Carltheater wirkt jedenfalls erfrischender , als tagelange beschauliche Einsamkeit . « » Das beste , um Sie aufzurütteln , lieber Tilling , « sagte mein Vater , » wäre wohl ein frischer , fröhlicher Krieg - aber leider ist jetzt gar keine Aussicht dazu vorhanden ; der Friede droht sich unabsehbar auszudehnen . « » Was das doch für sonderbare Wortzusammensetzungen sind , « konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken : » Krieg und - fröhlich ; Friede und - drohen . « » Allerdings , « bestätigte der Minister , » der politische Horizont zeigt vor der Hand noch keinen schwarzen Punkt ; doch es steigen Wetterwolken mitunter ganz unerwartet rasch auf , und die Chance ist niemals ausgeschlossen , daß eine - wenn auch geringfügige - Differenz einen Krieg zum Ausbruch bringt . Das sage ich Ihnen zum Trost , Herr Oberstlieutenant . Was mich anbelangt , der ich kraft meines Amtes die inneren Angelegenheiten meines Landes zu verwalten habe , so müssen meine Wünsche allerdings nur nach möglichst langer Erhaltung des Friedens gerichtet sein ; denn dieser allein ist geeignet , die in meinem Ressort liegenden Interessen zu fördern ; doch hindert dies mich nicht , die berechtigten Wünsche derer anzuerkennen , welche vom militärischen Standpunkt allerdings - « » Gestatten Sie mir , Excellenz , « unterbrach Tilling , » für meine Person gegen die Zumutung mich zu verwahren , daß ich einen Krieg herbeiwünsche . Und auch gegen die Unterstellung zu protestieren , als dürfe der militärische Standpunkt ein anderer sein , als der menschliche . Wir sind da , um , wenn der Feind das Land bedroht , dasselbe zu schützen , geradeso wie die Feuerwehr da ist , um , wenn ein Brand ausbricht , denselben zu löschen . Damit ist weder der Soldat berechtigt , einen Krieg , noch der Feuerwehrmann , einen Brand herbeizuwünschen . Beides bedeutet Unglück , schweres Unglück , und als Mensch darf keiner am Unglück seiner Mitmenschen sich erfreuen . « » Du guter , teurer Mann ! « redete ich im Stillen den Sprecher an . Dieser fuhr fort : » Ich weiß wohl , daß die Gelegenheit zu persönlicher Auszeichnung dem einen nur bei Feuersbrünsten dem anderen nur bei Feldzügen geboten wird ; aber wie kleinherzig und enggeistig muß ein Mensch nicht sein , damit sein selbstisches Interesse ihm so riesig erscheine , daß es ihm den Ausblick auf das allgemeine Weh verrammelt . Oder wie hart und grausam , wenn er es dennoch sieht und nicht als solches mitempfindet . Der Friede ist die höchste Wohlthat - oder vielmehr die Abwesenheit der höchsten Übelthat , - er ist , wie Sie selber sagten , der einzige Zustand , in welchem die Interessen der Bevölkerung gefördert werden können , und Sie wollten einem ganzen großen Bruchteil dieser Bevölkerung - der Armee - das Recht zuerkennen , den gedeihlichen Zustand wegzuwünschen und den verderblichen zu ersehnen ? Diesen berechtigten Wunsch großziehen , bis er zur Forderung anwächst , und dann vielleicht sogar erfüllen ? Krieg führen , damit die Armee doch beschäftigt und befriedigt werde - Häuser anzünden , damit die Löschmannschaft sich bewähren und Lob ernten könne ? « » Ihr Vergleich hinkt , lieber Oberstlieutenant , « entgegnete mein Vater , indem er gegen seine Gewohnheit Tilling mit seinem militärischen Titel ansprach , vielleicht um ihn zu ermahnen , daß seine Gesinnungen mit seiner Charge nicht übereinstimmten . - » Feuersbrünste bringen nur Schaden , während Kriege dem Lande Macht und Größe zuführen können . Wie anders haben sich denn die Staaten gebildet und ausgebreitet , als durch siegreiche Feldzüge ? Der persönliche Ehrgeiz ist wohl nicht das einzige , was dem Soldaten Freude am Kriege macht , vor allem ist es der nationale , der vaterländische Stolz , der da seine köstliche Nahrung findet ; - mit einem Wort , der Patriotismus - « » Nämlich die Liebe zur Heimat ? « fiel Tilling ein . » Ich