und einige betriebsame Sozialdemokraten , die im Stillen mit ihrer Heilslehre den Kirchenleuten zwar Konkurrenz machen , aber praktisch und öffentlich noch keinen Ersatz zu bieten vermögen für die Bettelsuppen aus der Klosterküche und für die schönen Gottesdienste und abendlichen Erbauungsstunden in der prächtigen Klosterkirche . So bleibt vorerst die Mehrheit der wirklich Bedürftigen , der alten Männer und Weiber insonderheit , dem Krummstabe treu und dem Polizeispieß unterthan , während die Jungen , welche als Kleinhandwerker und Fabrikarbeiter ihren knappen Unterhalt verdienen , innerlich voll revolutionärer Mucken sind und auf die Verheißungen der sozialdemokratischen Zeichendeuter bauen . * * * » Aber , lieber Schlichting , was ist denn das für eine gefährliche Stilübung ? In wessen Auftrag machst Du das ? Zu wessen Nutz und Frommen ? « » Lies weiter , wenn ' s Dich interessiert ; leg ' s weg , wenn ' s Dich langweilt . « » Du foppst mich , nicht wahr ? Du machst Dir einen Ulk mit der geschätzten Umgegend ? « » Ein Narr kann mehr fragen , als zehn Weise beantworten . « » Meine Gutmütigkeit ist grenzenlos . Ich lese weiter . « * * * Der vierstöckige neue Mietsbau im unteren Isarsträßchen brachte wieder andere , ganz modern stilisierte Bevölkerungselemente in diese wenig bewegte Kleinwelt . Das Haus gehört einem unter verdächtigen Umständen pensionierten Steuerbeamten , der mit seiner ehemaligen Köchin in zweiter Ehe lebt , sich Herr Finanzrat titulieren läßt und dabei Wuchergeschäfte treibt . Er bewohnt den zweiten Stock . Im ersten Stock haust eine der Maitressen eines Grafen aus der Maximilianstraße mit ihrer Tochter . Man nennt sie die » Wappenhure « . Im Erdgeschosse treibt ein deklassierter Baron sein Wesen mit zwei erwachsenen Mädchen , die er für seine Töchter ausgibt . Von der Beschäftigung dieser sonderbaren Familie weiß die Nachbarschaft allerlei Merkwürdiges zu erzählen : der Baron wasche Handschuhe , stopfe Vögel aus , schnitzle Heiligenfiguren , mehr des Unterhalts als der Unterhaltung wegen , - und seine Töchter , eine Blondine und eine Brünette , die oft wochenlang auswärts kampierten , seien nur zum Scheine in einem feineren Kunstblumengeschäft als Blüten- und Stielmacherinnen angestellt , ihr eigentlicher Erwerb fließe aus unsittlicher Nebenhantierung - kurz , aus der Prostitution besserer Sorte . * * * » Schlichting , woher hast Du das ? Die Blondine - die Brünette , ja , wie ist mir denn ? Verdammter Fabulist , was sind das für Anspielungen ? « » Geht Dir ein Licht auf ? Gieb Acht , daß es kein Irrlicht ! « » Saugst Du das aus den Fingern , oder stehst Du mit der Geheimpolizei im Bunde ? « » Keins von beiden . Nimm die Geschichte für den Anfang einer impressionistischen Novelle . Ich hab ' so etwas wie Herzweh , und da hab ' ich mich aufs Dichten besonnen . Aber ich mache keine Liebeslieder . Die Dudelei freut mich nicht . Ich muß nach authentischen Dokumenten in derber Prosa arbeiten . Das strengt den Kopf mehr an und macht das Herz leichter . Wenigstens hoff ' ich das letztere . « » Du bist ein unglaublicher Mensch . Woher hast Du denn diese Details ? Du bist doch kein Urmünchner wie ich , dem so etwas zufliegt ... « » Und ist mir doch zugeflogen . Zum Teil vor einer Stunde erst . Ganz frisch - und doch schon überprüft . Ich verrate meine Quelle nicht . Bitte , lies weiter , wenn ' s Dich interessiert . « * * * Im dritten Stock hat sich die Verlobte eines Rittmeisters mit ihren drei Kindern , einem Knaben und zwei Mädchen , häuslich eingerichtet . Der Offizier läßt sich nur