die Stühle springen oder vom Steg aus apportieren ließen . Das alles , wenn dieser leere Wagen nicht schon einen vollbesetzten Vorläufer gehabt hatte , war für heute nicht zu befürchten . Gegen halb acht war er draußen , und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem Arm und dem entsprechenden losen Ärmel ( den er beständig in der Luft schwenkte ) heranwinkend , stieg er jetzt ab und sagte , während er dem Einarmigen die Zügel gab : » Führ es unter die Linde , Fritz . Die Morgensonne sticht hier so . « Der Junge tat auch , wie ihm geheißen , und Leopold seinerseits ging nun an einem von Liguster überwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements zu . Gott sei Dank , hier war alles wie gewünscht , sämtliche Tische leer , die Stühle umgekippt und auch von Kellnern niemand da als sein Freund Mützell , ein auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig , der schon in den Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage mit einer erstaunlichen , übrigens von Leopold ( der immer sehr splendid war ) nie herausgeforderten Gentilezza behandelte . » Sehen Sie , Herr Treibel « , so waren , als das Gespräch einmal in dieser Richtung lief , seine Worte gewesen , » die meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab , besonders die Damens , aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen , daß man von einer Zigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei Kindern erst recht nicht . Und sehen Sie , Herr Treibel , die geben , und besonders die kleinen Leute . Da war erst gestern wieder einer hier , der schob mir aus Versehen ein Fünfzigpfennigstück zu , weil er ' s für einen Zehner hielt , und als ich ' s ihm sagte , nahm er ' s nicht wieder und sagte bloß : Das hat so sein sollen , Freund und Kupferstecher ; mitunter fällt Ostern und Pfingsten auf einen Dag . « Das war vor Wochen gewesen , daß Mützell so zu Leopold Treibel gesprochen hatte . Beide standen überhaupt auf einem Plauderfuß , was aber für Leopold noch angenehmer als diese Plauderei war , war , daß er über Dinge , die sich von selbst verstanden , gar nicht erst zu sprechen brauchte . Mützell , wenn er den jungen Treibel in das Lokal eintreten und über den frischgeharkten Kies hin auf seinen Platz in unmittelbarer Nähe des Wassers zuschreiten sah , salutierte bloß von fern und zog sich dann ohne weiteres in die Küche zurück , von der aus er nach drei Minuten mit einem Tablett , auf dem eine Tasse Kaffee mit ein paar englischen Biskuits und ein großes Glas Milch stand , wieder unter den Frontbäumen erschien . Das große Glas Milch war Hauptsache , denn Sanitätsrat Lohmeyer hatte noch nach der letzten Auskultation zur Kommerzienrätin gesagt : » Meine gnädigste Frau , noch hat es nichts zu bedeuten , aber man muß vorbeugen , dazu sind wir da ; im übrigen ist unser Wissen Stückwerk . Also wenn ich bitten darf , sowenig Kaffee wie möglich und jeden Morgen ein Liter Milch . « Auch heute hatte bei Leopolds Erscheinen die sich täglich wiederholende Begegnungsszene gespielt : Mützell war auf die Küche zu verschwunden und tauchte jetzt in Front des Hauses wieder auf , das Tablett auf den fünf Fingerspitzen seiner linken Hand mit beinahe zirkushafter Virtuosität balancierend . » Guten Morgen , Herr Treibel . Schöner Morgen heute morgen . « » Ja , lieber Mützell . Sehr schön . Aber ein bißchen frisch . Besonders hier am Wasser . Mich schuddert ordentlich , und ich bin schon auf und ab