und pochenden Schläfen und horchte in das Gesumme und Gezirpe all der fliegenden und laufenden Tiere hinein und war so zufrieden , daß kein boshaftes oder neugieriges Menschenauge sie bis hierher verfolgen konnte . Die Zweige boten ja ein dichtes , schützendes Dach , und wenn der Wind durch die Blätter lief , so klang es oft wie eine Melodie , die sie als ganz kleines Kind da oben auf dem Balkon singen gehört hatte . - Ob der Jude da begraben liegt , dem das Haus und der Balkon einst gehört hatte , und ob er gesungen , als sie noch da draußen im Grase lag , ob er die Melodie von dem Wind und den klingenden rauschenden Blättern gelernt haben mag , oder ob das nur so forttönt aus einer verwehten Zeit herüber - ? Zum Anfang , als sie da hineinkroch , fragte sie sich , ob sie nicht etwas Übles tue , die Furcht , welche sie und alle Kinder einst vor dem Judengarten hatten , wirkte bis zu dem Tage nach und war stärker als das Behagen ; aber allmählich gewöhnte sie sich an die wilde erfrischende Schönheit des einsamen Stückchens Erde , und sie konnte sich nicht satt sehen an den fremdartigen Blumen , die hie und da noch höher waren als das lange Federgras . Und erst droben in den schwarzen , wirr verschlungenen Ästen , die sich wie ein dunkles Netz von unten ansahen , weil alle Blätter dem Licht zudrängten und kaum einen Sonnenstrahl durchließen , welch ein Leben war da oben ! - Die Vögel kannten sie alle und pfiffen ihre schönsten Lieder beinahe an den Ohren des Mädchens . Manchmal schwangen sie sich auch herab und hüpften neugierig um das schlummernde Kind und pickten wie nach Kirschen sachte nach den vollen Lippen des Kleinen . Das waren geheiligte Stunden , in denen sie dasitzen und träumen konnte , sie hatte da auf dem Judengrab ihre Kindheit gefunden , denn ganz im Kern ihres Wesens war das lange , ernste , allzeit auf die Arbeit bedachte Mädchen ein Kind geblieben . Sie hatte nicht so viel Zeit gehabt , so wie die anderen zu spielen und das Stücklein Kindheit auszuleben ; die Aufsicht und die Pflege der Kleineren hatte sie in Atem gehalten , ihr Spiel bestand in lärmenden Narreteien und war berechnet für die schreienden Jüngeren , die dann , anstatt zu weinen , schreiend lachten . Mit gleichalten Nachbarkindern kam sie meist nur im Flug zusammen , da hatte sie nicht Zeit , mitzutun bei jenem köstlichen , atemlosen Ringelreihetanz , dem Verstecken und Fangen . Später schloß sie sich an die Lene , aber spielen mochte die nicht , sie schlief nur oder ließ sich kämmen und putzen von der Hanne oder Märchen erzählen , die niemand so gut wußte wie die Hanne . Jetzt aber spielte das große Mädchen zuweilen da für sich selbst ganz allein in dem abgeplankten Garten . Die Märchen , die im verstümmelten Gewände auf weiten Umwegen in die Hütten der Armen kommen , die pochten einst mit weichen Fingern an ihr kleines Herz und schlichen sich lachend und weinend ein . Jetzt waren sie wieder da und breiteten ihre geheimnisvollen Schleier über den verwilderten Garten , schauten sie an mit großen , vertrauten , liebevollen Kinderaugen , und alles , was um sie lebte und webte , wurde plötzlich ihr Spielgenosse . Die großen Heuschrecken , die über die höchsten Halme schnellten und an ihr vorbeihüpften , konnten ja vielleicht verwunschene Pferde sein , und die großen Käfer mit breiten Hörnern und festem Rückenschild , waren die etwa nicht gepanzerte Ritter ? - Die Libellen , die um einen engen grünlichen Wassertümpel schwebten , waren sie nicht schillernde Damen und die Laubfrösche lärmende Bauern ? - Das war ein verzauberter Garten , und sie saß nur da und wartete , bis sie das Wort aussprechen dürfe , das