dann wart also hier unterm Thor , bis ich wieder herabkomme « sagte er barsch . » Sei doch nicht gleich so - « » Weil du einem auch die kleinste Bitte abschlägst . Ich wäre ja gar nicht darauf gekommen . Deine Frage brachte mich dazu . Na . Also wart « . Sein gekränkter ehrlicher Ton rührte sie . » Gut also , ich will zu dir hineingucken ; aber - « Er faßte sie stürmisch um die Mitte und trug sie halb die Treppe empor . Sie kicherte und wollte sich losmachen , aber er ließ sie nicht aus den Armen . Oben schloß er auf und stieß sie scherzhaft in ein Zimmer , das er durch einen Druck auf den elektrischen Knopf erleuchtete . Es war ein großer , durch Teppiche , Felle und etliche Divans sehr wohnlich hergestellter Raum . Auf mehreren Tischen lagen Bücher , Bildwerke , Manuskripte umher . In einer Ecke stand ein zierlicher Theekessel . Hinter einem hohen , eleganten Wandschirm befand sich das Bett . Die Wände bedeckten zahlreiche gute Radierungen , Stiche und mehrere Oelgemälde . » Sehr hübsch « rief Johanne , sich auf dem Absatz umdrehend . Er sprang zu einem Eckschränkchen und nahm eine Flasche und zwei Gläser heraus . » Seinen Gästen muß man mit etwas aufwarten « . Er goß sich und ihr ein Glas dunklen Weines ein . » Auf dein Wohl , Johanne . Nun ? « Zögernd stieß sie an . » Trink doch , Mädel « . Er zog sie neben sich aufs Sopha . Dann kramte er einige Zeitungen fort , die eine Schale schöner Südfrüchte verdeckt hatten . » Knabbere auch ein bischen dazu . Magst du eine Tasse Thee ? er ist im Moment fertig . Hier ist Konfekt « . Er schob ein Tellerchen mit Zuckerwerk heran . » Aber nein « sagte sie überrascht , » das sieht ja aus als ob du Gäste erwartest . Kommt jemand zu dir ? « » Außer der , die gekommen ist , niemand « . » Aber du wußtest doch garnicht , daß ich käme , wie konntest du das alles für mich herstellen ? « Er lachte . » Ich dachte schon lange , daß du mich vielleicht einmal besuchen würdest - aber - sappristi , frag nicht so viel « . Er riß sie an sich . Sie zog die Brauen schmerzlich zusammen . » Laß mich doch ; das mag ich nicht « . » Was ? Wie ? Magst du nicht ? Wart , kleiner Unhold , heute will ich mich rächen für all die Teufeleien , womit du mich seit Monden quälst « . Er wollte sie auf seinen Schooß ziehen . Sie stieß ihn von sich und erhob sich . Er knirschte die Zähne zusammen , bemühte sich aber , ruhig zu bleiben . » So , so , du entfliehst mir ? na meinetwegen ; aber den Wein trink doch gefälligst aus ; er ist nicht vergiftet , wenn er auch von mir ist « . » Ich mag keinen Wein « sagte sie und näherte sich der Thür . Er sprang auf . » Johanne ! Bleibe doch noch einen Augenblick . Schau , es ist so hübsch , daß du da bist . Wer weiß , wenn wieder - ich will ganz brav sein . Komm , noch ein bischen « . Seine Hand ergriff die ihre , während er mit der andern das Weinglas an ihren Mund hob . » Mir zu liebe , aber ex « . Sie that einen Schluck . » Ex « kommandierte er . Sie trank das Glas leer . » Und jetzt noch ein Augenblickchen , ja ? « Er zog sie neben sich . Sie sah umher . » Wo ist denn der Brief ? Du sagtest doch , er eilte « . » Ach was , meinetwegen . Ich bin augenblicklich so glücklich , daß mir alles andere gleichgültig ist « . Er nahm eine Feige von dem Tellerchen und wollte sie zwischen ihre Lippen stecken . Sie lachte und bog sich zurück . » Magst du nichts Süßes ? « » O doch « . » Na , dann also ... « Plötzlich hatte er seine Arme um sie geworfen . » Du , ich bin ganz rasend . Quäl mich doch nicht so , Mädel . Gieb mir einen Kuß « . Sie wollte etwas entgegnen ; er preßte sein Gesicht auf das ihre . » Du erdrückst mich ja ... « » Ach was ... « » Hörst du ? « Ihre Hand faßte krampfhaft sein Haar . » Laß mich « . » Fällt mir nicht ein . Die Komödie muß ein Ende haben . Dummes Ding , gieb doch nach ; hörst du ? « Mit einer zornigen Bewegung suchte sie ihn abzuschütteln . Dabei glitt die Tischdecke herab und der Inhalt der Weinkaraffe ergoß sich in roten Strömen über beide . Er sprang in die Höhe . » Auch das noch « . Sie hörte ihn ein heftiges Schimpfwort murmeln und stürzte hinaus . Ihr Hut , ihre Jacke , ihre Handschuhe waren oben liegen geblieben . Barhäuptig in ihrem dünnen Kleidchen , mit losgegangenen Flechten , rannte sie durch die Gassen . Die Leute blieben stehen und sahen ihr nach . In ihrem Zimmer angelangt , fiel sie halb bewußtlos aufs Bett ... Zwei Tage lang lag sie wie im Fieber . Frau Wewerka sah ab und zu nach ihr . Am dritten Tag , als sie sich wohler fühlte und aufstehen wollte , sagte die Hausfrau : » Mein armes Kind , teilen Sie mir doch mit , was Ihnen widerfahren ist ; man braucht sich nicht alles gefallen zu lassen . Vielleicht kann ich Ihnen irgend einen guten Rat geben « . Das junge Mädchen schüttelte den Kopf . » Lassen Sie mich nur ; mir ist ganz gut . Ich habe mich neulich erkältet ; das ist alles « . » Nun , wie Sie wollen . Ein Dienstmann hat übrigens ein Packet für Sie gebracht . Es war so unordentlich verschlossen , daß alles beim Empfang herausfiel . Hut , Handschuhe und Jacke habe ich in Ihren Schrank gehängt « . Frau Wewerka lächelte ein wenig . Johanne kehrte sich gegen die Wand und flüsterte : » danke « . Nachmittags stand sie auf . Sie ging aus einer Ecke in die andere , sah zum Fenster hinaus und kehrte wieder ins Bett zurück . Sie fühlte sich wie zerbrochen . Ihre Hände und Füße zitterten . Die Arme unter dem Kopf verschränkt lag sie da . Was nun ? Was sollte sie nun beginnen ? Ins Fröbelhaus zurückgehen ? den ironischen Gesichtern der Lehrerinnen begegnen ? Dann mußte sie jedenfalls auch den abgebrochenen Kurs wieder von vorn beginnen , was so viel hieß , als den Aufenthalt hier um ein Jahr verlängern . Nur das nicht . Lieber - Sollte sie geradewegs nach Sienenthal zurück ? Aber was würde ihr Vormund , der Pastor , und jeder , der sie kannte , von ihr denken ? Und was sollte sie in Sienenthal ? Kartoffel schälen in der Küche der alten Schlächterin ? Mein Gott ! War jung sein wirklich ein Glück ? Was sollte sie nur mit sich anfangen ? Jetzt , da sie die ganze Schurkerei Tages kennen gelernt hatte , glaubte sie auch nicht mehr an ihr Talent . Er hatte ihr wohl nur eingeredet , daß sie dichterische Begabung besaß , um Macht über sie zu gewinnen Sie begann ihn zu durchschauen . Und das war der Mann , dessen Biographie in allen frommen Familienblättern stand , dessen Gedichte junge Mädchen auswendig lernten , dessen Name als einer der besten galt . Freilich , sie wußten nichts von seiner Gemeinheit . Er sprach ja immer so edle Gedanken in seinen Gedichten aus . Ihm galt in seinen Versen die Reinheit als das höchste Gut , die Güte gegen Mensch und Tier ( besonders gegen hübsche junge Mädchen ) als erstes Gebot Christi . Man bekam ordentlich feuchte Augen , wenn man diese lieben , kleinen , feinen Lieder las . Umsomehr , als sie so angenehm abstachen gegen die heißen , ungesunden Gefühlsergüsse manch anderer Dichter . Allerdings , die waren deshalb nicht schlechter , nur - ehrlicher . Sie gaben sich , wie sie waren . In einem glichen sich alle , die zur Fahne der Kunst schworen , besonders der Dichtkunst : abgesehen von dem Haß und Neid , womit sie einander befehdeten , - es galt ihnen kein Mittel als zu gering , auch kein täglicher Meinungswechsel , um zu Geld und Ansehen zu