Und dann rief er übermütig : » Damals , der erste Kuß hat Dich verführt ! « Sie konnte nicht scherzen und nichts sagen ; ihr Gesicht war sehr bleich , aus ihren dunklen Augen brach ein Glanz von unermeßlichem Glück , jeder Kuß schien ihr zu lau , jedes Wort zu armselig , um ihm zu sagen , wie sie ihn liebe . Die Wonne dieses Augenblicks überstieg die Fassungskraft eines Menschenherzens . Ein blödes Lächeln , von einem unartikulirten Laut begleitet , war Severinas einzige Aeußerung . Das Kind , welches in den Graben hinabrollte , weckte wenigstens Joachim aus seinem Rausch . Er setzte sich wieder mit dem Kindchen auf dem Schoß und zog Severina neben sich . » Das ist eine schöne Geschichte , « sagte er lustig , » wenn das Frau Pastorin wüßte . Du große Verführerin , Du hast Schuld ! « Severina lächelte traumbefangen . » Im Grunde , « fuhr er ernsthafter fort , » sollte ich Dich sehr um Verzeihung bitten ; ich bin ein armer und zurzeit noch aussichtsloser Teufel . Auf solche Küsse , wie wir eben gewechselt , sollte eine Verlobung folgen ; ich müßte meinen Frack anziehen und zum Pastor gehen , Deine Hand zu erbitten , und das kann ich noch nicht . « » O , « rief Severina mit heißem Ausdruck , » sprich nicht davon , denke nicht an die Welt und was in ihr Sitte ist ; ich liebe Dich , ich glaube an Dich , ich warte ! Wenn Du mich nur liebst , füllt das heimliche Glück mir die ganze Welt mit Sonnenschein ! « » Schwärmerin , « sagte er gerührt , » so viel Liebe verdiene ich gar nicht . « Sie saßen und plauderten und lachten , wie nur Verliebte können ; Joachim bewunderte alle Reize , die Severina vor anderen voraus hatte , und selbst ihr Gesicht mit den tatarischen Zügen erschien ihm von einer wilden und trunkenen Schönheit . Endlich aber stieg die Sonne über die Weizenkoppel und glühte zu der kleinen Gruppe am Waldsaum hinüber . » Ich muß weiter , « rief Joachim , » das hat eine schöne Zeitversäumnis gegeben ! « Sie nahmen Abschied , als gälte es eine Trennung auf Wochen ; dann ging er mit seinen hastigsten Schritten an der Koppel entlang , den Weg fortsetzend , den er dahergekommen , aber er schaute sich noch mehreremale um , der Lieben einen Gruß zu winken . Und dann schob Severina ihren Kinderwagen in den Wald zurück ; sie ging wie im Traum und erschrak , als sie sich zuletzt im Dorfe befand . Das Bewußtsein , daß Sammlung nötig sei , überkam sie peinlich ; sie sah sich fremd um , ihr war wie einer Verirrten zu Mut . Aber da stand schon der Pastor in der Gitterpforte vor seinem Hause und schaute nach ihr aus ; man hatte auf sie gewartet . Er rauchte zwar seine lange Pfeife , aber er hatte seinen schwarzen Gehrock an und ein reines weißes Halstuch um , das bedeutete Außergewöhnliches . Severina atmete auf . Jedes Ereignis war willkommen - nur heute nicht der alltägliche Trott des Tagewerkes . » Mein Kind , « sagte der Pfarrer , » Graf Taiß ist mit drei anderen Herren gekommen , es gibt ein Diner auf dem Schlosse , Fanny hat nach Dir geschickt ; aber erst sollst Du der Mutter noch etwas helfen und Dich gleich auch umkleiden . « Der ängstliche Tonfall in seiner Stimme verriet Severina , daß die Pastorin schon in Ungeduld vergehe ; da gab es Schelte , viel Schelte , und das als erstes nach der seligen Stunde ? In Severina wallte es warm auf . Segen und Teilnahme konnte sie von niemand erbitten , aber ein gutes , ein liebevolles Wort mußte sie hören ; sie legte ihr Haupt an ihres Pflegevaters Schulter und ihren Arm