ungewöhnlich breit , ungewöhnlich wohlgenährt , mit dem rundesten Bulldoggesicht und dem feuerfarbigsten Backenbart in ganz Amerika gesegnet , und dieser Vorzüge sich sehr bewußt , hielt den Katalog in seiner Rechten . Eine gewaltige Rechte , die mit Leichtigkeit einen Suppenteller umspannt hätte . Er verifizierte jedes Stück , das Lotti aus dem Schränkchen nahm , sorgsam verpackte und in eine Kassette legte , die Herr Fischer mitgebracht . » Fünfhundert ? ... auch die ? ... auch die fünfhundert ? ... Mir wäre das Ding nicht dreißig wert « , sagte der Agent von Zeit zu Zeit ; unter andern gerade bei der Mudge und bei der Majoratsuhr . Oder er rief : » Dieser Kauf ! - Eine Millionärsmarotte . Finden Sie nicht , Herr Doktor ? - Was ? « Schweitzer verzog keine Miene . Gottfried war ruhig wie einer , der standhaft den ersten Grad der Folter aushält , und sprach alle zehn Minuten einmal : » Vorwärts , wenn ich bitten darf . « Lotti würdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes , kaum eines Blickes . Der Mann erweckte ihr soviel Sympathie , wie eine Sabinermutter für einen töchterraubenden Römer empfunden haben mochte . Nach fünf tödlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren . Der Agent trug die Kassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm , als ob es ein Claquehut gewesen wäre , und bald hörte Lotti den Wagen , der ihre Uhren entführte , über den Platz rollen . Sie sah ihm nicht nach . Sie saß neben ihrem leeren Schränkchen , hatte seine Laden geschlossen und die kleinen Flügeltüren gesperrt . Jetzt könnt ich mir einbilden , dachte sie , daß alles noch beim alten ist . Was braucht man denn , um Liebes , das man einst besaß , immer zu behalten ? - ein gutes Gedächtnis und einige Phantasie . Das wollte sie Gottfried zum Trost sagen , dem Getreuen , für den es von jeher keinen Schmerz , keine Enttäuschung , keinen Verlust zu geben schien als diejenigen , die sie erfahren hatte . Zum ersten Male , seitdem sie ihn kannte , das heißt solange sie lebte , hatte sie heut eine eigensüchtige Regung bei ihm wahrgenommen . Allein wie rasch war auch diese erloschen , wie war er bestürzt gewesen über den unwillkürlichen Ausdruck eines Gefühls , das ihm bisher fremd gewesen wie die Sünde . Sie kannte ihn und wußte - jetzt quält er sich und kann sich ' s nicht verzeihen , daß er ihr eine schwere Stunde noch schwerer gemacht und in dem Augenblick , in dem sie ihr Teuerstes hingab , unedel ausgerufen : » Und ich ? ... « Und er ! ... war ' s nicht ganz recht , daß er sie einmal gemahnt , er zähle mit in der Reihe der Wesen , die einen Anspruch an sie stellen durften ? - Bisher hatte er keinen geltend gemacht . Er war gut und treu ; daß er sich so zeigte , verstand sich von selbst , und wer denkt erst lang über selbstverständliche Dinge nach ? - Manchmal wohl hatte es in der Seele Lottis aufgedämmert : Da ist einer , dem verdankst du mehr , als du vergiltst . Da ist einer , dem hast du öfter weh als wohl getan . Aber die Fragen : Warum ? Womit ? scheute sie sich zu beantworten . Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele . Empfindungen schlummern in ihr , die nie erwachen , wenn man sie nicht nennt , einmal genannt jedoch , nie wieder schlafen können . Lotti fürchtete sie und ihre unbekannte und unberechenbare Macht . - Wozu auch grübeln ? - über ein Verhältnis zwischen Bruder und Schwester , zwei braven Leuten , die in Frieden miteinander alt geworden sind und also sterben wollen . Zugleich - geb ' s der Himmel ! Denn ein Leben , in dem Gottfried fehlen würde und seine nie ermüdende treue Sorgfalt , das wäre keine Freude mehr . Allmählich war die Dunkelheit hereingebrochen . Lotti lehnte sich zurück und schloß die Augen . In leisen Halbschlaf versunken , hörte sie Agnes nach Hause kommen und draußen Zurüstungen zur Abendmahlzeit treffen . Die Alte kehrte von einem Besuch bei ihrer Schwester zurück , zu dem Lotti sie veranlaßt hatte . Mitten in der Woche und ohne jeden vernünftigen Grund war sie aufgefordert worden , die Vergnügungsreise in die Vorstadt zu unternehmen . Gewöhnlich kam sie von derselben in bester Laune heim ; heute war sie gestimmt wie ein hungriger Wolf . Schweigend zündete sie die Lampe an und beantwortete die Frage Lottis nach dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel . Die ganze Agnes war eitel Zurückhaltung , jede ihrer Mienen und Bewegungen sprach : Hast du deine Geheimnisse , hab ich die meinen . Ihre mit großer Ausdauer zur Schau getragene Gekränktheit begann ihre Wirkung auf die Herrin auszuüben . Diese war hellmunter geworden . Es konnte auch nicht anders sein , denn schweigend verhielt sich Agnes , aber nicht still . Sie vollführte vielmehr mit einigen Tellern und einem Bestecke ein Gerassel , das in Anbetracht der geringen Mittel , mit denen es verursacht wurde , ganz merkwürdig zu nennen war . » Liebe Agnes « , begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im reinen über die Fortsetzung , welche diese Anrede erhalten sollte . Da erschallte die Hausglocke , und Agnes stürzte , abermals Unverständliches murmelnd , aus dem Zimmer . » Das Fräulein zu Hause ? « ließ eine laute Stimme sich im Vorgemache vernehmen , und im nächsten Augenblick trat Halwig ein . Er war bleich und erregt : » Erlöst ! « stieß er , kaum fähig zu sprechen , hervor . » Nehmen Sie teil an meinem Glück . « Er preßte beide Hände gegen seine Brust . - » Ich bin erlöst - ich bin ein freier Mann ! « Lotti wagte nicht ihn anzusehen ... absichtlich täuschen - es bleibt doch immer etwas Furchtbares . In äußerster Verlegenheit sprach sie : » Sie haben Ihren Prozeß ... « » Gewonnen ! ja , ja , meine Hoffnung , die kühne , die ich nie aufgegeben , ist erfüllt ... Fräulein Lotti - freuen Sie sich doch mit mir . « » Ich freue mich von ganzem Herzen , lieber Freund . « » Sehen Sie hierher ! Erkennen Sie das ? « Er zog ein Heft aus seiner Tasche . - » Es ist dem Edlen , dem ich es gestern vor Ihren Augen übergab , zum zweiten Male abgerungen worden und soll vor Ihren Augen in Rauch aufgehen . « Er hielt einige Blätter des Manuskriptes über die Lampe , sie entzündeten sich ; er schwang die Schrift hoch in der Luft , um sie in hellen Brand zu setzen , und warf , nachdem dies geschehen , die lodernde in den Kamin . Mit wildem Behagen schürte er die Flamme , die sein Geisteskind verzehrte , und rief : » Was nie hätte geboren werden sollen , sterbe ! Könnt ich alles so vernichten , was geschrieben zu haben mich reut ! Ein Trost bleibt mir übrigens « , fügte er mit bitterem Lachen hinzu , indem er sich am Arbeitstische Lottis niederließ : » Lange werden meine Werke den Unwillen der Freunde des Schönen nicht erregen . Mit dem Tage geht unter , was dem Tage gedient . O Fräulein Lotti ! ich hatte anderes