selten blicken . Doch schickt er desto öfter Körbe mit Wein , gebratenem Geflügel und Naschwerk an seine » ewige Braut « - Sendungen , von denen der dienstthuende Packträger einmal dem lüstern forschenden Baron im Erdgeschosse gestand , daß sie eigentlich nicht aus der Vorratskammer des Offiziers stammten , sondern diesem selbst erst von einer seiner dankbarsten Verehrerinnen , der militärfrommen Frau eines bekannten Weinrestaurateurs , spendiert zu worden pflegen . Die Töchter des Barons wollten den Rittmeister bei einer zufälligen Begegnung im Hallsflur wieder erkannt haben als den Schwerenöter Fra Diavolo , der ihnen auf dem letzten Maskenball im Kolosseum selbst gar leidenschaftlich nachgestiegen . Im vierten Stock haben sich die beiden eigenartigsten Persönlichkeiten eingemietet : erstens ein einarmiger und einäugiger Zeitungsschreiber , der Herausgeber des sogenannten Witzblattes » Die Kloake « , oder » Das Vaterland der schönen Seelen « , wie es nach einem anrüchig-doppelsinnigen Gratulationsgedicht der ersten Neujahrs-Nummer vom Volkshumor benannt wurde . Den linken Arm will er auf den französischen Schlachtfeldern verloren haben , das rechte Auge wurde ihm bei einer Rauferei zur Nachfeier der Fahnenweihe eines ländlichen Veteranen-Vereins aus dem Kopfe geklopft . Er geht meist nur in der Nacht aus , und die Hausleute , welche dem herkulisch gebauten Einarm-Einaug auf der schwach beleuchteten Treppe begegnen , drücken sich scheu zur Seite . » Preßbandit « nennen sie ihn . Aber heimlich , weil sie ihn fürchten . Die Frechheit seiner Feder ist beispiellos . Er schont nicht das Kind im Mutterleibe . Wo er hingreift , bleibt ein Schmutzfleck . Seine Tinte ist stinkige Jauche . Zweitens : der Akt-Photograph Attenkofer , Meister des freien deutschen Hochstifts , Inhaber zweier silberner Medaillen für Kunst und Wissenschaft , Ehrenmitglied des Tierschutzvereins sowie der Gesellschaft zur Verbesserung der Hunderassen , ein Mann mit einem drolligen Löwenkopf , von Gestalt ein Riese Goliath , nach der Tracht , die Sommer und Winter die gleiche , einer der getreuesten Jünger des Stuttgarter Wollenapostels - und dazu eine sanfte Kindesseele , keusch wie , Gletschereis . Seit er neben dem Preßbanditen wohnt , ist die Harmonie seines Gemütes zerstört . So viel Bosheit und Niedertracht bei einem Menschen , der die Feder führt und sich Journalist nennt , hätte er nie für möglich gehalten . Zum erstenmal in seinem Leben hat er einen Menschen hassen gelernt . Der Preßbandit hat ihn in seiner » Kloake « karikiert als Kohlrabiheiland , der die alleinseligmachende Pflanzenkost öffentlich predige und heimlich Schweinsbraten und Knackwürste pfundweis fresse . Das hat ihn zwar gewurmt , aber er hat ' s ertragen . Der Preßbandit hat ihn in seiner » Kloake « als dressiertes vierfüßiges Zirkusvieh abgebildet , ein Ungeheuer , halb Kater , halb Vogel , im grotesken Ringkampfe mit einem ekelhaften , die Zunge herausstreckenden Klown . Ein Blödsinn , eine gassenjungenhafte Unverschämtheit . Es hat ihn wieder gewurmt , aber noch hat er ' s ertragen . » Ich bin sein Lückenbüßer , « sagte sich Attenkofer ; » wenn ihm nichts Besseres einfällt , nimmt er mich vor , sein Sudelblatt zu füllen ; so lange er mich verarbeitet , wird wenigstens ein anderer ehrlicher Mitmensch in Ruhe gelassen . Gut , ich ertrag ' s und opfere mich . « Der Preßbandit trieb nun die Frechheit einen Schritt weiter : er brachte in einer der folgenden Nummern den » Traum des Photographen « ; in porträtähnlicher Gestalt liegt Attenkofer unbekleidet auf einem