allen wieder die wahre Gestalt gibt . Und wenn sie das Wort ausspricht , dann wachsen mit einmal die Bäume beinahe in den Himmel , und die Wege werden breit , und leuchtende Blumen schießen aus dem hohen Gras , und hinten öffnet sich die Mauer bis hinauf zu dem Korbbalkon , der aber aus purem Gold und glänzenden Edelsteinen ist . Durch das große offene Mauertor geht sie hinein , durch silberne und goldene Zimmer , und überall stehen die Ritter , die Damen , die Bauern und viel andere Leute , und alle warten auf den kleinen Prinzen , den seine Pflegemutter , die Hanne , aus der Blauen Gans herüberbringt in die verzauberte Burg . Oben auf dem goldenen Balkon da steht dem Prinzen sein Vater , dem alles gehört und der ganz mit Samt und Seide hergeputzt ist und voll Freude nach dem Kinde und derjenigen ausschaut , die sein Kind auf den Armen trägt . - Mit leuchtenden Augen und erhobenem Kopf geht das junge Mädchen durch den kleinen Garten dahin , sie hält den Knaben vor sich , als ob sie ihn jetzt und jetzt in zugreifende Hände legen wollte , und als sie knapp vor der Mauer steht und in einer Ritze ein graues Vöglein zu singen und zu schmettern anhebt , da macht sie einen Knicks . - Das ist der Torwart , der mit seinem Horn die Ankunft des Prinzen ankündigt . - Jetzt kann sie aber nimmer weiter , sie steht da vor der festen Mauer . - Alles ist wie im Märchen , nichts fehlt als das Zauberwort , welches die Tore öffnet und alle Dinge verwandelt . - Die Hanne sinnt und sinnt , sie hat es doch einmal gewußt , als sie noch ein Kind war - alle erwachsenen Menschen vergessen es - , sie kann es nimmer finden . Aber der kleine Bub auf ihren Armen , der weiß es , denn er lächelt und greift mit beiden Händchen nach dem grauen Vöglein in der Mauerritze . - Die Hanne fragt ihn leise-geheimnisvoll , er schließt lächelnd die Augen , als ob auch er darüber nachdächte . - Doch er hat noch nicht reden gelernt , er kann das Wort noch nicht sagen . » Hab mir ' s denkt , daß du dich daher verkriechst « , lachte es schrill hinter der Hanne , und als sie sich umwandte , blitzten sie die dunklen Augen der Strohschneider-Marie an . Es hätte nicht viel gefehlt , so wäre der kleine Bursche mitten ins Gras gepurzelt , so erschreckt stand das Mädchen vor der Marie . » Ich spionier schon die längste Zeit nach , wo ich dich einmal allein erwischen kann , aber es hat halt niemals klappen wollen , sonst sagen die Blauen Gäns , ich renn deinem Leopold nach « , spöttelte sie . Die Hanne überhörte den Scherz und frug wie aus dem Schlaf : » Warum suchst mich denn ? « » Ich hab dir sagen wollen , daß ich einen Herrn Vetter hab , der einen ehrlichen Mann zum Geldeinkassieren braucht und einen sucht . Der Leopold wird bei uns herunten an viele Türen klopfen müssen , bis sie irgendwo eine aufmachen . Das hat ihm sein Weib eingebrockt . Ich mein aber , auf die Länge wirst du die Rackerei für euch drei und noch was drüber nicht aushalten . « » Wer sagt dir ' s , da-ß i-ch ... « » Halt ' s Maul ! Glaubst , alle Leut sind aufs Hirn gefalln ? Oder meinst , wir sind blind ? Wir sind unser zwei , die Klara und ich , und wir verdienen das Geld noch leichter und geschwinder als du mit deinem zaundürren Rössel , und doch wird mir die Plag oft zu dumm . Aber die Frau Mutter ist immer mieselsüchtig , und die Kinder wachsen so langsam und sind allerweil hungrig . « » Ja , ja , das kenn ich « , sagte die Hanne frauenhaft . » Ob du es kennst ! « lachte die Marie mitleidig , » zuerst hast deine Geschwister aufgepäppelt und hast das Futter verdienen helfen , und jetzt - hörst , Mädel , du bist schon die Allerdümmste - jetzt hockst du mit dem