man fühlt es den Dingen ab , daß niemand ans Sparen dachte . Bei uns denkt man immer daran , auch die , die ' s nicht nötig haben . Sieh diese Bank . Alles Granit und mit Sandstein eingefaßt . Bei uns wäre sie von Holz . « Manon fand es eigentlich auch . Aber die Hauptunterhaltungsform zwischen den Poggenpuhlschen Schwestern war die , daß eine der andern widersprach . Und so sagte sie denn : » Du kannst nie Maß halten , Therese . Wie wir ankamen , mißfiel dir alles , und nun findest du wieder alles schön und reich und uns überlegen . Ich kann es nicht finden ; ich finde den Tiergarten viel schöner . « » Wie du nur so was sagen kannst , und alles bloß aus Widerspruch . Der Tiergarten , nun meinetwegen , der kann passieren ; aber er ist doch etwas Öffentliches , und was öffentlich ist , ist immer gewöhnlich . Und vieles , was man im Tiergarten sieht , ist geradezu zynisch . « » Zynisch ? « » Ja . Man sieht Statuen und Reliefs , die das Zynische rücksichtslos herauskehren . Ich wähle diesen Ausdruck absichtlich . Es ist das eben die Vorliebe für das Natürliche , das die moderne Kunst als ihr gutes Recht ansieht ; ich glaube aber umgekehrt , daß die Kunst verhüllen soll . Indessen dies alles mag auf sich beruhen , ich will davon nicht sprechen ; als ich vorhin mit Vorbedacht das Wort zynisch gebrauchte , dachte ich vielmehr an die lebendigen Bilder und Szenen , an die Menschen also , die man dort findet . Auf jeder Bank sitzt ein Paar und verletzt durch seine Haltung . Und wenn man endlich wo Platz nehmen will , an einer Stelle , wo sich zufällig kein Paar befindet , so kann man es auch nicht , weil man nie weiß , wer vorher da gesessen hat . Gerade im Tiergarten soll es so furchtbare Menschen geben . « » Ich setze mich immer da , wo Kinder spielen . « » Das solltest du nicht tun , Manon . Man ist auch da nicht sicher , oft da am wenigsten . Und jedenfalls fehlt allem der Zauber des Unberührten ; hier weiß ich , ich atme eine reine Luft . Sich doch , wie das da plätschert ; bei uns ist alles trübe Lache . « Therese sprach noch weiter in dieser Richtung und verstieg sich dabei bis zu hoher Anerkennung der Tante . » Sophie hat uns nicht zuviel geschrieben , eine Frau , in der alles Frühere bis auf den letzten Rest getilgt ist . Es ist nicht jedem beschieden , dies von sich sagen zu können . Wenn ich da an Mama denke ... « » Du solltest nichts gegen Mama sagen . Mama ist gut und mußte viel tragen und hat es . Das kann auch nicht jeder . « Erst beim Tee sahen sich alle wieder . Manon sprach über die Gäste , über einzelne Vorkommnisse , zuletzt auch über die Predigt . Der Geistliche hatte viel von Auferstehung gesprochen , und die Tante richtete die Frage an Sophie , ob die Auferstehung nicht auch durch einen Hergang aus dem Alten Testament dargestellt werden könne . Sie würde sich freuen zu hören , daß das möglich sei . » Ja « , sagte Sophie , » das Alte Testament hat einen Hergang , von dem man annimmt , daß er die Auferstehung bedeute . « » Und welcher ist das ? « » Es ist das der Moment , wo der große Walfisch den von ihm verschlungenen Propheten Jonas wieder auswirft . Wie man zugestehen muß , sehr sinnreich . Ich fühle mich der Aufgabe aber nicht gewachsen . « » Gott sei Dank « , sagte Manon in einem plötzlichen Anfall von Übermut . » Sage das nicht , Kind « , bemerkte die Tante . » Dir erscheint es komisch ; aber was Jahrhunderte mit Ernst und Achtung angeschaut haben , darin seh ich immer etwas , was man respektieren muß . « Manon errötete und erhob sich dann und küßte der Tante die Hand . Man trennte sich früh , aber doch mit der Zusicherung , am andern Tage spätestens um sieben beim Frühstück sein zu wollen . Es gab noch allerhand zu besprechen . Da kam man denn auch überein , daß Sophie , die nun schon so lange in halber Einsamkeit