Divan , faunisch grinsend im Anblick nackter Mädchengestalten , die ihn umschweben und nach denen er verlangend die Arme ausstreckt . Zu dem scheußlichen Bild gesellte sich noch ein unflätiges Gedicht . Das ertrug der Photograph nicht mehr . In dieser bübischen Weise seinen reinen Kunstsinn öffentlich verleumdet , mit Kot sich und sein ehrsames Handwerk beworfen zu sehen ! Und warum diese Besudlung ? Aus purer Lust an der Gemeinheit , am Skandal ? ... Sollte er hinübergehen und den Hallunken kurzer Hand niederschlagen ? Darf das ein unschuldig Gekränkter , ohne sich selbst zu entwürdigen ? Die Gerichte anrufen ? ... Tagelang ging er wie wahnsinnig umher , auf wirksame Mittel zur Abwehr denkend , als plötzlich die Polizei einschritt und - bei dem Photographen eine Haussuchung nach obszönen Bildern vornahm . So schien die Schmähung dem Preßbanditen als Denunziation richtig geglückt ... * * * » Das wächst sich ja zu einer ganz unheimlichen Geschichte aus , einer Art Kriminal-Novelle . Diese Richtung hätte ich Deiner Phantasie am wenigsten zugetraut . Du bist zwar eine grüblerische Natur , aber nach der Seite des Ernsten und zugleich Sonnenhaften . Wie mögen Dich nur plötzlich diese dunklen Infamien locken ? All ' diesen Lumpereien und Schmutzereien zum Trotz : das Leben ist doch viel seliger und schöner und reiner , als es scheint . Das weiß sogar ich , ein Urmünchener . « » Gewiß , wir haben es nur noch nicht vollständig entdeckt . Es hat noch unendlich viel heimliche Güter und verborgene Werte . Jedoch um zu ihnen zu gelangen , müssen wir uns durch Schutt und Unrat hindurcharbeiten , wie zu verborgenen Schätzen . Und wenn wir nur die innere Gewißheit haben , auf der rechten Spur zu sein - - Ich glaube , man kann schon in Hoffnung des künftigen Besitzes ein fröhliches Genußgefühl vorwegnehmen mitten in der elenden Gegenwart . Wie die wirklich Frommen ihren Himmel schon auf Erden haben , indem sie felsenfest daran glauben . Jawohl , der Glaube macht selig - ob die reelle Seligkeit nachkommt oder nicht , ist eigentlich gleichgültig . Der Glaube ist die Hauptsache . Und darum auch das Notwendige . Es glaubt sich übrigens nicht so leicht , als man oft zu glauben meint . « » Prächtig gedacht , mein Grübler . Du bist wirklich ein famoser Kopf . Laß Dich umarmen ! Nun bin ich doch auf den Fortgang und Schluß Deiner Geschichte gespannt , die sich aus der Lokal- und Personalschilderung herausspinnen wird . Lass ' die anderen Blätter sehen ! Du hast mich wirklich neugierig gemacht ... « » Du kannst nicht neugieriger sein , als ich selbst . « » Wieso ? « » Ich muß das Weitere erst finden . Ich weiß augenblicklich nichts mehr . « » Du weißt nichts mehr ? Ach was , Narrenspossen ! Rücke nur heraus mit Deinen Geheimnissen - « » Visionen ! « » Ich nehme das Wort zurück . Du bist der scharfäugigste Mensch des Jahrhunderts . Ich glaube an Dein nächtliches Menschenpaar auf dem Wurzelast , wie ich an Adam und Eva im Paradiese glaube , oder an die Blondine und die Brünette und die ganze Rotte Korah , oder an den Preßbanditen und seine Kloake . Das läuft ja alles mit und neben uns herum , fährt mit uns auf der Pferdebahn , zecht mit uns in der Arche Noah , da ist lauter echtes , patentiertes Gesindel - und Du , der stille , schlaue Schlichting , entpuppst Dich als sein Geschichtschreiber . Ich wette , ich bekomm ' auch mein Teil ab . Komm ' , erzähl ' mir wenigstens meine geheime Historie der nächsten vierzehn Tage ! « » Ich bin kein Fabulist , erfreue mich auch keines zweiten Gesichts . Ich stehe nur auf Lebenschatsachen und