um seinen Nacken . » Papachen , « sagte sie schmeichelnd , » nicht wahr , Du hast mich ein wenig lieb und möchtest , daß ich noch ' mal im Leben glücklich würde ? « » Natürlich , natürlich ; aber wie kommst Du auf die Frage , mein Kind ? Und was hast Du für rote Backen ? Aengstigst Dich wohl schon vor Mama ? Na , Du weißt , sie meint es nicht so , und mit mir schilt sie auch ' mal , « sagte der alte Herr gutmütig . » Siehst Du , schließlich haben wir ' s ja bei der Schelte besser als Magnus bei der Güte . « Severina lächelte glücklich . Ja , der alte Mann hatte sie väterlich lieb . Er würde sich freuen - dann , dann , wenn alle Welt erst wissen durfte ... » Severina ! « rief eine heftige Stimme . » Komme schon , « rief sie zurück , » ich will erst den Kleinen ins Schloß bringen ! « Die Magd , die in der Pfarrküche gewartet hatte , kam aber schon um die Hausecke und nahm den Kinderwagen . Severina ging hinein . In der Vorderstube saß die Pastorin , mit einer Brille bewaffnet , und nähte mit der ihr eigenen rasenden Eile an einem schwarzen Kleid . » Wo bleibst Du ? Natürlich , unter dem Vorwand , das Kind spazieren zu fahren , wird gefaulenzt . Faulheit ist der Beginn aller Laster , das haben wir bei Deiner Mutter gesehen . Hier , der neue Stoß muß noch in das Kleid vor Mittag , ich ging ja schon zum Skandal damit . « Severina nahm ihr Nähgeschirr und nähte darauf los ; der Kleidersaum , an dem sie nun beide arbeiteten , schwebte in ellipsenförmiger Rundung zwischen ihnen , das dazu gehörige Gewand bauschte sich erdwärts zwischen ihren Füßen zusammen . Aber da hatte die Pastorin ein Handtuch hingebreitet , damit es nicht Schaden nähme . » Was ziehst Du an ? « fragte die Pastorin . » Weiß . « » Immer den besten Staat . Eitelkeit ist der Anfang aller Laster , das haben wir bei Deiner Mutter gesehen , und Du hast keinerlei Ursachen zur Eitelkeit , Gott sei Dank ; er hat darüber gewacht , daß der Versucher Dir keine Schönheit als Teufelsangebinde gab . « » Geliebte , Du hast die herrlichste Gestalt , die schönsten Hände , die reizendsten Füßchen , « hörte Severina nachklingend in ihrem Ohr seine Stimme sagen , und sie lächelte zu den bitteren Worten . » Fanny liebt es , wenn ich in den Kleidern komme , die sie mir gab . « Die Pastorin seufzte . Und Joachim sah am Mittag wohl , daß Severina seinetwegen so festlich angethan war mit einem Kleid von schaumig weicher weißer Wolle , und daß sie seinetwegen eine Marschall-Nielrose an der Brust trug . Er liebte diese schweren , duftenden Rosen sehr , die ihr Haupt melancholisch neigen . Sie hatten auch das Glück , neben einander zu sitzen , obgleich Joachim sich wohl gehütet hatte , ihr den Arm zu geben ; das that einer der Begleiter des Grafen , und wenn sie auch nicht viel zusammen sprachen , so fand Joachim doch unter dem Tisch das zierliche Füßchen . Graf Taiß nahm seine äußerliche Aufmerksamkeit in Anspruch , er wollte von Lanzenau und Joachim wissen , wie man am besten für heute abend eine Versammlung berufe . Die Bauern seien ja mit ihrer Ernte fertig , und daß die Arbeit auf den Feldern Fannys etwas früher aufhöre , mußten beide Herren gestatten . Selbstverständlich wurde das zugestanden ; der Pastor und Lanzenau wußten eine Menge Geschichten davon zu erzählen , wie stark der sozialdemokratische Kandidat inzwischen für sich gewühlt habe . Joachim kürzte infolge dessen seine Mittagsstunde ab und war schon wieder verschwunden , als man auf der Terrasse den Kaffee