dreimal , unsre schöne Frau , der Perlen schönste Perle . « Dabei erhob sie sich und ging auf Cécile zu , um ihr die Hand zu küssen . Diese litt es aber nicht , sondern umarmte sie mit einem Anflug von Verlegenheit , zugleich sichtlich bewegt durch diese Huldigung einer heiteren und liebenswürdigen Natur . Etwas wie Sentimentalität schien aufkommen zu wollen , der Präzeptor aber , der kein Freund davon war , stellte den früheren Ton rasch wieder her , und unter Vortrag aller möglichen Anekdoten aus seinem eigentümlichen , halb als Kantor und halb als Pastor verbrachten Leben verging das Mahl , das niemand Miene machte gewaltsam abzukürzen . Endlich aber erhob man sich , und als man in das Tempelchen hinaufstieg , um bei frischer Luft und freier Aussicht den Kaffee zu nehmen , war die Sonne schon im Niedergehen und hing über den Tannen der Berghöhe . Nun sank sie tiefer und durchglühte die Spitzen der Bäume , die momentan im Feuer zu stehen schienen . Alles war schweigend in das herrliche Schauspiel vertieft , und man sah erst wieder auf , als zu fröhlichem Sprechen und Lachen , von dem man nicht recht wußte , woher es kam , allerlei Stimmen laut wurden , die das Echo wecken wollten . Aber es antwortete nicht . Inzwischen waren die vom Dorf her ungesehen und ungekannt Heranziehenden immer näher gekommen , und als sie plötzlich um einen Vorsprung bogen , der sie bis dahin verborgen hatte , bemerkten unsre Freunde , daß es alte Bekannte waren . » Die Turner « , rief Cécile . » Sie werden uns noch einmal begrüßen wollen . « Und wirklich schlossen sie sich , als sich der Weg wieder zu verbreitern begann , zu Sektionen zusammen und marschierten in festem Tritt , und während die Tambours schlugen , auf die Stelle zu , wo die schmale , fast zu Füßen von Burg Rodenstein liegende Holzbrücke nach dem andern Ufer hinüberführte . Drüben aber nahmen sie nicht Aufstellung en ligne , sondern im Halbkreis , und stimmten hier , umleuchtet von dem Lichte des hinscheidenden Tages , den Scheffelschen » Rodensteiner « an : » Das war der Herr von Rodenstein , Der sprach : Daß Gott mir helf , Gibt ' s nirgends mehr ' nen Tropfen Wein Des Nachts um halber zwölf ? Raus da , raus da , Raus aus dem Haus da , Herr Wirt , daß Gott mir helf . « Unsre hoch oben stehenden Freunde horchten weiter , aber es blieb bei dieser Strophe . Die Turner brachen mitten im Singen ab , lachten und lärmten und konnten sich an ihrem endlos wiederholten » Raus da , aus dem Haus da « kein Genüge tun . Von dem Tempelchen her aber klatschte man jetzt Beifall , und der alte , ganz aus dem Häuschen geratene Präzeptor verschwor sich ein Mal über das andere , ein Faß » Echtes « auflegen und die jungen Leute zu Gaste laden zu wollen . Aber diese , die den Gesang nur im Anblick der Gasthausinschrift Zum Rodenstein improvisiert hatten , begnügten sich , zum Gegengruß ihre Mützen zu schwenken , und marschierten gleich danach in den Wald hinein und auf Treseburg zu . Fünfzehntes Kapitel Eginhard und der Emeritus hatten vor , auf Schloß Rodenstein zu bleiben , um anderntags einen » überaus lohnenden « Ausflug erst nach Rübeland und dann in weitem Bogen nach Kloster Michelstein hin zu machen , die St. Arnauds ihrerseits aber , und mit ihnen selbstverständlich auch Gordon , waren entschlossen , noch am selben Abende nach Thale zurückzukehren . Ein Blick auf die Bettbestände hatte nämlich