war . » Und war es denn « , fuhr er fort , » etwas so Törichtes und Unmögliches , was ich wollte ? Nein . Es liegt nicht in mir , die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären ; ich bin durchaus gegen solche Donquixoterien . Alles , was ich wollte , war ein verschwiegenes Glück , ein Glück , für das ich früher oder später , um des ihr ersparten Affronts willen , die stille Gutheißung der Gesellschaft erwartete . So war mein Traum , so gingen meine Hoffnungen und Gedanken . Und nun soll ich heraus aus diesem Glück und soll ein andres eintauschen , das mir keins ist . Ich hab eine Gleichgiltigkeit gegen den Salon und einen Widerwillen gegen alles Unwahre , Geschraubte , Zurechtgemachte . Chic , Tournure , savoir-faire - mir alles ebenso häßliche wie fremde Wörter . « Hier bog das Pferd , das er schon seit einer Viertelstunde kaum noch im Zügel hatte , wie von selbst in einen Seitenweg ein , der zunächst auf ein Stück Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar Eichen eingefaßten Grasplatz führte . Hier , im Schatten eines der älteren Bäume , stand ein kurzes , gedrungenes Steinkreuz , und als er näher heranritt , um zu sehen , was es mit diesem Kreuz eigentlich sei , las er : » Ludwig v. Hinckeldey , gest . 10. März 1856 . « Wie das ihn traf ! Er wußte , daß das Kreuz hierherum stehe , war aber nie bis an diese Stelle gekommen und sah es nun als ein Zeichen an , daß das seinem eigenen Willen überlassene Pferd ihn gerade hierher geführt hatte . Hinckeldey ! Das war nun an die zwanzig Jahr , daß der damals Allmächtige zu Tode kam , und alles , was bei der Nachricht davon in seinem Elternhause gesprochen worden war , das stand jetzt wieder lebhaft vor seiner Seele . Vor allem eine Geschichte kam ihm wieder in Erinnerung . Einer der bürgerlichen , seinem Chef besonders vertrauten Räte übrigens , hatte gewarnt und abgemahnt und das Duell überhaupt , und nun gar ein solches und unter solchen Umständen , als einen Unsinn und ein Verbrechen bezeichnet . Aber der sich bei dieser Gelegenheit plötzlich auf den Edelmann hin ausspielende Vorgesetzte hatte brüsk und hochmütig geantwortet : » Nörner , davon verstehen Sie nichts . « und eine Stunde später war er in den Tod gegangen . Und warum ? Einer Adelsvorstellung , einer Standesmarotte zuliebe , die mächtiger war als alle Vernunft , auch mächtiger als das Gesetz , dessen Hüter und Schützer zu sein er recht eigentlich die Pflicht hatte . » Lehrreich . Und was habe ich speziell daraus zu lernen ? Was predigt dies Denkmal mir ? Jedenfalls das eine , daß das Herkommen unser Tun bestimmt . Wer ihm gehorcht , kann zugrunde gehn , aber er geht besser zugrunde als der , der ihm widerspricht . « Während er noch so sann , warf er sein Pferd herum und ritt querfeldein auf ein großes Etablissement , ein Walzwerk oder eine Maschinenwerkstatt , zu , draus , aus zahlreichen Essen , Qualm und Feuersäulen in die Luft stiegen . Es war Mittag , und ein Teil der Arbeiter saß draußen im Schatten , um die Mahlzeit einzunehmen . Die Frauen , die das Essen gebracht hatten , standen plaudernd daneben , einige mit einem Säugling auf dem Arm , und lachten sich untereinander an , wenn ein schelmisches oder anzügliches Wort gesprochen wurde . Rienäcker , der sich den Sinn für das Natürliche mit nur zu gutem Rechte zugeschrieben , war entzückt von dem Bilde , das sich ihm bot , und mit einem Anfluge von Neid sah er auf die Gruppe glücklicher Menschen . » Arbeit und täglich Brot und Ordnung . Wenn unsre märkischen Leute sich verheiraten , so reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe , sie sagen nur : Ich muß doch meine Ordnung haben . Und das ist ein schöner Zug im Leben unsres Volks und