kommen . Es war sehr traurig , das alles in der Nähe ansehen zu müssen und lächerlich zu denken , daß diese » Künstler « Einfluß auf ihre Zeit und auf alle naiven , unverdorbenen Gemüter hatten . Fort von hier , rief es in Johanne . Und doch wieder - fort ? ohne etwas , auch nur das Geringste , erreicht zu haben ? War das nicht allzu kläglich ? Gott , Gott ! Sie sprang aus dem Bette und warf sich auf die Kniee . Sie wollte beten , aber es ging nicht . Kein Tropfen Trostes kam in ihre Seele . Mit trockenen Lippen wühlte sie sich wieder in ihre Kissen . Ob es nicht das Beste wäre , zu sterben ? Sie ließ alle Todesarten an ihrem Geiste vorüberziehen . Sie malte sich ihre einzelnen Schrecken aus . Und doch was waren sie im Vergleich zu diesem entsetzlichen , trostlosen Jammerleben ? In einer Verzweiflung , die an Irrsinn grenzte , verbrachte sie die halbe Nacht . Erst gegen Morgen sank sie in unruhigen Schlaf . Als sie die Augen aufschlug , war es Mittag . Das Mädchen brachte ihr das Frühstück ans Bett . » Nein , wie Sie aussehen , zehn Jahre älter « sagte sie erschreckt . Johanne erhob sich , kleidete sich langsam an und setzte sich an den Tisch . Was thun ? was beginnen ? Frau Wewerka kam herein . » Gehen Sie doch ein wenig ins Freie . Die Luft wird Ihnen gut thun . Wir ordnen indessen Ihr Zimmer « . Johanne kämpfte eine Stunde lang . Dann setzte sie den Hut auf , zog ihr Jäckchen an und ging hinab . Als sie über die Treppe schritt , fragte es in ihr : Wirst du auch wieder herauf kommen ? Wer weiß ? Wenn aber nicht , wo wirst du morgen früh erwachen ? Sie fuhr sich über die feuchte Stirn und ging . Sie wußte nicht , wohin . Ihre Füße trugen sie mechanisch vorwärts . Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und sah sich um . Wenn sie doch an einer Kirche vorbeikäme . Vielleicht gings heute mit dem Beten . Sie irrte durch dunkle Straßen in entfernten Vorstädten , kam an mehreren Gotteshäusern vorüber , die ihr geistesabwesender Blick übersah , und rannte weiter , weiter . Sie hörte Uhren schlagen , sah die Menge der drängenden Leute sich lichten , Millionen angezündeter Gasflammen die Stadt wie in Funken hüllen , Omnibusse und Wagen zu den Nachtzügen nach den Bahnhöfen rasseln , sie sah wie Voraneilende sich nach ihr umsahen ; endlich konnte sie nicht weiter . Vor einem großen Hause mit drei Thoren taumelte sie an die Wand und sank nieder . 15 » Ist dir schlecht ? « Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter . Sie sah auf . War sie gestorben und im Himmel erwacht ? Wirklichkeit konnte dies nicht sein . Ein Mann in einem falben Wollkleide , das um die Mitte durch einen Strick zusammengerafft war , stand vor ihr . Seine Füße waren nackt . Und wie sich , müd vor Schwäche , ihr Blick nach seinem Haupt erhob , lächelte sie . Das war ja Christus , und sie war wohl tot . » Warum lächelst du ? « Sein mildes Gesicht mit dem in der Mitte glatt gescheitelten , über die Schulter wallenden Haar , neigte sich zu ihr . » Fühlst du dich wohler ? « » Christus « stammelte sie , und schloß die Augen . Er hob sie in seinen Armen empor . » Ich bin nicht Christus . Ich bin ein armer Mensch , der in des Herrn Fußtapfen geht , nichts weiter . Aber - kann ich dir wirklich nicht irgendwie helfen ? Willst du nicht mit hereinkommen ? wir haben hier im Hause einen Saal , da kannst du dich ein wenig erholen , komm ! « Sie folgte ihm , ohne ein Wort zu erwidern , die Augen auf ihn wie auf ein Wunder gebannt . An seiner Hand betrat sie den Saal . Etliche vereinzelte Gasflammen brannten noch . Es standen viele Stühle umher . Vorn auf einem Podium befand sich ein Tisch . An diesem Tisch