beiden . Die Beleuchtung war allerdings zu schwach , um die Formen der schönen Frau scharf und deutlich hervortreten zu lassen . Und doch floß ein verführerischer Athem von dieser in der Thüröffnung etwas nach vorn gebeugt stehenden Gestalt zu Adam hin . » Sehr liebenswürdig , gnädige Frau ... « Lydia verschwand wieder . Der Herr Doctor hatte sich erhoben . Er fühlte sich sehr behaglich . Er stand einen Augenblick mitten im Zimmer still und dehnte und reckte sich . Ein kleiner Drang zum Gähnen befiel ihn . Aber er unterdrückte ihn tapfer . Das dünkte ihn denn doch zu undankbar . Mit großer Genugthuung sog er die Atmosphäre des elegant-gemüthlichen Cabinets ein . Diese von der matten Beleuchtung mehr durchdunkelte als erhellte Umgebung entsprach sehr intim seinen Bedürfnissen und Neigungen , gebar ihm eine eigenthümlich reizvolle Stimmung . Und das Begehren ward in ihm lebendig , dauernd unter solchen , in sich gesicherten Bedingungen zu leben . Und Lydia ? Adam sagte sich , daß er ihrer pikanten , vollen , reifen Frauenschönheit heute Abend zum Opfer gefallen war . Starken Eindrücken war er ja so zugänglich ... wenigstens konnte er sich für eine kurze Zeitspanne ganz von ihnen aufzehren lassen . Nun ! Er wollte den Genuß der Stunde auskosten . Wer weiß , was ihm noch bevorstand ! Oder sollte er selbst versuchen , mit starker Hand in die Speichen seines kleinen Privatschicksalsrades zu fallen ? Sollte er versuchen , mit schnellem , kühnem Griff das an sich zu reißen , was ihm da aus dem Dämmerungsschooße einer , wie es schien , nicht ungnädigen Zukunft blendend entgegengaukelte ? Adam war unschlüssig . Er konnte auch nicht anders , als unschlüssig sein . Noch zu amorph , noch zu unklar und verschwommen lag Alles vor ihm . Und gerade die Ungewißheit war es ja , die ihn reizte , die ihm eine pikante Berechtigung gab , Alles zu erwarten , Alles zu erhoffen . Nachher ... nachher , wenn er seinen Sieg oder seine Niederlage erlebt hatte , war er ja wieder in die kalte , schneidende Winterluft seiner radicalen Resignation , seiner brutalen Gleichgültigkeit zurückgestoßen . Doch auf die Dauer war ihm das Klima dieser Eiszone unerträglich . So hatte sich mit der Zeit bei Adam das Bedürfniß herausgebildet , sich allerlei Möglichkeiten zu verschaffen , die seinen Hoffnungen , seinen Erwartungen einen möglichst großen Spielraum gewährten , ... die bei einer günstigen Combination zu Thatsachen werden konnten , welche für sein Leben entscheidend waren ... entscheidend nach der zukunftsichernden , emporführenden , Alles versprechenden Seite hin . Vor der unmittelbaren Prüfung jener Möglichkeiten schrak Adam zurück . Er war nicht kleinlich , nicht feige . Aber nach dem süßen Morphiumgift eines gewissen , nicht besonders merkwürdigen , aber auch nicht gerade alltäglichen , im Uebrigen eigentlich sehr unschädlichen Epicureismus hatte auch schon sein Blut - und war das auffallend ? - heißes Verlangen tragen gelernt . Adam trank sein Glas leer und ging zu Lydias Schreibtisch hinüber . Er betrachtete einige Augenblicke sinnend das kleine , feine , entschieden distinguirte , jetzt nur zu undeutlich beleuchtete Möbel . Nein ! Das war Alles viel zu zierlich , das war Alles viel zu geschmackvoll arrangirt , zu feingeistig zusammengeordnet , um mehr , denn eine schöne Dekoration zu sein . Diese engen , flachen Schubkästen waren nur dazu bestimmt , schmale , dünne , discret parfümirte