von mir erwartet . Erinnern Sie sich noch ? Wissen Sie noch , was ich geträumt und angestrebt ? Wissen Sie noch , wie fest entschlossen ich war , diese Erde , die mich getragen , nicht zu verlassen , ohne ihr die Spur meines Schrittes eingeprägt zu haben ? « Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten Augen : » Jawohl - was haben Sie , was habe ich Ihnen nicht zugetraut ? « » Vorbei ! « er erhob von neuem sein gequältes Lachen . » Sie haben noch nie einen Menschen gesehen , mit dem es so völlig vorbei gewesen ist wie mit mir ... « » Es wird schon wieder anfangen « , sagte Lotti . » Sie wissen nicht , wie es in mir aussieht . « » Kommen Sie nur erst zur Ruhe . « » Die ist ' s ja , die ich fürchte ! ... Mit ihr kommt die Besinnung . In der rastlosen Tätigkeit , in der ich lebte , hatte ich wenigstens nicht Zeit zur Besinnung . Glauben Sie nicht , daß mir die Wohltat der Selbsttäuschung zuteil geworden ... Immer wieder , trotz allem , was ich tat , um ihn zu verscheuchen , immer wieder tauchte der Gedanke in mir auf : Was du treibst , ist Seelenmord ... Ich habe Stunden des Rausches , des Triumphes gehabt , aber glücklich , liebe Freundin , war ich nicht mehr , seitdem ich mein Talent im Dienste irdischer Zwecke zu fronen zwang . « Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung , allein diejenigen , die sie fand , erschienen ihr schwach und kühl und nicht besser als Gemeinplätze . Ihre Ohnmacht , zu trösten , äußerte sich durch Ablenkung von der Klage . Sie verwies ihn auf den segensreichen Einfluß , den das Landleben auf ihn ausüben werde , und da rief er plötzlich beistimmend ; » O ja , darauf zähl auch ich . Wonne und Wohltat wird mir die Stille des Landlebens sein . Vor allem andern wird es mich erquicken , meine kindische Frau am Ziel ihrer Wünsche zu sehen . Sie haßt die Stadt , diese kindische Frau ... Sie müssen sie draußen im Freien sehen ... Im Jagdgewand , den Stutzen in ihren kleinen Händen - ich sage Ihnen , sie schießt wie Wilhelm Tell . Oder man muß sie sehen , ein wildes Pferd bändigend , mit Weisheit und Geduld - oder den Wald durchstreifend , kühn wie ein Jäger und hold wie eine Fee . Das war mein Gram von Anfang an , daß ich sie aus ihrer grünen Heimstätte , in der sie aufgewachsen ist und aufgeblüht , wo sie sich gesund fühlt , hierherbringen mußte , in dieses steinerne Grab , in dem sie das Dasein einer Lerche im Käfig führt . « Sein Gesicht hatte sich verklärt , während er von seiner Frau sprach . » Ich liebe sie « , fügte er hinzu und wiederholte : » Ich liebe sie . Wie kann das sein ? denken Sie vielleicht , sie teilt ja deine geistigen Interessen nicht . Ein Kind , Teuerste , tut das auch nicht , und man liebt es doch . Sie ist das meine . Ein anderes wünsch ich nie zu haben , denn dieses würde gewiß lesen lernen wollen , und das - Sie begreifen - dürfte ich ihm nicht gestatten ... « Er unterbrach sich : » Immer mahnt es wieder ! « rief er heftig aus und versank in Schweigen . » Haben Sie Schweitzer gesprochen ? « fragte Lotti nach einiger Zeit . » Nein . Er schrieb nur einen Zettel mit der großen Nachricht , bedeutete mich aber , ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen . Einer seiner Klienten schießt einen Teil der Summe vor , die ich erhalten werde - wann ? ist wohl noch nicht bestimmt . Morgen soll der Kaufkontrakt unterschrieben werden , in acht Tagen reisen