zweiten Wagen hatte man ähnliche Begegnungen und Begrüßungen gehabt ; aber das Hauptgespräch drehte sich doch um Holk , bei welcher Gelegenheit Pentz von dem Fräulein von Rosenberg erfahren wollte , wie der Graf ihr bei Vormittagsaudienz eigentlich gefallen habe . Erichsen mischte sich in diese Fragen und Antworten nicht mit ein , hörte doch aufmerksam zu , weil er solche Schraubereien sehr liebte , vielleicht um so mehr , je mehr er seine persönliche Unfähigkeit dazu empfand . » Er ist ein Schleswig-Holsteiner « , sagte Ebba . » Die Deutschen sind keine Hofleute ... « Pentz lachte . » Da merkt man nun aber wirklich , meine Gnädigste , daß Dänemark nicht des Vorzugs genießt , Sie geboren zu haben . Die Schleswig-Holsteiner keine Hofleute ! Die Rantzaus , die Bernstorffs , die Moltkes ... « » Waren Minister , aber keine Hofleute . « » Das ist aber doch nahezu dasselbe . « » Mitnichten , mein lieber Baron . Ich lese viel Geschichte , wenn auch nur aus französischen Romanen , aber für eine Hofdame muß das ausreichen , und ich wage die Behauptung , ein Gegensatz existiert zwischen einem Minister und einem Hofmann . Wenigstens dann , wenn jeder seinen Namen ehrlich verdienen soll . Die Deutschen haben ein gewisses brutales Talent zum Regieren - gönnen Sie mir das harte Beiwort , denn ich kann die Deutschen nicht leiden - , aber gerade weil sie zu regieren verstehen , sind sie schlechte Hofleute . Das Regieren ist ein grobes Geschäft . Fragen Sie Erichsen , ob ich recht habe ... « Dieser nickte gravitätisch , und das Fräulein , das lachend darauf hinwies , fuhr fort : » Und das alles paßt mehr oder weniger auch auf den Grafen . Es ließe sich vielleicht ein Minister aus ihm machen ... « » Um Gottes willen ... « » ... Aber der Kavalier einer Prinzessin zu sein , dazu fehlt ihm nicht mehr als alles . Er steht da mit der Feierlichkeit eines Oberpriesters und weiß nie , wann er lachen soll . Und dies ist etwas sehr Wichtiges . Unsere gnädigste Prinzessin , ich denke , daß wir einig darüber sind , hat einige kleine Schwächen , darunter auch die , sich auf die geistreiche Frau des vorigen Jahrhunderts hin auszuspielen . Sie hat in Folge davon eine Vorliebe für ältere Anekdoten und Zitate und verlangt , daß man beide nicht bloß versteht , sondern sie auch zustimmend belächelt . Aber von diesem Abc der Sache hat der Graf keine Vorstellung . « » Und das haben Sie während einer Audienz von kaum zehn Minuten dem armen Grafen alles von der Stirn gelesen ? « » Ich weiß nicht , ob ich diesen Ausdruck gelten lassen darf , denn das Wesentliche lag darin , daß ihm , all die Zeit über , überhaupt nichts von der Stirne zu lesen war . Und das ist das schlimmste . Da sprach beispielsweise die Prinzessin von König Heinrich dem Vierten und kam auf das Huhn im Topf , von dem man füglich nicht mehr sprechen sollte . Aber gerade weil es so schwach mit diesem Huhn steht , hat ein Hofmann doppelt die Verpflichtung , zu lächeln und nicht leblos dabeizustehen und eine sich nach Beifall umsehende Prinzessin im Stich zu lassen . « Über Erichsens ernstes Gesicht glitt ein stilles Behagen . » Und dann sprach die Prinzessin huldvoll von meiner Bleichsucht , oder daß ich sie beinahe haben müßte . Nun , ich bitte Sie , Baron , bei Bleichsucht muß immer gelächelt werden , das ist einmal so herkömmlich , und wenn eine Prinzessin die Gnade hat , noch etwas von Eisen im Blut hinzuzusetzen und dadurch anzudeuten , daß sie Darwin oder irgendeinen anderen großen Forscher gelesen hat , so muß