Briefchen , die wohl eine roth- oder blauseidene Schlinge einschnürt , aufzunehmen . Diese kleine , dünne , feuchtbraun glänzende Platte ertrug höchstens den reservirten Druck eines zärtlich-vorsichtigen Frauenarms , duldete wohl gerade nur die Gegenwart eines Briefblattes , auf welches eine schöne , ringblitzende Damenhand allerlei Koseworte , ein schillerndes Wortgetändel , krause Gedankenarabesken niedertropfen läßt ... oder die Gegenwart eines graciösen Goldschnittbändchens , in dem man blättert , um hier einen elegant geformten Satz , dort einen geschmeidigen Reim aufzupicken , oder eine perlende , schillernde Strophe , die leise eine Saite der Erinnerung anschlägt ... eine Saite , die nun verhalten aufklingt ... und in zarten Schwingungen Bilder um Bilder empordämmern läßt ... An diesem Tische muß eine schöne Frau wunderbar träumen und sinnen und plaudern können ... Plaudern mit den Gestalten ihrer Träume , ihrer Phantasie ' n ... Adam verspürte wirklich Appetit auf eine gute Cigarette . Er bemächtigte sich der Schachtel , die er leicht fand , und ging zum Sophatisch zurück . In demselben Augenblick , wo er den braungelben , krausgeflockten Tabak über der Lampe anzündete , trat Lydia wieder ins Zimmer . » Mit Ihrer Erlaubnis , gnädige Frau , habe ich also soeben ... soeben Feuer gefangen ... « » Bravo , Herr Doctor ! « Lydia lächelte , aber etwas gezwungen . Unmuth und Aerger lagen auf ihrem Gesicht . » Wie glücklich sind doch diese Menschen ! « ließ Frau Lange jetzt verlauten - » Sitzen die beiden , August und Emma , seelenvergnügt in der Küche zusammen und schwatzen sich tausend Dummheiten vor ... Alles Andere wird ganz gemüthlich vergessen - die Leutchen scheinen rechtschaffen verliebt ineinander zu sein ... Geschmacklos - finden Sie nicht auch , Herr Doctor ? Diese dumme Plebejerliebe ! ... « » Geschmacklos - warum , gnädige Frau ? Warum nennen Sie das Natürliche geschmacklos ? Und Sie finden doch auch , daß die Menschen glücklich sind ! Ja ! Ich glaube es beinahe auch : glücklicher sind sie , als Unsereiner ... Sie dürfen so viel ungenirter , so viel zwangloser , unmittelbarer , derber , ehrlicher sein ! Allerdings ... für uns ist unter Umständen ja gerade das Unnatürliche ... glücklicherweise das Natürliche ... das Pikante , das Reizende , Anreizende , Schaffende . Ich wenigstens liebe offene Thüren nicht besonders ... Es ist so langweilig , eins zwei drei sein Ziel zu erreichen ... « Lydia hatte sich Adam gegenüber auf einen Fauteuil niedergelassen und zündete sich jetzt eine Cigarette an . Es klopfte . » Herein ! « Emma brachte zwei Flaschen Wein und schickte sich an , das Geschirr abzuräumen . Das Mädchen sah sehr kleinmüthig aus . Adam erhielt einige scheue , unbeholfene Blicke . Lydia schien ganz von ihrer Cigarette engagirt zu sein . Eine peinliche Stille lag im Zimmer . Emma hantirte unsicher , ihre Hände zitterten . Einige Male ließ sie sehr unsanft das Geschirr zusammenklappern . » Nun schmollt die Dame auch noch - « begann Frau Lange , als das Mädchen das Zimmer wieder verlassen hatte . » Wie haben Sie eigentlich das Rauchen gelernt , gnädige Frau ? « fragte Adam in der Absicht , dem Gespräche eine andere Wendung zu geben . » Wie ? Komische Frage , Doctor ! So viel ich mich erinnere , habe ich mich diesem abscheulichen Laster schon sehr früh ergeben . Das heißt - : geboren bin ich mit einer Cigarette im Munde gerade nicht ... aber später ... einige Jahre darauf ... in der schönen , schönen Backfischzeit - da rauchten wir Selektanerinnen eben alle ... Ueberhaupt , Doctor , Sie können sich keinen Begriff davon machen , wie ... gescheit so eine höhere Tochter schon ist ! ... Sie weiß ... sie weiß so Manches , das ... nun ! das ... ich will nicht sagen : das sie eigentlich noch nicht wissen sollte - - mein Gott ! warum so heucheln , so prüde thun , so vorurtheilsvoll sein ! ... aber ... sie weiß doch offengestanden so Manches , was man durchaus nicht erwarten sollte von einer solchen wohlerzogenen jungen Dame ... Wir hatten damals einen kleinen , interessanten Amazonenclub gestiftet - sous main ! lieber Doctor ! ... aber bitte ! - schenken Sie meinem Wein ein klein Wenig mehr Ihre Gunst - er ist doch nicht gerade schlecht - Prosit ! ... « Die beiden thaten einen tüchtigen Zug . Unerwartet war durch den offenen , burschikosen Ton , den Lydia angeschlagen , eine frischere , intimere Bewegung in die Unterhaltung geflossen . » Also Ihr Amazonenclub , gnädige Frau - ? « » Nein ! ... Von dem will ich doch lieber stille sein ... Wir haben tolle Geschichten gemacht - weiß Gott ! - aber bedienen wir uns nur wieder einmal des bekannten Schleiers der christlichen Liebe - « » Gnädige Frau ! ... « bat Adam sehr eindringlich . Das Thema interessirte ihn aufrichtig . Er hätte zu gern noch einige harmlose Einzelheiten aus sotanem Capitel erfahren . » Ih ! Wie werd ' ich denn , Herr Doctor ! Und warum Ihre Neugier ? Wir sind allzumal Sünder ! Also ... später - später verheirathete ich mich . Mein seliger Mann rauchte leidenschaftlich . Er konnte es nicht lassen , obwohl es ihm seiner defekten Lunge wegen der Arzt streng untersagt hatte . Mein Mann sah es gern , wenn Damen rauchten . Er hatte eine große , freie , starke Seele , die anders fühlte , als der Troß der beschränkten Krämer- und Lakaienseelen . Er sah nichts Beleidigendes , nichts Compromittirendes darin , wenn eine Dame ein Wenig selbständig im Denken und Handeln war ... ein wenig emancipirt , wie man zu sagen pflegt . Schade , daß er so früh gehen mußte ... Nun kommt er nie wieder zurück .... « Lydia hatte die letzten Worte mit leiser , stockender , zitternder Stimme gesprochen . Sie war sehr nachdenklich geworden , beinahe weich , vielleicht so etwas wie sentimental . Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck ehrlicher Trauer , eines beinahe zärtlichen Schmerzes . Adam stutzte . Nun wurde er doch verwirrt . Das hatte er nicht erwartet . Er hatte sich so ganz daran gewöhnt , Frau Lange als ... nun ! ... eben gleichsam als jungfräuliche Wittwe zu betrachten ... losgelöst von allen Beziehungen , die ihm etwa peinlich , unbequem hätten sein , die ihm hemmend hätten werden können . Und jetzt bewies diese schöne , verführerische Frau plötzlich die innigste Theilnahme für ihren verstorbenen Gatten . War ihre Trauer echt , ihr Schmerz wahr ? Oder coquettirte sie nur ? Wollte sie ihn durch diesen schluchzenden Schmerz nur reizen ? Oder hatte sie ihren Mann wirklich ... geliebt ? Adam sog noch einmal an seiner Cigarette und legte den mürben , runzligen Rest dann weg . Lydia fuhr auf . Sie strich sich mit den kleinen , schmalen Fingern der linken Hand über Stirn und Augen , preßte die Hand einen Augenblick gegen die Brust und griff nach ihrem Glase . » Prost , Doctor ! Nun wollen wir wieder vernünftig sein ! Was kann das schlechte Leben helfen ! Es