Leben vergiftet werden ? « erwiderte sie . » Nein , lieber trag ' ich ' s für mich allein , als daß ich auch ihn leiden sehen sollte . Er ist fröhlichen Gemütes und hängt an ihr mit seiner ganzen Seele - sonst ist er wohl manchmal heftig und aufbrausend , nur ihr hat er noch kein böses Wort gesagt - laß ihn hoffen , solange er ' s vermag - ich verrat ' s ihm nicht . « Sie stützte den Kopf in beide Hände und starrte vor sich hin . Ihm fiel das Märchen seiner Mutter ein . » Frau Sorge , Frau Sorge , « murmelte er vor sich hin . » Was sagst du da ? « fragte sie und sah ihn mit großen , trostverlangenden Augen an . » Ach nichts , « erwiderte er mit einem traurigen Lächeln , » ich wollte , ich könnte dir helfen . « » Wer könnte das wohl ? « » Und doch kann ich ' s vielleicht , « sagte er , » es hat dir nur einer gefehlt , mit dem du dich aussprichst . Du bist gar nicht so übel dran , wie du denkst - zwar dich hat die Frau Sorge auch gesegnet ... « » Was heißt das ? « fragte sie . Und darauf erzählte er ihr den Anfang jenes Märchens , so gut er ' s im Gedächtnis behalten hatte . » Und wie erlöst man sich von diesem Segen ? « fragte sie dann . » Ich weiß es nicht , « erwiderte er , » die Mutter hat mir das Ende des Märchens niemals erzählen wollen . Ich glaube auch nicht , daß es eine Erlösung gibt . Solche Menschen wie wir , die müssen gutwillig auf das Glück verzichten , und wenn es ihnen noch so nahe ist , sie sehen es nicht - es kommt ihnen immer was Trübes dazwischen . Das einzige , was sie können , ist , über das Glück der andern zu wachen und zu sorgen , daß es ihnen so gut wie möglich gehe . « » Ich möchte aber auch ein bißchen glücklich sein , « sagte sie , die Augen treuherzig zu ihm aufschlagend . » Ich wünschte , ich wäre so glücklich wie du , « erwiderte er . » Hätt ' ich nur nicht immer Angst , « klagte sie . » Die Angst - mit der mußt du dich schon befreunden - die hab ' ich mein Lebtag gehabt , und wenn ich nicht wußte , warum , so hab ' ich mir rasch ' nen Grund zurechtgemacht . Es ist auch gar nicht so schlimm damit - wenn man die Angst nicht hätt ' , man würd ' ja nicht wissen , warum man lebt . - Aber denk ' nur einmal nach , wie zufrieden du sein kannst : Du siehst lauter fröhliche Gesichter um dich , die Mutter fühlt sich glücklich , trotz allem Leiden - das tut sie doch ? « » Ja , Gott sei Dank , « sagte sie , » sie ahnt gar nicht , wie schlimm es mit ihr steht . « » Na , siehst du ! - Und der Vater ahnt es ebensowenig ; keine Sorge drückt sie , sie lieben sich und lieben dich auch , kein böses Wort fällt zwischen euch - und wenn die Mutter einmal die Augen zumacht , so wird sie ' s vielleicht im Lächeln tun und wird sagen können : ich bin doch immer recht glücklich gewesen ! - Sag mal - kannst du mehr verlangen ? « » Aber sie soll nicht sterben ! « rief Elsbeth . » Warum nicht ? « fragte er , » ist der Tod denn so schlimm ? « » Für sie nicht - aber für mich . « » Auf einen selber kann es da nie ankommen , « erwiderte er , die Lippen hart zusammenpressend , » man muß eben sehen wie man mit sich fertig wird . - - Der Tod ist nur dann schlimm , wenn man sein Lebtag auf das Glück gewartet hat , und es ist nicht gekommen . Da muß einem zumute sein , wie wenn man hungrig von einem reichbesetzten Tische aufsteht , und das möcht ' ich jedem Menschen ersparen , den ich liebhabe . - Sieh mal , ich hab ' auch eine Mutter - die hat auch mal glücklich sein wollen und möcht ' es jetzt noch gar zu gerne - ich bin der einzige , der ihr die Sorge vom Halse schaffen könnte , und ich bin nicht imstande dazu . Was meinst du , wie mir da zumute sein muß ? Ich seh ' , wie sie alt wird