- So tat sie das , wogegen alles Frühere nicht zählte . Sie vollzog den Betrug , der die Schande zu bemänteln hatte . Hermann mußte getäuscht werden . Das war so leicht und darum gar so schlecht ... Und geschah , und Maria duldete die Erniedrigung , die sie für unausdenkbar gehalten hatte , die ganze ! Nichts ward ihr geschenkt - nicht der Freudenausbruch , mit dem der hintergangene Mann die in tiefdunkler Nacht gestammelte Kunde aufnahm , nicht seine erhöhte Zärtlichkeit , nicht Wilhelms gutmütige Scherze , nicht Helmis treue Teilnahme , nicht Gräfin Agathens feierliche Segenswünsche . Maria spielte eine jammervolle Komödie , heuchelte Interesse an gleichgültigen Dingen , Freude an den harmlosen Vergnügungen , den Landpartien und Waldfesten , die Hermann und Wilhelm veranstalteten , um sie zu zerstreuen . Nicht immer , aber doch meistens ließ Hermann sich täuschen . All sein Glück ging von dem Bilde aus , das er sich von ihrem Glücke machte . Sie aber lebte in der Liebe zu ihrem Kinde , pflegte eifrig ihre Kunst , die sie nie schöner und hinreißender als jetzt ausgeübt hatte , und grübelte sich allmählich in eine eigentümliche Sophistik hinein . Die Sühne , nach der sie rief , lag gewiß in der Einsicht , daß es ihr verwehrt sei zu sühnen . Der verdammende Schicksalsschluß , der über sie gefällt war , lautete : Du liebst die Wahrheit , wandle in der Lüge . 12 Im Sommer kamen Graf Wolfsberg und seine Schwester mit ihrer Gesellschaftsdame , Fräulein Annette Nullinger , nach Dornach . Beinahe auf dem Fuße folgte ihnen , ohne eingeladen zu sein , ohne sich angesagt zu haben , die kleine Gräfin Felicitas Soltan . Sie kam , um zu fragen , ob Tessin , wie er vor seiner Abreise versprochen , an Gräfin Dolph geschrieben habe , wie es ihm gehe , und besonders - ob er sie grüßen lasse . Aber noch war kein Brief von ihm eingetroffen , und nur durch Zeitungstelegramme wußte man , daß er auf seinem Posten angelangt und festlich empfangen worden war . An einem schwülen Sonntagnachmittag hatten sich die Schloßbewohner in einem breiten offenen Zelte am Ufer des Teiches versammelt . Dichtes Buschwerk umgab ihn ringsum , und hinter diesem ragten das hellgrüne malerische Gezweig einzelner Tulpenbäume und aus weiterer Entfernung die dunkeln Gipfel eines Balsamtannenhaines in das gleichförmige , ruhig leuchtende Himmelsblau empor . Alle im Zelte Anwesenden , Fräulein Nullinger und Hermann junior ausgenommen , rauchten . Annette hatte nach und nach ihren Sessel bis zum Eingang vorgerückt ; dennoch schwebte tückischer Tabaksqualm ihr nach und machte sie hüsteln , was Gräfin Dolph unabweislich rügte . Sie saß in der Tiefe des Zeltes in einem ausgefütterten Strandsessel und hatte eine Haube auf , die ungemein an die häusliche Kopfbedeckung der französischen Könige im 15. Jahrhundert erinnerte . » Nulle « , sprach sie - » Ich heiße Nullinger « , berichtigte das Fräulein , ohne sich umzuwenden . » Nun denn , Nullinger , zwingen Sie sich doch nicht zu husten - aus purer Affektation . « Annette zuckte die Achseln und preßte die Flächen ihrer feuchten Hände aneinander ; ihre roten aufgeworfenen Lippen hatten das ihnen eigentümlich nervöse Beben . Fee nickte ihr bedauernd zu und seufzte : » Ach , welche Hitze ! Ist es immer so heiß bei Ihnen , Graf Dornach ? « Sie wiegte sich in ihrem Schaukelstuhle , hatte