nicht einmal prosaisch . Denn Ordnung ist viel und mitunter alles . Und nun frag ich mich , war mein Leben in der Ordnung ? Nein . Ordnung ist Ehe . « So sprach er noch eine Weile vor sich hin , und dann sah er wieder Lene vor sich stehn , aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und Anklage , sondern es war umgekehrt , als ob sie freundlich zustimme . » Ja , meine liebe Lene , du bist auch für Arbeit und Ordnung und siehst es ein und machst es mir nicht schwer ... aber schwer ist es doch ... für dich und mich . « Er setzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an der Spree hin . Dann aber bog er , an den in Mittagsstille daliegenden Zelten vorüber , in einen Reitweg ein , der ihn bis an den Wrangelbrunnen und gleich danach bis vor seine Tür führte . Fünfzehntes Kapitel Botho wollte sofort zu Lene hinaus , und als er fühlte , daß er dazu keine Kraft habe , wollt er wenigstens schreiben . Aber auch das ging nicht . » Ich kann es nicht , heute nicht . « Und so ließ er den Tag vergehen und wartete bis zum andern Morgen . Da schrieb er denn in aller Kürze . » Liebe Lene . Nun kommt es doch so , wie Du mir vorgestern gesagt : Abschied . Und Abschied auf immer . Ich hatte Briefe von Haus , die mich zwingen ; es muß sein , und weil es sein muß , so sei es schnell ... Ach , ich wollte , diese Tage lägen hinter uns . Ich sage Dir weiter nichts , auch nicht , wie mir ums Herz ist ... Es war eine kurze schöne Zeit , und ich werde nichts davon vergessen . Gegen neun bin ich bei Dir , nicht früher , denn es darf nicht lange dauern . Auf Wiedersehen , nur noch einmal auf Wiedersehn . Dein B. v. R. « Und nun kam er . Lene stand am Gitter und empfing ihn wie sonst ; nicht der kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem Gesicht . Sie nahm seinen Arm , und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf . » Es ist recht , daß du kommst ... Ich freue mich , daß du da bist . Und du mußt dich auch freuen . « Unter diesen Worten hatten sie das Haus erreicht , und Botho machte Miene , wie gewöhnlich vom Flur her in das große Vorderzimmer einzutreten . Aber Lene zog ihn weiter fort und sagte : » Nein , Frau Dörr ist drin ... « » Und ist uns noch bös ? « » Das nicht . Ich habe sie beruhigt . Aber was sollen wir heut mit ihr ? Komm , es ist ein so schöner Abend , und wir wollen allein sein . « Er war einverstanden , und so gingen sie denn den Flur hinunter und über den Hof auf den Garten zu . Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach , als sie den großen Mittelsteig hinauf und dann auf die zwischen den Himbeerbüschen stehende Bank zuschritten . Als sie hier ankamen , setzten sie sich . Es war still , nur vom Felde her hörte man ein Gezirp , und der Mond stand über ihnen . Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich : » Und das ist nun also das letzte Mal , daß ich deine Hand in meiner halte ? « » Ja , Lene . Kannst du mir verzeihn ? « » Wie du nur immer frägst . Was soll ich dir verzeihn ? « » Daß ich deinem Herzen wehe tue . « » Ja , weh tut es . Das ist wahr . « Und nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf die blaß am Himmel heraufziehenden Sterne . » Woran denkst du , Lene ? « » Wie schön es wäre , dort oben zu sein . « » Sprich nicht so . Du darfst dir das Leben nicht wegwünschen ; von solchem Wunsch ist nur noch ein Schritt ... « Sie lächelte . » Nein , das nicht . Ich bin nicht wie das Mädchen , das an den Ziehbrunnen lief und sich hineinstürzte , weil ihr Liebhaber mit einer andern tanzte . Weißt du noch , wie du mir davon erzähltest ? « » Aber was soll es dann ? Du bist doch nicht so , daß du so was sagst , bloß um etwas zu sagen . « » Nein , ich hab es auch ernsthaft