sich zu dem Heiterkeitslächeln auch noch ein Bewunderungslächeln gesellen , und wenn das alles ausbleibt und ein Kammerherr so nüchtern dasteht , als würde bloß zehn Uhr ausgerufen , so muß ich solchem Kammerherrn allen hofmännischen Beruf absprechen . « Es war gegen vier , als man in Klampenborg hielt . Holk war der Prinzessin behülflich , und nachdem man die Frage , wo der Kaffee zu nehmen sei , zugunsten der » Eremitage « entschieden hatte , brach man rasch nach dem unmittelbar angrenzenden Tiergarten auf , an dessen nördlichem Rande die Eremitage gelegen war . Der Weg dahin führte zunächst an einem großen Klampenborger Hotel vorüber , in dessen Front , auf einem zwischen Weg und Strand gelegenen Wiesenstreifen , ein wohl hundert Schritt langes , nach drei Seiten hin geschlossenes Leinwandzelt errichtet war . Die offene Seite lag gerade dem Wege zu , darauf die Prinzessin jetzt herankam . Das Festmahl selbst hatte noch nicht begonnen , aber zahlreiche , den verschiedensten Truppenteilen der Kopenhagener Garnison angehörige Offiziere waren bereits beisammen ; überall sah man die glänzenden Uniformen sowohl der Leibgarde zu Pferde wie der Gardehusaren , und noch bunter als das Bunt der Uniformen waren die Flaggen und Wimpel , die zu Häupten des Zeltes wehten . Als die Prinzessin bis auf hundert Schritte heran war , bog sie scharf links in einen Kiesweg ein , weil sie die sichtlich unmittelbar vor der Eröffnung stehende Festlichkeit nicht stören wollte ; sie war aber bereits erkannt worden , und de Meza , den man auf ihr Erscheinen aufmerksam gemacht hatte , säumte nicht , über den Lawn heranzukommen und die Prinzessin respektvollst zu begrüßen . » Lieber General « , sagte diese , » so war es nicht gemeint . Eben schlägt es vier , und ich sehe bereits , wie sich die Suppenkolonne vom Hotel her in Bewegung setzt . Und eine kalt gewordene Suppe , das mag ich nicht verantworten . Am wenigsten an einem Oktobertage mit frischer Brise . Das liebt General de Meza nur ausnahmsweise , nur wenn er zu Felde zieht und mit seinen Leuten im Biwak liegt . « Sie sagte das alles mit einer gewissen prinzeßlichen Grazie , worauf sie den General , der nicht unempfindlich dagegen war , unter erneuten Huldbeweisen entließ . Vom Zelt her aber klangen bereits allerlei Hochs , und die Musik intonierte das nationale » König Christian stand am hohen Mast « , bis es in den » dappren Landsoldaten « überging . Und nun hatte die Prinzessin samt Gefolge den Tiergarten erreicht , der gleich hinter Klampenborg mit seiner Südspitze die Chaussee berührte . Hier gab sie Erichsen ihren Arm . Dann folgte die Schimmelmann mit Pentz , weiter zurück Holk mit Ebba , Holk in sichtlicher Verlegenheit , wie das Gespräch einzuleiten sei . Denn ihm war nicht entgangen , daß er am Vormittage , während der Audienz bei der Prinzessin , von seiten Ebbas mit einem leisen Anfluge von Spott und Überlegenheit beobachtet worden war , während der Nachmittagsfahrt aber hatte sich die Gelegenheit zu irgendwelcher Anknüpfung noch nicht finden lassen wollen . Endlich begann er : » Wir werden einen wundervollen Sonnenuntergang haben . Und kein schönerer Platz dazu als dieser . Diese prächtige Plaine ! Es sind jetzt sieben Jahr , daß ich in Klampenborg war , und in der Eremitage nie . « » Schreckte Sie der Name ? « » Nein . Denn ich bin meiner Neigung und Lebensweise nach mehr oder weniger Eremit , und wäre nicht die Prinzessin , die mich dann und wann in die Welt ruft , ich könnte mich den Eremiten von