hochmütigen Weibsbild ihrem Balg auf dem Hals und rackerst dich zusammen für einen krüppelhaften Mann , der dich nimmt , weil du ihm halt bei der Hand bist . Recht haben die Leut . Schäm dich ! « Die Hanne drückte das Kind fest an sich , nickte grüßend mit dem Kopfe und wollte davon . » Halt aus ! - Meinst du , ich kenn das G ' sicht nicht ? Das hast von der Lene gelernt , die hat so heruntergeschaut auf unsereins . - Na , die ist ja schön genug - und niemand hat ihr was nachsagen können , darauf hat sie sich g ' steift . - Aber du und - ich , wir dürfen keine solchen Gesichter aufstecken . « Auf eine Antwort wartete die Strohschneider-Marie freilich vergebens , die Hanne blieb mit gesenktem Kopfe stehen und beschwichtigte das Kind , das wieder unruhig wurde . » Vielleicht bist doch so g ' scheit und nimmst das Zettel da « , sie griff in die Schürzentasche und gab ein zusammengelegtes Papier der Hanne , » da steht die Hausnummer und der Name von meinem Herrn Vetter drauf . - Gib ' s dem Poldl . Sag nicht , daß es von mir ist , es könnt ihm sonst die gute Suppe versalzen . Also , Kameradin , g ' scheit sein . Was ich da Zeit verplausch ! Wann dich aber der Lepold einmal - ah ! was geht das mich an ! - Behüt dich Gott ! « Sie wollte der Hanne die Hand reichen , besann sich aber wieder , lachte ihr laut ins Gesicht und drehte sich jäh um . Rasch sprang sie durch das Gras , das ihr bis an die Hüften reichte , duckte sich , um den niedersten Ästen auszuweichen , spähte erst durch ein Astloch hinaus , ob niemand in der Nähe sei , dann rückte sie gewandt die Plankenbretter auseinander , preßte sich durch den Spalt , lief einige Schritte die Trockenwiese entlang , blieb jählings stehen und hub an zu singen : » Behüt Gott und bleib g ' sund , Und vergiß nicht mein Wort , Nie wie Katz und wie Hund , Wie die Täuberln lebt ' s fort . « Die Marie jodelte lustig , lief wieder einige Schritte weiter , hielt inne und schaute zurück auf den Judengarten . Die Stirne wurde wieder so kantig , wie das immer geschah , wenn in dem hellen Kopfe ein Gedanke arbeitete , für den sie keine rechten Worte fand . Eine Weile blieb sie stehen und hielt die Planke im Auge , dann stand sie neuerdings still und sang : » Sei nicht z ' wider , sei lustig , Es kost ' allerweil ein Geld , Lern singen - lern lachen ! - Über die bucklete Welt ! « Nach dieser frisch gejodelten Lebensweisheit schlenderte die Marie weiter , und wie eine heitere Mahnung klang ihr Gesang zurück in den verzauberten Garten . Die Hanne hielt den Zettel fest in der Hand , und als sie die Stimme der Sängerin nimmer hörte , stolperte sie verschüchtert und verschreckt den bekannten Weg , schlüpfte durch die Planke und lief heim . » Da bring ich dir vielleicht eine gute Stell , Lepold , gelt , du gehst hin und schaust ' s an ? « Ohne viel danach zu fragen , woher die Hanne den Zettel brachte , nahm ihn der Leopold an sich und ging zu dem Manne , der die Stelle zu vergeben hatte . Die Strohschneider-Marie mochte wohl schon früher mit ihrem Vetter gesprochen haben , denn als er sich nach Name und Wohnort des Leopold erkundigte und ihn schonend frug , wo sein zweiter Arm geblieben sei , und über alles genaue Antwort bekam , machte er seinen neuen Diener mit dem Notwendigsten bekannt , gab ihm Handgeld , und der Leopold hatte wieder Arbeit und Brot . Das war viel , aber wie wenig für den , der mit seiner einen starken Hand noch vor einem Jahre das Glück festhalten wollte für immer . Wo war sein Glück ? Wenn er sich den Tag über müde gelaufen hatte , so saß er am Abend schweigend und verdrossen in seiner Stube , er mochte in kein Wirtshaus gehen , es dünkte ihm , als