zusammengenommen . Aber wichtiger für dich ist doch eigentlich der kleine Kaplan . « » Ein Kaplan ? Hier im Schloß ? « » Nein , unten in der Stadt . In Szegenihaza . Wenn du das Glas nimmst , kannst du sein Haus sehen . « » Und dann ? « » Nun , dann haben wir noch den Toldy , den alten Toldy . « » Oh , den kenn ich . Das ist des Andras Vater . « » Ja . Aber außer dem Andras hat er noch elf andere Kinder . Je mehr Magyar , je mehr Freiheit , ist einer von seinen Sätzen und Glaubensartikeln . « » Also wohl überspannt ? « » Ich weiß es nicht sicher . Nur das weiß ich , er war Honvedfähnrich und hat einen Hieb über den Kopf von Anno neunundvierzig her . Es kann also wohl sein . Ist immer ungrisch rabiat und haßt alles , was kaiserlich ist . Aber ehrlich und kreuzbrav und kann erzählen und Geige spielen und hat nicht bloß den Garten und das Treibhaus unter sich , sondern auch die Galerie . Da weiß er gut Bescheid und kennt jeden Petöfy . « » Gut . Aber als ich gestern hier ankam , hab ich nicht drei , sondern dreißig gesehen oder doch nicht viel weniger . Ich erschrak ordentlich . Ein paar sahen aus wie Zigeuner . « » Und sind es auch , und sind eigentlich alle wie Zigeuner oder Mäusefallenhändler . Alle schlank und braun und langes Haar und gutmütig und lachen immer . Aber ich trau keinem nicht . Wutsch , ist ein Löffel weg . Es ist alles wie in einer Verschwörung . « Fünfzehntes Kapitel Bald darnach war die Toilette beendet , und Franziska , während sich Hannah noch im Zimmer um sie her zu tun machte , nahm auf gut Glück eins der Bücher vom Bücherbord und setzte sich in das Nischenfenster , um zu lesen . Aber sie war zerstreut , der Sinn stand ihr nach anderen Dingen , und so legte sie das Buch wieder beiseite und sagte : » Es geht nicht , Hannah . Ich möchte lieber etwas sehen , den Park oder den Garten . Sage , was bedeutet der große Saal hier nebenan , der jetzt wahrscheinlich zu seiner eigenen Verwunderung nichts weiter ist als ein Entree zu meinem Zimmer . « » Das ist der Eßsaal aus der Türken- oder der Prinz-Eugen-Zeit her , wo der Neubau des Schlosses eben fertig geworden war . Und Toldy zeigte mir auch die Stelle , wo Prinz Eugen leibhaftig gesessen hat . « » Oh , das interessiert mich . Prinz Eugen ! Komm , das will ich sehen . Du mußt mich überhaupt im Schlosse hier umherführen und mir alles sagen , was du weißt . Ich habe dann auch Stoff für den Grafen und kann ihm Konversation machen . Er hat es so gern . Bis jetzt kenn ich ja nur meine drei Zimmer . « Unter diesen Worten war Franziska , von Hannah gefolgt , in den großen Saal eingetreten . Dieser lief durch die ganze Schloßtiefe , weshalb er auch zwei Balkone hatte , von denen der eine weit über den See hin ins Land hinaussah , während sich der andere mit einem Blick auf den Schloßhof begnügen mußte . Hohe Glastüren führten auf beide hinaus . Der Saal selbst war von hellgelbem , poliertem Stuck , desgleichen der Plafond , an dessen vier Ecken ebensoviel Engel in den Saal herniederhingen und in die Tuba bliesen . Franziska sah hinauf und sagte : » Die Wahrheit zu gestehen , Hannah , ich freue mich , diese vier Engel nicht beständig über mir zu haben . Sie blasen den Petöfyschen Ruhm in die Welt hinaus , und das ist gut , aber unter ihnen zu sitzen ist gefährlich . Zeige mir lieber , wo Prinz Eugen gesessen hat . « » Ich weiß nur , was ich von Toldy weiß : der Prinz habe die Balkontür gerade im Rücken gehabt . « » Welche ? « » Die dort , die nach dem Hofe hin . « Und nun suchten beide die Stelle , wo der Prinz notwendig gesessen haben müsse , lachten , als sie sie gefunden hatten oder doch gefunden zu haben glaubten , und traten endlich wie zum Lohn für ihre Mühe durch die Glastür auf den Balkon hinaus . Aber nicht auf lange . Die Vormittagssonne fiel von der Seite her blendend auf den Schloßhof und zwang sie , wieder zurückzutreten , um im Schatten der Türpfeiler besser sehen zu können . » Ah , das ist schön « , sagte Franziska , während sie den Hof mit ihrem Lorgnon musterte . » Du hast mir nur von Türkenzeit und von zweihundert Jahren erzählt , aber das , was hier drüben steht , ist ja viel , viel älter . Und daß es so dicht eingesponnen daliegt , das lieb ich am meisten . Sieh doch nur hier , eine pure Wildnis . « Und dabei wies sie nach rechts hin auf ein niedriges und halb zerbröckeltes Mauerstück , das in seiner Front von Weinlaub halb überwuchert war , während von der Rückseite her allerlei Holunder- und Ebereschenbäume mit ihren schwarzen und roten Beeren in den inneren Schloßhof hineinwuchsen . » Und dies hier « , fuhr sie fort , » dies hier mit dem niedrigen Rundbogen , das muß die Kapelle sein , vielleicht nicht mehr im Gebrauch , aber doch in alter Zeit gewesen , viele hundert Jahre zurück . Versteht sich , da sind ja die zwei Nischen , wo die Heiligen gestanden haben , und der überhängende Turm . Und sieh nur , da ist auch das Glockenseil ... Ach , Hannah , es bleibt dabei , das waren doch unsere besten Tage , wie wir noch mit dem Kirchenschlüssel in den Turm gingen und an dem Glockenseil zogen und den Abend einläuteten . « Franziska , während sie so sprach , war wieder auf den Balkon hinausgetreten und schützte sich jetzt , so gut es ging , mit der Hand gegen die Sonne . Dabei sah sie nach dem Glockenturm hinauf , der im wesentlichen nichts war als eine vom Giebel her vorgeschobene Holzwelle mit einem hölzernen Schrägdach darüber . Auf dem Wellbaum aber , ganz wie segelreffende Matrosen auf einer Rahe liegen , lagen ein paar Arbeiter und zogen ein starkes Tau durch eine der Glockenösen , während ein paar andere von Dach und Giebel her ihre Kameraden bei der Hantierung unterstützten . Und wirklich nicht lange mehr , so sah Franziska , wie sich die größere Glocke zu senken begann , langsam und allmählich , bis sie das starke Bohlenbrett einer mit vier kleinen Pferden bespannten Schleife berührte , die mittlerweile von dem Torbogen her unter den Turm gefahren war . Alles ging lautlos vonstatten , ohne daß irgendeiner der Schloßbewohner durch Neugier herbeigelockt worden wäre , vielleicht weil die Sonne so glühendheiß auf den Hof fiel . Endlich aber erkannte Franziska den Kutscher , der sie gestern vom Dampfschiff her abgeholt hatte . » Was gibt es ? « fragte sie hinunter . » Kaput , Gräfin gnädigste . « » Gestern ? « » Gestern « , klang es zurück . Und ehe sie weiter fragen konnte , setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und bog vom Hof her in den Schlängelweg ein , den man unter dem Portal hin noch eine Strecke weit verfolgen konnte . Franziska war blaß geworden und zitterte . » Hast du ' s gehört ? « » Was ? « » Du fragst noch ? Als man zu meinem Einzuge läutete ... « » ... hatte die Glocke