Holkenäs nennen . Himmel und Meer und ein einsames Schloß auf der Düne . « » Auf der Düne « , wiederholte das Fräulein . » Und ein einsames Schloß . Beneidenswert und romantisch . Es liegt so was Balladenhaftes darin , so was vom König von Thule . Freilich der König von Thule , wenn mir recht ist , war unverheiratet . « » Ich weiß doch nicht « , sagte Holk , den der Ton des Fräuleins sofort aus aller Verlegenheit riß . » Ich weiß doch nicht . Wirklich eine Doktorfrage . War er unverheiratet ? Wenn mir recht ist , heißt es , er gönnte alles seinen Erben , was doch auf Familie zu deuten scheint . Freilich , es kann eine Nebenlinie gewesen sein . Trotzdem möchte ich vermuten , er war verheiratet und im Besitz einer klugen Frau , die dem Alten , über den sie vielleicht , oder sagen wir sehr wahrscheinlich , lächelte , seine Jugendschwärmerei mit dem Becher gönnte . « » Das läßt sich hören « , sagte das Fräulein , während ihr der Übermut aus den Augen lachte . » Sonderbar . Bisher erschien mir die Ballade so rund und abgeschlossen wie nur möglich : der König tot , der Becher getrunken und gesunken und das Reich ( vom Balladenstandpunkte aus immer das Gleichgültigste ) jedem gegönnt und an alle verteilt . Aber wenn wir an das Vorhandensein einer Königin glauben , und ich stehe darin nachträglich ganz auf Ihrer Seite , so fängt die Sache mit dem Tode des Alten erst recht eigentlich an , und der König von Thule , das Geringste zu sagen , ist unfertig und fortsetzungsbedürftig . Und warum auch nicht ? Ein Page wird sich am Ende doch wohl finden lassen , der sich bis dahin verzehrt hat und nun wieder Farbe kriegt oder Eisen im Blut , um mit einem Zitat unserer gnädigsten Prinzessin zu schließen . « » Ach , meine Gnädigste « , sagte Holk , » Sie spotten über Romantik und vergessen dabei , daß Ihr eigener Name mit einem sehr romantischen Hergange , der wohl eine Ballade verdient hätte , verflochten ist . « » Mein Name ? « lachte das Fräulein . » Und mit einem romantischen Hergange verflochten ? Bezieht es sich auf Ebba ? Nun , das würde sich hören lassen , das ginge ; denn schließlich laufen alle Balladen auf etwas Ebba hinaus . Ebba ist Eva , wie Sie wissen , und bekanntlich gibt es nichts Romantisches ohne den Apfel . Aber ich sehe , Sie schütteln den Kopf und meinen also nicht Ebba und nicht Eva , sondern Rosenberg . « » Gewiß , mein gnädigstes Fräulein , ich meine Rosenberg . Genealogisches zählt nämlich zu meinen kleinen Liebhabereien , und die zweite Frau meines Großonkels war eine Rosenberg ; so bin ich denn in Ihre Geschlechtssagen einigermaßen eingeweiht . Alle Rosenbergs , wenigstens alle die , die sich Rosenberg-Gruszczynski nennen , bei den Lipinskis steht es aber etwas anders , stammen von einem Bruder des Erzbischofs Adalbert von Prag , der , an der sogenannten Bernsteinküste , von der Kanzel herabgerissen und von den heidnischen Preußen erschlagen wurde . Diese Kanzel , wenn auch zerstückelt und zermürbt , existiert noch und ist das Palladium der Familie ... « » Wovon ich leider nie gehört habe « , sagte das Fräulein in anscheinendem oder vielleicht auch wirklichem Ernste . » Woraus mir nur hervorgehen würde , daß Sie , statt dem Gruszczynskischen , wahrscheinlich dem Lipinskischen Zweige der Familie zugehören . « » Zu meinem Bedauern auch das nicht . Freilich , wenn ich Lipinski mit Lipesohn übersetzen darf , ein Unterfangen , das mir die berühmte Familie verzeihen wolle , so würde sich , von dem in dieser Form auftretenden Namen aus , vielleicht eine Brücke zu mir und meiner Familie herüber schlagen lassen . Ich bin nämlich eine Rosenberg-Meyer oder richtiger eine Meyer- Enkeltochter des in der schwedischen Geschichte wohlbekannten Meyer-Rosenberg , Lieblings-und Leibjuden König Gustavs III. « Holk schrak ein wenig zusammen , das Fräulein aber fuhr in einem affektiert ruhigen Tone fort : » Enkeltochter Meyer-Rosenbergs , den König Gustav später unter dem Namen eines Baron Rosenberg nobilitierte , Baron Rosenberg von Filehne , welchem preußisch-polnischen Ort wir entstammen . Es war der Sitz unserer Familie durch mehrere Jahrhunderte hin . Und nun lassen Sie mich , da Sie sich für genealogisch Anekdotisches interessieren , noch in Kürze hinzusetzen , daß es mit diesem Nobilitierungsakte allerdings eilte , denn drei Tage später wurde der ritterliche und für unser Haus so unvergeßliche König von Lieutenant Anckarström erschossen . Ein ebenso balladenhafter Hergang wie der ermordete Bischof , aber freilich nur im allerlosesten Zusammenhang mit meiner Familie . Sie dürfen mich aber darum nicht aufgeben . Über all das ist Gras gewachsen , und mein Vater verheiratete sich bereits mit einer Wrangel , noch dazu in Paris , wo ich auch geboren bin , und zwar am Tage der Juli-Revolution . Einige sagen , man merke mir ' s an . Unter allen Umständen aber können Sie mein Alter danach berechnen . « Holk war krasser Aristokrat , der nie zögerte , den Fortbestand seiner Familie mit dem Fortbestand der göttlichen Weltordnung in den innigsten Zusammenhang zu bringen , und der im gewöhnlichen Verkehr über diese Dinge nur schwieg , weil es ihm eine zu heilige Sache war . Er war in diesem Punkte für Wiedereinführung aller nur möglichen Mittelalterlichkeiten , und einer je strengeren Ahnenprobe man ihn und die Seinen unterworfen hätte , je lieber wäre es ihm gewesen , denn um so glänzender wäre sein Name daraus hervorgegangen . Seine leichten und angenehmen , auch die bürgerliche Welt befriedigenden Umgangsformen waren nichts als ein Resultat seines sich Sicherfühlens in dieser hochwichtigen Angelegenheit . Aber so sicher er über seinen eignen Stammbaum war , so zweifelvoll verhielt er sich gegen alle andern , die fürstlichen Häuser nicht ausgeschlossen , was denn auch Grund war , daß man über all derlei Dinge sehr frei mit ihm sprechen konnte , wenn nur die Holks außer Frage blieben . Und so geschah ' s denn auch heute , daß er sich von dem ersten Schreck , den ihm der schwedische Rosenberg mit seinem unheimlichen Epitheton ornans eingejagt hatte , nicht nur rasch erholte , sondern es sogar höchst pikant fand , diese doch in der Mehrzahl der Fälle nicht leicht genug zu nehmende Frage von einer augenscheinlich so klugen Person auch wirklich leicht behandelt zu sehen . Vierzehntes Kapitel Der Weg , den man einzuschlagen hatte , lief am Ostrande des Tiergartens hin , meist unter hochstämmigen Platanen , deren herabhängende , vielfach noch mit gelbem Laub geschmückten Zweige die Aussicht derart hinderten , daß man der inmitten einer lichten Waldwiese stehenden » Eremitage « erst ansichtig wurde , als man aus der Platanenallee heraus war . Für die beiden vorderen Paare , die diese Szenerie längst kannten , bedeutete das wenig , Holk und das Fräulein aber , die des Anblicks zum ersten Male genossen , blieben unwillkürlich stehen und sahen fast betroffen auf das in einiger Entfernung in den klaren Herbsthimmel aufragende , von allem Zauber der Einsamkeit umgebene Schloß . Kein Rauch stieg auf , und nur