wirst du wieder von den Wiener Studenten hören ... « » Gut , meinetwegen « , sagte Sender gleichmütig . » Aber was geht das uns beide an ? « » Mich geht die Revolution an ! denn sie war der Stolz und die Freude meines Lebens , und sie ist mein Unglück geworden . Höre - ich selbst war unter jenen Wiener Studenten , welche , wie du meinst , keck mit dem Kaiser waren . Und wegen dieser Keckheit haben sie mich anfangs zum Tode verurteilt und dann aus Gnade für Lebenszeit als Gemeinen ins Fuhrwesen gesteckt ... « » Für Lebenszeit ? ! « rief Sender erschreckt . » Das ist eine furchtbare Strafe ! Da sind Sie wahrscheinlich - verzeihen Sie - sehr keck gewesen . Haben Sie dem Kaiser vielleicht - verzeihen Sie - noch einmal die Fenster eingeschlagen ? ! « » Bewahre ! ... Niemals ! « » Unserem Bezirksvorsteher ist das dreimal geschehen ! Oder haben Sie ihm am Ende gar - aber das wird sich ja niemand trauen - haben Sie ihm die Zunge gezeigt ? ! « » Behüte ! Mit unserer Ehrfurcht vor dem Kaiser hat die Sache nichts zu tun gehabt . Vielleicht wird sich einst noch zeigen , daß wir die Kaisertreuen gewesen sind , nicht unsere Verfolger ! Aber das kannst du nicht verstehen ! « » Nein « , sagte Sender . » Aber Ihre Strafe verstehe ich , - die ist sehr hart . Und warum haben Sie gerade Furbes werden müssen ? Da dienen ja nur die rohesten Leute ! ... « » Eben um die Strafe zu verschärfen ! « » Und warum dürfen Sie kein Buch lesen ? « » Damit ich mit der Zeit ein Tier werde , dumm und stumpf , damit ich gehorche wie eine Maschine ! « Der Mann schlug verzweiflungsvoll die Hände vors Antlitz . » Sie armer Mensch ! « sagte Sender , und die Tränen traten ihm in die Augen . » Sie sind wirklich weit mehr zu bedauern als ich . Denn ich weiß noch nicht , was in den deutschen Büchern steht und möchte es nur gerne wissen , Sie aber haben es schon erlernt und müssen es vergessen . Ich kann mir denken - das muß ein großer Schmerz sein ! Und dann - jetzt sind Sie ein Furbes , und sonst wären Sie gewiß ein Doktor geworden - nicht wahr ? « Der Soldat nickte . » Und hätten Leute kuriert . « » Nein - Doktor der Philosophie - ich wollte Professor werden - Lehrer an einer Hochschule - « » Lehrer « , rief Sender , und seine Augen leuchteten . » O wenn Sie - « Er hielt inne , er wagte es doch nicht zu sagen . Der Soldat nickte freundlich . » Ich will dich gerne das Lesen lehren « , sagte er . » Ob dein Zweck vernünftig ist , weiß ich freilich nicht und kann es nicht entscheiden , aber das bißchen Wissen wird dir keinesfalls schaden . « Sender faltete die Hände . » Ich danke Ihnen « , stammelte er , und die Tränen rannen ihm über die Wangen . Der Andere schüttelte den Kopf . » Nein , mein armer Junge « , sagte er , » vielleicht habe ich dir zu danken . Nun habe ich wieder einen Menschen , mit dem ich sprechen kann , der mich weder quält noch verhöhnt . Und dann - wie oft bin ich da unten auf der Brücke stehen geblieben und habe in die Wellen hinabgesehen , lange - zu lange ... Es ist gut , wenn man ein Ziel vor Augen hat und sich sagen kann : Es gibt einen Menschen , der dich erwartet , dem du nützen kannst . « Sender nickte ernst . Er hatte kaum recht verstanden , was der Soldat meinte , aber er wußte : Das ist ein guter Mensch , und es ist ihm weh ums Herz ... Darum wagte er nicht zu sprechen , auch der Soldat schwieg . Endlich faßte sich Sender ein Herz und fragte : » Entschuldigen Sie zur Güte - werden Sie mich hier unterrichten ? « » Wo sonst ? « war die Antwort . » Es liegt uns beiden daran , nicht gesehen zu werden . Ich habe jeden dritten Tag keinen Dienst , da will ich hierherkommen ! « » Gott lohn ' es Ihnen « , sagte Sender . » Brauche ich eine Fibel , wie sie des Doktors Sohn hat ? « » Gut wär ' s ! « » Im Laden bei Jossef Grün sind sie zu kaufen , dreißig Kreuzer kostet das Buch . Aber ich trau ' mich nicht hin . Man wird mich fragen , wozu ich sie brauche . « » Nun « , meinte der Soldat , » dann muß es ohne Fibel gehen . Die Buchstaben kann ich dich aus meinem Buche hier lehren , dem einzigen , welches ich besitze . « Er zog es aus dem Stiefel hervor ; ein kleines , abgegriffenes Bändchen mit zerrissenem Deckel . » Ist das ein Gebetbuch ? « fragte Sender . » Nein , aber mir hat es mehr Trost gewährt , als wenn es ein Gebetbuch wäre . « Der Jude nahm es mit ehrfurchtsvollem Staunen in die Hand und suchte nach dem Titel . Er fand ihn natürlich da , wo bei hebräischen Büchern , in denen der Druck von rechts nach links läuft , das Ende zu stehen pflegt . » Verkehrt gedruckt ! « murmelte er erstaunt . Aber noch verblüffter ward er , als er im Büchlein blätterte . » Das ist ja eine Verschwendung « , sagte er , » ein Leichtsinn . Warum sind die Zeilen so kurz , und rechts und links ist doch so viel Raum . « » Es sind Verse « , belehrte ihn der andere . » Die hat ein edler Mann geschrieben , der mit uns in Wien war . Ich habe das Büchlein auf dem Durchmarsch in Mähren von einem braven Mann bekommen , der Mitleid mit mir hatte . Ein größeres Geschenk hätte er mir nicht machen können ! Ich trage das Büchlein beständig bei mir , obwohl das ein großes Wagnis ist . Weh ' mir , wenn man dahinter kommt ! « » Warum ? « » Warum ? « lächelte der Soldat . » Weil der Mann , der es gedichtet hat , auch zu jenen gehört , welche keck mit dem Kaiser waren . Er ist auch nur durch einen Zufall demselben Schicksal entronnen , das mich getroffen hat , dem selben oder einem ähnlichen . Und merke dir ' s : der Mann ist auch ein Jude ! « » Ah ! - wie heißt er ? « » Moritz Hartmann . « » Auch aus Polen ? « » Nein , aus Böhmen . Auch über deine Glaubensgenossen steht manches gute Wort in dem Büchlein , und du sollst es verstehen lernen ! « » Gut ! « nickte Sender . » Aber auf andere Sachen freue ich mich mehr . Denn auf Juden , wissen Sie , verstehe ich mich auch jetzt schon ganz gut ! Also übermorgen , Montag - nach dem Essen komm ' ich her ! « » Ich werde pünktlich sein ! « versprach der Soldat . Sie schieden und gingen auf verschiedenen Pfaden dem Städtchen zu ... Achtes Kapitel So ward Senders Wunsch erfüllt , wenn auch in recht sonderbarer Weise : der einstige Wiener Legionär Heinrich Wild wurde sein Lehrer und Moritz Hartmanns » Reimchronik des Pfaffen Mauritius « sein Fibelbuch . Von solchem Lehrer und aus solcher Fibel lernt sich mehr , als das bloße Lesen . Es ging in den nächsten Monaten etwas wirr zu im Kopfe des Pojaz . Wenn die Morgensonne aufsteigt , muß sie einen harten Strauß kämpfen mit den Schatten der Nacht , den Dünsten der Dämmerung . Heinrich Wild hatte da ein schweres Stück Arbeit übernommen . Aber er vollführte es gern , nach bester Kraft und mit wachsendem Eifer . Es war nicht leicht zu entscheiden , ob sich Lehrer oder Schüler mehr nach diesen Stunden im einsamen Gemäuer sehnten . Sie mußten auf getrennten Wegen emporschleichen und es hatten beide oft rechte Mühe , sich unbemerkt davonzustehlen . Aber sie kamen dennoch pünktlich , weil sie einander lieb hatten , weil sie einander boten , was jeder bedurfte : der Schüler dem Lehrer ein empfängliches , teilnehmendes Herz , der Soldat dem armen Judenjungen den Einblick in die fremde Welt , nach der er sich sehnte , das Mittel zu jenem Ziel , das ihm der Leitstern seiner Tage war und der Traum seiner Nächte ... » Theater ! « - In der Reimchronik stand wahrlich nichts darüber . Diese Reime , in denen ein freiheitsdürstendes Herz wettert und stöhnt , segnet und flucht , spottet und weint , hofft und verzweifelt , diese holprigen , ungefügen und doch so ergreifenden Reime schilderten wohl auch eine Tragikomödie , aber eine wirkliche und wahrhaftige , welche die Menschen selbst kurz vorher erlitten und erlebt . Das zuckende Leben der Gegenwart lag darin mit allen , allen seinen Strebungen . Darum konnte Sender ohne den Lehrer auch nicht eine Zeile davon verstehen , und der Exlegionär mußte viel erklären , besonders da Sender , nach Art seiner Genossen , unablässig neue Fragen tat . Aber mochten sie von welchem Thema immer sprechen , von Goethe oder Frankfurter Würsten , von Windischgrätz oder der Nordsee , schließlich fand Sender doch den Übergang zu dem Brennpunkt seiner Gedanken . Da lasen sie einmal in der Chronik das schöne Gedicht : » Der arme Jude . « Ein gebückter Hebräer schleicht zu Kossuth ins Zelt und bringt dem Diktator das Letzte , was er besitzt : » Was mir geblieben an Geld und Gut Und was ich gerettet : mein Leben und Blut , Ich bring ' s fürs Vaterland heran , Das ich in Ungarn neu gewann ! « Sender hatte seine Freude daran . » Da sieht man « , sagte er stolz , » daß wir Juden auch dankbar sind , wenn man uns gut behandelt . « Wild bestärkte ihn in diesem Stolze und wies darauf hin , wie die Reaktion auch die Juden wieder in ihren Rechten gekürzt habe . » Das ist wahr « , meinte Sender . » Aber « , setzte er zögernd hinzu , » gar so schlecht ist es doch nicht und ich könnte mich nicht beklagen - « » Wie ? « rief der Andere erstaunt . » Nun , Komödiant , darf der Jud ' doch auch werden . « Ein andermal lasen sie die ergreifende Klage : » Umsonst lag Deutschland in Gebeten Vor ' m Gott der Freiheit auf den Knien - - Mein armes Wien , du bist zertreten , Zertreten und gebrochen ganz , Wie Saragossa und Numanz , Und wie die Heimat der Karthager . « Und zu dem ergreifenden Texte wußte der arme Student aus der eigenen Erinnerung blutige , erschütternde Bilder zu malen . Der Jüngling hörte mit glühenden Wagen zu , und seine Fäuste ballten sich . Dann versank er in tiefes Brüten . » Das wär ' schön « , murmelte er , » alle Leute möchten weinen ... « » Was meinst du ? « » Nämlich , wenn man das auf dem Theater nachmachen würde . Ich möchte dann ein Student sein , oder auch der alte Arbeiter , von dem Sie erzählt haben . « » Und das ist alles , was du dabei fühlst ? ! « rief Wild entrüstet . » So viel Blut , so viel Tränen , und du denkst nur , wie man es nachäffen könnte ? ! « Sender fuhr zusammen und blickte ihn erschreckt an . » Entschuldigen Sie ... « stammelte er . » Ich verstehe nicht ... « » Hast du denn kein Mitleid mit all dem Elend ? ! « » Natürlich ! « beteuerte Sender gekränkt . » Was denken Sie von mir ? Aber eben darum denk ' ich mir : Das wär ' der Mühe wert , daß man ' s nachmacht ... « » Theater ! « Was sich nicht darauf bezog , interessierte Sender nicht , was ihm nicht dafür nützen konnte , das trieb er gar nicht , oder doch sehr ungern . So gab er sich zum Beispiel mit dem Schreiben anfangs unmenschliche Mühe . Er hatte nur Nachts in verschlossener Kammer Gelegenheit , die Vorlage seines Lehrers nachzumalen , bei Tage war er ja unter den Augen seines Meisters oder der Mutter . Und so saß er beim Scheine seines dürftigen Öllämpchens Stunde um Stunde und schrieb unverdrossen wohl an die hundert Male dasselbe Zeichen oder dasselbe Wort . Mutig kämpfte er gegen die Müdigkeit , aber einmal fielen ihm dabei doch die Augen zu , und er erwachte erst , nachdem ihm ein Stück des brennenden Dochtes auf die Hand gefallen war und eine Wunde hineingebrannt hatte . Das war ihm denn doch zu unangenehm , und als er am nächsten Tage wieder im Burghofe vor dem Soldaten stand , fragte er demütig : » Entschuldigen Sie zur Güte - aber muß ein Komödiant eine schöne Schrift haben ? « » Warum ? « fragte Wild . » Darum ! « Und Sender wies auf seine Wunde . » Nun « , entschied der Lehrer , » eine schöne Schrift muß ein Komödiant nicht unbedingt haben , aber leserlich muß er schreiben können , wie jeder gebildete Mensch . « Sender nickte fröhlich . Von da ab übte er allnächtlich nur eine halbe Stunde . Leserlich schreiben , meinte er , das könne er ja ohnehin ... Einer anderen Mühe hingegen unterzog er sich mit größter Ausdauer . Er wollte und mußte hochdeutsch sprechen , und es gelang ihm mit der Zeit auch überraschend gut . Sein merkwürdiges Nachahmungstalent kam ihm da vortrefflich zu statten . Wie er schon einst als Kind seinem alten Freund Fedko durch sein reines Ruthenisch schwere Zweifel an seiner jüdischen Abkunft erweckt , so setzte er nun den Soldaten durch seine reine Aussprache in Verwunderung . Doch war die Sache nicht so glatt und hatte ihre sonderbare und komische Seite . Wild war im Unterinntal geboren und aufgewachsen , und wenn er auch ein Schriftdeutsch sprach , so schlug dabei doch der grobkörnige , tirolische Dialekt sehr vernehmlich durch . Mit dem Richtigen horchte ihm Sender natürlich auch diese eigentümlichen Mängel ab und sprach daher das Deutsche etwa so , als wäre er in Jenbach geboren oder in einer anderen Zwingburg der katholischen Glaubenseinheit . Ferner hatte es der Jüngling wohl in der Gewalt , alle Unarten seines Jargons , soweit sie Tonfall und Aussprache betrafen , zu vermeiden , aber sein deutscher Sprachschatz war kein allzu reicher , und so mußte schließlich doch sein gewohntes Jüdischdeutsch herhalten . Kurz - Senders Rede hörte sich so an , als wenn ein Tiroler den Dialekt der polnischen Juden sprechen würde . Es ist unbeschreiblich , wie komisch das klang . Der unglückliche Soldat , den sein Schicksal sonst nicht gerade zur Heiterkeit stimmte , bekam oft wahre Lachkrämpfe , bis Sender gekränkt rief : » Oper ichch pitte Sie , pin ichch ein geporener Deutsch ? « Da schwieg Wild , denn entmutigen wollte er den Schüler nicht , und wie die Aussprache etwa zu bessern wäre , dafür wußte er zunächst keinen Rat . » Das schleift sich vielleicht ab « , dachte er , » wenn er erst unter gebildete Leute kommt . « Hingegen erfüllte ihn der tolle Wirrwarr , der in diesem Schädel herrschte , mit bleibender Sorge , und oft genug überkam ihn der Gedanke , daß er Sender durch den seltsamen Unterricht mehr als Gutes zugefügt . Die historischen Kenntnisse des Jünglings beschränkten sich auf die biblische Geschichte und die Ereignisse von 1848 , aus dem Nebel , der dazwischen lag , tauchten nur die Namen der Kaiser Titus und Napoleon auf , weil sie , der eine als Feind , der andere als Freund der Juden auch im entlegensten Ghettowinkel ein unsterbliches Leben führen - daran reihten sich nun in tollem Wirbel die Gagern , Radowitz , Arndt und Robert Blum . Von fremden Völkern und Ländern wußte Sender fast nichts , und daß die Erde eine Kugel sei und sich um die Sonne drehe , glaubte er seinem Lehrer nur aus Höflichkeit . Aber was er so etwa gleichsam zufällig erfuhr , das haftete dann auch , und hatte es zu seinem Idol irgend einen Zusammenhang , so blieb es ihm vollends unvergeßlich . Da buchstabierte er einmal seinem Lehrer die Stelle vor : » Die armen Magyarn haben ' s auch erfahren , Sie büßen heut , daß vor hundert Jahren Sie ihr : Moriamur pro rege riefen Und froh in Tod und Verderben liefen , Zu retten eine fürstige Frau ... « Wild erklärte ihm , daß darunter Maria Theresia gemeint sei , und wie sie auf dem Preßburger Landtag die Stände zur Begeisterung entflammt habe . Sender hörte aufmerksam zu . » Das wär ' auch ein schönes Spiel « , sagte er . » Hat das noch niemand aufgeschrieben ? « Wild verneinte . » Und immer nur das Theater ! « tadelte er dann . » Sonst magst du dir nichts merken . « » Was brauch ' ich denn das andere ? « entschuldigte sich Sender . » Übrigens weiß ich schon was : Vier große Königinnen kenn ' ich schon ! Die Königin von Saba , die zum Salomo zu Besuch gekommen ist , und die Königin Esther , die den Haman hat aufhängen lassen , und die Maria Theresia und dann die Elisabeth . « » Welche Elisabeth ? « » Die englische Königin , die unter Schaksburr gelebt hat ! « Wild lachte . » Woher weißt du das ? « » Wie ich Ihnen das Spiel vom Schaylock erzählt hab ' , haben Sie gesagt : Das hat ein Engländer gemacht zur Zeit der großen Elisabeth . Aber von ihm redet noch jeder und von ihr ? Also hat sie unter ihm gelebt ! « Derlei Aussprüche hoben wieder die Zuversicht des Lehrers . Ein gutes Gedächtnis , viel Verstand , ein rührend guter Wille waren ja vorhanden , vielleicht gelang es allmählich , dieses Chaos zu klären . Und er nahm die Arbeit mit neuem Mut auf . So setzte sich der Unterricht fort bis tief in den Herbst hinein . Die Tage wurden kürzer und kühler , der Oktoberregen brach ein . Betrübt saßen Lehrer und Schüler unter einem Mauervorsprung der Kapelle , der ihnen leidlichen Schutz gewährte , und grübelten darüber nach , wo sie den Winter über zusammenkommen könnten . Doch war da guter Rat teuer , und so lange sie auch brüteten - sie fanden keinen Ausweg . Aber die Sorge war leider überflüssig gewesen . Als Sender am letzten Sabbat des Oktober trotz Sturm und Regen zur verabredeten Stunde zur Ruine kam , fand er den Soldaten nicht , obwohl er bis zum Einbruch der Dämmerung harrte . » Das schlechte Wetter hat ihn abgehalten « , tröstete er sich , aber es war ein schwacher Trost - wußte er doch , daß es ihn sonst nie abgehalten hatte . In der Tat erwartete er auch am Dienstag , einem goldklaren , milden Herbsttag , seinen Lehrer vergeblich . » Er ist krank « , dachte Sender betrübt . Und nun erst wurde er inne , wie lieb ihm der sanfte , melancholische Mensch geworden . Er beschloß , Erkundigungen nach ihm einzuziehen . » Vielleicht « , dachte er , » kann ich ihm doch heimlich ins Spital eine Labung zukommen lassen oder etwas Geld . « So schlich er denn um das Militärlazarett herum und sann auf ein Mittel , wie er sich mit dem Freunde in Verbindung setzen könne . Da sah er einen Mann vom Fuhrwesen herbeikommen , der den Arm in der Schlinge trug . An diesen trat er heran . » Weg - varfluchte Jud ' ! « rief der Soldat grimmig . Es war ein Tscheche mit rohem , stupidem Gesichte , der das Deutsche nur gebrochen sprach . » Entschuldigen Sie zur Güte ... « begann Sender demütig . » Schweig , Hund ! « » Aber Herr Feldwebel ! - möchten Sie nicht fünf Kreuzer verdienen ? « Das wirkte . » Jo - gib - Jud ' ! « » Dann müssen Sie mir aber zur Güte sagen , ob Ihr Kamerad Heinrich Wild da drinnen ist ? « » Is Hund ! « schrie der Soldat und wurde krebsrot vor Zorn , » hot mich gehaut mit Sabel - hot Martin gehaut - hot Vorreiter gehaut - « » Gott beschütz ' uns « , rief Sender erschreckt . » Wie ist das zugegangen ? « » Wozu frogst , Jud ' ? « » Weil er - « Sender stockte und log dann rasch : » Weil er mir Geld für Schnaps schuldig ist . « » Hoho ! « gröhlte der Soldat , » kriegst nie Geld , Jud ' ! Wild pritsch - kaput ! « » Tot ? ! « rief Sender , und sein Herz stand still vor jähem Weh . » Heut ' nicht . Ober morgen , übermorgen . Is zu Stab geführt - Stab in Kolomea - wird erschossen ! « » Erschossen ! « stöhnte Sender . » Is Rebell , is Hund varfluchte - verdient Strick , nicht ehrliche Kugel . « » Aber wie ist das zugegangen ? « Dem armen Burschen versagte die Stimme . » Zuerst gib fünf Kreuzer , Jud ' ! « Nachdem er die Kupferstücke erhalten , erzählte der Soldat : » Weißt , Jud ' - Wild is Tückmäuse gewesen , Student varfluchte . Nix lustig ! nix Madel ! nix Schnaps ! Mir hab ' m ihn alle nit leiden können , Herr Hauptmann sogt immer : Tückmäuse hochverratige ! Kummt Herr Hauptmann Freitag Nacht in Kasern ' , kummt in Schlofsaal , sogt Trumpeter : Allarm blosen , will sehen , ob Ordnung is . Trumpeter blost . Mir springsme alle auf , Wild auch . Ober da follt ihm Büchel heraus , wos hot getrogen unter Hemd . Will schnell verstecken , ober Herr Hauptmann sieht und schreit : Büchel her ! Wild wird wie Leiche , sogt : Ich geb ' nicht ! Schreit Herr Hauptmann : Soldaten , reißt ' s ihm Büchel weg . Wir auf Wild . Ober Wild auf Bett , reißt Sabel heraus , fuchtelt herum , schreit : Wer mich anrührt , wird kaput ! Wir doch auf ihn . Ober er haut mich mit Sabel und Kamerad Martin und Vorreiter . Endlich hab ' m ihn doch gepackt und gebunden . Wie Herr Hauptmann Büchel aufschlagt , schüttelt er Kopf : Is ja von Pfaffen , konn nit verboten sein ! Ober donn liest er im Büchel , zittert vor Wut , sogt : Hund wird erschossen . Und Samstag hot Wild fünfzig Stockstreich gekriegt , bis is liegen geblieben wie tot . Ober heut früh sogt Herr Doktor : Konn transportiert werden ! Laßt Herr Hauptmann auf Wagen loden , zu Kriegsgericht führen , zu Stab in Kolomea ... « » Und was wird mit ihm geschehen ? « jammerte Sender . » Worum schreist , Jud ' ? Moch Kreuz über dein Geld - kriegst nie mehr ! Wird erschossen , Hochverrate varfluchte ! « Der Soldat ging . Betäubt blieb Sender stehen , als hätte ihn der Blitz getroffen . Die Tränen rannen ihm unablässig über die Wangen , er empfand es kaum . Es war ihm dumpf im Hirn und weh im Herzen , sehr weh . Er mochte nicht heimgehen , noch minder zum Meister . So schlich er denn zum Städtchen hinaus an eine einsame Stelle und warf sich da ins rote Heidekraut nieder und weinte sein Weh aus . Er weinte nur um den armen Freund . Erst als er ruhiger geworden , kam ihm der Gedanke an sich selbst und wie er nun ohne Führer und Lehrer dastehe . Aber da weinte er nicht mehr , ruhig und gefaßt grübelte er darüber nach , was er nun beginnen müsse . Erst am Abend kam er heim . Die Mutter erschrak , als sie ihn sah . » Was fehlt dir ? « rief sie . » Du bist totenblaß ? « » Es ist nichts « , wehrte er ab , » ein bißchen Kopfweh . Morgen früh bin ich wieder ganz gesund - ich verspreche es dir . « Dieses Versprechen hielt er auch . Still und ruhig ging er am nächsten Morgen an die Arbeit . Er hatte seinen Entschluß gefaßt . » Ich kann Deutsch lesen , schreiben und sprechen « , sagte er sich . » Was mir fehlt , sind Bücher . Kann ich mir die auftreiben , so bleib ' ich . Ich werd ' mir schon selbst weiterhelfen . « Und er grübelte darüber nach , wie er sich Bücher verschaffen könne . Es hatte dies große Schwierigkeiten , denn nur wenige Leute in Barnow hatten deutsche Bücher . Der Stadtarzt stand im Rufe großer Menschenliebe , und Schlome Grünstein war ein sanfter , gütiger Mensch - » aber « , fürchtete Sender , » vielleicht halten sie mein Streben für töricht oder sündhaft und verraten mich doch . « Ein anderer Weg dünkte ihm sicherer und klüger . Die einzige große Bibliothek des Städtchens , ja des Kreises , fand sich im Kloster der Dominikaner . Sie stammte aus einstigen Tagen , da der Orden noch sehr reich