Pah ! pah ! das muß sich das Mamsellchen nicht so zu Herzen nehmen , nur lustig , das ist die Hauptsache ! Sie hat mir eben jetzt auch fast ein Loch in den Kopf gerannt ; aber nur nicht einschüchtern lassen ! Na ? immer noch auf demselben Fleck ? Wir müssen hinauf , sie hat ' s befohlen . « Heidi ging nun die Treppe hinauf , aber langsam und leise und gar nicht wie sonst seine Art war . Das tat dem Sebastian leid zu sehen ; er ging hinter dem Heidi her und sprach ermutigende Worte zu ihm : » Nur nicht abgeben ! Nur nicht traurig werden ! Nur immer tapfer darauf zu ! Wir haben ja ein ganz vernünftiges Mamsellchen , hat noch gar nie geweint , seit es bei uns ist ; sonst weinen sie ja zwölfmal im Tag in dem Alter , das kennt man . Die Kätzchen sind auch lustig droben , die springen auf dem ganzen Estrich herum und tun wie närrisch . Nachher gehen wir mal zusammen hinauf und schauen ihnen zu , wenn die Dame drinnen weg ist , ja ? « Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf , aber so freudlos , daß es dem Sebastian recht zu Herzen ging und er ganz teilnehmend dem Heidi nachschaute , wie es nach seinem Zimmer hinschlich . Am Abendessen heute sagte Fräulein Rottenmeier kein Wort , aber fortwährend warf sie sonderbar wachsame Blicke zu Heidi hinüber , so als erwartete sie , es könnte plötzlich etwas Unerhörtes unternehmen ; aber Heidi saß mäuschenstill am Tisch und rührte sich nicht , es aß nicht und trank nicht ; nur sein Brötchen hatte es schnell in die Tasche gesteckt . Am folgenden Morgen , als der Herr Kandidat die Treppe heraufkam , winkte ihn Fräulein Rottenmeier geheimnisvoll ins Eßzimmer herein , und hier teilte sie ihm in großer Aufregung ihre Besorgnis mit , die Luftveränderung , die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrücke hätten das Kind um den Verstand gebracht , und sie erzählte ihm von Heidis Fluchtversuch und wiederholte ihm von seinen sonderbaren Reden , was sie noch wußte . Aber der Herr Kandidat besänftigte und beruhigte Fräulein Rottenmeier , indem er sie versicherte , daß er die Wahrnehmung gemacht habe , die Adelheid sei zwar einerseits allerdings eher exzentrisch , aber anderseits doch wieder bei richtigem Verstand , so daß sich nach und nach bei einer allseitig erwogenen Behandlung das nötige Gleichgewicht einstellen könne , was er im Auge habe ; er finde den Umstand wichtiger , daß er durchaus nicht über das Abc hinauskomme mit ihr , indem sie die Buchstaben nicht zu fassen imstande sei . Fräulein Rottenmeier fühlte sich beruhigter und entließ den Herrn Kandidaten zu seiner Arbeit . Am späteren Nachmittag stieg ihr die Erinnerung an Heidis Aufzug bei seiner vorgehabten Abreise auf , und sie beschloß , die Gewandung des Kindes durch verschiedene Kleidungsstücke der Klara in den nötigen Stand zu setzen , bevor Herr Sesemann erscheinen würde . Sie teilte ihre Gedanken darüber an Klara mit , und da diese mit allem einverstanden war und dem Heidi eine Menge Kleider und Tücher und Hüte schenken wollte , verfügte sich die Dame in Heidis Zimmer , um seinen Kleiderschrank zu besehen und zu untersuchen , was da von dem Vorhandenen bleiben und was entfernt werden solle . Aber in wenig Minuten kam sie wieder zurück mit Gebärden des Abscheus . » Was muß ich entdecken , Adelheid ! « rief sie aus . » Es ist nie dagewesen ! In deinem Kleiderschrank , einem Schrank für Kleider , Adelheid , im Fuß dieses Schrankes , was finde ich ? Einen Haufen kleiner Brote ! Brot , sage ich , Klara , im Kleiderschrank ! Und einen solchen Haufen aufspeichern ! « - » Tinette « , rief sie jetzt ins Eßzimmer hinaus , » schaffen Sie mir das alte Brot fort aus dem Schrank der Adelheid und den zerdrückten Strohhut auf dem Tisch ! « » Nein ! Nein ! « schrie Heidi auf ; » ich muß den Hut haben , und die Brötchen sind für die Großmutter « , und Heidi wollte der Tinette nachstürzen , aber es wurde von Fräulein Rottenmeier festgehalten . » Du bleibst hier und der Kram wird hingebracht , wo er hingehört « , sagte sie bestimmt und hielt das Kind zurück . Aber nun warf sich Heidi an Klaras Sessel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an , immer lauter und schmerzlicher , und schluchzte ein Mal ums andere in seinem Jammer auf : » Nun hat die Großmutter keine Brötchen mehr . Sie waren für die Großmutter , nun sind sie alle fort und die Großmutter bekommt keine ! « und Heidi weinte auf , als wollte ihm das Herz zerspringen . Fräulein Rottenmeier lief hinaus . Klara wurde es angst und bange bei dem Jammer . » Heidi , Heidi , weine nur nicht so « , sagte sie bittend , » hör mich nur ! Jammere nur nicht so , sieh , ich verspreche dir , ich gebe dir gerade so viel Brötchen für die Großmutter , oder noch mehr , wenn du einmal heimgehst , und dann sind diese frisch und weich , und die deinen wären ja ganz hart geworden und waren es schon . Komm , Heidi , weine nur nicht mehr so ! « Heidi konnte noch lange nicht aus seinem Schluchzen herauskommen ; aber es verstand Klaras Trost und hielt sich daran , sonst hätte es gar nicht mehr zu weinen aufhören können . Es mußte auch noch mehrere Male seiner Hoffnung gewiß werden und Klara , durch die letzten Anfälle von Schluchzen unterbrochen , fragen : » Gibst du mir so viele , viele , wie ich hatte , für die Großmutter ? « Und Klara versicherte immer wieder : » Gewiß , ganz gewiß , noch mehr , sei nur wieder froh ! « Noch zum Abendtisch kam Heidi mit den rot-verweinten Augen , und als es sein Brötchen erblickte , mußte es gleich noch einmal aufschluchzen . Aber es bezwang sich jetzt mit Gewalt , denn es verstand , daß es sich am Tisch ruhig verhalten mußte . Sebastian machte heute jedesmal die merkwürdigsten Gebärden , wenn er in Heidis Nähe kam ; er deutete bald auf seinen , bald auf Heidis Kopf , dann nickte er wieder und kniff die Augen zu , so als wollte er sagen : » Nur getrost ! Ich hab ' s schon gemerkt und besorgt . « Als Heidi später in sein Zimmer kam und in sein Bett steigen wollte , lag sein zerdrücktes Strohhütchen unter der Decke versteckt . Mit Entzücken zog es den alten Hut hervor , zerdrückte ihn vor lauter Freude noch ein wenig mehr und versteckte ihn dann , in ein Taschentüchlein eingewickelt , in die allerhinterste Ecke seines Schrankes . Das Hütchen hatte der Sebastian unter die Decke gesteckt ; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Eßzimmer gewesen , als diese gerufen wurde , und hatte Heidis Jammerruf vernommen . Dann war er Tinette nachgegangen , und als sie aus Heidis Zimmer heraustrat mit ihrer Brotlast und dem Hütchen oben darauf , hatte er schnell dieses weggenommen und ihr zugerufen : » Das will ich schon