gelebt habe , wieder mit nach Berlin zurückkehren solle , aber nur auf kurze Zeit . Sophie , so äußerte sich die Tante , sei so gut und so klug und so bescheiden , daß ihre Nähe ihr ein Bedürfnis geworden sei ; sie müsse sich freilich in der großen Stadt erholen , aber je eher sie zurückkehre , je lieber sei es ihr . Es wurde seitens der Tante festgesetzt , daß sie Mitte November wieder in Adamsdorf eintreffen solle ; mit dem Malen würde es dann in den dunkeln Nebeltagen wohl vorbei sein , aber das schade nichts , und wenn Sophie neben ihr sitze und mit ihr ins Feuer sähe und des lieben Toten gedenke , so sei das noch besser als das beste Bild . Als sie das sagte , reichte sie Sophie die Hand , und alle waren glücklich , daß ein so herzliches Verhältnis zwischen den beiden bestehe . Selbst Therese freute sich ; ihr Familiengefühl war stärker als ihre persönliche Eitelkeit , und sie sah in dem Ganzen einen Sieg des Poggenpuhlschen , das doch auch in Sophie lebte , wenn auch anders als bei den andern und ganz besonders bei ihr . Sie hatte das Liebe , Freundliche , Demütige , das der gute Onkel ja auch gehabt . Nach diesen Abmachungen zogen sich die jungen Mädchen zurück , um dem Pfarrer und seiner jungen Frau , die für eine Schönheit galt und es auch war , einen Besuch zu machen , und nur die beiden alten Damen , die den Namen Poggenpuhl trugen und doch keine Poggenpuhls waren , blieben in der Veranda zurück . Der Diener wollte den Frühstückstisch abräumen . » Laß noch , Joseph « , sagte die Generalin , und als sie wieder allein waren , sahen beide auf das Gartenrondel und dann , über eine von Efeu überwachsene Mauer fort , auf die Dächer der Dorfstraße , zwischen denen der Kirchturm mit seinem grünen Kupferdach aufragte . Die Gedanken beider gingen denselben Weg , sie dachten an den , der nun da drüben in der stillen Gruft lag . Eine Weile verging , ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre , dann nahm die Generalin der Majorin Hand und sagte : » Liebe Frau Majorin , ich muß nun noch etwas richtigstellen zwischen uns . Etwas Geschäftliches . Und ich denke , Sie werden mir zustimmen in dem , was ich vorzuschlagen habe . « » Das werde ich gewiß . Ich darf das sagen , ohne daß ich weiß , um was es sich handelt . Ich habe zu sehr erfahren , wie gütig Sie sind . « » Nun denn ohne Umschweife . Sie wissen durch Sophie , die mir diese Ausplauderei nachträglich gebeichtet , wie die Besitzverhältnisse liegen . Adamsdorf verbleibt mir bei meinen Lebzeiten , dann fällt es an die Familie meines ersten Mannes zurück . Mein eingebrachtes Vermögen ging verloren . Auch davon werden Sie wissen . Aber diesen Vermögensverlust war ich doch imstande später wieder zu begleichen , wenigstens einigermaßen . Poggenpuhl bestritt seine kleinen Liebhabereien von seiner Pension , unser Haushalt wurde sparsam geführt , und so hab ich mich in der glücklichen Lage gesehen , schlechter Ernten unerachtet , ein bescheidenes Privatvermögen aufs neue sammeln zu können . Darüber habe ich freie Bestimmung , und ehe Sie Adamsdorf verlassen , sollen Sie hören , wie ich darüber verfügt habe . Die Summe selbst beträgt bis zur Stunde nicht mehr als etwa siebzehntausend Taler - ich rechne noch nach Talern - , von denen ich zwölftausend Taler in fünfprozentigen Papieren bei meinem Bankier in Breslau deponiert habe . Sie werden davon , vom ersten Oktober an , die vierteljährlichen Zinsen empfangen , so daß sich Ihre Jahreseinnahmen um etwa sechshundert Taler verbessern werden . Das Kapital ist unkündbar . Nur im Falle sich eine Ihrer Töchter verheiraten sollte , wird ihr ihr Anteil ausgezahlt . Wenn sich alle drei verheiraten , würde für Sie , meine gnädige Frau , nur ein Geringes übrigbleiben , aber Ihnen verbliebe dann die ganze staatliche Pension , und ich weiß von