Gieshübler wieder erschien und ein halbes Dutzend Notenhefte vorlegte , die seine Freundin in rascher Reihenfolge durch die Hand gleiten ließ . » Erlkönig ... ah , bah ; Bächlein , laß dein Rauschen sein ... Aber Gieshübler , ich bitte Sie , Sie sind ein Murmeltier , Sie haben sieben Jahre lang geschlafen ... Und hier Loewesche Balladen ; auch nicht gerade das Neueste . Glocken von Speyer ... Ach , dies ewige Bimbam , das beinahe einer Kulissenreißerei gleichkommt , ist geschmacklos und abgestanden . Aber hier Ritter Olaf ... nun , das geht . « Und sie stand auf , und während der Pastor begleitete , sang sie den » Olaf « mit großer Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen Beifall . Es wurde dann noch ähnlich Romantisches gefunden , einiges aus dem » Fliegenden Holländer « und aus » Zampa « , dann » Der Heideknabe « , lauter Sachen , die sie mit ebensoviel Virtuosität wie Seelenruhe vortrug , während Effi von Text und Komposition wie benommen war . Als die Trippelli mit dem » Heideknaben « fertig war , sagte sie : » Nun ist es genug « , eine Erklärung , die so bestimmt von ihr abgegeben wurde , daß weder Gieshübler noch ein anderer den Mut hatte , mit weiteren Bitten in sie zu dringen . Am wenigsten Effi . Diese sagte nur , als Gieshüblers Freundin wieder neben ihr saß : » Daß ich Ihnen doch sagen könnte , mein gnädigstes Fräulein , wie dankbar ich Ihnen bin ! Alles so schön , so sicher , so gewandt . Aber eines , wenn Sie mir verzeihen , bewundere ich fast noch mehr , das ist die Ruhe , womit Sie diese Sachen vorzutragen wissen . Ich bin so leicht Eindrücken hingegeben , und wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte höre , so zittere ich und kann mich kaum wieder zurechtfinden . Und Sie tragen das so mächtig und erschütternd vor und sind selbst ganz heiter und guter Dinge . « » Ja , meine gnädigste Frau , das ist in der Kunst nicht anders . Und nun gar erst auf dem Theater , vor dem ich übrigens glücklicherweise bewahrt geblieben bin . Denn so gewiß ich mich persönlich gegen seine Versuchungen gefeit fühle - es verdirbt den Ruf , also das Beste , was man hat . Im übrigen stumpft man ab , wie mir Kolleginnen hundertfach versichert haben . Da wird vergiftet und erstochen , und der toten Julia flüstert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine Malice , oder er drückt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand . « » Es ist mir unbegreiflich . Und um bei dem stehenzubleiben , was ich Ihnen diesen Abend verdanke , beispielsweise bei dem Gespenstischen im Olaf , ich versichere Ihnen , wenn ich einen ängstlichen Traum habe oder wenn ich glaube , über mir hörte ich ein leises Tanzen oder Musizieren , während doch niemand da ist , oder es schleicht wer an meinem Bette vorbei , so bin ich außer mir und kann es tagelang nicht vergessen . « » Ja , meine gnädigste Frau , was Sie da schildern und beschreiben , das ist auch etwas anderes , das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas Wirkliches sein . Ein Gespenst , das durch die Ballade geht , da graule ich mich gar nicht , aber ein Gespenst , das durch meine Stube geht , ist mir , geradeso wie andern , sehr unangenehm . Darin empfinden wir also ganz gleich . « » Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt ? « » Gewiß . Und noch dazu bei Kotschukoff . Und ich habe mir auch ausbedungen , daß ich diesmal anders schlafe , vielleicht mit der englischen Gouvernante zusammen . Das ist nämlich eine Quäkerin , und da ist man sicher . « » Und Sie halten dergleichen für möglich ? « » Meine gnädigste Frau , wenn man so alt ist wie ich und viel rumgestoßen wurde und in Rußland war und sogar auch ein halbes Jahr in Rumänien , da hält man alles für möglich . Es gibt soviel schlechte Menschen , und das andere findet sich dann auch , das gehört dann sozusagen mit dazu . « Effi horchte auf . » Ich bin « , fuhr die Trippelli fort , » aus einer sehr