und nur Einheimische da , was ihm paßte . Vorher aber übersann er noch einmal in aller Vorsicht , was er sagen wolle . Da war denn das nächste , was ihm einfiel , daß er das Rufen nicht schon vor einer Stunde gehört haben dürfe , sondern in diesem Augenblick erst . Und nun trat er ein und machte Meldung und begrüßte Maywald und Neigenfink und den alten Gerichtsmann Klose , die sich eben zum Skat niedergesetzt hatten . Aber keiner rührte sich , und das Spiel ging weiter . » Grand mit vieren « , sagte der alte Gerichtsmann . » Und nun komm , Lehnert , und sieh mit hinein , verstehst es ja , so was lernt man bei den Soldaten ... Und gerufen hat es , sagst du ... Das sind Fremde ... junge Leute ... Heute früh kamen Breslauer hier durch , ein ganzes Rudel , Gymnasiasten , oder wohl gar welche von der Kunstschule . Das ist dann ein ewiges Singen und Rufen . Und das verdammte Schießen dazu ... Soll eigentlich nicht sein ... Und wenn Opitz mal einen packt , dann is er sein Terzerol los oder auch seinen Revolver . Denn ohne Revolver geht es heutzutage nicht mehr ... Du gibst , Maywald . Aber was Ordentliches ... Dann is er sein Terzerol los , sag ich , und die Geldstrafe hat er dazu ... Wetter , ist das ein Blatt ! Aber das kommt von solchen Geschichten , da grault sich ' ne gute Karte ... Nimm einen Stuhl und rücke ran , Lehnert , und hilf mir aus der Patsche . « » Kann nicht , Gerichtsmann Klose « , sagte Lehnert . » Ich war heute schon drüben und bin müde zum Auslöschen ... Und Ihr meint also , es wäre nichts und man hätte keine Pflicht , hinaufzusteigen und nachzusehen ? Von dem Schuß will ich nichts sagen , geschossen wird immer . Aber das Rufen . Es klang so , ja , wie sag ich , es klang so , wie wenn es was wäre . « » Ja , wie wenn es was wäre « , lachte Klose , während Maywald zustimmte , » was sein wird es wohl . Aber was ? Ein Kommis , der seines Prinzipals Gelder zu früh einkassiert hat , und mit ihm eine Theaterprinzeß , und die sind nun längst oben und trinken einen Schlummerpunsch . « Es war Lehnert nicht unlieb , die Skatherren , die zugleich zu den Dorfhonoratioren zählten ( denn auch Neigenfink , der sich übrigens zurückhaltender verhielt , war Gerichtsmann ) , so leichthin sprechen zu hören . Es gab ihm einen Teil seiner Ruhe wieder . » Sie haben am Ende doch recht . Und eigentlich kann ' s auch nicht anders sein . Es ist schon zu lange her ... Aber wenn es doch wäre ... wenn es doch wäre ... « Draußen vor dem Kretscham stand ein Ackerwagen . Lehnert setzte sich auf die Deichsel und sah das Gehänge hinauf und horchte wieder mit gespanntem Ohr . Aber alles blieb still . So ging er zuletzt auf Wolfshau zu . Bei Frau Opitz war noch Licht , und Diana , als er vorüberging , schlug an . Sonst rührte sich nichts . Und nun war er wieder auf dem Inselchen drüben und stieg in seine Kammer hinauf . Eine kleine Weile noch jagten sich allerlei Bilder und Gedanken durch seine Seele . Dann schlief er ein , fest und schwer und ohne Traum . Vierzehntes Kapitel Die Skatpartie blieb zurück , war aber nicht bestimmt , ungestört zu gutem Ende zu kommen , denn wenig mehr als eine halbe Stunde nach Lehnerts Aufbruch , so hörte man draußen ein Sprechen und Weinen , und ehe die Skatherren noch fragen konnten , was es sei , trat Frau Opitz ein , um drinnen in der Stube zu wiederholen , was sie schon , draußen im Flur , der Kretschamwirtin erzählt . Alles in