Sie zog die schwarze Spitzenhülle fester über das tief in die Stirn fallende Blondhaar , setzte sich vornehm ruhig neben die keuchende Mama und sah sehr teilnahmlos auf die übrigen Gäste herab , welche , noch einmal sich verabschiedend , den Wagen umringten , um sich dann nach allen Richtungen hin zu zerstreuen . Herbert war sofort mit einer tiefen Verbeugung zurückgetreten - das sah nicht aus , als habe die Verlobung in der That stattgefunden - die Frau Amtsrätin dagegen hatte die Hand der jungen Dame zwischen die ihren genommen , sie preßte sie unter fortwährendem , nahezu aufdringlichem Sprechen und bog plötzlich , wie von Zärtlichkeit überwältigt , ihr Gesicht auf die hell behandschuhte Rechte , um , Margarete vermochte nicht zu unterscheiden , ob den Mund oder die Wange darauf zu drücken . Sie fuhr unwillkürlich vom Fenster zurück . Das Blut stürmte ihr heiß nach den Schläfen - sie schämte sich in tiefster Seele für die alte , weißhaarige Dame , die ihre sonstige stolze Gemessenheit und Würde einem so jungen Geschöpf gegenüber völlig verlor . Ganz erbittert sprang sie vom Fenstertritt . In was für ein armseliges , beschränktes Thun und Treiben war sie zurückgekommen ! Hatte sie deshalb den weiten Flug in ferne Lande und alte Zeiten gemacht , und sich an dem berauscht , was der Menschengeist im edlen Schönheitsgefühl , im Freiheitsdrange an Idealen ersonnen und erstürmt , um hier an der widerlichsten Kriecherei zu sehen , wie geistig arm der Mensch werden kann ? ... Nein , der Käfig war zu eng ! Auch nicht die äußersten Spitzen der freiheitgewohnten Flügel ihres Geistes opferte sie , um sich ihm anzubequemen ! ... Das , was augenblicklich dominierend und entnervend durch das gesammte moderne Leben ging , der Servilismus , die Machtanbetung , das ungenierte Buhlen um die Gnade einflußreicher Persönlichkeiten , das waren jetzt die Gespenster im Lamprechtshause , gegen die sie sich ihres Leibes und Lebens zu wehren hatte ! - Wahrlich , » die schöne Frau mit den Karfunkelsteinen « , die einzig aus rücksichtsloser , heißer Liebe die Grabesruhe verwirkt , sie stand groß neben den kleinen Seelen ! ... 9 Draußen rollte der Wagen davon . Margarete verließ die Wohnstube ; aber sie flog nicht , wie sie wohl gleich beim Kommen im ersten Impuls gethan , den Ihren entgegen - wie angefröstelt stieg sie langsam die wenigen in die Hausflur führenden Stufen hinab . Herbert schien eben die Treppe hinaufgehen zu wollen , und der Kommerzienrat kam über die Schwelle in die Hausflur zurück . Auf seinem Gesicht lag noch der Glanz befriedigten Stolzes auf die seinem Hause widerfahrene Ehre . Er stutzte bei Margaretens Erblicken , breitete aber gleich darauf unter einem Freudenruf die Arme aus und zog die Heimgekehrte an seine Brust . Und da war auch wieder ein Lächeln auf ihren Lippen . » Ei , bist du es wirklich , Gretchen ? « rief die Frau Amtsrätin , die in diesem Augenblick in Reinholds Begleitung von draußen hereintrat . » So ganz wider Erwarten ? « - Sie ließ die Schleppe , die sie mit spitzen Fingern sorgsam hoch über den Boden hielt , rauschend niedersinken , streckte dem jungen Mädchen die Rechte entgegen und hielt ihr mit würdevoller Grazie die Wange zum Kusse hin . Das schien die Enkelin nicht zu bemerken - sie berührte die großmütterliche Hand mit ihren Lippen und schlang dann die Arme um den Hals des Bruders ... Ja , sie hatte ihm vorhin ernstlich