schon einen Sprung . Das ist es und weiter nichts . Glaube mir , ich versteh mich auf Glocken , und wenn du durchaus was von Zeichen und Auslegung haben willst , so sag ich dir , es heißt : Alles , was hier nichts taugt oder einen Sprung hat , das muß jetzt ans Licht und offenbar werden . Ein neues Leben unter der neuen Gräfin ! Ja , Fränzl , das heißt es . « » Ach , Hannah , das sagst du so , weil du mir ansiehst , daß es mir einen Stich ins Herz gegeben hat , und weil du mich trösten willst . Aber du redest es mir nicht fort . Es gibt eben Zeichen und Träume . « » Für die , die daran glauben . Ich habe meinen lutherischen Katechismus und das Gesangbuch . Und das ist besser als Traumbuch und Aberglauben . « Eine Stunde später war der Graf zurück und ließ fragen , ob die Gräfin eine Spazierfahrt mit ihm machen und darnach die Bildergalerie besichtigen wolle . Der alte Toldy habe schon Ordre , die Vorhänge zurückzuziehen und für Luft und Licht zu sorgen . Franziska war froh - an ein » Nein « war ohnehin nicht zu denken - , und in halb wiedergewonnener guter Laune bestieg sie gleich darnach den Korbwagen , in dem sie schon gestern die Fahrt vom Dampfschiff bis zum Schlosse gemacht hatte . Der Graf fuhr selbst , war sehr aufgeräumt und fragte viel und rasch , schwieg aber beharrlich über den Zwischenfall , trotzdem die Gerätschaften und Taue noch umherlagen , deren man sich bei dem Herabholen der Glocke bedient hatte . Der Park war eine Schöpfung aus des Großvaters Tagen her und überdeckte den halben Schloßberg , der nach rückwärts hin ebenso sanft und allmählich wie nach vorne hin steil und plötzlich abfiel . Auf der allmählich abfallenden Seite waren fünf große Terrassen angelegt , die zunächst durch Treppenstufen , aber nebenher auch durch in der Serpentine gebaute Fahrwege miteinander Verbindung hielten . Innerhalb dieser Wege ging jetzt die Fahrt . Auf der zweiten Terrasse befand sich die Stelle , wo der artesische Brunnen gegraben wurde , dann kamen gespannte Teiche mit Hängeweiden , bis endlich eine schon ganz am Fuße des Berges gelegene Hütten- und Häuserreihe folgte , darin alles wohnte , was man trotz seiner Zugehörigkeit zu Haus und Herrschaft oben im Schloß nicht haben wollte : Slowaken und Walachen und der alte Zigeunerkönig Hanka , der von hier aus seinen meist auf der Wanderschaft begriffenen , ziemlich zahlreichen Clan regierte . Zuverlässig war nur Klaus Ambronn , ein deutscher Schmied aus den Rheinlanden her , der , soweit es ging , nach dem Rechten sah und das Amt eines Vogts oder Schultheißen verwaltete . Der Graf freute sich der Teilnahme , die Franziska sichtlich bewies und die noch wuchs , als sie wahrnahm , daß unter des Schloßherrn Passionen auch die Parkpassion eine Rolle spielte . Geschickt raffte sie zusammen , was ihr von Sanssouci , Wörlitz und dem Dresdener Großen Garten her noch in Erinnerung war , und zog allergewagteste Parallelen , die jedoch dadurch eher gewannen als verloren , indem sie dem Grafen , was er sehr liebte , Gelegenheit zu Berichtigungen und Erklärungen boten . Ausgangs der Hütten- und Häuserreihe stand eine Gruftkapelle , wenig über hundert Jahre alt , durch deren Gitterstäbe Franziska die großen Metallsärge stehen und eine , so schien es , von der Wölbung herunterhängende Lampe mit mattem Schimmer brennen sah . Sie wollte fragen , was es sei , bezwang sich aber und schwieg und beglückwünschte sich gleich darnach zu diesem Schweigen , als sie von der Kapelle her in einen entzückenden Wiesengrund einbogen , darin ein von einem Nachbarberge herabkommender Bach schäumte . Zahlreiche Birkenbrücken führten von einem Ufer aufs andere hinüber und herüber , und an eben diesem Bache hin ging jetzt eine halbe Stunde lang die Fahrt , bis der Graf , eine Kurve nach rückwärts hin beschreibend , einen breiten Platanenweg ereichte , der in seiner Verlängerung allmählich wieder auf die Schloßhöhe hinaufführte . Franziska war sehr glücklich . Namentlich die Wiesengrundpartie hatte sie wirklich erquickt , und ein leises Unbehagen kam ihr erst wieder , als sie bei der Rückkehr in den Schloßhof des Glockenturms und der offenen Dachstelle darüber ansichtig wurde . Doch es ging rascher vorüber , als sie dachte , vielleicht weil ihr Hannahs Bild wieder in Erinnerung kam . » Ja , diese Bibel- und Gesangbuchleute « , sagte sie , » sie sind doch beneidenswert und nicht bloß besser , sondern auch klüger als wir . Wirklich , es verlohnte sich nicht , eine Stunde zu leben , wenn ein Menschenlos daran hinge , ob eine Glocke springt oder nicht . « Sechzehntes Kapitel Der alte Toldy , der den Gärtner inzwischen abgelegt und den Galeriediener angezogen hatte , wartete schon auf der Rampe . Mit ihm Andras . » Alles in Ordnung , Toldy ? « fragte der Graf . Toldy nickte . » Gut . Aber wir wollen nicht hier hinauf , nicht die große Treppe ; ich will der Gräfin den alten Turm zeigen . « Unter diesen Worten nahm er Franziskas Arm und führte sie , während Andras vorauflief und Toldy folgte , bis an einen alten , an den neueren Schloßbau sich anlehnenden Eck- und Feldsteinturm , in dem eine Wendeltreppe zwei Stock hoch hinaufstieg . Alles Licht kam durch schmale , nur handbreite Scharten , die von fünf Schritt zu fünf Schritt das dicke Mauerwerk durchbrachen . An einer dieser Öffnungen hielt der Graf und wies auf die Landschaft , die sich gerade von hier aus in einer besonderen Schönheit zeigte : weithin sichtbar flimmerte der See , rechts daneben aber stieg ein hoher und scharf profilierter Felskegel auf , der » der Bischof « hieß , weil man den Stab und die Bischofsmütze deutlich erkennen zu können glaubte . Wieder einige Stufen höher war an Stelle der Scharten eine niedrige , mit dem Neubau Verbindung haltende Spitzbogentür , und hier stand Andras , um durch eine tunnelartige Passage hin den Weg zu zeigen . Der Graf bückte sich und reichte von rückwärts her Franziska die Hand . Als diese glücklich aus dem Defilee heraus war , war sie frappiert von der Anmut des unmittelbar dahinter gelegenen Zimmers , das in diesem Augenblicke nach der eben passierten Enge beinahe geräumig wirkte , trotzdem es nur ein einziges , erkerartig vorspringendes Fenster , ein sogenanntes bow-window , hatte . Dies Zimmer hieß das Howardcabinet und enthielt ausschließlich Landschaften , die der englischen Mutter des Grafen , der schönen Arabella Howard , bei Gelegenheit einer Erbschaft zugefallen waren . Einige dieser Landschaften waren von Gainsborough , andere von Everdingen oder doch aus seiner Schule . Franziska , trotz allem , was sie vor wenig Stunden erst über Galeriebesuch gesagt und geklagt hatte , hatte doch Verständnis für Bilder und erkannte leicht , daß es sich hier um etwas