die Sonne lag auf der weiten , mit einem dichten , immer noch frischen Gras überdeckten » Plaine « , während oben , am stahlblauen Himmel , Hunderte von Möwen schwebten und in langem Zuge , vom Sunde her , nach dem ihnen wohlbekannten , weiter landeinwärts gelegenen Fure-See hinüberflogen . » Ihr Schloß auf der Düne kann nicht einsamer sein « , sagte das Fräulein , als man jetzt einen schmalen Pfad einschlug , der , quer über die Wiese hin , beinahe gradlinig auf die Eremitage zuführte . » Nein , nicht einsamer und nicht schöner . Aber so schön dies ist , ich möchte dennoch nicht tauschen . Diese Stelle hier bedrückt mich in ihrer Stille . In Holkenäs ist immer eine leichte Brandung , und eine Brise kommt von der See her und bewegt die Spitzen meiner Parkbäume . Hier aber zittert kein Grashalm , und jedes Wort , das wir sprechen , klingt , als wenn es die Welt belauschen könne . « » Ein Glück , daß wir nicht Schaden dabei nehmen « , lachte das Fräulein , » denn eine mehr für die Öffentlichkeit geeignete Unterhaltung als die unsere kann ich mir nicht denken . « Holk war nicht angenehm berührt von dieser Entgegnung und stand auf dem Punkt , seiner kleinen Verstimmung Ausdruck zu geben ; aber ehe er antworten konnte , hatte man die breiten Stufen der Freitreppe erreicht , die zu dem Jagdschlosse hinaufführte . Vor derselben stand ein zugleich als Kastellan installierter alter Waldhüter , und an diesen , der respektvoll seine Kappe gezogen hatte , trat jetzt die Prinzessin heran , um ihm Ordres zu geben . Diese gingen zunächst dahin , oben , im großen Mittelsaale , den Kaffee servieren zu lassen . Das sprach sie mit lauter Stimme , so daß jeder es hören konnte . Dann aber nahm sie den Waldhüter noch einen Augenblick beiseite , um eine weitere Verabredung mit ihm zu treffen . » Und nicht später als fünf « , so schloß sie das geheim geführte Gespräch . » Der Abend ist da , man weiß nicht wie , und wir brauchen gute Beleuchtung . « Der Alte verneigte sich , und die Prinzessin trat gleich danach in das Schloß ein und stieg , auf die Schimmelmann sich stützend , in den oberen Stock hinauf . Hier , im Mittelsaale , hatten dienstbeflissene Hände bereits hohe Lehnstühle um einen langen eichenen Tisch gerückt und die nach Ost und West hin einander gegenüberliegenden Balkonfenster geöffnet , so daß die ganze landschaftliche Herrlichkeit wie durch zwei große Bilderrahmen bewundert werden konnte . Freilich die das Schloß unmittelbar und nach allen Seiten hin umgebende Wiesenplaine war , weil zu nahe , wie in der Tiefe verschwunden , dafür aber zeigte sich alles Fernergelegene klar und deutlich , und während , nach links hinüber , die Wipfel eines weiten Waldzuges in der niedergehenden Sonne blinkten , sah man nach rechts hin die blauflimmernde Fläche des Meeres . Holk und Ebba wollten aufstehen , um erst von dem einen und dann vom andern Fenster aus das Bild voller genießen zu können , die Prinzessin aber litt es nicht ; sie verstände sich auch auf Landschaft und könne versichern , daß gerade so , wie ' s jetzt sei , das Bild am schönsten wäre . Zudem habe der Kaffee ( die Kastellanin erschien eben mit einem mit dem schönsten Meißner Service besetzten Tablett ) auch sein Recht , und was die Pracht der momentan allerdings unsichtbar gewordenen Plaine betreffe , so würde diese schon wieder zutage treten , wenn auch erst später . Alles zu seiner Zeit . » Und nun , liebe Schimmelmann , bitte machen Sie die Honneurs . Offen gestanden , ich sehne mich nach einer