die Augen halb geschlossen und ließ wie todmüde die Arme an beiden Seiten ihres schlanken und zierlichen Körpers herabhängen . Graf Wolfsberg , den zu amüsieren sie sich vorgenommen , war heute ein undankbares Publikum . Er hatte nicht einmal bemerkt , daß sie sein Lieblingskleid angezogen , das weiße , gestickte , mit der rosafarbigen Bébéschleife . Bei Tische , als sie , nur um ihm Spaß zu machen , die heiligsten Geheimnisse ihres Herzens auskramte , von ihren unbezahlten Rechnungen gesprochen , von ihrem Glauben an die Zukunft des Spiritismus als Staatsreligion , von allerlei Skrupeln , die sie sich machte - intim , ganz intim ! - , hatte er kaum zugehört . Und nun saß er seit einer Stunde ernst und schweigsam neben ihr , und sie verzweifelte endlich daran , ihn seiner üblen Laune zu entreißen . Hermann und Maria kannten den Grund seiner Verstimmung . Er war , indes die anderen sich in der Kirche befanden , auf den Friedhof gegangen und hatte Wolfis Grab besucht . » Wozu ? warum tut er solche Sachen , die ihn viel zu sehr angreifen ? « hatte Dolph ihrer Nichte geklagt . Auch sie trachtete ihn zu zerstreuen und suchte dabei die wirksamste Unterstützung , die des kleinen Hermann ; sie war aber in diesem Augenblick nicht zu haben . Das Knäblein mühte sich gar eifrig , Steinchen , die es gesammelt und auf den Schoß seiner Mutter gelegt hatte , mit ihrer Hilfe ins Wasser zu werfen . Seine Antwort auf die Einladung der Großtante , zu ihr zu kommen , lautete entschieden verneinend , und die aufrichtigste Abneigung sprach aus dem raschen Blicke , den er der alten Frau von unten herauf zuwarf . Gräfin Dolph machte ihrem Unmut über die Vergeblichkeit der Liebesmüh , die sie seit langem an dieses schöne und entzückende Kind verschwendete , dadurch Luft , daß sie plötzlich von den Unannehmlichkeiten zu sprechen begann , die das Landleben für sie mit sich brächte . » Etwas Schreckliches zum Beispiel « , sagte sie , » ist die Kontrolle , unter der man mit seinen Kirchenbesuchen steht . Man kann sich keinen einzigen schenken , und ich sag euch , noch ein Hochamt wie das heutige , und ihr könnt mich gleich dabehalten in eurer Familiengruft . Und Sie , Nulle , das bitte ich mir aus , placieren Sie sich am nächsten Sonntag nicht wieder in das Oratorium uns gegenüber . Sie stören mich , Sie rauben mir das bißchen Andacht , das ich noch habe , mit Ihren Ekstasen , vermischt mit Übelkeiten . « Dieser Ausfall wurde von Fräulein Annette mit ungewohnter Kaltblütigkeit zurückgeschlagen . Wenn eine Andacht durchaus unter der anderen leiden müsse , sagte sie , möge es nur immerhin die minderwertige - die der Gräfin sein . Fee klatschte ihr Beifall zu und gab ihr die Versicherung , sie sei die gescheiteste Nullinger , die jemals hienieden gewandelt ; dann stieg die kleine Frau , von Hermann , der herbeitrat , unterstützt , in den am Ufer befestigten Kahn . Losgemacht durfte er nicht werden . Sie wollte da bleiben , sich schaukeln auf der kühlen Flut und hören , wie sich die Konversation des Grafen Wolfsberg - von weitem macht . Er ließ sich endlich herbei , ihr einen Scherz zuzurufen , den sie ebenso schlagfertig wie unpassend erwiderte . Der von ihrer Seite munter geführte Kampf , der sich nun zwischen ihnen entspann , wurde durch das Eintreffen des Postpakets unterbrochen . Maria verteilte die