ihrer Rede drehte sich um den Mann und sein Ausbleiben . Opitz habe gestern spät nachmittag die Försterei verlassen und sei nach der Hampelbaude hinaufgestiegen , um oben im Wald den Holzschlägern ihren Wochenlohn auszuzahlen . Das sei nun über vierundzwanzig Stunden , und noch sei er nicht zurück , weshalb sie fürchte , daß ihm etwas zugestoßen sei . All das wurde vorwiegend zu dem Ältesten , zu Gerichtsmann Klose gesprochen , einem rüstigen Fünfziger , der , weil er grad im Verluste war , keine Lust hatte , das Spiel unterbrochen zu sehen . Er suchte deshalb der heftig schluchzenden Frau nach Möglichkeit zuzureden und dabei , soweit es ging und ohne geradezu zu verletzen , einen leichten und heiteren Ton anzuschlagen . Opitz werde gute Gesellschaft und vielleicht sogar eine Skatpartie gefunden haben , so was käme vor , wie Frau Opitz ja jetzt mit eigenen Augen sähe . Solch Ausbleiben sei nicht schlimm . Alle Frauen ängstigten sich , wenn die Männer nicht pünktlich zu Hause seien , aber das kenne man schon , mit der ganzen Angst sei ' s nicht weit her und sei eigentlich alles bloß , um den Mann , dem man nie recht traue , hinterher desto fester am Bändel zu haben . Er sprach noch eine gute Weile so weiter , unter beständigem Niederlegen und Wiederaufnehmen seiner Karten , und schien ernstlich gewillt , sich durch diese » Habereien « der guten Frau nicht stören zu lassen . Als Frau Opitz aber nicht nachließ und sich in ihrem Bitten und Drängen durch die zwei Mitspieler und zuletzt sogar durch die hinzugekommene Kretschamwirtin unterstützt sah , gab er seinen Widerstand auf und sagte : » Gut denn , es kann am Ende so was sein , will ' s nicht geradezu bestreiten . Ein Förster hat immer viel Feindschaft und Opitz nicht zum wenigsten . Und so wollen wir denn mit dem frühsten nach der Hampelbaude hinauf . Vorher aber ist nichts zu machen , trotzdem wir das bißchen Mondschein haben . Ich denk also , wir sind morgen in aller Frühe hier wieder beisammen , sagen wir um fünf , und nehmen dann mit uns , was wir von Mannschaften zu so früher Stunde zur Hand haben können . Vor allem aber halten wir reinen Mund , daß die Fremden keinen Schreck kriegen und nicht etwa denken , unser altes Krummhübel sei über Nacht eine Mördergrube geworden . « Alle waren einverstanden , und Frau Opitz , der die gutmütige Kretschamwirtin eine von ihren Mägden als Begleitung mit nach Hause gab , gab ihr Weinen und Schluchzen schließlich auf und beruhigte sich in dem Gefühl , daß , was es auch sein möge , der nächste Tag ihr jedenfalls Gewißheit bringen müsse . Das Kapellchen läutete zum ersten Mal , als man am anderen Morgen zwischen fünf und sechs vom Gerichtskretscham in einem starken Trupp aufbrach , denn es hatten sich ihrer erheblich mehr eingefunden , als anfänglich erwartet war . Außer den drei Herren vom Abend vorher , unter denen jetzt Gerichtsmann Klose den Skatspieler völlig abgestreift hatte , waren auch der Lehrer und ein junger Forstaspirant erschienen , findige Leute , die zu sehen und zu beobachten verstanden . Ebenso hatte sich ein Grenzaufseher , mit dem Gewehr am Bandelier , ihnen angeschlossen . Was sonst noch folgte , waren Führer und Dienstleute , mit allem ausgerüstet , was zu solcher Suche herkömmlich gehörte : Stricke , Leitern , Spaten und Äxte . Eine frische Brise kam von der Koppe her und erleichterte wenigstens einigermaßen das Steigen , das bei der , trotz früher Stunde , schon stechenden Sonne ziemlich beschwerlich fiel . Von Kirche Wang ab hatte man Waldesschatten , und als es unten im Tale sieben schlug , war man oben auf der Hampelbaude , wo zunächst Rast gemacht und nach Befund dessen , was man dort erfahren würde , der weitere Vormarsch verabredet werden sollte . Der Wirt wurde gerufen und bestätigte , daß Opitz , von den Holzschlägern kommend , am Sonnabend um die achte Stunde dagewesen sei und nach kurzem Aufenthalt seinen Weg nach der Riesenbaude zu genommen habe , vielleicht an den Teichen vorüber und dann über den Kamm hin , aber vielleicht auch den neuen schmalen Querweg entlang , der beim Quell und dem Steintrog in den großen Gehängeweg einmünde . Noch ein paar andere Fragen wurden gestellt , vor allem auch , wer sonst noch oben genächtigt habe , worauf der Wirt berichtete , daß nur Berliner oben gewesen seien und Lehnert Menz aus Wolfshau . Dieser Name , wenn auch nur kurz hingeworfen , bewirkte doch , daß sich die Gerichtsmänner untereinander ansahen , aber kein Wort wurde laut , und nachdem man einen Imbiß genommen hatte , brach man wieder auf , um auf dem vom Wirte bezeichneten schmalen Querpfade ( denn daß Opitz auf die Teiche zugegangen sei , war nicht wahrscheinlich ) den Weg nach dem Gehänge hin einzuschlagen . In einer Art Treiben ging man dabei vor , derart , daß der alte Gerichtsmann und drei , vier von den Gebirgsführern den eigentlichen Weg einhielten , während , was sonst noch verblieb , zu beiden Seiten des Weges ausschwärmte . Der Spüreifer einzelner - die hier oben , wo nur Kusseln standen , wieder arg von der Stichsonne zu leiden begannen - erschöpfte sich bereits , und schon hörte man , daß es eine nutzlose Quälerei sei , als Lehrer Lösche , der die rechte Seitenkolonne führte , plötzlich ein Volk Krähen auffliegen sah . Krähen ! Das wäre an und für sich nichts Sonderbares gewesen , aber es waren ihrer zuviel , und so sagte denn Lösche : » Paßt Achtung , Kinder ! Ich wette , da gibt es was . « Und von einer starken Vorahnung erfüllt , daß sich ihm , auf zehn Schritt Entfernung , etwas Grausiges vor Augen stellen würde , schritt er langsam und zögernd weiter und suchte nach vorn und hinten mit seinen Blicken . Richtig , da lag er . Aber wer ? War er es ? Was man zunächst sah , war nur die Mütze , die das Gesicht halb zudeckte , daneben ein blinkender Gewehrlauf , alles andere barg sich noch hinter einem Busch , dessen blätterreiches Gezweige den Toten wie hinter einem Schirm versteckte . Lösche wußte , noch drei Schritte , so mußte sich ' s zeigen . Und sich einen Ruck gebend , trat er von links her um das Gezweige herum und sah nun den Toten ausgestreckt vor sich . Es war Opitz . Aber das Grauen , auf das er sich gefaßt gemacht hatte , blieb aus , und er empfing nur den Eindruck eines erschütternden Todesernstes . Wenn dieser Mann sich jahrelang durch mitleidslose Strenge vergangen hatte , so hatte sein Tod seine Strenge gesühnt und mehr noch die Art , wie er diesem Tod ins Auge gesehen und sich auf ihn vorbereitet hatte . Lösches Auge ging der Blutspur nach , die sich von eben dem Busch her , wo der Tote jetzt lag , bis zu dem schmalen Querpfade hinabzog . Es war ersichtlich , daß der auf den Tod Getroffene nur mit höchster Anstrengung von dem kaum zehn Schritt entfernten Wege sich bis zu der ansteigenden Stelle hinaufgeschoben und hier sich , um gegen die