vielen Jahren her , wie anspruchslos Sie Ihr Leben einzurichten wissen . « Die Majorin war so gerührt , daß sie stumm dasaß und vor sich hin blickte , während die Generalin fortfuhr : » Dann sind da freilich noch die Söhne , und die sollen nicht vergessen sein . Aber das ist eine Privatsache , die das andere nicht berührt ; sie werden sich mit kleinen einmaligen Geschenken ihrer Tante begnügen müssen . Ich habe vor , an Wendelin , der ein guter Wirt ist und den Wert des Geldes kennt , tausend Taler zu schicken , an Leo fünfhundert . Leo wird sich davon einen guten Tag machen ; er ist ein Leichtfuß , woran ich aber keine moralischen Betrachtungen knüpfe , denn auch die Leichtfüße sind mir sympathisch , vorausgesetzt , daß Anstand und gute Gesinnung in dem leichten Leben nicht untergehen . Für meine teure Sophie behalte ich mir noch Sonderentschlüsse vor . Das war es , meine liebe Frau Majorin , was ich Ihnen vor Ihrer Abreise noch mitteilen wollte . « Die Sonne schimmerte gedämpften Lichts durch die noch dicht in Laub stehenden Bäume , auf das Rondel und die Beete aber , die sich vor der Veranda ausdehnten , fiel ihr voller Schein , und die noch hie und da blühenden Balsaminen und Verbenen leuchteten auf in einem helleren Weiß und Rot . Von dem Gutshof her stiegen Tauben auf und flogen hoch über den Garten hin , auf den Kirchturm zu , den sie umschwärmten , ehe sie sich auf den kupfernen Helm und den First des Daches niederließen . Die Majorin wollte der Generalin die Hand küssen , aber diese umarmte sie und küßte sie auf die Stirn . » Ich bin glücklicher als Sie « , sagte die Generalin . » Das sind Sie , gnädige Frau . Glücklich machen ist das höchste Glück . Es war mir nicht beschieden . Aber auch dankbar empfangen können ist ein Glück . « Fünfzehntes Kapitel An dem Tage , an dem die Poggenpuhls zurückerwartet wurden , war nicht bloß Friederike , sondern auch die Portierfamilie in einer gewissen Aufregung . Es hing dies , soweit die Nebelungs in Betracht kamen , mit dem zufälligen Umstande zusammen , daß infolge Verreistseins eines in der zweiten Etage wohnenden freikonservativen Geheimrats die für diesen bestimmten Zeitungen unten in der Portierwohnung abgegeben und von dem ebenso neugierigen wie gern faulenzenden Nebelung ( seine Frau mußte sich dafür quälen ) je nach Laune durchstudiert oder auch bloß überflogen wurden . Unter diesen Zeitungen war auch die » Post « , in der in der heutigen Morgennummer des Hinscheidens des Generalmajors von Poggenpuhl kurz Erwähnung geschehen war , unter gleichzeitiger Anfügung der Worte : » Siehe auch die Todesanzeigen . « Auf diese stürzte sich nun unser Nebelung sofort , und als er die schwarz umränderte Anzeige gefunden und mit einem gewissen Grinsen aufmerksam gelesen hatte , schob er das Blatt seiner vierzehnjährigen , mit ihren zwei Brüdern gerade beim Nachmittagskaffee sitzenden Tochter Agnes zu und sagte : » Da , Agnes , lies mal ; das da , wo die dicken schwarzen Striche sind . « Und Agnes , die nicht bloß bleichsüchtig , sondern wegen ihrer Figur und ihrer Vorliebe für die » Jungfrau von Orleans « auch fürs Theater bestimmt war , las , während alles aufhorchte : » Heute starb , 67 Jahre alt , auf Schloß Adamsdorf in Schlesien unser teurer Gatte , Schwager und Oheim , der Generalmajor a. D. Eberhard Pogge von Poggenpuhl , Ritter des Eisernen Kreuzes I. Klasse wie des Ordens Albrechts des Bären . Dies zeigen statt jeder besonderen Meldung an die tiefbetrübten Hinterbliebenen Josephine Pogge von Poggenpuhl , geb . Bienengräber , verwitwete Freiin von Leysewitz , als Gattin Albertine Pogge von Poggenpuhl , geb . Pütter , verwitwete Majorin , als Schwägerin Wendelin Pogge von Poggenpuhl , Premierleutnant im Grenadier-Reg . von Trzebiatowski Leo Pogge von Poggenpuhl , Sekondleutnant im Grenadier-Reg . von Trzebiatowski Therese Pogge von Poggenpuhl Sophie Pogge von Poggenpuhl Manon Pogge von Poggenpuhl , als Neffen und Nichten . « Agnes , deren etwas käseweißes Gesicht bei dem Vortrag all dieser Namen - nur den polnischen Regimentsnamen brachte sie nicht recht zustande - ganz rot geworden war , legte das Blatt aus der Hand , während der Alte mit breitem Behagen sagte : » Na , so was von Poggen ; ich hör es ordentlich quaken « - ein Witz , der von dem johlenden Beifall seiner beiden Jungens ( echter Nebelungs ) sofort begleitet wurde . Die Tochter aber , die sich von ihrem dramatischen Vortrag eine ganz andere Wirkung versprochen hatte , stand auf und sagte , während sie hinausging , zu der etwas seitab sitzenden Mutter : » Ich weiß nicht , Vater ist heute wieder so ordinär « - eine Bemerkung , die die kränkliche , immer verärgerte Frau durch mehrmaliges Kopfnicken bestätigte . Nebelung selbst aber rief der in der Tür eben verschwindenden Tochter nach : » Sei nich so frech , Kröte ; - noch bist du nich dabei . « In gewissem Sinne hatte Agnes ihrem Vater unrecht getan . In der Tiefe seiner Seele fühlte sich Nebelung gar nicht so unberührt von dem allen , er hatte sich vielmehr , als echter Berliner , nur den durch die glänzende Namensaufzählung empfangenen Eindruck wegschwadronieren wollen . Andrerseits freilich war er aufrichtig unwirsch , daß ihm das » pauvre Volk da oben « mit einmal als etwas Besonderes aufgezwungen werden sollte . Das sei doch alles bloß zum Lachen , der reine Unsinn . Aber wie immer auch , während er sich noch dagegen sträubte , war er doch auch schon wieder bereit , gute Miene zum bösen Spiele zu machen , und die Gelegenheit dazu bot sich bald . Es mochte halb fünf sein ( die Jungens waren eben aus der Schule nach Hause gekommen ) , als die Streitszene zwischen Vater und Tochter gespielt hatte , und keine Stunde mehr , so kam auch schon eine Droschke mit Reisekoffer die Großgörschenstraße herauf . Das ganze Haus wartete . Wie Friederike , so hatten sich auch die Nebelungs unten aufgepflanzt , allerdings in sehr verschiedenen Stellungen und Beschäftigungen ; die beiden Jungens lehnten sich an die Hauswand , halb neugierig , halb bummelig , weil sie dem » freien deutschen Mann « in ihnen nichts vergeben wollten , Nebelung selbst aber , eine Art Fes auf dem Kopfe , patrouillierte das Trottoir auf und ab , während Agnes , wie wenn es sich um ihr Auftreten etwa als Mondecar oder irgend sonst ein spanisches Hoffräulein gehandelt hätte , schlank und aufrecht in der offenstehenden Haustüre stand . Als die Frau Majorin an ihr vorüberging , machte sie einen gut einstudierten Hofknicks , der sich gesteigert wiederholte , als gleich danach Therese kam . War diese doch die einzige der Familie , die noch unentwegt den langen Trauerschleier trug , was ihr , samt ihrer funebren Haltung , auch schon unterwegs allerlei Huldigungen eingetragen hatte . Man hatte sie für eine junge Offizierswitwe gehalten , deren Mann in einem schlesischen Bade gestorben sei . Hart neben dem Bürgersteige hielt noch immer die Droschke , mit deren Kutscher , einem ziemlich verschmitzt dreinschauenden Manne , Manon und Sophie wegen Heraufschaffung des Koffers parlamentierten ; » er könne nicht von dem Pferde weg , er käme sonst in Strafe « , so hieß es seinerseits immer wieder . In diesem Verlegenheitsmoment aber trat der sonst so zugeknöpfte Nebelung an die beiden jungen Damen heran und erklärte sich unter gefälliger Lüftung seines Fes bereit , den großen Koffer in die Wohnung hinaufzutragen . » Ach , Herr Nebelung ... « , sagte Sophie . Dieser aber hatte schon Hand angelegt , wuchtete den Koffer ziemlich geschickt auf seine Schulter und ließ sich auch nicht irremachen , als ihm der in seiner Diplomatie verunglückte Droschkenkutscher spöttisch