gleichsam von Vornehmheit duftend , wie sie sich leicht und sicher bewegte , - wer diese beiden Gestalten verglich , mußte die Überlegenheit erkennen , welche alte Kultur dem edel Geborenen von Geburtswegen über den Menschen der großen Masse gibt . Die Umgebung paßte zu Komtesse Ida . Dieses Zimmer mit seiner diskreten Besonderheit schien ein Abdruck ihres Wesens zu sein . Da war nichts Prunkhaftes , Kokettes oder Flatterhaftes ; und doch war es das Zimmer eines jungen Mädchens . Dem Blumentische , den Wandbildern , den Photographien auf dem Schreibtische sah man den gewählten Geschmack und die wertende Liebe an , mit der die Besitzerin alles verschönte , was zu ihr in Beziehung stand . Allmählich wirkte auch auf Pauline der beruhigende , erwärmende Einfluß dieser Persönlichkeit . Die teilnahmsvolle Erkundigung der Komtesse nach ihren Schicksalen löste ihr die Zunge . Ida schien mit ihren Worten , die durchaus einfach und ohne jede Feierlichkeit waren , viel mehr zu sagen als andere Menschen , weil ihre ernsten , milden Blicke jedem Worte noch eine besondere Bedeutung gaben . Pauline war es zumute , als säße sie vor dem alten Geistlichen , der sie konfirmiert hatte . Dem hatte man auch alles sagen müssen , man hatte wollen mögen oder nicht . Sie hatten von der Kinderzeit gesprochen , von gemeinsamen Erlebnissen , von den anderen Gespielen . Ida hatte niemanden vergessen . Sie fragte eingehend nach den alten Spielgefährten aus dem Dorfe . Fast alle diese Mädchen hatten , wie es sich herausstellte , schon geheiratet , waren Mütter . Dann sprang die Unterhaltung wieder zurück auf Paulinens eigenste Lebensweise . Ida meinte , es sei doch solch ein Glück für Pauline , daß sie jetzt das kleine Kind ihrer Base zur Pflege da habe . Ein Glück , erklärte die Komtesse , um das sie Paulinen beneiden könne . Kleine Kinder zu pflegen , das müsse doch das schönste sein auf der Welt . Freilich , fügte sie mit dem Schatten eines melancholischen Zuges um die klugen hinzu , dazu käme ein Mädchen selten . Der anderen war das Herz schwer geworden , sobald Ida von dem Kinde zu sprechen begann . Sie kam sich auf einmal so schlecht vor . Die Komtesse ahnte ja nicht , wen sie vor sich hatte . Würde sie nicht aufspringen und sie aus dem Zimmer jagen , wenn sie erfuhr , was aus ihrer Freundin inzwischen geworden sei . Wenn diese reine , feine Persönlichkeit konnte doch kaum etwas ahnen von all diesen Dingen und wie es in der Welt da draußen zuging . Und das Geheimnis brannte dem Mädchen doch auf der Seele . War es denn nicht noch viel schlechter , vor jener , die so gut zu ihr war , eine solche Lüge aufrecht zu erhalten . Und schließlich war es doch das einfachste Ding von der Welt ! Der Junge war ihr Kind , war denn darin ein Anrecht ? Konnte denn das , was aus Liebe geschehen war , schlecht sein ? Etwas , das so glücklich machte , durfte nicht böse sein ! Und die Komtesse war eine Frau wie sie . Trotz aller Vornehmheit mußte sie das verstehen ! Sie hatte so liebe Augen und eine so freundliche Stimme . Daß sie böse werden oder gar zanken könne , war ganz unmöglich , sich vorzustellen . Aber es war so furchtbar schwer , den Anfang zu finden . Es klang so entsetzlich , ein solches Geständnis . Pauline dachte wie oft : jetzt wirst du ' s sagen ! sobald Ida einen Satz zu Ende gesprochen . Und sie verschob es doch wieder . So ging es eine ganze Weile fort , das Mädchen begriff immer