, um die Löckchen zurückzustreichen , die ihr über die Augen gefallen waren , und da sah sie den schwermütigen Ernst seiner Züge und begegnete seinem Blick . Sie lachte wie verwundert , aber es flog ihr auch eine brennende Röte über die Wangen . Hastig faßte sie mit der einen Hand die Spitze , mit der anderen Forbecks Ärmel , und was in Güte nicht hatte gelingen wollen , gelang mit Gewalt . » Na also ! « Sie eilte hinter das Netz und hob ihr Racket aus dem Gras . Schon nach wenigen Schlägen schüttelte sie den Kopf . » Es freut mich nicht mehr . Kommen Sie , Herr Forbeck , ich zeige Ihnen lieber den Park . « Während sie an seiner Seite dem weißen Kiesweg folgte , brach sie eine Gerte und zupfte die Blätter davon . » Erzählen Sie mir etwas ! Was Sie wollen ! Von Professor Werner . Oder von Ihnen selbst . Haben Sie denn schon einmal so ein ganz großes Bild gemalt ? « Forbeck mußte lächeln ; aber kein anderes Thema wäre ihm willkommener gewesen . Es währte nicht lange , und er war im besten Fahrwasser und steuerte geradeswegs auf die Gewährung des Wunsches zu , der ihm seit Stunden auf der Zunge brannte . Seine Wangen bekamen Farbe , die Worte sprudelten ihm von den Lippen . Was am verwichenen Abend vor Tassilo aus der erregten Künstlerseele herausgewirbelt war , wohl schon beseelt und lebendig , doch wirr und noch schwankend in den Formen , das hatte während der ruhelosen Nacht und bei der am Morgen mit heißem Eifer begonnenen Arbeit an Klarheit und festem Willen gewonnen . Vor der Seele des lauschenden Mädchens entstand das Bild , wie Forbeck es zu schildern wußte , in farbiger Schönheit . Solange er von seinem Werke sprach , war Feuer in seinen Worten . Alles an ihm redete mit , die Augen , die Hände , der ganze Mensch in seiner Glut , und die Lauschende fühlte sich erfaßt von dieser reinen und schönen Flamme . Als es aber darauf ankam , daß Forbeck seine Bitte aussprechen sollte , versagte ihm die Stimme . Kitty verstand . Strahlend blickte sie zu ihm auf und legte die Hand auf seinen Arm . » Und Tas , sagen Sie , weiß schon davon ? Und er ist einverstanden ? « Forbeck nickte . » Und Sie glauben wirklich , daß das so eine ganz riesige Sache wird - so was sehr , sehr Schönes ? « » Glauben ? Der Glaube wäre Hochmut . Aber ich fühl ' es in mir . « » Und ohne mich geht es absolut nicht ? « Er schüttelte den Kopf . » Aber dann muß ich doch ! Wann wollen wir denn anfangen ? « Durch die Bäume hörte man Gundis angstvolle Stimme . » Kind ? Kind ? Wo bist du denn ? « » Hier ! « klang der helle Gegenruf . » Kommen Sie ! Jetzt besprechen wir die Sache gleich mit Tante Gundi . « Auf der Suche nach ihr kamen sie zum Schloß ; als Kitty am Zimmer ihres Bruders das Fenster offen sah , rief sie hinauf : » Tas ? Bist du noch immer nicht fertig ? « Tassilo erschien am Fenster , die Feder in der Hand . » Ein paar Minuten noch . « » Eil ' dich ! Wir haben etwas sehr , sehr Wichtiges miteinander zu besprechen . « Da war sie schon um die Ecke verschwunden . Tassilo setzte sich wieder an den Schreibtisch . Als er nach einer Weile den Brief beendet hatte und über die Treppe herunter kam , erhob sich im Flut der wartende Bote von einer Bank . Tassilo übergab ihm die Antwort und sagte leis : » Meinen Gruß an die Damen . Und sagen Sie , wenn ich es ermöglichen kann , so komm ich noch früher . « Er trat auf die Veranda und umschritt das Haus . Auf dem Rasen sah er Kitty und Forbeck in eifrigem Spiel , heiter und lachend . Auf der Bank saß Gundi Kleesberg , die sich ungestüm erhob , als Tassilo um die Hausecke tauchte ; erregt rauschte sie auf ihn zu , umklammerte seinen Arm und zog ihn gegen die Veranda . » Helfen Sie mir , ich bitte