meine Schwiegereltern ab ... ein Schmerz für Agathe - ich möchte die Tränen nicht sehen müssen , die sie bei dem Abschied vergießen wird . Ist der aber einmal vorüber , dann habe ich sie erst ganz gewonnen , dann wird sie erst mein alleiniges Eigentum . Lachen Sie mich nicht aus , Fräulein Lotti - wenn auch noch soviel Grund dazu vorhanden ist . Die Liebe ist einmal partieller Wahnsinn , und der meine scheint mir unheilbar , denn er verschlimmert sich von Tag zu Tag . « » Um so besser , lieber Freund ; Sie haben mir da eine Menge Dinge gesagt , die mir wunderbare Beruhigung verschaffen . Bisher konnt ich eine leise Sorge nicht unterdrücken , daß Ihre Frau , noch so jung , so außerordentlich schön und gefeiert , wo immer sie erscheint , sich vielleicht doch auf die Dauer mit einem ganz stillen und einförmigen Leben nicht begnügen würde . « » Die Sorge war unbegründet ! « rief er zuversichtlich aus . » Besuchen Sie uns , kommen Sie und bleiben Sie lange bei uns . Überzeugen Sie sich , ob ich recht habe zu sagen : auf dem Lande ist Agathe in ihrem wahren Element . Etwas viel Sport werden Sie finden - sich vielleicht wundern , daß eine junge Dame so leidenschaftliches Interesse an Dingen nimmt , die freilich nicht eben von idealer Natur ... allein , Beste , das werden Sie zugestehen , die Freuden , die ihr die höchsten sind , sind sehr unschuldige . Man spielt dabei manchmal um sein Leben , aber nie um mehr . Ich wollt , ich hätte keine andere Begabung jemals in mir verspürt als diejenige , die man braucht , um ein tüchtiger Reiter oder Jäger zu werden . Bei Gott , das wollt ich ... « Er biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft . » So ist es « , murmelte er , erhob sich und trat auf Lotti zu . » Leben Sie wohl . Kommen Sie bald zu uns . « Sie ergriff die Hand , die er ihr reichte : » Leben Sie wohl , Halwig , und werden Sie gesund . « » Gesund ? « » Jawohl . Jetzt sind Sie ' s nicht . « Sie blickte mit der besorgten Teilnahme einer Mutter in sein Gesicht . » Eines sagen Sie mir noch : Wie gedenken Sie Ihr Leben einzurichten ? « » Sehr einfach . Ich will bei meinem Pächter Landwirtschaft studieren . Ich will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der Schule verfolgen . Ich will mit einem Worte allerlei nützliche Dinge betreiben . Da ich nie mehr etwas Schönes hervorbringen werde , will ich wenigstens versuchen , etwas Vernünftiges zu tun . « » Und warum sollten Sie nichts Schönes mehr hervorbringen ? « » Weil ich das Gefühl dafür verloren habe , dünkt mich ... das läßt sich nicht wiedergewinnen . « Er riß sich gewaltsam aus den trüben Gedanken , die ihn von neuem zu umweben begannen : » Auf Wiedersehen ! « » Auf Wiedersehen , lieber Halwig . Noch etwas muß ich Ihnen sagen ... Denken Sie sich , es wären Monate vergangen - Sie haben ausgeruht , haben einmal wieder tief und gewaltig empfunden , daß die Welt schön und das Leben etwas wert ist - und plötzlich beginnt es in Ihrer Seele zu tönen wie einst . Sie lauschen den Klängen , Sie wollen nichts , als sich umspinnen lassen von den lieblichen Harmonien und festhalten , was die Ihnen vorgesungen . Und ohne Ihr Zutun , fast ohne Ihr Bewußtsein , strömt ein harmloses Lied von Ihren Lippen , eines von denen , wie die Nachtigallen und die Dichter sie singen , und die Welt heute nicht mehr anhören mag , und die Verleger nicht mehr veröffentlichen . Ein