« » Ich werd es auch sobald wie möglich zurücksenden . « » Unsinn ! Ich weiß , daß Sie das thun werden , obschon es gar nicht nöthig ist . - Da , steck ' s ein , damit es die Wirthin nicht sieht . « Sein nobler Sinn sträubte sich dagegen den Begriff des Darlehns zwischen so Nahestehenden überhaupt als vorhanden zu betrachten . Sie fühlte das instinktiv ; ein schöner und sanfter Ausdruck veredelte ihre Züge , indem sie vor sich nieder auf die Tischecke blickte und fortwährend mit dem Bleistift an den Rand eines Modejournals kritzelte , der schon mit ähnlichen Hieroglyphen bedeckt war . - Schon wieder klopfte die Wirthin . Kathi sagte aber diesmal nichts und athmete schwer . » Das Kurze und Lange von all unsrer Papelei ist also , « sagte er trocken , indem er seinen Ueberzieher anzog und sich seinen Stock gestützt hochaufrichtete , » was ich versprach , bleibt bestehen . Aber natürlich muß ja Jeder von uns sein Leben selber ordnen . « Er sprach noch so eine Weile , wobei er sich in Parenthesen einließ und das Satz-Ende nicht fand , bis er sich unterbrach : » Holla , wo ist denn mein Hut ? « Er fand ihn und setzte ihn auf , indem er lachend murmelte » kann ohne ihn nicht weiterreden . « In Wahrheit wollte er sich im Hute besser ausnehmen , da er sein sonst lockiges Haar kurz vorher hatte scheeren lassen . Sie aber stand noch immer in sinnender lauschender Stellung über den Tisch gebeugt und lachte nur leicht über sein komisches Hut-Manöver . Er hatte damit auch die Beobachtung erzielt , daß sie ihn gern ruhig in einem Zuge zu Ende gehört hätte . So hob er denn wieder an : » Was hinter uns liegt , darunter mach ' ich einen Strich . Die Vergangenheit ist für Beide aus und zu Ende . Aber Deine Zukunft gehört mir und natürlich , wenn da was vorfällt ... Wäre ich nur den hundertsten Theil gegen andere Frauenzimmer so gewesen wie gegen Dich , so würde Jede für mich die größte Zärtlichkeit bekommen haben . « Sie zuckte leicht auf und erröthete , sich über den Tisch beugend , indem ihr Busen sich hob . » Natürlich , was nun in Zukunft kommt ... wenn Du wirklich nicht so für mich fühlst , wie ich für Dich - dann , ja dann kann ich nicht mehr mitspielen . Meine Selbstverleugnung in materieller Hinsicht ist schon so groß , aber .. das kann ich nicht . « » Was steht denn hier ? « sagte sie plötzlich , groß und kindlich zu ihm aufblickend , indem sie wie verwirrt das Modejournal von sich schob . Der ganze Rand war mit dem Namen » Eduard R. « bekritzelt . Er sollte verstehen . » Närrchen ! « Er lächelte schwermüthig . » Hast Du Dich mal in Gedanken mit mir beschäftigt ? « Sie schnitt ein reizendes Gesicht . Eduard war eine einfache Natur , aber er fühlte , daß sie ihm in diesem Moment um den Hals fallen wollte . Er aber übte tapfere Entsagung - theilweise aus Stolz und Berechnung , weil er wohl sah , daß seine Ruhe auf sie einen doppelt tiefen Eindruck machen mußte , theils weil er sich überhaupt zu solcher Liebesscene nicht gestimmt fühlte , da ihn ein dringendes Bedürfniß quälte und er doch diesen Hochmoment nicht durch eine cynische Frage herabziehn durfte . ( Kathi war mehrmals während der Zeit hinausgepilgert . ) So mischt sich der reinsten Romantik die erbärmlichste Trivialität der physischen Natur . Platonische Entsagungsgröße aus hygienischer Rücksicht . » Also endlich denn lebwohl ! Wenn es auch zwischen uns nichts werden sollte , so wollen wir doch stets gute