gegrollt ! Aber er war ja ihr einziger Bruder , und er war krank ; das heimtückische Leiden raubte ihm die Jugend , allen Glanz , allen Zauber der himmlisch schönen » achtzehn Jahre « ... Und wie das Herz unruhig und beängstigend hastete in der schmalen Brust , an welche sie sich schmiegte ! Wie sein Körper sich frostig schüttelte unter dem kühlen Nachthauch , der vom Markte hereinblies ! - » Gehen wir hinauf ! Die zugige Hausflur ist ein schlechter Begrüßungsort ! « mahnte der Kommerzienrat . Er legte seinen Arm wieder um Margaretens Schultern und stieg mit ihr die Treppe hinauf , Herbert nach , der um eine Anzahl Stufen voraus war . » Großes Mädchen ! « sagte der Papa und maß mit väterlich stolzem Blick die jugendliche Gestalt neben sich . » Ja , sie ist noch recht gewachsen , « meinte die Großmama , die an Reinholds Arm langsam nachkam . » Mußt du nicht auch lebhaft an Fannys Züge und Erscheinung denken , Balduin ? « » Nein , ganz und gar nicht ! Die Gretel hat ein echtes Lamprechtsgesicht , « entgegnete er , und seine Stirn verfinsterte sich . Droben im großen Salon stand Tante Sophie an einem Seitentisch und zählte das gebrauchte Silberzeug in einen Korb . Sie lachte über das ganze Gesicht , als Margarete auf sie zuflog . » Dein Bett steht bereit , auf dem nämlichen Platz , wo du als Kind alle deine lustigen und dummen Streiche verschlafen hast , « sagte sie , nachdem sie unter der stürmischen Umarmung des jungen Mädchens zu Atem gekommen war . » Und in der Hofstube nebenan ist ' s auch ganz huschelig und gemütlich , wie du ' s immer gern hattest . « » Also ein Komplott ! « meinte die Frau Amtsrätin mit scharfer Rüge . » Tante Sophie war die Vertraute , und wir anderen mußten uns bescheiden , bis der große Moment gekommen war ! « Sie zuckte mit den Schultern und ließ sich auf den nächsten Stuhl nieder . » Wäre er nur früher gekommen , dieser große Moment , Grete ! Aber deine Heimkehr jetzt hat so gut wie gar keinen Zweck - der Hof geht in den nächsten vierzehn Tagen nach M. zurück ! von einer Vorstellung wird kaum noch die Rede sein können . « » Sei du froh , liebe Großmama ! Du würdest doch keine Ehre mit mir einlegen . Du glaubst gar nicht , was für ein Hasenfuß ich bin , was für ein schauderhaft täppisches Ding , wenn ich die Courage verliere ! Das heißt , vor unseren lieben , alten Herrschaften würde ich standhalten - die sind mild und gütig und verschüchtern ein zaghaftes Menschenkind nie geflissentlich . Aber die anderen - « Sie brach ab und fuhr sich mit der Hand unwillkürlich durch die Locken . » Deshalb bin ich ja aber auch gar nicht gekommen , Großmama ; der Weihnachtsbaum hat mir ' s angethan , Weihnachten drunten in der Wohnstube ! Ich habe mich satt gesehen an all den Konfektfiguren und den Buchbindermeisterwerken , die Tante Elise kauft und mühelos an den Baum hängt . Ich will wieder jene Vorbereitungsabende durchleben , wo es draußen stürmt und schneit , und drin in der warmen Stube die Nüsse auf dem Tische rasseln , das Blattgold herumfliegt , und aus der Küche der Duft von selbstgebackenen Kringeln und allerhand undefinierbarem Wundergetier durch die Schlüssellöcher und Thürspalten zieht . Das Hübscheste wird freilich fehlen - Tante Sophiens verdeckter Nähkorb , aus welchem dann und wann ein Endchen von angefangenem Puppenstaat guckte ; und über die Bilderbücher bin ich leider auch hinaus . Aber von Bärbe verlange