gegangen . Lassen Sie sehen , Mützell , ob der Kaffee warm ist . « Und ehe der so freundlich Angesprochene das Tablett auf den Tisch setzen konnte , hatte Leopold die kleine Tasse schon herabgenommen und sie mit einem Zuge geleert . » Ah , brillant . Das tut einem alten Menschen wohl . Und nun will ich die Milch trinken , Mützell ; aber mit Andacht . Und wenn ich damit fertig bin - die Milch ist immer ein bißchen labbrig , was aber kein Tadel sein soll , gute Milch muß eigentlich immer ein bißchen labbrig sein - , wenn ich damit fertig bin , bitt ich noch um eine ... « » Kaffee ? « » Freilich , Mützell . « » Ja , Herr Treibel ... « » Nun , was ist ? Sie machen ja ein ganz verlegenes Gesicht , Mützell , als ob ich was ganz Besonderes gesagt hätte . « » Ja , Herr Treibel ... « » Nun , zum Donnerwetter , was ist denn los ? « » Ja , Herr Treibel , als die Frau Mama vorgestern hier waren und der Herr Kommerzienrat auch , und auch das Gesellschaftsfräulein , und Sie , Herr Leopold , eben nach dem Sperl und dem Carrousel gegangen waren , da hat mir die Frau Mama gesagt : Hören Sie , Mützell , ich weiß , er kommt beinahe jeden Morgen , und ich mache Sie verantwortlich ... eine Tasse ; nie mehr ... , Sanitätsrat Lohmeyer , der ja auch mal Ihre Frau behandelt hat , hat es mir im Vertrauen , aber doch mit allem Ernste gesagt : zwei sind Gift ... « » So ... Und hat meine Mama vielleicht noch mehr gesagt ? « » Die Frau Kommerzienrätin sagten auch noch : Ihr Schade soll es nicht sein , Mützell ... Ich kann nicht sagen , daß mein Sohn ein passionierter Mensch ist , er ist ein guter Mensch , ein lieber Mensch ... , Sie verzeihen , Herr Treibel , daß ich Ihnen das alles , was Ihre Frau Mama gesagt hat , hier so ganz simplement wiederhole , ... aber er hat die Kaffeepassion . Und das ist immer das Schlimme , daß die Menschen grade die Passion haben , die sie nicht haben sollen . Also , Mützell , eine Tasse mag gehen , aber nicht zwei . « Leopold hatte mit sehr geteilten Empfindungen zugehört und nicht gewußt , ob er lachen oder verdrießlich werden solle . » Nun , Mützell , dann also lassen wir ' s ; keine zweite . « Und damit nahm er seinen Platz wieder ein , während sich Mützell in seine Wartestellung an der Hausecke zurückzog . » Da hab ich nun mein Leben auf einen Schlag « , sagte Leopold , als er wieder allein war . » Ich habe mal von einem gehört , der bei Josty , weil er so gewettet hatte , zwölf Tassen Kaffee hintereinander trank und dann tot umfiel . Aber was beweist das ? Wenn ich zwölf Käsestullen esse , fall ich auch tot um ; alles Verzwölffachte tötet einen Menschen . Aber welcher vernünftige Mensch verzwölffacht auch sein Speis und Trank . Von jedem vernünftigen Menschen muß man annehmen , daß er Unsinnigkeiten unterlassen und seine Gesundheit befragen und seinen Körper nicht zerstören wird . Wenigstens für mich kann ich einstehen . Und die gute Mama sollte wissen , daß ich dieser Kontrolle nicht bedarf , und sollte mir diesen meinen Freund Mützell nicht so naiv zum Hüter bestellen . Aber sie muß immer die Fäden in der Hand haben , sie muß alles bestimmen , alles anordnen , und wenn ich eine baumwollene Jacke will , so muß es eine wollene sein . « Er machte sich nun an die Milch und mußte lächeln , als er die lange Stange mit dem schon niedergesunkenen Milchschaum in die Hand nahm . » Mein eigentliches Getränk . Milch der frommen Denkungsart würde Papa sagen . Ach , es ist zum Ärgern , alles zum Ärgern . Bevormundung , wohin ich sehe , schlimmer als ob ich gestern meinen Einsegnungstag gehabt hätte . Helene weiß alles besser , Otto weiß alles besser , und nun gar erst die Mama . Sie möchte mir am liebsten vorschreiben , ob ich einen blauen oder grünen Schlips und einen graden oder schrägen Scheitel tragen soll . Aber ich will mich nicht ärgern . Die Holländer haben ein Sprichwort : Ärgere dich nicht , wundere dich bloß . Und auch das werd ich mir schließlich noch abgewöhnen . « Er sprach noch so weiter in sich hinein , abwechselnd die Menschen und die Verhältnisse verklagend , bis er mit einem Mal all seinen Unmut gegen sich selber richtete : » Torheit . Die Menschen , die Verhältnisse , das alles ist es nicht ; nein , nein . Andere haben auch eine auf ihr Hausregiment eifersüchtige Mama und tun doch , was sie wollen ; es liegt an mir . Pluck , dear Leopold , that ' s it , das hat mir der gute Nelson noch gestern abend zum Abschied gesagt , und er hat ganz recht . Da liegt es ; nirgend anders . Mir fehlt es an Energie und Mut , und das Aufbäumen hab ich nun schon gewiß nicht gelernt . « Er blickte , während er so sprach , vor sich hin , knipste mit seiner Reitgerte kleine Kiesstücke fort und malte Buchstaben in den frischgestreuten Sand . Und als er nach einer Weile wieder aufblickte , sah er zahlreiche Boote , die vom Stralauer Ufer her herüberkamen , und dazwischen einen mit großem Segel flußabwärts fahrenden Spreekahn . Wie sehnsüchtig richtete sich sein Blick darauf . » Ach , ich muß aus diesem elenden Zustande heraus , und wenn es wahr ist , daß einem die Liebe Mut und Entschlossenheit gibt , so muß noch alles gut werden . Und nicht bloß gut , es muß mir auch leicht werden und mich gradezu zwingen und drängen , den Kampf aufzunehmen und ihnen allen zu zeigen , und der Mama voran , daß sie mich denn doch verkannt und unterschätzt haben . Und wenn ich in Unentschlossenheit zurückfalle , was Gott verhüte , so wird sie mir die nötige Kraft geben . Denn sie hat all das , was mir fehlt , und weiß alles und kann alles . Aber bin ich ihrer sicher ? Da steh ich wieder vor der Hauptfrage . Mitunter ist es mir freilich , als kümmere sie sich um mich und als spräche sie eigentlich nur zu mir , wenn sie zu anderen spricht . So war es noch gestern abend wieder , und ich sah auch , wie Marcell sich verfärbte , weil er eifersüchtig war . Etwas anderes konnte es nicht sein . Und das alles ... « Er unterbrach sich , weil eben jetzt die sich um ihn her sammelnden Sperlinge mit jedem Augenblicke zudringlicher wurden . Einige kamen bis auf den Tisch und mahnten ihn durch Picken und dreistes Ansehen , daß er ihnen noch immer ihr Frühstück schulde . Lächelnd zerbrach er ein Biskuit und warf ihnen die Stücke hin , mit denen zunächst die Sieger und , alsbald auch ihnen folgend , die anderen in die Lindenbäume zurückflogen . Aber kaum daß die Störenfriede fort waren , so waren für ihn auch die alten Betrachtungen wieder da . » Ja , das mit Marcell , das darf ich mir zum Guten deuten und manches andere noch . Aber es kann auch alles bloß Spiel und Laune gewesen sein . Corinna nimmt nichts ernsthaft und will eigentlich immer nur glänzen und die Bewunderung oder das Verwundertsein ihrer Zuhörer auf sich ziehen . Und wenn ich mir diesen ihren Charakter überlege , so muß ich an die Möglichkeit denken , daß ich schließlich auch noch heimgeschickt und ausgelacht werde . Das ist hart . Und doch muß ich es wagen ... Wenn