Sie um Gottes willen , Sie müssen mir helfen ! « » Was ist denn geschehen ? « » Ich kann es mir gar nicht erklären , wie es möglich war , « stammelte sie , » aber denken Sie , ich habe eingewilligt , daß er sie malen soll . « Tassilo lachte . » Aber Tante Gundi ! « Sie blickte kummervoll zu ihm auf . » Er war so glücklich , so begeistert . « » Das sind zwei Gründe , die Sie heute mittag nicht gelten lassen wollten . Und jetzt - « » Jetzt müssen Sie es verhindern ! Sie müssen ! « » Ich ? Meine Zusage hat er seit gestern schon . Die kann ich nicht zurücknehmen . Ich hatte mich ganz auf Sie verlassen . Na , Tantchen , Sie sind ein netter Held ! Wo bleibt denn der Löwenmut , mit dem Sie Kitty verteidigen wollten ? « » Ich weiß nicht ! « stammelte sie hilflos . » Aber das darf nicht geschehen , unter keiner Bedingung ! Sie müssen ein Machtwort sprechen ! Sie müssen ! So hören Sie doch : wie sie zusammen lachen und sich freuen ! Es hat sie alle beide schon gepackt - wie ein Rausch . « Tassilo wurde ernst . » Wenn es so wäre , dann käme jedes Machtwort zu spät , und gerade ich hätte das letzte Recht , ein solches zu sprechen . « » Das versteh ' ich nicht . « » Haben Sie noch ein paar Tage Geduld , und Sie werden verstehen , was ich meine . « Sie schüttelte in Verzweiflung seinen Arm . » Aber wenn nun wirklich geschieht , was ich fürchte - und seit ich ihn heute kennenlernte , zweifle ich überhaupt nicht mehr - sie muß sich in ihn verlieben ! Sie muß ! Was dann ? Und wenn ich schon nicht von ihm spreche - der arme Mensch rennt doch auch mit Siebenmeilenstiefeln in sein Unglück hinein - aber Kitty ! Ihre Schwester ! Was dann ? « » Dann wird sie vor eine Wahl gestellt sein , die dem einen leicht und dem anderen schwer wird : Mut und Glück oder Feigheit und Elend . « Er schritt dem Rasen zu , von welchem Kitty dem Bruder in übermütiger Laune einen Ball entgegenschleuderte . Gundi Kleesberg stand wie versteinert . Eine Stunde später wanderte Tassilo mit Forbeck dem Dorf entgegen ; Kitty hatte ihnen bis zum Parktor das Geleit gegeben und war dann , ein Liedchen summend , im Schatten der Ulmen zurückgewandert . Eine Weile folgten die beiden schweigend der Straße . Dann sagte Tassilo : » Das ist ein bedeutungsvoller Tag für uns beide . Sie kommen zu Ihrem Bilde , das dem Klang Ihres Namens Flügel geben soll , und ich habe heut die Würfel fallen lassen , die über meine Zukunft entscheiden . Sie haben wohl in den Zeitungen gelesen , daß Fräulein Herweghs Vertrag mit dem ersten September zu Ende geht . Seit einem halben Jahr bemüht sich die Intendanz um die Verlängerung des Vertrages . Anna schob die Entscheidung immer hinaus . Nun hat man ihr heut die Pistole eines dringenden Telegrammes auf die Brust gesetzt , und Anna muß Farbe bekennen , daß sie den Vertrag nicht mehr zu erneuern gedenkt . Morgen wird es schon in allen Zeitungen stehen , und mein liebes München wird etwas zu raten haben . « » Fräulein Herwegh wird der Bühne entsagen ? « fragte Forbeck mit dem Ton ehrlichen Bedauerns . » Eigentlich ist es ja selbstverständlich . Aber es ist für die Kunst ein schwerer Verlust . « » Ein um so größerer Gewinn für mein Glück . Anna ist eine echte Künstlerin . Hätte sie ohne die Bühne nicht leben können , ich hätte auch in das gewilligt , obwohl mit schwerem Herzen . Aber sie hat mir das große Opfer aus freier Entscheidung gebracht . Ich will es ihr danken mein Leben lang . Am ersten September ist Anna frei . Einen Tag später soll sie schon wieder gebunden sein . An mich ! « Tassilo blieb stehen . » Dann hab ' ich keinen Wunsch mehr an das Leben . « Er lächelte . » Nur an den Zufall hätt ' ich noch eine Bitte : daß er meinem Vater am Morgen des Tages , an dem ich mit ihm sprechen will , eine Strecke von zehn oder zwölf Gemsböcken bescheren möchte . Das könnte meinen Vater in eine Laune bringen , in der er mir alles zu verzeihen imstande wäre . Hat er schlechte Jagd , so steht mir eine böse Stunde bevor . « Sein ruhiger Blick suchte die Felsgipfel der Berge , die in der sinkenden Sonne mit rotem Glanz übergossen waren . 