Zeitungen und die Briefe . » Ist etwas für mich da ? « - » Für mich ? « fragten Fee und Gräfin Dolph . » Ja . « Maria schob der letzteren ein großes Schreiben zu . » Von Tessin « , sprach die Gräfin . » Von Tessin « , wiederholte sie lauter und schwenkte den Brief in der Luft . » Fee , sieh her . « » Für Fee « , sagte Maria , und Hermann übernahm aus ihrer Hand eine ganze Ladung Modejournale und Zeitschriften , die er in den Kahn reichte . » Das sind Ihre unbezahlten Rechnungen « , rief Wolfsberg . » Geben Sie acht , Gräfin , Ihr Dampfer versinkt unter der Last . « Felicitas war beim Nennen des Namens Tessin so rasch aufgesprungen , daß ihr kleines Fahrzeug in bedenkliches Schwanken geriet . Sie sank zurück , schrie und warf sich so ungestüm von einer Seite zur andern , als ob sie es darauf abgesehen hätte , den Kahn umkippen zu machen . Hermann zog ihn mit der breiten Seite dicht ans Land und sagte , halb lachend , halb verdrießlich : » Ihr Leben ist gerettet , steigen Sie aus . « Die Übermütige sträubte sich : » Noch nicht ! noch nicht ! - ich will , daß man Tessin schreibt , ich sei fast ertrunken vor Freud , wie es geheißen hat , daß ein Brief von ihm gekommen ist . Sie sind Zeuge , Fräulein Nullinger , schwören Sie darauf , ich bitte um einen ordentlichen Eid - ich bitte ! « » Ei , ei , Frau Gräfin , einen Spaß mit so heiligen Dingen verstehe ich nicht « , rügte das Fräulein . » Nicht ? - o weh ! dann schwören also Sie , Graf Wolfsberg . « Mechanisch antwortete der Graf : » Ja , ja . « Seine ganze Aufmerksamkeit war von Maria in Anspruch genommen . Sie hatte einen Brief vor sich hingelegt , einen zweiten Brief von Tessin , noch größer und gewichtiger als der an Gräfin Dolph gerichtete , und war in der Betrachtung der kräftigen , leicht geformten Züge der Aufschrift versunken . In ihrem Gesichte malte sich starres Entsetzen . Wenn diese wenigen Zeilen Tod und Verderben verkündet hätten , sie würde nicht anders auf sie niedergeblickt haben . Nun schien sie zu fühlen , daß die Augen ihres Vaters auf ihr ruhten , erhob die ihren , sah ihn an - und senkte langsam das Haupt . Dieses kurze stumme Gespräch zwischen Vater und Tochter wurde von niemandem beobachtet . Gräfin Dolph schwelgte im Genusse der geistvollen Epistel ihres Horace Walpole ; Fräulein Nullinger verfolgte teilnehmend das Schauspiel der » Rettung « Fees durch Hermann . Trotz aller Possen , die dessen Heldin trieb , kam es glücklich zum Abschluß . Hermann trat ins Zelt , blieb hinter dem Sessel Marias stehen , und über ihre Schulter blickend , las er von seinem Platze aus die Adresse des zweiten Briefes Tessins : » Herrn Wolfgang Forster « . Es entspann sich eine Verhandlung darüber , was mit dem Briefe zu geschehen habe . » Er ist so dick « , meinte Fee , » es stecken gewiß noch ein paar andere drin , die der Herr Forster hat übergeben sollen . Man muß ihn aufmachen . « Gräfin Dolph bestätigte : » Man muß ihn aufmachen , natürlich . « Hermann jedoch erklärte , so gar natürlich käme ihm das nicht vor . » Was sagst du , Maria ? « fragte er und strich mit der Hand über ihren Scheitel . Sie wandte sich , ergriff diese Hand und drückte sie an ihre Lippen . Das war genug , um die heftigste Eifersucht des kleinen Hermann auf den großen zu wecken . Das Kind schrie und strebte zu ihr empor , und sie hob es auf ihre Knie und