gemeint . Und wirklich « ( und sie wies hinauf ) , » ich wäre gerne da . Da hätt ich Ruh . Aber ich kann es abwarten ... Und nun komm und laß uns ins Feld gehn . Ich habe kein Tuch mit herausgenommen und find es kalt hier im Stillsitzen . « Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinauf , der sie damals bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf geführt hatte . Der Turm war deutlich sichtbar unter dem sternklaren Himmel , und nur über den Wiesengrund zog ein dünner Nebelschleier . » Weißt du noch « , sagte Botho , » wie wir mit Frau Dörr hier gingen ? « Sie nickte . » Deshalb hab ich dir ' s vorgeschlagen , mich fror gar nicht oder doch kaum . Ach , es war ein so schöner Tag damals , und so heiter und glücklich bin ich nie gewesen , nicht vorher und nicht nachher . Noch in diesem Augenblicke lacht mir das Herz , wenn ich daran zurückdenke , wie wir gingen und sangen : Denkst du daran . Ja , Erinnerung ist viel , ist alles . Und die hab ich nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden . Und ich fühle ordentlich , wie mir dabei leicht zumute wird . « Er umarmte sie . » Du bist so gut . « Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort : » Und daß mir so leicht ums Herz ist , das will ich nicht vorübergehn lassen und will dir alles sagen . Eigentlich ist es das alte , was ich dir immer schon gesagt habe , noch vorgestern , als wir draußen auf der halb gescheiterten Partie waren , und dann nachher , als wir uns trennten . Ich hab es so kommen sehn , von Anfang an , und es geschieht nur , was muß . Wenn man schön geträumt hat , so muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen , daß der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt . Jetzt ist es schwer , aber es vergißt sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht . Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch . « » Glaubst du ' s ? Und wenn nicht ? was dann ? « » Dann lebt man ohne Glück . « » Ach , Lene , du sagst das so hin , als ob Glück nichts wäre . Aber es ist was , und das quält mich eben , und ist mir doch , als ob ich dir ein Unrecht getan hätte . « » Davon sprech ich dich frei . Du hast mir kein Unrecht getan , hast mich nicht auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen . Alles war mein freier Entschluß . Ich habe dich von Herzen liebgehabt , das war mein Schicksal , und wenn es eine Schuld war , so war es meine Schuld . Und noch dazu eine Schuld , deren ich mich , ich muß es dir immer wieder sagen , von ganzer Seele freue , denn sie war mein Glück . Wenn ich nun dafür zahlen muß , so zahle ich gern . Du hast nicht gekränkt , nicht verletzt , nicht beleidigt , oder doch höchstens das , was die Menschen Anstand nennen und gute Sitte . Soll ich mich darum grämen ? Nein . Es rückt sich alles wieder zurecht , auch das . Und nun komm und laß uns umkehren . Sieh nur , wie die Nebel steigen ; ich denke , Frau Dörr ist nun fort und wir treffen die gute Alte allein . Sie weiß von allem und hat den ganzen Tag über immer nur ein und dasselbe gesagt . « » Und was ? « » Daß es so gut sei . « Frau Nimptsch war wirklich allein , als Botho und Lene bei ihr eintraten . Alles war still und dämmerig , und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein über die breiten Schatten , die sich schräg durch das Zimmer zogen . Der Stieglitz schlief schon lange in seinem Bauer , und man hörte nichts als dann und wann das Zischen des überkochenden Wassers . » Guten Abend , Mutterchen « , sagte Botho . Die Alte gab den Gruß zurück und wollte von ihrer Fußbank aufstehen , um den großen Lehnstuhl heranzurücken . Aber Botho litt es nicht und sagte : » Nein , Mutterchen , ich setze mich auf meinen alten