halb richtig . Un was die Hauptsache is , das is , meine liebe Jnädigste , die hat eijentlich das liebe kleine Herz auf ' n rechten Fleck , un is immer für helfen und geben , un immer für die armen Leute . Un was die Vernezobern war , na , die putzte sich bloß , un war immer vor ' n Stehspiegel , der alles noch hübscher machte , und sah aus wie ' s Modejournal und war eijentlich dumm . Wie ' n Haubenstock , sagten die Leute . Un war auch nich so was Vornehmes wie meine liebe Jnädigste , un bloß aus ' ne Färberei , türkischrot . Aber , das muß ich Ihnen sagen , Ihrer is doch auch anders als der Vernezobern ihrer war un hat sich gar nich un redt immer frei weg un kann keinen was abschlagen . Un zu Weihnachten immer alles doppelt . « Melanie nickte . » Nu , sehen Sie , meine liebe Jnädigste , das is hübsch , daß Sie mir zunicken , un wenn Sie mir immer wieder zunicken , dann kann es auch alles noch wieder werden , un wir packen alles wieder aus , un Sie legen sich ins Bett un schlafen bis an ' n hellen lichten Tag . Un Klocker zwölfe bring ich Ihnen Ihren Kaffee un Ihre Schokolade , alles gleich auf ein Brett , un wenn ich Ihnen dann erzähle , daß wir hier gesessen und was wir alles gesprochen haben , dann is es Ihnen wie ' n Traum . Denn dabei bleib ich , er is eijentlich auch ein juter Mann , ein sehr juter , un bloß ein bißchen sonderbar . Und sonderbar is nichts Schlimmes . Und ein reicher Mann wird es doch wohl am Ende dürfen ! Un wenn ich reich wäre , ich wäre noch viel sonderbarer . Un daß er immer so spricht un solche Redensarten macht , als hätt er keine Bildung nich un wäre von ' n Wedding oder so , ja , du himmlische Güte , warum soll er nich ? warum soll er nich so reden , wenn es ihm Spaß macht ? er is nu mal fürs Berlinsche . Aber is er denn nich einer ? Und am Ende ... « Sechzehntes Kapitel Abschied Christel unterbrach sich und zog sich erschrocken in die Nebenstube zurück , denn van der Straaten war eingetreten . Er war noch in demselben Gesellschaftsanzug , in dem er , eine Stunde nach Mitternacht , nach Hause gekommen war , und seine überwachten Züge zeigten Aufregung und Ermattung . Von welcher Seite her er Mitteilung über Melanies Vorhaben erhalten hatte , blieb unaufgeklärt . Aus allem war nur ersichtlich , daß er sich gelobt hatte , die Dinge ruhig gehenzulassen . Und wenn er dennoch kam , so geschah es nicht , um gewaltsam zu hindern , sondern nur , um Vorstellungen zu machen , um zu bitten . Es kam nicht der empörte Mann , sondern der liebende . Er schob einen Fauteuil an das Feuer , ließ sich nieder , so daß er jetzt Melanie gegenübersaß , und sagte leicht und geschäftsmäßig : » Du willst fort , Melanie ? « » Ja , Ezel . « » Warum ? « » Weil ich einen andern liebe . « » Das ist kein Grund . « » Doch . « » Und ich sage dir , es geht vorüber , Lanni . Glaube mir , ich kenne die Frauen . Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen , auch nicht das Einerlei des Glücks . Und am verhaßtesten ist euch das eigentliche , das höchste Glück , das Ruhe bedeutet . Ihr seid auf die Unruhe gestellt . Ein bißchen schlechtes Gewissen habt ihr lieber als ein gutes , das nicht prickelt , und unter allen Sprüchwörtern ist euch das vom besten Ruhekissen am langweiligsten und am lächerlichsten . Ihr wollt gar nicht ruhen . Es soll euch immer was kribbeln und zwicken , und ihr habt den überspannt sinnlichen oder meinetwegen auch den heroischen Zug , daß ihr dem Schmerz die süße Seite abzugewinnen wißt . « » Es ist möglich , daß du recht hast , Ezel . Aber je mehr du recht hast , je mehr rechtfertigst du mich und mein Vorhaben . Ist es wirklich , wie du sagst , so wären wir geborene Hazardeurs , und