drückte ihr Gesicht an das seine . Noch hatte sie ihn , noch hatte sie eine Liebe , deren ganzen Wert sie zu erkennen begann , nachdem sie sich ihrer unwert gemacht - die Liebe des besten Mannes . Noch hatte sie die Achtung aller guten Menschen ... Eine kleine Weile , ein Riß durch die dünne papierne Hülle da auf dem Tische - und alles ist vorbei , und vor ihr öffnet sich die Hölle der Schande . Ihr Knäblein schlingt die Arme um ihren Hals und sie die ihren um ihn . Doch diese heiligste Umarmung schützt sie nicht . Sie hört nicht das zärtliche Geflüster der süßen Kinderstimme - sie hört eine andre , entsetzliche , die ihr zuruft : Was schauderst du ? - doch nicht vor dem , was im Gefolge der Wahrheit kommt , nach der du geschmachtet hast und gelechzt ? Da ist sie - begrüße sie . Tu ' s , Armselige ... Oder war es doch nicht der Betrug , wovor du am bängsten gezittert hast ? ... Wo ist jetzt dein Abscheu vor ihm ? ... Noch empfind ich ihn , dachte Maria , küßte das Kind und stellte es auf den Boden . » Ich bin dafür « , vernahm sie nun - Gräfin Dolph sprach - , » den Brief aufzubrechen , um nachzusehen , ob er nicht wirklich andere enthält , wie Felicitas glaubt . Wenn ja , verteilt man sie , wenn nein , schicken wir dem Freunde morgen seine zwölf Seiten , eng und zierlich , ein kleines Manuskript , ungelesen , weil wir schon so hyperdiskret sind , zurück . Einverstanden , Hermann ? « » Nein « , lautete die Antwort , » ich öffne keinen Brief , der nicht an mich gerichtet ist . « Er nahm ihn , reichte ihn dem Grafen Wolfsberg und sagte leise zu ihm : » Nimm ihn zu dir , mache mit ihm , was du willst , nur sei nicht mehr die Rede davon . Alles , was Maria an Wolfi erinnert , greift sie furchtbar an . - Es ist drückend heiß hier im Zelt « , setzte er , an seine Frau gewendet , hinzu . » Komm ins Freie , Maria . « Er nahm ihren Arm , den sie ihm willenlos überließ , und geleitete sie hinweg . Nach dem Abendessen las Gräfin Dolph der Gesellschaft das Schreiben Tessins ganz meisterhaft vor . Etwas von allem war darin enthalten , Ernst und Scherz , anschauliche Schilderungen von Land und Leuten , ein kräftiger und rührender Ausdruck des Heimwehs , das ihn peinigte . Fee zog sich , sobald die Lektüre beendet war , in ihre Gemächer zurück . Kurz darauf begab sich auch Gräfin Dolph , von Hermann und Fräulein Nullinger geleitet , zur Ruhe . Graf Wolfsberg blieb mit seiner Tochter allein . » Hermann hat immer recht « , sprach er nach einer langen Pause . » Auch mir hat es widerstrebt , den Brief an den unglücklichen Forster zu öffnen . Ich habe ihn Tessin zurückgeschickt . « » Ich danke dir , Vater « , erwiderte Maria mühsam und stockend . » Ich hätte aber gewünscht , daß Graf Tessin gebeten würde , es bei diesem Versuch , mir Nachricht von sich zu geben , bewenden zu lassen . « » Das soll geschehen . « Sie hatten vermieden , einander anzusehen ; nun plötzlich begegneten sich ihre Blicke . Eine große Zärtlichkeit , ein großes Mitleid sprach aus dem seinen . Er streckte ihr die Hand entgegen , er wollte reden . Marias Mund verzog sich schmerzlich , und sie machte eine flehend abwehrende Gebärde . Sehr lange hielt es Graf Wolfsberg in Dornach nie aus . Die werktätige Barmherzigkeit , auf die seine Tochter sich ganz verlegte , widerstrebte ihm . Es war ihm zu unangenehm , sagte er , an die