Platz . « Und dabei schob er den Schemel ans Feuer . Eine kleine Pause trat ein ; alsbald aber begann er wieder : » Ich komme heut , um Abschied zu nehmen und Ihnen für alles Liebe und Gute zu danken , das ich hier so lange gehabt habe . Ja , Mutterchen , so recht von Herzen . Ich bin hier so gern gewesen und so glücklich . Aber nun muß ich fort , und alles , was ich noch sagen kann , ist bloß das : es ist doch wohl das beste so . « Die Alte schwieg und nickte zustimmend . » Aber ich bin nicht aus der Welt « , fuhr Botho fort , » und ich werde Sie nicht vergessen , Mutterchen . Und nun geben Sie mir die Hand . So . Und nun gute Nacht . « Hiernach stand er schnell auf und schritt auf die Tür zu , während Lene sich an ihn hing . So gingen sie bis an das Gartengitter , ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre . Dann aber sagte sie : » Nun kurz , Botho . Meine Kräfte reichen nicht mehr ; es war doch zuviel , diese zwei Tage . Lebe wohl , mein Einziger , und sei so glücklich , wie du ' s verdienst , und so glücklich , wie du mich gemacht hast . Dann bist du glücklich . Und von dem andern rede nicht mehr , es ist der Rede nicht wert . So , so . « Und sie gab ihm einen Kuß und noch einen und schloß dann das Gitter . Als er an der andern Seite der Straße stand , schien er , als er Lenens ansichtig wurde , noch einmal umkehren und Wort und Kuß mit ihr tauschen zu wollen . Aber sie wehrte heftig mit der Hand . Und so ging er denn weiter die Straße hinab , während sie , den Kopf auf den Arm und den Arm auf den Gitterpfosten gestützt , ihm mit großem Auge nachsah . So stand sie noch lange , bis sein Schritt in der nächtlichen Stille verhallt war . Sechzehntes Kapitel Mitte September hatte die Verheiratung auf dem Sellenthinschen Gute Rothenmoor stattgefunden , Onkel Osten , sonst kein Redner , hatte das Brautpaar in dem zweifellos längsten Toaste seines Lebens leben lassen , und am Tage darauf hatte die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch die folgende gebracht : » Ihre am gestrigen Tage stattgehabte eheliche Verbindung zeigen hierdurch ergebenst an Botho Freiherr von Rienäcker , Premierlieutenant im Kaiser-Kürassier-Regiment , Käthe Freifrau von Rienäcker , geb . von Sellenthin . « Die Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt , das in die Dörrsche Gärtnerwohnung samt ihren Dependenzien kam , aber schon am andern Morgen traf ein an Fräulein Magdalene Nimptsch adressierter Brief ein , in dem nichts lag als der Zeitungsausschnitt mit der Vermählungsanzeige . Lene fuhr zusammen , sammelte sich aber rascher , als der Absender , aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische Kollegin , erwartet haben mochte . Daß es von solcher Seite her kam , war schon aus dem beigefügten » Hochwohlgeboren « zu schließen . Aber gerade dieser Extraschabernack , der den schmerzhaften Stich verdoppeln sollte , kam Lenen zustatten und verminderte das bittere Gefühl , das ihr diese Nachricht sonst wohl verursacht hätte . Botho und Käthe von Rienäcker waren noch am Hochzeitstage selbst nach Dresden hin aufgebrochen , nachdem beide der Verlockung einer neumärkischen Vetternreise glücklich widerstanden hatten . Und wahrlich , sie hatten nicht Ursache , ihre Wahl zu bereuen , am wenigsten Botho , der sich jeden Tag nicht nur zu dem Dresdener Aufenthalte , sondern viel mehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau beglückwünschte , die Capricen und üble Laune gar nicht zu kennen schien . Wirklich , sie lachte den ganzen Tag über , und so leuchtend und hellblond sie war , so war auch ihr Wesen . An allem ergötzte sie sich , und allem gewann sie die heitre Seite ab . In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem Toupet , das einem eben umkippenden Wellenkamme glich , und dieser Kellner samt seiner Frisur war ihre tagtägliche Freude , so sehr , daß sie , wiewohl sonst ohne besonderen Esprit , sich in Bildern und Vergleichen gar nicht genugtun konnte . Botho freute sich mit und lachte herzlich , bis sich mit einem Male doch etwas von Bedenken und selbst von Unbehagen in sein Lachen einzumischen begann . Er nahm nämlich wahr , daß sie , was auch geschehen oder ihr zu Gesicht kommen mochte , lediglich am Kleinen und Komischen hing , und als beide nach etwa vierzehntägigem glücklichen Aufenthalt ihre Heimreise nach Berlin antraten , ereignete sich ' s , daß ein kurzes , gleich zu Beginn der Fahrt geführtes Gespräch ihm über diese Charakterseite seiner Frau volle Gewißheit gab . Sie hatten ein Kupee für sich , und als sie , von der Elbbrücke her , noch einmal zurückblickten , um nach Altstadt-Dresden und der Kuppel der Frauenkirche hinüberzugrüßen , sagte Botho , während er ihre Hand nahm : » Und nun sage mir , Käthe , was war eigentlich das Hübscheste hier in Dresden ? « » Rate . « » Ja , das ist schwer , denn du hast so deinen eignen Geschmack , und mit Kirchengesang und Holbeinscher Madonna darf ich dir gar nicht kommen ... « » Nein . Da hast du recht . Und ich will meinen gestrengen Herrn auch nicht lange warten und sich quälen lassen . Es war dreierlei , was mich entzückte : voran die Konditorei am Altmarkt und der Scheffelgassen-Ecke mit den wundervollen Pastetchen und dem Likör . Da so zu sitzen ... « » Aber , Käthe , man konnte ja gar nicht sitzen , man konnte kaum stehn , und war eigentlich , als ob man sich jeden Bissen erobern müsse . « » Das war es eben . Eben deshalb , mein Bester . Alles , was man sich erobern muß ... « Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die Schmollende , bis er ihr einen herzlichen Kuß gab . » Ich sehe « , lachte sie , » du bist schließlich einverstanden , und zur Belohnung höre nun auch das zweite und dritte . Mein Zweites war das Sommertheater draußen , wo wir Monsieur Herkules sahn und Knaak den Tannhäusermarsch auf einem klapprigen alten Whisttisch trommelte . So was Komisches hab ich all mein Lebtag nicht gesehn und du wahrscheinlich auch nicht . Es war wirklich zu komisch ... Und das dritte ... Nun das dritte , das war Bacchus auf dem Ziegenbock im Grünen Gewölbe und der sich kratzende Hund von Peter Vischer . « » Ich dachte mir so was , und wenn Onkel Osten davon hört , dann wird er dir recht geben und dich noch lieber haben als sonst und mir noch öfter wiederholen : Ich sage dir , Botho , die Käthe ... « » Soll er ' s nicht ? « » O gewiß soll er . « Und damit brach auf Minuten hin ihr Gespräch ab , das in Bothos Seele , so zärtlich und liebevoll er zu der jungen Frau hinübersah , doch einigermaßen ängstlich nachklang . Die junge Frau selbst indes hatte keine Ahnung von dem , was in ihres Gatten Seele vorging , und sagte nur : » Ich bin müde , Botho . Die vielen Bilder . Es kommt doch nach ... Aber « ( der Zug hielt eben ) » was ist denn das für ein Lärm und Getreibe da draußen ? « » Das ist ein Dresdener Vergnügungsort , ich glaube Kötzschenbroda . « » Kötzschenbroda ? Zu komisch . « Und während der Zug weiterdampfte , streckte sie sich aus und schloß anscheinend die Augen . Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimpern hin nach dem geliebten Manne hinüber . In der damals noch einreihigen Landgrafenstraße hatte Käthes Mama mittlerweile die Wohnung eingerichtet , und als zu Beginn des Oktobers das junge Paar in Berlin wieder eintraf , war es entzückt von dem Komfort , den es vorfand . In den beiden Frontzimmern , die jedes einen Kamin hatten , war geheizt , aber Tür und Fenster standen auf , denn es war eine milde Herbstluft , und das Feuer brannte nur des Anblicks und des Luftzuges halber . Das schönste aber war der große Balkon mit seinem weit herunterfallenden Zeltdach , unter dem hinweg man in gerader Richtung ins Freie sah , erst über das Birkenwäldchen und den Zoologischen Garten fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grunewalds . Käthe freute sich , unter Händeklatschen , dieser prächtig freien Aussicht , umarmte die Mama , küßte Botho und wies dann plötzlich nach links hin , wo zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein Schindelturm sichtbar wurde . » Sieh , Botho , wie komisch . Er ist ja wie dreimal eingeknickt . Und das Dorf daneben . Wie heißt es ? « » Ich glaube , Wilmersdorf « , stotterte Botho . » Nun gut , Wilmersdorf . Aber was heißt das , ich glaube . Du wirst doch wissen , wie die Dörfer hierherum heißen . Sieh nur , Mama , macht er nicht ein Gesicht , als ob er uns ein Staatsgeheimnis verraten hätte ? Nichts komischer als diese Männer . « Und damit verließ man den Balkon wieder , um in dem dahintergelegenen Zimmer das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen : nur die Mama , das junge Paar und Serge , der als einziger Gast geladen war . Rienäckers Wohnung lag keine tausend Schritt von dem Hause der Frau Nimptsch . Aber Lene wußte nichts davon und nahm ihren Weg oft durch die Landgrafenstraße , was sie vermieden haben würde , wenn sie von dieser Nachbarschaft auch nur eine Ahnung gehabt hätte . Doch es konnt ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben . Es ging schon in die dritte Oktoberwoche , trotzdem war es noch wie im Sommer , und die Sonne schien so warm , daß man den schärferen Luftton kaum empfand . » Ich muß heut in die Stadt , Mutter « , sagte Lene . » Goldstein hat mir geschrieben . Er will mit mir über ein Muster sprechen , das in die Wäsche der Waldeckschen Prinzessin eingestickt werden soll . Und wenn ich erst in der Stadt bin , will ich auch die Frau Demuth in der Alten Jakobstraße besuchen . Man kommt sonst ganz von aller Menschheit los . Aber um Mittag bin ich wieder hier . Ich werd es Frau Dörr sagen , daß sie nach dir sieht . « » Laß nur , Lene , laß nur . Ich bin am liebsten allein . Und die Dörr , sie redt so viel und immer von ihrem Mann . Und ich habe ja mein Feuer . Und wenn der Stieglitz piept , das is mir genug . Aber wenn du mir eine Tüte mitbringst , ich habe jetzt immer solch Kratzen , und Malzbonbon löst so ... « » Schön , Mutter . « Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung verlassen und war erst die Kurfürsten- und dann die lange Potsdamer Straße hinuntergegangen , auf den Spittelmarkt zu , wo die Gebrüder Goldstein ihr Geschäft hatten . Alles verlief nach Wunsch , und es war nahezu Mittag , als sie , heimkehrend , diesmal anstatt der Kurfürsten- lieber die Lützowstraße passierte . Die Sonne tat ihr wohl , und das Treiben auf dem Magdeburger Platze , wo gerade Wochenmarkt war und alles eben wieder zum Aufbruch rüstete , vergnügte sie so , daß sie stehenblieb und sich das bunte Durcheinander mit ansah . Sie war wie benommen davon und wurde erst aufgerüttelt , als die Feuerwehr mit ungeheurem Lärm an ihr vorbeirasselte . Lene horchte , bis das Gebimmel und Geklingel in der Ferne verhallt war , dann aber sah sie links hinunter nach der Turmuhr der Zwölf-Apostel-Kirche . » Gerade zwölf « , sagte sie . » Nun ist es Zeit , daß ich mich eile ; sie wird immer unruhig , wenn ich später komme , als sie denkt . « Und so ging sie weiter die Lützowstraße hinunter auf den gleichnamigen Platz zu . Aber mit einem Male hielt sie und wußte nicht wohin , denn auf ganz kurze Entfernung