va banque spielen so recht eigentlich unsere Natur . Und natürlich auch die meinige . « Er hörte sie gern in dieser Weise sprechen , es klang ihm wie aus guter , alter Zeit her , und er sagte , während er den Fauteuil vertraulich näher rückte : » Laß uns nicht spießbürgerlich sein , Lanni . Sie sagen , ich wär ein Bourgeois , und es mag sein . Aber ein Spießbürger bin ich nicht . Und wenn ich die Dinge des Lebens nicht sehr groß und nicht sehr ideal nehme , so nehm ich sie doch auch nicht klein und eng . Ich bitte dich , übereile nichts . Meine Kurse stehen jetzt niedrig , aber sie werden wieder steigen . Ich bin nicht Geck genug , mir einzubilden , daß du schönes und liebenswürdiges Geschöpf , verwöhnt und ausgezeichnet von den Klügsten und Besten , daß du mich aus purer Neigung oder gar aus Liebesschwärmerei genommen hättest . Du hast mich genommen , weil du noch jung warst und noch keinen liebtest und in deinem witzigen und gesunden Sinn einsehen mochtest , daß die jungen Attachés auch keine Helden und Halbgötter wären . Und weil die Firma van der Straaten einen guten Klang hatte . Also nichts von Liebe . Aber du hast auch nichts gegen mich gehabt und hast mich nicht ganz alltäglich gefunden und hast mit mir geplaudert und gelacht und gescherzt . Und dann hatten wir die Kinder , die doch schließlich reizende Kinder sind , zugestanden , dein Verdienst , und du hast enfin an die zehn Jahr in der Vorstellung und Erfahrung gelebt , daß es nicht zu den schlimmsten Dingen zählt , eine junge , bequem gebettete Frau zu sein und der Augapfel ihres Mannes , eine junge , verwöhnte Frau , die tun und lassen kann , was sie will , und als Gegenleistung nichts andres einzusetzen braucht als ein freundliches Gesicht , wenn es ihr grade paßt . Und sieh , Melanie , weiter will ich auch jetzt nichts , oder sag ich lieber , will ich auch in Zukunft nichts . Denn in diesem Augenblick erscheint dir auch das wenige , was ich fordere , noch als zuviel . Aber es wird wieder anders , muß wieder anders werden . Und ich wiederhole dir , ein Minimum ist mir genug . Ich will keine Leidenschaft . Ich will nicht , daß du mich ansehen sollst , als ob ich Leone Leoni wär oder irgendein anderer großer Romanheld , dem zuliebe die Weiber Giftbecher trinken wie Mandelmilch und lächelnd sterben , bloß um ihn noch einmal lächeln zu sehen . Ich bin nicht Leone Leoni , bin bloß deutsch und von holländischer Abstraktion , wodurch das Deutsche nicht besser wird , und habe die mir abstammlich zukommenden hohen Backenknochen . Ich bewege mich nicht in Illusionen , am wenigsten über meinen äußeren Menschen , und ich verlange keine Liebesgroßtaten von dir . Auch nicht einmal Entsagungen . Entsagungen machen sich zuletzt von selbst , und das sind die besten . Die besten , weil es die freiwilligen und eben deshalb auch die dauerhaften und zuverlässigen sind . Übereile nichts . Es wird sich alles wieder zurechtrücken . « Er war aufgestanden und hatte die Lehne des Fauteuils genommen , auf der er sich jetzt hin und her wiegte . » Und nun noch eins , Lanni « , fuhr er fort , » ich bin nicht der Mann der Rücksichtsnahmen und hasse diese langweiligen Regards auf nichts und wieder nichts . Aber dennoch sag ich dir , nimm Rücksicht auf dich selbst . Es ist nicht gut , immer nur an das zu denken , was die Leute sagen , aber es ist noch weniger gut , gar nicht daran zu denken . Ich hab es an mir selbst erfahren . Und nun überlege . Wenn du jetzt gehst ... Du weißt , was ich meine . Du kannst jetzt nicht gehen ; nicht jetzt . « » Eben deshalb geh ich , Ezel « , antwortete sie leise . » Es soll klar zwischen uns werden . Ich habe diese schnöde Lüge satt . « Er hatte