Enttäuschungen zu denken , die sie erfahren werde , nicht jetzt , nicht in den nächsten Jahren , doch in fünf , in zehn ; und nicht durch den Undank , der unausbleiblich sei - Dank erwarte sie ja nicht - , sondern durch die Erkenntnis , daß ihr Bestreben , das materielle und sittliche Elend der Leute zu verringern , nutzlos und in manchen Fällen schädlich gewesen sei . Jedes Bestreben aber , dessen Resultat negativ bleibt , ist ein unvernünftiges und demoralisierendes . » Diese Leute « - wenn er die Worte sprach , biß er die Zähne zusammen , und Haß und Grausamkeit blitzten aus seinen Augen - » sind faul , heimtückisch , unverbesserlich . Es ist noch jeder gescheitert , der glaubte , im Guten auf sie einwirken zu können . Ich habe ja nicht von Anfang an die Hände in die Taschen gesteckt und zugesehen , wie einer der Dummköpfe nach dem andern zugrunde geht ... Sie haben mich von meiner christlichen Barmherzigkeit kuriert , sie selbst ! « » Weißt du , Vater , warum ihnen das gelang ? - Darf ich ' s sagen ? « fragte Maria . » Nur zu ! « » Weil du sie nicht liebst und sie das fühlen . « » Wohl mir und ihnen . So bin ich sicher vor einem Girondistenlose und sie vor einer neuen Gelegenheit , zu zeigen , wie sie Liebe vergelten . Laß es gut sein ! « kam er dem Einwand zuvor , den sie erheben wollte , » wir zwei werden einander in dieser Sache nicht überzeugen . « Der Sommer war vorbei ; auch Gräfin Dolph und Felicitas hatten Dornach verlassen . Die Zeit verging still und ereignislos . Maria , oft unwohl , erlaubte nicht , daß Rücksicht darauf genommen werde . Sie wußte , daß ihr nur eines frommte : sich selbst vergessen , ihre Leidenskraft stählen , indem sie die Leiden der anderen milderte . » Meine Wohltäter « , nannte sie die Hilfeheischenden . Das Laster , das Unrecht , die Torheit fanden in ihr eine hartnäckige Bekämpferin . Ihrer unerschöpflichen Langmut fehlte es nie an Gelegenheiten , sich zu üben . Und nicht immer war es die Bürde schweren Ungemachs , die mitzutragen sie eingeladen wurde ; es befand sich auch sehr leichtes Gepäck darunter und lächerliche , willkürlich aufgehalste Last . An einer solchen schleppte Lisette und machte unangemessene Ansprüche an die Teilnahme » des Kindes « . Sie hatte sich in den Kopf gesetzt , was Doktor Weise hindere , um sie anzuhalten , sei die Angst vor einem Korbe . » Er ist ein so zurückgezogener Mann und kommt zu nichts « , vertraute sie ihrer Gebieterin . » Niemand schaut auf ihn . Seine Manschetten sind immer zerdrückt , und den Hemdkragen hat er neulich gar umgekehrt eingeknöpfelt gehabt . « Außer dem Wunsche , das Recht zu erwerben , für die Manschetten und Hemdkragen Weises zu sorgen , hatte sie noch den sehr großen , » Frau Doktorin « genannt zu werden . Das ewige » Fräulein Lisette « , Fräulein hin und Fräulein her , war ihr schon so zuwider , sie konnte es nicht mehr hören . » Geh , sprich du mit ihm , leg ' s ihm nah , daß ich ihn nehmen möcht « , mit dieser Bitte schloß sie regelmäßig ihre Herzensergießungen und erhielt jedesmal den Bescheid , daß ihr Wunsch unerfüllbar sei . So blieb Lisetten am Ende nichts übrig , als eigenmächtig einzugreifen in ihr und des Doktors Geschick . Sie ersuchte ihn eines Morgens , sie mitzunehmen in seinem Wagen , in dem er jetzt täglich zu einem Patienten nach dem nahen Städtchen fuhr ; sie