begreife wirklich nicht , warum gerade wir Militärs machen , als hätten wir dieses , den meisten Menschen natürliche Gefühl , allein in Pacht . Jeder liebt die Scholle , auf der er aufgewachsen ; jeder wünscht die Hebung und den Wohlstand der eigenen Landsleute ; aber Glück und Ruhm sind durch ganz andere Mittel zu erreichen , als durch den Krieg ; stolz kann man auf ganz andere Leistungen sein , als auf Waffenthaten ; ich bin zum Beispiel auf unseren Anastasius Grün stolzer , als auf diesen oder jenen Generalissimus . « » Wie kann man einen Dichter mit einem Feldherrn nur vergleichen ! « rief mein Vater . » Das frage ich auch . Der unblutige Lorbeer ist weitaus der schönere . « » Aber , lieber Baron , sagte nun meine Tante , so habe ich noch keinen Soldaten sprechen hören . Wo bleibt da die Kampfbegeisterung , wo das kriegerische Feuer ? « » Das sind mir keine unbekannten Gefühle , meine Gnädige . Von solchen beseelt , bin ich als neunzehnjähriger Junge zum erstenmal zu Feld gezogen . Als ich aber die Wirklichkeit des Gemetzels gesehen , nachdem ich Zeuge der dabei entfesselten Bestialität gewesen , da war es mit meinem Enthusiasmus vorbei , und in die nachfolgenden Schlachten ging ich schon nicht mehr mit Lust , sondern mit Ergebung . « » Hören Sie , Tilling , ich habe mehr Campagnen mitgemacht als Sie und auch Schauderscenen genug gesehen , aber mich hat der Eifer nicht verlassen . Als ich im Jahre 49 schon als ältlicher Mann mit Radetzky marschierte , war ' s mit demselben Jubel wie das erste Mal . « » Entschuldigen Sie , Excellenz - aber Sie gehören einer älteren Generation an , einer Generation , in welcher der kriegerische Geist noch viel lebendiger war , als in der unseren , und in welcher das Weltmitleid , welches nach Abschaffung alles Elends begehrt , und das jetzt in immer größere Kreise dringt , noch sehr unbekannt war . « » Was hilft ' s ? Elend muß es immer geben - das läßt sich nicht abschaffen , ebensowenig wie der Krieg . « ... » Sehen Sie , Graf Althaus , mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen , jetzt schon sehr erschütterten Standpunkt , auf welchem sich die Vergangenheit allen sozialen Übeln gegenüber verhielt , nämlich den Standpunkt der Resignation , mit der man das Unvermeidliche , das Naturnotwendige betrachtet . Wenn aber einmal beim Anblick eines großen Elends die zweifelnde Frage Mußte es sein ? ins Herz gedrungen , so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben , und es steigt neben dem Mitleid zugleich eine Art Reue auf - keine persönliche Reue , sondern - wie soll ich sagen ? - ein Vorwurf des Zeitgewissens . « Mein Vater zuckte die Achseln . » Das ist mir zu hoch , « sagte er . » Ich kann Sie nur versichern , daß nicht nur wir Großväter mit Stolz und Freude auf die durchgemachten Feldzüge zurückdenken , sondern daß auch die meisten von den Jungen und Jüngsten , wenn befragt , ob sie gern in den Krieg zögen , lebhaft antworten würden : Ja gern - sehr gern . « » Die Jüngsten - gewiß . Die haben noch den in der Schule eingepflanzten Enthusiasmus im Herzen . Und von den anderen antworteten viele dieses Gern , weil dasselbe nach allgemeinen Begriffen als männlich und tapfer erscheint , das aufrichtige Nicht gern aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden könnte . « » Ach , « sagte Lilli mit einem kleinen Schauder , » ich würde mich auch fürchten ... Das muß ja entsetzlich sein , wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen , wenn jeden Augenblick der Tod droht - « » So etwas klingt aus Ihrem Mädchenmunde ganz natürlich , « entgegnete Tilling , » aber wir müssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen ... Soldaten müssen auch das Mitleid , den Mitschmerz für den auf Freund und Feind hereinbrechenden Riesenjammer verleugnen , denn nächst der Furcht wird uns jede Sentimentalität , jede Rührseligkeit am