nahm . Fanny entbehrte ihn und fragte , wo er sei . » Herr von Herebrecht wünschte die Stunde zu gewinnen , die heute abend verloren geht , « antwortete Severina , die Fanny gerade ein Mokkatäßchen hinreichte . Fanny nahm sich Zucker . » Er ist übereifrig , « sagte sie verstimmt , » die Leute wären die Stunde lang auch ohne ihn fleißig gewesen . « » O Frau Förster , Sie haben schon vier Stücke Zucker - - die Tasse läuft über , « bemerkte das junge Mädchen . Fanny lachte über ihre Gedankenlosigkeit . » Der glückliche Herebrecht , « sprach Taiß , » er wird entbehrt . « » Er ist das enfant gaté unserer Damen , « sagte Magnus scherzend , » und er gibt sich weniger Mühe ihretwegen , als unsereiner . Wenn ich zwei Stunden vorlese , bekomme ich nicht so viel Dank , als wenn Herebrecht ein Lied singt . « Lanzenau hatte Fanny erstaunt und aufmerksam angesehen , als sie nach Joachim fragte . Am Abend fand im Dorfkrug eine Versammlung statt . Graf Taiß steckte sich einige mit Kölnischem Wasser getränkte Tücher in die Tasche , bat Fanny , eine Flasche Cognac in den Krug zu senden , damit sie im Bedarfsfalle nicht vom Fusel des Wirtes angegiftet würden , und wanderte dann mit seinem Stab in das Lokal . Der im Wirtshaus eine Treppe hoch belegene Tanzsaal war ausersehen , mit seinen vier weißen Kalkwänden die Scene zu umschranken . Von dem geweißten Plafond hingen zwei doppelarmige Petroleumlampen herab , über ihren schwitzenden und mit Insekten beklebten Glasbehältern schwebten die blechernen Schirme , aus denen oben die kurzen Gläser mit der blackenden Flamme darin aufragten . Zum fettigen Petroleumdunst gesellte sich der Duft von Thranstiefeln und jenes undefinirbare , von Stoffwechsel und muffigen Kleidern erzeugte Ctwas , das man » Leutegeruch « nennt . Die Estrade , wo sonst die Musik spielte , war für die Herren als Rednerbühne und Vorstandsbureau aufbewahrt . Wenn der hohe Graf Taiß da an der grüngestrichenen Balustrade stand , ragte sein Scheitel genau bis zur Decke , und Kalkteilchen fielen zuweilen in sein sorgfältig geordnetes Haar . Lanzenau saß mit oben und betrachtete sich die enggedrängte Bauernschar , zuweilen sah er sich auch mit eingeklemmtem Monocle Taiß an ; es belustigte ihn ungemein , diesen eingefleischten Aristokraten vor diesem Zuhörerkreis zu sehen , und er bedauerte , daß Fanny sich das Schauspiel versagt hatte . Joachim und der Pastor befanden sich zwischen den Zuhörern . Graf Taiß fing seine Rede mit einem Hoch auf den Kaiser an , dann setzte er Lanzenau durch einige glückliche , volkstümliche Wendungen , welche den Beifall , ja , das wohlgefällige Gelächter der Leute erregten , in Erstaunen . Kaum aber ging er zu den Einzelheiten des Wahlprogramms über , kaum berührte er die Monopolfragen , das Armenbudget , die Kolonialpolitik , so erhitzte er sich an seinem eigenen Vortrag , vergaß seiner Zuhörer Bildungsstufe und hielt eine Rede , die im Parlament ohne Zweifel Aufsehen gemacht hätte wegen ihrer flüssigen Form und ihrer geistreichen Hiebe gegen die anderen Parteien . In den kurzen Kunstpausen nach den » Schlagern « sog Taiß jedesmal aus dem gegen Mund und Nase gepreßten Tuch den erquickenden Duft des Kölnischen Wassers ein und nahm einen Schluck Cognac und Wasser . Der Schullehrer und der Dorfschulze , obschon sie auch nicht alles verstanden , nickten sich , ihres Ansehens als kluge Männer halber , mehrfach beifällig und verständnisvoll zu . Das Ende war , daß man - teils aus Respekt vor dem