deutlicher , daß sie fortgehen würde von hier , ohne ihr Herz erleichtert zu haben . Ida begann davon zu sprechen , daß sie es nicht zu begreifen vermöge , wie eine Mutter ihr Kind von sich lassen und einer Fremden zur Pflege übergeben könne . Sie fragte Pauline , was denn die Mutter dieses Kindes für eine Frau sei , daß sie so etwas übers Herz gebracht habe . Da fühlte Pauline , daß jetzt der Augenblick gekommen sei , zu sprechen . Mit kaum vernehmlicher Stimme kamen die paar Worte heraus , die der anderen alles sagten . Ida verlor für einen Augenblick die Fassung . Da merkte man auf einmal , was für leidenschaftlich jähes Frauengefühl unter dieser Decke von guter Erziehung und jahrelanger Gewöhnung verborgen lag . Sie war aufgesprungen von ihrem Sitze , stand da bis in die Lippen erblaßt , die Hand aufgestemmt auf die Tischkante mit den Knöcheln , atmete schwer und hastig , und die weiße Hand zitterte . Keines sprach ein Wort . Pauline saß vor Ida , gesenkten Hauptes und blickte in den Schoß . Ida betrachtete diese Gestalt mit eigenartig leuchtenden Augen . Einen Augenblick kam es wie ein herber , selbstgerechter Zug in ihr Gesicht . Ihre Nasenflügel flogen , die Lippen schürzten sich verächtlich . Jetzt war sie das hochfahrende Edelfräulein , das die verworfene Bauernmagd richten wollte . Aber das war schnell verschwunden . Tränen traten ihr auf einmal in die Augen , um die Mundwinkel zuckte es . Mitleid war es nun , was aus jedem Zuge sprach , Mitleid mit Pauline , Mitleid mit sich selbst , mit ihrem ganzen Geschlecht . Ida stand noch eine Weile schweigend mit wogendem Busen . Allmählich aber fand sie ihre Gemessenheit wieder . Sie setzte sich , legte ihre schlanke Hand auf Paulinens braunrote derbe . » Da hast du wohl rechte Freude an deinem Jungen , Pauline ? « Pauline konnte nichts sagen , sie nickte stumm . * * * Ein Brief von Gustav Büttner aus der Garnison ! war bei Pauline Katschner eingetroffen . Der Unteroffizier schrieb , daß er die Absicht habe , nicht weiter zu kapitulieren ; so sehr ihm seine Vorgesetzten auch zuredeten , bei der Truppe zu bleiben . Die ganze Soldatenspielerei hänge ihm zum Halse heraus . Nach dem Manöver werde er abgehen und nach Halbenau kommen . Pauline möchte zu seinen Eltern gehen und ihnen seinen Entschluß mitteilen . Pauline war überglücklich . Wie gut Gustav war ! Das Mädchen trug den Brief Tag und Nacht bei sich . In unbewachten Augenblicken nahm sie ihn vor und las darin . Jedes seiner Worte war ihr teuer . Sie hatte sich doch nicht in Gustav getäuscht . Wie oft hatte ihr die eigene Mutter abgeredet , sich weiter mit ihm abzugeben , er sei ein Leichtfuß und werde sie ganz sicher sitzen lassen . Auch andere hatten sie gewarnt . Gustavs eigenes Benehmen schien eine Zeitlang jenen Warnern recht zu geben . Die häßlichsten Dinge waren ihr von Gustav Büttner hinterbracht worden . Sie hatte an ihm festgehalten . Sie konnte ja nicht von ihm lassen . Er war ja der Vater ihres Kindes ! Nun war ihr Vertrauen doch nicht umsonst gewesen . In diesem Briefe war es ausgesprochen , zwar nicht mit Worten - das Heiraten war mit keiner Silbe erwähnt - aber zwischen den Zeilen lag es . Und Pauline wußte in den Briefen ihres Geliebten zu lesen . Das einfache Mädchen hatte von Natur jene weibliche Gabe mitbekommen , dort ahnend zu wissen , wo ihr Verstehen aufhörte . Gustav verließ im Herbst die Truppe , kam nach Halbenau zurück . Das hieß so