ich nur wen hätte , dem ich mich anvertrauen könnte , der mir riete . Leider hab ich niemanden , keinen Freund ; dafür hat Mama auch gesorgt , und so muß ich mir , ohne Rat und Beistand , allerpersönlichst ein doppeltes Ja holen . Erst bei Corinna . Und wenn ich dies erste Ja habe , so hab ich noch lange nicht das zweite . Das seh ich nur zu klar . Aber das zweite kann ich mir wenigstens erkämpfen und will es auch ... Es gibt ihrer genug , für die das alles eine Kleinigkeit wäre , für mich aber ist es schwer ; ich weiß , ich bin kein Held , und das Heldische läßt sich nicht lernen . Jeder nach seinen Kräften , sagte Direktor Hilgenhahn immer . Ach , ich finde doch beinahe , daß mir mehr aufgelegt wird , als meine Schultern tragen können . « Ein mit Personen besetzter Dampfer kam in diesem Augenblicke den Fluß herauf und fuhr , ohne an dem Wassersteg anzulegen , auf den » Neuen Krug « und » Sadowa « zu ; Musik war an Bord , und dazwischen wurden allerlei Lieder gesungen . Als das Schiff erst den Steg und bald auch die » Liebesinsel « passiert hatte , fuhr auch Leopold aus seinen Träumereien auf und sah , nach der Uhr blickend , daß es höchste Zeit sei , wenn er noch pünktlich auf dem Kontor eintreffen und sich eine Reprimande oder , was schlimmer , eine spöttische Bemerkung von seiten seines Bruders Otto ersparen wollte . So schritt er denn unter freundlichem Gruß an dem immer noch an seiner Ecke stehenden Mützell vorüber und auf die Stelle zu , wo der Einarmige sein Pferd hielt . » Da , Fritz ! « Und nun hob er sich in den Sattel , machte den Rückweg in einem guten Trab und bog , als er das Tor und gleich danach die Pionierkaserne wieder passiert hatte , nach rechts hin in einen neben dem Otto Treibelschen Holzhofe sich hinziehenden , schmalen Gang ein , über dessen Heckenzaun fort man auf den Vorgarten und die zwischen den Bäumen gelegene Villa sah . Bruder und Schwägerin saßen noch beim Frühstück . Leopold grüßte hinüber : » Guten Morgen , Otto ; guten Morgen , Helene ! « Beide erwiderten den Gruß , lächelten aber , weil sie diese tägliche Reiterei ziemlich lächerlich fanden . Und gerade Leopold ! Was er sich eigentlich dabei denken mochte ! Leopold selbst war inzwischen abgestiegen und gab das Pferd einem an der Hintertreppe der Villa schon wartenden Diener , der es , die Köpnicker Straße hinauf , nach dem elterlichen Fabrikhof und dem dazugehörigen Stallgebäude führte - stableyard , sagte Helene . Neuntes Kapitel Eine Woche war vergangen , und über dem Schmidtschen Hause lag eine starke Verstimmung ; Corinna grollte mit Marcell , weil er mit ihr grollte ( so wenigstens mußte sie sein Ausbleiben deuten ) , und die gute Schmolke wiederum grollte mit Corinna wegen ihres Grollens auf Marcell . » Das tut nicht gut , Corinna , so sein Glück von sich zu stoßen . Glaube mir , das Glück wird ärgerlich , wenn man es wegjagt , und kommt dann nicht wieder . Marcell ist , was man einen Schatz nennt oder auch ein Juwel , Marcell ist ganz so , wie Schmolke war . « So hieß es jeden Abend . Nur Schmidt selbst merkte nichts von der über seinem Hause lagernden Wolke , studierte sich vielmehr immer tiefer in die Goldmasken hinein und entschied sich , in einem mit Distelkamp immer heftiger geführten Streite , auf das bestimmteste hinsichtlich der einen für Aegisth . Aegisth sei doch immerhin sieben Jahre lang Klytämnestras Gemahl gewesen , außerdem naher Anverwandter des Hauses , und wenn er , Schmidt , auch seinerseits zugeben müsse , daß der Mord Agamemnons einigermaßen gegen seine Aegisth-Hypothese spreche , so sei doch andererseits nicht zu vergessen , daß die ganze Mordaffaire mehr oder weniger etwas Internes , sozusagen eine reine Familienangelegenheit gewesen sei , wodurch die nach außen hin auf Volk und Staat berechnete Beisetzungs-und Zeremonialfrage nicht eigentlich berührt werden könne . Distelkamp schwieg und zog sich unter Lächeln aus der Debatte zurück . Auch bei den alten und jungen Treibels herrschte eine gewisse schlechte Laune vor : Helene war unzufrieden mit Otto , Otto mit Helenen , und die Mama wiederum mit beiden . Am unzufriedensten , wenn auch nur mit sich selber , war Leopold , und nur der alte Treibel merkte von der ihn umgebenden Verstimmung herzlich wenig oder wollte nichts davon merken , erfreute sich vielmehr einer ungewöhnlich guten Laune . Daß dem so war , hatte , wie bei Wilibald Schmidt , darin seinen Grund , daß er all die Zeit über sein Steckenpferd tummeln und sich einiger schon erzielter Triumphe rühmen durfte . Vogelsang war nämlich , unmittelbar nach dem zu seinen und Mister Nelsons Ehren stattgehabten Diner , in den für Treibel zu erobernden Wahlkreis abgegangen , und zwar um hier in einer Art Vorkampagne die Herzen und Nieren der Teupitz-Zossener und ihre mutmaßliche Haltung in der entscheidenden Stunde zu prüfen . Es muß gesagt werden , daß er , bei Durchführung dieser seiner Aufgabe , nicht bloß eine bemerkenswerte Tätigkeit entfaltet , sondern auch beinahe täglich etliche Telegramme geschickt hatte , darin er über die Resultate seines Wahlfeldzuges , je nach der Bedeutung der Aktion , länger oder kürzer berichtete . Daß diese Telegramme mit denen des ehemaligen Bernauer Kriegskorrespondenten eine verzweifelte Ähnlichkeit hatten , war Treibel nicht entgangen , aber von diesem , weil er schließlich nur auf das achtete , was ihm persönlich gefiel , ohne sonderliche Beanstandung hingenommen worden . In einem dieser Telegramme hieß es : » Alles geht gut . Bitte , Geldanweisung nach Teupitz hin . Ihr V. « Und dann : » Die Dörfer am Schermützelsee sind unser . Gott sei Dank . Überall dieselbe Gesinnung wie am Teupitzsee . Anweisung noch nicht eingetroffen . Bitte dringend . Ihr V. « ... » Morgen nach Storkow ! Dort muß es sich entscheiden . Anweisung inzwischen empfangen . Aber deckt nur gerade das schon Verausgabte . Montecuculis Wort über Kriegführung gilt auch für Wahlfeldzüge . Bitte weiteres nach Groß-Rietz hin . Ihr V. « Treibel , in geschmeichelter Eitelkeit , betrachtete hiernach den Wahlkreis als für ihn gesichert , und in den Becher seiner Freude fiel eigentlich nur ein Wermutstropfen : er wußte , wie kritisch ablehnend Jenny zu dieser Sache stand , und sah sich dadurch gezwungen , sein Glück allein zu genießen . Friedrich , überhaupt sein Vertrauter , war ihm auch jetzt wieder » unter Larven die einzig fühlende Brust « , ein Zitat , das er nicht müde wurde sich zu wiederholen . Aber eine gewisse Leere blieb doch . Auffallend war ihm außerdem , daß die Berliner Zeitungen gar nichts brachten , und zwar war ihm dies um so auffallender , als von scharfer Gegnerschaft , allen Vogelsangschen Berichten nach , eigentlich keine Rede sein konnte . Die Konservativen und Nationalliberalen , und vielleicht auch ein paar Parlamentarier von Fach , mochten gegen ihn sein , aber was bedeutete das ? Nach einer ohngefähren Schätzung , die Vogelsang angestellt und