ich nach wie vor meinen Pfefferkuchenreiter - « » Kinderei ! « schalt die Frau Amtsrätin ärgerlich . » Schäme dich , Grete ! Du kommst ja nicht um ein Haar gebessert zurück ! « » Ja , das sagte Onkel Herbert auch schon . « » Nicht in dem Sinne , « berichtigte der Landrat kühl . Er war mit in den Salon hereingekommen , hatte sich bis dahin vollkommen passiv verhalten und stand eben vor dem Tafelaufsatz , wo er mit vorsichtigem Finger die Blumen und Früchte auseinander schob , um das wundervoll gearbeitete Takelwerk des Silberschiffes besser sehen zu können ... Ob er das alte , wohlbekannte Familienschaustück der Lamprechts wirklich noch nicht gesehen hatte , der Herr Landrat ? - » Was - du hast den Onkel schon gesprochen ? « fragte Reinhold , sehr erstaunt von der Birne aufblickend , die er sich schälte . » Wie ist denn das möglich ? « » Sehr leicht , Holdchen , dieweil ich vorhin in Person hier oben gewesen bin - « » Doch nicht in der Absicht , einzutreten ? « rief die Frau Amtsrätin in nachträglichem Schrecken . » Mit der Eskimofrisur und in dem gräßlichen schwarzen Fähnchen ? « setzte Reinhold mit einer grotesken Abscheugebärde hinzu . » Hast dich ja ganz famos herausgeputzt in deinem Berlin , Grete ! « Margarete lachte und sah auf ihr Kleid herab . » Alteriere dich nicht , Reinhold , es ist nicht mein einziges und bestes ! « Sie wandte den Rocksaum musternd und achselzuckend hin und her . » Armes Fähnchen ! Frisch ist ' s freilich nicht mehr . Es mußte mit mir durch Pyramiden und Katakomben kriechen und ist von Gletschereis und Gebirgsregen oft windelnaß gewesen - der gute , alte Kamerad ! Nun habe ich mich seiner geschämt und ihn verleugnet ! Onkel Herbert kann ' s bezeugen , daß ich mir selber nicht schön genug war , um vor dem hohen Besuch zu debütieren - « » Ich bitte dich ums Himmels willen , Kind , thue mir den einzigen Gefallen und fahre dir nicht so nach Jungenart durch die Haare ! « unterbrach sie die Großmama . » Eine schauderhafte Angewohnheit ! Wie kommst du nur auf die wahnsinnige Idee , dir das Haar kurz zu schneiden ? « » Ich mußte , Großmama , und ohne ein paar heimlicher Thränen ist ' s auch nicht abgegangen , das leugne ich gar nicht . Aber es war oft zum Verzweifeln , wenn die Zöpfe morgens beim Flechten kein Ende nehmen wollten , und Onkel Theobald draußen vor der Thüre wartete und auf und ab lief vor Ungeduld und Angst , daß wir den Zug oder die Post versäumen könnten . Und da machte ich kurzen Prozeß , als es nach Olympia gehen sollte , und griff zur Schere . Ich hätte mich kahl geschoren , wenn es nötig gewesen wäre , so ungeduldig und auf das Weiterkommen erpicht war ich selbst ... Uebrigens ist die Sache gar nicht so schlimm , Großmama . Mein Struwwelhaar wächst wie Unkraut , und ehe du dich versiehst , ist wieder ein ganz respektabler Zopf da - « » Da kannst du warten , « warf die alte Dame trocken ein . » Unsinn , kapitaler Unsinn ! « platzte sie dann zornig heraus . » Tante Elise konnte auch besser aufpassen und den Streich verhindern ! « » Die Tante ? Ach , Großmama , da sieht ' s erst schlimm aus ! Mindestens um eine Hand breit kürzer , als dies - « Sie zog einen ihrer Lockenringel mit einem schelmischen Lächeln in die Länge . » Na , ihr mögt ein schönes Zigeunerleben führen auf euren gelehrten Touren ! « rief die alte Dame indigniert und strich nervös erregt einige Tortenkrümel auf dem Tafeltuch