Erfrischung ; so nah der Weg war , so war er doch gerade weit genug . Wenigstens für mich . « Die Prinzessin schien bei bester Laune , was sich neben anderem auch in ihrer noch gesteigerten Gesprächigkeit zeigte . Sie scherzte denn auch darüber und suchte bei Pentz , der heute gar nicht zu Worte komme , Indemnität nach . » Indemnität « , fuhr sie dann fort , » auch solch Wort aus dem ewig Parlamentarischen . Aber , parlamentarisch oder nicht , auf die Sache selbst , auf Straferlaß , hab ich insoweit einen wirklichen Anspruch , als es keinen Platz gibt , selbst mein geliebtes Frederiksborg nicht ausgenommen , wo mir so plauderhaft zumut sein dürfte wie gerade an dieser Stelle . Es gab Zeiten , wo ich beinah täglich hier war und mich stundenlang dieser Meer- und Waldherrlichkeit freute . Freilich , wenn ich sagen sollte , daß diese Freude das gewesen wäre , was man so landläufig Glück nennt , so würd ich ' s damit nicht treffen . Ich habe nur immer erquickliche Ruhe hier gefunden , Ruhe , die weniger ist als Glück , aber auch mehr . Die Ruh ist wohl das Beste . « Holk horchte auf . Ihm war , als ob er dieselben Worte ganz vor kurzem erst gehört habe . Aber wo ? Und suchend und sinnend fand er ' s auch wirklich , und der Abend auf Holkenäs und das Bild Elisabeth Petersens traten mit einem Male vor ihn hin , und er hörte wieder das Lied und die klare Stimme . Das war noch keine Woche , und schon klang es ihm wie aus weiter , weiter Ferne . Die Prinzessin mußte bemerkt haben , daß Holks Aufmerksamkeit abirrte . Sie ließ deshalb das Allgemeine fallen und fuhr fort : » Sie werden kaum erraten , lieber Holk , welcher Küstensaum es ist , der da , von drüben her , uns ins Fenster sieht . « » Ich dachte Schweden . « » Doch nicht eigentlich das . Es ist Hveen , das Inselchen , darauf unser Tycho de Brahe seinen astronomischen Turm baute , sein Sternenschloß , wie ' s die Welt nannte ... Ja , die Brahes , auch um meiner eigenen Person willen muß ich ihrer immer in Anhänglichkeit und Liebe gedenken . Es sind nun gerade fünfundvierzig Jahre , daß Ebba Brahe , die damals bewunderte Schönheit bei Hofe , mein Hoffräulein war und meine Freundin dazu , was mir mehr bedeutete . Denn wir bedürfen einer Freundin , immer und allezeit « ( die Prinzessin reichte der Schimmelmann die Hand ) , » und nun gar , wenn wir jung sind und im ersten Jahr unserer Ehe . Pentz lächelt natürlich ; er kennt nicht das erste Jahr einer Ehe . « Der Baron verneigte sich und schien nicht bloß seine Zustimmung , sondern auch eine gewisse humoristische Befriedigung über diesen Tatbestand ausdrücken zu wollen , die Prinzessin ließ es aber nicht dazu kommen und sagte : » Doch ich wollte von Ebba Brahe sprechen . Auf manchem Namen liegt ein Segen , und mit den Ebbas habe ich immer Glück gehabt . Wie wenn es gestern gewesen wäre , steht der Tag vor mir , an dem ich , von eben dieser Stelle aus , nach Hveen hinüberwies und zu Ebba Brahe sagte : Nun , Ebba , möchtest du nicht tauschen ? Hast du keine Sehnsucht nach dem Schloß deiner Ahnen da drüben ? Aber sie wollte von keinem Tausche wissen , und ich höre noch , wie sie mit ihrer bezaubernden Stimme sagte : Der Blick von der Eremitage nach Hveen ist mir doch lieber als der von Hveen nach der Eremitage . Und dann begann sie zu scherzen und zu behaupten , daß sie ganz irdisch sei , viel zu sehr , um sich für das Sternenschloß begeistern zu können . Unter allen Sternen interessiere sie nur die Erde , zu deren nächtlicher Beleuchtung die andern