ist so dumm , ewig mit der Vergangenheit zu ... zu ... nun ... Ihnen kann ich ' s ja sagen - Sie werden es wohl auch selbst gemerkt haben - : ich habe nur coquettirt ! Wahrhaftig ! ich habe nur coquettirt ! Verlassen sie sich d ' rauf ! Ich wollte Sie ' n Bissel - was ? - Sie glauben mir nicht ? Sie unschuldsvoller Engel Sie ! Jawohl ! Glauben Sie ' s nur ! Ich bin eine ganz herzlose Coquette ! Ich bin ein sehr schlaues , listiges , berechnendes Weib ! ... Nun thun Sie mir aber den Gefallen - und sehen Sie nicht so - ich hätte beinahe gesagt : nicht so - dumm aus ! Pardon ! So Etwas ist Ihnen noch nicht vorgekommen ? Ja ! Ihr Männer ! Ihr glaubt immer , Ihr hättet die Originalität allein gepachtet ! So ' n armes , dummes Weib kann auch ' mal genial sein - warum denn nicht ? Ihr seid durch die Bank eben so eitel , wie wir ! Es ist ja alles ganz gleich : der eine ist ' n Trefle-Bube , der andere ' ne Carreau-Sieben - zu Kartenkunststücken müssen wir alle herhalten ... Lassen wir die Todten ihre Todten begraben ! Da haben sie wenigstens Etwas zu thun ! O über dieses tiefsinnige Leben ! Leben ! Leben ! Ich lebe ! Ich will leben ! Ich vergehe vor Appetit auf das Leben ! Mein lieber , guter Männe ! Nicht wahr - Du bist Deinem kleinen Weibchen nicht böse , wenn es sich noch ' n Bissel amusiren will auf dieser schönen Welt ? Nein ! nicht wahr ? - Du schläfst ruhig weiter und läßt Dich gar nicht stören ? Recht so , mein liebes Kerlchen ! Wir haben uns ja immer so gut vertragen ! Doctor ! Wollen wir morgen früh beide nach Italien reisen ? Ich halte es unter diesen Philistern hier nicht mehr aus . Aber ... mein Gott ! Was sehen Sie mich denn so erschrocken an ? Ja , ja ! mein Herr ! So ... so aufgeräumt ... so offen und burschikos kann Fräulein Irmer nicht sein - wie ? oder doch ? Das gute , kleine Fräulein ! Nächstens muß ich es doch wieder ' mal einladen ! Die Dame macht sich nur immer so rar - kommt eigentlich nie ... aber wenn Sie auch hier sind - - « » Gnädige Frau ! ... « » Na ja , Doctor ! ... Was - der Wein ist gut ? Ja , ja ! Mein Mann hatte eine feine Zunge . Mir ist ganz merkwürdig zu Muthe . Ich sehe plötzlich Alles so unheimlich scharf - das Bedeutende löst sich kräftig heraus - ich komme so unheimlich nahe an die Dinge heran ... weiß gar nicht ... gar nicht - - - haben Sie , Doctor ... wollen wir nicht in dieser Stimmung - - - ganz sonderbar ! - haben Sie Nichts - Nichts - kein Gedicht oder so Etwas bei sich ? ... Irgend einen Dithyrambus der Freude - ich bin ja jetzt alles Kleine und Enge los - doch richtig ! Sie sind ja kein Dichter ! Vorlesen ? Nein ! Nein ! Das ist zu abgeschmackt ! Musik ! Musik ! Sie spielen auch nicht ? Sie Barbar ! Jetzt Beethoven - oder noch besser Wagner - das Vorspiel zum dritten Akt vom Siegfried - die Welt ist ja gewöhnlich so eng und schwarz und schwer ... so karg und kümmerlich - aber Doctor - ! « Auch über Adam war es plötzlich mit berauschender Gewalt gekommen . Die tolle , ekstatische Stimmung Lydias hatte ihn angesteckt , entzündet , hatte ihn mitfortgerissen , träge , unbeholfen zuerst , nachdem sie ihn anfangs beinahe angewidert , zurückgeschreckt hatte , nachdem sie ihn sehr ironisch und spottlustig gestimmt - nachher aber unwiderstehlich ... Nun jagte er hin , und der Taumel war in ihm . Der Wein ebnete den Weg , minderte die Reibung , glättete die Geleise . Da hatte sich Adam von einem elementaren Zwange packen lassen