reite nicht in Phantasienebeln herum . « » Gott sei Dank . Das würde Dir auch schlecht bekommen . Wir sind die positiven Kinder eines positiven Jahrhunderts . Aber das hindert nicht , daß wir uns das wissenschaftliche Ragoût , das uns die Gelehrsamkeit auftischt , heimlich mit etwas Träumerei garnieren . Mach ' mir einmal den Spaß und versetz ' Dich in meine Haut und träume mir ein Stückchen von meinem nächsten Lebensschicksal mit offenen Augen vor ! « » Dein Lebensschicksal ? Offen gestanden , ich glaube gar nicht , daß Du eins hast . Du treibst ' s einfach wie die anderen , nach der offiziellen Gebrauchsanweisung und den bewährten Mustern : heute noch lustiger Student , morgen ernster Philister , übermorgen kluger Beamter mit Weib und Kind , dann ein gottwohlgefälliger Bureau-Maschinist mit glücklicher Streberei , zuletzt ein protektionsbeflissener , erhabener Troddel , dein schließlich der Staat für treugeleistete Dienste seine höchsten Orden an die Brust steckt und von dem die Kollegen neidvoll-bewundernd sprechen : Da seht den dicken Kuglmeier , der hat eine brillante Karriere hinter sich , der hat ' s zu etwas gebracht , der ist ein gemachter Mann und eine Zierde unseres Standes , - wenn ihn nur bald der Teufel holte , denn er ist lang genug mit dem faulen Hintern im Schmalztopf gesessen . « » Wunderschön ! « » Aber das nenn ' ich kein Lebensschicksal , das nenn ' ich überhaupt kein Leben , sondern höchstens - - « » ' raus damit , göttlicher Grobian ! « rief Kuglmeier und schüttelte sich vor Lachen . » Höchstens - - « » Eine veredelte Affenkomödie , welche das wahre Menschentum mit seinen hohen Zielen und Idealen Parodiert . « » Auch Du , mein Brutus ! Null thust Du mir aber wirklich leid ; denn mit einem solchen Begriff vom Leben kannst Du Dich am ersten besten Thürhaken aufknüpfen , - wenn Du nicht irgendwo eine heimliche Million liegen hast , mit der Du höchst souverän nach Deiner Façon leben und selig sterben kannst . « » Fällt mir gar nicht ein . Ich denke sogar , mich recht und schlecht auch ohne die Million durchzuschlagen , mit ehrlicher Hantierung und ohne auf meinen Begriff vom Leben zu verzichten . « » Aber nicht bei uns . « » Dann anderwärts . Raum für alle hat die Erde . Ich bin kein Schollenkleber . « » Weißt Du , Schlichting , an wen Du mich mit diesen kritischen Extravaganzen und Gedankenausschweifungen erinnerst ? An meine Schwester Flora . « » Das ist ein erlösendes Wort , « dachte Schlichting , und froh , eine so glückliche Wendung des Gespräches erhascht zu haben , fragte er ruhig fast schüchtern : » Hast Du neue Nachrichten von Deiner Schwester ? « » O meine Flora , dieser Prachtkerl von einem genialen Frauenzimmer , denke Dir nur , die nimmt sich jetzt die Welt ordentlich zwischen die Beine . Nachdem sie einige Wochen um den Vesuv herumgeklettert ist und in alle Feuerschlünde geguckt und die Nase an alle Rauch- und Schwefellöcher gehalten hat , will sie auch noch dem Ätna eine Visite machen . Sie ist bereits nach Sizilien unterwegs . Sie hatte immer schon so etwas Vulkanisches - ihre naturwissenschaftlichen und historischen Kenntnisse sichelt nicht hinter ihren künstlerischen Talenten zurück - da kann sie nun da unten auf dem klassischen Feuerboden sich gründlich ausschwelgen . Ja , meine Flora - - « Und Kuglmeier schnalzte mit den Lippen und warf Kußhände in die Luft . » Du hast keine Angst um sie ? « » Nicht die Spur . Die kleine Hexe hat Kurasche für Zehn ; die ist allen Banditen gewachsen . « » Und sie reist in dem fremden Lande ganz , allein ? « » Ich bitte Dich , Italien