nachrief : » Na , schaden Sie sich man nich . « Es hatte damit aber gute Wege , denn der Koffer , so groß er war , war nicht schwer , und Nebelung schien kaum außer Atem , als er oben ankam . Friederike nahm ihm den Koffer ab , und im selben Augenblicke sagte Sophie : » Bitte , Herr Nebelung ... Ich danke Ihnen . « Unten aber , in seine Portierloge zurückgekehrt , warf Nebelung ein blankes Markstück auf den Tisch und sagte : » Da , Mutter , das muß in die Sparbüchse . Pogge von Poggenpuhl ... Un noch dazu von Sophiechen ... Jungferngeld ; das heckt . « Agnes , die nur die Schlußworte gehört hatte , drehte sich verächtlich um . An der Türeinfassung oben hing ein halber Papierbogen mit » Willkommen « von Friederikens eigener Hand . Aus Schreibunsicherheit oder vielleicht auch aus Ersparnis hatten die Buchstaben alle keinen rechten Tintenkorpus , sondern bestanden bloß aus zwei nebeneinanderherlaufenden Linien . In der Blumenschale vor dem Bilde des Sohrschen befanden sich rote und weiße Markt-Astern . Einige davon waren für den Hochkircher bestimmt gewesen , und zwar zum Einstecken hinter den Rahmen ; aber Friederike hatte wieder Abstand davon genommen mit der Bemerkung : » Den kenn ich ; wenn man ihn anrührt , fällt er . « » Na , leben tust du ja noch « , sagte die Majorin , als ihr Friederike dienstbeflissen den Mantel abnahm . » Hast du auch nicht zu sehr gespart ? Das mußt du nicht . Und immer bloß Nachguß ; dabei kannst du nicht gedeihen . « » Ach , ich gedeihe schon , gnäd ' ge Frau . « » Na , wenn es nur wahr ist . Aber nun bringe uns Kaffee . Die Tassen stehen ja schon . Ein bißchen ausgefroren bin ich doch ; die eine Dame riß immer alles auf . « » Ja , das tut man jetzt , Mama « , sagte Therese . » Ich weiß , man tut es jetzt . Und es mag auch gut sein , aber nicht für jeden . Wer Rheumatismus hat ... « Sophie hatte sich ' s inzwischen auch bequem gemacht und warf sich mit einem gewissen Behagen in die Sofaecke , erst das Zimmer und dann all die alten Kleinigkeiten musternd , die umher standen und lagen und die sie hundertmal in Händen gehabt hatte . » Komm , Mama , du mußt dich hier neben mich setzen , oder ich rücke weiter hin , denn dies ist ja deine Ecke . Gott , wenn ich mich hier so umsehe . Eigentlich ist es doch ganz hübsch bei euch . « » Du könntest sagen bei uns « , sagte Therese . » Gewiß , gewiß . Ich gehöre ja zu euch und werde immer zu euch gehören . Aber die lange Zeit . Dreiviertel Jahr oder doch beinah . Und dann soll ich ja auch wieder zurück . « » Und willst auch ? Und willst es auch gern ? « » Natürlich . Es ist ja abgemacht . Und wenn es auch nicht abgemacht wäre , ich bin gern in Adamsdorf und gern bei der Tante . « » Wer wär es nicht « , sagte Therese . » Der Park und die Gruft , darin nun der General , unser Onkel , ruht . Dahin zieht es wohl jeden . Und diese Frau , der ich viel abbitten muß , ich hielt sie für befangen in Bürgerlichkeit , aber sie hat ganz die Formen der vornehmen Welt . Es ist schade , daß sich dieser Umwandlungsprozeß so selten vollzieht . « Sophie und Manon warfen der Schwester Blicke zu mit der offenbaren Absicht , sie von dem heiklen Thema abzubringen . Aber so gut gemeint dies war , so war es doch nicht nötig , weil die Mama nichts von Bitterkeit dabei empfand . Sie lächelte nur wehmutig vor sich hin mit jener stillen Überlegenheit , die das Leben und das Bewußtsein gibt , die Kämpfe des Lebens ehrlich durchgefochten zu haben . » Ach , meine liebe vornehme Tochter « , sagte sie , » was du da wieder sprichst . « » Ich habe dich nicht kränken wollen , Mama . « » Weiß ich . Und es kränkt mich auch nicht . Ich hatte auch mal mein Selbstgefühl und meinen Stolz , aber all das hat das Leben zerrieben und mich mürbe gemacht ... Das mit der Tante , ja , da hast du recht , das ist eine vorzügliche