gewesen und sich diesen Luxus erlauben konnte . Auch deutsche Bücher gab es da , sogar auffallend viele , und darunter solche , die man wahrlich in einer gottgeheiligten Bücherei nicht vermutet hätte . Es hatte dies seine eigene , sonderbare Bewandtnis . Als das Land unter österreichische Herrschaft gekommen , da war die kluge k.k. Militärverwaltung , die im Namen und Geiste Kaiser Josephs das Land organisierte , mit Eifer und Glück beflissen gewesen , in jedes Kloster , welches man nicht aufheben wollte oder konnte , doch mindestens zwei Patres aus den deutschen Erblanden zu bringen . Und wo es nur irgend anging , wurde einer von ihnen zum Prior gemacht . Es geschah dies aus leichtbegreiflichen Gründen . Die Interessen des deutschen Priesters waren von denen der Regierung in dem eben gewonnenen Lande nicht verschieden . So war auch im letzten Jahrzehnt des achtzehnten Säkulums ein kluges , behäbiges Mönchlein aus dem Breisgau , Pater Stephanus , Prior zu Barnow geworden und blieb an die vierzig Jahre da . Aber so sanft und leicht er auch sich und den Brüdern das Joch des gottgefälligen Berufs auflud , er fühlte sich doch nie recht wohl im fremden Lande und ließ sich darum als Tröster mindestens aus der Heimat so viele deutsche Bücher kommen , als der Klostersäckel nur immer bezahlen konnte . Der gute Stephanus las gern ein gutes Buch und stapelte die Klassiker in langer Reihe auf , aber fast noch lieber mag der dicke , fromme Herr schlechte Bücher gelesen haben , sofern sie nur sehr amüsant waren . Als die Patres nach seinem Tode die Bibliothek inventierten , entsetzten sie sich nicht wenig und lasen im frommen Schreck jedes solche Buch mehrere Male . Dann aber kam der sonderbare Schatz allmählich in Vergessenheit und im währenden Zeitenlauf legte sich auch über die Bücher des Stephanus dieselbe Staubdecke , welche die schweren , frommen Folianten bedeckte . Denn das Kloster verarmte immer mehr , die Brüder rekrutierten sich aus immer niedrigeren Ständen , und so fanden sich schließlich nur noch mit Mühe die Lehrkräfte für die Klosterschule , obwohl da wahrlich nur sehr schlichte Weisheit vorgetragen wurde . Die Bibliothek stand verödet und außer den Spinnen und Mäusen waltete nur noch ein einziger Mann in den beiden hohen , düsteren Sälen . Das war der einstige Meier und jetzige Hausverweser das Klosters , Fedko Hayduk , jener alte , schweigsame Mann , dem einst der kleine » Senderko « so gut gefallen hatte . Er sorgte seinem Auftrage gemäß dafür , » daß nichts wegkomme « , aber er hielt sich nicht für verpflichtet , entgegenzuwirken , wenn sich das Vorhandene mehrte . Und so ward die Staubdecke immer dichter , die Zahl der Mäuse immer stattlicher . Auf den Fedko nun setzte Sender seine Hoffnung oder vielmehr nur auf die schöne , kupferige Nase des Mannes . Er wußte von dem vermodernden Bücherschatze im Kloster , wie jedes Kind in Barnow , und wußte auch , daß es nur von Fedko abhänge , ihm den Zugang zu verschaffen . » Ein Mann « , dachte er , » der eine solche Nase im Gesichte trägt , wird wohl nicht unbarmherzig sein , wenn man sich ihm mit freundlichen Worten und gutem Schnapse nähert . « Und diese Probe wagte er denn auch schon in den nächsten Tagen . Da suchte er den Alten in seiner Stammkneipe auf . Fedko saß in derselben Ecke , wo er seit manchem Jahr zu sitzen pflegte , und trank still und lächelte stumm vor sich hin . Er war ein einsamer Zecher und überflüssiger Rede fast so abhold wie dem Wasser , sofern es nicht gebrannt war . » Ei guten Tag , lieber Fedko « , begann Sender freundlich , indes ihm das Herz vor banger Erregung wie ein Hammer schlug , » täglich jünger , auf Ehre , täglich