forttun . « Darauf hatte er es in aller Freude für Heidi gerettet , was er ihm beim Abendessen zur Erheiterung andeuten wollte . Der Hausherr hört allerlei in seinem Hause , das er noch nicht gehört hat Einige Tage nach diesen Ereignissen war im Hause Sesemann große Lebendigkeit und ein eifriges Treppauf- und Treppabrennen , denn eben war der Hausherr von seiner Reise zurückgekehrt und aus dem bepackten Wagen wurde von Sebastian und Tinette eine Last nach der anderen hinaufgetragen , denn Herr Sesemann brachte immer eine Menge schöner Sachen mit nachhause . Er selbst war vor allem in das Zimmer seiner Tochter eingetreten , um sie zu begrüßen . Heidi saß bei ihr , denn es war die Zeit des späten Nachmittags , da die beiden immer zusammen waren . Klara begrüßte ihren Vater mit großer Zärtlichkeit , denn sie liebte ihn sehr , und der gute Papa grüßte sein Klärchen nicht weniger liebevoll . Dann streckte er seine Hand dem Heidi entgegen , das sich leise in eine Ecke zurückgezogen hatte , und sagte freundlich : » Und das ist unsre kleine Schweizerin ; komm her , gib mir mal eine Hand ! So ist ' s recht ! Nun sag mir mal , seid ihr auch gute Freunde zusammen , Klara und du ? Nicht zanken und böse werden , und dann weinen und dann versöhnen , und dann wieder von vorn anfangen , nun ? « » Nein , Klara ist immer gut mit mir « , entgegnete Heidi . » Und Heidi hat auch noch gar nie versucht , zu zanken , Papa « , warf Klara schnell ein . » So ist ' s gut , das hör ' ich gern « , sagte der Papa , indem er aufstand . » Nun mußt du aber erlauben , Klärchen , daß ich etwas genieße ; heute habe ich noch nichts bekommen . Nachher komm ' ich wieder zu dir und du sollst sehen , was ich mitgebracht habe ! « Herr Sesemann trat ins Eßzimmer ein , wo Fräulein Rottenmeier den Tisch überschaute , der für sein Mittagsmahl gerüstet war . Nachdem Herr Sesemann sich niedergelassen und die Dame ihm gegenüber Platz genommen hatte und aussah wie ein lebendiges Mißgeschick , wandte sich der Hausherr zu ihr : » Aber Fräulein Rottenmeier , was muß ich denken ? Sie haben zu meinem Empfang ein wahrhaft erschreckendes Gesicht aufgesetzt . Wo fehlt es denn ? Klärchen ist ganz munter . « » Herr Sesemann « , begann die Dame mit gewichtigem Ernst , » Klara ist mit betroffen , wir sind fürchterlich getäuscht worden . « » Wie so ? « fragte Herr Sesemann und trank in aller Ruhe einen Schluck Wein . » Wir hatten ja beschlossen , wie Sie wissen , Herr Sesemann , eine Gespielin für Klara ins Haus zu nehmen , und da ich ja weiß , wie sehr Sie darauf halten , daß nur Gutes und Edles Ihre Tochter umgebe , hatte ich meinen Sinn auf ein junges Schweizermädchen gerichtet , indem ich hoffte , eines jener Wesen bei uns eintreten zu sehen , von denen ich schon so oft gelesen , welche , der reinen Bergluft entsprossen , so zu sagen , ohne die Erde zu berühren , durch das Leben gehen . « » Ich glaube zwar « , bemerkte hier Herr Sesemann , » daß auch die Schweizerkinder den Erdboden berühren , wenn sie vorwärts kommen wollen ; sonst wären ihnen wohl Flügel gewachsen statt der Füße . « » Ach , Herr Sesemann , Sie verstehen mich wohl « , fuhr das Fräulein fort ; » ich meinte eine jener so bekannten , in den hohen , reinen Bergregionen lebenden Gestalten , die nur wie ein idealer Hauch an uns vorüberziehen . « » Was