lassen . Jeder erhielt einen feierlichen Kuß und sodann auf der halbrunden Bank einen Platz angewiesen neben seiner Liebsten , worauf sogleich die Befehlsworte doppelt zu vernehmen waren : » Nicht umfangen , oder wir gehen ! « Zuerst schien die kleine Versammlung sich paarweise zu unterhalten , weshalb Salander nicht ein Wort verstand . Er sah nur , daß die Töchter aufrecht und bewegungslos saßen , wie Steinbilder , während Isidor und Julian , jeder der Seinigen bescheiden zugeneigt , sich begnügen mußten , die nur mondhellen Gesichter mit den Augen zu liebkosen . Herr Salander wunderte sich aufs neue über die Mädchen ; sie erschienen ihm wie zwei dämonische Verkörperungen einer und derselben Wahnidee , von welcher die Unglücklichen besessen wären . Wenn nun der eine der Zwillinge sterben müßte oder sonst abhanden käme , würden sie dann vielleicht durch die bloße Halbierung geteilt , oder würden sich am Ende beide an den übrigbleibenden Teil hängen , gleich den salomonischen Müttern , und das Gespenst ihrer eingebildeten Leidenschaft sie aufreiben ? Es schauderte ihn bei dem Gedanken , daß solche Seelenstörungen den so blühenden Mädchen beschieden sein könnten . Und immer saßen sie noch da und flüsterten Unvernehmliches mit den Jünglingen , die jetzt aufsprangen , von irgendeinem Worte getroffen . Setti sprach allein weiter und so laut , daß es der Vater im Busche verstehen konnte : » Ja , ihr schönen Brüder ! Es ist geschehen , was uns weh tut ! Aus gewissen Reden , die eure Frau Mutter auf offenem Markte hören ließ , müssen wir schließen , daß man uns Schwestern für reiche oder reich werdende Personen hält und somit alle Lieb und Treue dem vermeintlichen Vermögen unserer Eltern gilt ! « Die Brüder prallten zurück und standen betreten vor den gestrengen Mädchen ; denn auch Nettchen wendete sich düster , obgleich mit weicher Stimme , gegen ihren Zwillingsanteil , zwar schon nicht mehr genau wissend , ob es der rechte sei , wegen des vorgegangenen Platzwechsels . Auch die Schwestern waren nämlich aufgestanden und zwischen die verwirrten Zwillinge getreten , die nach Worten suchend hin und her schritten . » Ja , so ist es , wir sind keine Marktware ! « sagte Netti und wischte sich die Augen , mit denselben trotzdem den durch das Hin- und Hergehen der Unterscheidung entschlüpften Julian zu haschen suchend . Das beliebte Greifen nach dem Ohrläppchen war durch den Ernst des Augenblicks unmöglich geworden . Setti befand sich in gleicher Lage , jedoch mit mehr Geistesgegenwart . » Sprich du , Isidor , wenn ihr etwas zu sagen habt ! « rief sie in leidenschaftlicher Vergessenheit dennoch lauter , als sie wollte . Und sofort sich fassend , ergriff er endlich das Wort . » Was können wir dafür , wenn unsere gute Mama sich freut , daß ihre Söhne reiche Bräute haben ? Ist es eine Sünde für sie ? Und wäre es selbst für uns eine Sünde , die Geliebte vor allen Nahrungssorgen gesichert zu wissen ? Obgleich wir hoffen und vertrauen , sie aus eigener Kraft dagegen zu schützen ! Nein , teure Elisabeth ! Ich habe nicht notwendig , dein Erbe zu lieben ; aber dich zu lieben habe ich notwendig , das schwöre ich dir ! Lasse Geld und Gut , Eltern , Haus und Heimat und alles im Stich und komm mit mir ! Auch ich verachte nicht , um der Armut oder um meiner selbst willen einzig und allein geliebt zu werden , auch ich will alle schönen Hoffnungen und was mir von den Eltern zukommen wird , dahinten lassen und mit dir bis ans