hätten die Leute dort gar nichts zu tun , als nach ihm zu gaffen und von ihm zu reden , und darum ging er nun auch so früh in sein Nest wie alle andern in der Blauen Gans . Längst stand sein Bett vorne neben der Türe , wo es seinerzeit gestanden , als noch der alte Weis drinnen schlief ; der Lene ihr Bett hatte jetzt die Hanne , und das war auf dem alten Platze in der dunklen Ecke geblieben und daneben das Lager des Buben . Das Mädchen hatte auch den Bilderschirm vom Dachboden herabgekramt und sich damit eine Wand für ihren Winkel gemacht , sie hätte im Nachbarhause schlafen können , der Leopold hätte nicht weniger gesehen und gehört von ihr . Diese Ruhe war ihm unerträglich , sie beängstigte ihn , er konnte Nacht um Nacht erst spät einschlafen und erwachte , wenn es noch dunkel war , und in all den schlaflosen Stunden lag das Gefühl der Vereinsamung wie ein schweres Gewicht auf seiner Brust , und ob er sich auch rechts und links wälzte , er konnte es nicht abschütteln . Manchmal schrie das Kind auf oder lallte im Traum , dann horchte er , aber er hörte keine Bewegung der Hanne , obgleich er wußte , daß sie es war , die den Kleinen so rasch beruhigt hatte . Mit spitzfindiger Grübelei setzte er sich auseinander , daß ihm sein Kind so gleichgültig sei wie die Pflegerin , aber die zwei hatten sich so aneinander gewöhnt , daß er froh sein konnte darüber , er sei ja überflüssig da . Und von Tag zu Tag wurde der Kleine ihm ähnlicher ... wenn er wenigstens das Gesicht seiner schönen Mutter hätte , sagte sich der Leopold . Der Mann fühlte sich ganz frei , vogelfrei und doch an allen Enden gebunden . Mit vorwurfsvoller Neugierde sah er zu und wartete , wie lange das junge Mädchen stillschweigend dieses freudlose Zusammenleben mit ihm ertragen werde . Manchmal lauerte er auf einen Blick , auf ein Wort , das ihm eine Handhabe geben könne zu dem letzten und innersten Grund ihrer Opferfähigkeit , oft stand er nahe daran , sie zu fragen : » Warum bist du da ? « Was ihm ehemals so natürlich erschienen war , ihre Herzensgüte , ihre Neigung zu dem Kinde und ihm , hatte ein anderes Gesicht bekommen , seit die Lene davon gesprochen hatte , und wenn in den schlaflosen Nachtstunden das Blut rascher durch die Adern trieb , wenn die Liebe , die Sehnsucht , die Gier nach seinem Weibe ihn übermannten , dann war es , als flüsterte ihm jemand in die Ohren : » Weib ist Weib , horche nur , da unten schläft eine , die dir gehört mit Leib und Seele , wenn du sie nehmen willst . « » Das muß anders werden ! « rief sich der Leopold selbst zu , wenn er heimkehrte und die Hanne still auf ihrem Platze am Fenster fand , denn oft beschlich es ihn leise auf dem Weg : » Vielleicht ist sie nicht mehr da ... « Was aber beginnen , wenn sie einmal nicht mehr da war ? Macht das die Einsamkeit erträglicher ? Den Buben in Pflege geben zu ihr , zu dem Mädel , meinetwegen , sie sind so aneinander gewöhnt ... und dann allein aus der Blauen Gans wandern ! Dann könnte man wieder frei Atem holen ... Ja aber ... aber die alte Frau Walter ! Die ist des Teufels , die nimmt ihre Tochter nimmer heim , das hat sie verschworen , und dumme , böse Weiber halten alles , was sie schwören . Allein leben kann die Hanne doch auch nicht , jeder Lump könnte keck nach ihr langen , seit sie im Verruf ist mit einem verheirateten Mann ... Rechts und links zugesperrt , flieg nur , Vogel mit den gestutzten Flügeln ! Alles so verquickt und so verworren , kein Ausweg ... Seit die Brotsorge weggefallen war , trug der Leopold den Kopf wieder ein wenig höher , und wenn er dem Mädchen das Haushaltsgeld am Samstag hinlegte , so tat er dies viel bedachtsamer als