. Die Tage , die nun folgten , waren noch von den allerschönsten , welche Klara auf der Alp verlebt hatte . Jeden Morgen erwachte sie mit der lauten Freudenstimme in ihrem Herzen : » Ich bin gesund ! Ich bin gesund ! Ich muß nicht mehr im Rollstuhl sitzen , ich kann selbst umhergehen wie die anderen Menschen ! « Dann folgte das Umhergehen , und jeden Tag ging es leichter und besser , und immer längere Gänge konnten gemacht werden . Die Bewegung brachte dann einen solchen Appetit mit sich , daß der Großvater seine dicken Butterschnitten täglich ein wenig größer machte und mit Wohlgefallen sah , wie sie verschwanden . Er brachte jetzt auch immer gleich einen großen Topf voll von der schäumenden Milch herbei und füllte Schüsselchen um Schüsselchen . So kam das Ende der Woche heran und damit der Tag , der die Großmama bringen sollte ! Es wird Abschied genommen , aber auf Wiedersehen Die Großmama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief nach der Alp hinauf geschrieben , damit sie oben bestimmt wüßten , daß sie komme . Diesen Brief brachte am andern Tag der Peter in der Frühe mit sich , als er auf die Weide zog . Schon war der Großvater mit den Kindern aus der Hütte getreten und auch Schwänli und Bärli standen beide draußen und schüttelten lustig ihre Köpfe in der frischen Morgenluft , während die Kinder sie streichelten und ihnen glückliche Reise wünschten zu ihrer Bergfahrt . Behaglich stand der Öhi dabei und schaute bald auf die frischen Gesichter der Kinder , bald auf seine sauber glänzenden Geißen nieder . Beides mußte ihm gefallen , denn er lächelte vergnüglich . Jetzt kam der Peter heran . Als er die Gruppe gewahr wurde , näherte er sich langsam , streckte den Brief dem Öhi entgegen , und sobald dieser ihn erfaßt hatte , sprang er scheu zurück , so , als ob ihn etwas erschreckt habe , und dann guckte er schnell hinter sich , gerade als ob von hinten ihn auch noch etwas hätte erschrecken wollen ; dann machte er einen Sprung und lief davon , den Berg hinauf . » Großvater « , sagte das Heidi , das dem Vorgang verwundert zugeschaut hatte , » warum tut der Peter jetzt immer wie der große Türk , wenn der eine Rute hinter sich merkt ; dann scheut er mit dem Kopf und schüttelt ihn auf alle Seiten und macht auf einmal Sprünge in die Luft hinauf . « » Vielleicht merkt der Peter auch eine Rute hinter sich , die er verdient « , antwortete der Großvater . Nur die erste Halde hinauf lief der Peter so in einem Zuge davon ; sobald man ihn von unten nicht mehr sehen konnte , kam es anders . Da stand er still und drehte scheu den Kopf nach allen Seiten ; plötzlich tat er einen Sprung und schaute hinter sich , so erschreckt , als habe ihn eben einer im Genick gepackt . Hinter jedem Busch hervor , aus jeder Hecke heraus meinte jetzt der Peter den Polizeidiener aus Frankfurt auf sich losstürzen zu sehen . Je länger aber diese gespannte Erwartung dauerte , je schreckhafter wurde es dem Peter zumute , er hatte keinen ruhigen Augenblick mehr . - Nun mußte das Heidi seine Hütte aufräumen , denn die Großmama sollte doch alles in guter Ordnung finden , wenn sie kam . Klara fand dieses geschäftige Treiben Heidis in allen Ecken der Hütte herum immer so kurzweilig , daß sie mit Vorliebe dieser Tätigkeit zuschaute . So vergingen die frühen Morgenstunden den Kindern unversehens , und schon konnte man der Ankunft der Großmama entgegensehen . Jetzt kamen die Kinder bereit und zum Empfang gerüstet wieder heraus und setzten sich nebeneinander auf die Bank vor der Hütte , in voller Erwartung auf die kommenden Ereignisse . Auch der Großvater trat jetzt wieder zu ihnen ; er hatte einen Gang gemacht und hatte einen großen Strauß dunkelblauer Enziane mitgebracht , die leuchteten so schön in der hellen