Ende der Welt gehen ! « Er hatte sich während dieser Worte dem ältern Fräulein Salander zu Füßen geworfen , was bisher unter den vier Leuten noch nie vorgekommen und auch sonst gerade nicht landesüblich war . Das gleiche tat Julian und hielt eine noch feurigere Rede an Netti , in welcher er aber nicht arm , sondern reich werden zu wollen versprach , um zu beweisen , daß er nicht auf den Reichtum der Braut zu schauen brauche . Sie hielten die Hände der Schwestern fest umklammert und bedeckten sie , durch die eigenen Worte zu Tränen gerührt , mit Küssen . Da nun jede wieder ihren Anteil sicher an der Hand fühlte und noch größere Rührung empfand , so endete der prüfungsvolle Augenblick damit , daß die Jünglinge sich emporschwangen und die schmucken Mädchen ohne Widerstand umarmten , und dies unter so heftigem Küssewechsel , wie es auch noch nie geschehen . Man sah dabei , daß die Jünglinge kräftig genug in die Höhe geschossen waren , um die auch nicht kurzen Frauengestalten zu überragen . Das bemerkte auch Martin Salander , der unversehens zwischen den zwei Paaren stand und vielleicht noch lang hätte stehen können . Allein er legte links und rechts eine Hand auf die entsprechende Zwillingsschulter und sagte : » Laßt ' s für heute genug sein , ihr jungen Herren ! Und ihr artigen Frauenzimmer seid so gut , euch von ihnen zu trennen ! Hier steht der Vater , wie es scheint für euch eine überflüssige Person ! « Die vier Liebesleute fuhren weit auseinander , Setti und Netti mit Schreckenslauten , Isidor und Julian aber sich bald ermannend . » Herr Salander , es geht alles mit rechten Dingen zu , wir sind mit Ihren Fräulein Töchtern verlobt ! « » Wir sind nämlich alle volljährig , soviel wir wissen ! « sagten die Jünglinge etwas patzig ; Salander merkte indessen wohl , daß es mehr aus Unbeholfenheit denn aus Trotz geschah . » Das freut mich , « versetzte er , » es überhebt mich einigermaßen der Verantwortlichkeit , wenn ein dummer Streich geschehen sollte . Einstweilen kann ich den edlen Wettstreit wegen des zu erwartenden Vermögens sogar entgegenkommend schlichten und den Kummer meiner Kinder , es möchte sich um eine schnöde Geldheirat handeln , zum voraus mäßigen , indem ich einfach die Töchter enterbe , wenn sie in Mißachtung der Eltern und unschicklichem Lebenswandel verharren sollten ! « Das Wort Enterbung lief wie eine gemeinsame sanfte Erschütterung durch die vier Verlobten . Sein harter Klang brachte die Töchter Salanders , die an dergleichen als etwas Mögliches nie gedacht , unmittelbar zum Weinen , ohne daß sich vorläufig der kürzeste Gedankengang damit verband ; und die Brüder Weidelich senkten , in der Mondscheindämmerung freilich kaum bemerkbar , auf einen Ruck die Köpfe . Niemand sprach zunächst ein Wort . Salander benutzte die Stille , die Szene zu schließen . » Für einmal « , sagte er in ruhigem Tone , » muß ich im Namen beider Eltern nun wünschen , daß in Zukunft dieser geheime Verkehr unterbleibt ; es wird für jeden das beste sein . Darf ich die jungen Herren zu dem Hinterpförtchen begleiten , durch welches sie hereingekommen sind , damit ich den Schlüssel an mich nehmen kann ? Meine Töchter werden den Garten mit mir auf dem gewohnten Wege verlassen . Nehmt Abschied ! « Die weinenden Mädchen schickten sich an , dem Gebote zu gehorchen ; da sie aber über dem Auftritte die Spur der Erkennens wieder verloren hatten und die Jünglinge unentschlossen , ja störrisch sich nicht rührten , reichte