Sonne oder vielleicht auch nachts gegen die Kälte geschützt zu sein , unter die Zweige des Busches gebettet hatte . Dann , als er sein herannahendes Ende gefühlt , hatte er sich zum Sterben zurechtgelegt , und so lag er nun da , die Jagdtasche unterm Kopf , das Gewehr links neben sich , die Hände gefaltet und im Antlitz die Ruhe des Todes , aber freilich auch die Spuren vorangegangenen Kampfes . Inzwischen waren auch die anderen herangekommen , und da standen sie nun erschüttert und stumm . Zuletzt nahm Gerichtsmann Klose seine Kappe vom Kopf und sagte : » Beten wir ! « So verging eine Weile . Dann , als sich die Köpfe wieder bedeckt hatten , wurden auch einzelne Worte laut , und der Alte stellte zunächst zur Frage , wie man den Toten wohl am besten nach Wolfshau herabschaffe . Einen Handwagen oder auch nur eine Karre von der Hampelbaude herbeizuholen , wurde , wegen zu weiter Entfernung , abgelehnt und statt dessen beschlossen , zwei zusammengebundene Leitern als Tragbahre zu benutzen . Das geschah denn auch , und nun legte man den Toten hinauf und bedeckte sein Gesicht mit Zweigen desselben Busches , unter dem man ihn gefunden hatte . Gleich danach setzte sich der Zug in Bewegung und schritt auf den Punkt zu , wo der Querpfad in den breiten Gehängeweg einmündete . Hier endlich fanden sie Waldesschatten , und als man aus dem Quell getrunken und sich auf der Bank , an der anderen Seite des Weges , eine kleine Weile geruht hatte , nahm man die Leiterbahre wieder auf und schritt das steile Gehänge weiter hinab . Die mit jeder Viertelstunde wachsende Glut erschwerte den Abstieg , aber mit Hilfe häufigen Trägerwechsels war es doch möglich , in einem ziemlich raschen Marschtempo zu bleiben , und ehe noch das Kapellchen Mittag läutete , passierte man das Gatter und trat auf das mit Kusseln besetzte Waldvorland hinaus , darauf Lehnert , zwei Tage zuvor , den Schulkindern begegnet war und in ihren Gesang mit eingestimmt hatte . Die Straße lief , von hier aus , beinah geradlinig auf die Försterei zu , da man aber der armen Frau den Toten nicht unmittelbar vor Gesicht führen , sie vielmehr erst vorbereiten wollte , so bog man links in einen in mäßiger Schrägung wieder ansteigenden Querweg ein , der sich schließlich bis auf die hochgelegene Krummhübler Chaussee hinaufschlängelte . Die Stelle , wo der Querweg die Chaussee traf , hieß » der goldene Frieden « und war ein hochgelegener Punkt , von dem aus man nicht nur das langgestreckte Dorf Krummhübel überblicken , sondern auch , auf einem mäßig hohen Vorsprung , den alten Gerichtskretscham deutlich erkennen konnte , zu dessen Häupten eben die Mittagssonne flimmerte . Das war das Ziel . Dort sollte der Tote zunächst niedergelegt und über alles Weitere befunden werden . Eine Viertelstunde später hatte man den Kretscham erreicht , aber nicht mehr allein . Alles , was in dem Oberdorfe wohnte , hatte sich angeschlossen und stand nun draußen und wartete der Dinge , die kommen würden . Am zahlreichsten waren natürlich die Wolfshauer erschienen , unter ihnen auch Lehnert . Er begrüßte diesen und jenen , und wiewohl ihn Blicke trafen , aus denen er sehr wohl einen Verdacht herauslesen konnte , so war doch niemand da , der ihm Wort und Handschlag versagt hätte . Manche traten freilich beiseit , aber mehr , um untereinander ihre Zustimmung zu dem Geschehenen als ihren Abscheu davor auszusprechen . » Er hat einen