sollte aber meine Klara mit einem idealen Hauch anfangen , Fräulein Rottenmeier ? « » Nein , Herr Sesemann , ich scherze nicht , die Sache ist mir ernster , als Sie denken ; ich bin schrecklich , wirklich ganz schrecklich getäuscht worden . « » Aber worin liegt denn das Schreckliche ? So gar erschrecklich sieht mir das Kind nicht aus « , bemerkte ruhig Herr Sesemann . » Sie sollten nur eines wissen , Herr Sesemann , nur das eine , mit was für Menschen und Tieren dieses Wesen Ihr Haus in Ihrer Abwesenheit bevölkert hat ; davon könnte der Herr Kandidat erzählen . « » Mit Tieren ? Wie muß ich das verstehen , Fräulein Rottenmeier ? « » Es ist eben nicht zu verstehen ; die ganze Aufführung dieses Wesens wäre nicht zu verstehen , wenn nicht aus dem einen Punkte , daß es Anfälle von völliger Verstandesgestörtheit hat . « Bis hierher hatte Herr Sesemann die Sache nicht für wichtig gehalten ; aber Gestörtheit des Verstandes ? eine solche konnte ja für seine Tochter die bedenklichsten Folgen haben . Herr Sesemann schaute Fräulein Rottenmeier sehr genau an , so , als wollte er sich erst versichern , ob nicht etwa bei ihr eine derartige Störung zu bemerken sei . In diesem Augenblick wurde die Tür aufgetan und der Herr Kandidat angemeldet . » Ah , da kommt unser Herr Kandidat , der wird uns Aufschluß geben ! « rief ihm Herr Sesemann entgegen . » Kommen Sie , kommen Sie , setzen Sie sich zu mir ! « Herr Sesemann streckte dem Eintretenden die Hand entgegen . » Der Herr Kandidat trinkt eine Tasse schwarzen Kaffee mit mir , Fräulein Rottenmeier ! Setzen Sie sich , setzen Sie sich , - keine Komplimente ! Und nun sagen Sie mir , Herr Kandidat , was ist mit dem Kinde , das als Gespielin meiner Tochter ins Haus gekommen ist und das Sie unterrichten . Was hat es für eine Bewandtnis mit den Tieren , die es ins Haus gebracht , und wie steht es mit seinem Verstand ? « Der Herr Kandidat mußte erst seine Freude über Herrn Sesemanns glückliche Rückkehr aussprechen und ihn willkommen heißen , weswegen er ja gekommen war ; aber Herr Sesemann drängte ihn , daß er ihm Aufschluß gebe über die fraglichen Punkte . So begann denn der Herr Kandidat : » Wenn ich mich über das Wesen dieses jungen Mädchens aussprechen soll , Herr Sesemann , so möchte ich vor allem darauf aufmerksam machen , daß , wenn auch auf der einen Seite sich ein Mangel der Entwicklung , welcher durch eine mehr oder weniger vernachlässigte Erziehung , oder besser gesagt , etwas verspäteten Unterricht verursacht und durch die mehr oder weniger , jedoch durchaus nicht in jeder Beziehung zu verurteilende , im Gegenteil ihre guten Seiten unstreitig dartuende Abgeschiedenheit eines längeren Alpenaufenthalts , welcher , wenn er nicht eine gewisse Dauer überschreitet , ja ohne Zweifel seine gute Seite - « » Mein lieber Herr Kandidat « , unterbrach hier Herr Sesemann , » Sie geben sich wirklich zu viel Mühe ; sagen Sie mir , hat auch Ihnen das Kind einen Schrecken beigebracht durch eingeschleppte Tiere , und was halten Sie überhaupt von diesem Umgang für mein Töchterchen ? « » Ich möchte dem jungen Mädchen in keiner Art zu nahe treten « , begann der Herr Kandidat wieder , » denn wenn es auch auf der einen Seite in einer Art von gesellschaftlicher Unerfahrenheit , welche mit dem mehr oder weniger unkultivierten Leben , in