jede dem Unrechten die Hand , ihm mit klopfendem Herzen den Mund zum Kusse bietend . Die wackeren Jungen wollten es nicht hiebei bewenden lassen , sondern änderten rasch die Stellung , wechselten Mädchen und Hände und umarmten jeder die Seinige , worauf sie , durch die Verwirrung mürbe geworden , dem Herrn Salander folgten , indessen Setti und Netti trauernd auf die Steinbank sanken . Nachdem ihr Vater die Zwillinge durch das Mauerpförtchen entlassen , den Schlüssel zweimal umgedreht und zu sich gesteckt hatte , kehrte er auf den Rundplatz zurück . » So , nun wollen wir zur Mutter gehen , « rief er den Töchtern zu , » sie grämt sich zu Hause ! Es ist zehn Uhr vorbei ! « Er ging ihnen voran in das Haus und das Kontor , wo noch das Licht brannte . Während sie sich dort so gut wie möglich von dem erlebten Schreck erholten , sann Vater Martin über den Zuspruch nach , den er ihnen halten sollte und auch wollte ; je länger er aber die so vollkommen ausgereiften Jungfrauen betrachtete , desto schwerer dünkte es ihm , da viel hineinzureden . Er beschränkte sich daher auf ein paar anzügliche Brocken , die er hinwarf , um der Mutter den intimern Teil der nötigen Vorstellungen zuzuschieben . » Ist das nun « , sagte er , vor ihnen stillstehend , » die große Rarität , die ihr euch ausgesucht habt ? Denkt ihr großen Staat damit zu machen ? Zwei Männer , die ihr nicht voneinander unterscheiden könnt , wenn es etwas dämmerig ist ? Dem ließe sich zwar abhelfen durch eine Bedingung im Ehekontrakt , daß sie die Bärte ungleich tragen sollen , zum Beispiel der eine einen Vollbart , der andere einen Schnurrbart . Allein genauer überlegt , haben sie leider noch gar keine Bärte und bekommen am Ende niemals solche , die dicht genug wären , unterschiedliche Charaktere daraus zu schneiden ! « Der Spott brachte nicht die gewünschte Wirkung hervor ; er betrübte nur die Mädchen auf das tiefste , daß sie wieder zu weinen anfingen , nachdem sie schon sorgfältig die Augen getrocknet hatten . » O lieber Vater , « schluchzte Setti , » es nützt gar nichts , es hängt nicht von uns ab ! Solange sie uns treu bleiben , lassen wir nicht von ihnen ! « » So ? « » Ja , Vater ! « rief jetzt Nettchen , » wie können wir unsere Wahl denn anders rechtfertigen als durch die Standhaftigkeit , mit welcher wir den armen Menschen die Treue halten ? « Da haben wir den starren Wahn ! dachte Salander . » Und was die größere Jugend unserer Verlobten betrifft , « fuhr die ältere Tochter nicht ohne Zierlichkeit fort , » so bedürfen sie nicht nur liebevoller , sondern auch mit einem mütterlichen Sinne begabter Frauen , die sie wohltätig zu lenken verstehen ! Ihre eigene Mutter hat nicht diejenigen Eigenschaften , welche zur Bezähmung so kecker Burschen erforderlich wären . Wir aber , Netti kann es bezeugen , haben schon einen veredelnden Einfluß über sie gewonnen , sie hören auf uns und lassen sich gefallen , was wir ihnen sagen . « Nettchen gab ungesäumt ihr Zeugnis ab : » Es ist wahr , was Setti sagt , sie sind schon viel manierlicher , selbst gesitteter , als da wir sie kennenlernten ! « Das läßt sich bei Gott hören , es mag etwas dran sein ! dachte der umhergehende Herr Vater ; dann müssen die Gesellen aber ziemlich ungezogen gewesen sein ! Laut sagte er : » Wir werden heute mit dieser Materie nicht fertig ! Kommt , wir wollen gehen ! « Er löschte das Licht und führte die bedrängten Fräulein unbemerkt auf die Straße . Schweigend schritt er neben ihnen