müssen . Es stieß ihn wie mit einer übergewaltigen Faust von seinem Fauteuil herunter und warf ihn vor die Füße Lydias . In diesem Augenblicke liebte er das Weib fanatisch . Sein Denken war ausgelöscht , sein ganzes Ich ein einziges großes , dämonisches Gefühl ... ein einziges aufdampfendes Begehren . Adam hatte den Kopf in Lydias Schooß gelegt und schluchzte , seine Arme hingen schlaff herab . » Aber Doctor - ! « hatte Lydia mit unnatürlich leiser , halberstickter Stimme hervorgestoßen und mit jähem Rucke aufspringen wollen . Adam richtete seinen Kopf empor ... langsam , fast feierlich , beschwörend . In seinen verthränten Augen lag die heiße Bitte , ihn nicht hinwegzustoßen . Lydia löste jetzt sanft ihren rechten Arm frei und strich leicht , lind , mit liebkosenden Fingern über Adams Haar . Der aber erbebte mächtig unter dieser weichen , zärtlichen Berührung . Im Zimmer war es still . Nur das Licht der Lampe surrte leise ... und ungleich , heftig hastete der Athem der beiden Menschen , die , ganz hingenommen , ganz berauscht von ihren verworrenen Gefühlen , eine kleine Weile in eng zusammengeschmiegter Gemeinschaft beieinander waren . Zu dieser Zeit waren beide gut , besser , denn sie je gewesen . Alles , was das Leben in ihnen verzerrt hatte , war ausgeglichen . Fülle und Kraft lebte in ihnen , Hoffnung , Sehnsucht , Erwartung und eine mächtige Gespanntheit aller Sinne und Gefühle . Nun richtete Lydia das Gesicht Adams mit discretem Nachdruck zu sich empor . » Steh auf , Adam ! Wir waren einen Augenblick zwei dumme , thörichte Kinder - jetzt wollen wir wieder vernünftig sein - ja ? Komm ! - « » Lydia ! ... « » Na , was denn , Herr Doctor ? Ich weiß gar nicht - - lassen Sie mich ! Bitte - na ? ... « Die Worte waren mit zweideutiger Betonung gesprochen . Es schien Frau Lange halb und halb mit ihrem Abwehren ernst zu sein ... und doch war ihr vielleicht eine drängende , stürmische , beharrliche Zärtlichkeit Adams noch mehr willkommen . » Lydia ! « bat Adam noch einmal , dringend , inständig ... vielleicht besaß seine Stimme auch einen Stich ins Drohende . Und doch hatte der Gefühlstumult in seiner Brust schon bedeutend an Stärke und Energie eingebüßt . Die gemacht naiven , zudem , wie es ihn dünkte , nicht spottlosen Worte der schönen Frau hatten Adam etwas ernüchtert . Zugleich aber war ihm , wenn auch kaum in scharfen Bewußtseinslinien , der kluge Gedanke gekommen , die Situation , die sich ja nun einmal in Scene gesetzt hatte , nach Kräften auszunützen ... natürlich soweit er das unbeschadet seiner Mannesehre thun durfte . » Stoß ' mich nicht von Dir , Lydia ! Ich gehöre ja ganz Dir - nur Dir allein ! Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr und habe keine Heimath mehr ... Lydia ! Ich liebe Dich grenzenlos - « Unwillkürlich war Adam doch wieder wärmer , ehrlicher , natürlicher geworden . Da lag er in einem eleganten Cabinet zu den Füßen einer schönen Frau ... und er durfte die Kleider dieser schönen Frau berühren ... ihre Hände , ihre Arme ... er fühlte ihren wärmeren Athem , er fühlte ihre heftig auf und nieder gehende Brust - ja ! ja ! er liebte dieses Weib ... er begehrte es ... er lechzte nach seinen Küssen - es riß ihn unaufhaltsam in die Arme dieser Frau - dieser - dieser - - » Lydia ! « schrie er noch einmal auf - - Frau Lange schien nachgeben zu wollen . Sie lehnte sich einen Augenblick wie gebändigt , wie besiegt , gegen die Rücklehne