früher bei seinem Weibe , er schaute sich auch ihr Rechenbuch genau an , und mehr als einmal sagte er ihr : » Es ist schon gut , daß du so Ordnung hältst in allem , du wirst einmal deinem Mann viel ersparen , denn du weißt selbst , wie schwer sich das Geld verdient . « Wenn sie ihn bei solchen Worten mit hellen Augen ansah oder vor sich hin lächelte , wandte er sich ab und grübelte , ob sie ihm niemals eine Antwort geben werde , die ihn hineinsehen ließe in das stille Geschöpf . » Entweder hat sie nicht ein Fünkerl Galle oder nicht ein Fünkerl Weiberverstand « , grollte er nach einem solchen Versuche . Bald aber ging ihm auch die Neugierde verloren , er wollte das Mädchen nicht mehr versteckt warnen vor der Zukunft , sie wußte ja , was geschehen würde , wenn die Lene wiederkam ... Die Lene ! ... Mit starrsinniger Hartnäckigkeit begehrte er nur nach ihr , und dieses stumme , trotzige , nagende Begehren erstickte allmählich jeden anderen Gedanken . Nun war er schon wieder so von der Sehnsucht nach ihr befangen , daß er seinem Weibe auflauerte an allen Ecken und Enden , wenn sie auch an ihm vorbeiging wie an einem Fremden und nicht grüßte noch dankte . Sie anzureden hatte er nicht mehr den Mut , aber er schlich ihr nach mit der zusammen-gekrampften Hand in der Tasche , und da er nun wußte , wo sie daheim war , so lief er die halben Nächte unter ihrem Fenster hin und her . Sie war wirklich ein ehrbares Weib geblieben , warum also wollte sie nicht mehr zu ihm zurückkommen ? Die ganze Gasse , in der sie wohnte , kannte ihn schon , die Leute wußten jetzt , daß jenes schöne , rothaarige Mädchen eigentlich eine Frau sei und der » einarmige Vagabund « , der immer da herumlungerte , ihr Mann , ein Nichtsnutz , den sie davongejagt hatte . Das erzählten sich die Mägde in den Kaufläden und die Leute , die an den Fenstern standen und ihn hin und her wandern sahen , wenn die Lene daheim war . Die Zeit , wo er sich darum gekümmert hatte , wie er selbst aussehe , war auch vorbei ; wenn ihn irgendeiner ansah , fiel es ihm ein , er dachte aber nur an die Lene und zupfte dann an seinen Kleidern und Haaren herum , wenn es auch nicht viel änderte . Er empfand einen Widerwillen gegen alle die wohlgekleideten feinen Herren , die zuweilen vorüberstrichen und manchmal der Lene in die Augen schauten . » Wär ich so ein Aff , wer weiß , ob sie nicht gut getan hätt ? « knirschte er und schloß die Faust ... Wäre es nicht ein Modeherr gewesen , der eines Abends an die Lene anrannte , nur um dann ein paar Worte zu sagen und neben ihr herzulaufen , so hätte sich der Leopold noch überwinden können , als er aber sah , daß der geschniegelte Bursche seinem Weibe ganz fremd war und ihr nur seine hergeputzte Figur aufdrängte , da wurde es ihm zuviel . Wie nun die Lene , ohne ein Wort mit dem Zudringlichen zu reden , durch ihr Haustor schritt , stürzte ihr Mann auf das Herrlein los , riß ihm das Stöckchen , mit dem er spielend herumfuchtelte , aus der Hand und trat es mitten entzwei , schlug ihm den Hut vom Kopfe , warf ihm die ärgsten Schimpfnamen zu und kümmerte sich nicht darum , daß allerorts die Fenster aufgerissen wurden und neugierige Gesichter den Betrunkenen , wie sie meinten , anstarrten . Am nächsten Morgen , als er wieder an der Ecke lehnte und auf sein Weib wartete , kam die Lene gerade auf ihn zu und fragte : » Kannst du ruhig mit mir reden ? « » Ich kann ... ich kann alles ... was du willst « , stotterte er . » Glaubst du mir , was ich dir sage ? « » Alles , alles glaub ich dir . « » So höre mich an . Ich will dich nicht mehr sehen , verstehst du mich ? Du bringst nur Schande über mich . « » Lene ! « » Wenn du mir