ein fremdes Land , diese abgelaufene Gegend ! Da wimmelt ' s voll Einheimischen , wollte sagen , von Deutschen , besonders Münchenern , daß man sich kaum ausweichen kann . Flora sucht ja allein zu sein , um die Eindrücke ganz frisch und intim zu haben und sich nicht von andern vor der Nase weggucken zu lassen . Die will überall etwas Apartes . Und findet ' s auch . O das ist ein mordsmäßiger Prachtkerl . Ganz mein Ebenbild ! « » Ja , so ungefähr , ich stelle mir ' s lebhaft vor ... Und sie hat sich unterwegs noch an niemand angeschlossen ? « » Wie komisch Du fragst . Freilich wird sie das , so ab und zu , von heute auf morgen , bei besonders schwierigen Partieen . Mit strengster Auswahl natürlich . O , die ist anspruchsvoll - und eine Menschenkennerin , ganz unglaublich . « » Du empfindest also wirklich keine Besorgnis um sie ? Ich sage Dir , meine Schwester könnte ich nicht so allein hinausziehen lassen . Mich würden die Sorgen umbringen . Ich hätte die schauerlichsten Träume . Unmöglich auf die Dauer . « » Da haben wir gleich wieder den kühnen Wandrer , der kein Schollenkleber ist ! Lass ' Dich auslachen , Schlichting ! So reise ihr doch nach ! « » Herrgott , ja , auf der Stelle , wenn ' s möglich wäre . « » Deiner Schwester , mein ' ich . « » Ja , hätt ' ich erst eine ... Sagen wir , unserer Schwester , damit ich wenigstens Sorge hegen kann , wo Du nur Vertrauen und Freude hast , glücklicher Kuglmeier . « » Komischer Gedanke . Einverstanden : Du bekommst den Sorgenteil . Du könntest übrigens Deine impressionistische Kriminalnovelle so einrichten , daß Du ihr das Manuscript als geistigen Reisebegleiter nachschicktest . Donnerwetter , siehst Du , das ist wieder so eine Idee , wie sie nur mir kommen kann . Flora wird lachen : schick ' ihr die Geschichte , sobald Du sie fertig hast . Ich verpflichte mich , zu Deiner Einführung ein Vorwort dazu zu verfassen , das sich gewaschen hat ... Auch einen Titel will ich Dir dazu erfinden helfen , der sich hören lassen soll . Titel erfinden ist meine Hauptstärke - ein Zeichen , daß ich nicht ohne poetische Ader bin . Nur bin ich zu faul , sie auszubeuten . Ein schöner , klingender Titel wäre - wart ' einmal - wäre - Merkwürdig , jetzt fällt mir gerade nichts ein ... Weißt Du was ? Wir bitten Flora selbst einen zu erfinden . Das giebt einen Vorwand mehr ! ... « » Was ich hier geschrieben , ist doch keine Damenlektüre . « Das war Ziererei . Der Vorschlag behagte Schlichting über die Maßen . » Damenlektüre ? Na , wenn Du glaubst , daß sich meine Flora für sogenannte Damenlektüre begeistert ... Ihr wird übel , wenn sie auf Kilometerweite einen Marlitt-Roman sieht ; nein , mein Freund , diesem zarten Geschöpf ist in geistigen Dingen nichts stark genug . In allem eine Heldennatur ... « » Ganz Dein Ebenbild ! « » Du hast gut spotten . Ich vertrage auch etwas ; im ganze naturalistische Litteratur hat für mich keine Überraschung mehr . Nur mache ich öffentlich keinen Gebrauch davon . Soll ich mich den dummen Menschen am Ende gar als Freigeist vorprahlen ? Fällt mir nicht ein . Als neulich der Professor Hirneis - es war in einer seiner berühmten schöngeistigen Soiréen - die Rede auf die Zola-Romane brachte , da protestierte ich empört gegen den Verdacht , jemals dieser After-Litteratur meine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben , obwohl die Nana der einzige Roman ist , den ich aus meiner Tasche gekauft und sowohl im Original wie in der Übersetzung mit Eifer gelesen habe . Dafür lobte ich die Bauerngeschichten von Maximilian Schmidt als den Gipfel