Grafen , der als leutseliger Herr und Frau Försters Freund bekannt war , teils infolge der unbewußten Reflexbewegung , die eine feurige Aeußerung , auch wenn sie unbegriffen bleibt , immer hervorruft - daß man in laute Hochs ausbrach . Taiß glaubte mit Erfolg gesprochen zu haben und setzte sich , sehr erhitzt , aber auch sehr zufrieden nieder . Einer der Herren aus seiner Begleitung erhob sich und sagte zu den Leuten , wer etwas zu sagen oder zu fragen habe , möge getrost sich melden . Eine unruhige Bewegung entstand , man wechselte Flüsterreden . » Nun ? « fragte der Komiteherr aufmunternd . Da sagte eine Stimme aus der Menge : » Wat de Schneider Mühling uns segt hätt ' , wär ok nich von Papp ' ! « Nämlich als vor vierzehn Tagen der Sozialdemokrat hier geredet hatte - es war dasselbe Bild gewesen , bis auf die Gestalt des Redners - jubelten die guten Mittelbacher diesem ebenso zu wie heute der Rede des Grafen . Die Wahlagitationsreden hatten für sie zunächst den Wert einer Unterhaltung , einer außerordentlichen Unterbrechung des Werktagseinerlei . » Aber eure Urteilskraft , meine Freunde , wird unterscheiden können zwischen den Phrasen seiner und den thatsächlichen Daten meiner Rede ! « rief Taiß . Wieder murmelten die Leute unter einander , und endlich erhob sich das geflüsterte Bedenken , die heimliche Sorge zum lauten Wort . Der Name Fannys wurde gehört . Was sie von der Sache dächte , wollte man wissen . Graf Taiß geriet in keine geringe Verlegenheit , er kannte Fannys unbegrenzten Einfluß , er wußte , daß sie ein Ansehen genoß , wie kein Gutsherr weit und breit bei seinen Leuten . Er antwortete , daß Frau Förster es abgelehnt habe , sich in dieser Sache zu äußern , weil ihr als Frau das nicht zustehe , er verwünschte innerlich die Gegenwart von Fannys Hausgenossen , ohne welche er wohl gewagt haben würde , Fannys Namen geschickt zu verwerten . Ob der Baron nicht sagen könne , wie die Herrin denke . Nein , auch Lanzenau wußte nichts zu sagen . Joachim , der plötzlich von dem Wunsch angestachelt war , zu sehen , wie Fanny sich aus der Affaire ziehen würde , flüsterte seinem Nebenmann zu , man solle doch hingehen und sie fragen . Nach einer Minute war dies das laute Geschrei , niemand wußte , wer es zuerst gesagt , der Gedanke schien in allen entstanden . Joachim drängte sich durch die Menge und sprang , so schnell ihn seine Füße trugen , zum Schloß hinüber . Hier fiel er wie eine Bombe in die Gesellschaft der Frauen , die mit Magnus um den Tisch saßen . Magnus als Weltverbesserer und Philosoph , warm von der Universität , träumte von einem freien Zukunftsstaat , wie solcher allezeit nur in jungen Köpfen existirt , und hielt es demzufolge für unter seiner Würde , der » Volksverdummungs- und Verknechtungsrede « des Grafen zu lauschen ; aber davon sagte Magnus wohlweislich nichts . » Was ist ? « rief Fanny erschreckt . » Sie kommen , sie kommen ! « sagte Joachim . » Wer ? « » Die Leute ! Sie sollen sagen , wer zu wählen sei , Graf Schmettow oder Schneider Mühling . « Adrienne und Severina lachten , ebenso Magnus , die Pastorin faltete entsetzt die Hände . Fanny erhob sich , den Ausdruck allergrößten Mißbehagens im Gesicht . » Das ist stark . Gegen meinen bestimmten Willen ! « sagte sie . » Vox populi , « meinte Joachim lächelnd . » Gnädige Frau , « rief der Diener , auf die Terrasse eilend , » gnädige Frau , der Hof ist voll von Leuten , man will Sie sprechen ! « » Ich bin nicht zu sprechen ! « rief Fanny