viel wie : sie wurde seine Frau . Sie wußte es . Alles Nachdenken darüber war unnötig . Es war so ! Und sie sollte zu den alten Büttners gehen und ihnen seinen Entschluß mitteilen . Sie hatte er zu seinem Boten ausersehen für diese Botschaft . Darin allein schon lag alles ausgesprochen . Die Familie sollte erkennen , daß sie ihm die Wichtigste sei , der er , zuerst von allen , seine Pläne mitteilte . - Am nächsten Sonntagnachmittag begab sich Pauline auf das Büttnersche Bauerngut . Sie traf die Frauen allein . Der Bauer und Karl waren ausgegangen . Die Bäuerin hatte die Gelegenheit benutzt , wo ihr Eheherr abwesend war , um für sich und die Töchter einen Sonntagsnachmittagskaffee zu brauen . Der Büttnerbauer sah nämlich den Kaffeegenuß als Verschwendung an und hatte ein für allemal ein Verbot gegen solchen Aufwand ergehen lassen . Selbst zum Frühstück gestattete er nur Milch und Mehlsuppe , wie sie seit Urgedenken seine Vorfahren genossen hatten . Die Frauen waren im Bewußtsein des verbotenen Tuns auf dem Lugaus . Pauline wurde daher schon von weitem erkannt . Vier Köpfe waren hinter den Fenstern des Wohnzimmers , als sie das Gehöft betrat . » Katschners Pauline ! « hörte sie rufen und darauf ein Getuschel von weiblichen Stimmen . Jetzt wurde sie auf einmal zaghaft beim Anblick dieser neugierigen Frauengesichter . Bis dahin hatte sie sich tragen lassen von der Begeisterung ihres Entschlusses . Erst in diesem Augenblicke fiel es ihr aufs Herz , daß sie hier ja mit Feinden und Nebenbuhlern zu tun haben werde . Trotzdem pochte sie an , wenn auch zaghaft ; denn jetzt war an eine Umkehr nicht mehr zu denken . Therese öffnete ihr . Mit bloßen Armen und Halse stand die unschöne , hagere Frau auf der Schwelle und musterte Pauline mit mißgünstigen Blicken . » Willst de zu uns ? « fragte sie in barschem Tone . Pauline erklärte schüchtern , daß sie zur Bäuerin wolle . » Se spricht , se wollte zu Sie , Mutter ! « erklärte Therese , ihren kropfigen Hals nach rückwärts ins Zimmer drehend . » Nu kimm ack rei , Pauline , kimm ack rei ! « rief die Bäuerin , bei der die Gutmütigkeit die weibliche Ränkesucht um ein Gutes überwog ! Pauline trat mit niedergeschlagenen Augen und unsicheren Bewegungen ein . Daß auch gerade Therese sie hatte einlassen müssen ! Die beiden waren ungefähr gleichalterig und hatten derselben Klasse angehört . Katschners Pauline hatte immer eine besondere Stellung gehabt , schon in der Schule , ihrer Geschicklichkeit und ihres sauberen Aussehens wegen . Vor allem aber war sie beneidet worden von den anderen um ihren vertrauten Umgang mit der Komtesse . Therese aber , die mit Hilfe anderer Eigenschaften , durch : Härte , Kraft und ein frühzeitig entwickeltes scharfes Mundwerk , eine Rolle unter den Gleichaltrigen gespielt hatte , war stets Paulinens ärgste Widersacherin gewesen . Das Verhältnis zwischen den beiden hatte sich eher verschlechtert als gebessert , seit Therese den ältesten Sohn aus dem Büttnerschen Bauerngut geheiratet und Pauline die Geliebte des jüngeren Sohnes geworden war . Therese hatte nicht wenig dazu beigetragen , die übrige Familie gegen diese Liebschaft einzunehmen und Paulinen jede Annäherung an Gustavs Verwandte bisher unmöglich zu machen . Das Mädchen schritt zunächst auf die Bäuerin zu , die vor ihrer Tasse am Tische saß , und reichte ihr die Hand . » Gun Tag , Bäuern ! « » Gun Tag , Pauline , gun Tag ! « Darauf ging Pauline zu