des Fauteuils - Adam sprang auf - - nun schnellte auch Lydia empor - - die beiden standen sich hart , eng gegenüber . » Herr Doctor - ! « Aber noch gab Adam die Partie nicht verloren . Diese Frau trotzte ihm . Seine ganze , widerspenstige , zu despotischem Imperium geneigte Natur brach nun durch . Und doch ließ er sich nicht völlig von seinem Zorne , seiner Wuth hinreißen . Ein unklares Gefühl sagte ihm , daß eine gewisse sentimental-nachgiebige Zurückhaltung sehr wirksam sein müßte . » Glaubst Du mir nicht , Lydia ? - Habe ich das verdient - ? « Frau Lange schwieg , sie war einige Schritte nach rechts , mehr nach dem Innern des Zimmers zu , getreten . » Sie sind ein großer Phantast , Herr Doctor ! « nahm sie nun das Wort . » Sie bilden sich ein , daß Sie mich ... mich ... lieben , wie Sie sagen - weiter Nichts als Einbildung , mein Herr ! Wir haben beide unser ' n Stimmungen nachgegeben - wir haben uns überrumpeln lassen - wir haben einen Augenblick geträumt - vielleicht auch ... ganz schön geträumt - nun lassen Sie uns aber wieder wach sein - wir wollen ein fettes Punctum hinter diese Scene machen - und wir wollen sie alle beide so schnell als möglich vergessen - « Adam wandte sich ab . » Herzlos ! « knurrte er in ehrlicher Entrüstung , im Zwange eines ernsten , redlichen Schmerzes , durch die Zähne . » Adam ! « fuhr Lydia auf . Der schnellte jählings um . Sollte doch noch Hoffnung sein ? ... Sollte er heute Abend doch noch zu einem ... hm ! ... zu jenem - Ziele kommen ... zu jenem unklaren Ziele , das er zu erreichen ersehnte ... das ihn lockte ... und vor dem er doch zurückschrak ? - Leidenschaft und Berechnung stritten in seiner Brust . Aber er beherrschte sich . Er nahm eine nachlässige , ironische Haltung an . Die Hände lehnte er hinter dem Rücken gegen die Tischplatte und kreuzte die Beine . » Gnädige Frau - ? « » Es ist genug - « Lydia ging zu ihrem Schreibtisch hinüber . Dort stand sie , Adam abgekehrt , eine Weile starr , bewegungslos , wie in einen tiefen Strudel tumultuarisch ringender Gedanken und Gefühle hinabgezogen . » Sie erlauben mir noch eine Ihrer köstlichen Cigaretten , gnädige Frau - ? « Lydia wandte sich langsam wieder um . Sie war sehr bleich . Von der Nase zum Munde herunter zog sich eine scharfgeschnittene Falte , wie ein Signal bodenloser Verachtung . » Bitte sehr , Herr Doctor ! « Die Stimme klang müde und höhnisch zugleich . » Sie sehen , gnädige Frau ... das Feuerfangen ist gefährlich ... und ... und ... undankbar ... « stichelte Adam - » aber es wird Zeit , daß ich mich aufmache ... « fuhr er fort und zog seine Uhr - » Sie sind müde von den ... den Anstrengungen des Abends - und es geht stark auf Mitternacht ... Gestatten Sie darum , daß ich mich empfehle . Und verzeihen Sie in Gnaden dem reumüthigen Sünder ! Ich danke Ihnen für die schönste Stunde meines Lebens , verehrte Frau - sie wird mir unvergeßlich bleiben . Ich habe nicht umsonst gelebt , da ich einmal - doch pardon ! Und nun geben Sie mir Ihre kleine , süße Hand zum Abschied - ja ? Ich bitte - « Lydia stand einen Augenblick unbeweglich . Dann streckte sie Adam langsam ihre rechte Hand entgegen . Der zog diese entzückende , nur jetzt etwas schweißfeuchte Hand galant an seine Lippen und küßte sie . » Und nun gute Nacht , liebe , gnädige Frau ... doch ... ach ja ! was wird ... was wird nun aus unserer modernen Bibel - ? Soll sie für immer - ungeschrieben bleiben ... oder ... ? « » Nun ... wir haben ja heute Abend ... wir haben ja ein Capitel aus ihr - erlebt ... renken Sie ' s ein , Herr Doctor , und ... und bringen Sie ' s mir gelegentlich ... ich bitte darum ... für die Zukunft dürfte es sich allerdings kaum empfehlen - - « Lydia versuchte ihre Worte in einem leichten , harmlos-liebenswürdigen Tone vorzubringen . Aber es wollte ihr nicht so recht gelingen . Ihre Stimme klang unsicher , hart , etwas heiser , verwalzt . » - dürfte es sich kaum empfehlen , daß wir wieder so ... so plastisch verfahren , wie es ... leider heute der Fall gewesen , « ergänzte Adam - » seien Sie unbesorgt , gnädige Frau ! . Aber ... wenn Sie die Gelegenheit dazu ganz aus der Welt geschafft wissen wollen - so überlassen Sie doch bitte das Motiv mir allein - ich werde mir wahrhaftig alle Mühe geben , ein wahnsinnig schönes Buch zu Stande zu bringen - und dieses wahnsinnig schöne Buch , gnädige Frau - nicht wahr ? - ich darf es Ihnen nachher widmen - ? « » Sie tragen immer Siebenmeilenstiefel , Herr Doctor ... ... gewöhnlich geht doch Alles viel langsamer auf der Welt - warum denn nur immer so stürmisch - ? « Frau Lange hatte das » immer « auffällig betont . Adam stutzte . Ah ! Nun verstand er ! » Ja ! ... « erwiderte er mit süffisant-melancholischem Tonfall , » der Eine klappert schwerfällig mit Pantoffeln durch ' s Leben ... der Andere durchsaust das reizende Dasein auf einem Bicycle . Da hat nun ein Jeder so seine Art , so seine kleine Methode ... Verzeihen Sie noch einmal mein ... mein ... nun ! mein Bedürfniß , zuweilen sehr offen ... sehr wahr zu sein , Lydia ... unpraktisch offen ... unangenehm wahr . Aber vielleicht haben Sie auch darin Recht : dieses Bedürfniß ist wohl auch weiter nichts , als - Einbildung . Und nun - gute Nacht - ! « » Gute Nacht - ! « Adam verließ schnell das Zimmer . Als er den Corridor betrat , kam August , der schon gewartet zu haben schien , langsam auf ihn zugestapft . Ein Zug des Unwillens , des Verdrusses , stand auf seinem Gesicht . Mit Mühe unterdrückte er das Gähnen . Der Herr Doctor fühlte sich von der plumpen Geschmacklosigkeit dieser rüden Lakaienpflanze sehr peinlich berührt . Der Diener geleitete ihn durch das Vorhaus zur Thür . Adam fröstelte es . Er schlug den Rockkragen in die Höhe . » Gute Nacht , Herr Doctor ! « » Gute Nacht ! « Eine Sekunde vorher noch das obligate Verdrücken eines Silberlings . Nun donnerte dumpf krachend die schwere Thür hinter ihm zu . - » Hallali ! Jetzt seid Ihr wieder einmal aus einem Paradiese vertrieben , Monsieur ! « - sprach zu sich selber der einsame Mensch , der da durch die kühle , windige Frühlingsnacht hinschritt . - XI. Und wie der einsame Mensch durch die kühle , windige Frühlingsnacht weiterschritt , fand er Zeit , Gelegenheit und allmählich auch immermehr wachsende Stimmung , noch Näheres wie Ferneres mit sich und zu sich zu sprechen . Zunächst ging der Herr Doctor allerdings eine kleine Weile sehr gedankenlos fürbaß . Er beschäftigte sich , unter dem Drucke einer einförmigen Müdigkeit leidend , unwillkürlich mit allerhand sehr äußerlichen Dingen . Er betrachtete ohne Theilnahme den leicht überwölkten Himmel ; sein Auge , nahm gleichgültig von den paar Sternen Notiz , die da und dort schläfrig , mattblinzelnd auf die Erde herunterguckten ; der Menschen , die ab und zu , bald schneller , bald langsamer , an ihm vorüberstapften , achtete er nur mechanisch , er sann