in höchstem Zorn . » Aber , teure Frau , jeder Widerstand ist nutzlos , das ganze Dorf ist eben zu sehr gewöhnt , nichts ohne Ihr letztes Wort zu thun , Sie sind jahraus jahrein immer auf ihre Interessen eingegangen , aus der Gewohnheit ist ein Recht geworden , nun fordert man , was Sie ursprünglich nur schenkten - Ihr reiferes Urteil , « sprach Joachim zuredend . » Aber in diesen Dingen will ich keins haben , « sagte Fanny verzweifelt , » wenigstens keins , das über den Kreis meiner Lebensgenossen hinausdringt . « » Kommen Sie , Ihre Klugheit wird das rechte Wort finden . « Joachim nahm ihren Arm und legte ihn in den seinen . Er führte Fanny durch Saal und Flur nach vorn . Auf dem Beischlag ergab sich ein natürlicher Standpunkt für die unfreiwillige Heldin dieses seltsamen Vorganges . Vor dem Beischlag stand Taiß mit seinen Begleitern und lächelte Fanny zu - wie sie ihm später vorwarf - diabolisch schadenfroh . Hinter Fanny drängten sich Adrienne , die Pastorin , Magnus , Severina und Joachim . Letzterer konnte heimlich die Hand des jungen Mädchens fassen . Warm fühlte er das Klopfen ihrer Pulse in seinen Fingern , und fester und fester umschlossen diese die kleine , heiße Hand , während sein Auge an Fannys Gestalt und Antlitz hing , welch letzteres ihm nie so stolz und bedeutend erschienen war als in diesem Augenblick . Adrienne lehnte an der niedern Mauer des Beischlags . Mußte Magnus sich so zu ihr drängen , wenn er etwas sehen wollte ? Sie zitterte und verharrte still . Der Pastorin jedoch entging es nicht , daß Magnus der blassen Frau zu nahe kam , sie zupfte ihn mahnend am Rock , worauf er einen verzweifelten Seufzer ausstieß . Auf dem Hofe war es so dunkel , wie es an solchem Spätsommerabend nur irgend sein kann , aber vorn auf die Mauern des Beischlags stellte der Diener ungeheißen die schnell entzündeten zehnkerzigen Tafelleuchter , aus den Scheunen und Ställen rechts und links am Hofe trugen die Knechte schleunigst Stalllaternen herbei , die , hoch auf Heugabeln getragen , hin und her baumelten . So entstand eine phantastische Halbbeleuchtung , welche die versammelten paar Dutzend Menschen als eine unabsehbare Schar erscheinen ließ , nur Fanny stand im grellen Licht . Ihr Gesicht war bleich , sie sah kühl über die Menge hin und fragte : » Was wollt ihr ? Was soll der Aufzug ? « Ihre Altstimme hallte über den nächtlichen Raum und wurde in den fernsten Ecken gehört . » Wir wollen wissen , ob wir konservativ oder sozialdemokratisch wählen sollen ! « schrieen einige . Es wurde Fanny wahrhaftig schwer , nicht knappweg » konservativ « zu antworten . Die unglückliche Gegenüberstellung » sozialdemokratisch « verursachte die Aufwallung . Für ihr Frauengefühl lag in dem Wort die Verdammung und Umstürzung von allem , was sittlich und ästhetisch ist , aber sie bezwang sich und sprach : » Seit wann sind Reichstagswahlen ein Weibergeschäft ? Ihr seid Männer und müßt wissen , was ihr wollt . Mein Amt als Gutsherrin und Kirchenpatronin habe ich allezeit erfüllt ... « » Hoch , Frau Förster ! « schrie die Menge . » Aber was darüber hinausgeht , « fuhr Fanny fort , nachdem sie die Unterbrechung , ohne eine Miene zu verziehen , angehört , » aber was darüber hinausgeht , ist vom Uebel . « » Sehr verständig , eine seltene Frau ! « sagte der Schulmeister zum Dorfschulzen . » Aber Sie können doch sagen , ob wir dem Grafen Schmettow-Brunshagen oder dem Schneider Mühling mehr vertrauen sollen ! « rief wieder eine Stimme . » Wenn ihr mich fragt , was die bessere Sache sei , kann ich nicht antworten , aber wenn ihr wissen wollt , wer der bessere Mann ist , dann will ich euch dies sagen : der Schneider Mühling lebt von den Sammlungen , die seine Gesinnungsgenossen unter sich veranstalten , also von der Arbeit anderer ; er zieht im Land umher , hält Reden , ißt und trinkt gut , sein Weib und seine Kinder leben in höchster Not in Berlin . Der Graf von Schmettow thut , wie ihr alle wohl vom Hörensagen lange wißt und ich euch bestätigen kann , für seine Brunshagener unendlich viel Gutes , er hält auf seine Kosten eine Schule und ein Krankenhaus , er ist ein milder und gerechter Herr gegen seine Leute . Nun urteilt selbst , wer der bessere Mann ist . « » Hoch , Graf Schmettow ! Hoch , Frau Förster ! « riefen die befriedigten Leute und schoben , sich wendend , dem Hofthor zu . Graf Taiß trat zu Fanny und küßte ihr die Hand . » Ich dankte im stillen dem Zufall , der es fügt , daß nicht unser Kandidat ein flotter Lebemann und der Schneider ein katonischer Mustermensch ist , sonst hätten wir riskirt , den Schneider gelobt zu hören , « sagte er lachend . Auch Fanny lachte , sie war mit sich zufrieden . Die Gesellschaft kehrte auf die Terrasse zurück , ein merkwürdiger Uebermut ward in allen wach . Fanny beorderte Sekt und sagte , daß man ihr Debüt als Rednerin feiern müsse . Joachim bedauerte , daß so wenig Damen zugegen seien , sonst müsse man einen Ball improvisiren . Aber die drei Anwesenden genügten , meinte Magnus . Fanny ließ die Lichter der Krone im Saal anzünden . Aber Lanzenau , der hätte spielen sollen , schien verstimmt und bestand darauf , mit Pastors und den Gästen zwei Whisttische zu arrangiren . Fanny war durchaus nicht aufgelegt . So setzten sich Lanzenau , Taiß und einer der Fremden zum Spiel mit dem Strohmann nieder , während das Ehepaar mit den anderen beiden Fremden den zweiten Tisch nahm . Joachim aber bat und schmeichelte wie ein verzogener Knabe , daß Fanny nur einen , einen Walzer für sie spielen möge . Adrienne hatte rote Backen und war sehr vergnügt ; als auch sie bat und hinzusetzte , daß sie fast noch nie getanzt , gab Fanny gutmütig nach , doch nicht ohne zu sagen , daß hier ja im September genug Gelegenheit sei . So saß denn Fanny am Flügel , der an der einen Schmalwand des langen Saales stand , und spielte den Fledermauswalzer . Sie saß im Profil dem Saal zugewendet , und obschon ihre Blicke auf den Tasten lagen , bemerkte sie doch die beiden vorbeidrehenden Paare . Was das für ein Zauber in so einem Straußschen Walzer ist , er weckt bacchantische Lust in denen , die seinem Rhythmus tanzend folgen , er umspinnt die Seelen derer , die ihn spielen und hören , zuweilen mit tiefster Melancholie . Fanny wurde seltsam zu Mut , ganz traurig und verlassen , sie , die eben als Mittelpunkt , als Herrin der ganzen Gegend auf eine Weise gefeiert worden war , wie in der Form wenigstens noch nie eine Frau , sie saß als gute alte Tante hier am Klavier , um den anderen ein Vergnügen zu vermitteln . Fanny war gekränkt , sie hätte weinen können , und noch seltsamer , ihr Verstand kontrollirte dieses unlogische Gefühl und schalt es dumm , unverständig ; niemand wollte sie kränken , am wenigsten die vier harmlos lustigen jungen Menschen und am allerwenigsten Joachim , das wußte sie ; vielleicht dachte er in seiner großen Verehrung überhaupt nicht daran , daß man auch mit Fanny tanzen könne , und sie - sie bekam eine unbändige , unüberwindliche Lust , nur einmal mit Joachim herumzuwalzen . Weshalb er überhaupt nicht sein Bedauern darüber ausdrückte , daß es unmöglich sei ? Und dabei spielte sie unaufhörlich die süßen , wiegenden Melodien , und dabei tanzte Joachim rastlos mit Severina . Schließlich waren beide Teile ermattet , die Spielerin und die Tänzer . Da ergriff Joachim ein gefülltes Spitzglas mit Champagner und rief , es erhebend : » Die gütigste und beste der Frauen , Fanny , die Einzige , soll leben ! « Er stieß in der Runde an , die Spieler gesellten sich lachend zur Gruppe . Fanny klang ihr Glas gegen das Joachims und sah ihm glücklich lächelnd in das offene , jetzt von Ausgelassenheit strahlende Gesicht , dann fand Joachim sich zu Severina , stieß mit ihr an , unbemerkt vertauschten sie die Gläser , und mit einem heißen Wechselblick trank jeder an der Stelle , die des andern Mund berührt . Siebentes Kapitel Der Monat September war auf Mittelbach unweigerlich dem Vergnügen gewidmet . Die Ernte auf allen großen Gütern der Gegend war eingeheimst , der gesellige Verkehr , der im Sommer fast schlummerte , begann mit dem Besuch in Mittelbach . Graf Taiß mit seiner Gemahlin und deren Schwester wohnten dann einige Wochen bei Fanny , die eine entfernte Verwandte der beiden Damen war ; ferner erschien als regelmäßiger Gast ein Herr von Dören mit seiner Gattin . Beide Familien wohnten zu entfernt , um nach etwaigen Festlichkeiten , wie die Gutsnachbarn pflegten , abends wieder heimfahren zu können . Fanny erwies ihren Bekannten dann Gastfreundschaft im größten Stil . Bei aller Freiheit , welche die Hausordnung jedem einzelnen ließ , gestaltete sich das Zusammenleben bei ihr doch unwillkürlich etwas anders als zum Beispiel beim Grafen Taiß , wo man sich im November versammelte . Da ein Hausherr fehlte , nahm man erhöhte Rücksichten auf die Hausfrau und die Damen überhaupt . Anstatt ausgedehnter Billardpartien , langer Sitzungen im Rauchzimmer und dergleichen gab es für die Herren mehr Unterhaltung mit den Damen zusammen . Zwar gingen sie zuweilen früh morgens unter Joachims Führung auf die Jagd - Lanzenau mußte sich oft davon fern halten , weil ein feuchter Morgen ihm unfehlbar einen leisen Ischiasanfall brachte , doch war dies sein Geheimnis , und er gab vor , kein Vergnügen mehr an der Jagd zu finden - allein der übrige Tag sah sie mit den Damen bei Spazierfahrten , beim Lawntennies , am Schießstand , auf Kahnpartien . Zum Diner , das in dieser Zeit um sechs Uhr stattfand , machten die Damen besondere Toilette , wobei ein gewisser wetteifernder Luxus nicht fern blieb . Abends setzte sich zuweilen jemand an den Flügel , zum Tanz aufzuspielen , oder es gab ein Dilettantenkonzert , dessen Kosten Lanzenau , Joachim und die Schwester der Gräfin Taiß , das Fräulein von Grävenitz , trugen . In diesen rauschenden Tagen erwachte Adrienne zu neuem Leben ; das war eine Art zu sein , wie sie es geträumt hatte . Alles , was Sorge , Entbehrung , Unfreundlichkeit , Langeweile hieß , schien nicht zu existiren , man hatte keine Zeit , über seelische Zustände zu grübeln , hier war nicht von Pflichten , von Selbsterziehung , von Beschränkung die Rede , all die verschiedenen Charaktere lebten in heiterster Harmonie neben und mit einander , niemand schien irgend einen lieben Eigenwillen zu opfern , und doch hatte jeder neben dem andern Platz . Seltsam , und sie und Arnold hatten nicht einmal in ihrer Einsamkeit zusammen Platz gehabt , das mußte