schweren Tod gehabt . « » Und wir vorher ein schweres Leben . « Gleich daneben stand eine zweite Gruppe , die noch leiser sprach . » Wer ' s ihm nur gegeben hat ? « » Wer ? Das is gleich . Ob sie ' s ihm beweisen können , das is die Frage . « Drinnen hatte man mittlerweile den Toten auf eine breite Tischplatte gelegt und ihn , bis hoch hinauf , mit neu abgebrochenem Gezweige bedeckt ; nur Brust und Kopf waren frei . Klose trat heran und hatte vor , mit der Protokollaufnahme zu beginnen . Aber der Marsch im Sonnenbrand war doch so beschwerlich gewesen , daß er davon Abstand nehmen und nicht bloß um der andern , sondern auch um seiner selbst willen ein kurzes Ausruhen in einer kühlen schattigen Nebenstube vorschlagen mußte , welche Pause dann freilich von der draußen harrenden Menge sofort dazu benutzt wurde , bis in den bis dahin abgesperrten Saal vorzudringen . Auch Lehnert war unter denen , die sich herzudrängten , blieb aber in Nähe der Tür und mied es , vor das Angesicht des Toten zu kommen . In der kühlen schattigen Nebenstube hatte sich inzwischen alles zusammengefunden , was zur Obrigkeit gehörte , Fragen und Vermutungen aller Art , wie sich denken läßt , waren ausgetauscht worden , und als schließlich auch einige Gerichtspersonen von Arnsdorf und Giersdorf her erschienen waren , trat Klose von der Nebenstube her wieder in den Saal und sagte : » Wir wollen nun anfangen . Ich werde Fragen stellen und drüber hinsehen , daß hier ihrer viele sind , die besser draußen wären und sich geduldet und abgewartet hätten , ob wir ihrer Aussage vielleicht bedürfen werden . Zunächst aber geben wir dem Toten das Wort . Sein Blut verklagt seinen Mörder . Er hat aber auch gesprochen , als er noch bei Leben war , und seine letzten Worte halte ich hier in Händen . « Und der alte Gerichtsmann , als er dies sagte , zog ein Notizbuch aus der Tasche , das er unmittelbar nach Auffindung des Toten zu sich gesteckt und gleich danach , am ersten Rastplatz schon , einer flüchtigen Einsicht unterzogen hatte . » Dies ist Opitz ' Notizbuch « , fuhr er fort . » Als Opitz wußte , daß er in aller Einsamkeit sterben müsse , hat er mit schwerer Hand seinen Letzten Willen hier eingeschrieben . Alles nur kurz und abgerissen und Blutstropfen dazwischen . Und ich werde nun vorlesen , was er geschrieben hat . « Alles drängte bei diesen Worten näher , und die zuhinterst , standen , hoben sich auf die Fußspitzen , um kein Wort zu verlieren . » Die Kräfte verlassen mich « , so beginnen seine Aufzeichnungen . » Geschossen bin ich um die neunte Stunde ... Wenn ich sterben sollte , eh ich gefunden werde , so wisse man , daß ich von einem Wilddiebe geschossen bin , der war ganz nahe mit Doppelflinte , wahrscheinlich ein Böhm ' scher , ziemlich groß in braunem Rock und Hut und falschem Bart ... Eltern und Geschwister , lebet wohl , und Du , meine gute Frau , der ich viel abbitte , lebe wohl ! Ich bitte den Herrn Grafen , daß er Euch versorge , da ich mein Blut in seinem Dienst vergossen habe ... Lebet wohl ; Gott sei mir gnädig ! Betet für mich ! Ich habe große Schmerzen . Guter Gott , erbarme Dich meiner . Herr Graf , sorge für die Meinigen , ich habe mein Blut für Dich vergossen ... Ich schreie so sehr und habe mein Gewehr abgeschossen , daß man mich höre , aber kein Mensch hört mich . O Gott , erlöse mich ! Betet für mich und denket nicht auf Rache ... Gott vergebe meinem Mörder und erbarme