zusammen . » Wie meine Schwester es fertig bringt , sich den Berufsstudien ihres Mannes so unterzuordnen , das ist mir geradezu unfaßlich . Wo bleibt da das Recht der Frau auf die eigene angenehme Lebensstellung ? ... Nun , es ist ihre Sache - wie man sich bettet , so liegt man ... Aber was soll nun werden ? Sieh dir noch einmal das Mädchen an , Balduin ! Jahre können vergehen , bis sie wieder präsentabel ist ... Ich frage dich , Grete , wie willst du es anfangen , in dem kurzen Gewirr eine Blume festzustecken , von einem Schmuckstück gar nicht zu reden ? Die Rubinsterne zum Exempel , die deiner seligen Mama so unvergleichlich standen - « » Ah , die Karfunkelsteine ? Die schöne Dore im roten Salon hat sie auf dem Toupet ? « fiel Margarete lebhaft fragend ein . » Ja , Gretel , dieselben , « bestätigte der Kommerzienrat , der sich bis dahin schweigend verhalten und eben ein Glas Champagner rasch geleert hatte , an Stelle der Großmama . Er war erblaßt , aber die Augen glühten ihm unter der Stirn , und seine Finger umklammerten das Glas , als wollten sie es zu Scherben zerdrücken . » Ich habe dich herzlich lieb , Kind , und will dir geben , was dein Herz verlangt ; aber die Rubinsterne schlage dir aus dem Sinne - solange ich lebe , kommen sie in kein Frauenhaar mehr ! « Die Frau Amtsrätin fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und sah mit traurig gesenkten Mundwinkeln in ihren Schoß nieder . » Ich begreife , ich verstehe dich , lieber , lieber Balduin , « sagte sie in tief mitfühlendem Ton . » Du hast Fanny allzusehr geliebt ! « Ein bitteres Lächeln flog über sein Gesicht , und er hob die breiten Schultern , als wolle er eine namenlose innere Ungeduld abschütteln . Klirrend stieß er das Glas auf den Tisch und ging mit dröhnenden Schritten in das Nebenzimmer , die Thüre hinter sich zudrückend . » Armer Mann ! « sagte die Frau Amtsrätin halblaut und beschattete einen Moment mit der Hand die umflorten Augen . » Ich bin untröstlich über meine Ungeschicklichkeit - ich hätte nicht an diese nie heilende Wunde rühren sollen ! ... Und gerade heute war er so heiter , ich möchte sagen stolz glücklich ! Seit Jahren habe ich ihn zum erstenmal wieder lächeln sehen ... Ach ja , es waren aber auch wieder einmal ein paar himmlisch schöne Stunden , unvergeßlich schön und beglückend ! ... Nur eines hat mir ein paarmal thatsächlich den Angstschweiß auf die Stirn getrieben , liebste Sophie ! « - das leise Aneinanderklirren des Silbers hinter ihr verstummte , Tante Sophie horchte pflichtschuldigst dem , was da kommen sollte - » es wurde zu langsam serviert . Mein Schwiegersohn wird wohl für solche Fälle noch helfende Hände acquirieren müssen - « » Gott behüte , Großmama , was soll denn das kosten ? « protestierte Reinhold . » Wir haben unsern Etat für dergleichen , und der wird absolut nicht überschritten . Franz muß eben seine faulen Beine besser rühren ! Ich werde künftig schon Feuer dahinter machen ! « Die Großmama schwieg . Sie nahm ein paar halbwelke Rosen , die Fräulein Heloise von Taubeneck in der Hand gehabt und auf ihrem Platz zurückgelassen hatte , und steckte ihr spitzes Näschen hinein - sie widersprach dem erregbaren Enkel nie direkt . » Es war aber hauptsächlich noch ein Bedenken , das mir im Verlauf des Essens beängstigend aufstieg , beste Sophie « - sagte sie nach einer augenblicklichen Pause über ihre Stuhllehne zurück - » war nicht