vaterländischer Erzählungskunst und schwur hoch und teuer , daß mich Dahns Völkerwandrungs-Romane bis zu Thränen gerührt - während ich in der That niemals weder von dem einen noch von dem andern Schriftsteller ein Buch zu Ende lesen konnte . Ich werde ein Esel sein und gegen den Strom schwimmen ! Was allgemein gelobt wird , hat auch meinen Beifall ; so helfe ich die öffentliche Meinung stärken - und habe in meinen vier Mauern den Genuß , ungestört meiner eigenen Meinung zu fröhnen und mich meiner besonderen Liebhaberei doppelt zu freuen . « » Du wirst ' s noch weit bringen . Der Geheimrat ist Dir sicher . Ich bewundere Dich . « » Das hoffe ich . Und wenn ich Dir als guter Kamerad raten darf , schickst Du Dein impressionistisches Novellen-Manuskript über die Grenze , schon damit Du daheim der Versuchung überhoben bist , es am Ende gar einem Verlagsbuchhändler anzubieten . Ich fürchte zwar nicht , daß Du mit diesen gefährlichen Geschichten Geld verdienen und öffentlich unter die naturalistischen Schriftsteller gehen willst . Aber gut ist gut und besser ist besser . Man muß sich heutzutag sehr in acht nehmen , daß man nicht vor lauter Idealität dumme Streiche begeht . Denken und Handeln ist zweierlei . Frauen können so starkgeistig sein wie sie mögen , das erhöht ihren Reiz , gibt ihnen etwas Dämonisches ; starkgeistige Männer hingegen werden als Phantasten über die Achsel angesehen . Mit Recht , sag ' ich Dir ; sie passen nicht in den Rahmen unseres heutigen Staatslebens . Lass ' Dir die Gedanken und die Locken beschneiden , Schlichting , wir florieren in einer glattgeschorenen und kurzfrisierten Zeit - und schicke Dein Manuskript , meinetwegen auch Deine Locken , wenigstens eine Probe davon , nach Italien an Flora Kuglmeier , Du wirst ihr damit Spaß machen . « » Ich staune ; diesen geriebenen Meister der Staatskunst hätte ich nun doch nicht hinter Dir gesucht . Für Dein bemoostes Haupt ist ' s fast der Schläue zuviel . « » Ja , der kleine Kuglmeier verkauft Euch zehnmal , wenn ' s auf ' s Apropo ankommt , mein Lieber . « Und er wiegte sich auf Fußspitzen und Absatz vor dem schiefen Spiegel und strich seine bürstenartig kurz geschnittenen aschblonden Haare , daß sie knisterten . Dann mit einem Dreher gegen Schlichting , der seine zierlich geschriebenen Manuskriptblätter nachdenklich ordnete und in einen blauen Aktendeckel barg : » Schockschwerenot , ich sterbe vor Durst , und Du verwickelst mich noch in diese endlose Plauderei . Hol Dich der Kuckuck , ich habe Deine Zellenhaft satt . Luft , Luft , Bier , Bier ! Kommst nach ? Das heißt , wenn Du mit Deinem Doktor des Pessimismus fertig bist , denn daß ich jetzt noch mit Dir diesen trostlosen Trostberg besteigen soll , wirst Du mir im Ernste nicht zumuten . « » Wir gehen ja am Hause vorbei , am Ende der engen , altersgrauen Sterngasse links im benachbarten Hütten-Viertel . Es ist gar kein Umweg . Es ist das Preßbanditenhaus , Rückgebäude , eine weltvergessene Gartenidylle . Die merkwürdigsten Gegensätze ... « » Im Erdgeschoß die Blonde und die Brünette ? Ich habe allen Blumenmädchen Fehde geschworen - bis ich meinen Durst gestillt . Nicht um eine Welt , nicht um ein Sonnensystem geh ' ich da hinein . Behüt ' Dich Gott , es wär ' zu schön gewesen ! Komm ' nach ; Du weißt , wo Du mich wiedersiehst ; « dabei machte er den Versuch , die Phrase nach dem reinen Thorenmotiv pfeifend zu wiederholen und fuhr dann komisch deklamierend mit kulissenreißerischen Armbewegungen fort : » Dort , wo die grüne Isar am farbigsten rauscht , sei Gambrinischer Weisheit mit Wonne