den beiden Mädchen , denen sie gleichfalls die Hand reichte . » Gun Tag , Toni ! Gun Tag , Ernstinell « Die beiden sahen sie befremdet an , ohne etwas zu sagen . Toni war ohne Arg . Das schwerfällige , harmlose Geschöpf hatte keinerlei Stellung zu dieser Familienangelegenheit genommen . Die kleine Ernestine dagegen betrachtete die Geliebte des Bruders halb mit Spott , halb mit frühreifer Neugier . Trotz ihrer Befangenheit hatte Pauline , mit dem jeder wissenden Frau in solchen Dingen eigenen schnellen Begriffsvermögen sofort festgestellt , daß das Dorfgerücht wahr sei , welches behauptete , Büttners Älteste sei guter Hoffnung . Pauline kümmerte sich eigentlich wenig um den Dorfklatsch - sie ging nicht mehr zum Tanz , seit sie den Jungen hatte - aber Nachbarn und Freunde hinterbrachten ihr doch dieses und jenes . So war schließlich auch diese Neuigkeit zu ihr gedrungen . Da niemand sie aufforderte , sich zu setzen , blieb Pauline stehen . Man wartete darauf , daß sie etwas sagen solle , denn , daß sie ohne bestimmten Zweck hierher gekommen sei , wurde nicht angenommen . Das Mädchen hatte die ganze Zeit über die linke Hand unter der Schürze gehalten . Sie hatte dort Gustavs Brief , den sie vorlegen wollte , falls man ihr nicht glauben sollte . Schließlich mußte sie sich entschließen , zu sprechen . Sie begann mit gedämpfter Stimme , ohne jemanden dabei anzusehen : » Ich komme , und ich soll och einen schönen Gruß ausrichten von Gustaven an euch alle . « Die Einleitung wurde mit Kühle aufgenommen von den anderen Frauen . » Und er würde och bald nach Hause kommen , « fuhr Pauline fort . » Uf de Kirmeß ! Wenn se ' n Urlaub gähn ! « meinte die Bäuerin . » Ne , ne ! Er wird ganz nach Halbenau kommen . « » Gustav ! derhemde ? « » Er schreibt mir ' s dohie ! « Damit zog sie die Hand unter der Schürze vor und hielt triumphierend den Brief in die Höhe . » Er hat mer ' s geschrieben . « » Dos wäre . Gustav vun Suldaten wag ! « » Er hat sich zu sehre ärgern missen mit seinem Wachtmeister . Er will nischt nich mehr wissen vom Soldatenleben . Nach ' n Manöver will ' r nach Halbenau kommen . « Die Nachricht verfehlte ihre Wirkung nicht . Die Bäuerin vergaß auf einmal ganz , daß Pauline eigentlich als eine Verfehmte betrachtet wurde in der Familie . Sie holte das Mädchen heran und räumte ihr einen Platz neben sich ein . Gustav , ihr Lieblingssohn , würde nach Hause zurückkehren ! Sie wollte darüber Näheres hören . Pauline mußte erzählen , was sie wußte . Therese stand inzwischen bei den Schwägerinnen in einer anderen Ecke . Sie betrachtete Pauline mit wenig freundlichen Blicken und murrte . Die Aussicht , daß Gustav auf den väterlichen Hof zurückkehren werde , war gar nicht nach ihrem Geschmacke . Sie war diesem Schwager niemals grün gewesen . Sie konnte ihm seine Überlegenheit über ihren Karl nicht verzeihen . Pauline war jetzt darüber , der Bäuerin eine Stelle aus dem Gustavschen Briefe vorzulesen . Der Unteroffizier schrieb , daß es dem Vater wohl auch recht sein würde , wenn er zur Herbstbestellung ein paar Hände mehr auf dem Gute habe . Da hielt sich Therese nicht länger . » Woas ! « schrie sie dazwischen und trat an den Tisch , » Gustav soit und er will hier bei uns nei ! dan grußen Herrn spiel ' n , hier uf ' n Gutte rimkummandieren ! das mir anderen uns glei verkriechen mechten ! das kennte uns grade passen ! Da mechten mir am Ende glei ganz verziehn , Karle und ich . - Und hier sei Mensch ... « damit wandte sie sich gegen Pauline , der sie mit den Fäusten vor dem Gesicht herumfuchtelte , » die denkt am Ende , weil se a Kind vun ' n hat , daß se schunsten zur Familie zahlte . Su schnell gieht das ne ! Wenn mer dan sene Frauenzimmer alle ufnahmen wollten , dohie , da langte s Haus am Ende ne zu . Froit ack in der Stadt a mal nach , mit woas für welchen dar Imgang hoat . Oder denkst de etwan , daß der d ' ch heiraten werd . Bis ack ne su tumm ! Der wird a Madel mit an Kinde nahmen . Lehr du mich Gustaven kennen ! - Ihr zwee kimmt ne hier nei , so vill sag ' ch ... vor mir ne ! « ... Der wütenden Person ging vor Erregung der Atem aus . Das letzte war nur noch heiseres Gegurgel gewesen . Pauline saß da , gänzlich erblaßt , mit weit offenen Augen starrte sie Therese an . Zu erwidern wußte sie nichts . Sie war immer so gewesen . Der Roheit und Ungerechtigkeit stand sie waffenlos gegenüber . Übrigens sollte ihr von anderer Seite Hilfe kommen . Der Bäuerin war die Geduld gerissen ; besonders , daß Therese es gewagt , Gustav schlecht zu machen , hatte ihren mütterlichen Stolz gekränkt . Sowie die Schwiegertochter sie zu Worte kommen ließ , wetterte sie los : Therese solle sich nur ja nicht einbilden , daß sie hier etwas zu sagen habe . Dem Bauern gehöre Gut und Haus und nicht den Kindern . Sie sollten gefälligst warten , bis die Alten gestorben wären oder sich aufs Ausgedinge zurückgezogen hätten , ehe sie zu kommandieren anfingen . Therese ließ sich den Mund nicht verbieten und redete dagegen . Die Bäuerin war , wenn einmal aus ihrer gewöhnlichen Ruhseligkeit aufgereizt , auch nicht die Sanfteste . So gab es denn ein Keifen und Zetern zwischen der alten und der zukünftigen Büttnerbäuerin , daß man es bis weit über das Gehöft hinaus hören konnte . Dabei hatte man ganz die Vorsicht außer acht gelassen , Ausschau nach dem Vater zu halten . Auf einmal ertönten schwere Fußtritte vom Hausflur her . Mit erschreckten Gesichtern sahen sich die Frauen an . Es war zu spät , das Kaffeezeug noch zu beseitigen ; schon erschien der Bauer in der Tür , gefolgt von Karl . Der Büttnerbauer war so wie so nicht in der besten Laune . Es hatte ärgerliche Verhandlungen gegeben mit dem Gemeindevorsteher wegen eines Geländers , das der Bauer an seiner Kiesgrube anbringen sollte . Heute war ihm nun von seiten der Behörde Strafe angedroht worden , wenn er den Bau noch länger unterlasse . Das hatte den Alten in seiner Ansicht bestärkt , daß die Behörden nur dazu da seien , den Bauern das Leben sauer zu machen . In hellem Zorn war er zum Ortsvorsteher gelaufen und hatte dort eine halbe Stunde lang gewettert und getobt . Sein Groll war noch keineswegs verraucht , als er jetzt bei seinen Leuten eintrat . Nach einigen Schritten ins Zimmer erblickte er die Kaffeekanne auf dem Tische . In den betretenen Mienen der Frauen las er das übrige . Dann fiel sein Blick auf Pauline Katschner . Er stutzte . Was wollte das Frauenzimmer hier ? Er zog die Augenbrauen zusammen . Das hatte ihm gerade noch gefehlt , an die Liebschaft seines Sohnes erinnert zu werden ! Die Bäuerin sah , daß die Lage bedenklich wurde . Erst wenige Tage war es her , da hatte der Bauer erfahren , daß seine älteste Tochter ein Kind erwarte . Der Auftritt , den es darüber gegeben hatte , lag den Frauen noch allen in den Gliedern . Die Bäuerin kannte ihren Eheherrn . Die Adern an der Stirn schwollen