her ; daß er nicht fröhlich wie sonst an jeden Arm eines der Kinder nahm , dagegen zwei- oder dreimal einen Seufzer vernehmen ließ , machte ihnen das Herz auch wieder schwerer , je näher sie der Wohnung kamen . Und als sie in die Stube traten , wo die Mutter ganz allein am Tische saß und strickte , fühlten sie , daß sie trotz ihres schönen und klugen Mädchenalters einen tiefen Fall getan . Sie suchten jedoch nicht etwa in ihr Schlafzimmer zu entfliehen , sondern setzten sich still an eine Wand und blickten traurig auf den Boden . » Guten Abend , Frau ! « sagte Salander , » da haben wir die Vögel eingefangen ! Sie bitten dich um Verzeihung und willigen ein , daß alles weitere Ausfliegen einstweilen unterbleibe ! Denn sie waren mehr unbesonnen als leichtsinnig und jedenfalls mehr leichtsinnig als böse ! « » Das fehlte noch , daß es mehr bös als leichtsinnig heißen müßte ! « erwiderte Marie Salander ohne aufzublicken . Die den Gegenstand dieses kurzen Gespräches bildeten , waren solche Worte nicht gewöhnt und hätten nie geglaubt , daß es dergleichen für sie gäbe . Wehrlos verharrten sie im Schweigen . » Wenn ihr noch Hunger habt , « sagte die Mutter , » so könnt ihr in die Küche gehen ; hier hat man längst abgeräumt . Das Bett werdet ihr auch wohl finden , alt genug seid ihr ! « Sie standen auf und gingen hintereinander her in die Küche , nahmen dort jedoch nur das nötige Licht und stiegen ohne zu essen eine Treppe hinauf in ihr Schlafgemach . Über ihnen auf dem Estrich lag mäuschenstill in ihrem Bett die Magd , die sich kurz vorher weggeschlichen . Unten strickte die bekümmerte Frau fort , ohne eine Masche fallen zu lassen . » Du hast sie also wirklich beisammen getroffen ? « fragte sie den Mann . » Gewiß , ja ! Zuerst kamen die Kinder anmarschiert , im hellen Mondschein , dann die vertrackten Weidelichsjungen ; ich steckte in dem Gebüsch hinter dem Brunnen , sah alles , was vorging , und hörte beinahe alles , was gesprochen wurde . Ich muß dir nun zuerst sagen , daß ich , abgesehen von der Heimlichkeit , mit welcher sie uns hintergingen , nichts sah oder hörte , was ehrbaren Liebesleutchen nicht erlaubt ist ; ich möchte behaupten , ich sah und hörte nicht einmal alles Erlaubte , soviel ich mich wenigstens , mit deiner Genehmigung zu sagen , aus unserer eigenen Praxis erinnern kann . Die Kinder scheinen eine merkwürdige Gewalt über die Bengel zu haben - « » Nimm es mir nicht übel , Martin , « unterbrach ihn Marie , » aber du sprichst ganz verkehrt und närrisch ! Das Gegenteil ist wahr , die Bengel üben ja die unglückliche Gewalt über die Kinder ! « » Nicht so , Marie ! Diese Gewalt , die du meinst , die sitzt auch in den Mädchen selbst , die Jungens würden sie nie haben ; es ist das Wahngebilde , an dem sie leiden ! Doch laß dir erzählen , wie es herging ! « Er beschrieb ihr so genau und anschaulich als möglich den ganzen Hergang , indes sie bald ungläubig , bald verwundert , aber immer unwillig aufschaute , den Kopf schüttelte und wieder strickte . Plötzlich warf sie den Strumpf auf den Tisch . » Ich komme nicht darüber hinweg ! Sie haben mich als Mutter beleidigt ; ich bin nie gewöhnt gewesen , seit ich die Kinder besaß , und war von Hause aus nicht gewöhnt , von gewissen Dingen zu reden und zu sagen , die nicht sein sollen . Ich glaube auch jetzt noch , daß gutgeartete Kinder am besten durchkommen , wenn sie die Leute im Haus , namentlich Vater und Mutter , offen und tadellos wandeln sehen , ohne sie darüber predigen zu hören . Und nun diese jahrelange Verschlagenheit zweier Töchter gerade gegen die Mutter ! « » Das mußt du nicht von der Seite allein nehmen . Es ist in Gottes Namen einmal geschehen , ein neuer Fall von Menschengeschichten , wo sollen diese herkommen , wenn es nicht immer neue Erscheinungen gibt ? Vielleicht ein lumpiges Lustspiel , vielleicht ein erbaulich ernsthaftes Schicksal ! « » Und wie steht es nun ! Wie soll es werden ? « » Wie ich dir sagte , sie erklären , von den Zwillingen nicht zu lassen , sie meinen , aus ihnen zu machen , was sie wollen und was gut sei ! Daß aber der Verkehr in bisheriger Weise aufhört , dessen bin ich ziemlich sicher . Denn als ich ein Wort von Enterbtwerden fallen ließ , fühlte ich deutlich , daß die Herrschaften mürbe wurden . Ich mußte es tun , weil ihrerseits bereits das Wort Volljährigkeit gefallen war . « Frau Salander wurde in diesem Augenblicke totenbleich und griff nach der Seite , wo das Herz hängt . » Enterben ! « wiederholte sie mit jammervoller Stimme , » kannst du denn das wegen einer solchen Sache ? « » Eigentlich wohl nicht leicht , « erwiderte Martin möglichst ernsthaft , » ein guter Advokat könnte indessen einen unordentlichen Lebenswandel , fortgesetztes Mißachten und Hintergehen der Eltern , Kinderundank u. dergl. schon so herausdrechseln , daß es durchzusetzen wäre vor nicht allzu scharfsichtigen Richtern . « Maria Salander packte ihr Strickzeug zusammen . Es rannen ihr Tränen über die Wangen , die sie nicht beachtete . » So weit ist es schon gekommen , « sagte sie , indem sie die Lampe löschte und den Leuchter zum Schlafengehen ergriff , » so weit , daß in diesem Hause ein solches Wort ertönen muß ! Zwei Kinder verlieren ! « Martin stützte und führte die schwankende Frau und tröstete sie im Gehen : » Ei , bedenke doch , ich müßte ja tot sein , wenn das Testament eröffnet und angegriffen würde ! Wenn ich unter dem Boden dann den Prozeß gewänne , so könnten du und dein Sohn Arnold den Mädchen alles wieder zurückgeben ! « Isidor und Julian Weidelich waren sehr erschrocken und kleinlaut in der dunkeln Straße hinter der Gartenmauer gestanden und dann einig geworden , nach dem Singhause zurückzukehren , ihre Abwesenheit eher zu vertuschen . Sie setzten sich , als sie hörten , daß immer noch geübt wurde , in ein Trinkstübchen , in welchem sich pausierende Sänger erfrischten , und sie taten , als ob sie die ganze Zeit über vorhanden gewesen wären . Dann schlugen sie erst den Weg nach dem Zeisig ein , wo im elterlichen Hause für jeden ein artiges kleines Studierzimmer gebaut und eingerichtet war . Nach und nach fanden sie Worte , von dem Ereignis dieses Abends zu reden , wurden aber nicht recht klug daraus . Für sie ragten vornehmlich zwei Dinge aus dem Abenteuer heraus : die Anfechtung ihrer verlobten Bräute wegen der Liebe aus Habsucht , ehe der Vater kam , und die Drohung des letzteren mit Enterbung der Töchter . Beide Punkte standen in unheimlicher Beziehung zueinander . Die Fräulein wollten nicht des Vermögens wegen geliebt sein und der Vater ihnen dasselbe entziehen , wenn sie sich überhaupt lieben ließen . Aber konnte denn der Alte sie wirklich enterben ? Über diesen Gegenstand waren sie als angehende Notare schon von einiger Erfahrung , der betreffende Abschnitt des Erbrechtes ihnen geläufig . Das Ergebnis des Ratschlages fiel auch ziemlich verständig aus : sie fanden , es dürfte besser sein , sich den Geboten