jedes Wort begierig eingesogen , wie man in entscheidenden Momenten auch das hören will , was einem den Tod gibt . Und nun war es gesprochen . Er ließ den Stuhl wieder nieder und warf sich hinein , und einen Augenblick war es ihm , als schwänden ihm die Sinne . Aber er erholte sich rasch wieder , rieb sich Stirn und Schläfe und sagte : » Gut . Auch das . Ich will es verwinden . Laß uns miteinander reden . Auch darüber reden . Du siehst , ich leide ; mehr als all mein Lebtag . Aber ich weiß auch , es ist so Lauf der Welt , und ich habe kein Recht , dir Moral zu predigen . Was liegt nicht alles hinter mir ... ! Es mußte so kommen , mußte nach dem van der Straatenschen Hausgesetz ( warum sollen wir nicht auch ein Hausgesetz haben ) , und ich glaube fast , ich wußt es von Jugend auf . « Und nach einer Weile fuhr er fort : » Es gibt ein Sprichwort Gottes Mühlen mahlen langsam , und sieh , als ich noch ein kleiner Junge war , hört ich ' s oft von unserer alten Kindermuhme , und mir wurd immer so bange dabei . Es war wohl eine Vorahnung . Nun bin ich zwischen den zwei Steinen , und mir ist , als würd ich zermahlen und zermalmt ... « » Zermahlen ? « Er schlug mit der rechten in die linke Hand und wiederholte noch einmal und in plötzlich verändertem Tone : » Zermahlen ! Es hat eigentlich etwas Komisches . Und wahrhaftig , hol die Pest alle feigen Memmen . Ich will mich nicht länger damit quälen . Und ich ärgere mich über mich selbst und meine Haberei und Tuerei . Bah , die Nachmittagsprediger der Weltgeschichte machen zuviel davon , und wir sind dumm genug und plappern es ihnen nach . Und immer mit Vergessen allereigenster Herrlichkeit , und immer mit Vergessen , wie ' s war und ist und sein wird . Oder war es besser in den Tagen meines Paten Ezechiel ? Oder als Adam grub und Eva spann ? Ist nicht das ganze Alte Testament ein Sensationsroman ? Dreidoppelte Geheimnisse von Paris ! Und ich sage dir , Lanni , gemessen an dem , sind wir die reinen Lämmchen , weiß wie Schnee . Waisenkinder . Und so höre mich denn . Es soll niemand davon wissen , und ich will es halten , als ob es mein eigen wäre . Deine ist es ja , und das ist die Hauptsache . Denn so du ' s nicht übelnimmst , ich liebe dich und will dich behalten . Bleib . Es soll nichts sein . Soll nicht . Aber bleibe . « Melanie war , als er zu sprechen begann , tief erschüttert gewesen , aber er selbst hatte , je weiter er kam , dieses Gefühl wieder weggesprochen . Es war eben immer dasselbe Lied . Alles , was er sagte , kam aus einem Herzen voll Gütigkeit und Nachsicht , aber die Form , in die sich diese Nachsicht kleidete , verletzte wieder . Er behandelte das , was vorgefallen , aller Erschütterung unerachtet , doch bagatellmäßig obenhin und mit einem starken Anfluge von zynischem Humor . Es war wohlgemeint , und die von ihm geliebte Frau sollte , seinem Wunsche nach , den Vorteil davon ziehn . Aber ihre vornehmere Natur sträubte sich innerlichst gegen eine solche Behandlungsweise . Das Geschehene , das wußte sie , war ihre Verurteilung vor der Welt , war ihre Demütigung , aber es war doch auch zugleich ihr Stolz , dies Einsetzen ihrer Existenz , dies rückhaltlose Bekenntnis ihrer Neigung . Und nun plötzlich sollt es nichts sein oder doch nicht viel mehr als nichts , etwas ganz Alltägliches , über das sich hinwegsehn und hinweggehen lasse . Das widerstand ihr . Und sie fühlte deutlich , daß das Geschehene verzeihlicher war als seine Stellung zu dem Geschehenen . Er hatte keinen Gott und keinen Glauben , und es blieb nur das eine zu seiner Entschuldigung übrig : daß sein Wunsch , ihr goldne Brücken zu bauen , sein Verlangen nach Ausgleich um jeden Preis , ihn anders hatte