in einem eingeschriebenen Briefe nach Villa Treibel hin adressiert hatte , besaß der ganze Kreis nur sieben Nationalliberale : drei Oberlehrer , einen Kreisrichter , einen rationalistischen Superintendenten und zwei studierte Bauergutsbesitzer , während die Zahl der Orthodox-Konservativen noch hinter diesem bescheidenen Häuflein zurückblieb . » Ernst zu nehmende Gegnerschaft , vacat . « So schloß Vogelsangs Brief , und » vacat « war unterstrichen . Das klang hoffnungsreich genug , ließ aber , inmitten aufrichtiger Freude , doch einen Rest von Unruhe fortbestehen , und als eine runde Woche seit Vogelsangs Abreise vergangen war , brach denn auch wirklich der große Tag an , der die Berechtigung der instinktiv immer wieder sich einstellenden Ängstlichkeit und Sorge dartun sollte . Nicht unmittelbar , nicht gleich im ersten Moment , aber die Frist war nur eine nach Minuten ganz kurz bemessene . Treibel saß in seinem Zimmer und frühstückte . Jenny hatte sich mit Kopfweh und einem schweren Traum entschuldigen lassen . » Sollte sie wieder von Vogelsang geträumt haben ? « Er ahnte nicht , daß dieser Spott sich in derselben Stunde noch an ihm rächen würde . Friedrich brachte die Postsachen , unter denen diesmal wenig Karten und Briefe , dafür aber desto mehr Zeitungen unter Kreuzband waren , einige , soviel sich äußerlich erkennen ließ , mit merkwürdigen Emblemen und Stadtwappen ausgerüstet . All dies ( zunächst nur Vermutung ) sollte sich , bei schärferem Zusehen , rasch bestätigen , und als Treibel die Kreuzbänder entfernt und das weiche Löschpapier über den Tisch hin ausgebreitet hatte , las er mit einer gewissen heiteren Andacht : » Der Wächter an der Wendischen Spree « , » Wehrlos , ehrlos « , » Alltied vorupp « und » Der Storkower Bote « - zwei davon waren zis- , zwei transspreeanischen Ursprunges . Treibel , sonst ein Feind alles überstürzten Lesens , weil er von jedem blinden Eifer nur Unheil erwartete , machte sich diesmal mit bemerkenswerter Raschheit über die Blätter und überflog die blau angestrichenen Stellen . Lieutenant Vogelsang ( so hieß es in jedem in wörtlicher Wiederholung ) , ein Mann , der schon Anno 48 gegen die Revolution gestanden und der Hydra das Haupt zertreten , hätte sich an drei hintereinander folgenden Tagen dem Kreise vorgestellt , nicht um seiner selbst , sondern um seines politischen Freundes , des Kommerzienrats Treibel willen , der später den Kreis besuchen und bei der Gelegenheit die von Lieutenant Vogelsang ausgesprochenen Grundsätze wiederholen werde , was , soviel lasse sich schon heute sagen , als die wärmste Empfehlung des eigentlichen Kandidaten anzusehen sei . Denn das Vogelsangsche Programm laufe darauf hinaus , daß zuviel und namentlich unter zu starker Wahrnehmung persönlicher Interessen regiert werde , daß also demgemäß alle kostspieligen » Zwischenstufen « fallen müßten ( was wiederum gleichbedeutend sei mit Herabsetzung der Steuern ) und daß von den gegenwärtigen , zum Teil unverständlichen Kompliziertheiten nichts übrigbleiben dürfe als ein freier Fürst und ein freies Volk . Damit seien freilich zwei Dreh- oder Mittelpunkte gegeben , aber nicht zum Schaden der Sache . Denn wer die Tiefe des Lebens ergründet oder ihr auch nur nachgespürt habe , der wisse , daß die Sache mit dem einfachen Mittelpunkt - er vermeide mit Vorbedacht das Wort Zentrum - falsch sei und daß sich das Leben nicht im Kreise , wohl aber in der Ellipse bewege . Weshalb zwei Drehpunkte