saß ein Mensch tief über ein Blatt Papier gebückt und schrieb . » Angelus , hier ist ein Kind , das ich halb bewußtlos vorm Thore fand ; bring ihm ein Glas frisches Wasser ; willst du ? « Der Schreibende sah auf die Beiden und erhob sich rasch . » Ja Meister Johannes « . Er sprang elastisch vom Podium herab und eilte hinaus . Er war genau gekleidet wie der , den er : Meister Johannes genannt hatte . Johanne erholte sich allmählich von ihrer Ohnmacht und sah sich mit wachsendem Staunen um . » Mein Gott , wo bin ich denn ? Das ist ja wie im Traum « . » Du bist im Saale der Gesellschaft der Wahrheitssucher . Du kennst doch aus Zeitungen und vielleicht vom Hörensagen unsern Verband . Sieh dich nicht so erschreckt um « . » Willst du trinken « fragte der wiedergekehrte junge Mensch , indem er ein Glas Wasser an ihre Lippen hob . » Danke , nein « . - Sie bog den Kopf zurück . » Dann setz dich wenigstens und ruhe ein bischen aus « . Meister Johannes zog sie auf einen der hölzernen Sessel nieder . Angelus stellte sich vor sie und sah mit zwei großen leuchtenden Augen in ihr Gesicht . Er glich einem zehnjährigen Kinde an Wuchs , und die langen blonden Haare gaben ihm ein mädchenhaftes Aussehen . » Sie weiß nicht , was ihr geschehen ist « sagte er lächelnd zu dem Aelteren , dessen Augen wohlgefällig an dem blassen Antlitz des Mädchens hingen . » Wir erscheinen dir wohl sonderbar « setzte er freundlich hinzu . » Bist du uns noch nie auf der Straße begegnet ? « » Nein , ich habe noch keinen von Ihnen jemals gesehen « . » Du , die Wahrheitssucher kennen das Sie nicht . Zu uns mußt du schon Du sagen « . » Ich habe nie von Ihnen gehört « flüsterte Johanne scheu und ließ ihre Blicke von einem zum andern gleiten . » Wir haben die Unglücklichen sehr lieb « sagte der Aeltere mit einer wunderbar wohllautenden Stimme , » und bemühen uns , ihnen Glück zu geben , wo wir können . Als ich dich vorhin draußen zusammengesunken fand , dachte ich , es sei dir ein Unglück geschehen , aber es scheint , du warst nur müde und hast dich wieder erholt . Wohnst du weit ? « » In der Theresienstraße « . » Kannst du allein zu deinen Eltern kehren , oder sollen wir sie benachrichtigen lassen ? « » Meine Eltern ? « Johanne , durch alle Aufregungen der jüngsten Zeit schwach geworden , fühlte Thränen in ihre Augen steigen . » Ich hab keine Eltern , ich besuche hier blos eine Schule und bin fremd in der Stadt « . Die beiden Männer warfen einander einen Blick zu . » Aber doch Verwandte « meinte Johannes . » Nein , Niemand . Ich will auch wieder fort « . Ihre Stimme brach . Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und versuchte ihr Schluchzen zu unterdrücken . » Wein Dich aus « sagte der junge Angelus und nahm ihre Hand in die seine . » Hier darfst Dus . Du bist unter Brüdern . Hat Dir jemand ein Leid zugefügt ? « Sie konnte nicht sprechen . » Du hast wohl eine große Enttäuschung erlitten « meinte Johannes mild . » Mehr « stotterte sie , » Ruchlosigkeit , Gemeinheit , Niedertracht allenthalben « . Seine Mienen wurden ernst . » Wie , so jung , sprichst du schon so . Das muß eine harte Schule gewesen sein , durch die du deinen Weg nahmst « . Sie entgegnete nichts ; ihr Kopf sank auf die Brust . Eine Weile herrschte Schweigen ; dann fragte Johannes : » Bist du fromm ? « Sie schüttelte den Kopf . » Ich möchts aber sein ; o wie sehr möcht ichs sein . Ich habe ja niemand - « » Aber dich selbst doch « . » Auch nicht . Ich weiß nicht , was ich mit mir anfangen soll . Ich - es ist das Beste , zu sterben « . Ihre Verzweiflung erwachte aufs neue . Sie erhob sich und wollte fort . Johannes hielt sie zurück . » Du kleines , thörichtes Kind . Jetzt , wo dir Gott Menschen zeigt , die die Macht haben , dir dein Leid zu nehmen , willst du sterben . Weißt du was ? Wir bringen dich nach Hause , du schläfst dich aus und morgen kommst du auf mein Bureau . Da wollen wir beraten , was mit dir angefangen werden soll . Lösch hier aus , Angelus und schließe gut ab . In einer Stunde bin ich zu Hause « . Der junge Mensch verneigte sich schweigend . Dann bot er Johanne die Hand . » Guten Muts , Schwester « . » Hast du Lust zu gehen ? « wandte sich Meister Johannes an Johanne . Sie nickte . » Dann komm « . Sie traten hinaus . Unterwegs fragte er sie allerlei aus . Ob sie schnell und fix im Schreiben sei , ob sie vorlesen könne . Sie erzählte aus ihrem Leben . Mit jeder Minute gewann sie mehr Ruhe in sich . Mehreremale blieb sie unterwegs stehen . War es denn wirklich kein Traum ? Aus der hellsten Verzweiflung heraus dieses Gefühl der Sicherheit , des Geborgenseins plötzlich . Sie hatten einen überaus langen Weg zurückzulegen , und jetzt erst erkannte sie , wie weit sie vorhin in ihrer halben Bewußtlosigkeit gelaufen war . Sie sagte noch immer » Sie « zu ihm , bis er seine Hand energisch auf ihren Kopf legte , ihr fest in die Augen sah und bemerkte : » nun wirst du aber : Du sagen « . Da wurde es ihr wundersam zu Mut und sie sagte : Du . Als sie bei ihrem Hause angelangt waren , kannte er bereits einen Teil ihres Kummers . Er sah sie gütig an , nannte ihr die Straße , in der er wohnte , und verabschiedete sich . Und sie schritt wieder die Treppe empor , die sie vorher nicht mehr zu betreten geglaubt hatte , und fühlte stillen Frieden in sich . Am andern Tag um die angegebene Stunde fand sie sich bei ihm ein . An seiner Thür stand auf einer Tafel : » Johannes , Vorstand des Vereins : Wahrheitssucher , Redakteur der Zeitschrift An der Schwelle des Jenseits , Mitglied des spiritistischen Vereins : Seele , Schriftsteller . « Er empfing sie in einem einfach aber behaglich eingerichteten Gemache , hinter einem mächtigen Schreibtisch sitzend . Angelus stand vor einem Schränkchen , mit Zählen von Geld beschäftigt . Er nickte ihr liebevoll zu . » Da bist du ja ; setz dich , Johanne « sagte der Meister und wies auf einen Stuhl . Sie errötete unter seinen forschenden Blicken , die ihr bis an die Seele gingen . » Du bist sehr schön « sagte er . » Das sah ich gestern nicht . Mir dünkte , du wärest häßlich « . Und da sie protestieren wollte , schüttelte er den Kopf . » Du mußt dir angewöhnen , die Wahrheit , ob süß , ob bitter , ruhig anzuhören ; es ist kleinlich und unehrlich gegen sich selbst , wenn man aus falscher Scham gegen Thatsachen opponiert . Also , sag mir eins . Aber vorher : Du glaubst nun wohl nicht mehr zu träumen , oder mit Geistern zu thun zu haben . Wir sind höchst einfache , übrigens viel bekannte Menschenkinder , die sich ganz in der Wirklichkeit bewegen . Unser Ziel ist : die Schäden der Zeit zu verbessern . Wir wollen den Materialismus nicht bekriegen , sondern leidenschaftslos untersuchen und beweisen , daß er durchaus kein Gegner , sondern nur der ungeschickte Ausdruck für unsere eigene Weltanschauung ist « . Und da sie ihn etwas verständnislos ansah , fuhr er fort : » Um dir meine Worte durch ein Beispiel zu veranschaulichen : Wir geben den Menschen nicht unrecht , die da behaupten , mit dem Tode wäre alles aus . Das wäre es auch , wenn es einen Tod gäbe . Nun liegts auf unserem Wege , zu zeigen , daß es eben keinen giebt , sondern nur eine Formverschiebung . Ich habe absichtlich mir ein so einfaches Beispiel gewählt , um dich heute nicht zu sehr anzustrengen . Du erhieltest mithin eine Ahnung