Besonderes und Hervorragendes handle , was eine sorgliche Musterung nicht nur verlohne , sondern sogar fordere ; der Graf aber verriet augenscheinlich Ungeduld und wollte weiter , weil er sich auf den Eindruck freute , den der Ahnensaal auf Franziska machen würde . Diese Freude blieb ihm aber aus , denn im selben Augenblick , wo man unter Zurückschlagung einer Portière von dem Cabinet her in den Bilder- und Ahnensaal eingetreten war , erschien auch schon Herr Koloman Czagy mit der Meldung , daß Besuch gekommen sei . » Wer ? « fragte der Graf ungehalten und beinahe barsch . » Oberst Szabô mit Baron Perczel und Graf Devaviany . « » Ah , Szabô « , rekolligierte sich der Graf . » Unsere medisanteste Zunge ! Die Herren sind offenbar neugierig , dich kennenzulernen , und warten auf den Augenblick , um mit ihrer Klatsch- und Lügenpost um unsern See herumfahren zu können . Aber meinetwegen . Komm , laß uns abbrechen , Fränzl ; ich werde dich vorstellen . « » Ist es so dein bestimmter Wunsch und Wille ? « » Wille ? Was Wille ! Der deine gilt ; du bestimmst . « » Dann zieh ich es vor , hier zu bleiben und die Neugier der drei Herren noch ein weniges warten zu lassen . « » Einverstanden . Man soll es den Klatschbasen beiderlei Geschlechts nicht allzu bequem machen . Und nun sieh dich um in der Galerie . Toldy kennt sie besser als ich . « Damit ging er , und Franziska blieb mit Toldy zurück . Dieser , sowenig er von Bildern verstand , war doch in dem einen ein guter und geschulter Galeriediener , daß sich die schwere Kunst , » nicht zu stören « , all seiner sonstigen Plauderhaftigkeit zum Trotz angeeignet hatte . Klug hielt er sich zurück , auch heute wieder , immer abwartend , ob Franziska nach ihm verlangen würde . Diese trat ohne weiteres an eine der Längswände heran , an der sich in stattlicher Reihe die lebensgroßen Bilder der Familie Petöfy befanden . Über alles , was noch Rüstung und hohe Reiterstiefel trug , ging sie schnell hinweg und verriet erst Aufmerksamkeit , als sie bei Bildnissen angekommen war , die diesem Jahrhundert angehörten . Alle hatten Inschriften , entweder unmittelbar auf der Unterleiste des Goldrahmens oder aber auf kleinen Täfelchen , die , so schien es , neuerdings erst angehängt worden waren . Eine Rotblondine mit einem Rembrandthut und einer Straußenfeder darauf fesselte sie ganz besonders . Sie zweifelte keinen Augenblick , wer es sei , befragte aber doch das Täfelchen und las : » Arabella Howard , geb . 9. März 1785 auf Arundel Castle , Sussex ; vermählt 21. März 1803 mit Graf Michael Petöfy ; gest . 11. Februar 1837 auf Schloß Arpa . « Des Grafen Mutter also , wie sie gedacht hatte . Das Bild schien bereits Jahr und Tag vor der Verheiratung , trotzdem diese schon mit achtzehn Jahren stattgefunden hatte , gemalt worden zu sein und ließ die Lady jugendlicher als ihre zwei Töchter erscheinen , unter denen nur die Züge der jüngeren an die der Mutter erinnerten . » Eveline Gräfin Petöfy , geb . 