9 Um die gleiche Stunde , als alle die steilen Wände in greller Abendhelle leuchteten , kehrte Graf Egge von der Jagd , die ihm nach wechselnden Aufregungen schließlich doch den heißersehnten Schuß gewährt hatte , müd ' ins Palais Dippel zurück . Der gewaltsame Nervenreiz der überstandenen Erregung blieb nicht ohne Rückschlag auf seinen sechzigjährigen Körper . Er schleppte den schmerzenden Fuß , als hätte er Blei im Schuh . Und die brennende Beule auf seiner Stirn hatte sich so weit ausgewachsen , daß er Hut nicht mehr sitzen wollte . Vor der Hütte lehnte Graf Egge Büchse und Bergstock an die Wand und ließ sich auf die Hausbank nieder . In den Latschen klirrte ein Schritt , und ehe Franzl noch völlig aus den Büschen tauchte , klang schon seine Stimme : » Ich gratuliere , Herr Graf ! « » Verschrei nix , du Lalle du ! « rief Graf Egge lachend zurück . » ' s Kügerl hat er droben , aber liegen tut er noch allweil net . « » Was ? Dös glaub ich Ihnen aber doch net recht , Herr Graf ! Wenn ' s bei Ihnen schnöllt , nachher liegt doch ' s Sach . Den Bock braucht man bloß aufklauben morgen in der Fruh . Da kann ich deswegen doch gratulieren . Aber was war denn mit die drei anderen Schuß ? « » Auf den ersten Bock hab ich geschossen in der Wut , weil ich glaubt hab , der gute kommt nimmer . « » Da schau , ich hab mir ' s aber gleich denkt ! « Franzl trat durch den Zaun ; die Haare klebten ihm an der Stirn , und in glitzernden tropfen rann ihm der Schweiß über den Hals ; die Ärmel seiner Joppe waren von grauem Schutt überstäubt , die Hände zerschunden und die nackten Knie fleckig von getrocknetem Blut . » Aber die zwei anderen Schuß ? « » Was sagst ! Was mir der Schipper da für Sachen macht ! Auf den ersten Schuß springt mir der Gamsbock weg mit der Kugel auf ' m Blatt . Schießt ihm der Schipper noch zweimal nach ! Ich hab rein gmeint , ich muß ihm die Ohrwascheln aus ' m Grind reißen ! « Franzl fand nicht gleich eine Antwort und sagte zögernd : » Die zwei Schuß hätten ' s Millihaferl bald umgworfen . « Er schöpfte Atem . » Aber weil nur alles gut gangen is ! Und passen S ' auf , die Kruck wenn S ' morgen sehen ! So eine hat meiner Lebtag kein Bock net droben ghabt . « Er stellte die Büchse an die Mauer , nahm den Hut ab und fuhr mit dem Ärmel über die nasse Stirn . » Verteufelt hart is die Gschicht gangen . « » Hast du schlechten Weg in der Wand gehabt ? « Franzl lachte . » Meine Fingernägel kann ich suchen . Und Haut und Haar hab ich auch in der Wand drin lassen , daß man sich a Pfeifl voll anzünden könnt ! « Graf Egge erhob sich und klatschte zufrieden die beiden Hände auf die Schultern seines Jägers . » Gut hast du alles gemacht ! Jetzt wünsch dir was ! « Franzls Augen strahlten vor Vergnügen . » Ich brauch nix ! Weil nur Sie den Bock haben , Herr Graf ! Aber wenn S ' schon was übrigs tun wollen , so erlauben S ' halt , daß ich mir nach ' m Essen a Flaschl Bier raufhol . In mir drin spür ich was wie ' s reine Schmiedfeuer . « Der bescheidene Wunsch schien die gute Laune des Grafen noch zu steigern . » Ja , Franzl , die Flasche sollst du haben , die hast du verdient . Und jetzt geh und fang zu kochen an . Da kommt der Schipper schon mit dem ersten Bock . « Franzl trat in die Hütte , und Graf Egge folgte , um die