ihm ; ein schwerer Sturm war im Anzuge . Es galt , den Ausbruch zu verhindern . Sie kam zu ihm herangehumpelt und legte ihm die Hand auf die Schulter . » Traugott ! « sagte sie und gab ihrer Stimme den sanftesten Klang , der ihr zu Gebote stand . » Mir han ' ch ane Neege Kaffee gekucht ; bis ack ne biese ! Zu aner Tasse Kaffee an Suntch Namittage langt ' s schun noche ! « Der Bauer räusperte sich . Sie kannte seine Gewohnheiten genau . Das war eine Art von Ausholen ; wenn man ihn erst einmal losbrechen ließ , dann wurde es furchtbar . Die erfahrene Frau sah ein , daß sie jetzt einen Trumpf ausspielen müsse . » Vater ! « sagte sie . » Mir han och ene gutte Nachricht fir dich , ane sihre gutte Nachricht von Gustaven . Denk der ack , ar hat geschrieben , und ar will vun de Suldaten furt . Schun uf ' n kinft ' gen Herbst will er nach Halbenau zuricke kimma , dar Gustav ! Was sagst de denn anu , Mann ! Freist de dich ne ! Nu warn mer unsern Jung ' n bale wieder ganz in Hause han . « Die Bäuerin hatte sich nicht verrechnet . Diese Nachricht wirkte bei dem Alten wie ein Tropfen Öl auf erregte Wogen . Gustav nach Halbenau zurück ! Die Hoffnung , die er so lange im stillen gehegt hatte und die sich doch nicht erfüllen wollte bisher , weil der Junge zu sehr am bunten Rocke hing - und nun wurde es doch endlich ! Einen solchen Arbeiter auf das Gut und einen so anschlägigen Kopf obendrein , wie sein Gustav war , da mußte doch alles wieder gut werden ! Die tief gesunkenen Hoffnungen des alten Mannes stiegen mit einem Male lustig in die Höhe , als er diese Kunde vernahm . Der Büttnerbauer machte zwar ein mißmutiges Gesicht und brummte etwas , was gar nicht nach Freude klang . Aber das war nur zum Scheine . Vor der Familie wollte er sich seine Gefühle nicht anmerken lassen . Darum blieb er auch nicht lange im Zimmer . Nur zum Vorwande stöberte er in einer Ecke , als habe er dort etwas zu suchen , dann ging er zur Stube und zum Hause hinaus . Unter Gottes freiem Himmel , wo niemand ihn beobachtete , wollte er sich seiner Freude hingeben . IX. Der Sommer hatte nicht gehalten , was das Frühjahr versprochen . Die Herbstsaaten waren zwar gut durch den Winter gekommen und hatten sich während eines milden Frühlings kräftig bestockt . Auch die Sommerung war prächtig aufgegangen , daß es im Mai eine Lust war , über die Haferfelder und die Kartoffelbeete hinwegzublicken . Regen und Sonnenschein folgten sich in gedeihlicher Abwechslung . Das Korn trieb zeitig seine Schoßhalme . Anfang Juni sah es aus , als ob es eine ausgezeichnete Ernte geben müsse . In der Seele manches Landwirtes , der über die schlechten Erträge der letzten Jahre schier hatte verzweifeln wollen , stieg die tiefgesunkene Hoffnung aufs neue . Kein Stand ist ja so auf das Hoffen angewiesen wie dieser . Von dem Auswerfen des Samens bis zum Bergen der Frucht schwebt der Landmann zwischen Furcht und Hoffnung ; jeder Tag ist von Bedeutung für das Gedeihen , und jede Stunde kann alles zerstören . Auf das vielversprechende Frühjahr folgte im Sommer Kälte und anhaltende Nässe . Die schnell aufgeschossenen Halme stockten plötzlich im Wachstum . An vielen Stellen lagerte sich das Getreide . Die Kornfelder sahen aus , als sei eine Riesenwalze über sie dahingefahren . Licht und Luft fehlte der Ähre , eine mangelhafte Bestäubung fand statt , von unten wuchsen Disteln und allerhand Ankraut durch das Getreide hindurch . Nur hier