in Gram und Not ... ich kann die Runzeln zählen auf ihrer Stirn und ihren Backen ... ihr Mund fällt ein , und ihr Kinn wird lang ... sie spricht schon lange kein lautes Wort mehr , stiller wird sie von Tag zu Tag ... und so still wird sie eines Tages wegsterben ... und ich werd ' dastehen und werd ' sagen : du bist schuld daran , du hast ihr nicht einen einzigen Tag des Glückes bereiten können . « » Armer Mensch du , « flüsterte sie , » kann ich dir gar nicht helfen ? « » Niemand kann mir helfen - solange der Vater - « er hielt inne , erschrocken über den Lauf seiner eigenen Gedanken . Beide schwiegen . - Lange saßen sie regungslos da , die zwanzigjährigen Häupter sorgenvoll in die Hände gestützt . Der Mondenglanz lag silbern auf ihren Haaren , die der weiche Heidewind leis tändelnd bewegte . Dann fuhr ein Wolkenschatten über sie hin . Sie erbebten beide . Ihnen war zumute , als breitete jene traurige Fee , die sie » Frau Sorge « nannten , den düsteren Fittich über sie . » Ich will nach Hause , « sagte Elsbeth sich erhebend . » Geh mit Gott , « antwortete er feierlich . Sie ergriff seine beiden Hände . » Hab Dank , « sagte sie leise , » du hast mir sehr , sehr wohlgetan . « » Und wenn du mich wieder brauchst - « » So komm ' ich zu dir zu pfeifen , « erwiderte sie lächelnd . Und dann schieden sie . Wie im Traume schritt Paul durch den finsteren Wald . Die Fichten rauschten leise ... auf dem grauen Moose tanzten die Mondenstrahlen . » Es ist doch seltsam , « dachte er , » daß sie mir alle ihr Leid klagen , « und er folgerte daraus , daß er von allen der Glücklichste wäre . » Oder der Unglücklichste , « fügte er nachdenklich hinzu , doch dann lachte er geheimnisvoll und warf die Mütze in die Luft . Als er auf die helle Heide hinaustrat , bemerkte er , wie zwei Schatten vor ihm herhuschten und in der nebligen Ferne verschwanden . Gleich darauf hörte er es hinter sich in den Wacholderbüschen knacken . Rasch wandte er sich um und sah ein zweites Schattenpaar , das hinter einem Busche in die Erde sank . » Die ganze Heide scheint lebendig heute , « murmelte er , und lächelnd fügte er hinzu : » Freilich , es ist ja Johannisnacht ! « Bald nach ihm kamen mit wirren Haaren und erhitzten Gesichtern die Zwillinge nach Hause . Sie erklärten , der Pfarrer habe ihnen bis Mitternacht Karten gelegt . Sie würden demnächst einen Mann bekommen . Kichernd schlüpften sie in ihre Schlafzimmer . 12 Der alte Meyhöfer schwamm in lauter Glück . Die Zusage des reichen Douglas , sich an seinem Unternehmen zu beteiligen , hatte seine Aussichten plötzlich zu schwindelnder Höhe steigen lassen . Die Ohren , die sich ihm bis dahin verschlossen hatten , begannen begierig seinen Auseinandersetzungen zu lauschen , und in den Gasthäusern , in denen er bis dahin mit halb spöttischem , halb mitleidigem Lächeln empfangen worden war , galt er nun als großer Mann . » Mit seinem halben Vermögen will er hineinspringen , « so erzählte er ; » wir sind bereits mit Borsig in Berlin in Verbindung getreten , der uns die nötigen Maschinen liefern will ; aus Oldenburg haben wir uns einen technischen Direktor verschrieben , und tagtäglich kommen Anfragen an uns , zu welchem Preise wir die Million Torfziegel abgeben wollen . « Die Folge davon war , daß man ihn drängte , mit der Emission der Aktien zu beginnen . Und wenn man sich um ihn scharte und ihn bat , soundsoviel Stück für jeden zu reservieren , warf er sich hochmütig in die Brust und meinte , sie würden wahrscheinlich in festen Händen bleiben . Zu Hause beschäftigte er sich damit , die Embleme für die Briefbogen der künftigen Firma zu entwerfen , und in allen seinen Taschen