Frau und , wenn du ' s so haben willst , auch eine adlige Frau . Das hab ich immer gewußt , und seit diesen Tagen weiß ich es noch besser . Aber das alles - und es ist hart , daß ich das meiner eigenen Tochter immer wieder versichern muß , während sie ' s doch wissen könnte , auch ohne meine Versicherung - , aber das alles hätte das Leben auch aus mir machen können . Es hat es nur nicht gewollt . In einem Schlosse zu Hause zu sein und Hunderte beglücken und dann durch Entziehung von Glück auch mal wieder strafen zu können , das alles ist eine andre Lebensschule , wie wenn man nach Herrn Nebelungs Augen sehen und sich um seine Gunst bewerben muß . Ich habe nur sorgen und entbehren gelernt . Das ist meine Schule gewesen . Viel Vornehmes ist dabei nicht herausgekommen , nur Demut . Aber Gott verzeih es mir , wenn ich etwas Unrechtes damit sage , die Demut , wenn sie recht und echt ist , ist vielleicht auch eine Eigenschaft , die sich unter dem Adel sehen lassen kann . « Sophie glitt leise von dem Sofa nieder auf ihre Knie und bedeckte die Hände der alten Frau mit Tränen und Küssen . » Das kannst du nicht verantworten , Therese « , sagte Manon und trat ans Fenster . Therese selbst aber ließ ihr Auge ruhig über die über der Sofalehne hängende » Ahnengalerie « hingleiten , und ihr Auge schien sagen zu wollen : » Ihr seid Zeugen , daß ich nicht mehr gesagt , als ich sagen durfte . « Dann aber kam ihr ein zweites , besseres Gefühl , und sie lieh ihm auch Worte . » Verzeih , Mama « , sagte sie . » Es kann sein , daß ich unrecht habe . « Es lag nicht im Charakter der Familie , den Verstimmungen über eine derartige Szene Dauer zu geben . Die Mutter hatte Schwereres tragen gelernt und war jeden Augenblick zur Verzeihung und Nachgiebigkeit geneigt , während die im wesentlichen in ihren Anschauungen verharrende , trotzdem aber nicht eigentlich eigensinnige Therese das Bedürfnis hatte , wieder einzulenken , wozu ein Gespräch mit Manon das beste Mittel bot . Sie nahm daher diese bei der Hand , führte sie von ihrem Fensterplatz her an den Kaffeetisch zurück und sagte , während sie sie neben sich auf eine Fußbank niederzog : » Es muß nun doch vieles anders werden mit uns und auch mit dir , Manon . Du bist , mein lieber Schelm , am weitesten ab vom rechten Wege . Wie denkst du nun eigentlich hinsichtlich deiner Zukunft ? « » Zukunft ? - Ach , du meinst heiraten ? « » Ja , das vielleicht auch . Aber zunächst meine ich hinsichtlich deines Umgangs , deines gesellschaftlichen Verkehrs . Wie denkst du darüber ? « » Nun geradeso wie früher . Mein Verkehr bleibt , wie er ist . « » Das solltest du doch überlegen . « » Überlegen ? Ich bitte dich ... Ich möchte wohl das Gesicht des alten Bartenstein sehen , wenn ich mich , angesichts meiner zweihundert Taler Zinsen , plötzlich auf meinen alten Adel besönne . Wenn es mehr wäre , verzieh er mir ' s vielleicht . Aber ... « » Also alles beim alten ? « » Ja . Und nun gar heiraten ! So dumme Gedanken dürfen wir doch nicht haben ; wir bleiben eben arme Mädchen . Aber Mama wird besser verpflegt werden , und Leo braucht nicht nach dem Äquator . Denn ich denke mir , seine Schulden werden nun wohl bezahlt werden können , ohne Blumenthals und selbst ohne Flora . Flora selbst aber bleibt meine Freundin . Das ist das , was ich haben will . Und so leben wir glücklich und zufrieden weiter , bis Wendelin und Leo etwas Ordentliches geworden sind und wir wieder ein paar andre Größen haben als den Sohrschen und den Hochkircher . « » Du vergißt einen dritten , deinen Vater « , sagte die Majorin , in der sich bei dieser Übergehung zum erstenmal das Poggenpuhlsche regte . » Ja , meinen Vater , den hatt ich vergessen . Sonderbar , Väter werden fast immer vergessen . Ich werde mit Flora darüber sprechen . Die sagte auch mal so was . «