Joppe abzulegen und die schweren Bergschuhe gegen die Filzpantoffel zu vertauschen . Dann nahm er einen naßkalten Bund um die Stirn , zündete er in der dämmerigen Stube die Hängelampe an und stimmte die Zither . Schipper brachte den Bock und hängte ihn unter dem vorspringenden Dach mit den Krickeln an einen hölzernen Zapfen . Ohne Gruß trat er in die Küche , streifte die Schuhe von den Füßen und schleuderte sie in einen Winkel . Franzl , der schon beim flackernden Feuer stand und den Teig zum Schmarren rührte , sah über die Schulter . » Heut kommst aber ungut heim ? « Ein Fluch war die Antwort . Erst nach einer Weile fragte Schipper : » Hat der Herr Graf schon erzählt , was ich angestellt hab ? « Franzl sagte begütigend : » Gscheit war ' s freilich net , und die zwei Schuß hätten viel verderben können . Aber schau , es is doch alles gut ausgangen . Da mußt dich net ärgern ! « » Gleich vergiften könnt ich mich . « Schipper hob die Stimme , daß man seine Worte in der Stube hören mußte . » Die zwei Schuß vergißt mir der Herr Graf so bald net ! Grad dem Himmel kann ich danken , daß der ander Bock noch kommen is . Der muß die Kugel auf ' m schönsten Fleck haben . Ich glaub , er liegt schon lang verendet in der Wand droben . Da brauchst morgen in der Fruh nur dem Wechsel nachsteigen , so mußt schnurgrad an den Bock hinrennen . « Schipper trat in die Grafenstube . Vorsichtig goß Franzl den Teig in die Pfanne , in der die heiße Butter zischte . Und während er die brodelnde Speise überwachte , lauschte er auf das sentimentale Volkslied , das in der Stube von Graf Egge mit großem Gefühlsaufwand , mit Tremolo und süßen Flageolettönen gespielt wurde . Leise summte Franzl die Worte des Liedes mit , und ein verträumtes Lächeln spielte um seinen Mund . Er hatte , als er durch die Felswand gestiegen war , auf den steilen Graskuppen eine Menge blühender Edelweißstauden entdeckt . Nun meinte er , daß sich ein Sträußchen der weißen Sterne an Malis Kammerfenster nicht übel ausnehmen würde . Da müßte man nur wissen , welches Fenster das richtige wäre . In Gedanken umwanderte Franzl das ihm wohlbekannte Haus - aber merkwürdig : aus jedem Fenster guckte das finstere Gesicht des Bruckner . In der Stube verstummte das Zitherspiel . Schipper deckte den Tisch . Das war kurze Arbeit : ein kleines Stück blaugefärbter Leinwand wurde ausgebreitet und drei zinnerne Löffel darauf gelegt . Hinter dem Ofen hob Schipper das Falltürchen der Kellergrube und holte einen schon zu Ende gehenden Laib Brot herauf . » Nimm gleich eine Flasche Bier für den Franzl mit ! « rief Graf Egge , der sich auf die Matratze gestreckt hatte und den Schweißhund als lebendige Wärmflasche für seine Füße benützte . » Eine nur , Herr Graf ? « » Is lang schon gnug ! « Franzl erschien , in der einen Hand die dampfende Pfanne , in der anderen ein kleines rußiges Brettchen , das er in die Mitte des Tisches legte , als Untersatz für die Pfanne . Graf Egge erhob sich . Stehend , mit gefalteten Händen , wurde der Abendsegen gesprochen , wie in einer Bauernstube . Nach dem Amen sagte der Graf : » Guten Abend miteinander ! « Und die Jäger antworteten : » Guten Abend , gnädiger Herr Graf ! « Dann schoben sie sich hinter den Tisch ; in der zugesicherten Ecke saß Graf Egge , Schipper zu seiner Rechten , Franzl zur Linken . Den Löffel in der Hand , mit aufgestütztem Arm , warteten die Jäger , bis der Graf den ersten Bissen genommen hatte ; dann griffen auch sie zu , und einträchtig löffelte das Kleeblatt die grobe , fette Kost aus der Pfanne . Als das Mahl zu Ende war , trug Schipper die Pfanne in die Küche und brachte für seinen Herrn einen Maßkrug voll Wasser , in das Graf Egge