klimperte das geborgte Geld . Vier Wochen waren seit jener Johannisnacht verflossen , da wurden aus Helenental zwei Einladungskarten abgegeben , eine für Herrn Meyhöfer junior und die andre für die jungen Damen . » Zum Gartenfest , « hieß es darin . » Aha , man buhlt schon um unsere Gunst , « rief der Alte , » die Ratten riechen den Speck . « Paul ging mit seiner Karte , die Elsbeths Handschrift trug , hinter den Heuschober und studierte die Buchstaben in aller Einsamkeit wohl eine Stunde lange . Dann stieg er in seine Giebelstube empor und stellte sich vor den Spiegel . Er fand , daß sein Bart an Umfang zugenommen hatte und nur an den Backen noch spärliche Stellen aufwies . » Es wird sich machen , « sagte er in einem Anfall von Eitelkeit , doch als er sich nun lächeln sah , wunderte er sich über die tiefen , traurigen Falten , die sich von den Augen an der Nase vorbei bis zu den Mundwinkeln herabzogen . » Falten machen interessant , « tröstete er sich . Von dieser Stunde an war er ausschließlich mit dem Gedanken beschäftigt , welche Rolle er auf dem Feste wohl spielen würde . - Er übte sich vor dem Spiegel einen schulgerechten Bückling ein , besah allmorgendlich seine Sonntagskleider und suchte die Schäbigkeit des Rockes durch ein Überbürsten mit schwarzer Farbe zu vermindern . Die Einladung hatte eine ganze Revolution in seinem Geiste hervorgerufen . Sie war ihm ein Gruß aus dem gelobten Lande der Lust , das er wie Moses sonst nur von ferne gesehen . Und nicht umsonst war er zwanzig Jahre alt . Der Tag des Festes kam heran . Die Schwestern hatten ihre weißen Mullkleider angezogen und dunkle Rosen ins Haar gesteckt . Sie tänzelten vor dem Spiegel auf und nieder und fragten einander : » Bin ich schön ? « - Und obwohl sie die Frage gern bejahten , so ahnten sie doch kaum , wie schön sie waren . - Die Mutter saß in einem Winkel , sah ihnen zu und lächelte . Paul rannte beklommen hin und her - innerlich verwundert , daß ein so frohes Ereignis einem so große Angst bereiten könne . - Er hatte sich in letzter Stunde allerhand schöne Reden einstudiert , die er auf dem Feste zu halten beabsichtigte . Über Menschenwohl , über Torfkultur und über Heines » Buch der Lieder « . Man sollte schon sehn , daß er imstande war , sich mit Damen liebenswürdig zu unterhalten . Die offene Chaise , ein Überbleibsel aus der verflossenen Herrlichkeit , führte die Geschwister zum Feste . Den Rückweg wollten sie zu Fuße machen . - - Bei der Auffahrt bemerkte Paul über den Gartenzaun hinweg hellfarbige Kleider durch die Gebüsche flirren und hörte ein Kichern von lustigen Mädchenstimmen . Seine unbehagliche Stimmung wuchs dadurch um ein bedeutendes . In der Veranda empfing sie Herr Douglas mit einem fröhlichen Lachen . Er kniff den Schwestern in die Wangen , klopfte ihn selber auf die Schulter und sagte : » Nun , junger Rittersmann , heut werden wir uns die Sporen verdienen . « Paul drehte seine Mütze in der Hand und brach in ein einfältiges Lachen aus , über das er sich selber ärgerte . » Nun allons zu den Damen ! « rief Herr Douglas , nahm die Schwestern unter die Arme , und er selber mußte hinterdrein trotten . Das Kichern kam näher und näher - auch lustige Männerstimmen schallten darein - , ihm war zumute , als sollte er geköpft werden . Und dann legte es sich wie ein Flor vor seine Augen - undeutlich gewahrte er eine Fülle fremder Gesichter , die aus Wolken heraus ihn anstarrten . - Seine Rede über die Torfkultur fiel ihm ein , aber damit war in diesem Augenblicke nichts zu machen . Dann sah er Elsbeths Antlitz in dem Nebel auftauchen . Sie trug Brosche mit blauen Edelsteinen und lächelte ihn freundlich