habe dort einige Weihnachtseinkäufe zu besorgen . Weise war dazu bereit : » Es ist mir schmeichelhaft « , sagte er , als Lisette im Pelzmantel und Capuchon neben ihm Platz nahm . » Wo darf ich Sie absetzen ? « Dabei lächelte er , aber nicht aus Wohlgefallen an ihrer äußeren Erscheinung , sondern über den Einfall , daß ihm noch nie eine Person vorgekommen sei mit einem so ausgesprochenen Jahrmarktspuppengesicht . Auch Lisette lächelte . » Denken Sie jetzt schon ans Absetzen ? Das ist ja gar nicht schön von Ihnen . « Ihre Oberlippe zog sich in die Höhe , und es kamen kleine Mauszähne zum Vorschein , die sehr gut gepflegt , aber ziemlich abgenützt waren . Sie wurde nach und nach ganz deutlich in ihren Anspielungen und der Zaunpfahl , mit dem sie winkte , keulenartig . Dem Doktor stiegen , wie er sich selbst gestand , gewisse Apprehensionen auf , und er rückte so weit als möglich von ihr fort . Sie sah darin eine Aufforderung seiner Gastfreundschaft , sich ' s recht bequem bei ihm zu machen , lehnte sich zurück und betrachtete sein Profil . Der Rand seines weit hinausragenden Mützenschirms und die Spitze seiner Nase standen in senkrechter Linie . Mund und Kinn hingegen wichen , wie aus Respekt vor dem bedeutenden Gesichtsvorsprung , jäh zurück . Da fand die verwünschte Zaghaftigkeit , mit der Lisette heute einmal fertigwerden wollte , ihren Ausdruck . Nach einigen einleitenden Reden meinte sie den Streich führen zu dürfen . Sie tat es - der Doktor stellte ihr dieses Zeugnis aus , als er sich von dem erlittenen Angriff erholt hatte - mit hochgradiger Dezenz , indem sie ihn fragte , ob er nie daran gedacht habe , sich zu verändern . » Doch , doch , vor Jahren einmal « , seufzte er und zog , ohne es zu wollen , die Zügel des lammfrommen Schecken an , der sogleich stehenblieb , sich aber auf den Zuruf : » Allons , Allons ! « wieder in Bewegung setzte . » Und seitdem nicht mehr ? ... Das ist schad , und dann ist es auch traurig . « Sie blinzelte schalkhaft zu ihm hinüber , was ihn empörte und beängstigte . Er kam sich so hilflos und ihr preisgegeben vor in unendlicher Einsamkeit . Soweit das Auge reichte , war nichts zu sehen als Schnee und Schnee und nichts Lebendiges wahrzunehmen als der Scheck , einige Krähen und das Frauenzimmer , das ihm » Avancen « machte . Sie sprach viel , und alles , was sie sagte , war entweder schmeichelhaft für ihn oder für sie , und ihm blieb nichts übrig als entweder : » Das Fräulein sind zu gütig « , zu murmeln oder : » Das Fräulein haben recht . « » Ein solcher Mann « , sprach sie nun milde , » und hat keinen Herd . « » Entschuldigen , habe , habe , o einen vorzüglichen , neuester Konstruktion . « » Einen häuslichen , mein ich . Ein solcher Mann - und hat keine Frau . « » Oh , bitte , bitte - die habe ich auch . « Fräulein Lisette neigte sich so rasch zur Seite , daß man es ein Sich-zur-Seite-Werfen hätte nennen können . » Sie - Sie haben - eine Frau ? « » Ja freilich , eine wunderhübsche . « » Wo ? « » Bei ihren Eltern habe ich sie . Ich habe sie ihren Eltern aufzuheben gegeben . « » Das heißt « , berichtigte Lisette , der plötzlich alles Zartgefühl abhanden gekommen war , » Sie haben sie fortgejagt ? « » Bitte , bitte ! ... Eine so undelikate Maßregel ergreift man nicht gegen eine Dame , die man ohnehin unglücklich gemacht hat , indem man ihr etwas