aufgeklärten Familie ( bloß mit Mutter war es immer nicht so recht ) , und doch sagte mir mein Vater , als das mit dem Psychographen aufkam : Höre , Marie , das ist was . Und er hat recht gehabt , es ist auch was damit . Überhaupt , man ist links und rechts umlauert , hinten und vorn . Sie werden das noch kennenlernen . « In diesem Augenblicke trat Gieshübler heran und bot Effi den Arm , Innstetten führte Marietta , dann folgte Pastor Lindequist und die verwitwete Trippel . So ging man zu Tisch . Zwölftes Kapitel Es war spät , als man aufbrach . Schon bald nach zehn hatte Effi zu Gieshübler gesagt : » es sei nun wohl Zeit ; Fräulein Trippelli , die den Zug nicht versäumen dürfe , müsse ja schon um sechs von Kessin aufbrechen « , die danebenstehende Trippelli aber , die diese Worte gehört , hatte mit der ihr eigenen ungenierten Beredsamkeit gegen solche zarte Rücksichtsnahme protestiert . » Ach , meine gnädigste Frau , Sie glauben , daß unsereins einen regelmäßigen Schlaf braucht , das trifft aber nicht zu ; was wir regelmäßig brauchen , heißt Beifall und hohe Preise . Ja , lachen Sie nur . Außerdem ( so was lernt man ) kann ich auch im Coupé schlafen , in jeder Situation und sogar auf der linken Seite und brauche nicht einmal das Kleid aufzumachen . Freilich bin ich auch nie eingepreßt ; Brust und Lunge müssen immer frei sein , und vor allem das Herz . Ja , meine gnädigste Frau , das ist die Hauptsache . Und dann das Kapitel Schlaf überhaupt - die Menge tut es nicht , was entscheidet , ist die Qualität : ein guter Nicker von fünf Minuten ist besser als fünf Stunden unruhige Rumdreherei , mal links , mal rechts . Übrigens schläft man in Rußland wundervoll , trotz des starken Tees . Es muß die Luft machen oder das späte Diner , oder weil man so verwöhnt wird . Sorgen gibt es in Rußland nicht ; darin - im Geldpunkt sind beide gleich - ist Rußland noch besser als Amerika . « Nach dieser Erklärung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen zum Aufbruch Abstand genommen , und so war Mitternacht herangekommen . Man trennte sich heiter und herzlich und mit einer gewissen Vertraulichkeit . Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrätlichen Wohnung war ziemlich weit ; er kürzte sich aber dadurch , daß Pastor Lindequist bat , Innstetten und Frau eine Strecke begleiten zu dürfen ; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei das Beste , um über Gieshüblers Rheinwein hinwegzukommen . Unterwegs wurde man natürlich nicht müde , die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen ; Effi begann mit dem , was ihr in Erinnerung geblieben , und gleich nach ihr kam der Pastor an die Reihe . Dieser , ein Ironikus , hatte die Trippelli , wie nach vielem sehr Weltlichen , so schließlich auch nach ihrer kirchlichen Richtung gefragt und dabei von ihr in Erfahrung gebracht , daß sie nur eine Richtung kenne , die orthodoxe . Ihr Vater sei freilich ein Rationalist gewesen , fast schon ein Freigeist , weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof gehabt hätte ; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht , trotzdem sie persönlich des großen Vorzugs genieße , gar nichts zu glauben . Aber sie sei sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch auch jeden Augenblick bewußt , daß das ein Spezialluxus sei , den man sich nur als Privatperson gestatten könne . Staatlich höre der Spaß auf , und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein Konsistorialregiment unterstünde , so würde sie mit unnachsichtiger Strenge vorgehen . » Ich fühle so was von einem Torquemada in mir . « Innstetten war sehr erheitert und erzählte seinerseits , daß er etwas so Heikles , wie das Dogmatische , geflissentlich vermieden , aber dafür das Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe . Hauptthema sei das Verführerische gewesen , das beständige Gefährdetsein , das in allem öffentlichen Auftreten liege , worauf die