meisten verübelt . « » Nur im Krieg , lieber Tilling , « sagte mein Vater , » nur im Krieg ; im Privatleben haben wir , Gott sei Dank , auch weiche Herzen . « » Ja , ich weiß : das ist so eine Art Verzauberung . Nach der Kriegserklärung heißt es plötzlich von allen Schrecknissen : Es gilt nicht . Kinder lassen manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten . Wenn ich dies oder jenes thue , so gilt es nicht , hört man sie sagen . Und im Kriegsspiel herrschen auch solche unausgesprochene Übereinkommen ; Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag ; Raub ist nicht Raub - sondern Requisition ; brennende Dörfer stellen keine Brandunglücke , sondern genommene Positionen vor . Von allen Satzungen des Gesetzbuches , des Katechismus , der Sittlichkeit heißt es da - solange die Partie dauert - Es gilt nicht . Wenn aber manchmal der Spieleifer nachläßt , wenn das verabredete Gilt nicht für einen Moment aus dem Bewußtsein schwindet , und man die umgebenden Scenen in ihrer Wirklichkeit erfaßt und dies abgrundtiefe Unglück , das Massenverbrechen als geltend begreift , da wollte man nur noch eins , um sich aus dem unerträglichen Weh dieser Einsicht zu retten : - tot sein . « » Eigentlich , es ist wahr , « bemerkte Tante Marie nachdenklich , » Sätze wie : Du sollst nicht töten - sollst nicht stehlen - liebe deinen Nächsten wie dich selbst - verzeihe deinen Feinden - « » Gilt nicht , « wiederholte Tilling . » Und diejenigen , deren Beruf es wäre , diese Sätze zu lehren , sind die ersten , welche unsere Waffen segnen und des Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen . « » Und mit Recht , « sagte mein Vater . » Schon der Gott der Bibel war der Gott der Schlachten , der Herr der Heerschaaren ... Er ist es , der uns befiehlt , das Schwert zu führen , er ist es - « » Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren , « unterbrach Tilling , » was sie gethan sehen wollen - und dem sie zumuten , ewige Gesetze der Liebe erlassen zu haben , welche er , - wenn die Kinder das große Haßspiel aufführen - , durch göttliches Gilt nicht aufhebt . Genau so roh , genau so inkonsequent , genau so kindisch wie der Mensch , ist der jeweilig von ihm dargestellte Gott . Und jetzt , Gräfin , « fügte er hinzu , indem er aufstand , » verzeihen Sie mir , daß ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen und lassen Sie mich Abschied nehmen . « Stürmische Empfindungen durchbebten mich . Alles , was er eben gesprochen , hatten mir den teuren Mann noch teurer gemacht ... Und jetzt sollte ich von ihm scheiden - vielleicht auf Nimmerwiedersehen ? So vor anderen Leuten ein kaltes Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen ? ... Es war nicht möglich : ich hätte , wenn die Thüre sich hinter ihm geschlossen , in Schluchzen ausbrechen müssen . Das durfte nicht sein . Ich stand auf : » Einen Augenblick , Baron Tilling , « sagte ich ... » ich muß Ihnen doch noch jene Photographie zeigen , von der wir neulich gesprochen . « Er schaute mich erstaunt an , denn es war zwischen uns niemals von einer Photographie die Rede gewesen . Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des Salons , wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und - wo man sich außer Gehörweite der anderen befand . Ich schlug ein Album auf und Tilling beugte sich darüber . Indessen sprach ich halblaut und zitternd zu ihm : » So lasse ich Sie nicht fort ... Ich will , ich muß mit Ihnen reden . « » Wie Sie wünschen , Gräfin - ich höre . « » Nein , nicht jetzt . Sie müssen wiederkommen ... morgen , um diese Stunde ! « Er schien zu zögern . » Ich befehle es ... bei dem Andenken Ihrer Mutter , um welche ich mit Ihnen geweint - « » Oh Martha ! « ... Der so ausgesprochene Name durchzuckte mich wie ein Glücksstrahl . » Also morgen , « wiederholte ich , ihm in die Augen schauend . » Um dieselbe Stunde . « Wir