gelauscht ... Also , Scherz ohne , beim grünen Baumwirt . Hippokrates wird wahrscheinlich auch hinkommen und uns allerhand Gruseliges vom Kadaver des heute geköpften Lustmörders erzählen , in dessen Eingeweiden er den Vormittag verschwelgt hat . Vielleicht bringt er sogar einige interessante Fetzen vom Gedärm des edlen Sünders mit zu belehrsamer Augenweide . Dess ' freut sich das entmenschte Paar ... O Schiller , o Schlichting ! Addio , Zukunfts-Oberklassiker deutscher Nation . Addio . « Und polternd walzte der kleine dicke Kuglmeier die Holztreppe hinab . » Schauerlich , was für disparate Dinge in in einem solchen Kopfe beieinander liegen , « dachte Schlichting und fühlte ein leises Frösteln über seinen Rücken hinlaufen . » Teilte ich nicht seine schwärmerische Verehrung für seine Schwester , ich wüßte nicht , was ich Gemeinsames mit diesem Menschen hätte . Nun bin ich richtig wieder aus aller Stimmung herausgeworfen ... Am liebsten möchte ich heute keine lebendige Seele mehr sehen ... Aber Trostberg erwartet mich ... Zu Achthuber wird ' s heute nicht mehr reichen ... Eigentlich wär ' mir dieser Künstler-Naturbursche mit seinem trauten , naiven Wesen der liebste . Diese Geschlossenheit und Lebenszuversicht wirkt wie Balsam . Das ist alles so anheimelnd harmonisch , Kopf und Herz ohne Mißton . Und dabei doch voll stärkster Triebe und der höchsten Aufschwünge fähig . Das ist ein Mensch , der wohl thut ... Trostberg regt an , aber läßt das Gemüt unbefriedigt ; man geht von ihm mit einem bitteren Geschmack auf der Junge . Was er wohl zu meinem neueren Manuskript sagen wird ? Ob er ' s als eine ernste soziale Studie nach der Natur gelten läßt oder nicht - ideale Gedanken-Bajazzo-Sprünge wird er mir diesmal nicht vorwerfen können . Nach der Natur ! Jeder sieht schließlich seine Natur . Wenn er überhaupt nur die Natur sieht ... Armer Trostberg . Einer , der die Menschen haßt , weil er sie zuviel geliebt hat ... Geliebt ? Wirklich geliebt ? Wer weiß ! Es steckt so schrecklich viel Problematisches in allem Pessimismus ... Mein kleiner Eugen Raßler schlägt und beschimpft die Tischkante , wenn er sich unachtsam daran gestoßen und sich eine blaue Beule geholt hat . Die Tischkante ist schuld an seinem Schmerz ... Kuglmeier geht vorsichtig an allen Kanten herum , drum findet er auch den besten Platz am Tisch . Er wählt sich auch immer den geeigneten Tisch , denjenigen , der am reichlichsten nach seinem Geschmack besetzt ist ... Und sein Geschmack richtet sich nach dem Geschmack der tonangebenden Fresser ... Und sein Urteil formt sich nach dem Urteile beutegieriger Lebensschätzer ... « Während dieses Selbstgespräches hatte Schlichting mit anmutiger Bewegung seiner jugendlich schlanken und doch kraftvoll gehobenen Gestalt sich eilig umgekleidet , eine zerriebene Hose und Jacke , wie er sie nur aus Sparsamkeit im Hause trug , gegen bessere Stücke umgetauscht und sich besuchsmäßig hergerichtet . Da überkam ihn plötzlich eine eigentümliche Mattigkeit . Waren es die langen Auseinandersetzungen mit Kuglmeier , die ihn ermüdet hatten , oder die nachtwandlerischen Ereignisse von gestern , die erschlaffend nachwirkten ? Oder war es der Gedanke an Flora , der mehr und mehr in all ' seinem Thun und Treiben spukte , daß er sich säumig und träumerisch wieder am Fenster niederließ ? Wie gebannt hing sein heißer Blick an den phantastischen Wolkenbildern , die sich langsam über das Isarthal hinbewegten , licht von Süden kommend , gen Norden sich dunkelnd . Die Abendsonne schoß einen mächtigen Pfeil in das blauschwarze Gewoge , eine