Freunde bleiben . Und darauf wollen wir uns die Hand gehen - als gute Kameraden . « Sie schüttelten sich die Hand , indem sie zaghafter , also liebevoller wie er , ihre breite Rechte in seine schmalen blutlosen Finger legte und vor sich niedersah . Das Weinen schien ihr nahe . Wieder machte sie ein Gesicht , als ob sie etwas erwarte - - . Aber er that es nicht . Mit einem Seufzer nahm sie die Lampe und öffnete ihm die Thür . » Bitte , nimm auch Abschied von meiner Wirthin ! « bat sie . Diese saß im Nebenzimmer und nähte . Sie sah ärgerlich aus , weil der Abendspaziergang so verzögert wurde . Er lüftete den Hut und sie dankte etwas trocken . » Also adieu ! « zögerte er auf der Schwelle . » Und Sie schreiben mir also dann gleich ? « » Nein , Sie wollen doch zuerst schreiben ? « » Ja wohl , gut . Aber erst nach einiger Zeit . « » Ich - ich möcht ' Ihnen noch gern ein Andenken mitgeben . Wenn ich nur wüßte , was ! « » Das ist hübsch von Dir . Halt .. laß mich noch mal Dein Poesiebuch sehn ! « Sie trug die Lampe , welche ihr kräftiger Arm straff emporgehalten , wieder zurück und reichte ihm eiligst das Gewünschte . Er blätterte . Da stand noch ein Gedicht . » Von wem ist das ? « » Auch von mir , « sagte sie neckisch , mit funkelnden Augen . » Pah , Unsinn . « » Auf Wort ! Willst Du ' s haben ? « fragte sie hastig . » Reiß Dir ' s raus ! Ich schenk ' Dir ' s. « Er steckte es in sein Notizbuch . Die Wirthin hatte sich schon angezogen ; er durfte nicht länger bleiben . » Also nochmals adieu , adieu . « Sie drückten sich zärtlich die Hand . » Auf Wiedersehn ! « Sie sagten es fast zugleich und mit derselben verhaltenen Innigkeit des Tons . Er riß sich los und stürzte die Treppe hinunter . Besonderen Seelenschmerz spürte er nicht . Eigentlich war er innerlich froh , für Monate seiner Leidenschaft entzogen zu sein , und doch schien ihm ein geheimnißvolles Weh durch alle Poren zu strömen . Die Wolken droben wichen nicht , gewitterliches Dunkel brach herein . Und die Wolken im Herzen ballten sich zusammen in banger Schwere . Er sah nicht Wesen noch Dinge um sich her , nur einen leeren Raum , in dem seltsame Schatten huschten . Es durchrieselte ihn frostig , als ob der Mond über ihm auf öde Ginsterhaide strahle oder auf ein mattfarbiges Meer , wo er verschlagen in leckem Boot . Im Flüstern der Abendwinde vernahm er einen unsagbaren Ton , der wie ein ferner Harfenton entfloh - eine seltsame Variation über die Melodie : » Ich liebe Dich so tief , so tief , so tief ! Das stand im letzten Brief . « - - Sein erster Gedanke nach diesem Trennungsschmerz von Scheiden und Meiden galt der Erledigung seines verhaltenen Bedürfnisses ; sein zweiter , sobald er die Stadtbahn bestiegen , der nochmaligen Lectüre des Gedichtes . Es lautete , als wäre es schlecht memorirt : Erinnerung . Erinnerung , sie ist die Blume , Von Jeglichem wohl gern gehegt . In unsers Herzen Heiligthume Hat sie ein guter Gott gelegt . Oh ! pfleg sie warm Dein ganzes Leben Denn nur im Licht und Sonnenglanz Im Strahl der warmen Freundessonne Erblüht die Blume voll und ganz . Erinnerung blinkt am Lebenshimmel Wohl Allen lieb als lichter Stern , Sie bleibt bei uns , auch wenn wir einsam Von Allem was wir lieben fern . Weit über Ströme über Zeiten In Leid und Lust in Wort und Lied Schlägt sie die luftigen lichten Brücken , Drauf der Gedanke weiterzieht . » Sind Sie leidend , Herr Rother ? « fragte der würdige Herr