waren einig . Ich kehrte zu den andern zurück und Tilling , nachdem er noch meine Hand an seine Lippen geführt und die übrigen mit einer Verbeugung begrüßt , ging zur Thür hinaus . » Ein sonderbarer Mensch , « bemerkte mein Vater kopfschüttelnd . » Was er da alles gesagt hat , würde höheren Ortes kaum Beifall finden . « Als am folgenden Tage die bestimmte Stunde schlug , gab ich , wie anläßlich seines ersten Besuches , Befehl , niemand anderen als Tilling vorzulassen . Ich sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefühlen leidenschaftlichen Bangens , süßer Ungeduld und - einiger Verlegenheit entgegen . Was ich eigentlich ihm sagen wollte , das wußte ich nicht genau - darüber wollte ich gar nicht nachdenken ... Wenn Tilling etwa die Frage an mich stellte : » Nun denn , Gräfin , was haben Sie mir mitzuteilen - was wünschen Sie von mir ? « so konnte ich doch nicht die Wahrheit antworten , nämlich : » Ich habe Ihnen mitzuteilen , daß ich Sie liebe ; ich wünsche , daß - Du bleibst . « - Aber in so trockener Form würde er mich wohl nicht verhören und wir würden uns schon verstehen , ohne solche kategorische Fragen und Antworten . Die Hauptsache war : ihn noch einmal sehen - und wenn schon geschieden sein mußte , so doch nicht ohne vorher ein herzliches Wort gesprochen , ein inniges Lebewohl getauscht zu haben ... Bei dem bloß gedachten Worte Lebewohl füllten sich meine Augen mit Thränen . - In diesem Augenblick trat der Erwartete ein . » Ich gehorche Ihrem Befehle , Gräfin und - Was ist Ihnen ? « unterbrach er sich . » Sie haben geweint ? Sie weinen noch ? « » Ich ? ... nein ... es war der Rauch - im Nebenzimmer , der Kamin ... Setzen Sie sich , Tilling ... Ich bin froh , daß Sie gekommen sind - « » Und ich glücklich , daß Sie mir befohlen haben zu kommen - erinnern Sie sich ? im Namen meiner Mutter befohlen ... Auf das hin habe ich mir vorgenommen , Ihnen alles zu sagen , was mir auf dem Herzen liegt . Ich - « » Nun - warum halten Sie inne ? « » Das Sprechen wird mir schwerer noch , als ich glaubte . « » Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen - in jener schmerzlichen Nacht , wo Sie an einem Sterbebette wachten . - Wie kommt es , daß Sie jetzt so alles Vertrauen wieder verloren haben ? « » In jener feierlichen Stunde war ich aus mir selber herausgetreten - seither hat mich wieder meine gewohnte Schüchternheit erfaßt . Ich sehe ein , daß ich damals mein Recht überschritten - und um es nicht wieder zu überschreiten , hatte ich Ihre Nähe geflohen . « ... » In der That ja : Sie scheinen mich zu meiden . Warum ? « » Warum ? Weil - weil ich Sie anbete . « Ich antwortete nichts , und um meine Bewegung zu verbergen , wandte ich den Kopf ab . Auch Tilling war verstummt . Endlich faßte ich mich wieder und brach das Schweigen : » Und warum wollen Sie Wien verlassen ? « fragte ich . » Aus demselben Grunde . « » Können Sie Ihren Entschluß nicht mehr rückgängig machen ? « » Ich könnte wohl - noch ist die Versetzung nicht entschieden . « » Dann bleiben Sie . « Er faßte meine Hand - » Martha ! « Es war zum zweitenmale , daß er mich bei meinem Namen nannte . Diese beiden Silben hatten einen berauschenden Klang für mich ... Darauf mußte ich etwas erwidern , was ihm ebenso süß klänge - auch zwei Silben , in welchen alles lag , was mir das Herz schwellte , und meinen Blick zu ihm erhebend , sagt ' ich leise : » Friedrich ! « In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und mein Vater kam herein . » Ah , da bist Du ja ! Der Bediente sagte , Du seist nicht zu Hause ... ich aber antwortete , daß ich auf Dich warten wolle ... Guten Tag , Tilling ! Nach Ihrem gestrigen Abschied bin ich sehr überrascht , Sie hier zu finden - « » Meine Abreise ist wieder aufgehoben , Excellenz , und da kam ich - « » Meiner Tochter eine Antrittsvisite machen ? Schön . Und jetzt wisse , was mich zu Dir führt , Martha . Es ist eine Familienangelegenheit ... « Tilling stand auf : » Dann störe ich vielleicht ? « » Meine Mitteilung hat ja keine solche Eile . « - Ich wünschte Papa samt seiner Familienangelegenheit zu den Antipoden . Ungelegener hätte mir keine Unterbrechung kommen können . Tilling blieb jetzt nichts Anderes übrig , als zu gehen . Aber nach dem , was eben zwischen uns vorgefallen , bedeutete Entfernung keine Trennung : unsere Gedanken , unsere Herzen blieben bei einander . » Wann seh ' ich Sie wieder ? « fragte er leise , als er mir zum Abschied die Hand küßte . » Morgen um neun Uhr früh im Prater , zu Pferd , « antwortete ich rasch im selben Tone . Mein Vater grüßte den Fortgehenden ziemlich kalt , und nachdem sich die Thür hinter ihm geschlossen : » Was soll das bedeuten ? « fragte er mit strenger Miene . Du lässest Dich verleugnen - und ich finde Dich in tête-à-tête mit diesem Herrn ? « Ich wurde rot - halb in Zorn , halb in Verlegenheit . » Was ist die Familienangelegenheit , welche Du - « » Das ist sie . Ich wollte Deinen Courmacher nur entfernen , um Dir meine Meinung sagen zu können ... Und ich betrachte es als eine für unsere Familie sehr wichtige Angelegenheit , daß Du , Gräfin Dotzky , geborene Althaus , Deinen Ruf nicht etwa verscherzest . « » Lieber Vater , der sicherste Wächter meines Rufes und meiner Ehre ist mir in der Person des kleinen Rudolf Dotzky gegeben , und was die väterliche Autorität des Grafen Althaus anbelangt , so lasse mich in aller Ehrerbietung Dich erinnern , daß ich in meiner Eigenschaft als selbstständige Witwe derselben entwachsen bin . Ich beabsichtige nicht , mir einen Liebhaber zu nehmen , denn das ist ' s , was Du zu vermuten scheinst ; aber wenn ich mich entschließen wollte , wieder zu heiraten , so behalte ich mir vor , ganz frei nach meinem Herzen zu wählen . « » Den Tilling heiraten ? wo denkst Du hin ? Das gäbe erst eine rechte Familienkalamität . Da wäre mir beinahe noch lieber ... nein , das will ich nicht gesagt haben ... aber ernstlich , Du führst doch keine solche Idee im Schilde ? « » Was wäre dagegen einzuwenden ? Du hast mir erst neulich einen Oberlieutenant , einen Hauptmann und einen Major in Vorschlag gebracht - Tilling ist nun gar schon Oberstlieutenant - « » Das ist das schlimmste an ihm . Wäre er Civilist , so könnte man ihm die Ansichten noch verzeihen , die er gestern vorgebracht hat ; aber bei einem Militär grenzen dieselben hart an Verrat ... Er möchte wohl gern seinen Abschied nehmen , um ja nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein , einen Feldzug mitzumachen , dessen Strapazen und Leiden er offenbar fürchtet . Und da er kein Vermögen besitzt , so ist es eine ganz kluge Idee von ihm , eine reiche Heirat machen zu wollen . Ich hoffe aber zu Gott , daß sich zu diesem Zwecke keine Frau hergeben wird , welche die Tochter eines alten Soldaten ist , der in vier Kriegen gefochten hat , und bereit wäre , heute noch mit Begeisterung auszurücken - und die Wittwe eines tapferen jungen Kriegers , welcher auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Tod gefunden . « Mein Vater , welcher während des Sprechens mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging , war hochgerötet und seine Stimme zitterte vor Erregung . Auch ich war im Innersten erregt . Das Phrasenwerk , das hohle Wortgeklingel , in welche die Angriffe auf den Mann meiner Liebe eingekleidet waren , widerte mich an . Aber ich fand keine Entgegnung . Daß meine Verteidigung das bodenlose Unrecht , welches Tilling hier geschah , nicht aufheben konnte , das fühlte ich . Wenn mein Vater die gestern geäußerten Ansichten so falsch beurteilte , so lag das eben an einem gänzlichen Unverständnis . Gegen die Gesichtspunkte , welche Tilling vertreten hatte , war mein Vater einfach blind . Ich konnte ihn nicht sehend machen . Ich konnte ihn nicht lehren , einen