einen Schluck Enzian goß , » damit ' s Schmalz im Magen net rebellisch wird « , wie er sagte . » Wer rauchen will , kann ' s Pfeifl anzünden . Du , Franzl , mach dir dein Bier auf ! « Schmunzelnd , mit feierlicher Umständlichkeit , entkorkte Franzl die Flasche und goß ihren Inhalt vorsichtig in eine hölzerne Bitsche - eine Flasche Bier bedeutete in Graf Egges Jagdhütte soviel wie auf einem bürgerlichen Tisch eine Flasche Champagner , im Staatsbetrieb ein hoher Orden . Bald dampften die Pfeifen , und Graf Egge griff zur Zither . Die blauen Wölklein kräuselten sich um die Hängelampe , und beim schwirrenden Klang der Saiten kehrte eine behagliche Stimmung in der kleinen Stube ein . Spielte Graf Egge eine schmachtende Volksweise , so mußte Stille herrschen ; stimmte er einen lustigen Ländler an , so wurde geplaudert und gelacht , und die Jäger schlugen mit den schweren Holzpantoffeln den Takt . Schließlich kamen die Schnaderhüpfel an die Reihe . Mit erstaunlicher Virtuosität pfiff Graf Egge das Zwischenspiel und sang ein Gesetzlein . Und so lustig weiter . In seinem Gedächtnis war ein reicher Schatz von Schnaderhüpfeln aufgespeichert , und wenn er in vergnügter Stunde das Türchen öffnete , flogen die kleinen vierzeiligen Lieder aus , eins nach dem anderen , wie die Bienen aus ihrem Stock . Er selbst unterhielt sich dabei am allerbesten und bot in seiner saftigen Laune einen Anblick , der auch einen anderen erheitern mußte : hemdärmelig , um den grauen Kopf die weiße Binde und darunter das vom Lachen rote Gesicht mit dem zitternden Bart und dem lustigen Faltenspiel um die zwinkernden Augen . Wer ihn zu solcher Stunde sah , konnte auch mit der schärfsten Menschenkenntnis nicht höher raten als auf einen pensionierten Förster , auf einen gutmütigen , kreuzfidelen Alten , der in Gesellschaft jüngerer Kameraden die Erinnerung an vergangene Zeiten aufgefrischt und ein Schöpplein über den Durst getrunken hatte . Es war späte Nacht geworden , als Schipper endlich mahnte : » Herr Graf , es is Schlafenszeit . Morgen heißt ' s in aller Fruh den Bock suchen . « Graf Egge nickte und wollte die Zither beiseitestellen . » Aber halt , ich muß meim Böckerl noch eins singen zur guten Nacht ! « Schmunzelnd begann er wieder zu spielen , zog die Brauen auf und besann sich . Nun sang er : » Viel Jahr lang hat er mich ghieselt , Und hat mich gföppelt und gnarrt , Zletzt war ich halt dengerst der Schläuchre , Hab ' s richtige Stündl derwart ! Und ' s richtige Stündl hat gschlagen , Und ' s Büchserl hat sakerisch kracht , Und ' s richtige Kügerl is gflogen - Mein Böckerl , ich wünsch dir gut Nacht ! « Mit einem Jauchzer , der einem Hüterbuben Ehre gemacht hätte , schloß Graf Egge das Spiel . » So ! Jetzt legen wir uns schlafen ! Herrgott , ich glaub , daß ich die ganze Nacht von nix anderem träum als von meiner Kruck . « Sie erhoben sich , Franzl als der erste . Er spürte die schweren Wege des Tages in allen Knochen , wünschte seinem Herrn gute Nacht und verließ die Stube . Mit eingekniffenen Augen sah ihm Schipper nach und lächelte . Kaum hatte Franzl hinter sich die Tür geschlossen , so hörte er Schipper mit lauter Stimme sagen : » Heut muß er müd sein , der Franzl ! Er hat sich verteufelt plagt . Und gut hat er ' s gmacht , dös muß ich selber sagen . Da müssen S ' ihm morgen schon die Ehre lassen , Herr Graf , daß er den Bock aufhebt und die Krucken bringt . « » Ja , heut bin ich zufrieden mit ihm . Heut war er sein ganzer Vater . « Franzl fühlte , wie ihm das Blut in die Wangen stieg . Er hätte sich für die schwere Mühe des Tages keinen besseren Dank gewünscht als diese Worte seines Jagdherrn . Und daß auch Schipper einmal gut