sprechen lassen , als er in seinem Herzen dachte . Ja , so war es . Aber wenn es so war , so konnte sie dies Gnadengeschenk nicht annehmen . Jedenfalls wollte sie ' s nicht . » Du meinst es gut , Ezel « , sagte sie . » Aber es kann nicht sein . Es hat eben alles seine natürliche Konsequenz , und die , die hier spricht , die scheidet uns . Ich weiß wohl , daß auch anderes geschieht , jeden Tag , und es ist noch keine halbe Stunde , daß mir Christel davon vorgeplaudert hat . Aber einem jeden ist das Gesetz ins Herz geschrieben , und danach fühl ich , ich muß fort . Du liebst mich , und deshalb willst du darüber hinsehen . Aber du darfst es nicht , und du kannst es auch nicht . Denn du bist nicht jede Stunde derselbe , keiner von uns . Und keiner kann vergessen . Erinnerungen aber sind mächtig , und Fleck ist Fleck , und Schuld ist Schuld . « Sie schwieg einen Augenblick und bog sich rechts nach dem Kamin hin , um ein paar Kohlenstückchen in die jetzt hell brennende Flamme zu werfen . Aber plötzlich , als ob ihr ein ganz neuer Gedanke gekommen , sagte sie mit der ganzen Lebhaftigkeit ihres früheren Wesens : » Ach , Ezel , ich spreche von Schuld und wieder Schuld , und es muß beinah klingen , als sehnt ich mich danach , eine büßende Magdalena zu sein . Ich schäme mich ordentlich der großen Worte . Aber freilich , es gibt keine Lebenslagen , in denen man aus der Selbsttäuschung und dem Komödienspiele herauskäme . Wie steht es denn eigentlich ? Ich will fort , nicht aus Schuld , sondern aus Stolz , und will fort , um mich vor mir selber wieder herzustellen . Ich kann das kleine Gefühl nicht länger ertragen , das an aller Lüge haftet ; ich will wieder klare Verhältnisse sehen und will wieder die Augen aufschlagen können . Und das kann ich nur , wenn ich gehe , wenn ich mich von dir trenne und mich offen und vor aller Welt zu meinem Tun bekenne . Das wird ein groß Gerede geben , und die Tugendhaften und Selbstgerechten werden es mir nicht verzeihn . Aber die Welt besteht nicht aus lauter Tugendhaften und Selbstgerechten , sie besteht auch aus Menschen , die Menschliches menschlich ansehen . Und auf die hoff ich , die brauch ich . Und vor allem brauch ich mich selbst . Ich will wieder in Frieden mit mir selber leben , und wenn nicht in Frieden , so doch wenigstens ohne Zwiespalt und zweierlei Gesicht . « Es schien , daß van der Straaten antworten wollte , aber sie litt es nicht und sagte : » Sage nicht nein . Es ist so und nicht anders . Ich will den Kopf wieder hochhalten und mich wieder fühlen lernen . Alles ist eitle Selbstgerechtigkeit . Und ich weiß auch , es wäre besser und selbstsuchtsloser , ich bezwänge mich und bliebe , freilich immer vorausgesetzt , ich könnte mit einer Einkehr bei mir selbst beginnen . Mit Einkehr und mit Reue . Aber das kann ich nicht . Ich habe nur ein ganz äußerliches Schuldbewußtsein , und wo mein Kopf sich unterwirft , da protestiert mein Herz . Ich nenn es selber ein störrisches Herz , und ich versuche keine Rechtfertigung . Aber es wird nicht anders durch mein Schelten und Schmähen . Und sieh , so hilft mir denn eines nur und reißt mich eines nur aus mir heraus : ein ganz neues Leben und in ihm das , was das erste vermissen ließ : Treue . Laß mich gehen . Ich will nichts beschönigen , aber das laß mich sagen : es trifft sich gut , daß das Gesetz , das uns scheidet , und mein eignes selbstisches Verlangen zusammenfallen . « Er hatte sich erhoben , um ihre Hand zu nehmen , und sie ließ es geschehen . Als er sich aber niederbeugen und ihr die Stirn küssen wollte , wehrte sie ' s und schüttelte den Kopf . » Nein , Ezel , nicht so . Nichts mehr zwischen uns , was stört und verwirrt und