bloß da seien ... Oh , sie war charmant , einschmeichelnd , Liebling aller , und ich möchte beinahe sagen , sie war mehr noch eine Ebba als eine Brahe , während unsere neue Ebba ... « Die Prinzessin stockte ... » ... Mehr eine Rosenberg ist als eine Ebba « , warf das Fräulein ein und verneigte sich unbefangen gegen die Prinzessin . Herzliche Heiterkeit , an der selbst die beiden Pagoden der Gesellschaft , Erichsen und die Schimmelmann , teilnahmen , belohnte diese Selbstpersiflierung , denn jeder kannte nur zu gut den Stammbaum des Fräuleins und verstand durchaus den Sinn ihrer Worte . Nicht zum wenigsten die Prinzessin selbst , die denn auch eben darauf aus war , sich mit einer besonderen Freundlichkeit an Ebba zu wenden , als der alte Waldhüter in der Tür erschien und durch sein Erscheinen das mit der Prinzessin verabredete Zeichen gab . Und eine kleine Weile , so traten alle , vom Saal her , auf einen vorgebauten Balkon hinaus , von dem aus man einen prächtigen Fernblick auf die große , das Gesamtbild nach Westen hin abschließende Waldmasse hatte . Der zwischenliegende Wiesengrund war von einer beträchtlichen Ausdehnung , an ein paar Stellen aber schoben sich Waldvorsprünge bis weit in die Wiese vor , und aus eben diesen Vorsprüngen traten jetzt Rudel Hirsche , zu zehn und zwanzig , auf die Plaine hinaus und setzten sich in einem spielenden Tempo , nicht rasch und nicht langsam , auf die Eremitage zu in Bewegung . Ebba war entzückt , aber ehe sie ' s noch aussprechen konnte , sah sie schon , daß sich , im Hintergrunde , der ganze weite Waldbogen wie zu beleben begann , und in gleicher Weise , wie bis dahin nur vereinzelte Rudel aus den vorgeschobenen Stellen herausgetreten waren , traten jetzt viele Hunderte von Hirschen aus der zurückgelegenen Waldestiefe hervor und setzten sich , weil sie bei der unmittelbar bevorstehenden Defiliercour nicht fehlen wollten , in einen lebhaften Trab , anfänglich wirr und beinahe wild durcheinander , bis sie sich , im Näherkommen , ordnungsmäßig gruppierten und nun sektionsweise an der Eremitage vorüberzogen . Endlich , als auch die letzten vorbei waren , zerstreuten sie sich wieder über die Wiese hin , und nun erst ermöglichte sich ein vollkommener Überblick über die Gesamtheit . Alle Größen und Farben waren vertreten , und wenn schon die schwarzen Hirsche von Ebba bewundert worden waren , soviel mehr noch die weißen , die sich in verhältnismäßig großer Zahl in dem Wildbestande vorfanden . Aber diese Stimmung Ebbas verflog , wie gewöhnlich , sehr rasch wieder , und alsbald zur Zitierung von allerlei Strophen aus dänischen und deutschen Volksliedern übergehend , versicherte sie , daß der weiße Hirsch , in allem , was Ballade betreffe , nach wie vor die Hauptrolle spiele , natürlich mit Ausnahme der weißen Hinde , die noch höher stünde . Pentz seinerseits wollte dies nicht wahrhaben und versicherte mit vieler Emphase , daß die Prinzessin und der Page den Vortritt hätten und ihn auch ewig behaupten würden , eine Bemerkung , der die Prinzessin zustimmte , freilich mit einem Anfluge von Wehmut . » Ich akzeptiere das , was Pentz sagt , und möchte nicht , daß ihm widersprochen würde . Wir armen Prinzessinnen , wir haben schon nicht viel , und aus der Welt der Wirklichkeiten sind wir so gut wie verdrängt ; nimmt man uns auch noch die Märchen- und Balladenstelle , so weiß ich nicht , was wir überhaupt noch wollen . « Alle schwiegen , weil sie zu sehr empfanden , wie richtig es war , und nur Ebba küßte die Hand ihrer