das natürlich Gegebene seien . » Nicht übel « , sagte Treibel , als er gelesen , » nicht übel . Es hat so was Logisches ; ein bißchen verrückt , aber doch logisch . Das einzige , was mich stutzig macht , ist , daß es alles klingt , als ob es Vogelsang selber geschrieben hätte . Die zertretene Hydra , die herabgesetzten Steuern , das gräßliche Wortspiel mit dem Zentrum und zuletzt der Unsinn mit dem Kreis und der Ellipse , das alles ist Vogelsang . Und der Einsender an die vier Spreeblätter ist natürlich wiederum Vogelsang . Ich kenne meinen Pappenheimer . « Und dabei schob Treibel den » Wächter an der Wendischen Spree « samt dem ganzen Rest vom Tisch auf das Sofa hinunter und nahm eine halbe » Nationalzeitung « zur Hand , die gleichfalls mit den anderen Blättern unter Kreuzband eingegangen war , aber , der Handschrift und ganzen Adresse nach , von jemand anderem als Vogelsang aufgegeben sein mußte . Früher war der Kommerzienrat Abonnent und eifriger Leser der » Nationalzeitung « gewesen , und es kamen ihm auch jetzt noch tagtäglich Viertelstunden , in denen er den Wechsel in seiner Lektüre bedauerte . » Nun laß sehn « , sagte er schließlich und ging , das Blatt aufschlagend , mit lesegewandtem Auge die drei Spalten hinunter , und richtig , da war es : » Parlamentarische Nachrichten . Aus dem Kreise Teupitz-Zossen . « Als er den Kopftitel gelesen , unterbrach er sich . » Ich weiß nicht , es klingt so sonderbar . Und doch auch wieder , wie soll es am Ende anders klingen ? Es ist der natürlichste Anfang von der Welt ; also nur vorwärts . « Und so las er denn weiter : » Seit drei Tagen haben in unserem stillen und durch politische Kämpfe sonst wenig gestörten Kreise die Wahlvorbereitungen begonnen , und zwar seitens einer Partei , die sich augenscheinlich vorgesetzt hat , das , was ihr an historischer Kenntnis und politischer Erfahrung , ja , man darf füglich sagen , an gesundem Menschenverstande fehlt , durch Fixigkeit zu ersetzen . Eben diese Partei , die sonst nichts weiß und kennt , kennt augenscheinlich das Märchen vom Swinegel und siner Fru und scheint gewillt , an dem Tage , wo der Wettbewerb mit den wirklichen Parteien zu beginnen hat , eine jede derselben mit dem aus jenem Märchen wohlbekannten Swinegelzurufe : Ick bin all hier empfangen zu wollen . Nur so vermögen wir uns dies überfrühe Zurstellesein zu erklären . Alle Plätze scheinen , wie bei Theaterpremieren , von Lieutenant Vogelsang und den Seinen im voraus belegt werden zu sollen . Aber man wird sich täuschen . Es fehlt dieser Partei nicht an Stirn , wohl aber an dem , was noch mit dazu gehört ; der Kasten ist da , nicht der Inhalt ... « » Alle Wetter « , sagte Treibel , » der setzt scharf ein ... Was davon auf mein Teil kommt , ist mir nicht eben angenehm , aber dem Vogelsang gönn ich es . Etwas ist in seinem Programm , das blendet , und damit hat er mich eingefangen . Indessen , je mehr ich mir ' s ansehe , desto fraglicher erscheint es mir . Unter diesen Knickstiebeln , die sich einbilden , schon vor vierzig Jahren die Hydra zertreten zu haben , sind immer etliche Zirkelquadratur- und Perpetuum-mobile-Sucher , immer solche , die das Unmögliche , das sich in sich Widersprechende zustande bringen wollen . Vogelsang gehört dazu . Vielleicht ist es auch bloß Geschäft ; wenn ich mir zusammenrechne , was ich in diesen acht Tagen ... Aber ich bin erst bis an den ersten Absatz der Korrespondenz gekommen ; die zweite Hälfte wird ihm