quält und ängstigt und immer nur erschweren und nichts mehr ändern kann ... Ich werd erwartet . Und ich will mein neues Leben nicht mit einer Unpünktlichkeit beginnen . Unpünktlich sein ist unordentlich sein . Und davor hab ich mich zu hüten . Es soll Ordnung in mein Leben kommen , Ordnung und Einheit . Und nun leb wohl und vergiß . « Er hatte sie gewähren lassen , und sie nahm die kleine Reisetasche , die neben ihr stand , und ging . Als sie bis an die Tapetentür gekommen war , die zu der Kinderschlafstube führte , blieb sie stehen und sah sich noch einmal um . Er nahm es als ein gutes Zeichen und sagte : » Du willst die Kinder sehen ! « Es war das Wort , das sie gefürchtet hatte , das Wort , das in ihr selber sprach . Und ihre Augen wurden groß , und es flog um ihren Mund , und sie hatte nicht die Kraft , ein » Nein « zu sagen . Aber sie bezwang sich und schüttelte nur den Kopf und ging auf Tür und Flur zu . Draußen stand Christel , ein Licht in der Hand , um ihrer Herrin das Täschchen abzunehmen und sie die beiden Treppen hinabzubegleiten . Aber Melanie wies es zurück und sagte : » Laß , Christel , ich muß nun meinen Weg allein finden . « Und auf der zweiten Treppe , die dunkel war , begann sie wirklich zu suchen und zu tappen . » Es beginnt früh « , sagte sie . Das Haus war schon auf , und draußen blies ein kalter Wind von der Brüderstraße her , über den Platz weg , und der Schnee federte leicht in der Luft . Sie mußte dabei des Tages denken , nun beinah jährig , wo der Rollwagen vor ihrem Hause hielt und wo die Flocken auch wirbelten wie heut und die kindische Sehnsucht über sie kam , zu steigen und zu fallen wie sie . Und nun hielt sie sich auf die Brücke zu , die nach dem Spittelmarkte führt , und sah nichts als den Laternenanstecker ihres Reviers , der mit seiner langen schmalen Leiter immer vor ihr her lief und , wenn er oben stand , halb neugierig und halb pfiffig auf sie niedersah und nicht recht wußte , was er aus ihr machen sollte . Jenseits der Brücke kam eine Droschke langsam auf sie zu . Der Kutscher schlief und das Pferd eigentlich auch , und da nichts Besseres in Sicht war , so zupfte sie den immer noch Verschlafenen an seinem Mantel und stieg endlich ein und nannt ihm den Bahnhof . Und es war auch , als ob er sie verstanden und zugestimmt habe . Kaum aber , daß sie saß , so wandt er sich auf dem Bock um und brummelte durch das kleine Guckloch : » Er sei Nachtdroschke un janz klamm un von Klock elwe nichts in ' n Leib . Un er wolle jetzt nach Hause . « Da mußte sie sich aufs Bitten legen , bis er endlich nachgab . Und nun schlug er auf das arme Tier los , und holprig ging es die lange Straße hinunter . Sie warf sich zurück und stemmte die Füße gegen den Rücksitz , aber die Kissen waren feucht und kalt , und das eben erlöschende Lämpchen füllte die Droschke mit einem trüben Qualm . Ihre Schläfen fühlten mehr und mehr einen Druck , und ihr wurde weh und widrig in der elenden Armeleuteluft . Endlich ließ sie die Fenster nieder und freute sich des frischen Windes , der durchzog . Und freute sich auch des erwachenden Lebens der Stadt , und jeden Bäckerjungen , der trällernd und pfeifend und seinen Korb mit Backwaren hoch auf dem Kopf an ihr vorüberzog , hätte sie grüßen mögen . Es war doch ein heiterer Ton , an dem sich ihre Niedergedrücktheit aufrichten konnte . Sie waren jetzt bis an die letzte Querstraße gekommen , und in fortgesetztem und immer nervöser werdendem Hinaussehen erschien es ihr , als ob alle Fuhrwerke , die denselben Weg hatten , ihr eignes elendes Gefährt in wachsender Eil überholten . Erst einige , dann viele . Sie klopfte , rief . Aber alles umsonst . Und zuletzt war es ihr , als