höchst Fatales eingeflößt . « Seine Zuhörerin erschrak tödlich , sie dachte an Gift . Er aber flüsterte : » Antipatheia . « » Jesus ! was ist denn das ? « rief Lisette . » Ein inkurables und darum so perniziöses Leiden , weil es den Menschen um seine schönste Illusion bringt , um die des freien Willens . - Denken Sie sich eine von den besten Absichten für ihren Eheherrn beseelte Frau , die im Augenblick , in welchem sie dieselben betätigen soll , von der heftigsten Versuchung ergriffen wird , ihm etwas an den Kopf zu werfen ... und derselben nur selten zu widerstehen vermag . - Dabei süßer Empfindungen durchaus nicht unfähig - o nein ! wenn es auch dem Betreffenden nicht beschieden war , sie zu wecken , außer - auf Distanz . In je weiterer Entfernung er sich von ihr befand , eine desto hingebendere Gattin wurde sie ihm . So sprach er denn eines Tages zu ihr , indem er sich an einen Dichter lehnte : Wie gut wäre es , Carissima , wenn du , um mich mehr zu lieben , dich für immer von mir entferntest ! - Sie tat es , und seitdem führen wir die musterhafteste Ehe . Haben vor kurzem brieflich unsere silberne Hochzeit gefeiert . « Das Fräulein wollte ein etwas spöttisches Bedauern über » diese Gattung von Verhältnis « äußern - der Doktor aber meinte : » Ein Gutes ist jedenfalls dabei : dem Manne , der schon im Besitz einer Frau ist , kann niemand mehr zumuten , eine zu nehmen . « Lisette machte unerhört alberne Augen und sprach nicht ein Wörtchen mehr . Sie war so vernichtet , daß sie ihre sämtlichen Einkäufe in der Stadt besorgte , ohne zu handeln . Drei Wochen mußten vergehen , ehe sie sich von ihrer Enttäuschung erholen konnte . Dann wurde » das Kind « wieder der Mittelpunkt ihrer Interessen und das angebetete Opfer ihrer engherzigen Liebestyrannei . Wie am vorigen Jahresschlusse fand sich auch an diesem Gräfin Agathe in Dornach ein . Sie half die Christbäume schmücken für jung und alt , für arm und reich , in der Halle und im Saal . Dem Entzünden der Lichtlein stand aber sie allein vor . Maria konnte nicht Zeuge der Freude sein , die vorzubereiten seit Wochen und Wochen ihr hauptsächliches Bemühen gewesen war . In der heiligen Weihnacht gab sie einem zweiten Sohne das Leben . Er war so schmächtig und klein , wie der erste groß und stark gewesen . Mit banger , unausgesprochener Besorgnis sah Hermann seine Mutter an , als er mit ihr an die Wiege des Neugeborenen trat . » Nein « , sagte sie , » er ist nicht schwach , nur zart . Er wird leben - zu meiner Freude . Das wird der meine sein unter deinen Kindern . « Weich , wie man sie nie gesehen , versenkte sie sich in den Anblick des Knäbleins und hielt die Hand segnend über ihn ausgestreckt . » Er hat schwarze Augen , Hermann , die Augen deines Vaters , und soll Erich heißen wie dein Vater . « Maria kränkelte lange , sie konnte dieses Kind nicht nähren ; sie hatte für dasselbe nicht soviel Liebe wie für das ältere . Sie verlangte nicht nach ihm , widersetzte sich nicht , wenn man es forttrug aus ihrem Zimmer , und es beunruhigte doch niemanden und stellte unerhört geringe Anforderungen an seine Umgebung . Es lag oft lange ganz still mit weit geöffneten Augen . » Fremde Augen hat ' s und das Gesicht der Mutter « , entschied die Wärterin , wenn jemand herauszubringen suchte , wem es ähnlich sehe . - Eine Spur von der Seelenpein , die sein