von ihm redete und ihm die verdiente Jägerehre gönnte , das freute ihn doppelt . Schipper hatte sich nicht immer als sein Freund erwiesen und hatte ihm bei Graf Egge schon manche bittere Suppe eingebrockt . Weshalb ? Das hatte Franzl sich nie erklären können . Einmal war er hart mit Schipper aneinander geraten , und damals hatte ihn aus diesen grauen , kalten Augen etwas angeblickt , das ihn betroffen machte . Aber weshalb sollte Schipper ihn hassen ? Franzls ehrliche Natur wehrte sich gegen einen solchen Gedanken . Und so blieb ihm für Schippers ungute Art nur die eine Erklärung : Ich bin der jüngere , und er fürchtete , daß ich ihn einmal von seinem Platz verdrängen könnte , wie er selbst vor einigen Jahren den alten Moser aus seiner Stellung hinausgedrückt hatte . Aber Graf Egges Büchsenspanner zu werden , war Franzls letzter Ehrgeiz . Er war zu sehr mit Leib und Seele Jäger , um Sehnsucht nach dem » Stubendienst « zu empfinden , der bei Graf Egge seine » bösen Mucken « hatte . Er hing mit seinem ganzen Herzen an Wald und Bergen , am freien Wandern und Steigen . Vielleicht hatte Schipper nun endlich eingesehen , daß er in dem jüngeren Kameraden keinen Nebenbuhler zu fürchten hatte . So meinte Franzl . Anders wußte er sich die anerkennenden Worte Schippers , die er soeben gehört hatte , nicht zu erklären . Ihm war bei diesem Gedanken , als fiele ihm ein Gewicht von der Seele . Dieser schleichende Zwist hatte ihm oft die Freude an seinem Berufe vergällt , ihm Verdruß und Sorgen in Fülle bereitet . Das war nun zu Ende , und freundlicherer Zeiten mußten kommen . Aufatmend trat er ins Freie , um vor dem Schlafengehen noch einen Trunk frischen Wassers zu nehmen . Friedliche Nachtstille lag um die Hütte her . Der Mond war hinter die Berge gesunken , und zahllos funkelten die Sterne am stahlblauen Himmel . Als Franzl vom Brunnen zurückkehrte , sah er eine Sternschnuppe mit langem Feuerschweif durch die Luft sausen und in Funken zerstieben . Er stammelte ein paar Worte , noch ehe die Erscheinung erlosch . Dann lachte er » Sakra , Mali , jetzt hab ich mir aber was Schöns gwunschen ! « Er trat in die Hütte und stieg in glücklicher Stimmung über die Leiter zum Heuboden hinauf . Behaglich streckte er die müden Glieder in das weiche Heu . Als drunten die Tür ging , schlummerte Franzl schon so fest , daß er auch nicht erwachte , als Schipper sich an seiner Seite ins Heu warf . Stille Stunden verrannen . Schipper , der einen Schlaf hatte wie eine Katze , wurde mehrmals wach . Es ging schon gegen Morgen , als er aus der Stube des Grafen herauf ein Geräusch vernahm . Lautlos erhob er sich und glitt über die Leiter hinunter . Eine halbe Stunde später rasselte in der Küche der Wecker , und Franzl erwachte . » He , Schipper , auf , der Wecker is gangen ! « Als er keine Antwort hörte , griff er nach rechts und links ins Heu . » Wo bist denn , Schipper ? « Erschrocken sprang er auf . » Um Gotts willen ! Ich kann doch net verschlafen haben ? « Ein Blick auf die Fensterluke beruhigte ihn ; draußen graute kaum der Tag . Er griff nach seiner Joppe und stieg in die Küche hinunter , auf deren Herd ein kleines Feuer flackerte . Schipper kam aus der Grafenstube , ein Leintuch in der Hand . » Was is denn ? « fragte Franzl . Schipper drückte das Leintuch in eine irdene Schüssel und stellte sie über das Feuer . » Heut hat er an schiechen Hamur . In der Nacht hat ihm träumt , daß er den Bock net kriegt . Und wie er aufwacht , is ihm der ganze Fuß steif gwesen . Mach nur , daß d ' weiter kommst , und schau , daß der Bock bald da is ! Da wird ihm gleich wieder besser . Ich muß ihm warme Tücher machen und muß ihm den Haxen frottieren . Mir