unserer Bestrebungen . In diesem Sinne leiten wir eine Zeitschrift , haben Vereine gegründet und bemühen uns , Menschen für unsere Ziele zu gewinnen . Vor allem ziehen wir jeder Heuchelei , jeder falschen Scham , jeder Gewinnsucht zu Leibe . Wir wollen wie Christus einfach und schlicht unter unseres Gleichen verkehren , in denen wir nicht Fremde , sondern Brüder erblicken . Wir haben uns schon zahllose Freunde in allen Städten Europas erworben , geschweige in anderen Erdteilen , wo unsere Lehre seit Jahrtausenden Anhänger besitzt . Du siehst also , daß du es mit ganz realen Menschen zu thun hast . Andere unserer Eigenschaften wirst du später begreifen lernen . - Obwohl wir nun keinen Mangel an Händen haben , die jede Minute bereit sind , für uns thätig zu sein , so sind wir doch jeder Zeit willig , neue Kräfte für uns zu gewinnen . Wenn du also Lust hast , in unsere geistige Genossenschaft zu treten , wollen wir nicht scheuen , Opfer für dich zu bringen , die unsere geringe Macht nicht übersteigen « . Er befragte sie über ihre Vermögensverhältnisse und ob ihr Vormund einverstanden wäre , wenn sie ein neues Leben begänne . » Wir wollen dich hier als unsere Sekretärin anstellen ; du wirst tagsüber bei uns sein , mit uns essen und alle kleinen Sorgen und Freuden mit uns teilen . Abends bist du frei und kannst nach Hause gehen . Miete dir hier in der Nähe ein Zimmerchen . Die Miete mußt du aus deinen eigenen Mitteln bezahlen . Geld kann ich dir nicht geben ; auch Kleider mußt du dir selbst beschaffen . Uebrigens , wirst du auch vegetarische Kost vertragen können ? Unser Essen schließt Fleisch und alkoholhaltige Getränke aus « . » O , ich esse , was es giebt « sagte Johanne , » darauf hab ich nie geachtet « . In diesem Augenblick kam der Postbote und brachte ein Packet Briefe . Meister Johannes hielt den Stoß lächelnd Johanne hin . » Siehe , sie zu öffnen , mir in Kurzem den Inhalt mitzuteilen und nach meinem Diktat zu beantworten , wird von nun an deine Beschäftigung sein « . » Wenn ich es nur auch richtig mache « . » Das wird dein guter Wille dich lehren . Auch wird dir Angelus in den ersten Tagen an die Hand gehen « . » Gewiß « sagte vom Schrank her der junge Mensch . » Also willst du ? « Johannes hielt ihr die Rechte hin . Sie legte die ihre hinein . Ein wunderbares Gefühl des Friedens überkam sie , als seine Finger die ihren einschlossen . Sie senkte die Augen vor seinem durchdringenden Blick . » Jetzt gehst du wohl nach Hause , dich mit deiner Wirtin zu verständigen « . Es war zwei Tage vor Mitte Februar . » Ich habe nie etwas über Kündigung mit ihr ausgemacht . Aber ich glaube , sie läßt mich ziehen « . » Solltest du dich mit ihr nicht verständigen können , so komme ich selbst hin « meinte er ruhig . » Von morgen ab kannst du bei uns sein « . Ein dankbarer Blick aus ihren Augen traf ihn . Er neigte leicht den Kopf und wandte sich seinen Briefen zu . Sie wartete noch eine Sekunde , dann fühlte sie , daß sie entlassen war . Mit beflügelten Schritten eilte sie nach Hause . Es war ein weiter Weg , denn Meister Johannes ' Wohnung , sowie der Saal , in den er sie gestern geführt hatte , lagen im Arbeiterviertel der Stadt . Hier , mitten unter den Leuten des vierten Standes , den » Kleinen « , hatte er sich niedergelassen . Johanne war ganz überwältigt von dem Neuen , das ihr entgegentrat . Religion , Tugend , Weisheit schienen sich zu diesen Menschen geflüchtet zu haben . Die ganze Bibel schien neu aufzuleben in den reinen , schlichten Gestalten des Meisters und seines Jüngers . Wie alt wohl Johannes sein mochte ? dreizig , vierzig , mehr ? Johanne konnte sich nicht erinnern ,