der gnädigen Frau , schon im Laufe des Nachmittags , die nur zu gewisse Gewißheit gegeben , daß von einem Nachtquartier an dieser sonst so reizenden Stelle nicht wohl die Rede sein könne , was denn auch , als man bei Sonnenuntergang von dem Aussichtstempelchen wieder hinunterstieg , St. Arnaud veranlaßte , dem Eseljungen die nötigen Befehle zu Sattlung und raschem Aufbruch zukommen zu lassen , während er für sich persönlich ein Pferd aus den Altenbraker Beständen erbat . » Denn er teile nicht die Passion für Eselreiterei . « » Dann bitt ich den Herrn Präzeptor « , setzte Cécile mit einer ihr sonst nicht eignen Bestimmtheit hinzu , » den Eseljungen überhaupt ablohnen und statt des einen Pferdes drei beschaffen zu wollen . « » Ei , ei « , lachte St. Arnaud , einigermaßen überrascht über diese Bestimmtheit , während der kaum minder verwunderte Gordon in Cécile drang , das Bequemere doch nicht ohne Not aufgeben zu wollen . Aber Cécile blieb fest und sagte : » Darin finden Sie sich nicht zurecht , Herr von Gordon ; dazu muß man verheiratet sein . Die Männer sitzen ohnehin auf dem hohen Pferd ; schlimm genug ; reitet man aber gar noch aus freien Stücken zu Esel neben ihnen her , so sieht es aus wie Gutheißung ihres de haut en bas . Und das darf nicht sein . « In dieser Weise stritt man noch eine Weile , bis Gordon in einem ihn treffenden Streifblicke zu lesen glaubte : » Tor . Um deinetwegen . « Eine Viertelstunde später erschienen die Pferde ; man nahm Abschied und wandte sich auf die Holzbrücke zu , die die Turner vor ihnen passiert hatten . Im Herankommen aber wahrnehmend , daß die Balken- und Bretterlage viel zu schwach sei , durchritt man den Fluß , von dessen andrem Ufer aus alle drei noch einmal nach Burg Rodenstein hinübergrüßten . Der Weg drüben schlängelte sich zunächst eine Waldhöhe hinauf , bald aber stieg er wieder zur Bode nieder und folgte deren Windungen . Unter den überhängenden Zweigen lag bereits Dämmerung , und minutenlang war nichts Lebendes um sie her sichtbar , bis plötzlich , in nur geringer Entfernung von ihnen , ein schwarzer Vogel aus dem Waldesschatten hervorhüpfte , wenig scheu , ja beinahe dreist , als woll er ihnen den Weg sperren . Endlich flog er auf , aber freilich nur , um sich dreißig Schritte weiter abwärts abermals zu setzen und daselbst dasselbe Spiel zu beginnen . » Eine Schwarzdrossel « , sagte Gordon . » Ein schönes Tier . « » Aber unheimlich . « St. Arnaud lachte . » Meine teure Cécile , du greifst vor . Das sind Gefühle , wenn man sich im Walde verirrt hat . Aber dies Stück Romantik wird uns erspart bleiben , ja nicht einmal eine regelrechte Gruselnacht , in der man die Hand nicht vor Augen sieht , steht uns bevor . Sieh nur , da drüben hängt noch das Abendrot , und schon kommt der Mond herauf , als ob er auf Ablösung zöge . Laß die Schwarzdrossel . Sie begleitet uns , weil sie froh ist , Gesellschaft zu finden . Frage nur Herrn von Gordon . « » Ich möchte doch mehr der gnädigen Frau zustimmen « , sagte dieser . » Alle Vögel , mit alleiniger Ausnahme der Spatzen , exzellieren in etwas eigentümlich Geheimnisvollem und beschäftigen unsere Phantasie mehr als andere Tiere . Wir leben in einer beständigen Scheu vor ihnen , und es gibt eigentlich weniges auf der Welt , was mir soviel Respekt einflößte wie zum Beispiel ein grauer Kakadu , Professoren der Philosophie folgen erst in weiterem