Bammer , als Eduard dort sein spätes Abendbrot verzehrte . » Nicht ? Sehn so blaß aus . Gestern Abend war einer von Ihren Freunden hier , der Herr Luckner . Wir haben lange geplaudert . « » Was Sie sagen ! « versetzte Rother kühl . Er konnte sich denken , daß auch über Kathi alle Mordsgeschichten ausgepackt waren . Luckner , der talentvolle Maler griechischer Interieurs à la Alma Tadema , schien der letzte , den er als Mitwisser dieser Affaire gewünscht hätte . Er empfahl sich bald und begab sich in das Sumpf-Café , wo seine Freundin Mary ihn mit Begeisterung empfing . Eine Rose , die sie ihm geschenkt , hatte er aus absichtlicher Koketterie ins Knopfloch gesteckt . Obwohl sie theure Weingäste hatte , ließ die von Eros ' Pfeil Getroffene dieselben sitzen und schmiegte sich an den Verzehrer eines Glases Bier , der mittlerweile auch seine Uhr wieder eingelöst hatte . Als sie aber immer zudringlicher wurde , konnte er sich nicht verkneifen , aus einer halb braven halb frivolen Laune das Bild Kathis hervorzuziehn , was natürlich Marys komische , Eifersucht entflammte . » Meinem lieben Freunde , « las sie die Aufschrift . » Nun , wenn Du nur ihr Freund warst - ! « Er zuckte die Achseln . » Ach Du willst mich ja nur foltern ! « schluchzte sie beinah . Und indem sie ihn mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit umschlang , flüsterte sie die Lieblings-Liebesphrase ihres Kellnerinnenjargons : » Bit Du meine Nauze ? « Er ging mit ihr nach Hause . Als er am andern Morgen heimkehrte , warf er noch in grauender Dämmerung eine Zeichnung Kathis aus der Erinnerung aufs Papier - sie aufwärts blickend , während eine Geniengestalt ( mit ihm ähnlichen Zügen ) herniederschwebend einen Lorbeerkranz auf ihre Stirne drückt ; hinterher ein Gedicht , um seine wechselnden Empfindungen abzulagern . Einen Augenblick bedachte er sich , dann packte er Beides in ein Couvert und schrieb ein paar glühende Liebesworte dazu , die » Theure Khati « anhoben und » Ich konnte mein Blut für Dich opfern « endeten . Er sagte darin , daß all seine Kräfte sich verdoppeln würden , wenn sie sein wäre , daß nur sie ihn von seiner Liederlichkeit durch seine reine Liebe für sie befreien könne und daß sie allein ihn glücklich machen könne , wie er sie sicher glücklich machen werde . Der Brief athmete reinste zarteste Liebe und nahm kein Recht irgendwie voraus . » Nur um eins beschwöre ich Sie : Werfen Sie sich nicht fort ! Sie sind viel zu edel und vornehm angelegt , um sich einem Rausch der Leidenschaft hinzugeben ? « Es lag zwar eine gewisse Brutalität darin , ihr so unverhohlen mitzutheilen , daß er am Abend nach dem innigen Abschied von ihr , seiner wahren Liebe , einem so gewöhnlich sinnlichen Gelüst nachgegeben - aber doch auch eine rührende naive Aufrichtigkeit , die dem geliebten Wesen , der Freundin seiner Seele , auch nicht seine geheimsten Schwächen verbergen wollte . Das seltsame Gedicht lautete mit seiner Mischung von sentimentaler Hingebung und Selbstherrlichkeit , die an Größenwahn streifte : » Wie kalt Du heute bist ! « sprach sie mit heißem Munde , Der düftend stets an meinen Lippen hing . Ja innen blutete geheim die alte Wunde : Dein Bild durch meine Seele ging . Dich hab ich nicht geküßt , als ich die Hand Dir drückte Mein Lebewohl hat stumm Dich angeschaut . Doch ewig bleibst , wohin das Schicksal Dich entrückte , Du meiner Seele angetraut . Ja , eine Liebe giebt ' s , die einmal nur geboren , Wie eine Perle nur die Muschel giebt . Und ob ich hundertmal auch Liebe zugeschworen , Ich habe einmal nur geliebt . Ja , jeder neue Kuß , den wild ich mit ihr tauschte , Verschärfte einzig meiner Sehnsucht Pein . Bei ihrer Liebesgluth , die gestern mich berauschte , Durchfröstelt ' s kalt heut mein Gebein . O Leben , schlechter Spaß ! O wechselnd Rad der Liebe ! Sie fühlt für mich , was ich für Dich gefühlt . Was hab ich wachgeküßt der Hoffnung eitle Triebe , Indeß mein Herz von Qual zerwühlt ? » My darling ! « seufzt sie leis , die Wimper lustbefeuchtet . Jaja schon gut , mein interessantes Kind . Den Dämon kenn ich wohl , der mir im Auge leuchtet Und der Dein kluges Hirn umspinnt . Nur Liebenswerthe sind ' s , die je mein Kuß gesegnet , Kein fades Herz sich mir zu eigen giebt . Die Liebenswertheste allein , die mir begegnet , Die Eine hat mich nie geliebt . Die kluge Thörin hat der Liebespfeil getroffen , Der tiefer sich und immer tiefer bohrt . Auf meine Küsse mag sie ruhig weiter hoffen , Mein Herz bleibt ewig ihr umflort . Was soll man eben thun ! Man sucht sich zu betäuben Und damit holla ! Alles ist dahin . Man muß die Motten frisch sich aus dem Aermel stäuben Und - aus den Augen , aus dem Sinn ! Doch wo mein Name tönt in ferner Zukunft Tagen , Umzittert unsichtbar ein stolz Geheimniß dich . » Er war mein Freund , « so raunt Dein Herz mit höherem Schlagen . » Geliebt hat er nur Eine - mich . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Nun , wie war der Abschied ? « fragte die Wirthin an jenem Abend , als Kathi sinnend und tief ergriffen in der Stube auf und abging . » O sehr , sehr nett , « versetzte diese hastig mit leidenschaftlich bewegter halb erstickter Stimme . » Er ist solch ein edler Mensch , das muß wahr sein . Und - und ich hab ihn von Herzen gern . « - - Der edle Mensch saß mittlerweile am andern Nachmittag , als Kathi und die Wirthin letzte Einkäufe in der Stadt machten - Kathi noch immer in inniger bewegter Stimmung , - mit der edlen Mary in einem kleinen Wiener Café , wo er sich früher auch mit Kathi Rendevous gegeben hatte . Kneifer-Mary hatte ihre Wirthin als Schutzgarde mitgebracht , um sich als anständige junge Dame zu präsentiren , und sah sehr blühend und jugendlich aus . Sie stellte ihr » Verhältniß « vor - » Herr .. « » Mein Name ist Hase , « gab er mürrisch zurück . » Manchmal auch Meyer . « Er war äußerst einsilbig und trocken . Marys Anspielungen , daß sie spazieren fahren möchte , fielen auf ganz unfruchtbaren Boden . In dem Glauben , daß nur die Anwesenheit der Wirthin ihn mißstimme , wußte sie dieselbe zu entfernen , nachdem diverse Chokoladen vertilgt waren . Die » Damen « hatten notabene eine halbe Stunde auf ihn warten müssen und er war auch nur erschienen wie er sagte , weil er es versprochen hatte . Mary ' s Andeutungen , daß sie nur für ihn so weit weg von ihrer Wohnung hierhergekommen sei und obendrein so lange gewartet habe - für keinen Andern - nahm Eduard ebenfalls mit gähnender Gleichgültigkeit entgegen . » Deine Gedanken sind weit weg , « seufzte sie . » Jawohl , « brummte er finster . » O ich weiß wohl wo - bei ihr ? ! « Er antwortete gar nicht . Stumm und zerstreut begleitete er sie bis vor ihr Lokal , kaum darauf achtend , daß verschiedene Vorübergehende auf der Friedrichstraße ihn erkannten und grüßten . Vornehm streifte er ihre Hand , lüftete den Hut und bemerkte gar