sich meiner ... Meine Leiden sind groß . « Als Gerichtsmann Klose diese seine Vorlesung geschlossen und das Notizbuch wieder zu sich gesteckt hatte , ging ein Gemurmel durch den Saal . Es war das Gemurmel der Teilnahme , der Zustimmung , des Erschüttertseins . Opitz war wenig beliebt gewesen , und unter denen , die da standen , Männer und Frauen , waren viele , die seinen Tod mehr als einmal gewünscht hatten ; aber nach Anhörung dieser Worte regte sich doch das Mitleid . Und daß er so sehr für seine Frau bat , für dieselbe Frau , der er viel Herzeleid angetan hatte , der er nun aber auch abbat , das versöhnte mit ihm , und eine der Frauen sagte : » Wer das gedacht hätt . « Der alte Gerichtsmann unterbrach diese dem Toten so günstige Stimmung nicht , und erst als sich die Erregung gelegt hatte , nahm er die Verhandlung wieder auf : » Und nun frag ich nach dem Mörder ! Wer war es ? In dem Notizbuch heißt es , daß es ein Böhmischer war ... Ich glaube nicht , daß es ein Böhmischer war ; ich glaube , daß wir ihn hier auf unserer Seite suchen müssen und daß er , wenn wir alles sehen könnten , was sich klug verbirgt , daß er vielleicht in diesem Saale zu finden wäre . « Während Klose so sprach , sah er absichtlich nur auf den Toten und vermied es , weil er nicht vor der Zeit den ganz bestimmten Ankläger machen wollte , nach der Stelle hinzusehen , wo Lehnert stand . Aber seine Vorsicht war nicht mehr vonnöten ; inmitten der Aufregung , die die Vorlesung der Notizblätter hervorgerufen hatte , hatte sich Lehnert aus dem Saal entfernt , unbekümmert darum , ob sein Verschwinden auffallen werde oder nicht . Fünfzehntes Kapitel Vom Gerichtskretscham aus bis zum » Goldenen Frieden « war die Dorfstraße leer , und erst als Lehnert an dieser Stelle links einbiegen und auf dem mehrerwähnten Schlängelpfade nach dem tiefergelegenen Wolfshau hinunter wollte , sah er Frau Opitz auf eben diesem Schlängelpfade herankommen und trat seitab in den Schatten eines hier stehenden Schuppens , um nicht gesehen zu werden . Frau Opitz sah ihn auch wirklich nicht und schritt ihrerseits auf den Gerichtskretscham zu , wo sie , wie man ihr in Wolfshau gesagt hatte , den Toten finden würde . Jeder war erschüttert , als sie hier in den Saal trat und dem Toten das Haar aus der Stirn strich und ihn küßte , und wenn sich schon vorher ein Stimmungsumschlag zugunsten Opitz ' gezeigt hatte , so vollends jetzt . Die Männer hielten wohl noch zurück , aber die verheirateten Frauen fuhren mit dem Schürzenzipfel nach dem Auge , wenn sie nicht geradezu schluchzten und weinten . Einige drängten sich an die nun Verwitwete heran und baten , sie nach Hause begleiten zu dürfen , wobei sie hoffen mochten , noch was Besonderes zu hören , die gute Frau war aber entweder zu schwach oder wollte sich nicht von dem Toten trennen . Jedenfalls nahm sie , statt der Anerbietungen ihrer Wolfshauer Nachbarsleute , lieber das Anerbieten der Kretschamwirtin an und setzte sich zu dieser in die Küche . Das geschäftige Treiben hier tat ihr wohl und zerstreute sie , denn sie hatte den Hausfrauensinn , der sich auch in diesem Augenblicke nicht verleugnete . Drinnen im Saale war mittlerweile das Bild ein anderes geworden . Es gab nichts mehr zu hören und zu sehen , und so verliefen sich die bloß aus Neugier Herzugeströmten , und nur die , die wegen des Protokolls pflichtmäßig zu bleiben hatten , blieben noch und suchten