doch das Menu in etwas zu derber Weise zusammengesetzt ? Wissen Sie , Liebste , ein wenig zu spießbürgerlich für unsere hohen Gäste ? - Und das Roastbeef ließ auch viel zu wünschen übrig . « » Sie brauchen sich wirklich nicht zu ängstigen , Frau Amtsrätin , « entgegnete Tante Sophie mit ihrem heitersten Lächeln . » Der Küchenzettel war , wie ihn die Jahreszeit gibt , und ein Schelm gibt mehr , als er hat . Und das Roastbeef war gut , wie es immer auf unsern Tisch drunten kommt . Draußen im Prinzenhof verlangen sie das ganze Jahr durch kein so feines , teures Stück , wie mir der Hofmetzger sagt . « » So ! - Hm ! « räusperte sich die Frau Amtsrätin und vergrub ihr Gesicht einen Augenblick förmlich in den Rosen . » Ach , dieser köstliche Duft ! « lispelte sie . » Sieh mal , Herbert - diese weiße Theerose ist eine Neuheit aus Luxemburg , wie mir Fräulein von Taubeneck sagte . Der Herzog hat sie ganz extra für den Prinzenhof kommen lassen . « Der Herr Landrat nahm die Rose . Er besah ihren Bau , prüfte den Duft und gab sie seiner Mutter zurück , ohne eine Miene zu verziehen . Wer sah diesem Mann an , daß er einst eine solche weiße Rose mit einer Wut und Glut , als sei er plötzlich wahnwitzig geworden , geraubt und verteidigt und um keinen Preis wieder herausgegeben hatte ? - Margarete hatte diesen rätselhaften Vorgang nie vergessen können , und jetzt war er ihr freilich kein Rätsel mehr - der damalige Primaner hatte das schöne Mädchen im Packhause offenbar geliebt ; es war eine erste schwärmerische » Schülerliebe « gewesen , die er von seinem jetzigen Standpunkt aus natürlicherweise mitleidig belächelte . Die Zeit der Lyrik war längst vorüber , und die strenge Prosa des trockenen , berechnenden Verstandes war an ihre Stelle getreten . Da war der Papa , der sich eben mit seinem Schmerz in das Nebenzimmer geflüchtet , doch ein Anderer ! Er konnte nicht vergessen . - Das Herz wallte ihr über von Mitleid und warmer , kindlicher Liebe - kaum wissend , daß sie es that , öffnete sie geräuschlos die Thüre , die er hinter sich geschlossen , und schlüpfte in das Zimmer . Der Kommerzienrat stand unbeweglich in der dunkelnden Fensternische , in die nur ein schwacher Schein der Hängelampe fiel , und schien auf den Markt hinauszusehen . Der dicke Teppich machte die leichten Mädchentritte unhörbar , und so stand sie plötzlich hinter dem in sich versunkenen Manne und legte ihm sanft schmeichelnd die Hände auf die Schultern . Er fuhr herum , als sei die Berührung ein Faustschlag gewesen , und starrte mit verstörten , wie wahnwitzig blickenden Augen der Tochter in das Gesicht . » Kind , « stöhnte er , » du hast eine Art , die Hand aufzulegen - « » Wie meine arme Mama ? « Er preßte die Lippen aufeinander und wandte sich ab . Aber sie schmiegte sich fester an ihn . » Lasse deine Grete da , Papa ! Schicke sie nicht fort ! « bat sie weich und innig . » Der Gram ist ein schlimmer Kamerad , und mit dem lasse ich dich nicht allein ... Papa , ich werde zwanzig Jahre alt - gelt , schon ein recht altes Mädchen ? - und habe mich ganz gehörig draußen in der Welt umhergetummelt . Ich habe viel gehört und gesehen , für alles Schöne und Große die Augen redlich aufgethan und mir manche Lehre brav hinters Ohr geschrieben , wie Tante Sophie sagt ... Und die Welt ist so wunderschön - « » Kind , lebe ich denn nicht auch in der Welt ? « - Er deutete nach dem anstoßenden Salon . » Ob