nicht ihren vorwurfsvollen Blick , als er sich rasch von dannen trollte . Die Profanation dieser Amour nebenher schien ihm doch zum Bewußtsein gekommen . Sie gefiel ihm und sie liebte ihn . Aber er liebte sie halt nicht . Und dennoch , von Langeweile und Spleen geplagt kehrte er um neun Uhr Abends wieder in dem Sumpflokal ein , wo sein Erscheinen als » Verhältniß « , in das die närrische Mary verliebt war , Sensation erregte . Sie mußte viel von ihm erzählt haben . Aber nachdem er eine Stunde vergeudet , begab er sich , allen Bitten seiner Verehrerin zum Trotz , nach Hause . - - Um dieselbe Zeit nahm Kathi Abschied von ihrer Wirthin am Lehrter Bahnhof . » ... Und ja , so wird es denn auch wohl am Ende kommen : Ich werde ihn heirathen . O wie schwer es mir wird , zu gehn , das wissen Sie nicht . « » Brauchen Sie auch wirklich kein Geld mehr , Kathi ? « fragte die gute Wirthin . » Sonst will ich ' s Ihnen leihen . Sagen Sie mir , ob Sie Geld haben ! « » O wie können Sie mich so beleidigen ! « rief sie aus und wurde feuerroth . Es blieb charakteristisch für sie , daß sie es als gröbste Injurie empfand , wenn man sich nach ihren Geldverhältnissen erkundigte . - Kurz vorher hatte sie freilich ihre Wirthin in Verwunderung gesetzt durch eine höchst sonderbare plötzliche Forderung . Sie hatte dieser nämlich , da sie ihr doch die Miethe schuldig blieb , einen Pfandschein als Sicherheit übergeben , der eingelöst werden sollte , wenn sie das nöthige Geld aus Hamburg sende . Nun fing sie auf einmal an . » Ach wissen ' s , liebe Frau Lämmers , geben ' s mir lieber den Pfandschein wieder zurück ! « Die tüchtige , ehrenfeste , aber welterfahrene Berlinerin rief natürlich stutzig : » Wie so , vertrauen Sie ihn mir nicht an ? « Und als Kathi feuerroth fuhr sie heraus : » Nein nein , besser ist besser ! « Sofort begann Kathi vor Wuth zu weinen . » Also auch Sie ! daß auch Sie mir mißtrauen ! « so ging die Litanei fort , die aber versöhnlich endete . Nun saß sie also endlich im Coupé . Sie war standhaft und ruhig . Erst als der Zug sich in Bewegung setzte und sie ihr thränenüberströmtes Antlitz zum Fenster hinauswandte , bemerkte man : sie weinte bitterlich . Was schmerzte sie denn so ? Sie wurde ja ihre peinliche Existenz der letzten Zeit los ! sie fuhr ja ihrem verführerischen Prinzipal entgegen . Welcher Abschied schmerzte sie denn so bitter ? Eine Stimme in ihrem Innern antwortete . - - Drittes Buch . I. Schottisches Tagebuch . Von Abfahrt des Dampfers . O penetranter Theergeruch , O Bürsten und o Wischer ! O Besen , Eimer , Lappentuch ! Das geht ja immer frischer . Man sieht euch Meerssöhnen an , Daß ihr die Seife hasset , Obwohl ihr hier euch Mann für Mann Mit Putzerei befasset . Und warum alle diese Noth , Ihr tiefverruchten Seelen ? Daß ich zu rechter Zeit im Boot , Dafür müßt ihr mich quälen ! Ihr jagt aus jeder Position Mich bis zum Steuerrade . Ich lenke auf das Trockne schon Zum Ufer meine Pfade . Doch alle Püsse , hier verliehn , Und Flüche , die es regnet , Curiren praktisch meinen Spleen - Meerbären , seid gesegnet ! Seefahrt nach Edinburg . Anstauchen Verwicks zeitenmorsche Thürme Grau ans der grauen Fluth . Darüber nickt Die stolze Rothkreuzflagge Albions . Zwing-Caledonian und Schlüssel Englands , Sei mir gegrüßt wie jedem Grenzer einst ! .. Die Woge klatscht in immer gleichem Takt An dieser Felsen Nippen - Seegevögel Umschwirrt in immer gleichem Flug