solches , ein so ganz unpraktisches , muß es sein . Die Stunde , Freund , in welcher dieses Lied Ihnen gelingt , ist die Stunde Ihrer Wiedergeburt . Sie wird kommen . Ich will einmal Kassandra sein und prophezeien , aber lauter Gutes . Und jetzt gehen Sie . Auch ich bin erstaunlich müde und ruhebedürftig . « Er beugte sich über ihre Hände und küßte sie . - » Sie haben doch nicht ganz vergessen « , sagte er leise und innig , » daß Sie einst die Braut eines Poeten waren - aber ich bin keiner mehr . « Er ging , und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und wünschte ihr mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht . Der Wunsch blieb von der zürnenden Dienerin unerwidert , und dennoch schlief Lotti bis zum Morgen in einem Zuge . Sie hatte von ihren Uhren geträumt , sich wieder im Besitz derselben gesehen , und ihr wurde nichts weniger als froh zumute , als sie am folgenden Tage beim Frühstück saß , dem leeren Schranke gegenüber . Gottfried kam , sah verlegen aus , machte im Gespräch noch längere Pausen als gewöhnlich , hatte eine Welt auf dem Herzen und war nicht imstande , ein befreiendes Wort zu sprechen . » Was fehlt dir ? « fragte Lotti . » Brave Gesellen « , antwortete er mit verstörten Blicken . » Es ist nichts an den Leuten . Kein Ernst , kein Geschick , keine Liebe zum Handwerk . Sie können nichts und wollen nichts lernen . Wenn das der Nachwuchs ist , wohin gelangen wir ? In fünfzehn Jahren gibt es in der ganzen Stadt keinen tüchtigen Uhrmacher mehr . « Das war nun freilich sehr traurig , aber daß ihm die Sache so völlig seine Seelenruhe raubte , wie es nach und nach immer mehr den Anschein gewann , nahm Lotti doch wunder . Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu fragen : » Was fehlt dir ? « erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid . Seit dem Tage , an dem sie ihre Uhren verkauft hatte , war Gottfrieds gleichmäßig heitere Laune dahin . Wie von jeher widmete er Lotti seine ganze Sorgfalt , suchte ihr alles Unangenehme fernzuhalten , blieb immer der getreueste und aufmerksamste Freund , aber bei alledem äußerte sich doch manchmal , und gewiß ganz gegen seinen Willen , etwas wie ein stiller Vorwurf in seinem Wesen . Lotti hatte ihn wohl schon in früheren Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld niemals unterdrücken können . Jetzt empfand sie nur Rührung und Bedauern und staunte im stillen über die Veränderung , die mit ihr vorgegangen war . 14 Die Tage vergingen einförmig . Lotti führte ihr stilles Leben fort . Die einzige Veränderung darin brachten die Besuche des Advokaten Schweitzer hervor . Er kam sehr oft , zu Gottfrieds großer Befriedigung . Dieser hatte für ihn eine Liebe gefaßt , kaum minder plötzlich wie die Romeos zu Julien , und äußerte dieselbe in seiner beredten Weise : » Der ja ! - ja der - das ist einer ! « Der Doktor brachte Nachrichten von Halwigs . Das junge Paar befand sich auf dem Gute ; die Schwiegereltern waren nach England abgesegelt . Schweitzer beschäftigte sich mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten . Sobald er damit fertiggeworden , wollte er eine Reise nach dem Norden unternehmen , die heißen Sommermonate in Norwegen oder gar in Island zubringen . Er sagte , seine Nerven bedürften der Stärkung . » Ich bin nervenkrank wie alle Leute : Sie allein ausgenommen und Gottfried , und vielleicht Ihre alte Agnes . « » Nun , ich weiß nicht « , meinte Lotti und ließ ihre Augen von ihm auf Gottfried hinübergleiten . Mit dessen Nerven , dachte sie , stände es auch nicht zum besten . Er war so eigen , schien oft selbst nicht zu wissen , was er wollte . Mehrmals schon hatte ihm Lotti Briefe von Halwig und Agathe vorgelegt , in welchen Fräulein Feßler beschworen wurde , zu ihnen zu kommen und einige Tage bei ihnen zuzubringen . Gottfried hatte nie etwas anderes dazu gesagt als : » Ja , sie sind sehr höflich « , und : » Wann gehst du ? « Aber dies geschah , in so gepreßtem Tone , daß Lotti immer wieder statt : » Morgen « , wie sie gewollt : » Ich weiß es noch nicht « , antwortete . Endlich kam ein so herzliches und warmes Einladungsschreiben , von den beiden Gatten unterzeichnet , daß Lotti , entschlossen , sich nicht länger bitten zu lassen , noch am selben Abend zu ihrer Dienerin sprach : » Agnes , morgen fahre ich um 8 Uhr mit dem Frühzuge fort . Wenn Gottfried vormittags nach mir fragt , sagst du ihm , ich sei bei Halwigs und käme um sechs Uhr abends zurück . Wenn er mich auf dem Bahnhof erwarten will , so wird mich das sehr freuen . « Agnes war überaus zufrieden mit diesem Auftrage . In ihrer Einbildung schwelgte sie schon im Genusse des Erstaunens , mit dem Gottfried ihre Botschaft vernehmen , und der Fragen , die er an sie stellen werde . Sie bereitete sich sogleich auf die Künste vor , mit denen sie dasselbe noch erhöhen wollte , und schlief mit dem heißen Wunsche ein , daß ihr nur das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen möge . Dieser Wunsch erfüllte sich vollständig . Der schönste Tag , welchen der junge Sommer dieses Jahres noch gespendet , brach am nächsten , einem Sonntagmorgen , an . Die herrlichste Junisonne glänzte , der reinste Himmel blaute über dem schnaubenden , dampfenden Eisenbahnzuge , der Lotti aus der Stadt entführte . Nach zweistündiger Fahrt war sie an der kleinen Station angelangt , in deren Nähe das Gut Halwigs sich befand . Dahin , wie Lotti durch Schweitzer wußte , führte ein bequemer Feldweg , und sie hatte sich vorgenommen , die kurze Strecke zu Fuße zurückzulegen . Irrezugehen war unmöglich . Die Villa lag in dem grünen Wiesenland weithin sichtbar , wie eine Perle im offenen Schreine . Munter begab sich Lotti auf die Wanderung . Sie fühlte sich erquickt durch die rasche Bewegung und auch ein wenig berauscht durch die ungewohnte kräftige Luft . Sie war allmählich in die gehobene Stimmung geraten , die beinahe jedes Stadtkind erfaßt , wenn es plötzlich aus seiner ummauerten in die unbegrenzte Welt versetzt wird . Die atmet Frische und Freudigkeit und teilt einem empfänglichen Gemüt schon etwas davon mit . Alles so freundlich und üppig bewachsen oder bewaldet , die Weiden , die Auen und der Gürtel von wellenförmigen Hügeln , der die liebliche Gegend umschloß . Das Schönste aber , das war die gewaltige Bergkette im fernen Hintergrund . Kaum zu unterscheiden von den Wolkengebilden am Horizont lag sie in silberner Dämmerung wie ein Wunder da , und wie ein Wunder schien von ihr ein sehnsuchtweckender Zauber auszugehen . Lotti näherte sich der Villa . Zwei Fahnen wehten von ihren schlanken Türmchen und verkündeten , daß Herr und Frau vom Hause anwesend seien . Der Weg führte an der Umzäunung des Gartens , einem feinen Drahtgitter auf niederem Mauersockel , vorbei . Lotti schritt denselben