sich über einige fragliche Punkte zu einigen . Die Tat selbst lag klar vor . Aber die Frage » wer « blieb durchaus unentschieden und wurde durch Opitz ' Aufzeichnungen , der auf einen » Böhmischen « geraten hatte , mehr verwirrt als aufgeklärt . » Es war kein Böhmischer « , wiederholte Gerichtsmann Klose , der seinen ohnehin starken Verdacht gegen Lehnert durch das plötzliche Verschwinden desselben nur noch bestätigt sah ; » es war kein Böhmischer , und wenn ich Bestimmung zu treffen hätte , so brächen wir in dieser Minute noch auf , um Lehnert Menz in Verhaft zu nehmen . Alles deutet auf ihn , auf ihn und keinen andern . Er hat Sonnabend sechs Uhr Wolfshau verlassen , ist das Gehänge hinaufgestiegen , und die Schulkinder haben ihn gesehen . Um acht Uhr muß er oben gewesen sein , um neun Uhr ist es geschehen , um zehn Uhr war er auf der Hampelbaude . Niemand anders ist im Wald oben betroffen worden . All das sagt genug . Zudem wissen wir , daß er noch von I870 her einen Span mit Opitz hatte , sie gönnten sich nicht so viel wie unterm Nagel , und als vorhin alles , was draußen war , in den Saal drängte , hat er immer im Hintergrunde gestanden , statt mit in vorderster Reihe zu stehen , wie doch sonst wohl seine Art ist , und als das Notizbuch von mir vorgezeigt und sein Inhalt verlesen wurde , da hat er ' s nicht ertragen können und ist davongegangen . Das alles hat mir den Beweis gegeben . Und ich wiederhole , der , der diesen Mord auf seine Seele geladen hat , ist kein anderer wie Lehnert Menz . « Die Mehrzahl stimmte zu . Nur der jüngere Gerichtsmann , der in einer Art Eifersucht gegen den alten Klose war , unterhielt allerlei Zweifel ( oder gab es wenigstens vor ) und gab diesen Zweifeln auch Ausdruck . Alles , was eben gesagt worden sei , sei , seiner Ansicht nach , viel zu schwach , um darauf hin eine Verhaftung vornehmen zu können . Es lasse sich schlechterdings nicht sagen , niemand anders sei oben im Gebirge gewesen , im Gegenteil , man wisse nie , wer oben gewesen und wer nicht . Lehnert Menz sei gescheit und umsichtig , und gerade , daß er auf der Hampelbaude vorgesprochen und genächtigt habe , das beweise sein gutes Gewissen . Auch daß er sich hier im Saal immer an der Tür gehalten und die Vorlesung der letzten Worte kaum abgewartet habe , spräche nicht so sehr gegen ihn , als es schiene , wohl aber spräche das für ihn , daß er der erste gewesen sei , der auf Hilfe gedrungen habe . Ja , rasche Hilfe , das sei das einzig Richtige gewesen , und er für seine Person beklage jetzt aufrichtig , daß man nicht gleich gestern abend diese Hilfe geleistet . » Mondschein war . Und vielleicht hätten wir ihn um Mitternacht noch am Leben gefunden . « Auch diese Rede ( was den alten Klose sichtlich verstimmte ) wurde beifällig aufgenommen , und weil man sich , wie das so leicht geschieht , infolge dieser immer persönlicher werdenden Fehde nicht recht einigen konnte , stand man eben auf dem Punkt , die Frage nach der Täterschaft vorläufig wenigstens ganz fallenzulassen , als der Grenzaufseher und gleich nach ihm der junge Forstgehilfe , die man beide zu weiterer Nachforschung an Ort und Stelle zurückgelassen hatte , voll großer Aufregung eintraten . Sie waren erschöpft , denn es war immer schwüler geworden : trotzdem ließ sich unschwer von ihrer Stirn lesen , daß sie gute Botschaft brächten und ihr Suchen nach einem Anhaltspunkte nicht vergeblich