des Herrn Salander zu fügen und die Zusammenkünfte mit den Töchtern einzustellen , um die Frage jedenfalls nicht zu verschärfen . Sie hielten dafür , daß die Mädchen auch keine Neigung hätten , die unbestimmte Gefahr herauszufordern , und von der Volljährigkeit allein nicht leben könnten , wenn es zum Bruche mit den Eltern käme ; und sie fürchteten die Mutter noch mehr als den Vater . Dagegen wollten sie einen schriftlichen Verkehr einführen und so die Zeit erwarten , die ihre Aussichten und Hoffnungen krönen würde . Der Treue der beiden Geliebten waren sie ja sicher , wie ihrer eigenen , und indem sie über diese Seite der Angelegenheit ein paar jugendliche Redeblumen von leichter Bauart in die Verhandlung streuten , nahm diese den verwunderlichsten Ton von der Welt an . Und doch war es ihnen auch hiemit Ernst , da es ja sonderbar hätte zugehen müssen , wenn so junge Gesellen keines dankbaren Gefühles für die Hingabe eines solchen Schwesternpaares fähig gewesen wären . Zu Hause wollten sie den Vorfall verschweigen , damit die Mama nicht neue Verwirrung stifte . IX Im Salanderschen Haushalt schien der gute Hausgeist der Unbefangenheit irgendwo krank zu liegen . In Erwartung eines schweren Tages hatten Setti und Netti , die in jener Unglücksnacht nicht geschlafen , einander gelobt , dem Gerichte der tiefverletzten Mutter mit kindlicher Bescheidenheit , aber auch mit wandelloser Treue dem erwählten Geschicke standzuhalten . Als sie am Morgen in der Familienstube erschienen , sagte niemand ein Wort , und auch als der Vater fortgegangen und sie mit der Mutter allein waren , schwieg diese beharrlich von der Sache , gab auch nicht den geringsten Anlaß , den die Töchter zu einer Beichte hätten ergreifen können . So ging es den Tag hindurch , den folgenden Tag und alle anderen Tage . Die Mutter begrub ersichtlich für sich das Unheil in die Nacht des Schweigens , um es so zu vernichten , im Glauben , daß es gelingen müsse . Der Vater tat auch , als ob er es rein vergessen hätte , und nur die Magdalene flüsterte ihnen einmal zu , sie dürfe nicht davon sprechen , wenn sie nicht fortgeschickt werden wolle . Arnold schrieb wie gewohnt nach Hause , bald an die Eltern , bald an die Schwestern . Die Briefe an Vater und Mutter wurden offen herumgeboten , kein Wort verriet darin , daß er etwas von dem Kummer der Mutter wußte , und was er an die Schwestern schrieb , war ebenso ahnungslos und brüderlich ungeniert wie von jeher . Wenn sie ausgingen , so bemerkten sie nicht die kleinsten Zeichen einer Überwachung ; man fragte gar nicht , wo sie hinwollten , und noch weniger sah ihnen jemand nach . Kehrten sie zurück , so kümmerte sich niemand darum , wo sie gewesen seien , wenn sie es nicht selbst sagten . So wußten diese stattlichen Hochjungfrauen nicht , woran sie waren , und gingen wie Schatten in ihrem durchsichtigen Doppelgeheimnis herum . Sie fühlten sich um so unbehaglicher , je mehr ein ruhiges Einvernehmen sich herzustellen , eine versöhnliche Ausgleichung in alter Gewohnheit neu zu befestigen begann ; denn die Mutter sah bei alledem so aus , wie wenn ein einziges Wort die Finsternis wieder verbreiten könnte . Eines Mittags saß Salander mit den Töchtern allein bei Tisch , weil Frau Marie verreist war , dem Leichenbegängnis einer auf dem Lande verstorbenen Verwandten beizuwohnen . Salander zog einige Privatbriefe aus der Tasche , die er vom Bureau mitgebracht , und beschaute sie näher . » Da ist auch einer von