Abstand . Und nun gar Storch und Schwalbe ! Wer hätte den Mut , einer Schwalbe was zuleide zu tun oder einen Storch aus dem Neste zu schießen ? « » Ah , die Menschen sind Heuchler « , sagte der Oberst . » Heuchler und Pfiffici zugleich . Sie stellen allemal das in ihren Schutz , was sie nicht brauchen können . Ich habe noch nie von Storchbraten gehört , und die gastrosophischen Versuche mit dem ebenfalls gefeiten Schwan sind bis dato regelmäßig gescheitert . Aber Bekassinen und Krammetsvögel ! Sie schmecken viel zu gut , als daß man Veranlassung gehabt hätte , sie heiligzusprechen . « Unter solchem Gespräche war man bis an die Treseburger Brücke gekommen und sah auf das am andern Ufer , unmittelbar neben dem Fluß hin , reizend gelegene Gasthaus » Zum weißen Hirsch « . Einige der hier aufgestellten Tische hatten Windlichter , die meisten aber begnügten sich mit dem hellen Scheine , den der Mond gab . » Wollen wir hinüber ? « fragte der Oberst . Aber Cécile war dagegen . Der Weg drüben sei doch mutmaßlich derselbe , den sie schon am Vormittage gemacht hätten , und sie habe keine Sehnsucht , noch einmal an Todtenrode vorüberzukommen . » Also diesseits ! « Und damit lenkte St. Arnaud in einen schluchtartigen Weg ein , der in ziemlicher Steile zu dem zwischen Treseburg und Thale sich ausdehnenden Plateau hinaufstieg . Oben war nichts als Gras und Acker , zwischen denen ein schmaler Weg lief , nur gerade breit genug , um in gleicher Linie nebeneinander bleiben zu können . Die Schatten aller drei fielen vorwärts auf den wie Silber blitzenden Weg , und diesem ihrem Schatten ritten sie nach . Meist im Schritt . Die Luft ging kalt , und Cécile begann zu frösteln , weshalb ihr Gordon ein Plaid reichte , das er bis dahin über die Kruppe seines Pferdes geschnallt hatte . » Nimm ' s nur « , sagte St. Arnaud . » Herr von Gordon wird dich kunstgerecht damit drapieren ; das ist er seinem Clan Gordon schuldig . Und dann haben wir dich als Hochlandserscheinung zwischen uns . Lady Macbeth oder dergleichen . Nur der Reithut fällt aus dem Stil . « Aber Cécile beschränkte sich darauf , zur Eil anzutreiben , und nicht lange , so war eine Wegkreuzung erreicht , von der aus man , in Entfernung von wenig mehr als fünfzig Schritt , eines Denkmals ansichtig wurde . » Was ist das ? « sagte der Oberst und ritt auf das Denkmal zu , während Gordon und Cécile langsameren Schritts ihren Weg fortsetzten . » Lockt Sie ' s nicht auch ? « fragte Cécile mit einem Anfluge von Spott und bittrer Laune . » St. Arnaud sieht mich frösteln und weiß , daß ich die Minuten zähle . Doch was bedeutet es ihm ? « » Und ist doch sonst voll Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme . « » Ja « , sagte sie langsam und gedehnt . Und eine Welt von Verneinung lag in diesem Ja . Gordon aber nahm ihre lässig herabhängende Hand und hielt und küßte sie , was sie geschehen ließ . Dann ritten beide schweigend nebeneinander her , bis sich St. Arnaud ihnen wieder gesellte . » Was war es ? « fragte Cécile . » Das Denkmal eines alten Oberforstmeisters . « » Den hier ein Wilddieb erschossen ? « » Nein , weniger sensationell . Er starb ruhig in seinem Bett . « » Und hieß ? « » Pfeil . « » Ah , Pfeil . Graf Pfeil ? « » Nein « , lachte St. Arnaud , » bloß Pfeil . Die Natur hat mitunter ihre demokratischen Launen . Übrigens war er , aller Bürgerlichkeit ungeachtet , eine große