entlang und kam bei dem geöffneten Tor zugleich mit einem Reiter an , der sich vom Hause her genähert hatte . Dieser , ein kleines , dürres Männchen , hielt seinen langhalsigen Braunen , welcher schnob , als ob er Feuer geschluckt hätte , ein wenig an , um Lotti eintreten zu lassen . Ohne die Kappe zu rücken , aber mit gutmütiger Herablassung beantwortete er die Fragen der Fremden . Die » Herrschaften « waren ins nächste Dorf zur Kirche gegangen und dürften in einer Stunde zurückkehren . Länger bleiben sie schwerlich fort , denn um zwölf Uhr wird gefrühstückt . Eine Stunde warten also ! - das ist im Grunde so schlimm nicht . Man kann die Zeit benützen , um den Garten anzusehen , und nebenbei um ein wenig auszuruhen . Von dem breiten Kieswege der Avenue lenkte Lotti in einen schmaleren ein . Kein Mensch war sichtbar , soweit sie blickte , ringsumher herrschte die echte , ländliche Sonntagseinsamkeit . Lotti kam an einem herrlichen Tulpenbaum vorüber und betrat einen Fichtenhain , dessen kühler Schatten sie lockte . Unter den Bäumen stand eine eiserne Bank , auf diese ließ sie sich nieder . Es ist doch ein gutes Ding , das Land ! dachte sie und atmete tief und sah sich mit Entzücken in ihrer stillen Raststätte um . Die Fichten waren der unteren Äste schon beraubt , aber junger Nachwuchs bildete von außen einen Halbkreis um den Hain , exotische Topfpflanzen füllten die kahlen Stellen zwischen den Stämmen der alten Bäume . Zarte , südländische Palmen , Ficus , Daphnen , Begonien ließen sich ' s wohl sein im Schutze der nordischen Riesen . Die Königin der Araucarien , die Excelsia , breitete ihre farrenkrautähnlichen Zweige in majestätischer Anmut aus . Harzgeruch erfüllte die Luft , die Vögel sangen , im Grase schwirrte und summte es . Mit reichgefülltem Gurt kehrten emsige Bienen vom Besuche der blühenden Sommerlinden heim . Alles eifrig , alles beschäftigt , alles , was da schwebte , flog und kroch , sich selber so wichtig und so kühn in seiner Schwäche , so unverdrossen in der Ausübung seiner kleinen Kräfte . Lotti schaute und lauschte und gab sich völlig dem Gefühl der süßesten Ruhe hin . Still genoß sie die köstliche Stunde , dieses bewegte , rastlose und doch so friedvolle Leben und Weben um sie her ... halb unbewußt , gedankenlos ... da plötzlich erklang aus der Ferne das Geläute eines Glöckleins . Zwölf Uhr . - In zwei Stunden muß sie fort , Gottfried erwartet sie , und das darf nicht umsonst geschehen . Er hat eine herbe Enttäuschung gehabt , als er kam und sie nicht zu Hause traf . Er wird die Zeit sehr lang finden und sich gewiß mit der Vorstellung quälen , daß sie nicht kommt . Aber sie wird kommen ! und wenn sie scheiden müßte , ohne diejenigen gesehen zu haben , denen zuliebe sie eine Art von Flucht unternommen hat . Diese sind übrigens vielleicht schon längst von ihrem Kirchgang zurück , warum bildet Lotti sich denn ein , daß sie gerade hier vorüberkommen müssen ? Sie erhob sich , um den Hain zu verlassen , und im selben Augenblick vernahm sie das Gleiten langsamer Schritte über den Kies und sah ein weißes Kleid durch die Zweige der kleinen Bäume schimmern . Halwig und Agathe näherten sich , schon waren ihre Stimmen deutlich zu unterscheiden . Lotti eilte ihnen entgegen , war aber noch nicht auf dem Wege angelangt , als sie zögernd stehenblieb . Die beiden Menschen , die da einherwandelten , boten den seltensten