anderen ethischen Maßstab - als den soldatischen , der ja in General Althaus ' Augen der höchste Maßstab war - an die Gesinnungen zu legen , welche jener als Mensch und Denker hegte . Aber während ich den eben gehörten Ausfall gegenüber so stumm dastand , daß mein Vater wohl glauben mochte , er habe mich beschämt und meine Absichten im Keime erstickt , fühlte ich mich doppelt sehnsüchtig zu dem verkannten Manne hingezogen und in dem Entschluß bestärkt , die Seine zu werden . Ich war ja zum Glück frei . Des Vaters Mißbilligung konnte mich allerdings betrüben , allein mich von dem Zuge meines Herzens zurückhalten , das konnte sie nicht . Und auch zu großer Betrübnis war kein Raum in meiner Seele . Das wunderbare , das mächtige Glück , welches in der letzten Viertelstunde sich mir eröffnet hatte , war zu lebhaft , um daneben den Verdruß aufkommen zu lassen . Am folgenden Morgen erwachte ich mit einem Gefühle , das demjenigen glich , mit welchem ich jedesmal als Kind am Weihnachtstage und einmal als Braut an meinem Vermählungsmorgen erwachte : dieselbe unaussprechliche Erwartung , dasselbe erregte Bewußtsein , daß heute Frohes , Großes bevorstand . Einige Mißstimmung brachte mir zwar die Erinnerung an die Worte , welche Tags vorher mein Vater gesprochen - aber diesen Gedanken hatte ich schnell wieder verscheucht . Es war noch nicht neun Uhr , als ich am Eingang der Praterallee den Wagen verließ und mein mit dem Reitknecht vorausgeschicktes Pferd bestieg . Das Wetter war frühlingsduftend und mild - zwar sonnenlos , darum aber nur desto milder , und Sonnenschein trug ich ohnehin im Herzen . Es hatte in der Nacht geregnet ; die Blätter prangten in frischem Grün und aus dem Boden drang feuchter Erdgeruch herauf . Ich war kaum hundert Schritte die Allee hinabgeritten , als ich hinter mir den Hufschlag eines in scharfem Trabe heransprengenden Pferdes vernahm . » Ah , grüß Gott , Martha - das freut mich , Dich hier zu treffen . « Es war Konrad , der Unvermeidliche . Mich freute diese Begegnung gar nicht . Nun freilich , der Prater war nicht mein Privatpark und an so schönen Frühlingsmorgen ist die Reit-Allee stets gefüllt : wie konnte ich nur so ungeschickt sein , hier auf ein ungestörtes Stelldichein zu rechnen ? Althaus hatte seinem Pferd die Gangart des meinen annehmen lassen und schickte sich offenbar an , der treue Begleiter meines Spazierrittes zu sein . Jetzt erblickte ich von weitem Friedrich von Tilling , der in unserer Richtung die Allee herabgaloppierte . » Vetter - nicht wahr , ich bin Dir eine gute Verbündete ? Du weißt , daß ich mir Mühe gebe , Lilli für Dich zu stimmen ? « » Ja , edelste der Cousinen . « » Erst gestern abends habe ich ihr wieder Deine guten Eigenschaften gepriesen ... denn Du bist wirklich ein prächtiger Junge : gefällig rücksichtsvoll - « » Was willst Du nur von mir ? « » Daß Du Deinem Tiere einen Gertenhieb giebst und weiter trabst ... « Schon war Tilling ganz nahe . Zuerst schaute Konrad ihn , dann mich an , und ohne ein Wort zu sagen , nickte er mir lächelnd zu und stürmte davon , als wäre er auf der Flucht . » Wieder dieser Althaus ! « waren Tillings erste Worte , nachdem er Kehrt gemacht , um an meiner Seite weiterzureiten . In seinem Tone und seinen Mienen drückte sich deutlich Eifersucht aus . Das freute mich . » Ist er bei meinem Anblicke so ausgerissen , oder geht sein Pferd durch ? « » Ich habe ihn weggeschickt , weil - « » Gräfin Martha - daß ich Sie gerade mit Althaus treffen mußte ! Wissen Sie daß die Welt behauptet , er sei in seine Cousine verliebt ? « » Das ist wahr . « » Und werbe um ihre Gunst ? « » Das ist auch wahr . « » Und nicht hoffnungslos ? « » Nicht ganz hoffnungslos - « Tilling schwieg . Ich schaute ihm glücklich lächelnd ins Gesicht . » Ihr Blick widerspricht Ihren letzten Worten , « sagte er nach einer Pause ; » denn Ihr Blick scheint mir zu