aber auch unter Menschen , die dir wirklich und wahrhaftig aus deiner Seelenfinsternis emporhelfen könnten ? « Er lachte hart auf . » Das freilich nicht ! Die wohl zu allerletzt ! Aber man kann sich auch mit verschlossener Seele hie und da zerstreuen . Freilich , der Katzenjammer kommt nachher mit doppeltem Elend und stürzt die arme Seele um so tiefer in ihren grausamen Zwiespalt zurück . « » Nun , so würde ich mich dem nicht aussetzen , Papa ! « sagte sie und sah mit ernstem Blick zu ihm auf . Ein spöttischer Zug ging durch sein dunkles Gesicht , während er ihr mit der Hand über das Haar strich . » Meine kleine Weise , du sprichst , wie du ' s verstehst - wenn das so leicht wäre ! ... Du bist durch Katakomben und Pyramiden gekrochen und hast in Troja und Olympia an der Hand des Onkels dem Leben und Sein der alten Welt nachgespürt , aber vom modernen Leben weißt du blutwenig . Mit dem eigenen Selbstgefühl wird jetzt keiner fertig , der etwas gelten will , dazu gehört auch etwas Sonnenschein , der aus den höchsten Kreisen kommt . « Er zuckte die Achseln . » Das ist mir freilich unverständlich , « sagte sie , und das Blut stieg ihr in das Gesicht . » Aber ich weiß doch mehr vom modernen Leben , als du denkst , Papa . Der Onkel in Berlin duldet nichts Zweifelhaftes , im Dunkeln Kriechendes in seinem Hause ; da kommen nur helle Köpfe zusammen , und es wird frisch und frei vom Herzen weg gesprochen . Sieh , und da sagte kürzlich einer : Ach ja , sie nennen es den Klassenhaß schüren , wenn wir uns unserer Haut wehren und gegen die drohende Niederdrückung kämpfen ! Meine Seele ist rein von Haß - mögen jene doch steigen , so hoch sie wollen , ich sehe neidlos zu , sie müssen sich nur nicht dabei auf unsere Leiber stellen wollen . Aber das ist ' s eben , mit ihrem Steigen wachsen ihnen Kraft und Lust , uns niederzutreten . Allein selbst darum hasse ich nicht ; ich trage der Vergangenheit Rechnung . Die Abneigung , dem Bürgertum Vorschub zu leisten , oder vielmehr das Streben , es nicht stark werden zu lassen , liegt ihnen traditionsgemäß im Blute . Dagegen fühle ich Grimm , unbezwinglichen Grimm gegen die feilen Fahnenflüchtigen aus unseren Reihen , die liebedienerisch und um des persönlichen Vorteils willen das eigene Fleisch und Blut bekämpfen und um so fanatischer wüten , als sie sich sagen müssen , daß sie der Ehrlichgebliebene verachtet . So sagte Doktor - « » Auch nur einer , dem die Trauben zu sauer sind , « fiel der Kommerzienrat mit lächelndem Hohn ein ; » eine Motte , die sich die Flügel nicht verbrennen konnte , einfach , weil sie dem Licht noch nicht nahe kommen durfte ! Der schwenkt auch noch einmal , meine liebe Grete ! Wir sind eben Kinder unserer Zeit und keine Spartaner ... Und wenn es zehnmal nicht mit rechten Dingen zugegangen ist , und wenn die Speichelleckerei in gröbster , abstoßendster Weise zu Tage liegt , die Welt bewundert trotz alledem das dekorierte Knopfloch und nennt den Liebediener ehrfurchtsvoll bei dem neuen Titel , den er sich erschlichen hat ... Zu jenen Servilen gehöre ich nun allerdings nicht - ich will nichts haben , und zu schwenken brauchte ich auch nie , denn ich habe niemals den Beruf in mir gefühlt , mich wie ein Gladiator dem Herkömmlichen entgegenzustellen und mit volksbeglückenden Tiraden mich lächerlich zu machen . Das ist Verstandessache ; die unbezwingliche Scheu aber , das unwillkürliche Beugen