läg es an ihr und als versagten ihr die Kräfte und als sollte sie die letzte sein und käme nicht mehr mit , heute nicht und morgen nicht und nie mehr . Und ein Gefühl unendlichen Elends überkam sie . » Mut , Mut « , rief sie sich zu und raffte sich zusammen und zog ihre Füße von dem Rücksitzkissen und richtete sich auf . Und sieh , ihr wurde besser . Mit ihrer äußeren Haltung kam ihr auch die innere zurück . Und nun endlich hielt die Droschke , und weil weder oben noch auch vorne bei dem Kutscher etwas von Gepäckstücken sichtbar war , war auch niemand da , der sich dienstbar gezeigt und den Droschkenschlag geöffnet hätte . Sie mußt es von innen her selber tun und sah sich um und suchte . » Wenn er nicht da wäre ! « Doch sie hatte nicht Zeit , es auszudenken . Im nächsten Augenblicke schon trat von einem der Auffahrtspfeiler her Rubehn an sie heran und bot ihr die Hand , um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein . Ihr Fuß stand eben auf dem mit Stroh umwickelten Tritt , und sie lehnte den Kopf an seine Schulter und flüsterte : » Gott sei Dank ! Ach , war das eine Stunde ! Sei gut , einzig Geliebter , und lehre sie mich vergessen . « Und er hob die geliebte Last und setzte sie nieder und nahm ihren Arm und das Täschchen , und so schritten sie die Treppe hinauf , die zu dem Perron und dem schon haltenden Zuge führte . Siebzehntes Kapitel Della Salute » Nach Süden ! « Und in kurzen , oft mehrtägig unterbrochenen Fahrten , wie sie Melanies erschütterte Gesundheit unerläßlich machte , ging es über den Brenner , bis sie gegen Ende Februar in Rom eintrafen , um daselbst das Osterfest abzuwarten und » Nachrichten aus der Heimat « . Es war ein absichtlich indifferentes Wort , das sie wählten , während es sich doch in Wahrheit um Mitteilungen handelte , die für ihr Leben entscheidend waren und die länger ausblieben als erwünscht . Aber endlich waren sie da , diese » Nachrichten aus der Heimat « , und der nächste Morgen bereits sah beide vor dem Eingang einer kleinen englischen Kapelle , deren alten Reverend sie schon vorher kennengelernt und , durch seine Milde dazu bestimmt , ins Vertrauen gezogen hatten . Auch ein paar Freunde waren zugegen , und unmittelbar nach der kirchlichen Handlung brach man auf , um , nach monatelangem Eingeschlossensein in der Stadt , einmal außerhalb ihrer Mauern aufatmen und sich der Krokus- und Veilchenpracht in Villa d ' Este freuen zu können . Und alles freute sich wirklich , am meisten aber Melanie . Sie war glücklich , unendlich glücklich . Alles , was ihr das Herz bedrückt hatte , war wie mit einem Schlage von ihr genommen , und sie lachte wieder , wie sie seit lange nicht mehr gelacht hatte , kindlich und harmlos . Ach , wem dies Lachen wurde , dem bleibt es , und wenn es schwand , so kehrt es wieder . Und es überdauert alle Schuld und baut uns die Brücken vorwärts und rückwärts in eine bessere Zeit . Wohl , es war ihr so frei geworden an diesem Tag , aber sie wollt es noch freier haben , und als sie , bei Dunkelwerden , in ihre Wohnung zurückkehrte , drin die treffliche römische Wirtin außer dem hohen Kaminfeuer auch schon die dreidochtige Lampe angezündet hatte , beschloß sie , denselben Abend noch an ihre Schwester Jacobine zu schreiben , allerlei Fragen zu tun und nebenher von ihrem Glück und ihrer Reise zu plaudern . Und sie tat es und schrieb . » Meine liebe Jacobine . Heute war ein rechter Festestag und , was mehr ist , auch ein glücklicher Tag , und ich möchte meinem Danke so gern einen Ausdruck geben . Und da schreib ich denn . Und an wen lieber als an Dich , Du mein geliebtes Schwesterherz . Oder willst Du das Wort nicht mehr hören ? Oder darfst Du nicht ? Ich schreibe Dir diese Zeilen in der Via Catena , einer kleinen Querstraße , die nach dem Tiber hinführt , und wenn ich die Straße hinuntersehe , so blinken mir , vom andern Ufer her , ein paar Lichter entgegen . Und diese Lichter kommen von der Farnesina , der berühmten Villa , drin Amor und Psyche sozusagen aus allen Fensterkappen sehen . Aber ich sollte nicht so scherzhaft über derlei Dinge sprechen , und ich könnt es auch nicht , wenn wir heute nicht in der Kapelle gewesen wären . Endlich , endlich ! Und weißt Du , wer mit unter den Zeugen war ? Unser Hauptmann von Brausewetter , Dein alter Tänzer von Dachrödens her . Und lieb und gut und ohne Hoffart . Und wenn man in der Acht ist , die noch schlimmer ist als das Unglück , so hat man ein Auge dafür , und das Bild , Du weißt schon , über das ich damals so viel gespottet und gescherzt habe , es will mir nicht aus dem Sinn . Immer dasselbe Steinige , steinige . Und die Stimme schweigt , die vor den Pharisäern das himmlische Wort sprach . Aber nichts mehr davon , ich plaudre lieber . Wir reisten in kleinen Tagereisen , und ich war anfänglich abgespannt und freudlos , und wenn ich eine Freude zeigte , so war es nur um Rubens willen . Denn er tat mir so leid . Eine weinerliche Frau ! Ach , das ist das Schlimmste , was es gibt . Und gar erst auf Reisen . Und so ging es eine ganze Woche lang , bis wir in die Berge kamen . Da wurd es besser , und als wir neben dem schaumenden Inn hinfuhren und an demselben Nachmittage noch in Innsbruck ein wundervolles Quartier fanden , da fiel es von mir ab , und ich konnte wieder aufatmen . Und als Ruben sah , daß mir alles so wohltat und mich erquickte , da blieb er noch den folgenden Tag und besuchte mit mir alle Kirchen und Schlösser und zuletzt auch die Kirche , wo Kaiser Max begraben liegt . Es ist derselbe von der Martinswand her und derselbe auch , der zu Luthers Zeiten lebte . Freilich schon als ein sehr alter Herr . Und es ist auch der , den Anastasius Grün als Letzten Ritter gefeiert hat , worin er vielleicht etwas zu weit gegangen ist . Ich glaube nämlich nicht , daß er der letzte Ritter war . Er war überhaupt zu stark und zu korpulent für einen Ritter , und ohne Dir schmeicheln zu wollen , find ich , daß Gryczinski ritterlicher ist . Sonderbarerweise fühl ich mich überhaupt eingepreußter , als ich dachte , so daß mir auch das Bildnis Andreas Hofers wenig gefallen hat . Er trägt einen Tiroler Spruchgürtel um den Leib und wurde zu Mantua , wie Du vielleicht gehört haben wirst , erschossen . Manche tadeln es , daß er sich geängstigt haben soll . Ich für mein Teil habe nie begreifen können , wie man es tadeln will , nicht gern erschossen zu werden . Und dann gingen wir über den Brenner , der ganz in Schnee lag , und es sah wundervoll aus , wie wir an derselben Bergwand , an der unser Zug emporkletterte , zwei , drei andre Züge tief unter uns sahen , so winzig und unscheinbar wie die Futterkästchen an einem Zeisigbauer . Und denselben Abend noch waren wir in Verona . Das vorige Mal , als ich dort war , hatt ich es nur passiert , jetzt aber blieben wir einen Tag , weil mir Ruben das altrömische Theater zeigen wollte , das sich hier befindet . Es war ein kalter Tag , und mich fror in dem eisigen Winde , der ging , aber ich freue mich doch , es gesehen zu haben . Wie beschreib ich es Dir nur ? Du mußt Dir das Opernhaus denken , aber nicht an einem gewöhnlichen Tage , sondern an einem Subskriptionsballabend , und an der Stelle , wo die Musik ist , rundet es sich auch noch . Es ist nämlich ganz eiförmig und amphitheatralisch , und der Himmel als Dach darüber , und ich würd es alles sehr viel mehr noch genossen haben , wenn ich