Arnold , « sagte er , » was schreibt er ? « und legte den geöffneten Brief auf den Tisch . Setti nahm das Papier und las . Arnold berichtete , daß er leidlich doktoriert habe , soundso viel Geld draufgegangen sei und daß er nun von der Erlaubnis Gebrauch zu machen gesonnen sei , über London und Paris heimzureisen und dazu ein Jahr zu verwenden . » Das ist mir recht wegen der Sprachen , in denen er noch zurück ist , « sagte der ehemalige Sekundarlehrer , » für das andere gebe ich ihm nicht soviel . Wenn er von England spricht , wird er Dschury sagen , und Schüri , wenn er von Paris erzählt , mehr kann er in einem halben Jahre kaum erschnappen , was die Rechte betrifft ! « Inzwischen hatte Setti den Brief hingelegt , ohne ihn fertig zu lesen , und hielt das Taschentuch vor die Augen . Gleich darauf auch Netti , die den Brief aufgenommen und ebenfalls hineingeblickt . » Was gibt es denn ? Was habt ihr ? « fragte der Vater betroffen , » warum lest ihr nicht zu Ende ? « Er nahm den Brief an sich , suchte den abgebrochenen Schluß und las laut : » Nun grüße ich auch treulichst das holde Geschwisterpaar ! Der Kürze halber habe ich , um mir den teuren Zwiebegriff schneller vor die Seele zu führen , die Namen Setti und Netti zusammengezogen und denke nur Snetti ! , so stehen sie vor mir ! Aber wie steht es denn mit ihnen ? Ist noch keine Verlobung in der Luft ? Sie sind nachgerade keine Hasenbraten mehr ! Mir kann ' s recht sein , wenn ich sie noch hübsch zu Hause treffe ; denn bei so wählerischen Stiftsdamen weiß der Kuckuck , was sie einem für Schwäger aussuchen ! « » Ja so ! « brummte der Vater gutmütig , » hätt ich gewußt , was da steht , so blieb der Brief in der Tasche . Aber tut die Augentröckner weg und eßt eure Suppe ! « Seine Art zu reden tröstete die Mädchen ein bißchen ; es war doch das Freundlichste , was sie in der ganzen Zeit gehört , und sie aßen mit dem Vater zu Ende . Als die Magd nichts mehr im Zimmer zu tun hatte und Martin seinen Wein gemächlich austrank , während die Frauenzimmer nach bestehender Sitte des Hauses noch so lange ihre Plätze behielten , nahm er in gemütlichem Tone wieder das Wort . » Da das leidige Verhältnis , das uns alle behext , durch Arnolds arglosen Scherz einmal berührt worden ist , so wollen wir vernünftig ein bißchen weiter davon reden ! Ihr haltet euch sehr achtungswert ; wir glauben , die Mutter und ich , daß ihr den Umgang mit den jungen Leuten wirklich meidet ; hinwieder wissen wir nicht , woran wir mit der Zukunft sind und ob ihr selbst etwas mehr im klaren seid ? Vielleicht , dachten wir , finden sie sich doch allmählich zurecht und sich selbst wieder , und zwar ohne die zwei seltsamen Beisterne ! Da kommt neulich der Laufknabe von der Post und erzählt , er habe auch die Fräuleins am Schalter gesehen . Haben sie Briefe hingebracht ? frag ich , und er sagt : Nein , sie haben Briefe geholt , die für sie dort lagen . - Gut , ich weiß schon , was es ist , gab ich zur Antwort . Verkehrt ihr also poste restante mit ihnen ? « » Ja ! « entgegneten die Töchter beide zugleich . » Und in welchem Sinne ? Der hoffenden Zuversicht oder der entsagenden Freundschaft ? Ihr seht , daß ich mich in dem Sprachgeiste auszudrücken weiß , der in der bewußten Korrespondenz walten wird ! « » Unsere Freunde entsagen nicht , solange sie zweier Herzen sicher sind , die es nicht von ihnen verlangen ! « Dies sagte Nettchen , und Setti fügte hinzu : » Wie wollten wir freilich die Hoffnung