welchem das junge Mädchen bis zu dem Augenblick seiner Versetzung nach Frankfurt sich bewegte , welche Versetzung allerdings in die Entwicklung dieses , ich möchte sagen noch völlig , wenigstens teilweise unentwickelten , aber anderseits mit nicht zu verachtenden Anlagen begabten und wenn allseitig umsichtig geleitet - « » Entschuldigen Sie , Herr Kandidat , bitte , lassen Sie sich nicht stören , ich werde - ich muß schnell einmal nach meiner Tochter sehen . « Damit lief Herr Sesemann zur Tür hinaus und kam nicht wieder . Drüben im Studierzimmer setzte er sich zu seinem Töchterchen hin ; Heidi war aufgestanden . Herr Sesemann wandte sich nach dem Kinde um : » Hör mal , Kleine , hol mir doch schnell - wart einmal - hol mir mal « - ( Herr Sesemann wußte nicht recht , was er bedurfte , Heidi sollte aber ein wenig ausgeschickt werden ) - » hol mir doch mal ein Glas Wasser . « » Frisches ? « fragte Heidi . » Ja wohl ! Ja wohl ! Recht frisches ! « gab Herr Sesemann zurück . Heidi verschwand . » Nun , mein liebes Klärchen « , sagte der Papa , indem er ganz nah an sein Töchterchen heranrückte und dessen Hand in die seinige legte , » sag du mir klar und faßlich : was für Tiere hat diese deine Gespielin ins Haus gebracht und warum muß Fräulein Rottenmeier denken , sie sei zeitweise nicht ganz recht im Kopf ; kannst du mir das sagen ? « Das konnte Klara , denn die erschrockene Dame hatte auch ihr von Heidis sich verwirrenden Reden gesprochen , die aber für Klara alle einen Sinn hatten . Sie erzählte erst dem Vater die Geschichten von der Schildkröte und den jungen Katzen und erklärte ihm dann Heidis Reden , welche die Dame so erschreckt hatten . Jetzt lachte Herr Sesemann herzlich . » So willst du nicht , daß ich das Kind nachhaus ' schicke , Klärchen , du bist seiner nicht müde ? « fragte der Vater . » Nein , nein , Papa , tu nur das nicht ! « rief Klara abwehrend aus . » Seit Heidi da ist , begegnet immer etwas , jeden Tag und es ist so kurzweilig , ganz anders als vorher , da begegnete nie etwas , und Heidi erzählt mir auch so viel . « » Schon gut , schon gut , Klärchen , da kommt ja auch deine Freundin schon wieder . Na , schönes , frisches Wasser geholt ? « fragte Herr Sesemann , da ihm Heidi nun ein Glas Wasser hinstreckte . » Ja , frisch vom Brunnen « , antwortete Heidi . » Du bist doch nicht selbst zum Brunnen gelaufen , Heidi ? « sagte Klara . » Doch gewiß , es ist ganz frisch , aber ich mußte weit gehen , denn am ersten Brunnen waren so viele Leute . Da ging ich die Straße ganz hinab , aber beim zweiten waren wieder so viele Leute ; da ging ich in die andere Straße hinein und dort nahm ich Wasser , und der Herr mit den weißen Haaren läßt Herrn Sesemann freundlich grüßen . « » Na , die Expedition ist gut « , lachte Herr Sesemann , » und wer ist denn der Herr ? « » Er kam beim Brunnen vorbei und dann stand er still und sagte : Weil du doch ein Glas hast , so gib mir auch einmal zu trinken ; wem bringst du dein Glas Wasser ? Und ich sagte : Herrn Sesemann . Da lachte er sehr stark , und dann sagte er den Gruß und auch noch , Herr Sesemann solle sich ' s schmecken lassen . « » So , und wer läßt mir denn wohl den guten Wunsch sagen ? Wie sah der Herr denn weiter aus ? « fragte Herr Sesemann . » Er lacht freundlich und hat eine dicke goldene Kette und ein