Trippelli leichthin und nur mit Betonung der zweiten Satzhälfte geantwortet habe : » Ja , beständig gefährdet ; am meisten die Stimme . « Unter solchem Geplauder war , ehe man sich trennte , der Trippelli-Abend noch einmal an ihnen vorübergezogen , und erst drei Tage später hatte sich Gieshüblers Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi gerichtetes Telegramm noch einmal in Erinnerung gebracht . Es lautete : » Madame la Baronne d ' Innstetten , nee de Briest . Bien arrivée . Prince K. à la gare . Plus épris de moi que jamais . Mille fois merci de votre bon accueil . Compliments empressés à Monsieur le Baron . Marietta Trippelli . « Innstetten war entzückt und gab diesem Entzücken lebhafteren Ausdruck , als Effi begreifen konnte . » Ich verstehe dich nicht , Geert . « » Weil du die Trippelli nicht verstehst . Mich entzückt die Echtheit ; alles da , bis auf das Pünktchen überm i. « » Du nimmst also alles als eine Komödie . « » Aber als was sonst ? Alles berechnet für dort und für hier , für Kotschukoff und für Gieshübler . Gieshübler wird wohl eine Stiftung machen , vielleicht auch bloß ein Legat für die Trippelli . « Die musikalische Soiree bei Gieshübler hatte Mitte Dezember stattgefunden , gleich danach begannen die Vorbereitungen für Weihnachten , und Effi , die sonst schwer über diese Tage hingekommen wäre , segnete es , daß sie selber einen Hausstand hatte , dessen Ansprüche befriedigt werden mußten . Es galt nachsinnen , fragen , anschaffen , und das alles ließ trübe Gedanken nicht aufkommen . Am Tage vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein , und mit in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause gepackt : wunderschöne Reinetten von einem Baum , den Effi und Jahnke vor mehreren Jahren gemeinschaftlich okuliert hatten , und dazu braune Puls- und Kniewärmer von Bertha und Hertha . Hulda schrieb nur wenige Zeilen , weil sie , wie sie sich entschuldigte , für X. noch eine Reisedecke zu stricken habe . » Was einfach nicht wahr ist « , sagte Effi . » Ich wette , X. existiert gar nicht . Daß sie nicht davon lassen kann , sich mit Anbetern zu umgeben , die nicht da sind ! « Und so kam Heiligabend heran . Innstetten selbst baute auf für seine junge Frau , der Baum brannte , und ein kleiner Engel schwebte oben in Lüften . Auch eine Krippe war da mit hübschen Transparenten und Inschriften , deren eine sich , in leiser Andeutung , auf ein dem Innstettenschen Hause für nächstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog . Effi las es und errötete . Dann ging sie auf Innstetten zu , um ihm zu danken , aber eh sie dies konnte , flog , nach altpommerschem Weihnachtsbrauch , ein Julklapp in den Hausflur : eine große Kiste , drin eine Welt von Dingen steckte . Zuletzt fand man die Hauptsache , ein zierliches , mit allerlei japanischen Bildchen überklebtes Morsellenkästchen , dessen eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen beigegeben war . Es hieß da : Drei Könige kamen zum Heiligenchrist , Mohrenkönig einer gewesen ist ; - Ein Mohrenapothekerlein Erscheinet heute mit Spezerein , Doch statt Weihrauch und Myrrhen , die nicht zur Stelle , Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle . Effi las es zwei- , dreimal und freute sich darüber . » Die Huldigungen eines guten Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes . Meinst du nicht auch , Geert ? « » Gewiß meine ich das . Es ist eigentlich das einzige , was einem Freude macht oder wenigstens Freude machen sollte . Denn jeder steckt noch so nebenher in allerhand dummem Zeuge drin . Ich auch . Aber freilich , man ist , wie man ist . « Der erste Feiertag war Kirchtag , am zweiten war man bei Borckes draußen , alles zugegen , mit Ausnahme von Grasenabbs , die nicht kommen wollten , » weil Sidonie nicht da sei « , was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderbar fand . Einige tuschelten sogar : » Umgekehrt ; gerade deshalb