Wohltäterin und sagte : » Gnädigste Prinzessin , es bleibt Gott sei Dank noch vieles übrig ; es bleibt noch Zufluchtsstätte sein und andere beglücken und über Vorurteile lachen . « Es war ersichtlich , daß der Prinzessin diese Worte wohltaten , vielleicht weil sie heraushörte , daß es , trotzdem sie von Ebba kamen , mehr als bloße Worte waren ; aber sie schüttelte doch den Kopf und sagte : » Liebe Ebba , auch das wird bald Märchen sein . « Während sie so sprachen , waren die Wagen , denen man eigentlich entgegengehen wollte , bis dicht an die Freitreppe herangefahren , und als die Prinzessin gleichzeitig wahrnahm , daß die Dämmerung und mit ihr die Abendkühle mehr und mehr hereinbrach , erklärte sie , von einem weiteren Spaziergang Abstand nehmen und die Rückfahrt unmittelbar antreten zu wollen . » Aber wir arrangieren uns anders , und ich verzichte auf die Begleitung meiner Kavaliere . « Das kam allen erwünscht . Die Prinzessin nahm ihren Platz , die Schimmelmann ihr zur Seite , das Fräulein gegenüber ; Pentz und Holk und Erichsen folgten im zweiten Wagen . Als man Klampenborg passierte , war das Offizierszelt auch in seiner Front mit Segeltüchern geschlossen , und nur aus einem schmalen Spalt ergoß sich ein Lichtstreifen auf den dunklen Vordergrund . Einzelnes aus einer Rede , die gerade gehalten wurde , trug der Wind herüber , und nun schwieg auch das , und nur zustimmende Rufe klangen noch in den Abend hinaus . Fünfzehntes Kapitel Die Rückfahrt war ohne weitere Zwischenfälle verlaufen , aber natürlich nicht ohne Medisance , darin sich Ebba nicht leicht zuviel tun konnte . Die Geschichte mit den » Rosenbergs « und den verschiedenen Verzweigungen der Familie war ihr dabei das denkbar glücklichste Thema . » Der arme Graf « , sagte sie , » das muß wahr sein , er geht allem so gründlich auf den Grund . Natürlich , dafür ist er ein Deutscher , und nun gar bei genealogischen Fragen , da kommt er aus dem Bohren und Untersuchen gar nicht mehr heraus . An jeden Namen knüpft er an , und wenn ich zum Unglück auf den Namen Cordelia getauft worden wäre , so biet ich jede Wette , daß er sich ohne weiteres nach dem alten Lear bei mir erkundigt haben würde . « Die Prinzessin gab Ebba einen Zärtlichkeitsschlag auf die Hand , der mehr ermutigte als ablehnte , und so fuhr diese denn fort : » Er hat etwas von einem Museumskatalog mit historischen Anmerkungen , und ich sehe noch sein Gesicht , als Königliche Hoheit von Tycho de Brahe sprachen und nach der Insel Hveen hinüberzeigten ; er war ganz benommen davon , und seine Seele drängte sichtlich nach einem Gespräch über Weltsysteme . Das wäre so was für ihn gewesen , zurück bis Ptolomäus . Gott sei Dank kam etwas dazwischen , denn , offen gestanden , Astronomie geht mir noch über Genealogie . « Auch der folgende Tag verlief unter ähnlichem Geplauder , was übrigens nicht hinderte , daß Holk , von seiten der Damen , einem allerfreundlichsten Entgegenkommen begegnete , so freundlich , daß es ihm nicht bloß schmeichelte , sondern ihn auch in die denkbar beste Stimmung versetzte . Diese Stimmung nahm er dann mit nach Haus , in seine behagliche Hansensche Wohnung , und als er tags darauf bei seinem Frühstücke saß , kam ihm das prickelnd Anregende des Kopenhagener Hoflebens so recht aufs neue zum Bewußtsein . Wie öde waren daneben die Tage daheim , und wenn er sich dann vergegenwärtigte , daß er sich innerhalb zehn Minuten an den Schreibtisch zu setzen und über die gehabten Eindrücke nach Holkenäs hin zu berichten