10. November 1816 , vermählt mit Graf Aribert Asperg 1841 , gest . den 13. August 1845 zu Wien . « Das Täfelchen trug einen Flor , und Franziska sagte , während sie die beiden letzten Zahlen verglich : » Ein kurzes Glück , wenn es ein Glück war . « Das letzte Bild , das in der Reihe hing , war das des Grafen , etwa vor zehn Jahren erst gemalt . Er trug Frack und Ordensstern ; das Haar war noch voll , aber schon beinahe weiß . Zwischen diesem Bild und dem abschließenden Eckpfeiler war noch ein Platz frei . Franziska blickte fest auf die leere Stelle , bis sie sich selbst zu sehen und das Täfelchen zu lesen glaubte . » Franziska Franz , geboren ... « Und ein banges Gefühl überkam sie plötzlich , wie wenn sie hier doch nur eine Fremde sei , nur durch Laune geduldet und zugelassen . Aber dies Gefühl währte nicht lange . Sie hatte zuviel von vornehmer Welt gesehen , um sich durch bloße Namen auf länger als einen Augenblick imponieren zu lassen . Und so wandte sie sich von den Ahnenbildern fort und trat an die Längswand gegenüber . Hier befanden sich große Tableaux mit viel Rot und Gelb , über deren Rot und Gelb noch mehr Grau schwebte . » Schlachtenbilder also . « Gleich das erste - die Täfelchen fehlten hier war unverkennbar ein Bild aus der Zeit der Türkenkriege : Halbmond und Roßschweife füllten das Feld , und in der Mitte sprang eine Festung in die Luft . » Zriny « , sagte sie lächelnd . Aber mit diesem Zrinybilde , mit dem das Türkische begann , schloß es auch wieder , und was weiter kam , waren neuere Schlachten , die nicht weiter zurückgingen als bis Groß-Aspern oder Marengo . Sie sah flüchtig drüber hin und sammelte sich erst wieder , als sie bei dem letzten angekommen war , auf dem sich zwei feindliche Heere gegenüberstanden , von denen das eine , so schien es , eben die Waffen gestreckt hatte . Die Waffen lagen aber nicht am Boden , sondern waren zu Pyramiden zusammengestellt , an denen bunt und malerisch Czakos , Säbel und Patrontaschen hingen . Im Vordergrunde blickten einige der gefangenen Führer finster schmerzlich zur Erde , während sich auf den Gesichtern der Soldaten abwechselnd Wut und Verzweiflung spiegelten . Was war es ? Auch hier fehlte das Täfelchen , aber in dem Rahmen selbst war eingeschrieben : » Vilagos , 13. August 1849 . « Siebenzehntes Kapitel Diese Kapitulation von Vilagos war augenscheinlich das beste Galeriebild , aber sich in dem , was Porträt darauf war , zurechtzufinden , wollte Franziska trotz aller Anstrengung nicht gelingen . Und so sah sie sich schließlich doch gezwungen , Toldy heranzuwinken . Für diesen ein langersehnter Moment . » Ich finde mich nicht zurecht , Toldy « , sagte sie . » Hier links , soviel erkenn ich an den grünen Uniformen , ist alles russisch , und das hier seid ihr . Aber ich kenne niemand . Wer ist der hier , der Graubart ? « » Ist Kiß ; General . « » Tot ? « » Tot . Piff , paff ! « Und er hob beide Arme , wie zum Gewehranschlag . » Und der hier ? « » Ist Nagy Sandor ; General . « » Tot ? « » Tot . « Aber statt der Bewegung des Gewehranschlages machte er jetzt die des Gehenktwerdens . » Und « , fuhr er nunmehr , ohne weitere Fragen abzuwarten , in immer lebhafter werdendem Tempo fort , » hier Leiningen , General ; tot . Und hier Aulich , General ; tot . Und hier Rüdiger , General ; aber russischer General . Und hier Görgey , Hund . « » Das darfst du nicht sagen , Toldy . « » Darf ich sagen , Gräfin gnädigste . Görgey Verräter , und Verräter ... Hund . « Und dabei funkelten ihm die alten Augen , und ein ungrisch unverständlicher Redestrom kam von seinen Lippen , dem Franziska nichtsdestoweniger mit Hülfe zahlreich eingestreuter Namen entnehmen konnte , daß vom Grafen Ludwig Batthiany , ganz besonders aber von den