hätten sie kommen sollen . « Am Silvester war Ressourcenball , auf dem Effi nicht fehlen durfte und auch nicht wollte , denn der Ball gab ihr Gelegenheit , endlich einmal die ganze Stadtflora beisammen zu sehen . Johanna hatte mit den Vorbereitungen zum Ballstaate für ihre Gnäd ' ge vollauf zu tun , Gieshübler , der , wie alles , so auch ein Treibhaus hatte , schickte Kamelien , und Innstetten , so knapp bemessen die Zeit für ihn war , fuhr am Nachmittage noch über Land nach Papenhagen , wo drei Scheunen abgebrannt waren . Es war ganz still im Hause . Christel , beschäftigungslos , hatte sich schläfrig eine Fußbank an den Herd gerückt , und Effi zog sich in ihr Schlafzimmer zurück , wo sie sich , zwischen Spiegel und Sofa , an einen kleinen , eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch setzte , um von hier aus an die Mama zu schreiben , der sie für Weihnachtsbrief und Weihnachtsgeschenke bis dahin bloß in einer Karte gedankt , sonst aber seit Wochen keine Nachricht gegeben hatte . » Kessin , 31. Dezember Meine liebe Mama ! Das wird nun wohl ein langer Schreibebrief werden , denn ich habe - die Karte rechnet nicht - lange nichts von mir hören lassen . Als ich das letzte Mal schrieb , steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen , jetzt liegen die Weihnachtstage schon zurück . Innstetten und mein guter Freund Gieshübler hatten alles aufgeboten , mir den Heiligen Abend so angenehm wie möglich zu machen , aber ich fühlte mich doch ein wenig einsam und bangte mich nach Euch . Überhaupt , soviel Ursache ich habe , zu danken und froh und glücklich zu sein , ich kann ein Gefühl des Alleinseins nicht ganz loswerden , und wenn ich mich früher , vielleicht mehr als nötig , über Huldas ewige Gefühlsträne mokiert habe , so werde ich jetzt dafür bestraft und habe selber mit dieser Träne zu kämpfen . Denn Innstetten darf es nicht sehen . Ich bin aber sicher , daß das alles besser werden wird , wenn unser Hausstand sich mehr belebt , und das wird der Fall sein , meine liebe Mama . Was ich neulich andeutete , das ist nun Gewißheit , und Innstetten bezeugt mir täglich seine Freude darüber . Wie glücklich ich selber im Hinblick darauf bin , brauche ich nicht erst zu versichern , schon weil ich dann Leben und Zerstreuung um mich her haben werde oder , wie Geert sich ausdrückt , ein liebes Spielzeug . Mit diesem Worte wird er wohl recht haben , aber er sollte es lieber nicht gebrauchen , weil es mir immer einen kleinen Stich gibt und mich daran erinnert , wie jung ich bin und daß ich noch halb in die Kinderstube gehöre . Diese Vorstellung verläßt mich nicht ( Geert meint , es sei krankhaft ) und bringt es zuwege , daß das , was mein höchstes Glück sein sollte , doch fast noch mehr eine beständige Verlegenheit für mich ist . Ja , meine liebe Mama , als die guten Flemmingschen Damen sich neulich nach allem möglichen erkundigten , war mir zumut , als stünd ich schlecht vorbereitet in einem Examen , und ich glaube auch , daß ich recht dumm geantwortet habe . Verdrießlich war ich auch . Denn manches , was wie Teilnahme aussieht , ist doch bloß Neugier und wirkt um so zudringlicher , als ich ja noch lange , bis in den Sommer hinein , auf das frohe Ereignis zu warten habe . Ich denke , die ersten Julitage . Dann mußt Du kommen , oder , noch besser , sobald ich einigermaßen wieder bei Wege bin , komme ich , nehme hier Urlaub und mache mich auf nach Hohen-Cremmen . Ach , wie ich mich darauf freue und auf die havelländische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt - , und dann jeden Tag eine Fahrt ins Luch , alles rot und gelb , und ich sehe schon , wie das Kind die Hände danach streckt , denn es wird doch wohl fühlen , daß es eigentlich da zu Hause ist . Aber das schreibe ich nur Dir . Innstetten darf nicht davon wissen , und auch Dir gegenüber muß ich mich wie entschuldigen , daß ich mit dem Kinde nach Hohen-Cremmen will und mich heute