wohl noch schärfer zu Leibe gehen oder vielleicht auch mir . « Und Treibel las weiter : » Es ist kaum möglich , den Herrn , der uns gestern und vorgestern - seiner in unserem Kreise voraufgegangenen Taten zu geschweigen - zunächst in Markgraf-Pieske , dann aber in Storkow und Groß-Rietz beglückt hat , ernsthaft zu nehmen , und zwar um so weniger , je ernsthafter das Gesicht ist , das er macht . Er gehört in die Klasse der Malvoglios , der feierlichen Narren , deren Zahl leider größer ist , als man gewöhnlich annimmt . Wenn sein Galimathias noch keinen Namen hat , so könnte man ihn das Lied vom dreigestrichenen C nennen , denn Cabinet , Churbrandenburg und Cantonale-Freiheit , das sind die drei großen C , womit dieser Kurpfuscher die Welt oder doch wenigstens den preußischen Staat retten will . Eine gewisse Methode läßt sich darin nicht verkennen , indessen Methode hat auch der Wahnsinn . Lieutenant Vogelsangs Sang hat uns aufs äußerste mißfallen . Alles in seinem Programm ist gemeingefährlich . Aber was wir am meisten beklagen , ist das , daß er nicht für sich und in seinem Namen sprach , sondern im Namen eines unserer geachtetsten Berliner Industriellen , des Kommerzienrats Treibel ( Berliner-Blau-Fabrik , Köpnicker Straße ) , von dem wir uns eines Besseren versehen hätten . Ein neuer Beweis dafür , daß man ein guter Mensch und doch ein schlechter Musikant sein kann , und desgleichen ein Beweis , wohin der politische Dilettantismus führt . « Treibel klappte das Blatt wieder zusammen , schlug mit der Hand darauf und sagte : » Nun , soviel ist gewiß , in Teupitz-Zossen ist das nicht geschrieben . Das ist Tells Geschoß . Das kommt aus nächster Nähe . Das ist von dem nationalliberalen Oberlehrer , der uns neulich bei Buggenhagen nicht bloß Opposition machte , sondern uns zu verhöhnen suchte . Drang aber nicht durch . Alles in allem , ich mag ihm nicht Unrecht geben , und jedenfalls gefällt er mir besser als Vogelsang . Außerdem sind sie jetzt bei der Nationalzeitung halbe Hofpartei , gehen mit den Freikonservativen zusammen . Es war eine Dummheit von mir , mindestens eine Übereilung , daß ich abschwenkte . Wenn ich gewartet hätte , könnt ich jetzt , in viel besserer Gesellschaft , auf seiten der Regierung stehen . Statt dessen bin ich auf den dummen Kerl und Prinzipienreiter eingeschworen . Ich werde mich aber aus der ganzen Geschichte herausziehen , und zwar für immer ; der Gebrannte scheut das Feuer ... Eigentlich könnt ich mich noch beglückwünschen , so mit tausend Mark , oder doch nicht viel mehr , davongekommen zu sein , wenn nur nicht mein Name genannt wäre . Mein Name . Das ist fatal ... « Und dabei schlug er das Blatt wieder auf . » Ich will die Stelle noch einmal lesen : einer unserer geachtetsten Berliner Industriellen , der Kommerzienrat Treibel - ja , das laß ich mir gefallen , das klingt gut . Und nun lächerliche Figur von Vogelsangs Gnaden . « Und unter diesen Worten stand er auf , um sich draußen im Garten zu ergehen und in der frischen Luft seinen Ärger nach Möglichkeit loszuwerden . Es schien aber nicht recht glücken zu sollen , denn im selben Augenblick , wo er , um den Giebel des Hauses herum , in den Hintergarten einbog , sah er die Honig , die , wie jeden Morgen , so auch heute wieder das Bologneser Hündchen um das Bassin führte . Treibel prallte zurück , denn nach einer Unterhaltung mit dem aufgesteiften Fräulein stand ihm durchaus nicht der Sinn . Er war aber schon gesehen