unleugbar an Arnold gelegen haben , denn da sie hier gegen niemand anstieß , ja , im Gegenteil sich dem Kreis einfügte , als habe sie immer in demselben gelebt , so war damit erwiesen , daß ihm alle Schuld an ihrem kalten Verhältnis zuzuschreiben sei . Adrienne äußerte das einmal gegen Fanny , als diese ihre Freude aussprach , die Schwägerin so aufblühen zu sehen . » Aber , mein Kind , « sagte Fanny ernst , » die Gemeinsamkeit in einem Vergnügen ist doch ein ander Ding als die Gemeinsamkeit in einer Ehe . Die Anforderungen für die erste sind die leichtesten , die an Menschen gestellt werden können , man braucht sich bloß von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen , was jeder schon aus Eitelkeit thut . Die Anforderungen für die zweite sind die schwersten , die an uns ergehen können , da sollen wir just die unvorteilhafte Seite des andern mit Demut und Liebe ertragen , was natürlich nur nöglich ist , wenn wir uns vorstellen , daß der andere ja ebenso auch unsere Unerträglichkeiten geduldig trägt . Zum Glück ist in rechten Ehen diese Erkenntnis dann die Meisterin , sie bröckelt hier und dort Schroffen ab , bis beide Charaktere glatt zusammenpassen . « Adrienne bereute sogleich , von Fanny eine solche Belehrung herausgefordert zu haben . Sie besaß jetzt in Fräulein von Grävenitz eine bessere und verständnisvollere Freundin . Das Fräulein , noch jung genug , um von der Zukunft irgend etwas Besonderes zu erwarten , und doch zu alt , um sich zu Severina oder gar zu der lustigen kleinen Frau von Dören zu gesellen , hatte alsbald in Adrienne die geeignete Zuhörerin für ihre Erinnerungen und Phantasien erkannt , die sie laut vorzutragen liebte . Sie war in jungen Jahren verlobt gewesen , der Bräutigam wurde indes vom Grafen Taiß auf Wegen betroffen , die eine Verbindung mit Lucy von Grävenitz unmöglich machten . Lucy wollte selbst den Beweisen nicht glauben , daß ihr angebeteter Arthur nur mit ihrem Vermögen den Aufwand zu bestreiten dachte , den eine berüchtigte Tänzerin in der Residenz trieb . Mit einer Zähigkeit , die bis zur Unwürdigkeit ging , hielt sie an ihm fest . Glücklicher- oder unglücklicherweise fallirte damals der Bankier der alten Frau von Grävenitz und brachte sie um den größten Teil ihres Vermögens . Augenblicklich löste Arthur seine gegen den Willen der Familie noch heimlich unterhaltenen Beziehungen zu Lucy . Diese , obschon anfangs wahrhaft trostlos , suchte später in der Literatur Trost ; das gebrochene Herz blieb ihre Spezialität , sie schrieb Romane , in welchen viel von der Knechtung der Frau , der Notwendigkeit ihrer Befreiung und der Gleichberechtigung der Geschlechter die Rede war ; jeder Held sah übrigens aus wie ihr bleicher Arthur mit dem schwarzen Vollbart ; ihre Romane hatten zur Verzweiflung des Grafen Taiß , dank einer gewissen Ueberschwenglichkeit , Schönfärberei , lebendigen Phantasie und versteckten Sinnlichkeit , viel Erfolg . Das Fräulein von Grävenitz also , die sich , nebenbei gesagt , auch zu Taiß ' Verzweiflung nicht der Mode gemäß , sondern » individuell « kleidete , das heißt in rot- oder gelbseidenen Blusen und mit einer Goldspange im schwarzen Lockenhaar einherging , während ihren Unterkörper ein weißer oder schwarzer , faltiger Seidenrock umwallte - das Fräulein hatte sich an Adrienne geschlossen , ihr ihre Märtyrergeschichte der Vergangenheit und Gegenwart erzählt und Adrienne auf den Kopf zugesagt , daß sie mit einem Manne nicht glücklich sein könne , der