die Gipfel . Der Mond tritt aus den Wolken ; und ein Licht Ein geisterhaftes , weiß und strahlend , wirft er Hier auf Ruinen , ernst wie Nacht und Tod : Tantallon Castle ! Eule nur und Rabe Sie nisten heut in deiner Mauerkrone , Unheimlich krächzend langgedehnten Tones , Wo einst des grauen Löwen Douglas Höhle ... Am Hafen Dunbars fahren wir vorbei , Dem alten Sitz des fürstlichen Geschlechtes Altcaledoniens , der Carls of March . Wie heut die Buccleuchs , Hamiltons , Argyles , So standen sich zur Seit ' und gegenüber Die Douglas und die March in grauer Zeit - Doch gegenüber , wie zwei Pfeiler stehn , Die Beide doch des Hauses Giebel stützen . Horch , welcher Sang schwillt feierlich empor Zu Dunbars Zinnen aus den Feldgezelten ? Der salbungsvolle Psalm der » Eisenseiten « . Der General kaltblütig mit dem Rohr Der Feinde Stellung mustert . Plötzlich ruft er : » Der Herr hat sie in unsre Hand gegeben ! Da kommen sie herab , die Lesley-Männer ! « Von beiden Seiten schallt ' s begeistert-grimm : » Der Covenant ! « » Jehova Zebaoth ! « Da plötzlich flammt die Sonne hochempor Auf Berg und Meer nach bleichen Nebelmorgen . » Seht , jetzo er erscheint , der alte Gott , Und seine Feinde werden nun zerstreut . « Gewaltig geht das Wort von Mund zu Mund Und jede Brust erhellt das Gotteszeichen Und Cromwell ruft : » Seht hin , sie fliehn , sie fliehn ! Wie Stoppeln sind sie nur vor unserm Schwert . Drauf , Rüstzeug , mit dem Herrn der Heeresscharen ! « .. Der großen Männer Wort ist Gottes Wink : Und schon beleuchtet diese Siegessonne Der Schotten feige Flucht durchs Blachgefild - Von Schwerte nicht , von Cromwells Geist geschlagen . Heil , Edinburg ! Da steigst du aus der Fluth Im Schleier der Romatik - Holyrood Und Schloß als Zacken in der Manerkron ' ! Im Nimbus goldnen Morgensonne schon Strahlt deiner Dichterfürsten Monument , Der Dioskurensterne , wie getrennt Als Schottlands Doppelglorie und Ruhm . Glorreiche Veste einst der Wissenschaft , Wo lang geherrscht der Muse heilige Kraft ! Nach deiner Söhne neuem Griechenthum » Modern Athen « gepriesen und benannt , Dem auch im Anblick man dich ähnlich fand . Waverley Station ! Von Burns ' Monument schweift der Blick zum Castle hinüber , hoch oben thronend mit seinen buntröckigen Hochlandsgarden , und von da durch die schnurgerade breite Prince ' s Street über die gewaltigen vierstöckigen Häuser weg , welche die Ober-Stadt mit der Unter-Stadt verbinden , zu dem gothischen Münsterthurm , der Scott ' s Denkmal umhüllt . Bei dem wackern Bürgermeister In Kirkcaldy darf ich sitzen - Im Balkon im Sessel heißt er Mich » Inspiration erschwitzen ! « Denn dort habe oft gesessen Mit dem Toddy und der Pfeife Carlyle , der hier unvergessen , Und der oft hierher noch schweife . Ha ! Gleich wie der Pythia Dreifuß macht mich dieser Sessel Zum Propheten schon beinah ! In der Nordsee Schaumeskessel Starre ich bis auf den Grund , Seh das Weltgeheimniß klaffen Bis in des Verderbens Schlund , Wo die Parzen emsig schaffen . Kirkcaldy hat eine dünne Bevölkerung , dicke Magistrate , nur drei Gefangenzellen und etliche » unverbesserliche Trunkenbolde « . Ich genoß die Ehre , einem der letzteren in einer der besagten Zellen ( bei vorübergehender Besichtigung , um Irrthümer zu vermeiden ! ) vorgestellt zu werden . Dies nützliche Mitglied der Gesellschaft verhieß uns mit ausgezeichneter Höflichkeit eine Empfehlung an den Hausherrn gewisser