und da richtete der Wind die Geknickten wieder auf . Die Ähren standen nicht in freier Luft aufrecht , dem Lichte zugekehrt , wie es nötig ist für die Entwicklung jeglicher Kreatur und jeglicher Pflanze ; sie senkten sich dem dunklen , feuchten Erdreiche zu , das ihren Wurzeln wohl Nahrung zum Sprießen , ihren Häuptern aber nicht Wärme , Licht und Bewegung zu gewähren vermochte . So kränkelten die Körner , das Wachstum war ohne Saft und Kern . Da gab es viele leere Hülsen und leichte Früchte , und schädlicher Rost fraß die welken Körner an . Auf den Wiesen hatte prächtiges Gras gestanden . Selbst auf den feuchten und sumpfigen Flecken wuchsen heuer , begünstigt durch das trockene Frühjahr , bessere Kräuter als sonst ; die sauren Gräser hatten nicht die Oberhand gewinnen können . Infolge der häufigen Regenschauer war überall ein dichtes Bodengras gewachsen . Zu Beginn der Heuernte regnete es anhaltend . Nach alt bewährter Bauernregel ließ man sich jedoch durch den Regen nicht vom Hauen abhalten . Einmal mußte es ja doch mit Gießen aufhören ; der liebe Gott konnte doch unmöglich wollen , daß der Segen , den er hatte wachsen lassen , so in Grund und Boden verdürbe . Aber die himmlischen Schleusen schlössen sich nicht . In der Kirche wurde eifrig für gutes Erntewetter gebetet - es regnete unbekümmert weiter . Sieben Wochen lang mußte schlechte Witterung bleiben ; es hatte ja am Siebenschläfer geregnet . Als es endlich doch aufhörte , da war es gerade um acht Tage zu spät . Das Heu war zwar aus weiser Vorsicht in große Schober gesetzt worden , aber die Nässe war doch durchgedrungen . Als man die Haufen öffnete , dampfte und stank es . Dumpfe Gärung hatte sich darin entwickelt . Manches Heu war wie verbrannt . Kein Vieh wollte das verdorbene Futter mehr anrühren . Statt auf den Heuboden , wanderte es auf die Düngerstätte oder in den Stall zum Einstreuen . Nun schien die Sonne durch volle vierzehn Tage herrlich . » Der alte Gott lebt noch ! « sagte der Pfarrer von der Kanzel , » seht , wie hat Er es so herrlich hinausgeführetl « Die Bauern hörten sich das mit an ; dem Herrn Pastor durfte man ja nicht widersprechen . Aber in ihren geheimsten Gedanken war nicht viel von Ergebenheit in die Ratschlüsse des Höchsten zu finden . » Wenn die Not am größten , ist Gottes Hilfe am nächsten « und » Wer Gott dem Allerhöchsten traut , der hat auf keinen Sand gebaut « . Das waren ja alles sehr schöne Sprüche , aber manchmal sah es wirklich danach aus , als ob man im himmlischen Rate - ebenso wie bei der irdischen Obrigkeit - recht wenig Verständnis für das besäße , was dem Landmanne frommt . Wie konnte es sonst geschehen , daß jetzt ununterbrochen schönes Wetter war , wo ein solcher Tag , vierzehn Tage früher , alles gerettet hätte . Nun war das schöne Heu zu Mist geworden . Mancher schüttelte den Kopf ; wirklich , es ging zu verkehrt zu in der Welt ! Man wußte nicht mehr , was man denken sollte . Die Kornernte begann . Stroh war viel da , soviel stand fest . Und wo kein Lager gewesen , konnte man auch mit den Ähren leidlich zufrieden sein . Aber wo sich das Getreide zeitig gelegt hatte und nicht wieder aufgestanden war , da sah es trostlos aus . Jetzt erst beim Mähen merkte man , was das für ein Fitz und Filz geworden war . Kaum daß die Sense durchdringen konnte . Noch einmal so viel Zeit als sonst brauchten die Schnitter . Allerhand Übelstände zeigten sich . An manchen Stellen