Forst-Autorität , und einer unsrer berühmtesten landwirtschaftlichen Sätze rührt von ihm her . « » Und welcher , wenn ich fragen darf ? « » Daß die Vermählung von Sumpf und Sand unter Umständen eine besonders feine Kultur schaffe . Sumpf an und für sich sei nicht zu gebrauchen und Sand an und für sich auch nicht , aber daß der liebe Gott in seinem notorischen Lieblingslande Mark Brandenburg beide dicht nebeneinandergelegt habe , das sei für eben diese Mark und natürlich auch für die Menschheit eine besondere Gnade gewesen , und die ganze preußische Geschichte sei sozusagen aus diesem Gnadenakt hervorgegangen . Da hast du den berühmten Pfeilschen Agrikultur-Satz , der vielleicht ein bißchen zu geistreich ist . Denn unvermischter Pyritzer Weizacker bleibt schließlich immer das Beste , jedenfalls besser als die Vermählung von Sumpf und Sand . Aber nun Trab , daß wir warm werden und vorwärts kommen . « Und im Fluge ging es weiter über das Plateau hin , abwechselnd an Bäumen und Felszacken und dann wieder an Kreuzwegen und Wegweisern vorüber . An einem stand : » Nach dem Hexentanzplatz « , und St. Arnaud wies darauf hin und sagte : » Wollen wir einen Contre mitmachen ? Oder bist du für Extratouren ? « Es klang übermütig und spöttisch , und sie bog sich bei seiner Annäherung unwillkürlich zur Seite . Der Oberst aber war in der Laune , sich gehenzulassen , und fuhr in dem einmal angeschlagenen Tone fort : » Sieh nur , wie das Mondlicht drüben auf die Felsen fällt . Alles spukhaft ; lauter groteske Leiber und Physiognomien , und ich möchte wetten , alles , was dick ist , heißt Mönch , und alles , was dünn ist , heißt Nonne . Wahrhaftig , Herr von Gordon hatte recht , als er den ganzen Harz eine Hexengegend nannte . « Gleich danach waren sie bis an den Vorsprung gekommen , von dem aus sich der Plateauweg wieder senkte . Die Pferde wollten in gleicher Pace vorwärts , aber ihre Reiter , überrascht von dem Bilde , das sich vor ihnen auftat , strafften unwillkürlich die Zügel . Unten im Tal , von Quedlinburg und der Teufelsmauer her , kam im selben Augenblicke klappernd und rasselnd der letzte Zug heran , und das Mondlicht durchleuchtete die weiße Rauchwolke , während vorn zwei Feueraugen blitzten und die Funken der Maschine weit hin ins Feld flogen . » Die Wilde Jagd « , sagte St. Arnaud und nahm die Tête , während Gordon und Cécile folgten . Sechzehntes Kapitel Als sich unsere Reiter eine Viertelstunde später dem Hotel näherten , sahen sie deutlich , daß der letzte Zug viel Gäste gebracht haben mußte , denn der große , nach der Parkwiese hinaus gelegene Balkon zeigte noch das bunteste Leben . Alles stand in Licht , und in dem Lichte hin und her bewegten sich die Kellner . Einer trug eine große , hoch aufgebaute Teemaschine , was zweifellos bedeutete , daß Engländer oder Holländer angekommen sein mußten . » Sieh , Pierre « , sagte Cécile , die sich angesichts dieses lachenden Bildes rasch wieder erheiterte . » Das ist hübsch , daß wir noch Leben vorfinden . « Und gleich danach hielten alle drei vor dem Vorbau , hoben sich aus den Sätteln und traten in das Vestibül . Eine Welt von Koffern und Reisetaschen lag hier bunt durcheinander , und als Cécile die Treppe hinaufstieg , tat ihr die Wärme wohl , die die Gasflammen ausstrahlten . » Ich denke , wir nehmen den Tee noch gemeinschaftlich auf dem Balkon . Nicht wahr , Herr von Gordon ? « Und