unterirdischer Regionen , mit dem er augenscheinlich auf vertrautem Fuße stand , und schnarchte in edler Unabhängigkeit fort . Der Thierwärter - ich meine der Gefängnißschließer - konnte sich hier nicht die gerührte Bemerkung versagen , wie viel comfortabler dieser Feuerwasseranbeter auf der Pritsche sich den Träumen seines fanatischen Cultus hingeben könne , statt sich auf dem Straßenpflaster herumzuwälzen . Uebrigens zeigte sich ein Herr aus Dundee sehr entrüstet , als ich mich bei einem Abendspaziergang durch die Gassen starke Betrunkenheit zu bemerken vermaß , sintemalen es » Saturday Evening « und doch nur zwei total » Ertrunkene « ( der Narr in » Was ihr wollt « ist für diesen Ausdruck verantwortlich ) durch die Straßen schwammen . Andre Länder , andre Sitten ! Vielleicht eine Eigenthümlichkeit schottischer Religiosität , den » heiligen Tag « durch eine Whisky-Taufe einzuweihen ! So kommen sie denn sicherlich mit rothen Nasen in die Kirche und näseln Psalmen und schauen stolz herab auf die » Heiden « in der Welt da draußen . Doch ihr dreimal am Tage Beten ( nach jedem Mahl kniet jeder schottische Hausherr mit seiner Familie nieder und beginnt ein halbstündiges » Prayer « ! ) läßt ihnen noch Zeit genug für Gastfreiheit und Bildung . Der » ruchloseste « Poet wird nicht aus der Bibliotek eines solchen Frommen ausgeschlossen ; denn dieser bleibt ein gebildeter Mann , obwohl er mit dem Papst in Rom an Unfehlbarkeit wetteifert . Auch scheint seine Gastfreiheit schätzenswerther , als die hochmüthig prahlerische Freigebigkeit Englands . Schottland ist arm . Darum darf man nicht verkennen , daß die Religiosität des Schotten sich zwar auch in Formeln und Riten , aber nicht minder in echter rechter » kindness « gegen seinen Nächsten zeigt , die ihm ein Opfer , wie dem Engländer ein bloßer Sport . Kein anziehender Gesellschafter , der Schotte ! Sehen wir einen Sprößling der Grampians , so denken wir unwillkürlich an einen grauen schottischen Regentag . Ein Fremder , den sie mit Güte überschütten , wird sich im Leben nicht wohl bei ihnen fühlen . Sie finden es nicht comfortabel , ihre Bildung zum Besten zu geben , und jammern lieber über das Wetter , natürlich ein unerschöpflicher Unterhaltungsstoff . Geiz ( Armuth ! ) , Trunkenheit ( Klima ! ) , Pharisäismus ( Kirche ! ) mag man hier als häufige Fehler finden , Frömmigkeit und Biedersinn als häufigere Vorzüge , tiefen Sinn für Natur , Freiheit und Poesie als allgemeines Erbgut . Wie den Griechen und Italienern der Sinn für äußere menschliche Schönheit angeboren , wie die deutsche Race mit besonderer Empfänglichkeit für Musik begabt scheint , so mag man die ganze britische Nation getrost als das Volk der Poesie bezeichnen . Diese nordischen Stämme brachten mit sich die germanische Empfänglichkeit für freie Natur , noch verstärkt durch ihr Leben als Jäger und Krieger . Abgeschlossen von der übrigen Welt durch ihre insulare Stellung , bildete sich eine beschränkte , aber achtungswerthe Vaterlandsliebe in ihnen aus . Die langen Fehden der Schotten und Angeln begeisterten sie für kriegerischen Ruhm , und die Normannen brachten ihnen den Cultus der Chevalerie . Heine wundert sich affecktirt , daß die Engländer den Shakespeare hervorbrachten . Das wirklich Wunderbare wäre , wenn irgend ein anderes Volk ihn hervorgebracht hätte , oder wenn die Schotten nicht ihren Scott und Burns besäßen . Und wie stolz sind sie auf diese