Galgenexekutionen vor Arad die Rede war . Als er endlich schwieg , dankte sie dem Alten , ohne seinen Haß gegen Österreich und Görgey noch irgendwie weiter rektifizieren zu wollen , und verließ den Bildersaal , um unter Vermeidung der Wendeltreppe durch das Billardzimmer in ihre Wohnräume zurückzukehren . Als sie diese betrat , heimelte sie das überaus Behagliche darin an , aber die Fahrt und mehr noch die Galerie hatten sie müde gemacht , und so streckte sie sich auf eine dem Fenster gegenüberstehende Chaiselongue und schlief ein . Als sie wieder erwachte , stand Hannah in der Tür . » Ich wollte dich nicht stören , denn du brauchst Schlaf ; aber der Graf schickt eben schon zum zweiten Male : die Herren würden zu Tische bleiben . Er erwartet dich also . « Franziska fühlte sich wenig angenehm von dieser Meldung berührt und erschrak fast . Es war ihr nicht zu Sinn , eine Konversation mit ungrischen Edelleuten zu führen , mit Kavalieren , deren Ton und Ausdrucksweise sie von ihren Wiener Tagen her nur zu gut kannte . Mit wachem Auge weiterzuträumen wäre ihr das ungleich Liebere gewesen . Es galt aber , sich dieser Stimmung so rasch wie möglich zu entreißen , und so setzte sie sich an den Spiegel , um ihrer Toilette den Abschluß zu geben . » Gib mir noch das venezianische Collier , Hannah ; ich glaube , der Graf freut sich , wenn ich es trage . So . Und nun noch den Fächer . Ach , Hannah , ich wollte , ich säß erst wieder an diesem Tisch hier und hätte nichts um mich und nichts über mir als die Muttergottes und den kleinen Christus , der mir den Rosenkranz entgegenhält . Ich wollt ihn lieber zwölfmal abbeten als von Oberst Szabô zwölf Artigkeiten hören . Ich empfinde doch nur Gêne dabei . « » Sei nur erst im Feuer , so kommt dir der Mut . Es ist gerade wie beim Theater . « » Ja , du hast recht , ganz so . Sie sind auch wirklich nur gekommen , mich als Gräfin auftreten zu sehen . Und haben nebenher noch das Vergnügen , selbst mitspielen zu dürfen . « Vorstellung und Begegnung waren ganz so verlaufen , wie Hannah prophezeit hatte . Nach Überwindung einer ersten Scheu war Franziska gesprächig geworden , und bei Schluß der Tafel stand es außer Frage , daß man sich gegenseitig gefallen hatte . Nur eines war ihr unbequem gewesen : ein gewisses Übermaß von Zurückhaltung und Respektsbezeugung , das augenscheinlich vorher verabredet worden war . Aber sie war andererseits zu klug und zu billig denkend , um nicht den Unmut darüber verhältnismäßig leicht zu verwinden . » Die goldene Mitte zu halten ist unter allen Umständen schwer , und die vornehme Welt kann es am wenigsten . Es dünkt ihr das bequemste , sich in Extremen zu bewegen . « Der Kaffee war nicht auf der Veranda , sondern auf der obersten Parkterrasse genommen worden , von der aus sich das Landschaftsbild weniger großartig als in der Front , aber dafür auch um so lieblicher präsentierte . Das , was voll künstlerischen Sinnes von seiten des Grafen an dieser Stelle geschehen war , steigerte nur diesen Eindruck , und so konnte es denn kaum ausbleiben , daß Huldigungen über Huldigungen gegen ihn laut wurden , am meisten im Hinblick auf den Teich und die Trauerweiden , über die mehrere hohe , dunkle Zypressen von der untern Terrasse her hinwegragten . In der Tat , es war ein entzückendes Bild und der Abend ohne Luftzug und ohne Schwüle . Nur dann und wann