wirklich , binnen kürzester Frist saßen unsere Freunde mit unter den Gästen , und zwar an demselben Tisch , an dem sich ihre Bekanntschaft , vor wenig Tagen erst , eingeleitet hatte . Cécile , die sich inzwischen umgekleidet , trug , halb vorsichts- , halb eitelkeitshalber , ein mit Pelz besetztes Jacquet , das ihr vortrefflich stand und mit dazu beitrug , sie zum Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit zu machen . Nichts davon entging ihr , und ihre wohlige Stimmung wuchs bis zu dem Moment hin , wo sie , nach eingenommenem Tee , den nur noch von wenig Gästen besetzten Balkon am Arme St. Arnauds verließ . Es schlug elf vom Dorfe her , als Gordon in sein einfaches , im linken Flügel gelegenes Zimmer trat , um sich ' s hier , wie seine Gewohnheit war , schon vor dem Schlafengehen in einer Sofaecke bequem zu machen . Er war aber noch viel zu sehr bestürmt und aufgeregt , um sich dieser Bequemlichkeit länger als eine Minute hingeben zu können , und so stand er wieder auf , um zu dem schon offenstehenden Fensterflügel auch noch den zweiten zu öffnen . Unter ihm lag ein mit Levkojen und Reseda besetztes Rondel , und er sog den in einem starken Strom heraufziehenden Duft begierig ein . Alles war still ; die Bosquets , die den Gartenstreifen einfaßten , standen in tiefem Schatten , und nur an einer einzigen , dem Zimmer der St. Arnauds gegenübergelegenen Stelle zeigte sich der Schatten durch einen Lichtstreifen unterbrochen . Gordon sah darauf hin , als ob er die Geheimnisse der kleinen Welt , die Cécile hieß , aus diesem Lichtstreifen herauslesen wolle . Dann aber überkam ihn ein Lächeln , und er sagte zu sich selbst : » Ich glaube gar , ich werde der Narr meiner eigenen Wissenschaft und verfalle hier in Spektralanalyse . Poor Gordon ! Die Sonne mag ihre Geheimnisse herausgeben , aber nicht das Herz . Und am wenigsten ein Frauenherz . « Unter solchem Selbstgespräche trat er vom Fenster zurück und ließ alles , was der Tag gebracht , noch einmal an seiner Seele vorüberziehen . Wieder vernahm er das heitere Lachen , mit dem sie bei Tisch die Schmerlen-Reime begleitet hatte , wieder sah er das mondbeschienene Plateau , darauf sie heimritten , hörte wieder das langgedehnte » Ja « , das doch ein kurzes » Nein « war , und fühlte noch einmal den erwidernden Druck ihrer Hand . Und dabei kehrten ihm alle Betrachtungen und Fragen zurück , denen er schon in seinen Zeilen an die Schwester Ausdruck gegeben hatte . » Was ist es mit dieser Frau ? So gesellschaftlich geschult und so naiv ! Sie will mir gefallen und ist doch ohne rechte Gefallsucht . Alles gibt sich mehr aus Gewohnheit als aus Coquetterie . Sie hat augenscheinlich in der vornehmen Welt gelebt , vielleicht in einer allervornehmsten , und hat Auszeichnungen und Huldigungen erfahren , aber wenig echte Neigung und noch weniger Liebe . Ja , sie hat ein Verlangen , eine Sehnsucht . Aber welche ? Mitunter ist es , als sehne sie sich , von einem Drucke befreit zu werden oder von einer Furcht und innerlichen Qual . Ist ihr St. Arnaud diese Furcht ? Ist er ihr eine Qual ? Nein ; er hat nichts von einem Quälgeist , trotzdem sie heute seine Courtoisie zu bestreiten schien . Aber das sind Stimmungen , und ich habe sie , wie heute voll Ablehnung , so auch ebenso voll Dank und Hingebung gegen ihn gesehen . Und doch eine Wolke ! Sie hat eine Geschichte , oder er , oder beide , und die Vergangenheit wirft nun ihre Schatten . « In diesem Augenblicke schwand drüben der Lichtstreifen auf dem Bosquet . » Es soll dunkel bleiben . « Und er schloß das Fenster und suchte die Ruhe . Die kam ihm nicht gleich , aber als sie kam , schlief er fest , und die Sonne war schon an seinem Fenster vorüber , als er aufwachte . Nach der Uhr sehend , sah er , daß der Zeiger bereits auf acht wies , und er sprang nun rasch aus dem Bett . Seine Toilette war erst halb beendet , als es klopfte . » Herein . « Der Portier übergab ihm ein Telegramm , zugleich Entschuldigungen vorbringend . Es sei schon gestern nachmittag gekommen , als die Herrschaften noch auf der Altenbraker Partie gewesen seien . Und nachher sei ' s vergessen worden . Herr von Gordon möge verzeihen . Gordon lächelte . Telegramme hatten längst aufgehört , eine besondere Wichtigkeit für ihn zu haben , und so kam es , daß er auch jetzt noch eine Minute vergehen ließ , ehe er den Zettel überhaupt öffnete . Sein Inhalt lautete : » Bremen , 15. Juli . Wegen des neuen Kabels abgeschlossen . Wir erwarten Sie morgen . « Eine Welt widerstreitender Empfindungen drang auf ihn ein , als er auf diese Weise den ihm während der letzten Tage so lieb gewordenen Aufenthalt in Thale so plötzlich abgebrochen sah . Aber das Angenehme , Beruhigende , Zufriedenstellende wog in diesem Widerstreit der Gefühle doch schließlich vor . » Gott sei Dank , ich bin nun aus der Unruhe heraus und vielleicht aus noch Schlimmerem . Wer sich in Gefahr begibt , kommt drin um , und mit unserer Festigkeit und unseren guten Vorsätzen ist nicht viel getan . Eine gnädige Hand muß uns bewahren , von Tag zu Tag , von Stunde zu Stunde . Führe uns nicht in Versuchung . Wie wahr , wie wahr . Mein gutes Glück interveniert mal wieder und meint es besser mit mir als ich selbst . « Und er klingelte . » Mein Frühstück und meine Rechnung ... Sind Oberst St. Arnaud und Frau schon auf dem Balkon ? « » Ja , Herr Baron . « Er ließ sich die Rangerhöhung gefallen und fuhr fort : » Und der nächste Zug nach Hannover ? « » Neun Uhr zwanzig . « » Ah , da hab ich noch Zeit vollauf . « Und er hob , als er wieder allein war , den Koffer auf den Ständer und begann zu packen . Die Raschheit , mit der er dabei verfuhr , zeigte den Vielgereisten , und der vom Zimmerkellner mittlerweile gebrachte Kaffee hatte noch eine mittlere Temperatur , als auch alles schon fertig und der ins Schloß gedrückte Koffer samt Schirm und Plaid beiseite geschoben war . Gordon sah nach der Uhr . » Neun . Also noch zwanzig Minuten : fünfzehn für mein Frühstück und fünf für den Abschied . Etwas wenig . Aber je weniger , desto besser . Was soll man sich sagen ? Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen . Das Beste hält nicht lange vor und sträubt sich gegen Dauer : der erste Moment ist poetisch , der zweite kaum noch und der dritte gewiß nicht mehr . Und weil man das fühlt und ein schlechtes Gewissen hat , so wird man lügnerisch und heuchelt und übertreibt . Und das mag ich nicht . Ich will mich nicht selbst um die schönen Eindrücke dieser Tage bringen und will gehobenen Herzens und ohne alles Redensartliche von ihr gehen . Ich will mich ihrer erinnern , wie , wie ... Nun wie ... Nun , nur um ' s Himmels willen nichts von kindischen Vergleichen . Und doch , woran erinnert sie mich ? An wen ? Oder an welches Bild ? « Und er wiegte den Kopf , nachsinnend , hin und her . Endlich schien er es gefunden zu haben : » Ja , das ist es . Ich habe mal ein Bild von Queen Mary gesehen , ich weiß nicht mehr genau wo , war es in Oxford oder in Hampton-Court oder in Edinburgh-Castle . Gleichviel , es war die schottische Königin , meine arme Landsmännin . Etwas Katholisches , etwas Glut und Frömmigkeit und etwas Schuldbewußtsein . Und zugleich ein Etwas im Blick , wie wenn die Schuld noch nicht zu Ende wäre . Ja , daran erinnert sie mich . Und der alte Oberst ! Nun ! der könnte den Bothwell aus dem Stegreif spielen . Wahr und wahrhaftig . Ob er irgendeinen Darnley hat in die Luft fliegen lassen ? Es wäre leichtsinnig , sich für das Gegenteil verbürgen zu wollen . Aber weg mit solchen Pulverfaß-Reminiszenzen . Ich will hier mit etwas Heitererm abschließen . « Und unter solchem Selbstgespräche trat er noch einmal ans offene Fenster und sah , über die zunächstgelegene kleine Gartenanlage fort , in das Flachland hinaus , an dessen äußerstem Rande die Türme von Quedlinburg aufragten . Er blieb eine Minute lang im Anblick derselben und nahm dann Hut und Stock , um sich bei den St. Arnauds zu verabschieden . Aber diese waren nicht mehr auf dem Balkon , sondern promenierten bereits im Park unten und schritten eben auf ihre Lieblingsbank zu , die , von Flieder und Goldregen halb überwölbt , den Blick auf den Bahnhof frei hatte . » Bitte « , so wandte er sich an den Oberkellner , » lassen Sie meine Sachen hinüberschaffen . « Und nun ging er auf die Bank zu , wo St. Arnaud und Cécile mittlerweile Platz genommen hatten . Boncoeur war mit da , lag aber diesmal nicht zur Seite , sondern in Front , in vollem Sonnenschein . Als er Gordon kommen sah , hob er einen Augenblick den Kopf , ohne sich im übrigen zu rühren . » Ah , Herr von Gordon « , sagte der Oberst . » So spät . Ich dachte , Sie wären ein Frühauf . Meine Frau hat Ihnen in den letzten zehn Minuten mindestens ebenso viele Krankheiten angedichtet . Ich wette , sie schwärmte schon in der Vorstellung einer allerchristlichsten Krankenpflege . « » Der ich mich nun rasch und undankbar entziehe . « » Wie das ? « » Ein eben erhaltenes Telegramm ruft mich fort , und ich komme , mich zu verabschieden . « Gordon sah , wie Cécile sich verfärbte . Sie bezwang sich aber , warf mit dem Schirm ein paar Steinchen in die Luft und sagte : » Sie lieben Überraschungen , Herr von Gordon . « » Nein , meine gnädigste Frau , nicht Überraschungen . Erst seit einer Stunde weiß ich davon , und es lag mir daran , über das , was nun sein muß , so schnell wie möglich hinwegzukommen . Was sag ich Ihnen noch ? Ich werde diese Tage nie vergessen und würde mich glücklich schätzen , sie früher oder später , sei ' s hier oder in Berlin oder irgend sonstwo in der Welt , wiederkehren zu sehen . « Cécile sah vor sich hin , und eine peinliche Stille folgte , bis St. Arnaud artig , aber nüchtern erwiderte : » Worin sich unsere Wünsche begegnen . « In diesem Augenblicke läutete die Glocke drüben zum zweiten Male . » Das gilt mir . Adieu , meine gnädigste Frau . Au revoir , Herr Oberst . « Und Gordon , den Hut lüftend , ging auf den Bahnhof zu , der nur durch eine hohe Hecke von der Parkwiese getrennt war . Vor einem der hier eingeschnittenen Durchgänge blieb er noch einmal stehen , verneigte sich und grüßte militärisch hinüber . Der Oberst erwiderte den Gruß in gleicher