Werden begleitet hatte , spiegelte sich wider auf seinem kleinen Angesicht , und traurig staunend schien es zu fragen : So also sieht es aus in eurer Welt ? An Liebe litt es nicht Mangel . Hermann zerfloß vor ihm in überquellendem Erbarmen ; alle Frauen im Hause schwärmten für das Kind , das etwas » ganz eigenes « hatte ; sein Bruder verteidigte es wie ein kleiner Löwe vor den Ausbrüchen ihrer Zärtlichkeit und brachte es gleich darauf in Gefahr , von dem Ungestüm der seinen erdrückt zu werden . Der Winter verfloß ; Maria blieb müde und erschöpft . Alle herbeigerufenen Ärzte rieten , wie Doktor Weise es längst getan , zu einem Aufenthalt von mehreren Monaten in Italien . Die Kranke sträubte sich gegen eine Entfernung von daheim , aber zum ersten Male setzte Hermann dem Willen seiner Frau entschiedenen Widerstand entgegen , und sie mußte sich fügen . Gräfin Agathe kam nach Dornach , um die Kinder in Abwesenheit der Eltern zu betreuen ; Hermann und Maria reisten . - Sie hatte schon vor Jahren mit ihrem Vater das Land der Sehnsucht jedes künstlerisch Fühlenden besucht und fand nun im Genusse der Wunder einer märchenhaft reichen Natur und einer Welt , in der » Sterbliche Unsterbliches geschaffen haben « , die Empfindungen ihrer Mädchenzeit wieder . Wie oft atmete sie auf , frei und leicht , und sah ihr eigenes Bild so rein , wie die Seele ihres Mannes es widerspiegelte . Ihre wankende Gesundheit befestigte , ihr erschütterter Mut stählte sich . Es war krankhaft , dachte sie , zu glauben , die Verirrung eines Augenblicks könne nicht gesühnt werden durch ein ganzes Leben der Rechtschaffenheit und Pflichterfüllung . Fort mit den Gespenstern einer abgeschworenen Vergangenheit . Sie sind die Feinde eines Glückes , das ungetrübt zu erhalten ihre wichtigste Aufgabe war , vor der alles andere zurücktrat , des Glückes Hermanns . Mit hoher Freude erfüllte sie der Anblick der seinen . Ihm aber durchsonnte ihre Heiterkeit die Seele , er lebte von ihrem Leben . » Wir sind auf unserer Hochzeitsreise « , sagte er . Die Frau , die Mutter seiner Kinder kam ihm jetzt oft vor wie eine Braut , doch nicht wie die kühle , stolze , die sie einst war - wie eine liebende Braut . Und da kniete er vor ihr nieder und betete sie an . Einmal rief er aus : » Ich bin zu glücklich , ich verdien es nicht . Ich habe eine Schuld abzutragen , aber statt sie einzufordern , überhäuft mich das Schicksal mit immer neuen Gnadengeschenken . « » Du hättest eine Schuld abzutragen ? « fragte Maria . » Die schwerste - einen Frevel an dir . Ich habe um dich geworben , dein Ja erbettelt , obwohl ich wußte , freudig gibst du es mir nicht . Den ersten Kuß , Geliebteste , hat ein Ungeliebter auf deine Lippen gedrückt . Es war ein Verbrechen an dir - ein unsühnbares . « Sie schrak zusammen bei diesem Wort . Er nahm ihre Hände zwischen die seinen : » Maria , wann werde ich , wie werde ich dafür bestraft werden ? « » Nie , gar nicht « , stammelte sie verwirrt und drückte ihren Kopf an seine Brust . Sie kehrten zurück . Es war Abend , als sie ankamen . Die Kinder schliefen . Hermann blies die Wangen auf und hatte die Fäustchen fest geballt . Er war groß und stark geworden , ein Knäblein wie ein junger , kräftiger Baum . - Das kleine unechte Reis , auf den reinen Stamm Dornach gepfropft , Erich , lag in leichtem Schlummer , zuckte und