lange , goldne Strahlenfurche zurücklassend . Nun verblaßt sie . Dort baut sich die Wolke wie ein Riesenfragezeichen auf , silbern umrandet , und gleich dahinter bricht ein Stück hervor , so ideal zart in seiner feinen , gleichmäßig leuchtenden Bläue ... Gestern standen die Wipfel noch wie braune Besen , heute färben sie sich freundlicher ; ein grünlicher Schimmer geht darüber hin . Und dort der schwingende , wiegende Punkt - jetzt über die Wiese um die alte , kerzengerade Pappel herum ? Eine Schwalbe , fürwahr die erste - nein , so früh ! Und da eine zweite , dritte - Willkommen , willkommen , daß euch die Reise geglückt ! ... Kräftiger setzt der Pulsschlag des Frühlings ein ; die alten Saftquellen brechen auf und steigen mächtig ins Licht , von der abgrundtiefen Wurzel bis in das höchste Gezweige der Krone die Welle verjüngten Lebens treibend ... Und der Tod ... Der Tod ? Warum mußte Schlichting plötzlich den Gespenstergedanken denken ? ... Was durcheist sein junges Blut ? Er springt auf . Lachen und Schreien die Treppe herauf ... Schlichting eilt an die Thür und horcht hinaus . » Nein , es ist wahrhaftig zu stark ; treibt er sich noch da unten herum und macht seine Possen mit den Schneidersmädchen : .. Der Alte wird auswärts sein ... auf Stöhren ... « Jetzt rief es herauf : » Schlichting ! Schlichting ! Komm doch herab ! « Nach kurzem Besinnen griff Schlichting nach seinem Hute , rollte den Aktendeckel mit den Manuskriptblättern , verschnürte die Rolle und steckte sie in die Tasche . Am Fuße der Treppe bot sich ihm ein unerwartetes Bild . Kuglmeier über das Geländer gelehnt in Hemdsärmeln . Das Beinkleid am Bunde aufgeknöpft . Eine kleine rothaarige Schneiderin lachend geschäftig , am Hinterteile abgesprungene Knöpfe anzunähen . Das übermütige Geschöpf , dem wilde Strähne über die Stumpfnase baumeln , im weiten , weißen , nur halb geschlossenen Kittel , ruft gellend : » So halten ' s doch still oder ich steche ! « Und sie schien wirklich mit der Nadel daneben zu treffen und ins Fleisch zu stechen , daß Kuglmeier vor Vergnügen und wollüstigem Schmerz aufschrie und mit der Hand nach ihrem Arm haschte , dabei aber fehl griff und ihre Brust erwischte , dann ihre Taille umschlang , worauf sich das Mädchen wehrte , den Faden abriß und mit erhobener Nadel nach ihm stach . Aus dem geöffneten Gemach - der Schneiderwerkstatt - drangen lustige Zurufe : » Ohe , nichts gefallen lassen ! Wehr ' Dich , Monika ! Recht so ! Hahaha . « - - Schlichting in seiner ernsten Weise blieb überrascht auf der halben Treppe stehen und schüttelte den Kopf . » Was ist denn das für ein Sodom und Gomorrah ? « » Nicht schelten , Schlichting ! « » Doch , doch ! « fiel die kleine rothaarige Schneiderin lachend ein , sich die wilden Strähnen aus dem Gesicht und die Lachthränen aus den Augen wischend . » Der Herr ist so ausgelassen und wir sollen ihm doch helfen . Herr Schlichting , halten Sie ihm die Hände , damit ich die Knöpfe annähen kann . « Der Angeredete blieb unbeweglich stehen . Die Treppe lag im Dämmer , von aufgejagtem Staub durchzogen . » Das ist die lustigste Geschichte , die mir in meinem Leben passiert ist , Schlichting , Wie ich mich da an der Treppenwindung vorbei drücken will , begegne ich dem schönen Kinde ; es hat einen schweren Bündel Kleider auf dem Arm ; ich knüpfe so ein kleines freundschaftliches Gespräch an und erbiete mich endlich , ihm die Last abzunehmen und tragen zu helfen ... « » O , es war ganz anders , glauben Sie mir , ganz anders , Herr Schlichting , « rief in den höchsten Tönen die Rothaarige mit mühsam