sagen : Althaus liebt mich hoffnungslos . « » Er liebt mich überhaupt nicht . Der Gegenstand seiner Werbung ist meine Schwester Lilli . « » Sie wälzen mir einen Stein vom Herzen . Dieser Mensch war mit ein Grund , warum ich Wien verlassen wollte . Ich hätte es nicht ertragen können , sehen zu müssen - « » Und was hatten Sie noch für andere Gründe ? « unterbrach ich . » Die Angst , daß meine Leidenschaft zunehme , daß ich dieselbe nicht länger würde verhehlen können - daß ich mich lächerlich mache und unglücklich zugleich - « » Sind Sie unglücklich heute ? « » O Martha ! « ... Ich lebe seit gestern in einem solchen Taumel der Gefühle , daß ich fast bewußtlos bin . Aber nicht ohne Angst - wie wenn man gar zu süß träumt - daß ich plötzlich wieder zu einer schmerzlichen Wirklichkeit erweckt werde . Im Grunde ist ja meine Liebe doch aussichtslos ... Was kann ich Ihnen bieten ? Heute lächelt mir Ihre Huld und erhebt mich in den siebenten Himmel ... Morgen - oder etwas später - werden Sie mir die unverdiente Huld wieder entziehen und mich in einen Abgrund der Verzweiflung stürzen ... Ich kenne mich selbst nicht mehr : wie hyperbolisch ich da rede - der ich sonst ein ruhiger , besonnener Mensch , ein Feind aller Übertreibungen bin ... Aber Ihnen gegenüber kommt mir nichts mehr übertrieben vor : in Ihrer Macht liegt es , mich selig und elend zu machen « ... » Sprechen wir auch von meinen Zweifeln : die Prinzessin - « » O , ist dieser Klatsch Ihnen auch zu Ohren gekommen ? Nichts - nichts ist daran . « » Natürlich , Sie leugnen . Das ist Ihre Pflicht - « » Die betreffende Dame , deren Herz jetzt bekanntermaßen in der Burg gefesselt ist - auf wie lang ? denn dieses Herz verschenkt sich häufig - die Dame würde auch den diskretesten Menschen nicht zu Grabesverschwiegenheit verpflichten - also können Sie mir doppelt glauben . Und übrigens : hätte ich Wien verlassen wollen , wenn jenes Gerücht begründet wäre ? « » Eifersucht kennt keine Vernunftschlüsse : hätte ich Sie hierher bestellt , wenn ich gekommen wäre , um meinen Vetter Althaus zu treffen ? « » Es wird mir schwer , Martha , so ruhig neben Ihnen einzureiten ... Ich wollte Ihnen zu Füßen fallen - wollte wenigstens Ihre geliebte Hand an meine Lippen führen - « » Lieber Friedrich , « sagte ich zärtlich , » solche Ergüsse sind nicht nötig - auch mit Worten kann man huldigen , wie mit einem Kniefall und liebkosen , wie - « » Mit einem Kuß , « ergänzte er . Nach diesem letzten Worte , das uns beide elektrisch durchzuckte , schauten wir uns eine Zeit lang in die Augen und erfuhren , daß man auch mit Blicken küssen kann ... Er sprach zuerst : » Seit wann ? « Ich verstand die unvollendete Frage ganz gut . » Seit jenem Diner bei meinem Vater , « antwortete ich . » Und Sie ? « » Sie ? Dieses Sie ist eine Dissonanz , Martha . Soll ich die Frage beantworten , so werde sie anders formuliert . « » Und - - Du ? « » Ich ? Wohl auch seit demselben Abend . Aber so recht klar wurde es mir erst am Sterbebett meiner armen Mutter ... Wie sehnsüchtig meine Gedanken zu Dir flüchteten ! « » Das habe ich auch so verstanden . Du hingegen , hast die Sprache der roten Rose nicht verstanden , welche zwischen den weißen Totenblumen eingeflochten war , sonst hättest Du bei Deiner Ankunft mich nicht so gemieden . Ich begreife noch jetzt den Grund dieses Fernhaltens nicht - und warum Du abreisen wolltest ? « » Weil sich mein Gedanke nie bis zu der Hoffnung verstieg , daß ich Dich erringen könnte . Erst als Du mir bei dem Andenken meiner Mutter befahlst , zu Dir zu kommen und zu bleiben befahlst - da habe ich verstanden , daß Du mir gewogen bist - daß ich Dir mein Leben weihen dürfe . « » Also , wenn ich nicht selber mich Dir an den Hals geworfen - Du hättest Dich nicht um mich bemüht ? « » Du hast eine große Anzahl Bewerber - unter diesen Haufen würde ich mich nicht gemischt haben . « »