gewesen sei . » Nun , ihr Herren « , empfing sie der alte Klose mit der ihm eigenen Bonhomie . » Was bringt ihr ? Aber erst einen Cognac , und dann euren Bericht ! Eine Bärenhitze ! Maywald , wir wollen Tür und Fenster aufmachen . So ! Nun herangerückt ! Und nun , ihr Herren , was gibt es ? « Der Grenzaufseher , welcher der ältere war , nahm zunächst das Wort und erzählte mit vieler Anschaulichkeit , wie sie , nach Ausmessen der Fußspuren ( denn was anderes habe sich nicht finden lassen wollen ) , nahe daran gewesen wären , unverrichtetersache wieder umzukehren , als sein Kamerad , und hierbei wies er auf den jungen Forstgehilfen , eines angebrannten Papierstückchens ansichtig geworden wäre , das an der abgestochenen schmalen Lehmwand des Weges geklebt hätte . Dies Papierstückchen sei , wie sie gleich vermutet , ein Schußpfropfen gewesen , was sie denn bestimmt habe , dasselbe sorglich auseinanderzufalten und zu glätten . Hier sei es und könne vielleicht zur Entdeckung des Täters führen ; denn wie leicht zu sehen , sei es kein gewöhnliches Stück Zeitungspapier , sondern ein Stück von einem alten Kalender , und der Monat sei noch halb und die Jahreszahl 1816 noch ganz deutlich zu lesen . Er glaube , daß das wichtig sei ; denn in demselben Hause , drin man einen alten Kalender von 1816 finden werde , werde man mutmaßlich auch den Mörder finden . Alles war unter diesem Berichte des Grenzaufsehers in Aufregung geraten , weil jeder fühlte , daß die nächste Stunde schon das Geheimnis aufklären müsse . Natürlich war eine Haussuchung nötig , und zur Frage stand nur noch das eine , bei wem damit begonnen werden solle . » Bei wem anfangen ? « fragte der Alte . » Bei Lehnert Menz « , antwortete der Forstgehilfe . » Gut . Und wann ? « » In dieser Minute noch . Denn er hat viel Freundschaft hierherum , und erfährt er , was wir vorhaben , oder wohl gar , wonach wir suchen , so wandert der Kalender in den Ofen oder er selber in die Welt . Er hat es schon lange vor . « Alle waren einverstanden . Nur einige wenige blieben im Kretscham zurück , der Rest aber erhob sich und ging auf Wolfshau zu . Bei der großen Hitze , die herrschte , zog man es vor , die ganz in greller Sonne liegende Chaussee zu vermeiden und lieber , von dem hochgelegenen Kretscham aus , gleich nach links hin bergab zu steigen , um hier , im Schatten der Berglehne , den Weg an der Kühlung gebenden Lomnitz hin zurückzulegen . Unterwegs wurden einige wieder unsicher , und Zweifel ließen sich hören , die , wenn sie nicht geradezu von dem jüngeren Gerichtsmann ausgingen , so doch wenigstens durch eben diesen genährt wurden . Ein halbverbrannter Papierpfropfen sei gefunden worden , soviel stehe fest , aber dieser Pfropfen brauche keineswegs aus dem Gewehre des Wilddiebs zu stammen . Auch Opitz habe geschossen , wenn nicht im Kampf ( worüber sich vielleicht streiten lasse ) , so doch jedenfalls ein paar Not- und Signalschüsse , was aus seinen eigenen Aufzeichnungen hervorgehe . Solcher Äußerungen wurden in der Arrieregarde mehrere laut , aber an der Spitze der Kolonne , wo neben Klose der aus Erdmannsdorf herbeigekommene Gendarm Brey marschierte , hielt man an der einmal gefaßten Meinung fest und war nur einigermaßen überrascht , als man , im Näherkommen an das Inselchen und seine Stellmacherei , Lehnert Menz , in der Tür stehend , gewahr wurde , damit beschäftigt , ein paar überhängende Rosenzweige