goldenes Ding hängt daran mit einem großen roten Stein und auf seinem Stock ist ein Roßkopf . « » Das ist der Herr Doktor « - » Das ist mein alter Doktor « , sagten Klara und ihr Vater wie aus einem Munde , und Herr Sesemann lachte noch ein wenig in sich hinein im Gedanken an seinen Freund und dessen Betrachtungen über diese neue Weise , seinen Wasserbedarf sich zuführen zu lassen . Noch an demselben Abend erklärte Herr Sesemann , als er allein mit Fräulein Rottenmeier im Eßzimmer saß , um allerlei häusliche Angelegenheiten mit ihr zu besprechen , die Gespielin seiner Tochter werde im Hause bleiben ; er finde , das Kind sei in einem normalen Zustand und seine Gesellschaft sei seiner Tochter sehr lieb und angenehmer , als jede andere . » Ich wünsche daher « , setzte Herr Sesemann sehr bestimmt hinzu , » daß dieses Kind jederzeit durchaus freundlich behandelt und seine Eigentümlichkeiten nicht als Vergehen betrachtet werden . Sollten Sie übrigens mit dem Kinde nicht allein fertig werden , Fräulein Rottenmeier , so ist ja eine gute Hilfe für Sie in Aussicht , da in nächster Zeit meine Mutter zu ihrem längeren Aufenthalt in mein Haus kommt , und meine Mutter wird mit jedem Menschen fertig , wie er sich auch anstelle , das wissen Sie ja wohl , Fräulein Rottenmeier ? « » Ja wohl , das weiß ich , Herr Sesemann « , entgegnete die Dame , aber nicht mit dem Ausdruck der Erleichterung im Hinblick auf die angezeigte Hilfe . - Herr Sesemann hatte diesmal nur eine kurze Zeit Ruhe zuhause , schon nach vierzehn Tagen riefen ihn seine Geschäfte wieder nach Paris , und er tröstete sein Töchterchen , das mit der nahen Abreise nicht einverstanden war , mit der Aussicht auf die baldige Ankunft der Großmama , die schon nach einigen Tagen erwartet werden konnte . Kaum war auch Herr Sesemann abgereist , als schon der Brief anlangte , der die Abreise der Frau Sesemann aus Holstein , wo sie auf einem alten Gute wohnte , anzeigte und die bestimmte Zeit ihrer Ankunft auf den folgenden Tag meldete , damit der Wagen nach dem Bahnhof geschickt würde , um sie abzuholen . Klara war voller Freude über die Nachricht und erzählte noch an demselben Abend dem Heidi so viel und so lange von der Großmama , daß Heidi auch anfing , von der » Großmama « zu reden , worauf Fräulein Rottenmeier Heidi mit Mißbilligung anblickte , was aber das Kind auf nichts Besonderes bezog , denn es fühlte sich unter fortdauernder Mißbilligung der Dame . Als es sich dann später entfernte , um in sein Schlafzimmer zu gehen , berief Fräulein Rottenmeier es erst in das ihrige herein und erklärte ihm hier , es habe niemals den Namen » Großmama « anzuwenden , sondern wenn Frau Sesemann nun da sei , habe es sie stets » gnädige Frau « anzureden . » Verstehst du das ? « fragte die Dame , als Heidi sie etwas zweifelhaft ansah ; sie gab ihm aber einen so abschließenden Blick zurück , daß Heidi sich keine Erklärung mehr erbat , obschon es den Titel nicht verstanden hatte . Eine Großmama Am folgenden Abend waren große Erwartungen und lebhafte Vorbereitungen im Hause Sesemann sichtbar , man konnte deutlich bemerken , daß die erwartete Dame ein bedeutendes Wort im Hause mitzusprechen hatte und daß jedermann großen Respekt vor ihr empfand . Tinette hatte ein ganz neues , weißes Deckelchen auf den Kopf gesetzt , und Sebastian