vor dem , was man in jenen hohen Regionen sagt und urteilt , liegt mir im Blute . Es ist stärker als ich - ich kann nicht dafür , ich kann nicht darüber hinaus , mit dem besten Willen , mit aller Kraft nicht ! « Er ließ das junge Mädchen plötzlich allein stehen in dem Fensterbogen und schritt in fast wildem Tempo auf und ab . » Ja , wer plötzlich alles - Charakteranlage und Erziehungsresultate - abschütteln und wie auf einsamer Insel , ungesehen , sich so zeigen dürfte , wie es ihm in tiefster Seele aussieht , wie er fühlt und leidet , ja der ! « - er brach mit einer leidenschaftlichen Gebärde ab . Die Energie und Bestimmtheit dieses Mädchens hatte ihn offenbar für einen Moment vergessen lassen , daß es seine junge Tochter war , vor deren Ohr sein Schmerz laut wurde . » Geh jetzt hinunter , mein Kind ! « sagte er sich bezwingend . » Du wirst müde und hungrig sein - ich fürchte , es hat dir noch niemand etwas angeboten . Nun , von dem Abhub der Tafel sollst du auch nichts essen . Tante Sophie wird dir schon drunten einen gemütlichen Theetisch herrichten , und bei ihr bist du ja auch am liebsten ! Hast auch recht , Gretel - das ist Gold , lauteres Gold , und ich lasse mich nicht irre machen , so oft man auch versucht , es zu verdächtigen ... Was für eine heiße Hand du hast , Kind ! Und wie dir dein sonst so blasses Gesichtchen glüht ! Ja , siehst du , kleine , tapfere Bürgerin , die Politik - « » Die Politik ? Ach Papa , ich bin ja nur ein Mädchen , ein kleines , dummes - was geht mich die Politik an ? Ich erzähle ja nur nach ! « Sie lächelte schelmisch . » Du wirst doch um Gottes willen nicht denken , daß die Grete den Männern ins Handwerk pfuschen will ? Gott soll mich behüten ! Aber ich meine , « fuhr sie ernst fort , » hier handle es sich ja nur um allgemein Menschliches , um Recht und Unrecht , um moralische Kraft und Feigheit , um wahren Stolz und Niedertracht ... Und wäre deine Schilderung wirklich die Signatur unserer Zeit und bliebe maßgebend für immer , ei , da möchte man doch lieber gleich eine Mumie von Memphis oder Theben sein und vor Jahrtausenden gelebt haben ! Aber das ist nicht wahr ! « Sie schüttelte energisch den Kopf . » Wir leben trotz alledem in einer großen Zeit , wenn wir auch inmitten einer gewaltigen Brandung ringen müssen , sagt Onkel Theobald immer . Das Gute und Echte wird schon obenauf kommen , und die widerlichen Blasen , die der Kampf jetzt auf die Oberfläche treibt , werden nicht ewig glitzern und die Schwachen blenden ... Und du solltest nicht zeigen , wie du fühlst ? Aus Menschenfurcht dich verschließen ? Du , ein unabhängiger Mann , solltest nicht nach deiner Façon ruhig und zufrieden werden dürfen ? Was helfen dir Gnaden- und Gunstbeweise von außen , wenn du innerlich darbst und entbehrst - « Er zog sie plötzlich unter die Hängelampe , bog ihren Kopf zurück und sah ihr mit düsterdrohendem Blick tief in die Augen , die offen und furchtlos zu ihm aufblickten . » Ist das Hellseherei , oder schleicht man mir nach ? ... Nein , meine Gretel ist ehrlich und wahrhaftig geblieben ! Da gibt ' s kein Falsch ! « Und er schlang seinen Arm wieder um ihre Gestalt . » Mein braves Mädchen ! Ich glaube , du wärst die einzige Tapfere in der Familie , die zu mir hielte , wenn mich die Welt in Bann und Acht erklärte - « » Natürlich , Papa , dann erst recht ! « » Würdest mir helfen , eine unselige Schwäche zu überwinden ? « » Ganz selbstverständlich , mit aller meiner Kraft , Papa ! Probiere es nur mit mir ! Ich habe Courage für zwei . Hier meine Hand zu Schutz und Trutz ! « Ein schönes Lächeln , halb schalkhaft , halb ernst , flog um ihre Lippen . Er küßte sie auf die Stirn , und wenige Augenblicke nachher trat sie wieder in den Salon . Tante Sophie war nicht mehr da . Sie war mit ihrem Silberkorb hinuntergegangen und machte jedenfalls schleunigst den Theetisch zurecht . Der Bediente löschte eben den Kronleuchter aus und Reinhold nahm das Konfekt , Stück um Stück , von den Kristallschalen und legte es , pünktlich sortiert » zum Wegschließen « in verschiedene Glasbehälter . Die Frau Amtsrätin aber saß behaglich zwischen Plüschpolstern hinter einem Sofatisch - weil es oben durch fortgesetztes Lüften schauerlich kühl , hier unten aber noch so köstlich warm und mollig sei , wie sie sagte - und legte ihre allabendliche Patience ... Großmama und Bruder hatten somit nicht viel Zeit für die Heimgekehrte , und das » Gutenacht « beider klang recht zerstreut und obenhin . Das junge Mädchen vermißte nichts , gar nichts ! - Sie war froh , so leichten Kaufs für heute davon zu kommen - hier oben war sie fertig ... Nur als sie draußen durch den dämmerigen Flursaal schritt , da stand einer im Fenster und sah anscheinend in den Hof hinunter - der Herr Landrat ! - An ihn hatte sie auch nicht mehr gedacht ; Kopf und Herz waren ihr übervoll von der rätselhaften Art und Weise , wie sie ihren Vater eben gesehen . Für ihr klares , entschiedenes Denken und Fühlen war ein solch düster geheimnisvoller Seelenzwiespalt etwas ganz Verwunderliches , solch eine Männerseele in ihrem Widerstreit mochte wohl schwer zu verstehen sein ... Ob den dort , den kühlgewordenen , in Amt und Würden stehenden Mann , nun doch auch vielleicht für einen Moment die Erinnerung packte und ihn hinübersehen ließ nach dem Gange , wo einst das Goldhaar der schönen Blanka durch die grünen Blätter und Ranken geleuchtet ? » Gute Nacht , Margarete ! « sagte er in diesem Augenblick in einem anderen Tone , als die beiden Beschäftigten im Salon . » Gute Nacht , Onkel ! « 10 Die » Hofstube « hatte von jeher etwas Verlockendes für Margarete gehabt . Sie lag im Erdgeschoß des spukhaften Flügels und stieß dicht an die ehemalige Schlafstube der Kinder . Ein gleicher halbdunkler Gang , wie der unheimliche droben , lief hinter den Zimmern weg und trennte , auch um die Ecke laufend , die Küche von der Wohnstube . - Die beiden Etagen standen in keiner Verbindung - es war » zum Glück « keine Treppe da ; man brauchte deshalb keine Angst zu haben , daß es der weißen Frau oder dem Spinnwebenrock auch einmal einfallen könnte , herunter zu huschen , wie Bärbe immer sagte . - Die Zimmerreihe der unteren Etage wurde in ihrer Mitte durch eine Thüre unterbrochen , die nach dem Hofe ging , eine mächtige , schwere Thüre mit massivem Klopfer , und zu beiden Seiten flankiert von Steinfiguren im Hochrelief . Breite Stufen führten von ihr nieder auf den Kiesweg , der den Rasen durchschnitt und direkt nach dem Brunnen lief . In der Hofstube standen lauter Möbel aus der Rokokozeit , die Tante Sophie gehörten . Sie waren spiegelblank poliert , die Metallbeschläge blitzten , und altes ererbtes , vielfach gekittetes Meißener Porzellan stand auf den geschweiften Platten der Kommoden und auf dem Schreibtisch mit seinem hohen Aufsatz voll zahlloser