kam von den Rosenbeeten her ein leiser Hauch herüber . Es war kurz vor Sonnenuntergang , als die drei Herren aufbrachen . Ihr Wagen verfolgte von Terrasse zu Terrasse denselben Schlängelweg , den Graf und Gräfin auf ihrer Vormittagsfahrt innegehalten hatten , und beide sahen jetzt dem im schnellsten Trabe dahinjagenden Gefährte nach , bis es die letzte Biegung bei der Gruftkapelle gemacht und sich in dem Wiesengrunde , darin es bereits dunkelte , verloren hatte . Aber noch in dem Dunkel verfolgten sie die Spur . Als Franziska nach einer Weile wieder Platz genommen , nahm der Graf ihre Hand und sagte : » Du hast dich tapfer gehalten , Fränzl , und auf den alten Szabô kannst du nun rechnen . Devaviany bedeutet nicht viel , er ist von alter Zeit her ein Narr und denkt an nichts als an seine Handschuhe . Sahst du wohl , wie kokett er sie strich und streichelte ? Bleibt also nur noch Perczel . Und der ist bon garçon . Szabô allein gilt ; er hat den Ruf und Ruhm , den alle Spötter haben , nicht vor Gott , aber doch in der Gesellschaft und zumal in der unsrigen . Und weil ich nun mal von der Gesellschaft spreche , so laß mich auch gleich von unserem Leben sprechen , das halt kein Leben sein kann wie bei Véfour oder Véry . Soviel steht leider fest . Es hilft aber nichts , Fränzl , und auf ein bißchen Einsamkeit und Langeweile wirst du dich schon gefaßt machen müssen . Ich kann ' s nicht aus der Welt schaffen . « » Und sollst du auch nicht , Petöfy . Es ist mir so recht , wie ' s ist . Daß ich dir ' s nur gestehe , mich erquickt diese Stille geradezu . « » Gewiß , solange dir noch der Lärm der großen Stadt im Ohre klingt . Aber ist der erst mal verklungen , ganz verklungen , so verlangst du auch wieder darnach . Gib acht , ich weiß das . Und so hab ich mir ' s denn überlegt , wie wir ' s machen wollen , um die große Leere nicht aufkommen zu lassen oder sie doch wenigstens hinauszuschieben . Denn zuletzt kommt sie doch . Und nun höre . Mit unserem Schloß hier bist du so gut wie fertig , und wenn nicht heute , so doch morgen . Man kann eben nicht immer auf den See sehen , so schön er ist , und außer dieser Terrasse , die dir den Blick in den Park und die niedergehende Sonne gönnt - sieh nur , wie sie da zwischen den Zypressen hängt - , hast du nichts hier als den alten Turm und die Bibliothek und die Bildergalerie . Vielleicht noch das Billard . Spielst du ? « » Nein . « » Also Beweis mehr , wie nötig uns ein Programm ist . « » So gib es . « » Ich denke mir also , wir haben ein gemeinschaftliches Frühstück ein für allemal , und du plauderst mir dabei vor , was du die Stunden vorher geträumt hast . Gute Träume kommen einem Sensationskapitel am nächsten ; übrigens brauchen sie nicht wahr zu sein , nur hübsch und unterhaltlich . Und dann entlaß ich dich in Gnaden , und du bist frei bis zu Tisch . Aber so leicht das klingt , so schwer wiegt es , denn es ist eine lange , lange Zeit , und unser Besuch heute hat uns nur zufällig mit einer Ausnahme debütieren lassen . Also frei bis zu Tisch , bis sechs . Dann speisen wir , und gleich darnach beginnt unser eigentlicher Tag oder , sag ich lieber , der meinige . Nach Tisch haben wir dann noch eine Fahrt etwa wie heute früh , und unterwegs erzählst du mir dies und das und gibst mir eine Quintessenz aus der Plauderecke der Zeitung . « » Auch vom Theater ? « » Ei