aufgeben , der geliebten Personen verlustig gehen und dagegen für das ganze Leben erst recht eine spottende Nachrede eintauschen ? « » Gut getrumpft ! « sagte der Vater , mit innerer Trauer der Gattin gedenkend , die mit ebenso fest eingewurzeltem Gegensinne in derselben Stunde in einem fernen Trauerhause am Tische sitzen und vom Leichenmahle genießen mochte . » Liebe Kinder ! « fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort , » wie lang wollt ihr denn eigentlich auf das vermeintliche Glück warten ? Wenn ich nur das wüßte ! Ja , wenn ihr zwanzig Jahre alt wäret , wie die Liebhaber , dafür diese von eurem Alter , das ließe sich hören ! « » Immer das gleiche ! « riefen die Töchter durcheinander , » habt doch Geduld , in wenig Jahren werden wir mit ihnen gleich alt scheinen , sie so alt wie wir und wir so jung wie sie , wenn wir nur erst verbunden sind ! Sie werden Männer sein ! Übrigens bekommen sie schneller die ihnen gebührende Stellung , als manche glauben , und dann hat das Elend ein Ende ! « » Trumpf ! « rief der Vater lachend , aber voll Verwunderung über die Reden der Töchter ; » das tönt ja alles wie im heroischen Zeitalter , wo Männer und Frauen ewig jung blieben ! Wir wollen es abwarten , und mögt ihr nicht eine Zeit erleben , wenn es nach eurem Willen geht , wo ihr wirklich heroischer Kräfte bedürftet ! Jetzt wollen wir die Sitzung aufheben . Heute abend muß ich in eine Versammlung wegen der kommenden Wahlen gehen und kann nicht wegbleiben . Da wäre es artig von euch , wenn ihr statt meiner euch auf den Bahnhof begeben und die Mutter abholen wolltet . Ich weiß , es tut ihr gut , wenn sie euch unerwartet dort trifft ! « Die Töchter versprachen , es zu tun , und erröteten leise aus geheimer Freude über den erhaltenen Auftrag . Martin Salander ging in sein Geschäft , arbeitete ein paar Stunden darin und dann noch eine gute Zeit in der Wahlsache , indem er Briefe und andere Papiere durchging und dies oder jenes anmerkte . Es handelte sich um die Ermittelung einer Vorschlagsliste für die Kreiswahlen in den Großen Rat des Standes Münsterburg , die Durchmusterung der bisherigen Inhaber der Stellen , den Ersatz abgehender , den Eintritt neuer Mitglieder . Salander freute sich immer noch seiner Unabhängigkeit von allen Wahlverlegenheiten in Ansehung seiner eigenen Person , indem er trotz seiner oft in Anspruch genommenen Dienste und mehrfachen Zumutens dem förmlichen Amts- und Titelwesen ferngeblieben . Jetzt wollte es ihm aber heimlich bedünken , daß er , wie so mancher andere auch , vieles doch am besten in dem gesetzgebenden Rate vertreten und sagen könnte , als am entscheidenden Orte ; denn was half es ihm , wenn er in freien Vereinen und Zusammenkünften eine Meinung durchsetzte gegen irgendeinen Gegner , der dann in der Behörde saß und dort allein das Wort hatte . Er brachte aber nicht über sich , was doch gang und gäbe ist , sich selbst vorzuschlagen , d.h. vertraulich den andern Führern zu eröffnen , daß er Lust verspüre , gewählt zu werden ; und um nicht den Anschein davon zu gewinnen , nahm er ausdrücklich an der Leitung der heutigen Zusammenkunft teil , während diejenigen wegblieben , die genannt zu werden wünschten oder wußten , daß es geschah . Freilich nicht alle ; denn einige wiederum erschienen freimütig und setzten sich breit hin . Im Saale zu den Vier Winden , der den verschiedensten Parteien und Vereinen als Sammelort diente , fand Salander zwei lange Tische von