erkannte sie Botho , der , mit einer jungen , schönen Dame am Arm , grad auf sie zukam . Die junge Dame sprach lebhaft und anscheinend lauter heitre Dinge , denn Botho lachte beständig , während er zu ihr niederblickte . Diesem Umstande verdankte sie ' s auch , daß sie nicht schon lange bemerkt worden war , und rasch entschlossen , eine Begegnung mit ihm um jeden Preis zu vermeiden , wandte sie sich , vom Trottoir her , nach rechts hin und trat an das zunächst befindliche große Schaufenster heran , vor dem , mutmaßlich als Deckel für eine hier befindliche Kelleröffnung , eine viereckige geriffelte Eisenplatte lag . Das Schaufenster selbst war das eines gewöhnlichen Materialwarenladens , mit dem üblichen Aufbau von Stearinlichten und Mixed-Pickles-Flaschen , nichts Besonders , aber Lene starrte drauf hin , als ob sie dergleichen noch nie gesehen habe . Und wahrlich , Zeit war es , denn in eben diesem Augenblicke streifte das junge Paar hart an ihr vorüber , und kein Wort entging ihr von dem Gespräche , das zwischen beiden geführt wurde . » Käthe , nicht so laut « , sagte Botho , » die Leute sehen uns schon an . « » Laß sie ... « » Sie denken am Ende , wir zanken uns ... « » Unter Lachen ? Zanken unter Lachen ? « Und sie lachte wieder . Lene fühlte das Zittern der dünnen Eisenplatte , darauf sie stand . Ein waagerecht liegender Messingstab zog sich zum Schutze der großen Glasscheibe vor dem Schaufenster hin , und einen Augenblick war es ihr , als ob sie , wie zu Beistand und Hilfe , nach dem Messingstab greifen müsse , sie hielt sich aber aufrecht , und erst als sie sicher sein durfte , daß beide weit genug fort waren , wandte sie sich wieder , um ihren Weg fortzusetzen . Sie tappte sich vorsichtig an den Häusern hin , und eine kurze Strecke ging es . Aber bald war ihr doch , als ob ihr die Sinne schwänden , und kaum daß sie die nächste nach dem Kanal hin abzweigende Querstraße erreicht hatte , so bog sie hier ein und trat in einen Vorgarten , dessen Gittertür offenstand . Nur mit Mühe noch schleppte sie sich bis an eine kleine zu Veranda und Hochparterre hinaufführende Freitreppe , wenige Stufen , und setzte sich , einer Ohnmacht nah , auf eine derselben . Als sie wieder erwachte , sah sie , daß ein halbwachsenes Mädchen , ein Grabscheit in der Hand , mit dem sie kleine Beete gegraben hatte , neben ihr stand und sie teilnahmvoll anblickte , während , von der Verandabrüstung aus , eine alte Kindermuhme sie mit kaum geringerer Neugier musterte . Niemand war augenscheinlich zu Haus als das Kind und die Dienerin , und Lene dankte beiden und erhob sich und schritt wieder auf die Pforte zu . Das halbwachsene Mädchen aber sah ihr traurig verwundert nach , und es war fast , wie wenn in dem Kinderherzen eine erste Vorstellung von dem Leid des Lebens gedämmert hätte . Lene war inzwischen , den Fahrdamm passierend , bis an den Kanal gekommen und ging jetzt unten an der Böschung entlang , wo sie sicher sein durfte , niemandem zu begegnen . Von den Kähnen her blaffte dann und wann ein Spitz , und ein dünner Rauch , weil Mittag war , stieg aus den kleinen Kajütenschornsteinen auf . Aber sie sah und hörte nichts oder war wenigstens ohne Bewußtsein dessen , was um sie her vorging , und erst als jenseits des » Zoologischen « die Häuser am Kanal hin aufhörten und die große Schleuse mit ihrem drüberwegschäumenden Wasser sichtbar wurde , blieb sie stehn und rang nach Luft . » Ach , wer weinen könnte . « Und sie drückte die Hand gegen Brust und Herz . Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten Platz und setzte sich ihr gegenüber , ohne daß ein Wort oder Blick zwischen ihnen gewechselt worden wäre . Mit einem Mal aber sah die Alte , deren Auge bis