an . Trotz des Lächeln war sie ihm nie so fremd erschienen wie in diesem Augenblicke . » Herr Paul Meyhöfer , mein Jugendfreund , « sagte sie , ihn bei der Hand nehmend , und führte ihn herum . Er verbeugte sich nach allen Seiten und hatte ein unbestimmtes Gefühl , als ob er sich lächerlich mache . » He - da ist auch mein Musterknabe , « rief des Vetters lustige Stimme , und alle Damen kicherten . Darauf hieß man ihn sich niedersetzen und bot ihm eine Tasse Kaffee . » Mama hat sich ein wenig niedergelegt , « flüsterte Elsbeth ihm zu , » Sie ist nicht wohl heute . « » So , « sagte er und lächelt albern dazu . Vetter Leo hatte einen Kreis von jungen Damen um sich versammelt und erzählte ihnen die Geschichte von einem jungen Referendar , der so gern Süßes gegessen habe , daß er beim Anblick einer Tüte Pralinés , die er nicht haben durfte , zum Zuckerhut erstarrt sei . Darüber wollten sie sich vor Lachen ausschütten . » O könntest du doch auch solche Geschichten erzählen ! « dachte Paul , und da ihm nichts Besseres einfiel , aß er ein Stück Kuchen nach dem andern . Die Schwestern waren sofort von ein paar fremden jungen Herren in Beschlag genommen worden , denen sie dreist in die Augen lachten , während die schlagfertigsten Antworten ihnen aus dem Munde sprudelten . Die Schwestern erschienen ihm plötzlich wie Wesen aus höheren Welten . » Wir wollen jetzt ein schönes Spiel spielen , meine Damen , « sagte Vetter Leo , indem er die Knie übereinanderschlug und sich nachlässig in den Sessel zurücklehnte . » Das Spiel heißt Körbe kriegen ! . Die Damen gehen einzeln spazieren und die Herren auch . Der Herr fragt die ihm begegnende Dame : Est-ce que vous m ' aimez ? und die Dame antwortet entweder : Je vous adore , dann wird sie seine Frau , oder sie gibt ihm stillschweigend einen Korb . - Wer die meisten Körbe bekommt , erhält eine Zipfelmütze , die er den Abend über tragen muß . « Die Damen fanden das Spiel sehr lustig , und alle erhoben sich , um es sofort ins Werk zu setzen . Auch Paul stand auf , obwohl er am liebsten in seinem dunkeln Winkel sitzen geblieben wäre . » Wie mag das fremde Wort wohl heißen ? « fragte er sich ; er hätte sich gern bei einem der Herrn erkundigt , aber er schämte sich , seine Unwissenheit zu verraten und so seinen Schwestern Schande zu machen . Elsbeth war mit den andern Mädchen auf und davon gegangen , ihr hätte er sich am liebsten anvertraut . So schlich er trübselig den anderen nach , doch als er die erste der Damen sich entgegenkommen sah , war die Angst in ihm so groß , daß er rasch vom Pfade abbog und sich im dicksten Gebüsche verbarg . Dort war ein Stücklein Wildnis , wie im tiefen Walde . Nesseln und Farnkraut erhoben ihre schlanken Stauden , und die unheimliche Wolfsmilch stritt mit breitblättrigen Kletten um die Oberherrschaft . In diesem Blättergewirr kauerte er nieder , stützte die Ellbogen auf die Knie und dachte nach . Also das nannten die Menschen sich amüsieren ? Es war gut , daß er ' s einmal kennengelernt , aber gefallen wollt ' s ihm nicht . Zu Hause war ' s jedenfalls hübscher - und zudem , wer konnte wissen , ob die Mägde zur rechten Zeit mit dem Jäten fertig geworden ? ... Ob der Torf nicht allzu feucht in Haufen gebracht worden war ? ... Es gab so viel daheim zu tun , und er trieb sich herum und ließ sich auf törichte Spiele ein wie ein Hansnarr ... Wenn nicht Elsbeth gewesen wäre ... aber freilich , was hatte er von ihr ? ... Wie sie ihn anlächelte , so lächelte sie jeden an , und wenn gar Vetter Leo seine Scherze begann ... wie keck er tat , wie er ihnen allen schmeichelte ! Oh , die Welt ist schlecht , und falsch sind sie alle , alle ! Er hörte von den Pfaden her seinen Namen rufen , aber er schmiegte sich nur um so enger in sein Versteck hinein . Hier war er wenigstens vor jedem Hohn geborgen . - Eine beklemmende Schwüle lastete in der Luft - schläfrig summende Hummeln schlichen am Erdboden dahin - ein Gewitter schien am Himmel zu stehen . » Mir kann ' s recht sein , « dachte Paul , » ich hab ' nichts zu verlieren , und - der Winterroggen ist drinnen . « Draußen war es stille geworden - aus der Ferne tönte das Klirren von Glastellern und Teelöffeln , und von Zeit zu Zeit mischte sich ein gedämpftes Lachen darein . Paul hielt den Atem an . Je länger er in seinem Schlupfwinkel verharrte , desto beklommener wurde ihm zumute - schließlich kam er sich vor wie ein Schulbube , der sich vor der Züchtigung seines Lehrers verkriecht . Der Geruch der wuchernden Pflanzen wurde schärfer und quälender , ein übelduftender Dunst stieg von der feuchten Erde empor wie ein fahler Nebel legte es sich vor seine Augen . - Stahlblaue Wolken wälzten sich am Himmel in die Höhe , fernab begann der Donner zu grollen . » Das nennt sich nun Vergnügen , « dachte Paul . In den Zweigen erhob sich ein Rauschen . Schwere Tropfen klatschten auf die Blätter nieder , da kroch Paul , scheu wie ein Verbrecher , aus seinem Versteck hervor . Jubelndes Gelächter empfing ihn von der Veranda her . » Dort kommt Aujust , « rief einer der Herren leise . Der war in Berlin gewesen und hatte den Zirkus gesehen ; und die andern stimmten ein . » Meine geehrten Herrschaften , « schrie Leo , auf einen Stuhl kletternd , » dieser Musterknabe , genannt Paul Meyhöfer , hat sich in unverantwortlicher Weise dem Richterspruche der Gesellschaft entzogen . Da er in seines Nichts durchbohrendem Gefühle voraussah , daß er die meisten der Körbe auf seinem unwürdigen Haupte vereinigen würde , so hat er sich in höchst verwerflicher Feigheit - « » Ich weiß nicht , warum Sie mich so schlecht machen , « sagte Paul gekränkt , der das alles für Ernst hielt . Ein neues , ungeheures Gelächter antwortete ihm . » Ich stelle also den Antrag , ihm zur Strafe für sein Verbrechen die Zipfelmütze zuzuerkennen und zu diesem Behufe einen Gerichtshof bilden zu wollen . « » Bitte - ich nehme die Mütze auch so , « antwortete Paul gereizt . - Er brauchte jetzt nur den Mund zu öffnen , um neue Heiterkeit zu entfesseln . Feierlich ward er mit der Schlafmütze gekrönt ... » Ich muß doch recht drollig aussehen , « dachte er , denn alle wälzten sich vor Lachen . Nur die Schwestern lachten nicht , hochrot vor Scham blickten sie ihn ihren Schoß , und Elsbeth schaute ihn verlegen an , als wollte sie ihm Abbitte leisten . » Aujust , « ertönte es wieder leise aus dem Kreise der Herren . Gleich darauf brach das Gewitter los . - In hellen Scharen flüchteten sich alle ins Haus . - Die jungen Damen verfärbten sich , die meisten hatten Angst vor dem Donner , und eine fiel sogar in Ohnmacht . Leo schlug vor , man solle einen Kreis bilden , und jeder solle dann eine Geschichte zum besten geben ... wem nichts einfalle , der müsse ein Pfand geben . Man war ' s zufrieden . Das Los bestimmte die Reihenfolge , und einer der Herren machte den Anfang mit einer sehr lustigen Studentengeschichte , die er selbst erlebt haben wollte . Dann kamen ein paar der jungen Mädchen , die lieber Pfänder geben wollten , und dann wurde er selber aufgerufen . Die Herren räusperten sich spöttisch , und die Mädchen stießen sich mit den Ellbogen an und kicherten . Da übermannte ihn sein Groll , und , die Stirn in Falten ziehend , begann er aufs Geratewohl : » Es war einmal einer , der so lächerlich war , daß man ihn bloß anzusehen brauchte , wenn man sich satt lachen wollte . Er selbst aber wußte nicht , wie das zuging , denn er hatte noch nie in seinem Leben gelacht ... « Es wurde ganz still in der Runde . Das Lächeln erstarrte auf den Gesichtern , und einer und der andere schauten zur Erde nieder . » Weiter ! « rief Elsbeth , ihm leise zunickend . Ihn aber überkam die Scham , daß er es wagte , sein Innerstes vor diesen fremden Menschen bloßzulegen . » Ich weiß nicht weiter , « sagte er und stand auf . Diesmal lachte niemand , für eine Weile herrschte beklommenes Schweigen , dann kam das Mädchen , das zur Schatzmeisterin gewählt war , zu ihm heran und sagte mit einem artigen Knicks : » So müssen Sie ein Pfand geben . « » Gerne , « erwiderte er und löste seine Uhr von der Kette . » Ein ungemütlicher Mensch , « hörte er einen der jungen Herren leise zu seinem Nachbarn sagen . Es war der , welcher zuerst den Tölpelnamen gerufen hatte . Hierauf kam Leo an die Reihe , der eine sehr übermütige Anekdote zum besten gab , aber die Freude wollte nicht wieder in Fluß kommen . Dumpf klatschte der Regen gegen die Fenster ... schwarze Wolkenschatten füllten das Zimmer ... Es war , als ob die graue Frau durch die Luft hinglitte und mit ihrem düstern Fittich die jungen , lachenden Gesichter streife , daß sie ernst und alt erschienen ... Erst als Elsbeth das Klavier öffnete und einen lustigen Tanz anstimmte , wurde der erstarrte Jubel wieder wach . Paul stand in einem Winkel und sah sich das Treiben an . Man ließ ihn ganz in Ruhe , nur hin und wieder streifte ihn ein scheuer Blick . Die Zwillinge rasten über den Tanzboden - ihre Locken flatterten , und in ihren Augen erglomm ein wildes Leuchten . » Laß sie nur rasen , « dachte Paul , » sie müssen zeitig genug in den Jammer zurück . « Aber daß es für sie keinen Jammer gab , daran dachte er nicht . Als Elsbeth abgelöst wurde , trat sie zu ihm heran und sagte : » Du langweilst dich wohl sehr ? « » Nicht doch , « sagte er . » Es ist ja alles neu für mich . « » Sei fröhlich , « bat sie , » wir leben ja nur einmal ! « Und in diesem Augenblicke kam Leo auf sie zugestürzt , faßte sie um die Taille und jagte mit ihr davon . » Sie ist dir doch fremd , « dachte Paul . Als sie wieder an ihm vorüberstreifte , raunte sie ihm zu : » Geh ins Nebenzimmer , ich will dir was sagen . « » Was kann sie dir zu sagen haben ? « dachte er , aber er tat , wie sie ihm geheißen . Hinter der Gardine halb verborgen , wartete er , doch sie kam nicht . Von Minute zu Minute schwoll die Bitterkeit in seiner Seele höher empor . Seine schönen Reden über den Torfbau und Heines » Buch der Lieder « fielen ihm ein , und er zuckte höhnisch die Achseln über die eigene Dummheit . Ihm war zumute , als sei er im Laufe dieses Nachmittags um Jahre reifer geworden . Und dann plötzlich kam ihm die Frage zu Sinn : Was hast du hier zu suchen ? Was gehen dich die fröhlichen Menschen an , die lachen und einander gefallen wollen und gedankenlos in den Tag hineinleben ? Ein Narr , ein Elender warst du , als du glaubtest , auch du hättest ein Recht , froh zu sein ; auch du könntest werden wie sie . Der Boden brannte ihm unter den Füßen . Ihm war zumute , als versündige er sich , wenn er noch ein einzige Minute an diesem Platz verweilte . Er schlich sich in den Hausflur , wo seine Mütze hing . » Sagen Sie meinen Schwestern , « bat er das Dienstmädchen , das wartete , » ich ginge heim , um einen Wagen für sie zu besorgen . « Wie erlöst atmete er auf , als die Haustür hinter ihm ins Schloß fiel . Das Unwetter hatte sich gelegt - ein leiser Nachregen sprühte vom Himmel , kühlend sauste der Sturm über die Heide , und am Rande des Horizontes , wo eben das letzte Abendrot verglomm , zuckte aus glühroten Wolken das Leuchten des abziehenden Gewitters . Als wäre die wilde Jagd hinter ihm her , so jagte er auf den regendurchweichten Wegen zum Walde , der sich mit friedbringendem Rauschen über seinem Haupte schloß . - Das feuchte Moos duftete , und von den Fichtennadeln sickerten leuchtende Tröpfchen hernieder . Als er die Heide betrat und das väterliche Heimwesen in düsteren Umrissen vor seinen Blicken liegen sah , da breitete er die Arme aus und rief in den Sturm hinein : » Hier ist mein Platz - hier gehör ' ich her - und ein Schuft will ich sein , wenn ich mir noch einmal in der Fremde meine Freude suche . Hiermit schwör ' ich es , daß ich alle Eitelkeit abtun will und allem törichten Streben entsage . Jetzt weiß ich , was ich bin , und was nicht zu mir paßt , das soll mir verloren sein . Amen ! « So nahm er Abschied von seiner Jugend und von seinem Jugendtraum . 13 Als er am andern Morgen erwachte , fand er die Mutter neben seinem Bette sitzen . » Du schon auf ? « fragte er verwundert . » Ich hab ' nicht schlafen können , « sagte sie mit ihrer leisen Stimme , die immer klang , als bäte sie um Entschuldigung für das , was sie sagte . » Warum nicht ? « fragte er . Sie antwortete nicht , aber sie streichelte sein Haar und lächelte ihn traurig an , da wußte er , daß die Zwillinge geschwatzt hatten , daß der Gram um ihn es war , der sie nicht ruhen ließ . » Es war nicht so schlimm , Mutter , « sagte er tröstend , » sie haben sich ein bißchen über mich lustig gemacht , weiter nichts - « » Die Elsbeth auch ? « fragte sie mit großen ängstlichen Augen . » Nein , die nicht , « erwiderte er , » aber « - er schwieg und drehte sich nach der Wand . » Aber ? « fragte die Mutter . » Ich weiß nicht , « erwiderte er , » aber es ist ein aber dabei . « » Du tust ihr vielleicht Unrecht , « sagte die Mutter , » und sieh , dies hat sie dir durch die Mädchen geschickt . « Sie zog einen länglichen Gegenstand aus der Tasche , der sorgsam in Seidenpapier gehüllt war . Darin lag eine Flöte , aus schwarzem Ebenholz gedreht , mit glänzend silbernen Klappen versehen . Paul wurde rot vor Scham und Freude , aber die Freude verflog , und als er das Instrument eine Weile angesehen hatte , sagte er leise : » Was fang ' ich nun damit an ? « » Du wirst darauf spielen lernen , « sagte die Mutter mit einem Anflug von Stolz . » Es ist zu spät , « erwiderte er mit traurigem Kopfschütteln , » ich hab ' jetzt anderes vor . « - Ihm war , als ob er genötigt würde , etwas Verstorbenes wieder aus dem Grabe hervorzuzerren . - - » Na , du scheinst dich gestern schön blamiert zu haben , « sagte der Vater , als er mit ihm am Kaffeetisch zusammentraf . Er lächelte still in sich hinein , und der Vater brummte etwas von Mangel an Ehrgefühl . Die Zwillinge hatten große , verträumte Augen , und wenn sie einander ansahen , flog ein seliges Leuchten über ihr Gesicht . Die wenigstens waren glücklich . - - Die Wochen vergingen . - Die Ernte kam unversehrt in die Scheuern - dank Pauls unermüdlicher Fürsorge . Es war ein gesegnetes Jahr , wie es seit langem nicht gewesen . Der Vater aber rechnete bereits , wie er den Ertrag am besten für seine Torfspekulation verwenden könnte . Er schwadronierte in der alten Weise weiter , und je weniger Herr Douglas nun von sich hören ließ , desto mehr prahlte er in den Kneipen von dem Segen seiner Teilnehmerschaft . Da er sich einmal aufs Schwindeln eingelassen hatte , so mußte er jede Lüge durch eine neue überbieten . - Mochte Herr Douglas noch so langmütig sein , der Unfug , der mit seinem Namen getrieben wurde , mußte ihm schließlich zu