ihnen nichts nach , spann ihnen nichts zu , vermuthete und verglich , verknüpfte nicht , wie es wohl sonst seine Gewohnheit war ; die unklare , verworrene Welt der nächtigen Schatten , die sich durch spärliches Gaslicht compromittiren lassen mußten , reizte ihn nicht - es war zunächst eine große Leere , Stumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm . Dann fiel ihm Dieses und Jenes ein , was er vorhin ... was er vor einer ... vor zwei Stunden mit Lydia erlebt hatte : einer Gesprächswendung erinnerte er sich ... einer Frage ihrerseits , einer Antwort seinerseits - plötzlich sah er sich wieder zu den Füßen der schönen Frau liegen - er spürte den weichen Druck ihrer Hand , er ließ sich noch einmal von ihrer zarten Liebkosung durchbeben - er athmete das Parfüm ihrer Kleider ein - er sah wieder die erregt auf- und niedergehende Brust vor sich - - dann stand er Lydia noch einmal gegenüber , nachlässig-herausfordernd an den Tisch gelehnt - hm ! der Schlußtrumpf mit seinen kleinen , niedlichen Anhängseln : der Bibeldedication , dem eleganten Handkuß - er war wirklich nicht übel ! Aber was sollte er nun mit der Dame seines Herzens anfangen ? Wie verhielten sie sich zu einander ? Hatte er noch Etwas zu erwarten - oder war Alles vorbei - sollte er das Spiel verloren geben ? Welches Spiel ? Aber - beim Zeus ! - war ihm das Weib denn jetzt schon wieder gleichgültig ? War seine Liebe , seine Leidenschaft wirklich weiter nichts , denn schemenhafte Augenblicksphantasie ... überflüssige Einbildung gewesen ? Waren seine Stimmungen in derbster Thatsächlichkeit weiter nichts - als eben die kosbarsten Stimmungen von der Welt ? Durfte er sich gar nicht mehr auf sich verlassen ? Haftete Nichts mehr in ihm ? hatte der Impuls seiner Kräfte so bedeutend eingebüßt - war er in jeder Hinsicht so entscheidend herabgedrückt worden ? Und Adam dachte eine Sekunde daran , sich einmal den Proceß zu zergliedern , unter dem die Menschen ... andere Menschen , einfachere Individuen , die Durchschnittsmasse ... zu handeln pflegen . Der Motiv entfiel ihm wieder , entwischte ihm . Es war wohl auch zu complicirt und bedurfte einer ruhigen , objectiven , kritischen Secirstimmnng , welche Adam jetzt kaum vorräthig bei sich fand . Das Bewußtsein seiner Unzuverlässigkeit in erotischen Angelegenheiten zerrte doch gewaltig an ihm . Es machte ihn zuerst unruhig , es empörte ihn gegen sich , dann legte es sich als ein schwerer , massiver Druck , lähmend und zusammenschnürend , auf ihn . Adam athmete einige Male heftiger , er schüttelte an sich herum - er wollte um jeden Preis das Blei dieser trostlosen Starrheit aus seiner Seele los sein . Andere Gedanken kamen nun . Ja ! Ja ! Und nochmals Ja ! - : er mußte sich andere , neue Verhältnisse schaffen , unter denen er in Zukunft leben durfte . Ah ! da erwartete er also doch noch eine Erneuerung seiner » Persönlichkeit « - er hielt sie für möglich - er rechnete sogar schon mit ihr - ? Oder that er das Letztere etwa nicht ? Gewiß that er ' s ! Er hatte noch längst nicht à la Doctor Irmer auf das Leben » verzichtet « . Nein , keine Spur davon ! Er wollte leben : reich , unabhängig ... in einer Lage leben , wo er nicht jeden Groschen dreimal umdrehen und besehen mußte , ehe er ihn ausgab - was er allerdings sonst auch nie that , was er aber eigentlich den ökonomischen Privatgesetzen , unter denen er jetzt existierte , schuldig gewesen wäre - in einer Lage