raffte eine Menge von Schemeln zusammen und stellte sie an alle passenden Stellen hin , damit die Dame gleich einen Schemel unter den Füßen finde , wohin sie sich auch setzen möge . Fräulein Rottenmeier ging zur Musterung der Dinge sehr aufrecht durch die Zimmer , so wie um anzudeuten , daß , wenn auch eine zweite Herrschermacht herannahe , die ihrige dennoch nicht am Erlöschen sei . Jetzt rollte der Wagen vor das Haus , und Sebastian und Tinette stürzten die Treppe hinunter ; langsam und würdevoll folgte Fräulein Rottenmeier nach , denn sie wußte , daß auch sie zum Empfang der Frau Sesemann zu erscheinen hatte . Heidi war beordert worden , sich in sein Zimmer zurückzuziehen und da zu warten , bis es gerufen würde , denn die Großmutter würde zuerst bei Klara eintreten und diese wohl allein sehen wollen . Heidi setzte sich in einen Winkel und repetierte seine Anrede . Es währte gar nicht lange , so steckte die Tinette den Kopf ein klein wenig unter Heidis Zimmertür und sagte kurz angebunden wie immer : » Hinübergehen ins Studierzimmer ! « Heidi hatte Fräulein Rottenmeier nicht fragen dürfen , wie es mit der Anrede sei , aber es dachte , die Dame habe sich nur versprochen , denn es hatte bis jetzt immer erst den Titel nennen gehört und nachher den Namen ; so hatte es sich nun die Sache zurechtgelegt . Wie es die Tür zum Studierzimmer aufmachte , rief ihm die Großmutter mit freundlicher Stimme entgegen : » Ah , da kommt ja das Kind ! Komm mal her zu mir und laß dich recht ansehen . « Heidi trat heran , und mit seiner klaren Stimme sagte es sehr deutlich : » Guten Tag , Frau Gnädige . « » Warum nicht gar ! « lachte die Großmama . » Sagt man so bei euch ? Hast du das daheim auf der Alp gehört ? « » Nein , bei uns heißt niemand so « , erklärte Heidi ernsthaft . » So , bei uns auch nicht « , lachte die Großmama wieder und klopfte Heidi freundlich auf die Wange . » Das ist nichts ! In der Kinderstube bin ich die Großmama ; so sollst du mich nennen , das kannst du wohl behalten , wie ? « » Ja , das kann ich gut « , versicherte Heidi , » vorher hab ' ich schon immer so gesagt . « » So , so , verstehe schon ! « sagte die Großmama und nickte ganz lustig mit dem Kopfe . Dann schaute sie Heidi genau an und nickte von Zeit zu Zeit wieder mit dem Kopf , und Heidi guckte ihr auch ganz ernsthaft in die Augen , denn da kam etwas so Herzliches heraus , daß es dem Heidi ganz wohl machte , und die ganze Großmama gefiel dem Heidi so , daß es sie unverwandt anschauen mußte . Sie hatte so schöne weiße Haare und um den Kopf ging eine schöne Spitzenkrause , und zwei breite Bänder flatterten von der Haube weg und bewegten sich immer irgendwie , so als ob stets ein leichter Wind um die Großmama wehe , was das Heidi ganz besonders anmutete . » Und wie heißt du , Kind ? « fragte jetzt die Großmama . » Ich heiße nur Heidi ; aber weil ich soll Adelheid heißen , so will ich schon achtgeben - « ; Heidi stockte , denn es fühlte sich ein wenig schuldig , da es noch immer keine Antwort gab , wenn Fräulein Rottenmeier unversehens rief : » Adelheid ! « indem es ihm noch immer nicht recht gegenwärtig war , daß dies sein Name sei , und Fräulein Rottenmeier war eben ins Zimmer getreten . » Frau Sesemann wird unstreitig billigen « , fiel hier die eben Eingetretene ein , » daß ich einen Namen