noch ein einziges Mal in den Weg kommst , so schiebe ich dir einen Riegel vor . - Ich reise fort . « Jählings packte sie der Leopold am Arme , zog sie heran und fragte tonlos : » Fort ? ... Wohin ? ! « » Ich gehe nach Paris . Die Madame Margot hat mir schon neulich gesagt , ich soll mich nicht so martern lassen von dir . Sie wird mich in einem Salon dort empfehlen . « » Schlechtes Weib ! « fluchte der Leopold . » Schimpfe , wie du willst , die Leute wissen doch , was ich bin . « » Geh nicht fort « , flehte zitternd der Mann , » daß ich doch weiß , wo du bist , daß ich dich wenigstens manchmal sehen kann ... daß ich nicht ... « » Laß die Redereien . Bleib ruhig unten bei deinem Buben und bei - ihr . Ich mach dir keine Schand . - Mir brauchst du nicht nachzugehen und nachzufragen . Ich will nichts von dir als Ruhe . « » Ich habe dich ja nur fragen wollen , ob dir gar nichts mehr an unserm Polderl liegt ? ... Weib ! Ich bin ja ein lebendiger Mensch , ein Mann ! ... Ich hab mehr Geduld gehabt als zwanzig andere Männer , ich habe gelebt wie ein Pfaff , Lene , hab kein Frauenzimmer angeschaut und mir gedacht , ich will mein Weib nicht verunehren ... sie kommt ja wieder ! ... Alles muß ein Ende haben , so geht es nicht weiter mit uns . « » Du schreist schon wieder « , sagte sie ängstlich und schaute nach allen Seiten . » Ich hab ja ein End gemacht , und geht es so nicht , so gehe ich nach Paris . « » Ist das dein letztes Wort ? « bat der Mann . » Ja , mein allerletztes , bei der ewigen Ruhe von meinen alten Leuten , bei meiner eigenen Seel schwör ich dir , ich geh nimmer zu dir , ich will Ruhe haben . « Die Lene zitterte am ganzen Leibe , sie war bleich vor Erregung , und schwere Tropfen rannen über ihre Wangen . » Freilich , jetzt sehe ich , daß es dir ernst ist ... Du vergißt sogar , daß das Weinen Falten macht ... vergißt auf deine Schönheit sogar ... « , murmelte der Leopold und schaute sein Weib verwundert an . » Ich hab immer noch gemeint , es könnt einen Weg geben , der uns zusammenführt . Keinen mehr ! ... Sollst Ruh haben , ich geb dir mein Soldatenwort . « Stumm gingen die beiden noch eine Weile nebeneinanderher , mit einem Male aber schlang der Leopold seinen Arm um ihren Hals , küßte sie hastig auf die Wangen , die Augen , den Mund und taumelte fort . Am kommenden Tage blieb er bis Mittag in seinem Bette liegen , und als ihn die Hanne frug , ob er krank sei , sagte er zu ihr : » Nein , faul ! « Dann drehte er sich um und schlief weiter . Nachmittags stand er auf , legte seine besten Kleider an , steckte Geld zu sich und ging davon , ohne daß er auch nur nach seinem Buben gefragt hätte . Früh , als es schon zu grauen begann , kam er heim , er pfiff und sang , daß ihn die Hanne schon draußen auf der Straße hörte , und als sie ihm die Türe öffnete , sang er noch immer . Vergeblich wartete das Mädchen von einem Tag zum anderen , daß er wieder seine Arbeit aufnehmen werde , es war vorbei damit ; sie konnte nicht den Mut aufbringen , ein Wort davon zu sagen , und schlenderte herum und wich sogar jeder Frage aus , die er sonst zuweilen an sie richten mußte . Nach Wochen , als er im Fortgehen sagte : » Du , der alte Davidl , der Tandler von der unteren Gasse , holt heute den alten Schubladkasten , räum ihn aus « , schrak sie zusammen . Langsam ging der Leopold der Türe zu , da hörte er die schüchterne , zagende Stimme des Mädchens seinen Namen rufen . » Ah so , du kannst reden « , kicherte der Mann , wandte sich um und setzte sich ihr gegenüber an den Tisch , er legte ein Bein über das andere und frug : » Also , Mädel ? « » Du wirst wieder krank werden « , begann sie traurig . » Fürcht