Zwei ! Man wundere sich noch , daß die Briten im Durchschnitt die größten Dichter erzeugten ! Kunst geht erstens nach Brot und zweitens nach Ruhm d.h. bei Lebzeiten . Der Nachruhm freilich - wir Deutschen sind sehr freigebig mit diesem werthvollen Artikel . Aber da ist noch ein Unterschied zwischen der gähnenden Goethe-Pfafferei und der innigen herzlichen Liebe der Schotten für ihre Dichter . Der echte Scotchman hat drei hauptsächliche Gedanken : Kirche , Hochland und Sir Walter . Unsere Kirche , unsere Natur , unser Poet sind doch die besten ! Es scheint charakteristisch , daß sie zwei Landstriche » Sir Walters Land « und » Burns ' Land « benennen . Trotz allem Traphic und Common Sense blieben die Briten doch sicher naiver , natürlicher , poetischer und enthusiastischer , als die Leute auf dem Continent . Kirkcaldy hat eine geräumige Kirche und will natürlich eine größere bauen . » Kirchenbauen « scheint eine Epidemie in Großbritannien . Der Clergyman gilt für einen der besten Prediger in Midlothian und ist ein gebildeter Mann , der lange Zeit in Berlin Theologie studierte und schlechtes Deutsch spricht , was viel sagen will für einen Briten . Uebrigens steht die gute Stadt in einem gewissen Zusammenhang mit deutscher Sprache und Literatur , auch durch Seehandel mit Deutschland , da sie in Verbindung steht mit dem größten German Scholar , Thomas Carlyle , der hier als junger Schulmeister lebte . Dieser außerordentliche Mann , der vielleicht noch mehr Bewunderer zählte , wenn das Corybautengekreisch seiner Verehrer nicht die Stimme ihres Gottes übertönte , bewahrte eine Vorliebe für diesen Aufenthalt seiner Jugendtage . Er besuchte , von seiner Seherhöhle in Chelsea aus , oft seinen ehemaligen Wohnsitz . Hier wandelte auch einst ein anderer Prophet , Adam Smith , in seinem Garten am Meer , wo er seine » wealth of nations « schrieb . Ja , und da wäre nun Perth ! Die » Schöne Stadt « nennt es sich selbst , alldieweil der Zauberstab des Dichters die » Schöne Maid von Perth « heraufbeschwor . Da hockt man nun in alterthümlicher Klause , in einer alten lauschigen Inn , eine alte Chronik neben sich , worin Erbauliches von Leben und Ende des schottischen Nationalheros William Wallace berichtet . Die Moncrieff-Ruine immer noch ragt , immer noch glitzert der Tay so klar , daß man die Kiesel auf seinem Grunde zählt . Auf dem Anger , wo einst die beiden Claus gefochten , tummeln sich heut Criket-Schläger und die Enkelinnen der Schönen Maid von Perth - ach , sie lassen uns nur den Verfall alles Schönen bedauern . Aber noch duften die herrlichen Blumenbeete der Stadt , noch duftet der sagenlispelnde Wald . Sagen rauscht der alte Park , Und die alte Lady drinnen Am Kamin erinnert stark An die Scott ' schen Häuptlinginnen . Um sie her sitzt all ihr Clan , Und der ältste Sohn wird treten , Wenn die Abendstunden nahn , In die Mitte erst und beten . Beten nach dem Abendbrod , Mittag auch und Abendessen . Ach , ich leide große Noth , Der ich Beten längst vergessen . Dunkeld ! Wohl sieht man hier vor seines Geistes Auge Vernam ' s Wald anrücken auf Dunsinan , hier wo Macbeth verzweifelt wie ein Bar mit der Meute focht . Doch mit leiblichen Augen sieht man hinter jedem Meilenstein pinselnde Ladies aufgepflanzt . Ein Blick über die Schulter der edlen Künstlerinnen - - kehrten mir lieber Hochlandkühe den interessanten Rücken ! Blair Athole , schon ein richtiger Hochlandweiler