Morgensonne , daß die Kinder aufjauchzten bei dem Anblick . Der Großvater trug sie in die Hütte hinein . Von Zeit zu Zeit sprang das Heidi von der Bank , um auszuspähen , ob von dem Zug der Großmama noch nichts zu entdecken sei . Aber jetzt : da kam es von unten herauf , gerade so , wie das Heidi es erwartet hatte . Voran stieg der Führer , dann kam das weiße Roß und die Großmama darauf und zuletzt kam der Träger mit dem hohen Reff , denn ohne reichliche Schutzmittel zog die Großmama nun einmal nicht auf die Alp . Näher und näher kam der Zug . Jetzt war die Höhe erreicht ; die Großmama erblickte die Kinder von ihrem Pferd herunter . » Was ist denn das ? Was seh ' ich , Klärchen ? Du sitzest nicht in deinem Sessel ? Wie ist das möglich ? « rief sie erschrocken aus und stieg nun eilig herunter . Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war , schlug sie die Hände zusammen und rief in der höchsten Aufregung : » Klärchen , bist du ' s oder bist du ' s nicht ? Du hast ja rote Wangen , kugelrunde ! Kind ! Ich kenne dich nicht mehr ! » Jetzt wollte die Großmama auf Klara losstürzen . Aber unversehens war das Heidi von der Bank geglitten , Klara hatte sich schnell auf seine Schultern gestützt , und fort wanderten die Kinder , ganz gelassen einen kleinen Spaziergang machend . Die Großmama war plötzlich still gestanden , erst vor Schrecken , sie meinte nicht anders , als das Heidi stelle eben etwas Unerhörtes an . Aber was sah sie vor sich ! Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her ; jetzt kamen sie wieder zurück , beide mit strahlenden Gesichtern , beide mit rosenroten Backen . Jetzt stürzte die Großmama ihnen entgegen . Lachend und weinend umarmte sie ihr Klärchen , dann das Heidi , dann wieder Klara . Vor Freude fand die Großmama gar keine Worte . Auf einmal fiel ihr Blick auf den Öhi , der bei der Bank stand und mit behaglichem Lächeln nach den dreien herüberschaute . Jetzt faßte die Großmama Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter immerwährenden Ausrufungen des Entzückens , daß es ja wirklich so sei , daß sie umherwandern könne mit dem Kinde , der Bank zu . Hier ließ sie Klara los und ergriff den Alten bei beiden Händen . » Mein lieber Öhi ! Mein lieber Öhi ! Was haben wir Ihnen zu danken ! Es ist Ihr Werk ! Es ist Ihre Sorge und Pflege - « » Und unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft « , fiel der Öhi lächelnd ein . » Ja , und Schwänlis gute , schöne Milch gewiß auch ! « rief nun Klara ihrerseits ; » Großmama , du solltest nur wissen , wie ich die Geißenmilch trinken kann , und wie gut sie ist ! « » Ja , das kann ich an deinen Backen sehen , Klärchen « , sagte jetzt die Großmama lachend . » Nein , dich kennt man nicht mehr ; rund , breit bist du ja geworden , wie ich nie geahnt , daß du je werden könntest , und groß bist du , Klärchen ! Nein , ist es denn auch wahr ? Ich kann dich ja nicht genug ansehen ! Aber nun muß auf der Stelle telegraphiert werden an meinen Sohn in Paris , er muß sogleich kommen . Ich sag ' ihm nicht : warum ; das ist die größte Freude seines Lebens . Mein lieber Öhi , wie machen wir das ? Sie haben wohl die Männer schon entlassen ? « » Die sind fort « , antwortete er ; » aber wenn ' s der Frau Großmama pressiert , so läßt man den Geißenhüter herunterkommen , der hat Zeit . « Die Großmama bestand darauf , sofort ihrem Sohne eine Depesche zu schicken , denn dieses Glück sollte ihm keinen Tag vorenthalten bleiben . Nun ging der Öhi ein wenig auf die Seite , und hier tat er einen so durchdringenden Pfiff durch seine Finger , daß es hoch oben von den Felsen zurückpfiff , so weit weg hatte er das Echo geweckt . Es währte gar nicht lange , so kam der Peter heruntergerannt , er kannte den Pfiff wohl . Der Peter war kreideweiß , denn er dachte , der Alm-Öhi rufe ihn zum Gericht . Es wurde ihm aber nur ein Papier übergeben , das die Großmama unterdessen überschrieben hatte , und der Öhi erklärte ihm , er habe das Papier sofort ins Dörfli hinunterzutragen und auf dem Postamt abzugeben , die Bezahlung werde der Öhi später selbst in Ordnung bringen , denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht übertragen . Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand , für diesmal wieder erleichtert , davon , denn der Öhi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen , es war kein Polizeidiener angekommen . - Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor der Hütte herumsetzen , und nun mußte der Großmama erzählt werden , wie von Anfang an alles sich zugetragen hatte . Wie zuerst der Großvater jeden Tag ein wenig das Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara probiert hatte , wie dann die Reise auf die Weide gekommen war , und der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte . Wie Klara vor Begierde nach den Blumen den ersten Gang machen konnte , und so eins aus dem andern gekommen war . Aber es währte lange , bis diese Erzählung von den Kindern zu Ende gebracht wurde , denn zwischendurch mußte die Großmama immer wieder in Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen , und immer wieder rief sie aus : » Aber ist es denn auch möglich ! Ist es denn auch wirklich kein Traum ? Sind wir denn auch alle wach und sitzen wir hier vor der Almhütte , und das Mädchen vor mir mit dem runden , frischen Gesicht ist mein altes , bleiches , kraftloses Klärchen ? « Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude , daß ihre schön ausgedachte Überraschung so gut gelungen war bei der Großmama und immer noch fortwirkte . Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschäfte in Paris beendet , und auch er hatte vor , eine Überraschung zu bereiten . Ohne ein Wort an seine Mutter zu schreiben , setzte er sich an einem der sonnigen Sommermorgen auf die Eisenbahn und fuhr in einem Zuge bis nach Basel , von wo er in aller Frühe des folgenden Tages gleich wieder aufbrach , denn es hatte ihn ein großes Verlangen ergriffen , einmal wieder sein Töchterchen zu sehen , von dem er nun den ganzen Sommer durch getrennt gewesen war . Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt seiner Mutter an . Die Nachricht , daß sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen habe , kam ihm gerade recht . Sofort setzte er sich in einen Wagen und fuhr nach Maienfeld hinüber . Als er da hörte , daß er auch noch bis zum Dörfli hinauffahren könne , tat er dies , denn er dachte , die Fußpartie den Berg hinauf werde ihm immer noch lang genug werden . Herr Sesemann hatte sich nicht getäuscht ; die unausgesetzte Steigung die Alp hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor . Noch immer war keine Hütte in Sicht , und er wußte doch , daß auf dem halben Wege er auf die Wohnung des Geißenpeter stoßen sollte , denn oftmals hatte er die Beschreibung dieses Weges vernommen . Es waren überall Spuren von Fußgängern zu sehen , manchmal gingen die schmalen Wege nach allen Richtungen hin . Herr Sesemann wurde unsicher , ob er auch auf dem richtigen Pfade sei , oder ob vielleicht die Hütte auf einer andern Seite der Alp liege . Er sah sich um , ob kein menschliches Wesen zu entdecken sei , das er um den Weg befragen könnte . Aber es war still ringsum , weit und breit war nichts zu sehen , noch zu hören . Nur der Bergwind sauste dann und wann durch die Luft , und im sonnigen Blau summten die kleinen Mücken , und ein lustiges Vögelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lärchenbäumchen . Herr Sesemann stand eine Weile still und ließ sich die heiße Stirne