Anblick , der auf Erden zu finden ist : den des vollkommenen Glückes . Sie hielten einander umschlungen . Sein Kopf war leicht geneigt , der ihre leicht erhoben , sie sahen einander in die Augen und flüsterten sich lächelnd und leise einzelne Worte zu . Sie schienen sich in Ausdrücken der Zärtlichkeit überbieten zu wollen , allein ihr Wetteifer hatte nichts Unruhiges , nichts Stürmisches . In diesem Kampf zu siegen oder zu unterliegen mußte gleich süß sein . Da war kein Ringen , kein Sehnen , kein banger Zweifel , da war Erfüllung mit ihrem himmlischen Frieden . Sie kamen näher , ganz nah . Lotti meinte , von ihnen bemerkt worden zu sein ... doch irrte sie . Hermann und Agathe gingen vorbei , jedes blind für alles , was nicht das andere war , jedes dem andern eine ganze Welt . Nun waren sie am Ende des Weges angelangt , schritten über den Vorplan - verschwanden im Hause . Lotti folgte ihnen nicht . Was soll ich bei euch , dachte sie , ihr braucht keinen Dritten . Einige Zeit verweilte sie noch , sinnend und träumend , in dem Haine , der ihr zuerst eine traute Gastfreundschaft und später , ohne daß sie es gewollt und gesucht , ein sicheres Versteck geboten hatte , dann trat sie ruhig den Rückweg an . Die Hitze war drückend geworden . Lotti schlich mehr , als sie ging , sie hatte ja keine Eile ; kam immer noch zu dem ausbündigen Vergnügen zurecht , ein paar Stunden lang vor dem Stationshäuschen auf und ab zu wandeln . Weit und breit kein Schatten , nur Wiesen und Felder . Nichts als schon in ziemlicher Nähe der Station , neben dem Grenzpfahl des Halwigschen Besitzes , ein steinernes Kreuz , von vier jungen Pappeln umgeben . Dort ließ sich ebenfalls ein wenig rasten , aber nicht im Schatten : davon war nicht die Rede , die Sonne stand ja noch im Scheitel . Gleichviel . Eine Landstreicherin , wie Lotti nachgerade geworden , dankt Gott auch für die Wohltat , auf steinerne Stufen gelagert , die Zeit , deren sie zuviel hat , an sich vorüberziehen zu lassen . Sie trat an das Kreuz heran und bemerkte bald , daß sie keinen besseren Punkt hätte finden können , um Villa Halwig noch einmal recht nach Herzenslust zu betrachten . Das tat sie lange , und das innigste Gebet für die Erhaltung fremden Glückes , das einer Menschenbrust entsteigen kann , wurde zu Füßen des steinernen Kreuzes gesprochen . Sodann setzte Lotti ihren Weg fort . Sie begann ihre ganze Ausfahrt höchst drollig zu finden . Die Einladungen Halwigs und Agathens hatten sie mit dem Gefühl einer Verpflichtung belastet , dem sie gemeint durchaus genugtun zu müssen . So hatte sie sich denn aufgemacht , war gekommen und hatte , statt der sehnsüchtig ihrer wartenden Freunde , ein Liebespärchen gefunden , das verspätete Honigwochen beging und dem man keinen größeren Gefallen erzeigen konnte , als es allein zu lassen . Sie kam sich ein wenig lächerlich vor , die gute Lotti , aber was schadet das einer so anspruchslosen Persönlichkeit wie ihr ? - Nicht das geringste ; und sie lachte im stillen und fühlte sich seelenvergnügt , obwohl von einem gewissen Unbehagen ergriffen , das - ein klägliches Ende ihrer poetischen Pilgerfahrt - durch ganz prosaischen Hunger hervorgerufen wurde . Sie beschleunigte ihre Schritte . Ihre Absicht war , an der Tür des Stationshäuschens zu pochen und von seinen Einwohnern für Geld und gute Worte eine kleine Stärkung zu erlangen . Das Pochen blieb