war das Getreide zweiwüchsig geworden durch die anhaltende Nässe . An den Ähren fand sich reichliches Mutterkorn . Der Rost und andere Krankheiten hatten vieles verdorben . Den August hindurch blieb trockene , milde Witterung . So viel Einsehen hatte der liebe Gott doch , daß er die Roggenernte wenigstens nicht auch noch verregnen ließ . Den Lästerzungen und Nörglern war dadurch einigermaßen der Mund gestopft , und mancher , der durch die frühere Heimsuchung vor den Kopf gestoßen worden , machte wieder seinen Frieden mit dem lieben Gott . Ja , der Herr Pastor durfte von der Kanzel herab sagen : so viel der Güte und Treue hätten wir gar nicht verdient . - Es war nicht alles verloren . Die Grummeternte stand noch aus , vielleicht mochte sie ein wenig die Lücke ausfüllen , welche das Verderben des Heues in die Futtervorräte gerissen hatte . Der Hafer stand nicht schlecht . Streifenweise hatte ihn freilich die Zwergzikade arg mitgenommen . Die Kartoffel stand üppig , die Knollen waren zahlreich und gut entwickelt . Wenn der September sie nicht verdarb , mußte es eine gute Kartoffelernte geben . * * * Der Büttnerbauer hatte angefangen , sein Korn zu schneiden . In diesem Jahre bildete Roggen seine Hauptfrucht . Ein Schlag , wo er besonders dick gesät hatte , war ihm gänzlich durch Lager verdorben ; an anderen Stellen , wo das Getreide weniger dicht gestanden , hatte es der Wind zum Teil wieder aufgerichtet . Es war eine große Sache darum , wenn der erste Sensenhieb ins Korn getan wurde . Schon mehrfach in den letzten Tagen hatte der Büttnerbauer die Felder umgangen oder war auch in der Wasserfurche ein Stück hineingeschritten , um die Ähren auf ihre Reife hin zu prüfen . Farbe des Strohes und Löslichkeit der Körner wollte ihm noch immer nicht gefallen . Endlich , eines Abends , gab der Alte die Losung : Morgen beginnt die Kornernte ! Karl dengelte die Sensen bis in die sinkende Nacht hinein . Am nächsten Morgen bei Tagesgrauen ging es hinaus . Das große Stück dicht am Hofe , welches seiner geschützten Lage wegen zuerst gereift war , kam zunächst daran . In einer Reihe traten sie an , ohne besonderen Befehl . Ein jedes kannte seinen Platz von früheren Jahren her . Der Vater an erster Stelle , hinter ihm zum Abraffen der Ähren Toni . Darauf Karl , dem seine Frau beigegeben war . Ernestine hatte die Strohseile zu drehen für die Garben . Die Bäuerin blieb ihres Leidens wegen im Hause . Die Sensen sirrten . Bald lag eine ganze Ecke des Feldes in Schwaden . Als arbeite eine Maschine , so regelmäßig flog die Sense in der Hand des alten Bauern in weitem Bogen . Ganz unten am Boden faßte sein kräftiger Hieb das Korn und legte es in breiten Schwaden hinter die Sense . Karl konnte es nicht besser als der Alte , trotz der dreißig Jahre , die er weniger auf dem Rücken hatte . Der Abstand zwischen den beiden Männern blieb der gleiche . Der Sohn trat dem Vater nicht auf die Absätze , wie es wohl sonst geschieht , wenn ein junger und kräftiger Schnitter einem alten folgt . Die Frauen hatten genug zu tun , die Ähren hinter den Sensen abzuraffen und auf Schwad zu legen . So hatte man bereits eine halbe Stunde gearbeitet , und der alte Mann hatte noch nicht den Wink zu einer Ruhepause gegeben . Toni fing an , Zeichen von Müdigkeit an den Tag zu legen . Die Arbeit war dem Mädchen nie besonders von der Hand geflogen ; in ihrem jetzigen Zustande wurde ihr jede Anstrengung doppelt schwer