vom Alpenwind kühlen . Jetzt kam jemand von oben heruntergelaufen ; es war der Peter mit seiner Depesche in der Hand . Er lief gradaus , steil herunter , nicht auf dem Fußweg , auf dem Herr Sesemann stand . Sobald der Läufer aber nahe genug war , winkte ihm Herr Sesemann , daß er herüberkommen sollte . Zögernd und scheu kam der Peter heran , seitwärts , nicht gradaus , und so , als könne er nur mit dem einen Fuß richtig vorankommen und müsse den andern nachschleppen . » Na , Junge , frisch heran ! « ermunterte Herr Sesemann . » Jetzt sag mir mal , komme ich auf diesem Weg zu der Hütte hinauf , wo der alte Mann mit dem Kind Heidi wohnt , bei dem die Leute aus Frankfurt sind ? « Ein dumpfer Ton furchtbarsten Schreckens war die Antwort , und so maßlos schoß der Peter davon , daß er kopfüber und über die steile Halde hinabstürzte und fortrollte in unwillkürlichen Purzelbäumen , immer weiter und weiter , ganz ähnlich wie der Rollstuhl getan hatte , nur daß glücklicherweise der Peter nicht in Stücke ging , wie es bei dem Sessel der Fall gewesen war . Nur die Depesche wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon . » Merkwürdig schüchterner Bergbewohner « , sagte Herr Sesemann vor sich hin , denn er dachte nicht anders , als daß die Erscheinung eines Fremden diesen starken Eindruck auf den einfachen Alpensohn hervorgebracht habe . Nachdem er Peters gewalttätige Talfahrt noch ein wenig betrachtet hatte , setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort . Der Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt gewinnen , er rollte immer zu , und von Zeit zu Zeit überschlug er sich noch in besonderer Weise . Aber das war nicht die schrecklichste Seite seines Schicksals in diesem Augenblick , viel erschrecklicher waren die Angst und das Entsetzen , die ihn erfüllten , nun er wußte , daß der Polizeidiener aus Frankfurt wirklich angekommen war . Denn er konnte nicht daran zweifeln , daß der Fremde es sei , der den Frankfurtern beim Alm-Öhi nachgefragt hatte . Jetzt , am letzten hohen Abhang oberhalb des Dörfli , warf es den Peter an einen Busch hin , da konnte er sich endlich festklammern . Einen Augenblick blieb er noch liegen , er mußte sich erst wieder ein wenig besinnen , was mit ihm sei . » Gut so , wieder einer ! « sagte eine Stimme hart neben dem Peter . » Und wer kriegt morgen den Puff da droben , daß er herunterkommt wie ein schlechtvernähter Kartoffelsack ? « Es war der Bäcker , der so spottete . Da er da droben aus seinem heißen Tagewerk weg sich ein wenig erluften wollte , hatte er ruhig zugesehen , wie eben der Peter , dem Heranrollen des Stuhles nicht unähnlich , von oben heruntergekommen war . Der Peter schnellte auf seine Füße . Er hatte seinen neuen Schrecken . Jetzt wußte der Bäcker auch schon , daß der Stuhl einen Puff bekommen hatte . Ohne ein einziges Mal zurückzusehen , lief der Peter wieder den Berg hinauf . Am liebsten wäre er jetzt heimgegangen und in sein Bett gekrochen , daß ihn keiner mehr finden konnte , denn da fühlte er sich am sichersten . Aber er hatte ja die Geißen noch oben und der Öhi hatte ihm noch eingeschärft , bald wiederzukommen , daß die Herde nicht zu lang allein sei . Den Öhi aber fürchtete er vor allen und hatte einen solchen Respekt vor ihm , daß er niemals gewagt hätte , ihm ungehorsam zu sein . Der Peter ächzte laut und hinkte weiter , es mußte ja sein , er mußte wieder hinauf . Aber rennen konnte er jetzt nicht mehr , die Angst und die mannigfaltigen Stöße , die er soeben erduldet hatte , konnten nicht ohne Wirkung bleiben . So ging es denn mit Hinken und Stöhnen weiter die Alm hinauf . Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Hütte erreicht und wußte nun , daß er auf dem richtigen Wege war . Er stieg mit erneutem Mute weiter , und endlich , nach langer , mühevoller Wanderung , sah er sein Ziel vor sich . Dort oben stand die Almhütte und oben drüber wogten die dunkeln Wipfel der alten Tannen . Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung , gleich konnte er sein Kind überraschen . Aber schon war er von der Gesellschaft vor der Hütte entdeckt und erkannt worden , und für den Vater wurde vorbereitet , was er nicht ahnte . Als er den letzten Schritt zur Höhe getan hatte , kamen ihm von der Hütte her zwei Gestalten entgegen . Es war ein großes Mädchen mit hellblonden Haaren und einem rosigen Gesichtchen , das stützte sich auf das kleinere Heidi , dem ganze Freudenblitze aus den dunkeln Augen funkelten . Herr Sesemann stutzte , er stand still und starrte die Herankommenden an . Auf einmal stürzten ihm die großen Tränen aus den Augen . Was stiegen auch für Erinnerungen in seinem Herzen auf ! Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen , das blonde Mädchen mit den angehauchten Rosenwangen . Herr Sesemann wußte nicht , war er wachend oder träumte er . » Papa , kennst du mich denn gar nicht mehr ? « rief ihm jetzt Klara mit freudestrahlendem Gesicht entgegen , » bin ich denn so verändert ? « Nun stürzte Herr Sesemann auf sein Töchterchen zu und schloß es in seine Arme . » Ja , du bist verändert ! Ist es möglich ? Ist es Wirklichkeit ? « Und der überglückliche Vater trat wieder einen Schritt zurück , um noch einmal hinzusehen , ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen Augen . » Bist du ' s , Klärchen , bist du ' s denn wirklich ? « mußte er ein Mal ums andere ausrufen . Dann schloß er sein Kind wieder in die Arme , und gleich nachher mußte er noch einmal sehen , ob es wirklich sein Klärchen sei , das aufrecht vor ihm stand . Jetzt war auch die Großmama herbeigekommen , sie konnte nicht so lange warten , bis sie das glückliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte . » Na , mein lieber Sohn , was sagst du jetzt ? « rief sie ihm zu . » Die Überraschung , die du uns machst , ist recht schön ; aber diejenige , die man dir bereitet hat , ist noch viel schöner , nicht ? « Und die erfreute Mutter begrüßte nun mit großer Herzlichkeit ihren lieben Sohn . » Aber jetzt , mein Lieber « , sagte sie dann , » kommst du mit mir dort hinüber , unsern Öhi zu begrüßen , der ist unser allergrößter Wohltäter . « » Gewiß , und auch unsere Hausgenossin , unser kleines Heidi muß ich noch begrüßen « , sagte Herr Sesemann , indem er Heidis Hand schüttelte . » Nun ? Immer frisch und gesund auf der Alp ? Aber man muß nicht fragen , kein Alpenröschen kann blühender aussehen . Das ist mir eine Freude , Kind , das ist mir eine große Freude ! « Auch das Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen Herrn Sesemann auf . Wie gut war er immer zu ihm gewesen ! Und daß er nun hier auf der Alp ein solches Glück finden sollte , das machte Heidis Herz laut schlagen vor großer Freude . Jetzt führte die Großmama ihren Sohn zum Alm-Öhi hinüber , und während nun die beiden Männer sich sehr herzlich die Hände schüttelten und Herr Sesemann begann , seinen tiefgefühlten Dank auszusprechen und sein unermeßliches Erstaunen darüber , wie nur dieses Wunder hatte geschehen können , da wandte sich die Großmama und ging ein wenig nach der andern Seite hinüber , denn das hatte sie nun schon durchgesprochen . Sie wollte einmal nach den alten Tannen sehen . Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes : mitten unter den Bäumen , da , wo die langen Äste noch einen freien Platz gelassen hatten , stand ein großer Busch der wundervollsten , dunkelblauen Enziane , so frisch und glänzend , als wären sie eben da herausgewachsen . Die Großmama schlug die Hände zusammen vor Entzücken . » Wie köstlich ! Wie prächtig ! Welch ein Anblick ! « rief sie ein Mal ums andere aus . » Heidi , mein liebes Kind , komm hierher ! Hast du mir das zur Freude bereitet ? Es ist vollkommen wundervoll ! « Die Kinder waren schon da . » Nein , nein , ich gewiß nicht « , sagte das Heidi ; » aber ich weiß schon , wer ' s gemacht hat . « » So ist ' s droben auf der Weide , Großmama , und noch viel schöner « , fiel hier Klara ein . » Aber rat einmal , wer dir heut ' früh schon die Blumen von der Weide heruntergeholt hat ! « Und Klara lächelte so vergnüglich zu ihrer Rede , daß der Großmama einen Augenblick der Gedanke kam , das Kind sei am Ende heut ' selbst schon dort oben gewesen . Das war aber doch fast nicht möglich . Jetzt hörte man ein leises Geräusch hinter den Tannenbäumen ; es kam vom Peter her , der unterdessen hier oben angelangt war . Da er aber gesehen hatte , wer beim Öhi vor der Hütte stand , hatte er einen großen Bogen gemacht und wollte nun ganz heimlich hinter den Tannen hinaufschleichen . Aber die Großmama hatte ihn erkannt , und plötzlich stieg ein neuer Gedanke in ihr auf . Sollte der Peter die Blumen mit heruntergebracht haben und nun aus lauter Scheu und Bescheidenheit so heimlich vorbeischleichen wollen ? Nein , das durfte nicht sein , er sollte doch eine kleine Belohnung haben . » Komm , mein Junge , komm hier heraus , frisch , ohne Scheu ! « rief die Großmama laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bäume hinein . Starr vor Schrecken stand der Peter still . Er hatte keine Widerstandskraft mehr nach allem Erlebten . Er fühlte nur noch das eine : » Jetzt ist ' s aus ! « Alle Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf , und farblos und entstellt von höchster Angst trat der Peter hinter den Tannen hervor . » Nur frisch heran , ohne Umwege « , ermunterte die Großmama . » So , nun sag mir mal , Junge , hast du das gemacht ? « Der Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht , wohin der Zeigefinger der Großmama wies . Er hatte gesehen , daß der Öhi an der Ecke der Hütte stand und daß dessen graue Augen durchdringend auf ihn gerichtet waren , und neben dem Öhi stand das Schrecklichste , das der Peter kannte , der Polizeidiener aus Frankfurt . An allen Gliedern zitternd und bebend , stieß der Peter einen Laut hervor , es war ein » Ja « . » Na nu « , sagte die Großmama , » was ist denn das Erschreckliche dabei ? « » Daß er - daß er - daß er auseinander ist und man ihn nicht mehr machen kann « , brachte mühsam der Peter heraus , und nun schlotterten seine Knie so , daß er fast nicht mehr stehen konnte . Die Großmama ging nach der Hüttenecke hinüber . » Mein lieber Öhi , rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen Buben ? « fragte sie teilnehmend . » Gar nicht , gar nicht « , versicherte der Öhi ; » der Bube ist nur der Wind , der den Rollstuhl fortgejagt hat , und nun erwartet er seine wohlverdiente Strafe . « Das konnte nun die Großmama gar nicht glauben , denn sie meinte , boshaft sehe der Peter doch ganz und gar nicht aus , und sonst hätte er doch keinen Grund gehabt , den so notwendigen Rollstuhl zu zerstören . Aber dem Öhi war das Geständnis nur die Bestätigung eines Verdachtes gewesen , der gleich nach der Tat in ihm aufgestiegen war . Die grimmigen Blicke , die der Peter vom Anfang an der Klara zugeworfen hatte , und andere Merkmale seiner Erbitterung gegen die neuen Erscheinungen auf der Alp waren dem Öhi nicht entgangen . Er hatte einen Gedanken an den andern gehängt , und so hatte er genau den ganzen Gang der Dinge erkannt und teilte ihn jetzt der Großmama in aller Klarheit mit . Als er zu Ende war , brach die Dame in große Lebhaftigkeit aus . » Nein , mein lieber Öhi , nein nein , den armen Buben wollen wir nicht weiter strafen . Man muß billig sein . Da kommen die fremden Leute aus Frankfurt hereingebrochen und nehmen ihm ganze Wochen lang das Heidi weg , sein einziges Gut , und wirklich ein großes Gut , und da sitzt er allein Tag für Tag und hat das Nachsehen . Nein , nein , da muß man billig sein ; der Zorn hat ihn überwältigt und hat ihn zu der Rache getrieben , die ein wenig dumm war , aber im Zorn werden wir alle dumm . « Damit ging die Großmama zum Peter zurück , der noch immerfort bebte und schlotterte . Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich : » So , nun komm , mein Junge , da vor mich hin , ich habe dir etwas zu sagen . Hör auf zu zittern und zu beben und hör mir zu ; das will ich haben . Du hast den Rollstuhl den Berg hinuntergejagt , damit er zerschmettere . Das war etwas Böses , das hast du recht wohl gewußt , und daß du eine Strafe verdientest , das wußtest du auch , und damit du diese nicht erhaltest , hast du dich recht anstrengen müssen , daß keiner es merke , was du getan hattest . Aber siehst du : wer etwas Böses tut und denkt , es weiß es keiner , der verrechnet sich immer . Der liebe Gott sieht und hört ja doch alles , und sobald er bemerkt , daß ein Mensch seine böse Tat verheimlichen will , so weckt er schnell in dem Menschen das Wächterchen auf , das er schon bei seiner Geburt in ihn hineingesetzt hat und das da drinnen schlafen darf , bis der Mensch ein Unrecht tut . Und das Wächterchen hat einen kleinen Stachel in der Hand , mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen , daß er gar keinen ruhigen Augenblick mehr hat . Und auch mit seiner Stimme beängstigt es den Gequälten noch , denn es ruft ihm immer quälend zu : Jetzt kommt alles aus ! Jetzt holen sie dich zur Strafe ! So muß er immer in Angst und Schrecken leben und hat keine Freude mehr , gar keine . Hast du nicht auch so etwas erfahren , Peter , eben jetzt ? « Der Peter nickte ganz zerknirscht , aber wie ein Kenner , denn perfekt so war es ihm ergangen . » Und noch in einer Weise hast du dich verrechnet « , fuhr die Großmama fort . » Sieh , wie das Böse , das du tatest , zum Besten ausfiel für die , der du es zufügen wolltest ! Weil Klara keinen Sessel mehr hatte , auf dem man sie hinbringen konnte , und doch die schönen Blumen sehen wollte , so strengte sie sich ganz besonders an , zu gehen , und so lernte sie ' s und geht nun immer besser , und bleibt sie hier , so kann sie am Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen , viel öfter , als sie in ihrem Stuhl hinaufgekommen wäre . Siehst du wohl , Peter ? So kann der liebe Gott , was einer böse machen wollte , nur schnell in seine Hand nehmen und für den andern , der geschädigt werden sollte , etwas Gutes daraus machen , und der Bösewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon . Hast du nun auch alles gut verstanden , Peter , ja ? So denk daran , und jedesmal , wenn es dich wieder gelüsten sollte , etwas Böses zu tun , denk an das Wächterchen da drinnen mit dem Stachel und der unangenehmen Stimme . Willst du das tun ? « » Ja , so will ich « , antwortete der Peter , noch sehr gedrückt , denn noch wußte er ja nicht , wie alles enden würde , da der Polizeidiener immer noch drüben stand neben dem Öhi . » So , nun ist ' s gut , die Sache ist abgetan « , schloß die Großmama . » Nun sollst du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben , das dich freut . So sag mir nun , mein Junge , hast du auch schon mal was gewünscht , das du haben möchtest ? Was war ' s denn ? Was möchtest du am liebsten haben ? « Jetzt hob der Peter seinen Kopf auf und starrte die Großmama mit ganz kugelrunden , erstaunten Augen an . Noch immer hatte er etwas Erschreckliches erwartet , und nun sollte er auf einmal bekommen , was er gern hätte .