Weise , während Cécile dreimal mit dem Taschentuch winkte . Keine Minute mehr , und der Pfiff der Lokomotive schrillte durch die Luft . Boncoeur aber sprang auf und legte seinen Kopf in den Schoß der schönen Frau . Dabei schien er sagen zu wollen : » Laß ihn ziehen : ich bleibe dir und - bin treuer als er . « Siebzehntes Kapitel Gordon war allein im Coupé und nahm einen Rückwärtsplatz , um so lange wie möglich einen Blick auf die Berge zu haben , zu deren Füßen er so glückliche Tage verbracht hatte . Hundert Bilder , während er so hinstarrte , zogen an ihm vorüber , und inmitten jedes einzelnen stand die schöne Frau . Gedanken , Betrachtungen kamen und gingen , und auch der Abschiedsmoment stellte sich ihm wieder vor die Seele . » Dieser Abschied « , sprach er vor sich hin , » ich wollt ihn abkürzen , um nicht in armselige Redensarten zu verfallen , und doch war mein letztes Wort nichts andres . Auf Wiedersehen ! Alles Phrase , Lüge . Denn wie steht es damit in Wahrheit ? Ich will sie nicht wiedersehen , ich darf sie nicht wiedersehen ; ich will nicht Verwirrungen in ihr und mein Leben tragen . « Er wechselte den Platz , weil die just eine starke Biegung machende Bahn ihm den Blick auf die Berge hin entzog . Dann aber fuhr er in seiner Betrachtung fort : » Ich will sie nicht wiedersehen , so sag ich mir . Aber schließlich , warum nicht ? Sind Verwirrungen denn unausbleiblich ? Lady Windham in Delhi war nicht älter als Cécile , und ich selbst war um fünf Jahre jünger als heut , und doch waren wir Freunde . Niemals , in den nun zurückliegenden Tagen , hab ich mir im Umgange mit der liebenswürdigen Lady mißtraut und ihr selbst noch weniger . Also warum kein Wiedersehen mit Cécile ? Warum nicht Freundschaft ? Was in einer indischen Garnisonstadt möglich war , muß noch viel möglicher sein innerhalb der Zerstreuungen einer großen Residenz . Sind doch Einsamkeit und Langeweile so recht eigentlich die Gevatterinnen , die die Liebestorheit aus der Taufe heben . « Er warf die Zigarette fort , lehnte sich zurück und wiederholte : » Warum nicht wiedersehen ? « Aber er konnte weder Ruhe noch Trost aus dieser Frage schöpfen . » Ach , daß ich von der Frage nicht loskomme , das ist eben das Mißliche , das gibt die Vorwegentscheidung . Ich entsinne mich eines Rechtsanwalts , der mir einmal beim Schoppen erzählte : Wenn wer zu mir kommt und im Eintreten schon anhebt Ich habe da was geschrieben und wollte nur noch von ungefähr anfragen , ob vielleicht eine Stelle ... , so ruf ich ihm schon von weitem zu : Streichen Sie die Stelle . Sie würden mich nicht fragen , wenn Sie nicht ein schlechtes Gewissen hätten . Und daß ich immer wieder frage , warum nicht Freundschaft ? , das ist mein schlechtes Gewissen , das beweist mir , daß es nicht geht und daß ich den Gedanken daran fallenlassen muß . Cécile lebt nicht für Kränzchen und Flora-Konzerte , soviel steht fest ; ob die Natur sie so schuf oder ob das Leben sie so bildete , gilt gleich . Möglich , ja wahrscheinlich , daß sie sich zeitweilig nach Idyll und Herzensgüte sehnt , aber sie schätzt instinktiv einen jeden nach seinen Mitteln und Gaben , und ich wäre der Lächerlichkeit verfallen , wenn ich meinen Ton ihr gegenüber plötzlich auf Kunstausstellung und Tagesneuigkeiten oder gar auf den vorlesenden Freund stellen wollte . Was sie von mir erwartet , sind Umwerbungen , Dienste , Huldigungen .