dich nicht , ich kann jetzt schon wieder einen Puff aushalten ... Ist das alles ? « » Ich hab dich bitten wollen , weißt , wegen dem Polderl , geh doch wieder in dein Geschäft . « Sie zitterte , daß sie nicht weiterreden konnte , endlich aber übermannte es sie , und wie ein verzweifelter Schrei klang es , als sie fragte : » Was muß ich denn tun oder sagen , daß du mir zulieb auch einmal etwas tust ? « Das gab dem Mann einen Ruck , er ließ den einen Fuß von dem andern gleiten , beugte den Oberkörper vor , stützte seine Hand aufs Knie und schaute die Hanne prüfend an . » Dir zuliebe ... armes Mädel , mir selber zuliebe , willst sagen , gelt ? « frug er ernst und mit einem warmen , weichen Ton , so wie er öfter zu ihr gesprochen hatte einst , als sie mit gebrochenen Gliedern dalag ... als sie noch ein Kind war ... » Dir zuliebe , Hanne , hätte ich viel tun und lassen müssen ... Ich habe alleweil das Verkehrte getan auf der Welt ... Jetzt bin ich dabei , das Rechte zu tun , und das wird auch dir nützen , langes Mädel . « » Mir ? « » Ich habe dich freilich nicht mitgerechnet gehabt , das ist mir auch erst eingefallen , wie du geredet hast ... Schau , Hanne , warum hast du nie früher gesagt , ich soll dir zuliebe was tun ? ... Du warst immer so mäuserlstill , und ein schweigsames Frauenzimmer ist , darauf bin ich durch sie ... und dich gekommen , was Seltenes und vielleicht darum nicht anheimelnd , nicht warm . Plausch , Mädel , plausch alleweil ... « » Ja , was hätt ich denn sagen sollen ? « fragte sie beklommen . » Vielleicht hättest du mir die andere aus dem Herzen plaudern können ... jetzt ist alles zu spät ! « » Was redest du so - so ... « » Es ist wirklich aus , Hanne , sie kommt nimmer ... nimmer zu mir ... « , schluchzte er plötzlich , ließ seinen Arm auf den Tisch fallen , legte den Kopf darauf und weinte ... weinte ... weinte . Allmählich erzählte er ihr alles , die ganze Leidensgeschichte , die sein Herz durchempfunden , jede Qual , die er lautlos getragen , jede Hoffnung , die er begraben hatte ... Er sprach , als ob sie gar nicht so leichenhaft dort im Halbdunkel säße , als ob er allein wäre und eine verweinte Beichte seiner Schuld und seiner Pein hinsagte vor einem unsichtbaren , gleichfalls wehrlosen Wesen , das nichts mehr gutmachen kann , nicht mehr aufhelfen kann , das nur hineinschauen soll in ein zermalmtes , verblutendes Menschenherz . In dem großen Gemache erwachten klagende Stimmen allerorts ... wie erweckt von dem haltlosen Schluchzen des Mannes , so wurden alle Erinnerungen aus alten Tagen lebendig , und ein leises Weinen zitterte in allen Ecken , in allen Geräten , in allen Wänden . Der gewaltige , freigewordene Schmerz störte die Geister aller an dieser Stelle stumm getragener Leiden auf , und wie aus einer fernen unbekannten Welt klangen die Töne herüber , schwermütig , geisterhaft , klagend , gleich dem Echo zerrissener Saiten , gleich dem Nachklang gramvoller Sterbeseufzer . » Aus ist es , Hanne , ob mich heute oder morgen oder übermorgen die Kugel niederwirft ... ich weiß es nicht , aber ich kann nimmer leben ohne mein Weib , das siehst du doch jetzt ein , Mädel , gelt ? « fragte der Leopold am Ende . » Ja - freilich - das sehe ich jetzt ein - « , erwiderte die Hanne mit fester Stimme . Sie redeten so zueinander , aber keines konnte das andere sehen . Das Mädchen hatte den Vorhang niedergelassen und sich in die dunkle Ecke gesetzt neben den Kleinen , als der Mann zu erzählen anhub , und dort war sie unbeweglich sitzen geblieben und hatte nur hingehorcht zu ihm , er aber hatte die Augen geschlossen , während er sprach , als ob sie ihm der Schmerz zugedrückt hätte