wählen mußte , den man doch aussprechen kann , ohne sich selbst genieren zu müssen , schon um der Dienstboten willen . « » Werteste Rottenmeier « , entgegnete Frau Sesemann , » wenn ein Mensch einmal Heidi heißt und an den Namen gewöhnt ist , so nenn ' ich ihn so , und dabei bleibt ' s ! « Es war Fräulein Rottenmeier sehr genierlich , daß die alte Dame sie beständig nur bei ihrem Namen nannte , ohne weitere Titulatur ; aber da war nichts zu machen ; die Großmama hatte einmal ihre eigenen Wege , und diese ging sie , da half kein Mittel dagegen . Auch ihre fünf Sinne hatte die Großmama noch ganz scharf und gesund , und sie bemerkte , was im Hause vorging , sobald sie es betreten hatte . Als am Tage nach ihrer Ankunft Klara sich zur gewohnten Zeit nach Tisch niederlegte , setzte die Großmama sich neben sie auf einen Lehnstuhl und schloß ihre Augen für einige Minuten ; dann stand sie schon wieder auf- denn sie war gleich wieder munter - und trat ins Eßzimmer hinaus ; da war niemand . » Die schläft « , sagte sie vor sich hin , ging dann nach dem Zimmer der Dame Rottenmeier und klopfte kräftig an die Tür . Nach einiger Zeit erschien diese und fuhr erschrocken ein wenig zurück bei dem unerwarteten Besuch . » Wo hält sich das Kind auf um diese Zeit , und was tut es ? das wollte ich wissen « , sagte Frau Sesemann . » In seinem Zimmer sitzt es , wo es sich nützlich beschäftigen könnte , wenn es den leisesten Tätigkeitstrieb hätte ; aber Frau Sesemann sollte nur wissen , was für verkehrtes Zeug sich dieses Wesen oft ausdenkt und wirklich ausführt , Dinge , die ich in gebildeter Gesellschaft kaum erzählen könnte . « » Das würde ich gerade auch tun , wenn ich so da drinnen säße , wie dieses Kind , das kann ich Ihnen sagen , und Sie könnten zusehen , wie Sie mein Zeug in gebildeter Gesellschaft erzählen wollten ! Jetzt holen Sie mir das Kind heraus und bringen Sie mir ' s in meine Stube , ich will ihm einige hübsche Bücher geben , die ich mitgebracht habe . « » Das ist ja gerade das Unglück , das ist es ja eben ! « rief Fräulein Rottenmeier aus und schlug die Hände zusammen . » Was sollte das Kind mit Büchern tun ? In all dieser Zeit hat es noch nicht einmal das Abc erlernt ; es ist völlig unmöglich , diesem Wesen auch nur einen Begriff beizubringen , davon kann der Herr Kandidat reden ! Wenn dieser treffliche Mensch nicht die Geduld eines himmlischen Engels besäße , er hätte diesen Unterricht längst aufgegeben . « » So , das ist merkwürdig , das Kind sieht nicht aus wie eines , das das Abc nicht erlernen kann « , sagte Frau Sesemann . » Jetzt holen Sie mir ' s herüber , es kann vorläufig die Bilder in den Büchern ansehen . « Fräulein Rottenmeier wollte noch einiges bemerken , aber Frau Sesemann hatte sich schon umgewandt und ging rasch ihrem Zimmer zu . Sie mußte sich sehr verwundern über die Nachricht von Heidis Beschränktheit und gedachte , die Sache zu untersuchen , jedoch nicht mit dem Herrn Kandidaten , den sie zwar um seines guten Charakters willen sehr schätzte ; sie grüßte ihn auch immer , wenn sie mit ihm zusammentraf , überaus freundlich , lief dann aber sehr schnell auf eine andere Seite , um nicht in ein Gespräch mit ihm verwickelt zu werden , denn seine Ausdrucksweise war ihr ein wenig beschwerlich . Heidi erschien im Zimmer der Großmama und machte