scheint , ' s Zipperl fangt wieder an . « » Mein Gott , der arme Herr ! « Franzl rannte zum Brunnen , um sich zu waschen . Er dachte nicht an das Frühstück und war mit Büchs und Bergstock schon davongerannt , noch ehe das Tuch in der Schüssel warm wurde . Als er den Platz erreichte , auf dem Graf Egge geschossen hatte , begann der helle Tag . Der Wand zu Füßen fand er über dem groben Geröll die roten Spuren auf drei getrennten Stellen . Kopfschüttelnd betrachtete er die Schweißfährten , die ihm unerklärlich waren . Er grübelte nicht lange , sondern begann über den Wechsel anzusteigen . Nach langem Suchen fand er in der Steinrinne den Platz , wo der kapitale Bock im Augenblick des Schusses gestanden hatte . Abgeschossenes Haar und noch feuchter Schweiß bezeichnete die Stelle . Franzl atmete erleichtert auf ; die lichte Farbe des mit kleinen Bläschen durchsetzten Schweißes verriet den tödlichen Lungenschuß . Ruhig stieg Franzl weiter ; er konnte den Weg , den das Wild genommen , nicht verfehlen ; zur Linken war der Absturz , zur Rechten die glatte Wand ; auch machte es ihm keine Sorge , als schon nach kurzer Strecke die Schweißfährte zu Ende ging - der Bock mußte wenige Minuten nach dem Schuß verendet sein und konnte keine hundert Sprünge mehr gemacht haben . Franzl stieg und stieg , kam von Rinne zu Rinne , von einer Scharte zur andern . Nichts . Befremdet stieg er zurück , begann wieder von Anfang an zu spüren und spähte bei jedem Schritt hinunter auf das offene Kiesfeld , auf dem er das Wild , wenn es vom Wechsel in die Tiefe gestürzt wäre , sofort hätte entdecken müssen . Zwei volle Stunden waren ihm bei nutzloser Arbeit vergangen , als er den Grafen mit Schipper , der den Hund an der Leine führte , durch die Latschen gegen die Felswand steigen sah . Schon von weitem schrie Graf Egge : » Hornegger ? Was is denn ? « Und Franzl , mit vor Aufregung heiserer Stimme , rief aus der Wand herunter : » Da kenn ich mich nimmer aus , Herr Graf ! Der schönste Lungenschweiß , aber weit und breit kein Bock net ! « » Was ! Ah , das wär net übel ! Mir scheint , da muß ich selber nauf ! « Graf Egge legte die Büchse ab und zappelte über das Geröll empor , als wären plötzlich alle Schmerzen in seinem Knie geschwunden . Schipper lief ihm nach und faßte seinen Arm . » Aber Herr Graf ! Was machen S ' denn ! Sie ! Und da naufsteigen ! Mit Ihrem Fuß ! « » Laß aus ! Fuß hin oder her , es gibt keine Wand , in die ich um so einen Bock net naufsteig . Wenn der junge Lapp da droben den Verstand verliert , muß ich selber suchen . Laß aus ! « Graf Egge riß sich los und begann erregt über den Wechsel emporzuklimmen . Schweigend folgte ihm Schipper mit dem Hund . Droben in der Steinrinne trafen sie mit Franzl zusammen . Ohne auf ihn zu hören , ließ Graf Egge sich vor der Rotfährte aufs Knie , musterte den Schweiß und jedes abgeschossene Haar . Als er sich aufrichtete , nickte er beruhigt . » Der Bock muß liegen . Schipper ! Laß den Hund aus ! « » Aber Herr Graf ! « mahnte Franzl . » In er Wand laßt man doch kein Hund aus ! Der Hund is hitzig . Wenn er abfallt ? « An Graf Egges Schläfen schwollen die Adern . » Laß den Hund aus ! « Er trat zur Seite , um Platz für Schipper zu machen , der den Hund auf die Rotfährte setzte und die Leine löste . Winselnd nahm Hirschmann die Fährte an und verschwand hinter der Scharte . Franzl wollte folgen , aber Graf Egge schrie ihn an : » Laß mich voraus ! « Sie stiegen zur Scharte hinauf , Schipper als der letzte . Als der Wechsel eben wurde , sahen sie den Hund wieder zurückkommen , mit suchender Nase . Das war ein gutes Zeichen , und Graf Egge lachte : » Natürlich ! Der Bock liegt drunten . Und dort