schon anmelde , statt Dich , meine liebe Mama , dringend und herzlich nach Kessin hin einzuladen , das ja doch jeden Sommer fünfzehnhundert Badegäste hat und Schiffe mit allen möglichen Flaggen und sogar ein Dünenhotel . Aber daß ich sowenig Gastlichkeit zeige , das macht nicht , daß ich ungastlich wäre , so sehr bin ich nicht aus der Art geschlagen , das macht einfach unser landrätliches Haus , das , soviel Hübsches und Apartes es hat , doch eigentlich gar kein richtiges Haus ist , sondern nur eine Wohnung für zwei Menschen , und auch das kaum , denn wir haben nicht einmal ein Eßzimmer , was doch genant ist , wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen . Wir haben freilich noch Räumlichkeiten im ersten Stock , einen großen Saal und vier kleine Zimmer , aber sie haben alle etwas wenig Einladendes , und ich würde sie Rumpelkammern nennen , wenn sich etwas Gerümpel darin vorfände ; sie sind aber ganz leer , ein paar Binsenstühle abgerechnet , und machen , das mindeste zu sagen , einen sehr sonderbaren Eindruck . Nun wirst Du wohl meinen , das alles sei ja leicht zu ändern . Aber es ist nicht zu ändern ; denn das Haus , das wir bewohnen , ist ... ist ein Spukhaus ; da ist es heraus . Ich beschwöre Dich übrigens , mir auf diese meine Mitteilung nicht zu antworten , denn ich zeige Innstetten immer Eure Briefe , und er wäre außer sich , wenn er erführe , daß ich Dir das geschrieben . Ich hätte es auch nicht getan , und zwar um so weniger , als ich seit vielen Wochen in Ruhe geblieben bin und aufgehört habe , mich zu ängstigen ; aber Johanna sagt mir , es käme immer mal wieder , namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene . Und ich kann Dich doch einer solchen Gefahr oder , wenn das zuviel gesagt ist , einer solchen eigentümlichen und unbequemen Störung nicht aussetzen ! Mit der Sache selber will ich Dich heute nicht behelligen , jedenfalls nicht ausführlich . Es ist eine Geschichte von einem alten Kapitän , einem sogenannten Chinafahrer , und seiner Enkelin , die mit einem hiesigen jungen Kapitän eine kurze Zeit verlobt war und an ihrem Hochzeitstage plötzlich verschwand . Das möchte hingehn . Aber was wichtiger ist , ein junger Chinese , den ihr Vater aus China mit zurückgebracht hatte und der erst der Diener und dann der Freund des Alten war , der starb kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof begraben worden . Ich bin neulich da vorübergefahren , wandte mich aber rasch ab und sah nach der andern Seite , weil ich glaube , ich hätte ihn sonst auf dem Grabe sitzen sehen . Denn ach , meine liebe Mama , ich habe ihn einmal wirklich gesehen , oder es ist mir wenigstens so vorgekommen , als ich fest schlief und Innstetten auf Besuch beim Fürsten war . Es war schrecklich ; ich möchte so was nicht wieder erleben . Und in ein solches Haus , so hübsch es sonst ist ( es ist sonderbarerweise gemütlich und unheimlich zugleich ) , kann ich Dich doch nicht gut einladen . Und Innstetten , trotzdem ich ihm schließlich in vielen Stücken zustimmte , hat sich dabei , soviel möcht ich sagen dürfen , auch nicht ganz richtig benommen . Er verlangte von mir , ich solle das alles als Alten-Weiber-Unsinn ansehen und darüber lachen , aber mit einemmal schien er doch auch wieder selber daran zu glauben und stellte mir zugleich die sonderbare Zumutung , einen solchen Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen . Das kann ich aber nicht und will es auch nicht . Er ist in diesem Punkte , so gütig er sonst ist , nicht gütig und nachsichtig genug gegen mich . Denn daß es etwas damit ist , das weiß ich von Johanna und weiß es auch von unserer Frau Kruse . Das ist nämlich unsere Kutscherfrau , die mit einem schwarzen Huhn beständig in einer überheizten Stube sitzt . Dies allein schon ist ängstlich genug . Und nun weißt Du , warum ich kommen will , wenn es erst soweit ist . Ach , wäre es nur erst soweit . Es sind so viele Gründe , warum ich es wünsche . Heute abend haben wir Silvesterball , und Gieshübler - der einzig nette Mensch hier , trotzdem er eine hohe Schulter hat , oder eigentlich schon etwas mehr - , Gieshübler hat mir Kamelien geschickt . Ich werde doch vielleicht tanzen . Unser Arzt sagt , es würde mir nichts schaden , im Gegenteil . Und Innstetten , was mich fast überraschte , hat auch eingewilligt . Und nun grüße und küsse Papa und all die andern Lieben . Glückauf zum neuen Jahr . Deine Effi « Dreizehntes Kapitel Der Silvesterball hatte bis an den frühen Morgen gedauert , und Effi war ausgiebig bewundert worden , freilich nicht ganz so anstandslos wie das Kamelienbukett , von dem man wußte , daß es aus dem Gieshüblerschen Treibhause kam . Im übrigen blieb auch nach dem Silvesterball alles beim alten , kaum daß Versuche gesellschaftlicher Annäherung gemacht worden wären , und so kam es denn , daß der Winter als recht lange dauernd empfunden wurde . Besuche seitens der benachbarten Adelsfamilien fanden nur selten statt , und dem pflichtschuldigen Gegenbesuche ging in einem halben Trauertone jedesmal die Bemerkung voraus : » Ja , Geert , wenn es durchaus sein muß , aber ich vergehe vor Langerweile . « Worte , denen Innstetten nur immer zustimmte . Was an solchen Besuchsnachmittagen über Familie , Kinder , auch Landwirtschaft gesagt wurde , mochte gehen ; wenn dann aber die kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die mitanwesenden Pastoren wie kleine Päpste behandelt wurden oder sich auch wohl selbst als solche ansahen , dann riß Effi der Faden der Geduld , und sie dachte mit Wehmut an Niemeyer , der immer zurückhaltend und anspruchslos war , trotzdem es bei jeder größeren Feierlichkeit hieß , er habe das Zeug , an den » Dom « berufen zu werden . Mit den Borckes , den Flemmings , den Grasenabbs , so freundlich die Familien , von Sidonie Grasenabb abgesehen , gesinnt waren es wollte mit allen nicht so recht gehen , und es hätte mit Freude , Zerstreuung und auch nur leidlichem Sich-behaglich-Fühlen manchmal recht schlimm gestanden , wenn Gieshübler nicht gewesen wäre . Der sorgte für Effi wie eine kleine Vorsehung , und sie wußte es ihm auch Dank . Natürlich war er , neben allem anderen , auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser , ganz zu geschweigen , daß er an der Spitze des Journalzirkels stand , und so verging denn fast kein Tag , wo nicht Mirambo ein großes , weißes Couvert gebracht hätte , mit allerhand Blättern und Zeitungen , in denen die betreffenden Stellen angestrichen waren , meist eine kleine , feine Bleistiftlinie , mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben . Und dabei ließ er es nicht bewenden ; er schickte auch Feigen und Datteln , Schokoladentafeln in Satineepapier und ein rotes Bändchen drum , und wenn etwas besonders Schönes in seinem Treibhaus blühte , so brachte er es selbst und hatte dann eine glückliche Plauderstunde mit der ihm so sympathischen jungen Frau , für die er alle schönen Liebesgefühle durch- und nebeneinander hatte , die des Vaters und Onkels , des Lehrers und Verehrers . Effi war gerührt von dem allen und schrieb öfters darüber nach Hohen-Cremmen , so daß die Mama sie mit ihrer » Liebe zum Alchimisten « zu necken begann ; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck , ja berührten sie beinahe schmerzlich , weil ihr , wenn auch unklar , dabei zum Bewußtsein kam , was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte : Huldigungen , Anregungen , kleine Aufmerksamkeiten . Innstetten war lieb und gut , aber ein Liebhaber war er nicht . Er hatte das Gefühl . Effi zu lieben , und das gute Gewissen , daß es so sei , ließ ihn von besonderen Anstrengungen absehen . Es war fast zur Regel geworden , daß er sich , wenn Friedrich die Lampe brachte , aus seiner Frau Zimmer in sein eigenes zurückzog . » Ich habe da noch eine verzwickte Geschichte zu erledigen . « Und damit ging er . Die Portiere blieb freilich zurückgeschlagen , so daß Effi das Blättern in dem Aktenstück oder das Kritzeln seiner Feder hören konnte , aber das war auch alles . Rollo kam dann wohl und legte sich vor sie hin auf den Kaminteppich , als ob er sagen wolle : » Muß nur mal wieder nach dir sehen ; ein anderer tut ' s doch nicht . « Und dann beugte sie sich nieder und sagte leise : » Ja , Rollo , wir sind allein . « Um neun erschien dann Innstetten wieder zum Tee , meist die Zeitung in der Hand , sprach vom Fürsten , der wieder viel Ärger habe , zumal über diesen Eugen Richter , dessen Haltung und Sprache ganz unqualifizierbar seien , und ging dann die Ernennungen und Ordensverleihungen durch , von denen er die meisten beanstandete . Zuletzt sprach er von den Wahlen , und daß es ein Glück sei , einem Kreise vorzustehen , in dem es noch Respekt gäbe . War er damit durch , so bat er Effi , daß sie was spiele , aus » Lohengrin « oder aus der » Walküre « , denn er war ein Wagner-Schwärmer . Was ihn zu diesem hinübergeführt hatte , war ungewiß ; einige sagten , seine Nerven , denn so nüchtern er schien , eigentlich war er nervös ; andere schoben es auf Wagners Stellung zur Judenfrage . Wahrscheinlich hatten beide recht . Um zehn war Innstetten dann abgespannt und erging sich in ein paar wohlgemeinten , aber etwas müden Zärtlichkeiten , die sich Effi gefallen ließ , ohne sie recht zu erwidern . So verging der Winter , der April kam , und in dem Garten hinter dem Hofe begann es zu grünen , worüber sich Effi freute ; sie konnte gar nicht abwarten , daß der Sommer komme mit seinen Spaziergängen am Strand und seinen Badegästen . Wenn sie so zurückblickte , der Trippelli-Abend bei Gieshübler und dann der Silvesterball , ja , das ging , das war etwas Hübsches gewesen ; aber die Monate , die dann gefolgt waren , die hatten doch viel zu wünschen übriggelassen , und vor allem waren sie so monoton gewesen , daß sie sogar mal an die Mama geschrieben hatte : » Kannst Du Dir denken , Mama , daß ich mich mit unsrem Spuk beinah ausgesöhnt habe ? Natürlich die schreckliche Nacht , wo Geert drüben beim Fürsten war , die möcht ich nicht noch einmal durchmachen , nein , gewiß nicht ; aber immer das Alleinsein und so gar nichts erleben , das hat doch auch sein Schweres , und wenn ich dann in der Nacht aufwache , dann horche ich mitunter hinauf , ob ich nicht die Schuhe schleifen höre , und wenn alles still bleibt , so bin ich fast wie enttäuscht und sage mir : wenn es doch nur wiederkäme , nur nicht zu arg und nicht zu nah . « Das war im Februar , daß Effi so schrieb , und nun war bei nahe Mai . Drüben in der Plantage belebte sich ' s schon wieder , und man hörte die Finken schlagen . Und in derselben Woche war es auch , daß die Störche kamen , und einer schwebte langsam über ihr Haus hin und ließ sich dann auf einer Scheune nieder , die neben Utpatels Mühle stand . Das war seine alte Raststätte . Auch über dies Ereignis berichtete Effi , die jetzt überhaupt häufiger nach Hohen-Cremmen schrieb , und es war in demselben Briefe , daß es am Schlusse hieß : » Etwas , meine liebe Mama , hätte ich beinah vergessen : den neuen Landwehrbezirkskommandeur , den wir nun schon beinah vier Wochen hier haben . Ja , haben wir ihn wirklich ? Das ist die Frage , und eine Frage von Wichtigkeit dazu , sosehr Du darüber lachen wirst und auch lachen mußt , weil Du den gesellschaftlichen Notstand nicht kennst , in dem wir uns nach wie vor befinden . Oder wenigstens ich , die ich mich mit dem Adel hier nicht gut zurechtfinden kann . Vielleicht meine Schuld . Aber das ist gleich . Tatsache bleibt : Notstand , und deshalb sah ich , durch all diese Winterwochen hin , dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost- und Rettungsbringer entgegen . Sein Vorgänger war ein Greuel , von schlechten Manieren und noch schlechteren Sitten , und zum Überfluß auch noch immer schlecht bei Kasse . Wir haben